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  • The story behind „Music For Films“


    THE STORY

    In jenem legendären, einsamen Sommer (oder war es schon Herbst), in dem „Music For Films“ erschien, lebte ich in einer leergeräumten Wohnung, in der die Schatten einer alten Liebe noch an der Wand tanzten. Allmonatlich kaufte ich die „Sounds“, die beste Musikzeitschrift der alten Bundesrepublik. Ich stöberte durch die jüngste Ausgabe, als mein Blick auf eine kleine Werbung der Firma Polydor fiel: „Der Mann im Hintergrund“, war da zu lesen, so flüstert es mir meine Erinnerung ein, ein monochromes graues Cover war abgebildet – Music for Films wurde mit kalkuliertem Understatement verkündet. Sofort bestellte ich die Platte bei einem meiner zwei Dealer, in Unterlüss. Der andere Postversand war Jazz by Post in der Gleichmannstrasse 10 in Pasing, von dort kamen mir über Jahre u. a. viele ECM-Neuheiten ins Haus, die Schatztruhe der 70er Jahre war weit geöffnet. Unterlüss war für die Rockmusik und ihre Ränder zuständig. Zwei, drei Tage später hielt ich Music for Films in Händen. Und hörte sie zum ersten Mal.

    Ich habe diese Platte mit ihren flüchtigen und mich auf jede Flucht mitnehmenden Skizzen, ihren vollkommenen Unfertigkeiten, ihren Sehnsuchts- und Angst- und Traumstoffen seither unendlich oft gehört, bewusst, unbewusst, im Hintergrund, im Seitengrund, Im Vordergrund. Beim Wandern (mit Knopf im Ohr), beim Schreiben, beim Einschlafen, Wachwerden, in der Fremde. Und als Alternative für „die Zigarette danach“. Beim ersten Hören wusste ich damals schon, 1978, dass diese Musik lebensbegleitend sein würde. Sie wurde rasch auch eine Medizin, sie half mir, mit den nackten Schatten an der leeren Wand zu tanzen, statt sie zu verscheuchen.

    Und als damals ein Riese mich aus dem Bett und meiner Wohnung im 7. Stock schleudern wollte, ich meinen Geist vergeblich mit Kakao zu beruhigen suchte, der Alptraum aber wiederkehrte, und ich mir einen heißen Grog machte mit dem guten alten Pott, mit dem Auto auf einen großen leeren Acker in der Nähe von Würzburg fuhr, dort den Sonnenaufgang erlebte und  meine einzige tief anrührende Begegnung mit einer Kantate von Bach aus dem schräpigen Autoradio hatte, und hernach in die Alpdruckwohnung heimkehrte, legte ich Music for Films auf, und erlebte, wie sich die vollkommen irrationalen Glücksgefühle, die sich schon auf dem kühlen Morgenacker aufgetaucht waren, weiter ausbreiteten, und ich mich gar freute auf die nächste Begegnung mit dem Riesen.

    (Wer ganz oben auf „The Story“ klickt, hört, was Brian Eno mir vor ein paar Jahren über „Music For Films“ erzählte, und wie eng die Musik mit den Aufnahmesessions von „Another Green World“ verknüpft war. Es ist ein Fakt, dass kein Album öfter in den Klanghorizonten von mir in all den Nächten zwischen 1990 und 2021 gespielt wurde als diese beiden. Es ist ein Fakt, dass ich in meinem Leben kein Album öfter gehört als diese beiden.)

    „The passage of time
    Is flicking dimly up on the screen
    I can’t see the lines
    I used to think i could read between
    Perhaps my brains have turned to sand“

  • The Strange World of Common One

    With Pee Wee Ellis now fully on board, Morrison recorded his 1980 album, Common One over 11 days in a converted (and apparently haunted) monastery high up in the French Alps. Morrison had evidently been listening to Miles Davis’ In A Silent Way because that proto-fusion classic is all over Common One – but is especially noticeable on this closing track. According to Ellis, the song was improvised and recorded on the spot, with no real direction from Morrison aside from informing the band that there was neither key nor tempo and that he wanted something “different” from the “normal stuff.”  The result is 15 minutes of minimalist ambient jazz, over which Van recounts another of his mystical visions, until, once again, he is transported beyond mere words and is reduced to whinnying into his harmonica like an animal in pain and/or ecstasy.

