• Lovers Rock, and other healing music

    It is a very good blog, and Stephan Kunze’s „Zen Sounds“ delivers in the same way as we deliver when something hits us deep. You just have to pay. Being hit deep, that happened lately, when Stephan listened to the new album „Soft Power“ by Ezra Feinberg, a Jewish psychoanalyst, living in Brooklyn. Like Stephan and me, Ezra, too, fell in love withe Steve McQueen’s fabulous film Lovers Rock. Mr. Feinberg sees one scene particularly before his eyes that inspired the musician and composer. A quote from Stephan Kunze‘s text:

    “It’s at this London soundsystem party in the late 70s, an incredible long shot of people dancing and singing at the top of their lungs, just this ecstatic release. We would have these reggae dance parties in our apartment, just my wife and I and our two little kids, listening to the song ‘Silly Games’ from that scene in the film. It was a way to keep joy alive.” While those living-room parties inspired the vibe of Feinberg‘s  Soft Power, it’s clearly not a reggae or dub record. “The influence is not on the musical surface”, he nods, “but the spirit is very much there.” While those living-room parties inspired the vibe of Feinberg‘s  Soft Power, it’s clearly not a reggae or dub record. “The influence is not on the musical surface”, Ezra nods, “but the spirit is very much there.” Soft Power is an irresistibly joyous album but difficult to categorize – somewhere between ambient, jazz, minimal music, krautrock and outsider pop, its rich sound palette mainly derived from analog synths, organs, acoustic guitars and wind instruments.“

    (Meanwhile I do have the audio files at my place, and a quiet hour soon will decide, if Ezra‘s music is just nice or interesting, or if it hits me that deep, that it will find its place into the Klanghorizonte at the end of July.)

  • Sequencing an hour of jazz & improvised music

    When the Punktfestival, Kristiansand, will open its gates in early September, this album is about to be released. And what an album it is (that I can say after a first listening session some hours ago)! Two months earlier this work, simply named „Punkt Live Remixes, Vol. 2“ (by Sidsel Endresen, Jan Bang and Erik Honore), will be one album (and a central one) in my edition of „JazzFacts“ at Deutschlandfunk radio, 9.05 p.m. July 4th.

    By the way, and in regards to depth and flow and sensuality, these „live remixes“ of Sidsel, Erik and Jan certainly belong to the „class A“ works of explorative „song worlds“ from Beth Gibbons‘, Norma Winstone‘s, Jessica Pratt‘s and Julia Holter‘s 2024 records – with the small difference that Sidsel‘s vocal journeys are strictly stepping back from „words with meaning“. And it will be a special pleasure – within my jazz hour – to compare the albums of Sidsel and Norma in regards to their very different approach to language.

  • Monthly Revelations (June 2024)


    ALBUM – Warrington Runcorn New Town Development Plan: Your Community Hub FILM – Das leere Grab (von Agnes Lisa Wegner & Cecile Mlay) PROSE – Nils Jockel: Kellertänzer TALK – „Der mit den Tönen tanzt“ (Jan Bang) POETRY – „Wenn der Ostwind weht“ (Cornelia Schleime) BINGE – „The Return Of Twin Peaks“ (David Lynch) ARCHIVE – Jonny Trunk: Audio Erotica (Hi-Fi Brochures 1950s – 1980s)

  • “All these blue moments“

    Ich erinnere mich an den Pausenhof des Max Planck-Gymnasiums, 15 Minuten zu Fuss vom Stadion Rote Erde entfernt, wohin wir ab und zu zum Training hingingen, und ich endlich ein Autogramm meines grossen Helden Hans Tilkowski  bekam. Ich erinnere mich, wie Klaus, unser bester Gitarrist, immer wieder die berühmten „Ba Ba Ba‘s“ von „Barbara Ann“ intonierte, und wir mit Leib und Seele die Mehrstimmigkeit probten. Wir waren offen für die kalifornischen Botschaften der Beach Boys. Den Beatles standen sie viel näher als die Stones, und man weiss, was Brian Wilson alles anstellte, um ein transatlantisches Pendant von Sgt.Pepper zu entwickeln. 

