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  • Hopelessly At Ease (A2)

    Oh Baby warte auf mich 
    So hoffnungslos entspannt

    Ich gebe dir all meine Zeit 
    Mein Grund und mein Reim 

    Und so flattert es weiter 
    Ein Fragment eines Liedes 

    Die Schuhe, die ich nie gebunden habe 
    Du kannst nicht sagen, dass ich es versucht habe

    Und während wir heute Abend tanzen
    So spielerisch und hell 

    Da ist etwas in deinen Augen
    Ein Licht, das nie stirbt 

    Oh Baby warte mit mir 
    So hopelessly at ease 

    Ich gebe dir alles, was ich habe
    Ich weiß, es ist nicht viel

    Und laufe wie ein Kind
    Ungebunden für eine Weile 

    Dann dreh dich um und sieh
    Hier ist niemand außer mir


    Entpuppt sich das Verliebtsein des lyrischen Ichs als pure Illusion, am Ende? Einfache Motive reihen sich überraschende, die Stimme der Sängerin ist im zweiten Lied zu vollem Leben erwacht, es ist eine Stimme, die überhaupt nicht darauf ist, Oktaven zu springen, oder den Raum zwischen Flüstern und Schrei zu füllen. Sie ist ruhig, intensiv, geerdet, meditativ – die Stimme vereint, was widersprüchlich scheint, in seltsamer Klarheit. Was elementar ist, reiner Tanz wird fast schon Selbstbefragung, Analyse einer Passage wahrer Empfindungen – die Verse allein suggerieren Traumartiges. Samsara.

    Brian Eno wird sehr glücklich sein mit lyrics, die keine „message“ liefern, die die Dinge in einer Schwebe halten. So bleibt unsere Aufmerksamkeit nicht an Worten hängen, und wenn, dann lösen sich diese Worte rasch auf, wie die berühmten Wolken, die vorüberziehen. Die Klänge um foreground vocals und background vocals herum entfalten einen Sog, vintage Eno, aber nie abgegriffen aus alten Sphären. Dieses Album ist ein kleines Wunder. Damals, mit 18, als ich noch Gustav Mahler hörte: „Das Lied von der Erde“ berührte mich ähnlich tief, die Monoaufnahme mit Bruno Walter am Dirigentenpult! So viel Tiefe dringt ein in die Schwebungen von „Luminal“.

  • Milky Sleep (A1)

    In dieser Glut
    Die Stunden wachsen

    Alle aufgereiht
    Höre sie rufen

    Milchiger Schlaf
    Schmeckt so süß

    Schwere Luft
    Verstrickt dort 

    An der Wand
    Blumen kriechen

    Nimm mich auf
    Butterblume

    Schwerkraft
    Leg dich zu mir

    Wie Zement
    Himmelsduft

    Selten, das fünf „posts“ hintereinander mit „poetry“ hantieren! Am 6. Juni erscheinen zwei Alben von Beatie Wolfe & Brian Eno, ein Instrumentalalbum sowie ein Songalbum. Im Laufe der nächsten Zeit erscheinen hier alle Übersetzungen der lyrics von „Luminal“. „Milky Sleep“ ist das Eröffnungsstück. Wenn im Kontext dieses Werkes von „dream music“ die Rede ist, darf das durchaus wörtlich verstanden werden. Alle Texte hat Beatie geschrieben, und je länger ich die Texte auf mich wirken lasse, desto feinsinniger erscheinen sie mir. Beaties Gesangsstimme klingt anders als in allen Folgestücken, seltsam verwaschen, wie aus Traumsphären geborgen.

    Die Polarität schwerer und leichter Empfindungsräume durchzieht diesen ersten Song, so schwebend wie leitmotivisch. Die Übersetzungen mache ich mit „deepl“, anschliessend Feinschliff. „Luminal“ ist das Album eines alten Meisters und einer jungen Meisterin. Zwar bedauerte ich anfangs, dass Brian durchweg allein die „background vocals“ besorgt, aber der Vortrag von Beatie lässt mich verstummen, so faszinierend finde ich ihren stimmlichen Vortrag.