  • The Making of Strawberries


    „Robert Forster – like anyone who has watched parents die and loved ones suffer – knows that the worst is never over. However, Strawberries concludes that raging against the dying of the light is a mug’s game; the only sensible response to mortality and pain is to live (and love) harder. […] Forster is writing some of the best songs of his life.“
    (Jim Wirth, MOJO)

  • Close (3)

    We Begin
    We Begin
    We Begin

    Away
    Away
    Away

    Remember
    Remember


    Somewhere
    Somewhere
    Somewhere


    Anywhere


    Everywhere
    Everywhere
    Everywhere
    Everywhere
    Everywhere


    Remember and


    Remember and Wish


    We End

    Samuel Beckett hat einst auch kurze Gedichte geschrieben. Er kannte Gomringer. Er kannte sowieso die Kunst der Verknappung. Diese Tracklist stammt aber nun von Steve Tibbetts’ Ende Oktober stammendem Album „Close“. In weissen Buchstaben sind diese 20 Stücke gelistet, über zwei Seiten. Wobei, anders als hier, dem jeweiligen Titel, untereinander, die einzelnen Teile angefügt sind, „Part 1“, „Part 2“, „Part 3“ beispielsweise. Weiss auf schwarzem Hintergrund.

    Halten wir fest: ungewöhnlich ist diese Tracklist allemal. Nehmen wir sie spasses- wie ernsteshalber als ein Gedicht: hätte Gomringer es in einem Büchlein untergebracht (oder Beckett in seinen Kurzgedichte, niemand hätte an der Echtheit gezweifelt. Die Freunde klassischer Poesie rollten damals sowieso mit den Augen, wenn solch ernüchternde Wortanordnungen ohne raffinerte, vielschichtige Ebenen, als Poeme hingestellt und verkauft wurden.

    Hätten wir diesen Text (ein Spiel der Imagination) im Abitur serviert bekommen, hätten wir ihn seitenlang interpretiert. Als Zeit zwischen Anfang und Ende, zwischen Geburt und Tod. Wir hätten sprachlich die Ortungen von Somewhere, Anywhere, Everywhere auseinandergepflückt. Es gibt, bei aller Schlichtheit, keine Ordnung, keinen Plan, es gibt Bewegungen in Raum und Zeit, und erst zum Ende hin entsteht eine Art Überraschung. Remember and. Und was bitteschön?! Remember and Wish. Ah, Wünsche kommen ins Spiel, mit einem Augenzwinkern könnte man sagen, die Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat. Remember geht in unserem Zeitpfeilen nach hinten, Wünsche gehen „nach vorne“. Dann ist aber auch schon (in diesem Gedicht alles vorbei. We End.

    Hier kommen wir zur Verbindung von Tiitel und Musik. Hätte mir jemand die zwanzig Musikstücke zum Hören gegeben, mit der Herausforderung, ich möge das Stück, das den Titel „Remember and Wish“ trage, unter ihnen herausfinden, es wäre mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gelungen. Aus diesem einen Stück springt einen das Wünschen geradezu an, in einem Motive, das nichts mit einem Evergreen zu schaffen hat.

    All diese Worte „nur“ Worte. Wegzeichen. Markerungen. Marker. Mental Notes. Irrwege. Phrasen.

    Höre die Musik: DAS IST DER BURNER!

  • “Close“ (2)

    Es ist schon ein paar Jahre her, als „Life Of“ von Steve Tibbetts erschien, so ruhig und in sich versunken wie einst „Northern Song“, doch ganz anders gewoben und gearbeitet. „Even the silences were different.“ Ich konnte mich wohl gerade noch beherrschen, den berüchtigten Satz von mir zu geben (oder ich habe ihn tatsächlich rausgehauen?!): „he has painted his masterpiece“. Nun, nach den ersten Reisen durch sein Ende Oktober erscheinendes Album „Close“ kam mir dieser Ladenhütersatz wieder in den Sinn, und einmal mehr hätte ich gute Gründe dafür.