    Ich erinnere mich, wie ich 1990, um Mitternacht herum, John Zorn nach einem Konzert mit „Naked City“, in seinem Mannheimer Hotelzimmer interviewte, und er mir seine Version der tiefen Melancholie vieler Brian Wilson-Songs kundtat, eine abgrundtiefe Tottraurigkeit, die sich in  vielen Winkeln der Lieder verbarg und, als Unterströmung,  die Klänge von Glück, Strand und Liebe dezent aushebelte, und die so viel früher, als es die späteren Hollywood- und Drogendramen besorgten, manch naive Hippieträume zu Grabe trug.

    Vielleicht habt ihr „Love and Mercy“ gesehen, das Brian-Wilson-Biopic von 2014: da gibt es einen Moment, in dem sich Paul Dano als junger Brian ans Klavier setzt und einen Song spielt, den er gerade geschrieben hat. Als seine Hände die ersten Akkorde von „God Only Knows“ spielen, überkommt uns ein Gefühl des schieren Staunens. Ich meine, woher kamen diese Sachen, diese Stimmlagen, diese Progression, diese Melodie?  

    Darüber und über vieles andere habe ich nachgedacht, als ich Anfang des Monats las, dass Brian aufgrund seiner fortschreitenden Demenz und nur wenige Wochen nach dem Tod seiner zweiten Frau Melinda unter eine formelle Vormundschaft gestellt worden war. „Won’t last for ever“, sang er  1964 mit großer Voraussicht auf einer großartigen Single. Sechzig Jahre später hat ein Gericht in L.A. entschieden, dass seine persönlichen, medizinischen und finanziellen Angelegenheiten von nun an unter der Kontrolle seiner Familie und seiner Freunde stehen.

    Im Auto hörte ich an diesem Tag einige Lieblingslieder, von „Surfer Girl“ bis „Surf’s Up“ und darüber hinaus. „Please Let Me Wonder“. „Wendy“. „Girls on the Beach“. „Caroline, No“. „When I Grow Up (To Be a Man)“. „Let Him Run Wild“. „The Little Girl I Once Knew“. „She Knows Me Too Well“. „The Warmth of the Sun“. „Kiss Me Baby“. Und natürlich „Don’t Worry Baby“, das wahrscheinlich mehr von der Essenz in einem einzigen Stück zusammenfasst als alle anderen: die sonnengeküssten Harmonien, die Autos, die Mädchen, die jugendliche Verzückung und die narürlich wieder unterschwellige Traurigkeit. Und die Art und Weise, wie Brian anfing, die Standardbesetzung Gitarre-Tasten-Bass-Schlagzeug wie eine neue Art von Orchester klingen zu lassen.

    Und dann sah ich mir „The Beach Boys“ an, eine neue 112-minütige autorisierte Dokumentation unter der Regie von Frank Russell und Thom Zimny, die die Geschichte der Gruppe von ihrer Gründung in der Garage der Familie Wilson in Hawthorne, Kalifornien, im Jahr 1961 bis zum Comeback in den frühen 1980er Jahren erzählt. Als Stream könnt ihr euch das jetzt auf Apple + anschauen. Eine sinnvolle zeitliche Einschränkung, auch wenn sie bedeutet, dass Brians  Renaissance im 21. Jahrhundert mit den Pet Sounds-Konzerten und der SMiLE-Neuauflage ausgelassen wird. Ich sah Brian Wilson damals in der Frankfurter Oper, und es war sehr speziell.  Nun, ich habe hier eigene Erinnerungen mit dem neuesten Text von Richard Williams verwoben. Nebenan zu lesen in seinem Blog „The Blue Moment“. Es gab bekanntlich schon viele Filme über die Beach Boys, und dieser hier ist sehenswert allein wegen seiner Fülle an Archivmaterial, auf und abseits der Bühne. Und nicht nur deshalb. All these blue moments, you know what I mean. Allerdings verdanken sich diese „blue moments“ nicht einer kritischen Reflexion, da gehen die Macher eher mit Märchenonkelnbrille ans Werk, sondern unserem „Lesen zwischen den Bildern“. Das sanfte Erschauern beim Eintauchen in alte Zeiten. The impact of childhood and singing „Barbara Ann“ on the schoolyard.

