Mallorca
In ein paar Stunden werde ich dort sein, und ganz allein einige abseitige Zonen der Insel erkunden. Ich weiss, wo der Covermagier einst lebte, der unter anderem Santanas „Abraxas“ veredelte. Ich weiss, wo Jon Hassell sich gerne aufhielt, und auf meiner letzten Reise dorthin erlebte ich eine meiner denkwürdigsten Wanderungen. In meinem kleinen gemieteten Haus im Nordwesten, mit Swimmingpool, und Bar in einer halben Meile Entfernung, werde ich die Zeit deutlich verlangsamen. Mein Wohnraum hat einen CD Player und Vorhänge, die an die dekorative Kunst Kandinskys erinnern. Wer mich sucht, würde mich kaum finden, und auch der Hinweis, dass mein Blick auf eine wunderbare geschlungene Hügelkette geht (laut Broschüre), würde mich nicht auffindbarer machen. Das kleine Gehöft teile ich mir mit einer kanadischen Kleinfamilie, und einer Handvoll ausgewählter CDs, von den üblichen Verdächtigen. Veedon Fleece ist dabei, Luminal, Liminal, und
Bis auf ein, zwei kleine Reisen auf die Insel vor ca. 20, 25 Jahren, habe ich nur Jugenderinnerungen. Ich glaube, ein kleiner Sprung jetzt, ohne Absatz, aber mit Punkt und Komma. Er war einer der besten Freunde, die ich je hatte, auch, wenn wir nur gute zwei Wochen zusammen waren, in einem luxuriösen Hotel, abgelegen, auf Mallorca – der damalige Minister Schiller drehte seine Schwimmrunden mit seiner Affäre, ohne von Paparazzis behelligt zu werden, und Mario Adorf tauchte mit Lex Barker auf. Ich schoss ein Foto, wie Herr Adorf sich ein grünes Salatblatt in den Mund schob. Ich las voller Ergriffenheit Albert Camus‘ „Die Pest“, liebte die schaumige Milchsahne auf dem Kakao, überstand den Überfall zweier Einbrecher, und zu den vielen Parallelwelten, zwischen denen sich Teenager leichtfüssig bewegen können, zählte die Freude, Morgen für Morgen Peter zu treffen, und stundenlang mit ihm das Tischtennisbrett zu besetzen, oder am Swimmingpool zu liegen. Er gehörte zur österreichischen Judonationalmannschaft, was ich weniger aufregend fand, als die Tiefe meiner freundschaftlichen Gefühle. Er war ungefähr sieben Jahre älter als ich, 21, und erinnerte mich vielleicht, aber nur sehr entfernt, an eine alpenländische Version meines Traumgefährten „Okko“, mit dem ich nächtens die aufregendsten Abenteuer in über Jahre wiederkehrenden Serienträumen erlebte – er kam stets in höchster Not, und bereitete jeder Traumsequenz zwischen Karl May-Gefilden und „Am Fuss der Blauen Berge“ ein Happy End. Aber was war das nun mit Peter: sah ich in ihm den idealen älteren Bruder? Ich glaube, das war es. Unsere Gespräche waren, so weit ich mich erinnere, auch ganz normale Jungsgespräche, ich mochte ihn wohl einfach von Herzen gern, Erotik spielte da nicht hinein. Vielleicht haben wir über die Beatles gesprochen, aber eher nicht über Camus.
Ich hatte dort, in diesem behüteten Urlaub, keinerlei Musik dabei, dafür sah ich in kurzer Zeit ein paar Menschen, die ich aus dem Fernsehen kannte, auch diesen alten englischen Schauspieler, dessen Name mir entfallen ist, und der sich Jahre später wegen Depressionen das Leben nahm. Meine Mutter erzählte es mir, und ich sah wieder seinen leicht gebeugten Gang vor mir, und etwas Verlorenes in seinem Blick. Wo war Emma Peel – das wärs gewesen, vielleicht hätte Peter ihr ein paar Griffe gezeigt, und sie mir! Die Musik in diesem Paradies war die Musik einer älteren Generation. Neben dem Süssholzraspler am Klavier, der abends den Cognac und die Longdrinks der Barhocker untermalte, kamen aus den Lautsprechern ausschliesslich Evergreens, die schon immer Evergreens waren, von Neil Diamond oder Frank Sinatra. Ich denke, auch von Paul Anka und Neil Sedaka. Und ganz vorneweg James Last, die deutsche Ausgabe der Ray Coniff Singers. James Last, der alles weich verpackte, von den Chansons bis zum Jazz, von Hippie-Musicals bis zu dem Fab Four. James Last hätte auch aus „Paint It Black“ eine Schmonzette für angetrunkene Mann-im-Mond-Sucher aus dem Ärmeln seines Orchesters schütteln können. Soziokulturell hatte dieser früh erblondete Arrangeur fleissig an Traumkulissen im Wirtschaftswunderland gezimmert. Ich war aber nur in meinen Hintergedanken ein resistenter Hörer. Von den altmodischen Hits (einer liegt mir auf der Zunge, „Spanish Eyes“, oder heisst er „Spanish Harlem“) liess ich mich gerne einwickeln. Auch die jungen Bee Gees wären nicht weiter aufgefallen. Es ist immer seltsam, alten Orten neu zu begegnen. Mein Leihwagen ist ein Mini Cooper, was ich lustig finde. Nun war diese avisierte Reise bloss ein Traum in den Morgenstunden, aber so realistisch, dass ich eigentlich nur einen Koffer packen müsste und Last Minute Angebote sondieren. Ich würde stets einen Kompass bei mir haben, ein Schweizer Messer, und genügend Futter.
