Zeit der gesammelten Farewells

Die schönsten Fussballfeste haben immer auch etwas Melancholisches an sich, mal einen Hauch, mal ein heftiges Quantum. Das konnten wir gestern in Dortmund erleben. Einen Platz hatten wir zwar nicht im Stadion gefunden, dafür im Strobels, dem Biergarten direkt nebenan. Werner und ich liessen die Saison Revue passieren, und machten es uns bei Apfelschorle und Currywurst vor einem Bildschirm bequem. Selbst unsere Ladies konnten sich nicht jenem Hauch von Schönheit und Wehmut entziehen, als der Augenblick für die Ewigkeit gekommen war. Marco Reus liess Sekunden zuvor alle Luft aus dem Brustkorb entweichen, um maximal entspannt zu sein. Ein kurzer Anlauf, und der Ball, der knapp vor der Strafraumkante lag, nahm eine göttliche Flugbahn, und schlug, ratzfatz und messerscharf, im linken oberen Winkel ein. Der Torwart der Lilien soll, so heisst es heute, erst Sekunden später realisiert haben, dass ein Ball in seinem Netz lag. Ein besonderer Moment, aber letztlich tut die Zeit, was die Zeit eben so tut, sie tickt weiter. Und so nahmen die gesammelten Farewells ihren Lauf, wie in einer Ballade von Richard Hawley. Es war das letzte Spiel des Magiers vor heimischer Kulisse, Mats Hummels wird wohl auch gehen. Der berühmte Satz aus alten Märchen könnte nun hier seinen Platz finden, aber es gilt ja noch ein anderes Fussballmärchen zu schreiben, in vierzehn Tagen, in Wembley. Realistisch ist das nicht, aber was, bitteschön, heisst schon Realismus?!
On the record player the day after, and highly recommended:
- Don Cherry / Dewey Redman / Charlie Haden / Ed Blackwell (aka Old And New Dreams): Playing (eine fantastische ECM-Liveaufnahme aus Bregenz anno 1980, das Cover mit dem Fussballtor:))
- Richard Hawley: In This Town They Call You Love (das neunte Studioalbum von RH enthält natürlich eine weitere Hommage an seine Stadt Sheffield, mit der für ihn typischen alten Klangsprache aus der Zeit vor den Beatles)
- Michael Head & The Red Elastic Band: Loophole (ein grosser Geschichtenerzähler aus Liverpool)
on the way to Edeka,
just two songs on the way, I realized
that i now have for a second day what i
would diagnose a torn muscle fiber, and
that Joni Mitchell‘s Hejira is endlessly deep.„A floating lesson“ (Jessica Pratts Langspielplatte „Here In The Pitch“)
Laura Barton zählt zu meinen Favoritinnen, im Genre der Musikbesprechung. Unlängst erst sang sie ihr Loblied auf Beth Gibbons‘ vielschichtiges Album, und schon etwas länger ist es her, da besprach sie das aktuelle Album von Jessica Pratt, das bei City Slang erschienen ist. Ich habe erst heute ihren Text gelesen, denn ich wollte der Musik völlig unvorbereitet begegnen. Es war dunkel, ich zündete ein Kerzenlicht an, und fand mich im Nu in der so verlockenden wie gepenstischen Liederwelt der mir bislang nur vom Namen bekannten Sängerin wieder. Vom ersten spinnwebartigen Sound bis zum letzten Moment, breitet sich ein immenses Retro-Flair aus. Ich fühlte mich auf einer Zeitreise in meine frühen Zwanziger versetzt, in der das Staunen leicht fiel, wenn Astrud Gilberto mit Stan Getz das Mädchen aus Ipanema besang, oder ein gewisser Nick Drake in pastellgetönter Dunkelheit seinen „Pink Moon“ beschwörte, mit dem sanftesten vorstellbaren Gesumme. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der die Hunde jede Nacht bellten und der Mond immer voll war. Schon nach dem ersten Hören war ich verwundert, wie sehr mich Jessica Pratts Spiel mit alten Texturen einfängt, und stellte mir, hier und da, die klassische Frage der luziden Träumer: „Träume ich, oder wache ich?“