  • „Matala Memories“

    2022 sah Brian Eno dieses keineswegs besondere Foto im Rahmen einer Mail, und er wollte in dem Moment auch gern auf Kreta sein, schrieb er mir. 1970 sah Joni Mitchell natürlich auch diesen Küstenwinkel, als sie mit ihrem flüchtigen Lover Station machte und die Anfänge zu dem Song Carey schrieb. Ich habe dort einen Abend lang, was ein wenig abwegig und leider auch abschüsssig war, in einer dieser Höhlen im Schlafsack verbracht, weil ich zu gerne via Trauminkubation in das hippieske Matala zu Beginn der Siebziger zurückreisen wollte. Immerhin hörte ich die erste Seite von Evening Star im Ohr, von Fripp & Eno. Als ich dann im Dämmer fast ins Meer gepurzelt wäre, brach ich die Unternehmung ab. Im  Widerschein fahler Lampen, sah ich wie aus dem Nichts die Umarmung eines Paares, das sicher schon vor Ewigkeiten den Anblick des Mondes geteilt hatte. Er der ewige Hippie, der hier seit dem summer of loveLiebschaften aneinanderreiht, sie mal wieder vor Ort, und ihre Sprache, mal radebrechendes Griechisch, mal Heraklion-Airport-Englisch, mal Schwabendeutsch. Ein leicht ermüdeter Abglanz. The circle game.

  • Reise um den Jazz in 55 Minuten


    The flowworker all star think tank ensemble is kindly asked for input of uninhibited brilliance!

    Am 18. Juli um 21.05 Uhr widmet mein Kollege Michael Frank Joni Mitchell eine knappe Stunde. „Both Sides Now“ nennt er seinen Ausflug in die Jazzwelten von Joni Mitchell. Zwei Wochen vorher gibt es, am 4. Juli, ebenfalls im Deutschlandfunk, meine Ausgabe der JazzFacts mit Neuem von der improvisierten Musik. Ich habe keine Ahnung, was Odilo Clausnitzer Anfang Juni vorstellen wird, aber ich ahne, er wird mir einiges, und das mit guten Gründen, vor der Nase wegschnappen, wie das aktuelle „Borderlands“-Doppelalbum bei Intakt, das Oded Tzur-Album bei ECM, auch Bill Frisells „Orchestras“ (Blue Note) sind fast schon überfällig (s. Besprechung von Richard Williams in The Blue Moment). Wer weiss, ob das „Central Park“-Opus mit Wadada Leo Smith dann nicht auch schon „Geschichte“ ist. Immerhin habe ich wenigstens Niklas Wandt beauftragt, ein feines, experimentelles Werk aus dem Hause Pyroclastic vorzustellen. Das Label Clean Feed bietet mindestens einen Kandidaten (s. Coverabbildung, oben). Sonst gibt es keine festen Buchungen, auch Tom Skinners „Voices Of Bishara Live at Mu“ (International Anthem) will erst noch gehört werden. Ich bin neugierig, was sich in den nächsten Wochen einfindet. Zuletzt konnte ich aus dem Vollen schöpfen, aber nun nähert sich die sommerliche „Jazzpause“. Ich hoffe auf Sidsel Endresens Cd von „Punkt Editions“, aber das wäre fast schon ein Vorgriff auf dem Herbst. So viele Namen rauschen durch diese Zeilen durch, und es ist fraglich, ob all das am Ende eine kompakte Struktur annimmt voller Leit- und Unterthemen – oder ob die Hörer, mit jeder Neuvorstellung, in eine gänzlich andere Welt transportiert werden. Es darf improvisiert werden. Let’s call it an „outpost of dreams“.

  • Journeys

    Der Sommer nähert sich, die Zeit der „beach books“, der Alben, die einst unseren „summer of 24“ definieren werden. Lange habe ich keine „favourite tv shows“ mehr notiert, und so stöberte ich in den letzten 72 Stunden, nach dem Wiederhören eines Rune Grammofon Klassikers, in aktuellen und alten Gedächtnisspuren, auf der Suche nach flüchtigem und andauerndem Glück (trans-medial), den Tiefen mit Flowfaktor 10/10 auf der Spur. Natürlich ist und bleibt das „strictly personal“, doch wird der eine und die andere fündig werden, auch mal den Kopf schütteln, und vielleicht so manchen „lifer“ entdecken. Das hat natürlich auch mit Suche nach verlorener und gewonnener Zeit zu tun, mit der Schallplatte „Chiaroscuro“, und anderen „desert island experiences“. Ich widme diese Liste der „Grossartigkeiten“ unserer Pflegetochter Marjan, die bald mit dem „blauen Pass“ in hundert Länder reisen darf, und mir gestern ein paar Urdu-Passagen übersetzte aus dem neuen Album von Arooj Aftab, das den Texturen der Nacht nachspürt.