Rafael Toral‘s „Spectral Evolution“
Is this true?
Am I listening to what I am listening?
Is it necessary to study rocket science
to explain what‘s going on here? No.
This album is a wonderful example of
experimental music, well,
extremely experimental music
fuelling the deepest impacts.
No words required, though there
will be … words. And with all
echoes, sources, programs (at hand),
we take that other route and
just listen. Believe it or not.
What the Portuguese musician creates, is something completely illusory and delightful, juxtaposing the straightforward imagery of its cover. Comprising a near 43-minute soundscape – delivered as one continous whole, but separated into 12 movements – the album depicts the textures and rhythms of nature with an almost cinematic scope. „Changes“ feels like the flutter of a wing dissected in slow motion intricacy, while „Descending“ swoops the mixture into gorgeous thermal decline. The magic is in Toral‘s delicately affecting cycles, which succeed in extracting graceful, almost relevatory beauty from the world‘s ubiquitous sources. (Electronic Sound, March 2024; release date: March, 1; vinyl / cd / dl)
As a teenager, one of my beloved pieces was a slow, trance-like track named „Set the controls for the heart of the sun“, full of soft pulses (I think it was on Pink Floyd’s long player „A Saucerful Of Secrets“), and as soon as I started listening (still a child, and with child-like curiosity) I was „inside“. Now (a parallel of sorts and mood) it took some minutes and moments of asking myself „where am I?“, to be part of Rafael Toral’s „mind trip“, but from then on, after removing some obstacles (mostly internal dialogue) I was part of the crew. Let’s speak about floating. Safe journey! (m.e.)
We‘ll live through the long, long days…“
Zu welchen Soundtracks kehren wir immer wieder gerne zurück? Da hat jeder eigenen Erinnerungen, Bilder und Klänge – Vangelis, Delerue, Cooder, Rota, Karaindrou, und all die anderen – Wenn ich an den hinreissend langsamen Film „Drive My Car“ denke, schleicht sich wieder „We’ll Live Through the Long, Long Days, and Through the Long Nights“ in meine Ohren. Yusuke sitzt mit Oto auf dem Bett und erzählt ihm von der Liebe eines Mädchens zu Yamaga, einem Klassenkameraden aus der Oberschule, und wie sie sich in sein Haus schleicht. Ach, ach, und weh! Das ist ünrigens einer derfünf Filme, die eine meiner liebsten Storytellerinnen am 1. März in der Kolumne „Film“ im wahrsten Sinne des Wortes in ihren Händen hält. Ja, und manche Erinnerungen führen zur einer alten Fernsehserie, die 1989 in heimische Wohnzimmer strömte und eine neue Art der Unheimlichkeit verbreitete. Und in der Bar sang Julee Cruise. Und Angelo Badalamenti erinnerte sich an das Studio in Manhattan, in dem er und David Lynch einen Grossteil der Musik produzierten: “Excalibur Sound war der dunkelste, schäbigste Ort, den man sich vorstellen kann. Die Lichter flackerten, der Strom ging ein und aus. Als wir uns den Film ansahen, roch es in dem Raum fürchterlich. Es war winzig, die Mäuse liefen sogar bucklig herum. Aber David liebte es – er sagte: ‚Dieser Ort schafft eine so schöne Stimmung für uns, Angelo, nicht wahr?‘ Ich sagte: ‚Nun, ich denke schon…‘
Jasons feines Gespür für das Schweben
„Grandaddy were a band that always sounded nostalgic, even when they were singing about the future, robots and time-traveling.“ Erinnerst du dich an die „Abteilung für das Verschwinden“? Jason Lytles Album „Dept. Of Disappearance“ stand für eine besondere Art von Eskapismus, bei einem Songwriter, der sowieso kein Album, solo oder mit Grandaddy, ausliess, ohne Rückzugsorte ins Visier zu nehmen. In jenen launigen Liedern tauchten die Schweizer Alpen auf, weit von allem Rummel entfernt, aber auch uramerikanische Fluchtpunkte a la Fairbanks, Alaska. An den Oberflächen ging es hoch her wie auf einem Jahrmarkt, mit plärrender Jukebox, schadhaften Klangerzeugern und einem leicht angetrunkenen Chopin-Zitat. Doch letztlich erzählte fast fast jedes Lied aus dem Department des Verschwindens eine Geschichte über das endgültige Fortgehen. Alle Düsternis wurde ausgehebelt mit tänzerischer Anmut, und einem feinen Gespür für alles, was schwebt. Jetzt hat Jason mit Grandaddys neuestem Streich den Walzer entdeckt, die