Die gute alte Zeit der Doppelalben
Mit dem Erscheinen der CD ging die Ära der klassischen Doppelalben zuende. Da waren dann andere Zeitformate möglich. Denke ich an die frühen Jahre, als Doppelalben noch Doppelalben waren, zurück, fallen mir meine persönlichen Favoriten ziemlich schnell ein: No. 1 – The Beatles: The Beatles (das „weisse Album“). No. 2 – The Allman Brothers Band Live At Fillmore East. No. 3 – Keith Jarrett: Staircase (am wenigsten bekannt in dieser Runde, aber mein heissgeliebtes Solopianostudiodoppelalbum). No. 4 wäre wohl Miles Davis‘ Bitches Brew (oder vielleicht doch Aghartha). Jedem mit Schallplatten Grossgewordenen fallen eigene favourites ein. Tommy? Miles Of Aisles? Tusk? Blonde On Blonde? Tales from Topographic Oceans? Get Up With It? Gestern hörte ich zum ersten Mal überhaupt ein Doppelalbum, das eigentlich keines ist, es passt locker auf eine CD. Und es stammt aus der Hochzeit dieses Tonträgers. Aber, zum 25-Jährigen, ist es nun eben als „Doppelalbum“ draussen, ein tolle Pressung von Optimum, Deutschland, ein fantastisch klingendes Remaster (vielleicht klang das Original auch schon toll, keine Ahnung), und vor allen Dingen habe ich auf Anhieb einen Narren gefressen an dieser späten Entdeckung! Wie anders ihre Stimme doch damals klang, so viel höher, und doch so ergreifend (auf andere Art) wie auf Beth Gibbons’ bald erscheinendem Soloalbum! Nun denn. Obwohl ich „Dummy“ von Portishead liebte, ging, wohl wegen meiner Skepsis, wenn das Symphonische zur Bearbeitung des eigenen Werkeverzeichnisses herangezogen wird, das Live-Opus „Roseland NYC Live“ (eine Aufzeichnung vom 24. Juli 1997) komplett an mir vorüber. Welch ein Irrtum. Sagenhafte Musik, von vorne bis hinten, ich habe mir sogar gleich die preiswerte DVD des Konzerts bestellt. Für Beth G., die so lange in diesen Songs gelebt hat gehört dieses Opus wohl zu ihren „lives outgrown“, für mich als neu gewonnenen Lauscher dieser facettenreich-alten Klangsprache, gewiss nicht. Wäre dieses Doppelalbum ein echtes Doppelalbum aus alter Zeit, es wäre mir ratzfatz eingefallen, und hätte seinen Platz in meinen Top Ten gefunden!
Sheltering Skies (2 – short review of double vinyl)
27. Juli 1982 an der Cote d‘Azur. King Crimson touren mit dem neu formierten Quartett (Fripp, Belew, Bruford, Levin) durch Europa, meist zusammen mit Roxy Music, und machen Station in Fréjus. Wenn Platten besprochen werden, besteht ein wiederkehrendes Lieblingsmotiv der Musikkritk in dem Ausdruck „dead quiet vinyl“. Nun, diese 200 Gramm-Pressung kommt dem nahe – die komplette Aufnahme ist von roher Direktheit, hyperrealistisch fast, und wer die studiotechnischen Brillianz und Balance der drei Platten des Quartetts kennt, nimmt hier erst mal Adrian Belews Härte 10 auf der elektrischen Gitarre zur Kenntnis, in den ersten dissonanzfreudigen Minuten dieses Doppelalbums. Das klingt und ist knallhart, kein Schmeichler zum Auftakt, und kein Röhrenverstärker würde für mildernde Umstände sorgen. Aber die Ohren adaptieren die Wucht. Das Quartett belegt mit diesem Aufritt einmal mehr, dass King Crimson wohl die einzige Gruppe aus der Ära des Progressiven Rock war, die sich vom Punkvirus äusserst kreativ inspirieren liess. Obwohl Robert Fripps neue Kompositionen einmal mehr ausgeklügelt, detailversessen und anspruchsvoll sind, wird hier rein gar nichts notengetreu abgeliefert. Oder makellos reproduziert. Alles kann jederzeit Feuer fangen. Und fängt Feuer. Deswegen macht hier auch eine andere Lieblingsformel der Musikkritik Sinn: play it loud!