    Seit „Safe Journey“ warte ich auf Werke von Steve Tibbetts mit der gleichen Erwartungslust wie, einst oder immer noch, auf Alben von Brian Eno, Robert Wyatt oder Scott Walker. Ich kann in vielen Arbeiten des Gitarristen hausen, leben, herumstreunen, wie in einem grossen Abenteuer. Keines seiner Alben hat sich je abgenutzt, und jedes neue Opus legt neue Horizonte frei. So wartete ich auch diesmal, zum Ende hin immer ungeduldiger, auf „Close“. Als es dann möglich war, die Musik als Journalist vorab zu hören, war ich gerade auf dem Weg zum Rursee, wo ich sehr gerne schwimmen gehe, tief in der Eifel. Aner natürlich wollte ich es in aller Ruhe hören.

    Wir erlebten launige Stunden am See, und irgendwann nahm die Hitze zu. Ich holte mir eine Cola, und dachte mir, komm, ich höre mir mal auf dem Parkplatz die ersten Stücke an. Gesagt, getan. Ich lauschte „We Begin – Part 1“, „We Begin – Part 2“, und „We Begin, Part 3“. Nicht, weil unsere Pflegetochter inzwischen von einer Wespe gestochen wurde (das erfuhr ich erst Minuten später): nein, ich drückte auf die „Stop“-Taste, weil mich die Musik dermassen packte, dass ich am liebsten in die Sounds hineingekrochen wäre, wie einst vielleicht an der Seite von Jules Verne in eine Höhle auf seiner „Reise zum Mittelpunkt der Erde“. Ich wollte mich verlieren in dem einzigartige Gewebe dieser leisen wie wilden Sounds. Es gibt ja auch den kleinen Schock des Ergriffenseins, und schliesslich musste ich an diesem Nachmittag noch gut funktionieren, Kühlpacks besorgen und Marjans leichte Unterzuckerung beenden. Ich schreibe hier munter drauflos, aber ich war in jenen Minuten auf seltsame Art sprachlos. Die grosse Reise holte ich daheim am späten Abend nach, vom ersten bis zum letzten Ton. Und dann dieses Cover mit all seinen Dunkelheiten und speziell ausgeleuchteten Winkeln – „fairytalelike“ – wohl eine noch gelungenere Einladung, „Close“ kennenzulernen als all meine ausufernden Worte!

  • In Erinnerung an Eugen Gomringer

    An der Uni Freiburg gab es damals, als ich dort studierte, ein fantastisches Angebot von Veranstaltungen jenseits des fachspezifischen Curriculums. Es waren Kurse, an denen alle Studierenden teilnehmen konnten. Ich habe zum Beispiel einen Zeichenkurs belegt, habe dieses vielleicht dann doch nicht so große Talent aber nicht weiterverfolgt, abgesehen davon, dass ich in der Zeit – ganz unabhängig von dem Kurs, in dem wir konkrete Gegenstände abzeichneten – damit begonnen habe, ganz einfache Strichfiguren zu machen, die plötzlich schwungvoller wurden, was ich beglückt als eine Art kleinen kreativen Durchbruch interpretierte. Geschwindigkeit und ein lockeres Handgelenk spielten dabei die entscheidende Rolle. Im Rahmen dieses „Studium Generale“ wurde auch ein Kurs mit dem Titel „Ästhetisches Sprechen“ angeboten. Ich nahm zwei Semester daran teil. Wir trainierten die offizielle Sprechtechnik ein, was manche Überraschungen in der Aussprache mit sich brachte; es gab aber auch Übungen, die einfach nur Spaß machten. Dazu gehörte das „Schweigen“-Gedicht von Eugen Gomringer. Wir waren vielleicht vierzig bis fünfzig Studierende in einem eher zu kleinen Raum und sprachen Zeile für Zeile „schweigen schweigen schweigen“ in einem gewissen Raunen vor uns hin, bis dann die Pause kam: genauso lang, wie es dauert, das Wort „schweigen“ zu sprechen. Diese Wirkung war körperlich spürbar. In den letzten Stunden des Kurses sollte jeder Teilnehmende ein Gedicht auswählen und vor laufender Kamera vortragen; dann wurde unser Auftritt analysiert. Ich wählte – auch als Kontrast zum Gomringergedicht – „Kommt, reden wir zusammen“ von Gottfried Benn, und ich weiß noch genau, dass mich der Professor als Energiebündel bezeichnete, worüber ich nicht so glücklich war. Über das Seminar kam ich an einen Job als Souffleuse für das Theaterstück „Amphitrion“ von Heinrich von Kleist. Ich habe immer noch das gelbe Reclamheft, das mir damals überreicht wurde und auf dem mit schwungvoller Schrift „Souffleuse“ steht, mit Bleistift geschrieben. Außerdem, von mir ergänzt, zwei Termine und „Kissen mitbringen“. Die Souffleusekammer war nämlich eng und nicht so bequem.