    Fünf „beach books“ (die man auch anderswo lesen kann):

    1. Katja Eichinger: Das grosse Blau (ein Traum für ein Flowworker Parallellesen)
    2. Andreas Pflüger: Endgültig (besser spät als nie entdeckt)
    3. Rupert Thomson: How To Make A Bomb
    4. Shehan Karunatilaka: Die sieben Monde des Maali Almeida
    5. Ron Rash: Der Friedhofswärter (bin auf Seite 112, bis jetzt klasse!)

    Fünf neue „women‘s albums“:

    1. Beth Gibbons: Lives Outgrown *****
    2. Julia Holter: Something In The Room She Moves ****1/2
    3. Jessica Pratt: Here In The Pitch ****
    4. Arroj Aftab: Night Reign ****
    5. Sam Morton: Daffodils and Dirt ****

    Fünf Serien der Marke „deep and thrilling“:

    1. John Sugar (one season only)
    2. Shogun (one season only)
    3. Criminal Record (one season only)*
    4. Blue Lights (season 1&2)
    5. Peaky Blinders (the whole journey, six seasons)**

    *Criminal Record is unnerving television. A modern-day hard-boiled detective story with intricate plots, the morally ambiguous, and plenty of suspense and intrigue. There’s everything you’d want from a contemporary London-set thriller here…

    **We‘re happy to report that we fell hard for Peaky Blinders. However familiar its building blocks, the U.K. gangster drama is positively bursting with irrepressible energy, and it’s proof that, whatever a show’s premise, capable execution is everything. A dance from abyss to abyss. Noir and deep. There is probabyly no lover of Nick Cave‘s musical worlds who doesn‘t fall for this epic journey. P.J. Harvey, Leonard Cohen, Tom Waits, all these usual suspects, are joining the festival of noir. On the last two seasons Anna Calvi delivers. Sometimes haunting and overwhelming, always powerful and affecting, Calvi brings Shelby’s life before our eyes purely with her sound. Impressively, she plays all of the instruments – including ones she was less comfortable with, namely violin, piano and percussion – the results are unforgettable and the rawness is completely intended.

    Fünf „journeys into the past“:

    1. American Analog Set: New Drifters (boxset from Numero Group that makes me want to write a long poem of 30 pages.)
    2. Cluster: Zuckerzeit (the eccentric country cousin to the sleek futurism of Kraftwerk’s Autobahn, another 50-year-old.)
    3. Henriksen / Bang / Kleive: Chiaroscuro (a Rune Grammofon classic)
    4. Mal Waldron: The Call (a truly buried ECM treasure from 1971)
    5. Neil Young & Crazy Horse: Fucking Up (wild reimaginings of „Ragged Glory“)

  • „Leaving the dream“

    Zum ersten Mal hörte ich einen Song von „Hejira“, in einer Radiosendung im Westdeutschen Rundfunk, nachmittags. Welche Nebensächlichkeiten sich da einbrennen – ich sehe ein herbstliches Nachmittagslicht im Garten, Karl Lippegaus moderiert, es regnet graue Schleier, Jonis Stimme strömt aus Lautsprechern aus Mahagoniholz, und ich weiss, dass diese Musik nicht einfach bloss nachhallen wird, sie wird Begleiterin sein, from station to station, all ihren Fluchttendenzen und Flüchtigkeiten zum Trotz. Das Lied besass etwas, das, wie sich bald herausstellte, alle Songs des Albums auszeichnet, einen vorwärtstreibenden, sanften wie unnachgiebigen Puls, ein Flirren wie von Luftspiegelungen erzeugt. Jeder, der das Album lieben gelernt hat, sieht in diesem Moment das Cover vor sich, das perfekt zu den Texturen der Musik passt. Die Juli-Ausgabe von UNCUT erzählt die Geschichte, viele Geschichten, die sich um Hejira ranken. Und sie beginnt ungefähr so:

    „Im März 1976 packte Joni Mitchell ihr Auto – einen großen, kastenförmigen Mercedes 280 SE, den sie Bluebird nannte und den sie 1969 mit ihrem ersten Tantiemenscheck gekauft hatte – und begab sich auf die I-15, um nach Damariscotta, Maine, zu fahren, das sehr, serh weit von Los Angeles entfernt war. Sie hatte keinen Führerschein, aber das sollte sie nicht aufhalten. Eigentlich sollte sie The Hissing Of Summer Lawns in Europa promoten. Stattdessen begab sie sich auf eine wilde Verfolgungsjagd quer durch das Land, mit einem alten Liebhaber und seiner neuesten Flamme sowie mehreren Anhängern voller emotionaler, psychologischer und pharmazeutischer Probleme.