Marlen
»Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder ein ganze Reihe von Geschichten.« (Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein) „I can still see the fire burning“ (Ron Wood und ich, 1974)
Bevor ich von Münster nach Würzburg umzog, also von den Philosophen und Germanisten zu den Psychologen wechselte, waren ein paar musikalische Erdbeben schon hinter mir, und ein paar Verliebtheiten. Bis zu meinem 21. Jahr machte ich niemals Fotos von den Mädels, die ich umwarb, mit denen ich ging, oder die mich im Regen stehen liessen. Und spöter auch so gut wie nie. Wäre ich zu Gast in einem Marcel Proust-Seminar, ich würde 25 kleingeschriebene Din A4-Seiten über „Marlen and me“ zuwegebringen, ohne Erfindungen. Ein kleiner Roman hätte es schon werden können.

Umso verblüffender, dass ich nun in einer Dokumentenkiste, versteckt in einem Diogenes-Krimi (in genialem Schwarzgelb) meine einzige, viel zu kurze, Liebe aus Münster fand. Ihr Antlitz. Sie war superintelligent, superheiss, und hatte super Humor. Sie war drei Jahre älter, meine erste Fesselkünstlerin nach Emma Peel, und ausserhalb besass sie eine Schlagfertigkeit, die ich mir erst später zueigen machte. Achachach – ihre sanfte Dominanz ein Märchen aus 1001 Nacht. Leider war sexuelle Treue nicht ihr Leitmotiv, und Ich habe sie nie wieder gesehen. Dieser Schnappschuss lockt viele Momente vom Februar und März 1974 hervor, bunte Puzzleteilchen, ich sehe ihr Treppenhaus vor mir, ihr Badezimmer, ihre Räucherkammer, ihre Leonard Cohen-Platten (sie kam unmittelbar aus einem seiner Songs) – und ihre perfekten langen Beine, die mich in der Unendlichkeit berührten, zumindest zuweilen. Thank you for the nights! Erstmals war ich ein vorübergehend glücklicher Brötchenholer am Morgen, ein leicht liebestrunkener Jean Pierre Leaud. Und mir selbst ganz nah.Stiff
I wanna be thin
I wanna be small
I wanna be pinned up high and studied on the wallI wanna be sold
I wanna be fit
I wanna be there.I wanna be hooked
I wanna be base
I wanna be served up lightly dressed and on a plateI wanna be cut
I wanna be dried
I wanna be there.I wanna be changed
I wanna be rode
I wanna be made to handle very heavy loadsI wanna be his
I wanna be hers
I wanna be theirs
Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
Ooh ooh ooh ooh ooh ooh.I wanna be held
I wanna be schooled
I wanna have every plea for mercy overruledI wanna be milled
I wanna be rolled
I wanna be there.
Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
I wanna be there.
Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
I wanna be there.
Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
I wanna be there.
Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
I wanna be there.
Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
I wanna be there.
Ooh ooh ooh ooh ooh ooh
I wanna be there.Die Jazzfakten vom 4. April (revisited)
Es gibt keine Zeitbeschränkung bei diesem Link. Ich hatte bei der Produktion gute fünf Minuten zu kürzen, was mir selten passiert. Hier waren jedoch schmerzhafte Schnitte nötig: „Killing your sweetest darlings“ heisst hier der besinnliche Spruch dazu . Ein Oton von Fred Hersch fiel raus, und im Zentrum hatte der Tontechniker Martin Hoffmann den Ausschnitt von Alice Coltranes Darbietung von „Africa“ so weit zu kürzen, das man direkt im „finale furioso“ landet, und nicht jene Passage miterlebt, in dem sich das Ende aus einem herrlichen Groove der beteiligen Bassisten herausschälte. Ein anderes Stück Jazzgeschichte zapft Fred Hersch an, wenn er auf seinem Album „Softly as in a morning sunrise“ spielt und, im Gespräch, Sonny Rollins‘ Version aus dem Village Vanguard als Referenz angibt. Dieser Klassiker wird in Kürze neu aufgelegt, et voila, erst die JazzFacts, dann eine Zeitreise mit Mr. Rollins ins Jahr 1957…
Kahil El‘ Zabar‘s Ethnic Heritage Ensemble: Open Me, …
Fred Hersch: Silent, Listening
Beitrag 1 von Michael Rüsenberg („Destination Unknown“)
A. Kalma, J. Chiu, M.S. Honer: The Closest Thing To Silence
Live At Carnegie Hall (1971) – Impulse (A. Coltrane)
Shabaka: Perceive Its Beauty, Acknowledge Its Grace