  • In Erinnerung an Eugen

    Zum Abitur befragten die Ruhr Nachrichten traditionsgemäss jeden von uns nach seinem Studier- und Berufswunsch, und so stand bei mir zu lesen: „Deutsch und Philosophie fürs Lehramt an Gymnasien“. Es wäre vielleicht so gekommen, wenn ich nicht über das didaktische Grau der Proseminare über Edmund Husserl und das Althochdeutsche gestolpert wäre. Das, was mich im Semester 1973/74 endlos fesselte, war eine mitreissende Veranstaltung mit 12 Sessions über Konkrete Poesie. Ich verschlang, in der geboten Langsamkeit, Werke von surrealitischen Vorläufern wie Kurt Schwitters und Hugo Ball, von modernen „Klassikern“ und „Anstosserregern“ wie Ernst Jandl, Hans Arp – und Eugen Gomringer, der nun mit 100 Jahren den Planeten verliess. So spröde Gomringers Texte oft schienen, inspiriert von einfacher Sprache, dem griffigen Ton der Werbung, dem Sound der Worte – in vielen seiner Texte schwang eine feine Sinnlichkeit mit, welche die Fantasie der Lesenden spielerisch miteinbezog. Man stelle sich die nüchterne Architektur des Bauhaus als Spielplatz vor: Eugen Gomringer gelang es, solche Polaritäten aufzulösen, eins werden zu lassen! Mein Lieblingsgedicht entdeckte ich damals schon, und liebe es noch heute, es ist im ersten Kommentar zu lesen. Ich kann es wieder und wieder lesen und mich daran erfreuen, denn es setzt bei mir joie de vivre in Schwingung, pure Lebensfreude – manche werden sich fragen: häh, ehrlich jetzt!? Manche werden aber schmunzeln und gleich ein neues Lieblingsgedicht gefunden haben, ratzfatz. So leicht geht das. Wenn es geht.

  • “Close“

    Ein bisschen small talk jetzt. Man könnte es so erzählen: es dürfte wenige Hörer meiner Ausgaben der Klanghorizonte über die Jahrzehnte verwundern, wenn ein Album von Brian Eno von mir zum Album des jeweiligen Jahres „erkoren“ wird. Ja, sagen dann so manche, der Mann hat seine Lieblinge, und sie schwingen da mit oder auch nicht. Nun ist es so, dass ich auch schon viele Alben zu Alben des Jahres (oder meiner Top 3) gewählt habe, die auch in Magazinen wie „Mojo“ oder „Uncut“ oder „Wire“ auf vordersten Plätzen zu finden sind. Wie zuletzt die Songalben von P.J. Harvey und Beth Gibbons – oder, auch schon wieder länger her – David Bowies „Blackstar“. Aber „The Ship“ von Eno? Oder „The Drift“ von Scott Walker? Oder „Life Of“ von Steve Tibbetts? Oder „Foreverandevernomore“ von Eno (der schon wieder!)? Oder „Warp“ von Jon Balke? Oder „Cartography“ von Arve Henriksen? Da muss man schon länger suchen, um sie in den einschlägigen Jahresendlisten bestimmter „Experten“ zu finden.