1979 veröffentlichte Joan Didion „White Album“, eine Auswahl von Essays, die Kalifornien am Rande der 1970er Jahre einfingen, als der Traum von der Gegenkultur ins Wanken geriet. „Eine verrückte und verführerische Wirbelspannung baute sich in der Gemeinschaft auf“, so beschrieb sie es. „Die Nervosität machte sich breit. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der die Hunde jede Nacht bellten und der Mond immer voll war.“Etwas von Didions Beschreibung findet sich in Jessica Pratts viertem Album Here In The Pitch wieder. Die Sängerin schöpft aus der zwielichtigen Geschichte ihrer Heimat Los Angeles, diesem besonderen Westküstengefühl einer amerikanischen Utopie im Aufbruch, um ihre bisher besten Songs zu schreiben. Geschichten über Sünden und Verbrechen und „böse Unschuld“ liegen unter einer musikalischen Palette von Bossanova und orchestralem 60er-Jahre-Pop. Die Melancholie bewegt sich unterhalb des Glanzes. Süße begräbt die Düsternis. Selbst der Titel des Albums deutet auf eine latente Bösartigkeit hin. Das fragliche „Pech“ bezieht sich sowohl auf absolute Dunkelheit als auch auf Bitumen, jene ölige, schwarze Substanz, die sich, nässend und unheilvoll, irgendwo unter der Erde bildet und an Orten wie den La Brea Teergruben in Los Angeles an die Oberfläche tritt.
Pratt hat davon gesprochen, dass sie bei der Konzeption dieser Songs von „großen Panoramaklängen träumte, die an das Meer und Kalifornien denken lassen“. Ihr Prüfstein war natürlich Pet Sounds, aber sie suchte die ruhigen Momente dieses Albums ebenso wie seinen barocken Schimmer; die Punkte, an denen man die Stille des Studios hören kann; das Gefühl, „dass man die Hand ausstrecken und die Textur des Klangs in der Luft berühren könnte“.
Die Textur des Klangs ist ein faszinierender Gedanke in Bezug auf Pratt. Ihre Stimme hatte schon immer eine ganz eigene, außergewöhnliche Zusammensetzung: sauer, körnig, süß und schilfig, wie in einer seltsamen Korrespondenz mit der sie umgebenden Luft. Auf frühen Aufnahmen neigte sie sich in Richtung Karen Dalton oder Joanna Newsom, etwas hoch und einsam. Hier ist ihre Stimme tiefer und müder – bei „Empires Never Know“ erinnert sie fast an die späte Marianne Faithfull. Diese Veränderung war ein bewusster Schritt; Pratt suchte nach einer körperlicheren Art des Gesangs für diese Platte. Das Ergebnis ist eine größere Bandbreite und eine tiefere Art von Dunkelheit.
Pet Sounds war nicht die einzige Inspiration für Here In The Pitch. Das Eröffnungsstück „Life Is“ schreitet wie eine Phil Spector-Nummer oder „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ von den Walker Brothers herein. Es gibt Bläser und Streicher und Mellotron, einen Gastauftritt von Ryley Walker an der Gitarre, während Pratt von Unsicherheit und halbseitiger Frustration singt und die Kreisförmigkeit ihrer eigenen Gedanken verfolgt, wenn sie feststellt, dass „Time is time and time and time again“.