    „Lateral“, das „ambient album“, ist alles andere als ein Anhängsel des Liederzyklus, und als rund einstündige Komposition so eigen, so reichhaltig, wie „“Neroli“, „Thursday Afternoon“, „Discreet Music“, „Reflection“ oder „Lux“. Vor ein paar Wochen brachte Richard Williams sein „Album des Jahres“ ins Spiel, Ambrose Akinmusires „Honey From A Winter Stone“, ich lege gerne nach. In unserer berüchtigten „Nikolausliste“ kann ich mir in meinem Jahresrückblick kein anderes Teil als „Luminal“ an Nummer 1 vorstellen. Ganz egal, was Herr Pitchfork und Frau Guardian dazu erzählen.

    Natürlich, betrachtet man die Worte von „Milchiger Schlaf“, kann man analytisch oder rein intuitiv herangehen, in jedem Falle bekommt man kein annäherndes Bild davon zustande, wie „unbelievable“ sich Worte und Klänge in all diesen Songs durchdringen. Da ist understatement im Spiel, wenn Pathos droht, oder es wird seltsam emotional, wenn das eine und andere Wortbild vermeintlich stoische Ruhe verbreitet. Die Klänge fungieren nie als Stimmungsverstärker, sie setzen auf eine zweite und dritte Ebene.

  • monthly revelations (april)

    album: anouar brahem
    film: neil young coastal (april, 17, one evening, worldwide)
    prose: „und man hört sie doch.“ (hg: martina w.)
    talk: erik and jan on „manafon variations“
    radio: „playlist in motion“
    binge: „families like ours
    archive: joe henderson


    „Bei der Auswahl von Titeln für seine Kompositionen, die die palästinensische Erfahrung thematisieren, war Anouar Brahem nicht von einem didaktischen oder propagandistischen Ziel getrieben: Dies wären Ziele, die seiner feinfühligen (…) Sensibilität völlig fremd wären. Aber er konnte auch nicht den Eindruck erwecken, dass seine Musik von der Wut, der Trauer und dem Kummer, die Gaza in ihm auslöste, unberührt blieb. Es ist zu früh, um zu sagen, ob man sich an dieses „Quartett für das Ende der Zeit“ als Vorbote des Endes von Gaza erinnern wird, oder vielmehr als Vorbote des lang ersehnten Endes des Leidens in Gaza. Man kann jedoch sicher sein, dass dieses Album für immer die Spuren seiner Herkunft tragen wird. „Musik erinnert sich an uns“, schreibt Jeremy Eichler in Time’s Echo, seiner ergreifenden Studie über Musik, die nach der Shoah komponiert wurde. „Musik spiegelt die Menschen und Gesellschaften wider, die sie geschaffen haben, sie fängt etwas Wesentliches ein, das sie in die Zeit ihrer Entstehung zurückversetzt. Die Erinnerung wird von den Kadenzen, den Offenbarungen, den Trübungen und dem tragischen Pathos der Musik heimgesucht“.

    (aus den liner notes von Adam Shatz zu Anouar Brahems „After The Last Sky“, übersetzt aus einer französischen Vorlage mit deepl ins Deutsche, die Cd enthält die englische Fassung)

  • Doppelgänger

    „Die New York Trilogie“ war das erste Buch von Paul Auster, das ich gelesen habe, in der zweiten Hälfte der 90er. Gleich der erste Teil, „Stadt aus Glas“, ist eine Story, die jedes auch nur annähernde Gefühl von Gewissheit, Zuversicht und der Möglichkeit von Kontrolle auf faszinierende Weise zerstört. Durchdachtes, systematisches und scheinbar vernünftiges Vorgehen wird ad absurdum geführt. Konturen verschwimmen, so wie das Gespür für den Raum und die Zeit. Auch das Subjekt verschwindet. Im Jahr 1994 erschien „City of Glass“ als Graphic Novel, von Paul Karasik und David Mazzucchelli. Erst jetzt habe ich dieses Buch gelesen bzw. angesehen. Die visuelle Umsetzung ist ein ästhetisches Meisterstück. Sofort lebte ich wieder ganz gebannt in der Welt des Paul Auster, aber auf eine andere Art als gewohnt: in der visuellen Doppelgängerversion. Wer David Mazzucchellis Arbeit kennt, zum Beispiel „Asterios Polyp“ (vor zehn Jahren schrieb ich auf Manafonistas darüber, hier der Link), weiß, dass sie weit darüber hinausgeht, eine Story etwa in einer Aneinanderreihung von Film-Still-Pannels umzusetzen. Das Ziel ist immer, für die Besonderheiten einer Geschichte visuelle Äquivalente zu schaffen und damit weitere Nuancen oder Interpretationsmöglichkeiten hinzuzufügen.