Beitrag 2 von Karl Lippegaus (Jason Weiss: Listenings)
Fred Hersch: Silent, Listening
Charles Lloyd: The Sky Will Be There Tomorrow“A painted horizon“
„There‘s a real sense of being repeatedly slammed up against mortality by biology, especially on the salt-scoured „Oceans“. Gibbons sings of ovulation, and exhaustion, in an unusual porous, chalky register, the song ending with her sinking to the (rock) bottom of the sea, „not afraid any more“. If that all sounds bleak, it is. Yet „Lives Outgrown“ is also very beautiful not least when Gibbons quietly sings „it‘s not that i don‘t wanto to return“, on Floating On A Moment‘s contemplation of death.“ (Victoria Segal, Mojo, June)
From the start, all of her works have been collaborative. In the very early days when strolling through small venues and pubs, she often relied on a repertoire of classics, made famous by Nina Simone and Janis Joplin. Later on, in the Portishead years (that perfect trio with Barrow & Utley), the silences in between, and, after the fractured blow away zone of „Third“, out of another nowhere, „Out Of Season“, the album with Paul Webb aka Rustin Man. At last singing Gorecki – all teamwork: the intricacies of her voice, the surrounding sounds, the immaculate productions. Landscapes she‘s been moving through. The urban darkness. The dystopia, the hometown. The hinterland. Between „Dummy“ and „Out Of Season“ a archaic sort of melancholia took center stage, strangely uplifting, elevating. All the way through she led a reluctant life, never hurrying for fame. And now, after a career spanning three decades and more, her first proper solo album, and it comes a long as a sort of farewell.

It took her (and her fabulous companions, former Talk Talk drummer Lee Harris, producer and multi-instrumentalist James Ford, and a well-chosen crew, Raven Bush on cello and violin amongst them) ten years from first sketches to final mixes. Beth’s singing now reaching out so far and deep – not heard that vocal range before. Hypermelodic and far, far out at the same time. Restrainment and passion all over the place (clash of polarities). From a distance, vibes of „The Wicker Man“ and ancient incantations . „Lives Outgrown“ is a unique achievement of kindred spirits, the darkest campfire chamber music we may have heard in quite a while. The listener will soon realize that James Ford’s sophisticated, lush arrangements do not simply embellish the songs artistically, but rather add a second, third layer to them, the famous double bottom, counterpoints, subversive vibrations.
The old stuff laid bare: grief, growing old, losses (and what change is gonna come after sleepless nights for too long). The beyond of the everyday. „On the path / With my restless curiosity / Beyond life / Before me …“ The most „progressive“ instruments: a mellotron, an oscillator, and an electric guitar. Floating lines (on the verge of breaking apart). Passages close to catching fire (and catching fire). The glow, the gloom. Under that nearly controlled delivery of Gibbons‘ singing a high wire tension, most of the time. No involvement of cozy nostalgia, of things coming to rest – in spite of the last song, an invocation of nature and peace of mind, like a dream, at least traces of acceptance. What a terrific work. The most honest review: a painted horizon.Magisches Quartett
“Deine Jazzfakten haben uns viel Geld gekostet. Wir haben alle Platten bestellt, bis auf Ariel Kalma, die hatten wir schon. Und was du hier so über „Lives Outgrown“ schreibst, hat nun dazu geführt, acht Cds und zwei Schallplattenversionen zu bestellen. Wir machen es wie du, das wird unsere Geschenk für ganz bestimmte Freunde. Natürlich kennen wir die Portisheads…. Da können wir schon einschätzen, wer sich auf die Stimme einlassen kann. Du schriebst uns, du hättest ein Interview angefragt, mit Beth, mit dem Talk Talk-Trommler, mit James Ford. Das wird aber schwierig. (….) Solltest du nach England reisen, und Beth treffen, kämen wir gern mit, und ich wäre die stille Fotografin. Braucht man für England ein Visum? Ich könnte bei „Brigitte“ nachfragen, die hätten bestimmt Interesse. (…) “ (S.L.)