    Das heisst nun aber überhaupt nicht, dass ich meiner „Fanseele“ hier und da die Zügel schiessen lasse… was vielleicht ein schräger Aussruck ist… but you know what I mean… Nein, wenn sog. Lieblingskünstler ein schwächeres Album rausbringen, dann spiele ich es halt nicht, und ganz sicher finde ich dafür keine warmen Worte. Nun hatte ich die Gelegenheit und habe sie hinfort Tag für Tag und Nacht für Nacht, ein Album zu hören, das Ende Oktober als physisches Medium (CD) und als Download verfügbar sein wird. (Das Album wäre ein Grund, sich einen Cd-Player zuzulegen, denn Vinyl ist erstmal nicht in Sicht😉.) Und , wenn der Leser mir diesen spielerischen Ansatz erlaubt, ES wird wohl – wenn es nicht „Lateral“ von Wolfe / Eno wird (oder ein anderes, aus dem engsten Kreis der Favoriten, von The Necks, oder Lucrecia Dalt, oder einem im Herbst hereinschneienden üblichen Verdächtigen („After The Wildfire“ von Bang / Henriksen ist soeben mit der Post aus Norwegen eingetroffen! Auch so ein „Ende-Oktober-Werk“, von dem ich aber noch keinen Ton gehört habe), mein Album des Jahres 2025!!! (Diesen Bandwurmsatz am besten nochmal lesen!)

    Und wieder wird es wohl nicht in den Top Twelve der einschlägigen Magazine auftauchen – am ehesten noch, rein theoretisch, im „Wire“ Oder in „Electronic Sound“! Aber ich mache es hier nur künstlich spannend, denn diese Geschichte müsste – und wird – noch ganz anders erzählt werden. Das Teil, von dem ich hier rede, hat mich umgehauen. Pathetischer gesagt, tief getroffen. I go down to the sea and listen! Ich habe wenige Worte für die Gefühsmischungen, die mich beim ersten Hören heimsuchten – „hauting“, „haunting“ – ausser Hülsen, ausser dem taumelnden Inventar gesammelter Ergriffenheiten. Ich bin sehr froh, jetzt nicht aus dem Stand eine Rezension verfassen zu müssen, und im glücklichen Reich der „Sprachlosen“ (if you know what i mean…) Besser, ich wechsle jetzt auf die augenzwinkernde Seite der Worte: Gänsehaut, meine Freunde, Gänsehaut, immer wieder und mittendrin! Reale Gänsehaut. Wahrscheinlich sogar, unbemerkt, Aufstellen der Nackenhaare!


    Und auch wenn rund um dieses besagte Album ein Stück eigener Lebensgeschichte mitschwingt – ich lasse diese alten Hüte mal aussen vor – ich bin absolut sicher, dass es manchen, ja, vielleicht sogar vielen Lesern dieser Zeilen ähnlich ergehen wird, wenn sie an einem Abend, kurz vor Oktoberende, das Licht löschen, die Augen schliessen, oder draussen einen „power spot“ aufsuchen mit Blick zum Himmel, und „Close“ von Steve Tibbetts hören. Aber, ganz klar, die Geschichte muss letztlich anders erzählt werden. Die Tracklist, by the way, hätte auch von Samuel Beckett sein können. Und das Cover ist eine Geschichte für sich. Am 25. September 2025 in den Klanghorizonten! Im Deutschlandfunk. Und am 22. Januar 2026 ein einstündiges Portrait in den JazzFacts! Dann natürlich ohne Gestotter und Geschichtenerzählerei. Ich rede schon wieder Unsinn: es geht nicht ohne Storytelling.