    Hier ein paar Beispiele, Details, ohne zu viel zu verraten. Daniel Quinn, die Hauptfigur (jedenfalls ein Name dieser Hauptfigur), sitzt über einen langen, unbestimmten Zeitraum in einem Häuser-Zwischenraum vor dem Haus seiner Auftraggeber, um sie zu beschützen. Die Dauer wird visuell veranschaulicht, indem Quinn mit der Mauer verschmilzt. Dass Quinn an dieser Stelle seinen Verstand verliert und mit einem anderen Blick auf seine Umgebung schaut, zeigt ein verwischtes Pannel.

    In der zweiten Hälfte des Buches trifft Daniel Quinn den Schriftsteller Paul Auster. Während Paul Auster von seinem aktuellen Buchprojekt erzählt, einem Essay über Don Quixote, und man bei einer filmischen Umsetzung oder einem konventionellen Comic erwarten könnte, dass die Bilder von einem der Männer zum nächsten wechseln, ändern Mazzucchelli und Karasik allmählich raffiniert die Perspektive. Plötzlich sehen wir die Männer beim Lunch als Schattenriss und im Vordergrund einen Teddybär, Baseballhandschuhe und einen Spielzeug-LKW. Es folgt der Blick ans Fenster, dann aus dem Fenster, von verschiedenen Stockwerken aus, und während man den Dialog der Männer weiterliest, fragt man sich gleichzeitig, wohin die Bilderfolge führen mag. Die Perspektive nähert sich schließlich dem Gehweg unten vorm Haus und einem rätselhaften Gegenstand, der dort liegt, dann erkennen wir einen Jojo, den eine Hand ergreift und ein paar Bilder später steht Paul Austers Sohn Daniel im Wohnzimmer und begrüßt den Gast. „City of Glass“ ist durchzogen vom Motiv des Doppelgängers, und Daniel ist sogar ein mehrfacher Doppelgänger.

    Die größte Herausforderung war die Umsetzung der Rede eines Mannes, der als Kind neun Jahre lang eingesperrt war. Im Buch beschreibt Paul Auster diese Rede so: „Machine-like, fitful, alternating between slow and rapid gestures, rigid and yet expressive, as if the operation were out of control, not quite corresponding to the will that lay behind it.“ Die sprachlich in gebrochenem Englisch gehaltene Rede wird etwa so illustriert: Die Bilder nähern sich vom Körper zum Gesicht zum Mund, gehen in die Mundhöhle, dann in ein Gewässer, aus dem ein alter Mann mit einem Boot und Ruder auftaucht, der alte Mann führt die Rede fort, die Bilder gehen in seinen Mund, dort taucht eine Art Höhlenzeichnung auf, Formen verschiedener Gegenstände wiederholen sich in den aufeinanderfolgenden Bildern usw. bis zu einer vergitterten Tür und einer gebrochen liegenden Marionette. Immer wieder tauchen in der Graphic Novel Variationen einer Kinderzeichnung auf, die man als Zeichnungen des eingesperrten Jungen interpretieren kann. Über einer dieser Zeichnungen steht eins der Grundprinzipien postmoderner Literatur: „Everything becomes essence: The center of the book shifts, is everywhere…“

    Doppelgänger finden sich auch außerhalb des Buches bzw. der Graphic Novel. Paul Auster ist einer davon. Ein anderer ist ein Schriftsteller, der sich mit grundsätzlichen Umwälzungen der Sprache um 1900 befasste und in eine Schreibkrise geriet: Hugo von Hofmannsthal. Der aus dem Gefängnis entlassene Mr Stillman beschreibt die Ausgangslage in der Graphic Novel so: „When things were whole our words could express them. But things have broken apart, and our words have not adapted.“ Es geht ihm darum, eine angemessene Sprache für die neue Gegenwart zu finden. Hugo von Hofmannsthal beschreibt in seinem Chandos-Brief ein ähnliches, aber anders gelagertes Problem: „Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.“ Für Stillman stellt sich beispielsweise konkret das Problem, dass ein defekter Regenschirm nicht mehr als Regenschirm bezeichnet werden kann; deshalb erfindet er neue Wörter. Das ist sein Buchprojekt. Stillman glaubt also an die Möglichkeit, das Wesen der Dinge in die Sprache der Menschen zu übersetzen. Hugo von Hoffmansthal glaubte das nicht. Im Chandosbrief entwickelt er die Position, dass die Reflexion der Sprache selbst als Element moderner Literatur wesentlich ist.