Oft funktionieren diese Tracks auf diese Weise, indem sie eine Art songwriterischen Taschenspielertrick vollführen: die Musik bewegt sich hell in eine Richtung, während die Texte in die entgegengesetzte Richtung ziehen – klein, eng, imagistisch. Bei „Better Hate“ zum Beispiel plätschert die Musik in eine Richtung, während sich der Text in die andere Richtung bewegt: „Just a sad case, I’m nobody’s fool“, singt sie, als ob sie nach dem Weg nach San Jose fragen würde. „And you’ve won it all, but your smile’ll be gone/When you’re yesterday’s news“.Die Texte dieser neun Lieder zeichnen eine Welt, in der das Licht schwach ist und die Sonne untergeht, während der Herbst vor der Tür steht. Die Figuren sind gefangen und misstrauisch. Es gibt Bettler und Diebe, Ausgangssperren und Flüche, Leben „in der Mitte versunken“ und „Träume von Autobahnen“. Pratts Songwriting mag sich auf träumerische Zweideutigkeit stützen, aber die Themen auf Here In The Pitch fühlen sich vertraut an; eine Art modernistischer Springsteen, an den Pazifik gepresst.
Dies ist ein kurzes Album, das lange auf sich warten ließ, wie alle Platten von Pratt. Aber bei jeder Veröffentlichung hat man nie das Gefühl, dass ein Musiker um Ideen ringt, sondern eher, dass er ein Meister der Destillation ist. „Ich habe nur versucht, das richtige Gefühl zu finden“, sagt sie über die langsame Reise bis zur Veröffentlichung dieses Albums. Es zeugt von ihrem Talent, dass Pratt auf der Suche nach diesem Gefühl so viel von dem, was in der Vergangenheit für sie funktioniert hat, in Frage gestellt und ihren Sound, ihre Band und ihre eigene, viel geliebte Stimme neu konfiguriert hat.
Am Ende von Here In The Pitch scheint sie sogar neue Gedanken darüber zu haben, was sie überhaupt hierher geführt hat. Das einzige Instrumentalstück des Albums, „Glances“, kommt als sanftes, mit den Fingern gezupftes Motiv daher, wird von Bläsern überschwemmt und zieht sich dann zurück. Dieses wortlose Zwischenspiel reinigt den Gaumen vor dem Albumabschluss „The Last Year“, einem Stück, das sich als unerwartet hoffnungsvoll erweist, auf eine dunkle Art und Weise. „I think it’s gonna be fine, I think we’re gonna be together“, singt Pratt beschwingt. „Und die Geschichte geht ewig weiter“.
Mit diesen beiden Tracks weicht diese „verrückte und verführerische Wirbelspannung“. Die Nervosität lässt nach, die Hunde sind ruhig, und sogar der Mond wird schwächer. Wir sind aus dem Spielfeld heraus, scheinen sie zu sagen, lasst uns dem Licht entgegen gehen. (l.b.)
Die Stunde der wahren Empfindung
Nur zwei Flowworker sind richtig grosse Fussballfans, und wir haben es beide geschafft: Lajlas rote Teufel werden der zweiten Liga erhalten bleiben und den Betzbenberg eben nicht in eine kollektive Trauerveranstaltung verwandeln. Und der BVB erreicht unter der Führung des wunderbaren Edin Tercic zum dritten Mal ein Finale der „Champignon-Liga“, nach Ottmar Hitzfeld 1997 und Jürgen Klopp 2013. Dass wir in Wembley verlieren können, ist eingepreist, aber die Fallhöhe wäre lang nicht so hoch sein wie im letzten Mai, als der BVB die Meisterschaft gegen Mainz einen gebrauchten Tag erwischte. Das war ganz bitter, aber die Fans standen hinter dem Team, spendeten Trost zu Tausenden, obwohl das eigene Herz gebrochen war. Und nun also ein kleines Fussballmärchen, nach einer Saison voller mittelgrosser Enttäuschungen: und wir würden es Marco Reus so sehr gönnen, am Ende seines halben Lebens für den BVB endlich die „Krönung“ zu erfahren. Wer das Spiel gestern gesehen hatte, konnte sich mitreissen lassen vom aufopferungsvollen Fight der Jungs und dem coolen taktischen Konzept. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass womöglich weder Hummels noch Schlotterbeck zur EM fahren werden, trotz zweier Weltklasseleistungen gegen Paris. Aber das sind Marginalien. „It was a night when Borussia Dortmund penned one of the finest chapters in their history, a seemingly unremarkable team – low on stellar names – doing something utterly astonishing.“ (The Guardian) Am 1. Juni fahre ich nach Dortmund, und, selbst wenn es kein grosses Fussballmärchen würde, werden wir hinterher durchs Kreuzviertel ziehen, der Major wird die alte BBC-Kassette aus dem Archiv holen, und die tolle Radiostimme von Joe Strummer moderiert Nina Simone, John Cale, und Joao Bosco. In dem Trubel, egal, ob überschäumend oder ein wenig sentimental, werden wohl auch Gesichter aus alter Zeit auftauchen, und wir werden uns ein paar Stories zu erzählen haben. (Und hier natürlich der beste BVB Podcast, mit Sascha Staat und Kevin Pinnow.)