Liebe S, das wäre was! Leider wird Beth definitiv kein Interview geben, auch „Brigitte“ hätte keine Chance. In solchen Verwertungskategorien denkt sie, wie du vermuten kannst, überhaupt nicht. Und je mehr ich in die Musik eindringe, desto klarer wird mir, dass es hier mehr Gründe als bei früheren Alben gibt, keine Interviews zu geben. Die beiden anderen sind angefragt, aber Lukas, der als PR-Mann von Domino so hervorragend bei Julia vorgefühlt hat, ist auch hier aktiv, wies aber noch gestern daraufhin, dass der kleine Zirkel um Beth, Lee Harris vor allem, extrem zögerlich ist, was Öffentlichkeitsarbeit angeht. Und dann werden es höchstens Phoner werden, oder ein Zoom.
Es ist witzig, dass ihr euch jetzt, nach einem halben Jahr in der Bretagne, wieder meldet, ich hatte euch zuletzt, auch schon wieder länger her, den lange abgelaufenenen Link zu Michael Franks Milestones-Sendung geschickt, und ihr seid soooo begeistert gewesen von Julee Tippetts‘ „Sunset Glow“ von 1975. Nun sind 2023 und 2024 (bald!) zwei britische Milestones hinzugekommen, P.J. Harveys „I Inside The Old Year Dying“ und Beth Gibbons „Lives Outgrown“. Vor ein paar Tagen gab es dann die Lieferung – als Doppelalbum – von Julie Tippetts‘s 1999er Solo „Shadow Puppeteer“, das mir damals entgangen ist, sonst wäre es wieder und wieder in den Klanghorizonten gespielt worden. Betörend. Bis bald, M.
„Thinking Music“
Beth Gibbons‘ erstes richtiges Soloalbum ist das lange Warten wert gewesen. Es ist ein kühles, tiefgründiges Set verträumter Folk-Exotica-Beschwörungen, eine seltene Platte, die sich mit den Ängsten und Schmerzen des Erwachsenseins auseinandersetzt und verknotete Emotionen in einer flatterhaften, straffen Instrumentierung und rauchigen, samplebereiten Cinematics seziert. Atemberaubendes Material, produziert von Gibbons in Zusammenarbeit mit James Ford und Lee Harris von Talk Talk.
(So beginnt die zweite Besprechung, die man im Netz finden kann. Bei Boomkat gibt es oft „reviews“, und sie leisten bei diesem Plattenversand sehr gute Arbeit. Gäbe es nicht durch den Zoll massiv erhöhte Preise, und Verzögerungen bei der Lieferung, würde ich viel öfter bei den Briten Musik ordern. Ich kommentiere hier Absatz für Absatz, und ändere nichts an der Deepl-Übersetzung. Interessant, wie der Rezensent Beschreibungen koppelt, die widersprüchlich wirken können: flatterhaft vs. straff, Folk vs. Exotika. Dass die Lieder wie „Beschwörungen“ wirken, kann ich gut nachempfinden.)
Gibbons hat sich bis zum richtigen Moment zurückgehalten, um ihr formvollendetes Debüt zusammenzustellen. Ihr Songwriting kennen wir natürlich schon, nicht nur von der makellosen Portishead-Trilogie, sondern auch vom 2002er-Album „Out of Season“ und dessen Nachfolger „Acoustic Sunlight“, beides Kollaborationen mit Talk Talk-Bassist Paul Webb (alias Rustin Man).
(“Acoustic Sunlight“, davon habe ich noch nie gehört. „Formvollendet“, da stimme ich auf Anhieb zu, ohne lange über den Begriff nachzudenken.)
„Lives Outgrown“ erweitert ihre Technik ein wenig; ihre früheren Kollaborationen bleiben im Schatten, aber dieses Album ist unapologetisch intim und verpackt Geschichten über Liebe, Bedauern und Unruhe in gedämpfte, melancholische Extravaganz. Es ist nicht so vordergründig staubig wie das Portishead-Material oder so sehnig wie ihre Platten mit Webb, sondern eine zerschundene, nachdenkliche Sammlung verletzlicher Reflexionen, die von Musik untermalt wird, die sanften, archaischen Folk, frühen Jazz, Exotica aus den 70ern und düsteren Post-Rock anklingen lässt.