    Am 8. April 2025 erscheinen alle drei Teile von Paul Austers „New York-Trilogie“ als Graphic Novel, umgesetzt von Paul Karasik, Lorenzo Mattotti und David Mazzucchelli.

  • Another Day At The Radio


    klanghorizonte deutschlandfunk
    Donnerstag, 27. März, 21.05 Uhr

    Macie Stewart: When The Distance Is Blue 
    David Sylvian: Died In The Wool – Manafon Variations  (2011)

    Paul Bley: Open, to love (1973)
    Jon Balke: Skrifum  
    Alabaster DePlume: A Blade Because A Blade is Whole 
    Andrew Wasylyk & Tommy Perman: Ash Grey And The Gull Glides On (2024)
    David Sylvian: Died In The Wool – Manafon Variations  

    Brahem / Bates / Lechner / Holland: After The Last Sky

    Talking voices (in order of their appearance): Macie Stewart, Erik Honoré, Jon Balke, Alabaster DePlume aka Gus Fairbarn, Tommy Perman, Andrew Wasylyk, and Jan Bang

    … click HERE to listen to the „blue hour“!

  • Die unvergesslichen Momente von „Anora“

    In der SZ gab es ein paar Jahre lang eine Rubrik am Ende des Jahres, in dem von vielen Schreibern die schönsten Filmmomente erinnert wurden. Dabei wurden nicht einfach die jeweilige Szenen gelistet, sondern beschrieben, umschrieben, analysiert, mit einer überschaubaren Anzahl von Zeilen. Hochinteressant. Meinen „unforgettable moment“ von „Anora“ werde ich hier nicht kundtun, dafür einen meiner absoluten „Filmkritik-Momente“ des letzten Jahres.

    „Oder um es noch deutlicher zu sagen: Das Leben ist ein Chaos, der amerikanische Traum eine Lüge und die Hollywood-Romanzen sind Fiktion, wenn nicht gar Betrug. Sean Bakers Anora bietet ein saures Korrektiv, indem er einen Film wie Pretty Woman unter eine Tatortlampe hält, um uns die Flecken auf den Laken und die Daumenabdrücke auf dem Kristall zu zeigen. Aber vor allem ist sein Film kein Wermutstropfen. Er ist heftig, frisch und witzig, lässt kaum einen Takt aus und lässt seine 140 Minuten Laufzeit im Galopp vergehen. Bakers frühere Filme (Tangerine, The Florida Project, der unterschätzte Red Rocket) hatten bereits gezeigt, dass er ein überschwänglicher Führer durch die Schattenseiten Amerikas ist. Anora ist jedoch sein bisher aufrichtigstes, aufschlussreichstes und am besten umgesetztes Werk. Je dunkler es wird, desto kühner und heller wird es.“

    Schön und treffend ausgedrückt von Xan Brooks im Guardian. „Anora“ ist ein mitreissender Film, und der letzte Satz seiner sehr lesenswerten Besprechung könnte Anreiz genug sein, Unentschlossene zu dieser „wilden Fahrt“ zu animieren. Dem Regisseur ist das Kunststück gelungen, wie ein grelles C-Movie anzufangen, und, allem Grotesken und Absurden zum Trotz, ab einem bestimmten Moment, den jeder Zuschauer für sich selber rausfinden könnte, an Tiefe zu gewinnen. Jim Jarmusch wird ihn bestimmt auch sehr mögen, manchmal dachte ich von ferne, ohne meine Empfindungen dingfest machen zu können, an „Down By Law“. Ich werde werde mich mal auf die Suche nach den drei von Xan erwähnten Filmen begeben. Hätte nach den ersten zwanzig Minuten nicht für möglich gehalten, wieviele vermutlich unvergessliche Momente diese „Tragikomödie“ bereithält. (m.e.)

  • „Everything Wounded Will Flow“ – Robert Fripp speaks


    Let’s celebrate one year of Flowworker!