Ein unerschöpfliches, unwiderstehliches Triplealbum
Flowworkers do have their sweet darlings, musicwise. As you can see at the latests posts in sequence, Lee Perry is following Einstürzende Neubauten is following Pet Shop Boys is following ECM magic from old days. Might be as interesting as predictable what may come next. In regards to archival reissues, the first Gateway album from Abercrombie / Holland / DeJohnette will be reissued on ECM‘s Luminessence vinyl series on May 30 including new photos from that old session, and an essay by Wilco guitar maestro Nels Cline.

Es gibt, ihr alle kennt ihn, den „heiligen Gral“ in der Musikkritik. Der „heilige Gral“ taucht gerne auf, wenn es um vemeintliche Schlüsselwerke oder lang verschollene Alben geht. Ein durchaus seriöser Musikjournalist sprach beispielsweise einmal vom „heiligen Gral“ von Anthony Braxton, als es um die limitierte Neuauflage seiner Werke auf Arista Records ging, und ich konnte seine Begeisterung nachvollziehen, denn ich besass all diese Platten einmal, eine Serie von zwei Quartetten, einem Duo, und einer Big Band-Scheibe. Grandios. Hört doch nur das Album „New York, Fall 1976“, mit Braxton, Wheeler, Holland und Altschul, und ihr werdet aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Ich sah die Band später zweimal live, in Dortmund und Moers, und mir traten Tränen in die Augen, einmal, und eine Gänsehaut kehrte wieder und wieder. Vom „heiligen Gral“ ist auch immer mal wieder die Rede, und das seit Jahrzehnten, wenn es um Lee Perry geht, einem grossen Zauberer der jamaikanischen Musik. Ein Mann, der sich nur „Reggae Teacher“ nennt, schreibt über „Open The Gate“: „Diese Sammlung wurde 1989 in einer limitierten Auflage von Trojan Records veröffentlicht, zur großen Zufriedenheit der Reggae-Sammler, die zu diesem Zeitpunkt bereits mit himmelhohen Preisen für Perrys Veröffentlichungen konfrontiert waren, von denen viele in sehr limitierten 7″- und 12″-Pressungen aus Jamaika erschienen. Diese seltenen Veröffentlichungen sind die Quelle für diese einzigartige Zusammenstellung, die dem Geist dieses genialen „Verrückten“ entsprungen ist, durchdrungen von Ganja, Rum und exorbitanten Ideen. Es handelt sich um erweiterte Versionen mit einer Länge von 6 bis fast 12 Minuten! Music On Vinyl aus den Niederlanden bringt diese exquisite Auswahl 34 Jahre später wieder auf den Markt gebracht wurde.“ Ich habe mir vor ein paar Tagen No. 1704 zugelegt, und heute einen Lee Perry-Tag eingelegt. „Open The Gate“: Mr. Perry‘s „holy grail“? Don‘t know, but irresistible from start to end. Playground adventures!Ein unheimliches, schönes Doppelalbum
Jon Dale: „Blixa, there are ‘smaller’ themes there, too, like birds, feathers, wings, the raven, flight; “flighty dreams wisping about”.