  • Iskra

    I first heard Olga Anna Markowska’s pieces this spring at mi-so, which is a small store and exhibition space that Erik Skodvin of miasmah recordings and his partner Monique Recknagel of the label sonic pieces started a few years ago here in Schöneberg where I have been living for the past 20 years. More recently they have been inviting friends and other musicians they find interesting to perform in their store for an audience of around 15 people.

    Erik, or miasmah, now released Olga’s debut album, Iskra, which has a great record cover that doesn’t give away anything. The image is a photo by Olga, transformed into a kind of dream image by Erik who worked as a graphic designer for many years, designing also a huge amount of surreal album covers.

    The concert was really fascinating, creating a unique atmosphere, and I could see everyone in the audience being very intrigued and moved by the sounds and energy Olga created with those instruments she brought. While she is first of all a cello player, then a visual artist working with photography and installations, she also uses some additional electronics, and she also bought a kind of zither on a flea market and then taught herself to play it – so it now takes a central role in the unique sound world of her album, opening up a kind of timeless, placeless kind of music. Her sound feels somewhere in a dreamlike, elusive space between acoustic and electronic.

    It is very exciting to see how her music relates to her visual work, and it’s been quite inspiring to visit her website and wander through the photographic and installation works she documents there. For example, Iskra seems to communicate really well with the Borderland or 6 Years projects, maybe also some parts of Map of the Memory, all of which you can find on her website. I think Olga’s work invites us into a very personal sphere, and – even though she doesn’t show herself – we are trying to figure out where we can find her in there, and then also ourselves. I am also quite intrigued by how the work draws from specific places and then draws me towards them. 

    When I talked to Olga, she explained how she worked and lived with the music on this album for quite many years, and through different (even difficult) times of her life, including moving though different periods of her life, …moving from one Polish city to another and also to some residencies in other European countries. I quite loved how she struggled to categorize her music into a genre or style, and the influences or inspirations she mentioned can also be misleading when people cannot hear the music. I am listening to an album by Evgueni Galperine at this moment, Theory of Becoming, which to me feels grounded in a somewhat similar intangible sound world between electronic and acoustic (at least the LP’s A-side), between ancient and avant-garde, between eastern and western sensibility. Some people may think there’s not much to hear there, but then, when you let yourself fall into it, it opens up huge spaces.

    ijb

  • Sirāt


    Ein Freund sagte vor längerer Zeit einmal, es sei total offensichtlich, meine Filme erzählten immer vom Aufbrechen von Grenzen. Ich bin mir nicht so ganz sicher, wie Recht er damit hat, aber mir gefällt diese thematische Quersumme sehr gut; ich kann mich darin wiederfinden bzw. fühle mich davon angesprochen. Und wenn ich dran denke, nehme ich das auch als konkreten Abstoß für meine inhaltliche Arbeit an Projekten. Sehr fasziniert bin ich bspw. von unterschiedlichsten geografischen Grenzgebieten und nehme sie gerne als Anstoß für Reisen und Recherchen und Fotografien. Und entsprechend ziehen mich im Kino Filme an, die das Thema Grenzen auf die unterschiedlichsten Weisen aufgreifen. 

    „Sirāt“ wurde beim Filmfestival in Cannes vor zwei Monaten mit großer Begeisterung aufgenommen und hat bei vielen Menschen Eindruck hinterlassen, wurde entsprechend auch als einer der zwei oder drei Favoriten auf die Goldene Palme gehandelt. („In jedem Jahr gibt es mindestens einen Film, der das Festival in Cannes durchschüttelt und auf den Kopf stellt. 2025 war das […] ohne Frage „Sirāt“ von Óliver Laxe.“ beginnt Joachim Kurz eine von zahlreichen 5-Sterne-Besprechungen.) Die Palme ging letztlich an den geschätzten Iraner Jafar Panahi, der seit vielen Jahren trotz enormer Repressalien einfach weiter macht, von seiner Heimat zu erzählen – wieder und wieder wurde er von seinem Heimatland am Filmemachen gehindert, eingesperrt, mit Ausreiseverboten belegt. Aber „Sirāt“, der immerhin mit dem Preis der Jury nach Hause ging, fand in meinem Umfeld größeren Wiederhall. In meinem Facebook-Thread z.B. überboten sich die Leute gegenseitig mit der Aussage, dass dies für sie der beste, eindrücklichste, nachhaltigste und intensivste Filme in Cannes gewesen sei.