    On this morning today, at the end of March 2025, I strolled through our early „flowflow“-posts. Once upon a time, a good year ago, „Manafonistas 2“ was installed, not possible without the support of a new webmaster in action, Nevzad K.! Instead of a little „flowflow“-jubilee party, or telling the true story behind the crash of „Manafonistas 1“, I chose one of my favourite posts of those „early days“, in fact one of my, well, 350 favourite posts ever. No clapping on my shoulder this is – I’m only one of two guys mumbling questions in a room full of strangers.

    This thing came into being by total surprise. With some revealing thoughts, sidesteps & stories by the leader of the legendary league of gentlemen! Michael Frank contacted me asking for permission using our old interview with Robert Fripp from 1998 for this or that. We met him inside the big lounge of Hyatt, Cologne. The waterfall sounds like tape hiss, a deliberate scenario by the management to make „eavesdropping“ difficult.

    When broadcasting excerpts of this talk later, after midnight at the radio, funny things happened. While the listener heard nothing for a minute or longer, I heard Robert‘s voice strangely doubled on my headphones, and I said to the woman in the control room: „Ich höre Überblendungen.“ And this was the first thing after quite a period of dead air that everybody could hear in that „live situation“.

    Besides from that, I had forgotten most of the content of our 1998 conversation. Now, listening to it again in the first place, I was surprised by some nice passages of that interview, amongst them background stories on the creation of „No Pussyfooting“ by Fripp & Eno. And about the strategies of the record company to delay the original release. And that‘s only the beginning! Kudos to Michael Frank for sharing this buried treasure!

    Putting the ancient interview a bit into context: many years later Discipline Global Mobile released what I would call my favourite boxset ever. EXPOSURES. 32 compact discs reflecting Robert‘s „solo journeys“ between 1977 and 1983. Still available for 114 Euros. I’ve had the idea for some time now that to make my last ever hour of „Klanghorizonte“ centered around this boxset and the long story I had written about it. If you‘re in the mood for Robert, give it thirty minutes of very slow reading and daydreaming time – HERE!

    But, for now, lose yourself under an artificial waterfall!


  • March Nourishment

    Ich dachte, die vergangene Woche würde ereignisarm werden und dann entdeckte ich Stapel über Stapel in Stapeln auf meinem Schreibtisch, die abgearbeitet werden müssen (zum Teil wenigstens auch schon mussten, ein bisschen habe ich erledigt).

    Dann war da noch ein dickes Buch: Die Wurzeln des Lebens. Ein Roman, wie ein Baum, mit Wurzeln (neun fein ausgearbeitete Charaktere werden auf den ersten 200 Seiten vorgestellt, zunächst hat man das Gefühl, acht packende Kurzgeschichten zu lesen), einem Stamm (die Menschen treffen sich, Handlungsstränge entstehen), einer Krone (die Verbindungen verzweigen sich) und schließlich den Samen, die für neues Leben sorgen. Es gibt einen Programmierer, Öko-Terroristen, ein Paar, das einander (nicht) besitzt, eine Baumwissenschaftlerin, einen Professor für Verhaltenspsychologie, jede Menge Bäume, Wälder, vieles mehr. Ein wirklich faszinierender Roman. Ich habe vor 20 Jahren ein Buch von Richard Powers gelesen, „Der Klang der Zeit“, das mir damals gefallen hat; aber irgendwie habe ich nie mehr zu einem Buch dieses Autors gefunden. Nach „Die Wurzeln des Lebens“ habe ich den Impuls, in einen Buchladen zu gehen und mir jeden verfügbaren Titel von ihm zu kaufen. Und seltsamerweise ist es schon das zweite Waldbuch, das ich in diesem Jahr gelesen habe.

    Dann war da noch Jackson Lamb. Trotz der für mich immer schwer zu schluckenden übertriebenen Gewaltausbrüchen haben wir die ersten drei Staffeln von „Slow Horses“ hier im Nu weggeschaut. Originelle Charaktere, feinstes Storytelling, beste Serienunterhaltung (und dazu noch ein toller Mick Jagger Song).

    Dann war da noch ein Reissue: als ich mich vor 12 Jahren oder so auf den Weg machte, tiefer in das ECM Universum einzutauchen, griff ich aus irgendwelchen Gründen unter anderem zu „Open, To Love“ von Paul Bley. Und ich schwöre, dass ich damals auch schon das Gefühl hatte, eigentlich elektronischer Musik zu lauschen – das Interview von Michael hat diesen Eindruck bestätigt. Sounds and Spaces to get lost in.