    Ein paar Monate später kehrte sie nach LA zurück, nachdem sie über 10.000 Meilen zurückgelegt hatte. Sie war allein durch das ganze Land gefahren, um den Golf von Mexiko herum, durch den tiefen Süden und die Sonora-Wüste. Ihre Verluste waren zahlreich: ein Verlobter (ihr Schlagzeuger John Guerin), ein Haufen Geld von der abgesagten Tournee, ein Großteil ihres kommerziellen Erfolgs, ihr Ego (für drei Tage, nachdem sie zu Beginn ihrer Reise in Boulder dem abtrünnigen buddhistischen Guru Chögyam Trungpa begegnet war), und anscheinend eine ganze Oktave ihres Stimmumfangs. Aber sie kehrte von ihren Reisen mit einer seltenen und kostbaren Traumfracht zurück: den neun Songs, die Hejira bilden.“

  • Diese Anklage ist richtig

    Das Abgrundtief-Niederträchtige ist der Hamas genauso zueigen wie den Kriminellen der israelischen Regierung, die willentlich an einem Genozid in Palästina mitwirken, durch die Ermordung von Kindern, Frauen und zahllosen anderen Unschuldigen. Und durch die jahrelange Duldung der Ermordung von Palästinensern durch faschistoide israelische Siedler. Hier eine Klarstellung von Ronen Steinke aus der SZ. (M.E.)


    Nimmt man den gesamten Globus in den Blick, wie dies ein Internationaler Strafgerichtshof tun sollte, dann gibt es gewiss viel grausamere Kriegsherren als den seit zusammengerechnet 16 Jahren regierenden Premierminister Israels, Benjamin Netanjahu. Man braucht nur direkt nebenan zu schauen, im Nachbarland Syrien sitzt – vom Internationalen Strafgerichtshof unbehelligt – ein Diktator in zweiter Generation, Baschar al-Assad, der Zehntausende Menschen in Folterkellern verschwinden lässt, Fassbomben auf Wohngebiete abwerfen lässt und dabei nicht einmal so tut, als würde er, wie Netanjahu, einen grundsätzlich legitimen Verteidigungskrieg führen müssen.

    Blickt man in die Galerie der jüngeren Zeitgeschichte, dann sind es sogar überhaupt nur wenige Regierungschefs, die jemals offiziell durch die internationale Justiz zu Straftatverdächtigen erklärt worden sind. Was nun mit Netanjahu geschieht, ist selten: Am Montag hat der Chefankläger des Weltstrafgerichts verkündet, er wolle einen Haftbefehl gegen den Israeli erwirken, ungeachtet aller amtlichen Würden – so wie zuvor etwa gegen den Russen Wladimir Putin, der sein Nachbarland ohne jede glaubwürdige Rechtfertigung überfiel. Oder einst auch gegen Slobodan Milošević, den politischen Einpeitscher der serbischen Völkermörder-Truppen in Srebrenica und an vielen weiteren Orten des Balkans.

    Mit der Totalität jener Angriffskriege kann man die schwierige Kriegsführung Israels gegen eine Terrorarmee, die Kibbuzim und Dörfer angegriffen hat und sich seither in Tunnels und hinter Zivilisten verschanzt, nicht vergleichen. Mit ihnen aber wird man den Israeli Netanjahu jetzt rechtshistorisch in eine Reihe stellen. Das ist die Bedeutung dieses juristischen Schrittes in Den Haag. Auch wenn es noch einige Tage dauern dürfte, bis die Richter dort aller Erfahrung nach dem beantragten Haftbefehl zustimmen, und auch wenn Netanjahu dann noch länger auf freiem Fuß bleiben dürfte, weil der Staat Israel ihn natürlich nicht ausliefert.