Blixa Bargeld: „Yes, the birds are there.“
(excerpt from the new Uncut interview)
Mit Augenzwinkern bringen Blixa Bargeld und seine Weggefährten die Beatles ins Spiel, und manche von ihnen nennen das neue Werk „Yellow“, so wie wir einst „White“ sagten, wenn wir vom „weissen Album“ der Liverpooler Garagenband sprachen. Ausgangspunkt dieses bezaubernden, hypnotischen, einfallsreichen Doppelalbums sind die „Rampen“, wie die Band ihre freien Improvisationen auf Live-Konzerten nennen. Sie haben keinen George Martin, aber, unter sich, genügend ausgefuchste Klangarchitekten für die Post-Produktion. Das Einstürzende bleibt so sehr Merkmal all dieser post-krautigen Kunstlieder, wie der Neubau, will sagen, der geträumte Horizont, der sich hier in all die vermeldeten Verstörungen und Niedergänge unseres Planeten schmuggelt. Blixa kennt seinen Bloch und das Quantum Utopie, das auf dem „gelben Album“ ergreifend und elegisch serviert wird, und nicht selten mit gutem dunklem Humor. „Alien Pop Music“ ist der werte Untertitel, aber, keine Sorge, hier wartet kein Elfenbeinturm auf angestrengtes Sightseeing. Es gibt einen ganz instinktiven, unmittelbaren Zugang zu dieser tollen Musik, mit ihren luftigen wie erhabenen Pulsen, ihren Mantras, Sinnsprüchen, Sprachhexereien, Momenterfindungen, Brüchen und Beschwörungen. Ganz ohne Augenzwinkern wird man „Rampen“ in hundert Jahren neben „Tago Mago“ von Can platzieren, wenn von den aufregendsten Doppelalben aus alter Zeit made in Germany die Sage geht, von Improvisationskunst und ritueller Rockmusik.
opening gates

In den letzten zwei Tagen legte ich mir ein paar neue (alte) Platten zu, einen all time favourite aus dem Hause ECM („Magico“ von Gismonti / Haden / Garbarek, via Discogs, ein „original“ near mint, nach den Jahren mit der LP besass ich ewiglang die CD, jetzt back to the roots, eine absolut audiophile Scheibe, five stars), ein weiteres magisches Triplealbum aus Jamaika (das mir vor zwanzig Jahren abhanden kam und von Music on Vinyl unlängst neu aufgelegt wurde – ein Schnapperl bei a-Musik in Köln namens „Open The Gates“, von Lee Perry and Friends), sowie ein Doppelalbum von Red Hook Records (gar nicht billig), ein kompletter Blindkauf (nie gehört, aber, mit Blick auf die Besetzung, und Jason Morans himmlisches Klavierspiel auf Charles Lloyds neuem Doppelalbum hundertpro kein Reinfall). BlankFor.ms: electronics, tape loops, processing / Jason Moran: piano / Marcus Gilmore: drums / Recorded: 26-27 May 2022 / The Bridge Studio, Brooklyn NY / Engineer: Amon Drum / Mixing: Rick Kwan / Mastering: Taylor Deupree / All photos: Arianna Tae Cimarosti /Cover Art: Laura Charlton / Design: Matthew Appleton / Video: Ingo J. Biermann / Produced by Sun Chung. Ich bin gespannt. Und die anderen zwei im Bunde: „Magico“ ist eines dieser Alben, das ich immer hören kann, und immer fesselt. Und wenn es nur eines geben darf, ist es mein ECM-Lieblingscove! „Open The Gates“ ist ein Werk aus Perrys „salad days“ im Black Ark Studio, und es hört einfach nicht auf, in seine Schichten, Winkel und Horizonte zu locken. Wie kam ich nur so lange ohne dieses Opus aus?! Ein Stückweit verwandelt man sich beim Hören selber, was kein esoterischer Quatsch ist, sondern leicht nachprüfbare Bewusstseinserweiterung. Ich rede hier von feinen, kleinen Erhellungen, die mintunter grössere Effekte haben als pompöses Erkenntnistamtam! Just put it on, and play it loud! Das gilt natürlich auch für „Magico“ – wer sagt, dass man ECM-Platten leisen hören sollte?!