(Wenn ein Album wie dieses schubladenmässig schwer auf den Begriff zu bringen ist, werden gerne Genrenamen mit beiläufig daherkommenden Adjektiven aneinandergereiht, was nicht kritisch gemeint. Dabei entsteht eine angenehme Unschärfe, die unsere Wahrnehmung in bestimmte Richtungen lenkt, ohne die Fantasie einzuengen. Wo ist der „frühe Jazz“ zu hören? Aha, mein geliebtes unscharfes „archaisch“, hier mit „sanft“ gekoppelt. Und dann: „eine zerschundene, nachdenkliche Sammlung verletzlicher Reflexionen, die von Musik untermalt wird…“. „Untermalt“ würde ich hier nicht sagen. Das klingt mehr nach Hintergrundbegleitung. Die Musik um den Gesang herum ist viel mehr als ein „Geschmacksverstärker“, ich erlebe sie hier als „Erweiterung“, „zweite Ebene“, doppelter Boden“.)
Es ist die Art von Material, die Gibbons während ihrer gesamten Karriere angepriesen hat, und zwar so sehr, dass es vertraut erscheint; die Songs haben eine lebendige Qualität, nicht weil sie von anderem Material geklont wurden, sondern weil sie die vollständig realisierten Versionen von Gedanken sind, über die Gibbons seit Jahrzehnten nachgedacht hat.
(Das ist ein interessanter Gedanke. Wir erkennen die Handschrift, aber die Songs wirken auch deshalb so lebendig, weil diese ewig in ihrem Raum schwebenden Gedanken / Empfindungen noch nie so vollständig realisiert wurden. Das „Formvollendete“ wieder mal. Nach den dunklen Andeutungen von Beth Gibbons im offiziellen „presskit“ kommen übrigens einzelne HörerInnen des Albums zu dem Schluss, es könne sich hier um ein Abschiedswerk handeln.)

Die Vorab-Single des Albums „Floating on a Moment“ ist ein logischer Anfang. Gibbons‘ Stimme klingt exponierter als je zuvor; die brodelnde, von Nina Simone beeinflusste Traurigkeit, die Portishead zum Kultstatus verholfen hat, ist immer noch da, wird aber durch Erfahrung, Angst und Kummer verstärkt. Ihre Produktion ist ähnlich ausbalanciert: dicke jazzige Basslinien unterstützen federleichte, scheppernde Drums, während die versilberten Breitwandqualitäten, die ihr früheres Material beflügelten, sich zu subtilen Chorälen, klirrenden Streichern und leisen Xylophonen entwickelt haben – mehr Jean-Claude Vannier als Ennio Morricone.
(Ob es eine von Nina Simone beeinflusste Traurigkeit gibt, die Portishead zum Kult verholfen hat, bezweifel ich. Vielleicht ist da ein besondere Grundtraurigkeit in ihrem Gesang gemeint , ein spezielles „Soundfeld von Melancholie“, sofort erkennbar. Wem wurde je attestiert, die traurigste Stimme der Welt zu haben. Zu diesem raren Kreis wurde mal Robert Wyatt gezählt, und zwar nicht selten, auch Beth Gibbons. Und, by the eay, auf dem Album ist „Floating On A Moment“ übrigens das zweite Stück, und ich bin kein Pfennigfuchser. Das Album beginnt mit dem Song / der Beschwörung „Tell me who You Are Today“ (ein noch logischerer, psycho-logisch noch passenderer Anfang des Albums ist das). Und passend zu dem Titel und der Lyrikweberei dieses Songs: schau dir das Cover an: vier Portraits ihres Gesichts, mit geöffneten, geschlossenen Augen. Zunehmende Unschärfe. Ist überhaupt eins scharf, und wirkt das schärfste nicht seltsam maskenhaft?! Dunkler Hintergrund. Insichgekehrtheit. In weiteren Fotos (auf der Pressemappe) fällt auf, wie unscharf ihr Gesicht hier und da wirkt, gegenüber der extrem scharf eingefangenen Natur ringsum. Warum?)