Pedal-Steel-Gitarre, und sanft berauschende Schnittstellen von New Wave, Blue Grass, und Country. Dem Titel „Blu Wav“ kommt man also rasch auf die Schliche. Und nahezu alle Songs halten Wort, klingen sowohl herzlich als auch hart verdrahtet – dezent beschwingte Melodien treffen auf ungeschliffene Elektronik, diskrete Überraschungen, und Feldaufnahmen von Kojoten in Los Angeles. In mehr als der Hälfte sind Walzertakte ausfindig zu machen – das gute Gespür für alles, was schwebt, bleibt eine Konstante in seinem Liederbuch, genauso wie Holzhütten, Bars, und Jukeboxen. Nur zu gerne verliere und finde ich mich in der weichgezeichneten „happy sadness“ dieses Albums, das so herrlich frei ist von grossen Gesten und knalligem Getöse. „Blu Wav feels like it could be listened to on a walk in a dense rainforest as much as it could be played at a highway truck-stop“. Das schreibt ein amerikanischer Kollege. Mir fallen ein paar andere Orte ein, im Hier und Jetzt und Bald: ein langer Blick aus dem Fenster eines ICE kurz vor Bremen, der Strand zwischen Rantum und Hörnum um acht Uhr morgens, und eine Jukebox am Ende der Welt, ein Katzensprung von Dänemark entfernt. „It’s a new day. Open your eyes and your laptop to the sunrise.”
step by step
nevzat sent you via mail (and me sometime as go-between) mails for how to log in with a reset password, and fine little films for how to make blog posts, and monthly posts (these monthly ones can only be done when working as flowworker (log out under your name for that, and log in as flowworker fir the time working there). If any questions are left, mail me, and then, if i cannot be a big help, mail Nevzat. If you would ask the Chinese book of wisdom, the I-Ching, I‘m sure you’ll find a spring of pure encouragement there, and the saying, that days of wine and roses lay ahead, after the dire straits, the obstacles at the beginning.
the thing with jana winderen
we can only work inside the „monthly revelations“, if we are active as author with the „flowworker“ alias. Via Nevzat we all got the pass word for „flowworker“, as we got the option to create our private pass words for our texts in the blog diary.
The jana winderen conversation is now the first entry in our monthly revelations. For the March collection.
… at the end of a month, all these „revelations“ will either be transported into the paper basket or transported to one of the first three days of the month in question, in this case March 2024…
Von Landschaft zu Landschaft, mit einer Autobahn
Wenn man so viel Zeit hat, eine Sendung zu planen, in diesem Fall die Januarausgabe der „Klanghorizonte“, verändern sich die Sequenzen einzelner Stücke fortlaufend. Letztlich bin ich erst zufrieden, wenn sich die letzte Lücke eines ausgefuchsten „sequencing“ schliesst. Und so kam es, dass das eine „Fragezeichen“ lange im Raum stand – denn was für eine Musik könnte die CD, die vor allem dem Weltenwanderer Gurdjieff gewidmet ist, mit dem Kraftwerk-Klassiker „Autobahn“ verbinden: am Ende war es sonnenklar: die kleine Schatzkiste von Pauline Anna Strom war das fehlende Glied einer Assoziationskette, die mit Yoshimiras japanischer Hausmusik begann und mit Klängen endete, die Lou Reed kleine Ewigkeiten lang hörte, in seinem Wohnzimmer, mit Blick zum Hudson River, in den letzten Jahren seines Lebens. 11 verschiedene Klangwelten, 11 Horizonte. Und Storytelling.
„Alte und neue Träume“
The Playlist:
Jan Bang & Eivind Aarset
P J Harvey
Old And New Dreams
Rickie Lee JonesNils Økland & Sigbjørn Apeland
Josephine Foster
Matthew Herbert
Belbury Poly
Craven Faults: StandersRickie Lee Jones – „Ich spüre, dass eine natürliche Sprache geflüstert wird, die uns allen gemeinsam ist. Im Traum verstehe ich manchmal die Symbole, aber wenn ich aufwache, sind sie verschwunden. Ein Hauch von Tinte bleibt nicht an dieser Realität haften. Was habe ich gehört? Was haben sie gesagt? War es Musik? Ich habe sicherlich etwas gehört. Nach all diesen Jahrzehnten bleibt das Leben hartnäckig rätselhaft. Musik formt uns und verändert uns grundlegend. Wenn wir einmal zugehört haben, hören wir nicht mehr auf. Wir erholen uns nie von der Musik. Wir kehren immer wieder zurück zum Radio, zum Plattenladen, zum Schlafzimmer, wo die Mädchen den ganzen Tag Platten hören.“