16 (1971) – „We‘ll talk about it now“
Vorgestern kam Wolfgang F. aus meine Klasse von 1973 zu Besuch, „der alte Schwede“, und ich erfuhr etwas, was der London-Film unserer Klassenfahrt mit Dr. Egon Werlich (hier seit den Jahren der Manafonisten wiederholt als bester Lehrer meines Lebens geadelt, neben Leonard Cohen), unterschlug. Als ich zu schnell, mit hohem Fieber, zurück in der Heimat war, trieben sich einige de Jungs in der Wardour Street rum, und erlebten Donovan live. Im Marquee Club. Das habe ich dann doch, mit dem Abstand von einigen Dekaden, betrauert. Es sollte genau zehn Jahre dauern, dass ich selbst wieder mal im Marquee auftauchte (nach Stramhammer im Jahre 1971), an einem regnerischen Wintertag. Jah Wobble and The Invaders Of The Heart. Aber Donovan: viele wissen gar nicht, was er für wundervolle Alben gemacht hat, und halten ihn für eine blasse Dylan-Kopie der einen Räucherstäbchen-Hipppe. Ich schweife ab.
Ein Plattenladen in Paignton. EF-Ferienreisen. Sommer 1971 (ich bin dieweil unglücklich in Regina verliebt, eine Pfarrerstochter aus der Bittermark, und es entsteht, unter englischen Palmen, ein kleines Techtelmechtel mit einer baldigen Hockeyspielerin aus Neuss). Ich erlebe in einer urigen Fish’n’Chips-Bude den Dicken von Hot Chocolate – er scheint mir high zu sein.
Ich wohne mit einem, der noch längere Haare hat als ich, in einem Zimmer eines sehr alten Hauses im ersten Stock. Sehr sympathische Gastgeber, ohne Groll gegenüber den Nachgeborenen des Zweiten Weltkrieges. Dann also vor diesem Plattenladen, Nase an die Scheibe gedrückt. Da drin, in der Auslage, der Anfang einer sich als sehr stabil erweisenden love affair, After The Goldrush, von Neil Young.
Es wird meine erste Platte des jungen Young, und einen Tag später kann ich schon mit Neil „Tell Me Why“ im Duett singen, auswendig gelernt vom beiliegenden, krakeligen Textblatt. Die nette Familie stellt uns den Plattenspieler zur Verfügung. Gott, ist „Southern Man“ ein Hammer – für mich ein antifaschistischer Song – ich gehe dermassen im Sound auf, dass für Lyrikdeutung keine Zeit bleibt.
Aber in der Auslage, neben Neil, steht noch ein Album, nur habe ich weder das Taschengeld noch den Übermut, es mir auch noch zuzulegen. Das Cover berührt. Etwas Uraltes, Urenglisches, Dublin 1916, Geschichtsunterricht, und drumherum, um so viel schwarzen Raum, hippie coloured portraits. Daheim in Dortmund schlage ich zu, vielleicht las ich eine begeisterte Besprechung in Sounds. Heute gilt es als Klassiker der englischen „Jazz-Rock-Historie“ (unangefochten meine Nummer 1 dieses Genres, „Third“ von Soft Machine). Vor Ewigkeiten kam mir Nucleus abhanden. Auf gefühlten 12 Umzügen. Haben sie je ein besseres Album gemacht?
Mehr als ein halbes Leben später habe ich mir, vor einem Jahr, die Platte erneutbzugelegt. Mastered from the original analog tapes. We‘ll talk about it later. Von Nicleus. Und die Scheibe paclt mich immer noch in grossen Teilen. Später, auf mein Mixtape für Regina, kam dann aber nichts von Nucleus – ich versuchte es mit den Kinks, mit Genesis, und Neil Young, nutzte auch nichts – „only love can break your heart“.)