    Zusätzlich neugierig wurde ich, weil Kangding Ray, ein von mir seit vielen Jahren sehr geschätzter Musiker, der u.a. viele Alben bei Raster/Notonveröffentlicht hat, die einen sehr eigenen Sound haben, in sozialen Medien auch auf den Film hinwies. Denn der Franzose (bürgerlich heißt er David Letellier), seit vielen Jahren in Berlin lebend, hat die Filmmusik gemacht. Passenderweise gab es gerade in Berlin eine Voraufführung bzw. Premiere mit Präsenz und Publikumsgespräch mit „Kangding Ray“ und Regisseur Óliver Laxe — ein Franzose, der 12 Jahre in Marokko lebte, wo er einige Filme gedreht hat; vier seiner Spielfilme wurden bereits in Cannes gezeigt, mehrere Preise erhielt er dort, mit „Sirāt“ zum ersten Mal im Wettbewerb.

    „Sirāt“ ist einer dieser Filme, die einen recht gut erwischen, wenn man die Handlung nicht kennt – wenn man es vorab vermeidet, Inhaltsangaben zu lesen. Die Handlung ist ohnehin recht schnell zusammengefasst. Manche Kritiken zogen Parallelen zu „Mad Max“, speziell dem beliebten „Fury Road“; ganz so hysterisch und exzessiv ist der dann auch wieder nicht; aber wenn man andere Orientierungspunkt wie Clouzots Klassiker „Lohn der Angst“ oder Friedkins „Sorcerer“ (bei dem die Tangerine-Dream-Musik an die Filmmusik von Kangding Ray erinnern soll) mit einrechnet, kommt man schon in eine gute Richtung. Auch „The Searchers“ und „Zabriskie Point“ sowie Apichatpong Weerasethakul wurden als Vergleiche herangezogen. Diese an sich unvereinbaren Filmverweise finde ich wiederum enorm spannend, denn einen Film aus der Quersumme dieser vier ergibt gewissermaßen keinen Sinn. Schon früher wurde Laxes Schaffen mit Werner-Herzog-Filmen verglichen. Mir würden auch noch ein paar weitere einfallen. 

    „Sirāt“, ein vollkommen einzigartiger Film, spielt in der marokkanischen Wüste und erzählt von Grenzen aller Art. Es geht auch um Politik, Kapitalismus, um die Rave-Kultur und um Utopien, und es geht um die Geschichte eines Vaters und der Beziehung zu seiner Tochter, doch bleibt es wie gesagt bei einer sehr einfachen Geschichte, die Óliver Laxe auf manchmal überraschend kantige Weise erzählt. Auch die Genregrenzen sind fließend — mit enorm energetischer Techno-Musik starten wir auf einem illegalen Rave in der Wüste, und bald wird es auch eine Art post-apokalyptisches Roadmovie, mit meditativen Passagen und aufreibenden Trips an verschiedene Grenzen. Hauptdarsteller Sergi López ist zwar ein bekannter Schauspieler, geht aber geradezu dokumentarisch in diesem Werk auf, ebenso wie wir um ihn herum viele vom Leben gezeichnete Personen erleben, mit „Laien“ besetzt und aus der realen Rave-Szene – und alles passt enorm gut zusammen, darf aber auch mal alberne Momente haben. Auch wenn die Handlung sehr eindringlich ist und kaum vorherzusehen, womit man konfrontiert werden wird, erzählt „Sirāt“ nicht auf eine gewöhnliche psychologische Weise – vielmehr öffnet sich ein Erfahrungsraum, in dem wir als Zuschauer eine tiefe Erfahrung mit den Figuren und ihrem Trip an die Grenzen machen. In jedem Fall ist es durch und durch ein Film, wie ich mir gewünscht hätte, ihn gedreht zu haben.

    ijb

    Deutscher Kinostart: 14. August