    Dann stand da auf einmal Don Cherrys „Relativity Suite“ im Plattenladen vor mir, am Wochenende nachdem ich hier und da darüber gelesen hatte. Leider nicht ganz billig, die Vernunft hat dann nicht gesiegt. Die Pressung ist nicht perfekt, aber der Vorbesitzer ist sehr sorgfältig mit Vinyl und Cover umgegangen. Die Musik ist toll, auch sie geht tief zurück zu den Wurzeln des Lebens.

    Und dann schließlich noch zwei Alben. Alabaster DePlume bedankt sich auf seinem neuen Album bei seinem Schmerz und ist als Soundschamane unterwegs, der aus Folk, Jazz, Spoken Words und was weiß ich noch alles einen heilenden Zaubertrank braut. Noch häufiger habe ich allerdings „The Music Of Butterfly“ gehört. Dahinter verbergen sich Vincent Gallo (der vor 20 Jahren mal Alben auf Warp veröffentlichte, damals auch eine heiße Akte als Regisseur und Schauspieler war, vor über 40 Jahren mit Basquiat in New York eine gemeinsame Band hatte und definitiv kein Sympathieträger ist) und Harper Simon (der in der Plastic Ono Band spielt und einen verehrungswürdigen Vater hat). Spärlich instrumentiert – Gitarre, Bass, Drum Machine, Analoge Synthesizer – dazu der körperlose Gesang von Gallo; als hätten Thom Yorke und die Young Marble Giants in New York eine Platte aufgenommen und diese dann penibel gemastered und gepresst. Ich habe nicht viele Alben, die so gut klingen. Streng limitiert, nicht günstig, Künstler ein Republikaner – trotzdem ein tolles Album (der Titel des vorherigen Posts beschreibt die Musik von Butterfly auch ziemlich gut).

    Und im April drehen sich dann bestimmt Natural Information Society & Bitchin Bajas auf meinem Plattenteller.

  • A night at the radio (2021)

    In a Station of the Metro

    The apparition of these faces in the crowd:

    Petals on a wet, black bough.

    (by Ezra Pound)

    „FIRST HOUR“ (ends with a jukebox)

    Michael Engelbrecht: What was the basic idea that triggered „Warp“ as a melange of solo piano composition and all the other things and sounds surrounding the Steinway?

    Jon Balke: I think the starting point was an abstract idea about making an architecture of sound: walls, curved spaces, light and darkness, actually a question: can this be done? Can we experience sound as a physical environment? And then as I developed my piano playing in paralell. I wanted to try to place the piano inside these imaginary spaces. I am still not sure if I achieved what I wanted, but the process is very intriguing and interesting.

    Rickie Lee Jones: Show Biz Kids (It‘s Like This, 1991)
    Angelo Badalamenti: Twin Peaks Theme (Music from Twin Peaks, 1990)

    talking one  – „do you remember Twin Peaks, 1989?“

    Jon Balke: Kantor (Warp, 2016)
    Radiohead: Dollars and Cents (In Rainbows, 2007)

    Anna Gourari / Giya Kancheli: Piano Piece No. 15 (Elusive Affinity, 2019)
    Mark Hollis: A Life (1895-1915) (Mark Hollis, 1997)
    Budd / Eno:  Not Yet Remembered (The Plataux of Mirror, 1981)
    Robert Wyatt: Maryan (Shleep, 1997)

    talking two – „on evergreens and everblues“

    Chris Watson: The Sounds of Lindisfarne (In St. Cuthbert‘s Time, 2013)
    T. Rex: Cosmic Dancer (from Electric Warrior, 1971)

    „SECOND HOUR“ (ends with a darkness)

    STERNZEIT

    Michael Engelbrecht: Listening to „Life Of“ you can easily feel something brooding, some darkness, a certain twilight zone. Is the origin for these sensations unknown – or somehow graspable? Echoes from all those „stranger things“ you experienced in Asia?

    Steve Tibbetts: There is sometimes a sort of credulous enthusiasm to believe in „stranger things“, as you say, especially in Asia. Nonetheless there does seem to be a certain permeability to the fabric of reality in some places in the world. A friend of mine called it „thinness.“ You can look for that in music and art as well. You listen and there is a quiet collapse of duality, self and other. This might sound terribly exotic or over-thought, but if you watch your mind when you listen to music you might witness a kind of melting.