Ich war 17, hatte meine Baskenmütze auf dem Kopf, und sass auf einem Pier in Torquay. Ich sah auf die Palmen und hatte bis zu diesem Trip nach England nichts von den Palmen und dem Golfstrom dort gewusst. Vor mir auf der Kai-Mauer lag ein kleines Taschenbuch über das richtige Pfeiferauchen. Ich hatte alles Nötige dabei, und auch den Tabak meiner Wahl. Da es der einzige Tabak ist, den ich je in einer Pfeife rauchte, habe ich ihn nie vergessen: „Mac Baren‘s Mixture Scotish Blend“ verströmte einen süssen Honigduft, das Whisky-Aroma liess sich allenfalls erahnen. Er galt, wie ich las, als zungenfreundlich, ein Tabak, der langsam und kühl abbrennt, wenn er mit Bedacht genossen wird. Ich befolgte die Anweisungen zum Stopfen der Pfeife sorgsam, aber im Endeffekt scheiterte ich, immer wieder ging mir nach wenigen Zügen die Glut aus. Eine klare Niederlage. Wie in der Zeit davor, in der ich mir das Bridgespielen beibrachte, aus dem dann ein Solo für Vier wurde, weil kein Kumpel das Spiel lernen wollte. Ich hatte die Lektion gelernt, und mir später ein Buch mit Patiencen besorgt.
Das alles kommt mir in den Sinn, weil gerade „Coral Island“ läuft, das neue Doppelalbum von The Coral: und wenn man auch nur das kleinste Faible für englische Küstenkäffer hat, sind bei diesem Album Zeitreisen garantiert. Echos von den Beatles bis Leonard Cohen, von den Small Faces bis zu den Kinks, aber doch eine ganz eigene „Geisterwelt“.
Damals, auf diesem Pier in Torquay, als ich an der Pfeife scheiterte, ist noch etwas passiert, das ich nie vergessen werde. Ein grosser Hund mit Schlappohren, eine Promenadenmischung, kam zu mir angetrottet, kein Besitzer war weit und breit zu sein, und er hockte sich zu mir. Wir erzählten uns ein paar Geschichten, jeder auf seine Art. Er hiess Joe. Irgendwann signalisierte er mir, ihm zu folgen, und über einen Steg gelangte ich auf ein luxuriös augestattetes Boot. Klein, aber oho! Wir machten es uns dort gemütlich, er mit einem, Knochen, ich mit einem Fernrohr, das ich in der Kajüte fand.
Dann muss ich eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, waren wir auf offener See, und ausser dem Hund und mir war weiterhin niemand an Bord. Ich sah in der Abenddämmerung das Funkeln der Lichter der Küstenpromenade, und pure Freude durchströmte mich. Ich erkannte Fetzen eines Songs, wohl aus einer Jukebox, und aus weiter Ferne, „Mellow Yellow“ von Donovan. Wie kann ein Lied so unbedrängt aufs Meer hinaus fliegen? „…Born-a high forever to fly….A-wind-a velocity nil….Born-a high forever to fly…If you want, your cup I will fill…“ Aus meinem Rucksack holte ich ein Büchlein über das ABC des Bootfahrens. Wir waren gerettet.
