• „Thinking Music“

    Beth Gibbons‘ erstes richtiges Soloalbum ist das lange Warten wert gewesen. Es ist ein kühles, tiefgründiges Set verträumter Folk-Exotica-Beschwörungen, eine seltene Platte, die sich mit den Ängsten und Schmerzen des Erwachsenseins auseinandersetzt und verknotete Emotionen in einer flatterhaften, straffen Instrumentierung und rauchigen, samplebereiten Cinematics seziert. Atemberaubendes Material, produziert von Gibbons in Zusammenarbeit mit James Ford und Lee Harris von Talk Talk.

    (So beginnt die zweite Besprechung, die man im Netz finden kann. Bei Boomkat gibt es oft „reviews“, und sie leisten bei diesem Plattenversand sehr gute Arbeit. Gäbe es nicht durch den Zoll massiv erhöhte Preise, und Verzögerungen bei der Lieferung, würde ich viel öfter bei den Briten Musik ordern. Ich kommentiere hier Absatz für Absatz, und ändere nichts an der Deepl-Übersetzung. Interessant, wie der Rezensent Beschreibungen koppelt, die widersprüchlich wirken können: flatterhaft vs. straff, Folk vs. Exotika. Dass die Lieder wie „Beschwörungen“ wirken, kann ich gut nachempfinden.)

    Gibbons hat sich bis zum richtigen Moment zurückgehalten, um ihr formvollendetes Debüt zusammenzustellen. Ihr Songwriting kennen wir natürlich schon, nicht nur von der makellosen Portishead-Trilogie, sondern auch vom 2002er-Album „Out of Season“ und dessen Nachfolger „Acoustic Sunlight“, beides Kollaborationen mit Talk Talk-Bassist Paul Webb (alias Rustin Man).

    (“Acoustic Sunlight“, davon habe ich noch nie gehört. „Formvollendet“, da stimme ich auf Anhieb zu, ohne lange über den Begriff nachzudenken.)

    „Lives Outgrown“ erweitert ihre Technik ein wenig; ihre früheren Kollaborationen bleiben im Schatten, aber dieses Album ist unapologetisch intim und verpackt Geschichten über Liebe, Bedauern und Unruhe in gedämpfte, melancholische Extravaganz. Es ist nicht so vordergründig staubig wie das Portishead-Material oder so sehnig wie ihre Platten mit Webb, sondern eine zerschundene, nachdenkliche Sammlung verletzlicher Reflexionen, die von Musik untermalt wird, die sanften, archaischen Folk, frühen Jazz, Exotica aus den 70ern und düsteren Post-Rock anklingen lässt.

    (Wenn ein Album wie dieses schubladenmässig schwer auf den Begriff zu bringen ist, werden gerne Genrenamen mit beiläufig daherkommenden Adjektiven aneinandergereiht, was nicht kritisch gemeint. Dabei entsteht eine angenehme Unschärfe, die unsere Wahrnehmung in bestimmte Richtungen lenkt, ohne die Fantasie einzuengen. Wo ist der „frühe Jazz“ zu hören? Aha, mein geliebtes unscharfes „archaisch“, hier mit „sanft“ gekoppelt. Und dann: „eine zerschundene, nachdenkliche Sammlung verletzlicher Reflexionen, die von Musik untermalt wird…“. „Untermalt“ würde ich hier nicht sagen. Das klingt mehr nach Hintergrundbegleitung. Die Musik um den Gesang herum ist viel mehr als ein „Geschmacksverstärker“, ich erlebe sie hier als „Erweiterung“, „zweite Ebene“, doppelter Boden“.)

    Es ist die Art von Material, die Gibbons während ihrer gesamten Karriere angepriesen hat, und zwar so sehr, dass es vertraut erscheint; die Songs haben eine lebendige Qualität, nicht weil sie von anderem Material geklont wurden, sondern weil sie die vollständig realisierten Versionen von Gedanken sind, über die Gibbons seit Jahrzehnten nachgedacht hat.