    Und trotzdem: Nichts von diesen Vergleichen entlastet Netanjahu, weder moralisch noch juristisch. So wie es den israelischen Premier auch nicht entlastet, dass gleichzeitig mit ihm und seinem Verteidigungsminister Joav Gallant auch noch die drei wichtigsten Köpfe der Gegenseite, der terroristischen Hamas, für einen Haftbefehl ausgesucht worden sind, was auf den ersten Blick wie eine sonderbar undifferenzierte Gleichmacherei aussieht. Natürlich weisen die mörderischen Taktiken der Hamas eine ganz andere Abgründigkeit auf. Die Hamas-Planer sind es schließlich, die den Krieg und das Leid auch ihrer eigenen Zivilbevölkerung provoziert und genau so gewollt haben. 

    Aber das trägt nicht sehr weit als Ausrede für Netanjahus eigene Entscheidungen. Das humanitäre Völkerrecht mit seinem zentralen Appell, Zivilisten zu schonen, bindet alle Seiten in einem Krieg, oder es ist wertlos. Es geht dem Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs erkennbar nicht um die Tatsache, dass Israel sich verteidigen muss. Sondern allein um die Art und Weise, wie es dies tut. 

    Und wer, wie Netanjahu und die israelische Militärführung, mit so großer Beharrlichkeit die zunächst vorsichtigen, zuletzt immer eindringlicheren Ermahnungen internationaler Juristen wie auch politischer Partner in den Wind geschlagen hat, im Städte- und Häuserkampf auf Zivilisten Rücksicht zu nehmen und diese etwa nicht hungern zu lassen – der hat sich selbst dafür entschieden, eine rote Linie zu überschreiten. Die Anklage gegen Netanjahu ist deshalb richtig.

    Eine Zäsur ist sie gleich in doppelter Hinsicht. Erstens zeigt die internationale Strafjustiz ein Selbstbewusstsein, das neu ist. Erstmals trifft eine Anklage aus Den Haag einen langjährigen, engen Verbündeten des politischen Westens; das hätten die Juristen dort sich in den Anfangsjahren nach der Eröffnung des Weltstrafgerichts um die Jahrtausendwende herum kaum getraut. Der Strafgerichtshof ist auf Finanziers aus Europa angewiesen, auf die millionenschwere Unterstützung von Staaten wie Deutschland – und die Juristen dort werden nun bang verfolgen, was es für diese Unterstützung bedeutet, wenn sie von ihrer justiziellen Unabhängigkeit zunehmend mutig Gebrauch machen. (R.S.)

    Gaza ist ein Friedhof

    Es gibt überhaupt keinen Grund, Künstlern Antisemitismus und Israelhass zu unterstellen, die gegen die schweren Kriegsverbrechen der Israeli in Gaza protestieren. Ob Brian Eno, Julia Holter, Susan Sarandon, Jonathan Glazer. Um nur ein paar zu nennen. 2/3 der unschuldigen Opfer, zigtausende (!), sind Kinder und Frauen. Wer das mit unvermeidlichen Kollateralschäden rechtfertigt, verrät nur seinen eigenen Menschen verachtenden Zynismus  Widerlich das rücksichtslose Töten der israelischen Kriegsführung, so widerlich wie das entsetzliche Gemetzel der Hamas. Ich bin erschüttert von dem fortgesetztem Waffentransport nach Israel aus Deutschland. Gaza war ein Gefängnis, jetzt ist Gaza ein Friedhof. Eine Zwei-Staaten-Lösung ist die einzige produktive Lösung, Netanjahu und seine Rachepolitik versucht das mit aller mörderischen Macht zu verhindern. (m.e.)

    There is absolutely no reason to accuse artists of anti-Semitism and hatred of Israel who protest against the serious war crimes committed by the Israelis in Gaza. Whether Brian Eno, Julia Holter, Susan Sarandon or Jonathan Glazer. Just to name a few. 2/3 of the innocent victims, tens of thousands (!), are children and women. Those who justify this with unavoidable collateral damage only betray their own contemptuous cynicism. Disgusting the ruthless killing of Israeli warfare, as disgusting as the horrific carnage of Hamas. I am shocked by the continued transport of weapons to Israel from Germany. Gaza was a prison, now Gaza is a cemetery. The two states solution is the only productive solution, Netanyahu and his revenge politics are trying to prevent that with all their murderous might.

    (Am 19. März sind in Utrecht Tausende Kinderschuhe aufgestellt worden, um auf die getöteten Kinder im Gazastreifen aufmerksam zu machen.)