Die Liebe verändert die Dinge“, versichert sie in „Lost Changes“, das zunächst einen raffinierten Alt-Country-Schimmer aufnimmt, bevor epische Orchesterstreicher das überwältigende Melodrama unterstreichen. Im Hintergrund ist mehr los, als man auf den ersten Blick sieht – langsame, hart geschwungene Drums werden durch clevere Avantgarde-Elemente wie quietschende Metallplatten und instabile Oszillator-Drones ergänzt. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um Popmusik, aber wenn man den Mutterboden aufreißt, kommen Gibbons‘ tiefere Einflüsse und Inspirationen zum Vorschein wie eine Masse verschlungener Wurzeln.
(Den Absatz kann man gerne zweimal, dreimal lesen. Und da deckt sich etwas mit meinem Hören. Diese zuweilen explodierenden kurzen Passagen des Melodramatischen. So einen Satz mit aufreissendem Mutterboden muss einem erstmal in den Sinn kommen! Welche tieferen Inspirationen meint der Rezensent wohl?)
Reaching Out“ ist sogar noch zerknitterter; Gibbons‘ obere Stimmlage erinnert zunächst an Thom Yorke, aber sie verdoppelt das Tempo und weint schmerzhaft über Northern-Soul-Bass-’n‘-Drum-Drums und blecherne Fanfaren. „I need your love, to silence all my shame“, echot sie, während im Hintergrund geisterhafte Spuren keuchen, wimmern und sich drehen.
(Hier wird es schonungslos intim. Rollenspiel ist das nicht. In einem Werk, in dem das Ich als zweifelhafte Grösse erscheint, kommen, zahlreich, zerknittert, aus Träumen geborgen, die Schatten ins Spiel, als dunkler Reigen.)
Während das frühe Portishead-Material auf den Sample-Bombast von Public Enemy in ihrer Blütezeit zurückgeht, ist „Lives Outgrown“ eher dem unheimlichen Minimalismus von RZA geschuldet, mit seinen schwingenden Streichern und kryptischen, schrägen Sprüchen. Schauen Sie sich nur „Reaching Out“ an, ein gespenstischer Folk-Nieselregen, der mit knochentrockenen fernöstlichen Schlagzeugklängen, Gesangsschleifen und wirbelnden Streicherphrasen unterbrochen wird. Auf „Beyond the Sun“ und „Rewind“ streift Gibbons Nordafrika und Ostasien, wobei sie ihren zerbrechlichen Gesang in ein lokales Gewirr aus Rohrblattklängen, blechernen Saitenzupfern und kantigen Streichern mischt.
(Jetzt gehts aber rund: Nordafrika, Asien. Keiner aber wird hier „weltmusikalische“ Versöhnungen wittern… und doch ist es das Mysterium dieses Albums, dass es, bei allen Abgründen, Trost bereithält, und ganz sicher nicht, weil an den passenden Knöpfen gedreht wurde.)
Auf dem pastoralen Schlussstück des Albums, „Whispering Love“, ist sie zu Hause: „Blätter unseres Lebensbaums, wo die Sommersonne immer durch die Bäume der Weisheit scheint“, gurrt sie, während Vögel singen und akustische Gitarren neben beruhigenden Flöten vibrieren. Es ist ein moosiger Abschluss eines Albums, das drei Jahrzehnte musikalischer Wanderschaft zusammenfasst und einige der ernüchternden Weisheiten, die sie gelernt hat, auf höchst einprägsame Weise vermittelt.
(Wohl nahezu jeder, der den Auftrag gehabt hätte, wäre mit diesem Lied, dieser Anrufung, als Abschluss dahergekommen, der ideale „closer“. Als ich das Album zum ersten Mal gehört habe, von Anfang bis Ende, war ich mir sicher, dass „Lives Outgrown“ fortan an meiner Seite ist, company for life.)