    (Das ist ein interessanter Gedanke. Wir erkennen die Handschrift, aber die Songs wirken auch deshalb so lebendig, weil diese ewig in ihrem Raum schwebenden Gedanken / Empfindungen noch nie so vollständig realisiert wurden. Das „Formvollendete“ wieder mal. Nach den dunklen Andeutungen von Beth Gibbons im offiziellen „presskit“ kommen übrigens einzelne HörerInnen des Albums zu dem Schluss, es könne sich hier um ein Abschiedswerk handeln.)

    Die Vorab-Single des Albums „Floating on a Moment“ ist ein logischer Anfang. Gibbons‘ Stimme klingt exponierter als je zuvor; die brodelnde, von Nina Simone beeinflusste Traurigkeit, die Portishead zum Kultstatus verholfen hat, ist immer noch da, wird aber durch Erfahrung, Angst und Kummer verstärkt. Ihre Produktion ist ähnlich ausbalanciert: dicke jazzige Basslinien unterstützen federleichte, scheppernde Drums, während die versilberten Breitwandqualitäten, die ihr früheres Material beflügelten, sich zu subtilen Chorälen, klirrenden Streichern und leisen Xylophonen entwickelt haben – mehr Jean-Claude Vannier als Ennio Morricone.

    (Ob es eine von Nina Simone beeinflusste Traurigkeit gibt, die Portishead zum Kult verholfen hat, bezweifel ich. Vielleicht ist da ein besondere Grundtraurigkeit in ihrem Gesang gemeint , ein spezielles „Soundfeld von Melancholie“, sofort erkennbar. Wem wurde je attestiert, die traurigste Stimme der Welt zu haben. Zu diesem raren Kreis wurde mal Robert Wyatt gezählt, und zwar nicht selten, auch Beth Gibbons. Und, by the eay, auf dem Album ist „Floating On A Moment“ übrigens das zweite Stück, und ich bin kein Pfennigfuchser. Das Album beginnt mit dem Song / der Beschwörung „Tell me who You Are Today“ (ein noch logischerer, psycho-logisch noch passenderer Anfang des Albums ist das). Und passend zu dem Titel und der Lyrikweberei dieses Songs: schau dir das Cover an: vier Portraits ihres Gesichts, mit geöffneten, geschlossenen Augen. Zunehmende Unschärfe. Ist überhaupt eins scharf, und wirkt das schärfste nicht seltsam maskenhaft?! Dunkler Hintergrund. Insichgekehrtheit. In weiteren Fotos (auf der Pressemappe) fällt auf, wie unscharf ihr Gesicht hier und da wirkt, gegenüber der extrem scharf eingefangenen Natur ringsum. Warum?)

    Die Liebe verändert die Dinge“, versichert sie in „Lost Changes“, das zunächst einen raffinierten Alt-Country-Schimmer aufnimmt, bevor epische Orchesterstreicher das überwältigende Melodrama unterstreichen. Im Hintergrund ist mehr los, als man auf den ersten Blick sieht – langsame, hart geschwungene Drums werden durch clevere Avantgarde-Elemente wie quietschende Metallplatten und instabile Oszillator-Drones ergänzt. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um Popmusik, aber wenn man den Mutterboden aufreißt, kommen Gibbons‘ tiefere Einflüsse und Inspirationen zum Vorschein wie eine Masse verschlungener Wurzeln.

    (Den Absatz kann man gerne zweimal, dreimal lesen. Und da deckt sich etwas mit meinem Hören. Diese zuweilen explodierenden kurzen Passagen des Melodramatischen. So einen Satz mit aufreissendem Mutterboden muss einem erstmal in den Sinn kommen! Welche tieferen Inspirationen meint der Rezensent wohl?)