    Steve Tibbetts Life of Alice (Life of, 2018) 

    (my story with „Klanghorizonte“ began with a tape cassette Steve sent me from St. Paul, with sounds from the Rocky Mountains, children‘s voices, monk chants from the Far East. With that cassette at hand, I started contacting German radio stations, and I did my first radio features about Steve‘s music in November 1989 – on the same day these shows were broadcasted by the NDR (Michael Naura) and Deutschlandfunk (Harald Rehmann). That was a problem, so I wrote two completely different texts and used different stories from Steve. The content of that transatlantic interview ended up, too, als liner notes on Steve Tibbetts‘ great album „Big Map Idea“.) 

    Tunng: Eating The Dead (Tunng presents Dead Club, 2020)

    talking three – „an English journey“

    Mike Sammes: Tuc / Timex (Music for Biscuits, 1973)
    Brian Eno: This (Another Day On Earth, 2005)
    Darren Hayman: Wysall, (Thankful Villages, Vol. 3, 2018)
    David Bowie: tis a pity she was a whore (Darkstar, 2016)
    John Surman: Trethewy Quoit, (Road to St. Ives, 1990)
    Incredible String Band: (a song from Wee Tam & The Big Huge, 1971)
    Paul Giovanni: Searching for Rowan (The Wicker Man O.S.T, 1973)
    Damon Albarn: Esja, The Tower of Montevideo (The nearer…, 2021)

    talking four – „the magic of field recordings“

    Jana Winderen: (Spring Bloom In The Marginal Ice Zone, 2017)
    Leonard Cohen: You Want It Darker (You Want It Darker, 2018)

    „THIRD HOUR“ (ends with a celebration)

    talking five – „our life in the bush of ghosts“

    V.A. – Bayu Bayu (from: West Java – Sundanese Jaipong, 2003) 
    Dadawah: Run Come Rally (Love and Peace, 1974) 
    Tinariwen: Hayati (Elwan, 2017)
    Sussan Deyhim & Richard Horowitz: Got Away (Desert Equations, 1986)
    Tinariwen: Iklam Dglour (from: Amadjar, 2019)
    Keith Hudson (from Flesh Of My Skin…, 1974)
    Codona: Que Faser (from: Codona 2, 1981) 

    talking six – „ECM classics“

    Keith Jarrett:  Long As You Know You‘re Living Yours (from BELONGING)

    KALENDERBLATT

    “FOURTH HOUR“ (ends with 50 words for snow)

    Les Baxter: Zambezi (Tamboo, 1955)
    Various Animals: Hippopotamus (Animals of Africa)
    Burnt Friedman: Mura (from Bokoboko, 2011)

    talking seven – „dancing, dreaming, meditating“

    Underworld:  mmm Skyscaper … (dubnobasswithmyheadon, 1997)
    Brian Eno: Fractal Zoom (Nerve Net, 1992)
    Jon Hassell: Choir Moire (Dream Theory in Malay, 1981)
    Jon Hopkins: (Music for Psychedelic Therapy, 2021)

    talking eight – „Jon Hopkins on his new album“ 

    Kate Bush: 50 Words for Snow (50 Words For Snow, 2011)

    „FIFTH HOUR (part 1)“ (ends with a stranger)


    Laurie Anderson: World without end (from: Bright Red, 1994)
    Ralph Towner: Entry in a Diary (from: Diary, 1973)
    Lambchop: The Last Benedict (from: Showtunes, 2021)

    talking nine – „this and that“

    Portico Quartet: A.O.E. (from: Monument, 2021)
    Robert Plant & Alison Krauss: Quattro (World Drifts In) (Raise The Roof, 2021)

    „FIFTH HOUR (part 2)“ (ends with  a beginning)

    The Allman Brothers Band: In Memory of Elizabeth Reed (Live at Fillmore East (1971)

    talking ten – „circle line, district line, waterloo station“  (above my underground photo, April 2014)