“every dog has his day, and some even have two“

In memory of Paul Auster. Ab und zu kommen mir kleine Lese- und Filmempfehlungen zu, von guten Bekannten, die wissen, dass zuweilen ein Liam Neeson-Actionfilm mehr Charme hat als ein zerebraler Problemfilm mit hölzernen Dialogen und dem Gewicht der Welt hinter jeder Gardine. Abends zum Abhängen. Die Kumpels wissen auch, dass kluge Hunde jedem Film förderlich sind. Also, „Honest Thief“ war richtig was fürs Herz, und spannend. Und ein cooler Hund kam auch darin vor, oder, besser, ein empathischer Hund. Am besten sind coole und empathische Hunde. Liam spielt darin den „In & Out“-Banditen, eine gar nicht so schlechte Liebesgeschichte ist auch noch dabei. Nicht so ein Quatsch mit Bindungsängsten. Vielleicht kennt ihr „The Art of Racing In The Rain“. Ein Hunderoman von Garth Stein (s.o.), mit Tiefgang und hohem Flauschfaktor. Die Hauptrolle wird von einem philosophischen Hund besetzt, der manche meiner damals im Proseminar hockenden Kommilitonen ziemlich alt aussehen lassen würde – jedenfalls ein ganz feiner Schmöker. Schon anspruchsvoll, wenn man nicht zu anspruchsvoll ist. Manche Menschen, die sich als sehr anspruchsvoll begreifen, haben einen an der Waffel. Paul Auster hat auch mal einen sehr feinen Hunderoman geschrieben, der kam in der seriösen Literaturkritik nicht so gut an wie bei mir. Paul Auster ist nun auch nicht mehr unter uns, mein liebster Auster-Roman war „Mond über Manhattan“. Ds bin ich wahrlich zwischen den Buchdeckeln verschwunden. Aber ich schweife ab. Es ist mal wieder Zeit für Laurie Andersons bewegenden Hundefilm. Und, keine Frage, der allerbeste Hund, der mir zuletzt begegnet ist, heisst „Wiley“ und begleitet John Sugar durch die Strassen von Los Angeles. In der vierten Folge, das kleine Gespräch von Colin Farrell und Amy Ryan im Auto, über das Traurige im Leben, und was es vielleicht sonst noch gibt – what a nice little dialogue! Ich weiss gar nicht mehr: hat Wiley hinten gesessen und den beiden zugehört? Sorry. Ich bin auch nur ein Mensch, und wie mir mein Sancho damals das Rauchen abgewöhnte, ist immer noch ein ganz herrlich auf den Hund gekommener Klassiker der Kurzzeitpsychotherapie.
22. Juli 2015. Vor Langeoog. „People Take Pictures Of Each Other“. Der letzte Song von Seite Zwei, feine Vinylpressung, 2015 neu in Mono aufgelegt. Mono kann so gut klingen. Die Reise beginnt. Zuhause bleibt alles, was mediale Kommunikation ermöglicht. Nur das Handy für Notfälle (verirrt im Watt) – vier Tage, fünf Nächte, ein Buch. Das Auto bleibt auf dem Festland. Sancho und ich. Das Wetter bewegt sich konstant um 20 Grad herum, der Leuchtturm ist nicht so entlegen, wie ich es am liebsten habe, ich kenne ihn seit meinem achten Lebensjahr. Die Insel ist mir vertraut, überall Dejavues mit jüngeren Ausgaben meines Ichs, und all jenen, die lange fort sind, fast aus dem Sinn. Hier ist die Buchhandlung, in der ich Peter Rühmkorffs Gedichtband „Haltbar bis Ende 1999“ kaufte, dort ist das Cafe, deren Tortengrösse sich wohl seit den ersten Wallungen der Wirtschaftswunderzeit nicht verkleinert hat. Rumtorte, riesig, reine Nostalgie. Die Sandorntorte im Leiss. Pflaumenkuchenorgien. „Banana Split“ war in der alten Bundesrepublik mal so exotisch wie ein afrikanischer Klangtraum von Les Baxter in einem lang versunkenen Amerika. Der erste Stau auf der Fahrt in den Norden. Morgen der erste Sprung in die Wellen. Im Auto laufen The Kinks. Sancho liebt das Autofahren. Er träumt, wie ich herausfand, meistens in Farbe. Ein psychedelischer Hund. Ich würde mich jetzt gerne mit Ray Davies unterhalten. Ich bin träumendes Mitglied der „Village Green Preservation Society“. Es gibt einen kleinen Dschungel auf der Insel, mit Teestube. Die Dämmerung der Kindheit darf nicht verloren gehen.