    Reaching Out“ ist sogar noch zerknitterter; Gibbons‘ obere Stimmlage erinnert zunächst an Thom Yorke, aber sie verdoppelt das Tempo und weint schmerzhaft über Northern-Soul-Bass-’n‘-Drum-Drums und blecherne Fanfaren. „I need your love, to silence all my shame“, echot sie, während im Hintergrund geisterhafte Spuren keuchen, wimmern und sich drehen.

    (Hier wird es schonungslos intim. Rollenspiel ist das nicht. In einem Werk, in dem das Ich als zweifelhafte Grösse erscheint, kommen, zahlreich, zerknittert, aus Träumen geborgen, die Schatten ins Spiel, als dunkler Reigen.)

    Während das frühe Portishead-Material auf den Sample-Bombast von Public Enemy in ihrer Blütezeit zurückgeht, ist „Lives Outgrown“ eher dem unheimlichen Minimalismus von RZA geschuldet, mit seinen schwingenden Streichern und kryptischen, schrägen Sprüchen. Schauen Sie sich nur „Reaching Out“ an, ein gespenstischer Folk-Nieselregen, der mit knochentrockenen fernöstlichen Schlagzeugklängen, Gesangsschleifen und wirbelnden Streicherphrasen unterbrochen wird. Auf „Beyond the Sun“ und „Rewind“ streift Gibbons Nordafrika und Ostasien, wobei sie ihren zerbrechlichen Gesang in ein lokales Gewirr aus Rohrblattklängen, blechernen Saitenzupfern und kantigen Streichern mischt.

    (Jetzt gehts aber rund: Nordafrika, Asien. Keiner aber wird hier „weltmusikalische“ Versöhnungen wittern… und doch ist es das Mysterium dieses Albums, dass es, bei allen Abgründen, Trost bereithält, und ganz sicher nicht, weil an den passenden Knöpfen gedreht wurde.)

    Auf dem pastoralen Schlussstück des Albums, „Whispering Love“, ist sie zu Hause: „Blätter unseres Lebensbaums, wo die Sommersonne immer durch die Bäume der Weisheit scheint“, gurrt sie, während Vögel singen und akustische Gitarren neben beruhigenden Flöten vibrieren. Es ist ein moosiger Abschluss eines Albums, das drei Jahrzehnte musikalischer Wanderschaft zusammenfasst und einige der ernüchternden Weisheiten, die sie gelernt hat, auf höchst einprägsame Weise vermittelt.

    (Wohl nahezu jeder, der den Auftrag gehabt hätte, wäre mit diesem Lied, dieser Anrufung, als Abschluss dahergekommen, der ideale „closer“. Als ich das Album zum ersten Mal gehört habe, von Anfang bis Ende, war ich mir sicher, dass „Lives Outgrown“ fortan an meiner Seite ist, company for life.)

  • Warnung vor dem Buch


    Ich sollte auf meine eigenen Ratschläge hören, aber aus Vorfreude auf ungetrübte Lesetage und -nächte, and from love for the oldfashioned book form, bestellte ich mir Joe Boyds Wälzer dann doch in Buchform. Ich werde auf das e-book ausweichen, das auch nur die Hälfte kostet und mehr als das erste sehr lange Kapitel als kostenlose Leseprobe anbietet. Als Strandlektüre, als Frühstückslektüre, geht der Riesenschmöker gar nicht. Und das allein wegen seiner Unhandlichkeit. Der ansonsten geschätzte Faber Verlag hätte es in drei überschaubaren Büchern in einem handlicheren Format herausbringen sollen, und nicht in der Version eines „Riesenbrockens“ für die Bibliothek von Alexandria. Ich hoffe, der Verlag, der sich in die deutsche Übersetzung kümmert, ist da etwas einfallsreicher. Das Teil ist schwerer und fetter als damals Der Butt von Günter Grass, aber hundert mal spannender!