    801 Live: Tomorrow Never Knows (801 Live, 1976)

    When I entered Brian Eno’s studio in West London on a sunny, early April morning, 2014, he was just working on an idea in his head (a special sound maybe, a rhythm, a melodic shape?). I was quiet for a moment so that he could make a mental note. – You look a bit Moroccan, I then said to him. I’ve never seen Brian Eno with a white beard before. He really was in the Moroccan hills a short time ago. What I didn’t know was that he bought a hat there – in that country that was once a “hippie dream world” deep in the last century, but which turned to hell for too many young people. I have known Brian since 1989, and when I’m in London, there are casual meetings once in a while. This time Brian and Karl (Hyde) would play a „concert for one“, happily for me, two days later. The first day of working on their follow-up album „High Life“. When I left the studio, with a copy of SOMEDAY WORLD, I saw Brian setting a pulsating electronic rhythm in motion. Always fun to hear a glimpse of a possible future. Hope he was able to – nearly seamlessly, return to the idea he had in his mind – meaning the completely different place he had been some minutes before!

  • “Folk music, surrealism, the blues, the avant-garde, deep intelligence, primitive emotion.”


    In den letzten Tagen waren meine Erinnerungen ab und an unterwegs in einem Damals, das die erste Hälfte der Siebziger Jahre darstellt, mit einem Arsenal von Zeitreisetechniken: Alltagstrancen, Rumstöbern im Netz, „Köln 75“, der Film, das Wiederhören der langen ersten Seite von „The Köln Concert“, und, nicht zuletzt, das Versinken in der „Relativty Suite“ von Don Cherry nach Ewigkeiten… die Platte gehörte im Wintersemester 74/75 im Doppelzimmer 510 des „I-Hauses“ zur Grundausstattung der Musikversorgung von David Webster und mir.

    Ein zufällig zusammengewürfeltes Schicksalsduo für zwei Semester, David lernte den Free Jazz kennen, und ich drang tiefer denn je ins „Weisse Album“ der Beatles vor. Dank der Erinnerungen von Richard Williams öffnete sich jene Tür im fünften Stock wieder, als er zu seinen Don Cherry-Inselalben kam. Das Stichwort lieferte ein Satz von Ethan Iverson: “Folk music, surrealism, the blues, the avant-garde, deep intelligence, primitive emotion.” – es wae an Ornette Colemans Album „Science Fiction“ von 1972 gerichtet.

    „That’s good“, reagierte Richard darauf, und führte aus: „And, as much as I love Cherry’ work with Coleman, Albert Ayler and Gato Barbieri, my favourite Cherry albums are probably those that best encapsulate the full range of those qualities, and of his imagination. They would be Eternal Rhythm, Relativity Suite from 1973 (with the JCOA, never reissued in any form since its its first appearance on vinyl), and the wonderful Modern Art: Stockholm 1977, a concert at the city’s Museum of Modern Art, which appeared on the Mellotronen label in 2014.“

    Das „Modern Art“ Album von 1977 kenne ich gar nicht, aber die fast vergessene „Relativity Suite“ wurde flugs auf dem raren Markt vergrabener Schätze aufgetan, und voller Begeisterung neu gehört. Fast wie beim ersten Mal. Es ist der 13. Januar 1975, nasskaltes Januarwetter. Fünfundzwanzig sorgsam für die grosse Reise in die zweite Heimat ausgewählte Langspielplatten stehen, sorgsam im Schatten platziert, an der Wand, mit dabei „Diary“, „Lord of the Rings“, „Facing You“, und „Third“. Davids Kassettenrecorder gibt „Happiness is a warm gun“ von sich, John Lennon auf der Höhe seiner Kunst, und es ist schon später Abend, fast Nacht.

    Während das Album noch läuft, ist David schon eingeschlafen, ich lese bei spärlichem Licht noch ein Kapitel in Ralf Oerters „Entwicklungspsychologie“, auch ein gutes Einschlafmittel, und draussen, nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt, sitzt ein übermüdeter Musikproduzent am Steuer seines zitronengelben Renault und fährt einen unruhig schlafenen Keith Jarrett Richtung Köln. Sie fahren gerade an Würzburg vorbei, und der Produzent verwirft den Gedanken, hier auf einem Rastplatz ein wenig Schlaf nachzuholen. Ich bekomme von alldem natürlich nichts mit, hole am nöchsten Morgen die Post bei Herrn Kopka in der Pforte ab. Ein Päckchen von „Jazz by Post“ ist angekommen, mit Bennie Maupins „The Jewel In The Lotus“. Drei Wochen später verliebe ich mich im rumpeligen Fahrstuhl unseres Wohnheims. Das Leben nimmt einmal mehr volle Fahrt auf.