Warnung vor dem Buch

Ich sollte auf meine eigenen Ratschläge hören, aber aus Vorfreude auf ungetrübte Lesetage und -nächte, and from love for the oldfashioned book form, bestellte ich mir Joe Boyds Wälzer dann doch in Buchform. Ich werde auf das e-book ausweichen, das auch nur die Hälfte kostet und mehr als das erste sehr lange Kapitel als kostenlose Leseprobe anbietet. Als Strandlektüre, als Frühstückslektüre, geht der Riesenschmöker gar nicht. Und das allein wegen seiner Unhandlichkeit. Der ansonsten geschätzte Faber Verlag hätte es in drei überschaubaren Büchern in einem handlicheren Format herausbringen sollen, und nicht in der Version eines „Riesenbrockens“ für die Bibliothek von Alexandria. Ich hoffe, der Verlag, der sich in die deutsche Übersetzung kümmert, ist da etwas einfallsreicher. Das Teil ist schwerer und fetter als damals Der Butt von Günter Grass, aber hundert mal spannender!Haruki, Paul, und andere Abenteuersucher
Ich dachte, Haruki Murakami könnte mich nicht mehr überraschen, und ich hätte seinen Sound dechiffriert. Mein erstes Buch von dem japanischen Meister kam noch beim Suhrkamp Verlag heraus, und es hiess „Wilde Schafsjagd“. Später dann mein Lieblingsroman: „Mister Aufziehvogel“, da hatte ich „nur“ die alte Übersetzung. Ein Buch, in dem ich vollkommen verschwand. Mit einem Schmunzeln verrate ich, dass da manche Dinge auftauchten, für die der Autor bekannt ist (mysteriöse Frauen, verschwundene Katzen, Telefonsex, Spaghetti). „Der beste Weg, über die Realität nachzudenken“, erklärt Murakami, „ist, sich so weit wie möglich von ihr zu entfernen.“ Teils Detektivgeschichte, teils alptraumhafte Version von Alice im Wunderland. Und nun, vor Wochen, hat er mich wieder eingefangen, und der Zauber wirkt immer noch nach: „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“. Einmal mehr übersetzt von der grossartigen Übersetzerin Ursula Gräfe.

Bleiben wir bei der Magie und ihren bizarren Zugängen zu unserem scheinbar so realen Leben. „Die Seele aller Zufälle“ von Fabio Stassi. Das neue Abenteuer von Vince Corso, Detektiv und Bibliotherapeut, in einem labyrinthischen Rom. Mehr wird nicht verraten ausser: wer einen Deal mit Haruki hat, gerät auch hier leicht in einen Leserausch. An einer Stelle verrät Vince: „Jedes Buch ist ein Resonanzkörper. Und ich bin sicher, dass es Musikalität ausbilden kann, eben weil es Musik ist. in nicht allzu ferner Zukunft wird Patty Smith den Nobelpreis für Literatur bekommen.“

Lange, bevor Herr Gregor auf Sylt Jukeboxen installierte, und in Leinfelden-Echterdingen den ersten deutschen Paul Murray Fanclub gründete, habe ich ihn auf den Burner „An Evening of Long Goodbyes“ aufmerksam gemacht, der mit dem gleichen Titel als deutsche Übersetzung herauskam. Unendlich witzig und traurig, wie auch der Nachfolger „Skippy stirbt“. Ich bin ganz heiss auf sein jüngstes Buch, „Der Stich der Biene“, aber meine bessere Hälfte hat es sich heimlich hergenommen, und versteckt es tagsüber an den unmöglichsten Orten. Keine Chance vorerst, an den 700 Seiten starken Schmöker heranzukommen. So geht „Familienroman“.
Bis dahin werde ich mich in Ilona, Oregon, umtun. „Vor Dekaden ist Footballstar Zeb aus dem Stadion weggerannt. Jetzt soll Alice Vega den Abgetauchten in Ilona suchen, stößt auf den Kleinstadtking, seinen Sheriffkumpel und ein Rassistennest. Legt sich mit ihnen und den Hintermännern an, schützt die Schwachen und säubert die Stadt. Hardboiled feministisch.“ Louisa Lunas „Abgetaucht“ ist im April an Nummer 1 der Krimizeit-Bestenliste gesetzt. Der Suhrkamp Verlag hat in diesem Jahrhundert schon so etliche verdammt gute Kriminalromane verlegt (Andreas Pflüger, Don Winslow et al), und meine Leseprobe (Kapitel 1) lässt mich vermuten, dass auch dieses Buch ein Kracher sein könnte. Hardboiled halt. Die frauliche Variante. Alte Dashiell Hammett-Schule mit einem Twist.