  • Haruki, Paul, und andere Abenteuersucher

    Ich dachte, Haruki Murakami könnte mich nicht mehr überraschen, und ich hätte seinen Sound dechiffriert. Mein erstes Buch von dem japanischen Meister kam noch beim Suhrkamp Verlag heraus, und es hiess „Wilde Schafsjagd“. Später dann mein Lieblingsroman: „Mister Aufziehvogel“, da hatte ich „nur“ die alte Übersetzung. Ein Buch, in dem ich vollkommen verschwand. Mit einem Schmunzeln verrate ich, dass da manche Dinge auftauchten, für die der Autor bekannt ist (mysteriöse Frauen, verschwundene Katzen, Telefonsex, Spaghetti). „Der beste Weg, über die Realität nachzudenken“, erklärt Murakami, „ist, sich so weit wie möglich von ihr zu entfernen.“ Teils Detektivgeschichte, teils alptraumhafte Version von Alice im Wunderland. Und nun, vor Wochen, hat er mich wieder eingefangen, und der Zauber wirkt immer noch nach: „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“. Einmal mehr übersetzt von der grossartigen Übersetzerin Ursula Gräfe.


    Bleiben wir bei der Magie und ihren bizarren Zugängen zu unserem scheinbar so realen Leben. „Die Seele aller Zufälle“ von Fabio Stassi. Das neue Abenteuer von Vince Corso, Detektiv und Bibliotherapeut, in einem labyrinthischen Rom. Mehr wird nicht verraten ausser: wer einen Deal mit Haruki hat, gerät auch hier leicht in einen Leserausch. An einer Stelle verrät Vince: „Jedes Buch ist ein Resonanzkörper. Und ich bin sicher, dass es Musikalität ausbilden kann, eben weil es Musik ist. in nicht allzu ferner Zukunft wird Patty Smith den Nobelpreis für Literatur bekommen.


    Lange, bevor Herr Gregor auf Sylt Jukeboxen installierte, und in Leinfelden-Echterdingen den ersten deutschen Paul Murray Fanclub gründete, habe ich ihn auf den Burner „An Evening of Long Goodbyes“ aufmerksam gemacht, der mit dem gleichen Titel als deutsche Übersetzung herauskam. Unendlich witzig und traurig, wie auch der Nachfolger „Skippy stirbt“. Ich bin ganz heiss auf sein jüngstes Buch, „Der Stich der Biene“, aber meine bessere Hälfte hat es sich heimlich hergenommen, und versteckt es tagsüber an den unmöglichsten Orten. Keine Chance vorerst, an den 700 Seiten starken Schmöker heranzukommen. So geht „Familienroman“.

    Bis dahin werde ich mich in Ilona, Oregon, umtun. „Vor Dekaden ist Footballstar Zeb aus dem Stadion weggerannt. Jetzt soll Alice Vega den Abgetauchten in Ilona suchen, stößt auf den Kleinstadtking, seinen Sheriffkumpel und ein Rassistennest. Legt sich mit ihnen und den Hintermännern an, schützt die Schwachen und säubert die Stadt. Hardboiled feministisch.“ Louisa Lunas „Abgetaucht“ ist im April an Nummer 1 der Krimizeit-Bestenliste gesetzt. Der Suhrkamp Verlag hat in diesem Jahrhundert schon so etliche verdammt gute Kriminalromane verlegt (Andreas Pflüger, Don Winslow et al), und meine Leseprobe (Kapitel 1) lässt mich vermuten, dass auch dieses Buch ein Kracher sein könnte. Hardboiled halt. Die frauliche Variante. Alte Dashiell Hammett-Schule mit einem Twist.

  • „Kind instruction for falling in love“

    Percussionist and drummer and former Talk Talk-member Lee Harris is credited as co-composer of some songs of Beth Gibbons’ forthcoming „Lives Outgrown“. The fact Lee calls the album „a psychedelic, pastoral, wild explosion“, first listenings, and a photo from Beth with a dog in an open landscape made me think of distant relationships with Van Morrison‘s „Veedon Fleece“. Both works seem too unique to be compared with one another, except for the always ungraspable „flow“. Or is there more? Let us think twice and listen to both albums one after the other, perhaps some time in summer. On a long afternoon.

    Start with Van‘s album that is much lighter, moodwise (a first and second impression only, i can tell you that) and more sparse in instrumentation – in the end both create their own peculiar air and atmosphere, and depth. A „woody“ feel. Beth‘s work will (i bet on it) make some critics throw in „The Wicker Man“ (a playful, hypermelodic soundtrack for an otherwise noir folk story), while Van‘s songs shy away away from such ghosts creating another green world of flamboyant dreams (a troubadour‘s modus operandi, on the surface, dear reader). Finally they might meet on some middle ground, take their places, and exchange stories about Thomas Hardy‘s „Tess“. Or what the heaven do I know! Whatever draws you in somebody else‘s world! These albums surely do. And about lives outgrown, they both have a whole lot to tell.


    So much darkness hidden in the uplifting flow, even dangerous words turn to sounds, at first, on „Veedon Fleece“. Thus „shattering“, and „devastating“ – another common ground between these longplayers from 1974 and 2024. Ben Chasny is „Six Organs of Admittance“, and he writes: „There are so many devastating moments on Van Morrison‘s „Veedon Fleece“ that to list only a few would be total injustice to the rest. But fuck it, what the fuck is just in this world? Well at least we can experience hope in one man’s search for light. Right? So let’s talk about the way Van ends “Linden Arden Stole The Highlights” with the line, „now he’s living with a gun“ and then starts up the very next song by throwing his voice way up on top of his vocal chords and letting it settle down to a calmer note while singing, „oh well it’s lonely, when you’re living with a gun.“ Ah, I’m not a good enough writer to explain how magical it is. You’ll just have to trust me. Or we could talk about how it’s a whiskey drinking record, an alchemical rumination, a journal of his post-divorce drive through the Irish countryside, or his most thoroughly William Blake influenced work ever (just look at his hair on the cover, for Christ’s sake!).“

    In the first longer text about Beth’s album (Mojo, April) , James Ford reveals that that this first single, „Floating On A Moment“ „is probably one of the cheerier songs. It kind of goes bleaker from there. It’s related to real stuff and it’s from a real place, to the point where it’s almost painful to listen to sometimes. But there’s a beauty in the sadness.” And in a rare statement, Beth adds: “My fifties have brought for ward a new, yet older, horizon. It has been a time of farewells to family, friends and even to who I was before, the lyrics mirroring my anxieties and sleepless nighttime ruminations… I wanted to draw away from breakbeats and snares, focusing on the woody fabric of timbres, away from the sugary addiction of high frequencies.” In strange ways, with their dreamlike voyages, ambivalent textures, and power to transcend the everyday „Veedon Fleece“ and „Lives Outgrown“ deliver some unexpected closeness, so to speak. Beyond being from two redhairs with red-haired dogs. Don‘t wait for summer.

  • …diese Leben, aus denen man herauswächst…



    Nein, damit hatte ich nicht gerechnet. Es traf mich so unmittelbar wie das erste Hören von Marianne Faithfulls „Negative Capability“. Und bei aller Zuneigung zu Beth Gibbons, und dem Zauber von Portisheads „Dummy“, von Portisheads nach wie vor betörend-verstörendem „Third“, von ihrer zurecht gerühmten Zusammenarbeit mit Rustin Man auf „Out Of Season“… ja, natürlich, alles braucht seine Zeit, aber was hier passiert ist (die Lieder sind über Jahre gewachsen, das Kernteam Beth und Lee Harris, der Trommler von Talk Talk, und da war, später, eine handverlesene Schar, sowie der Multiinstrumenalist und Produzent James Ford)… also, das war auch nach dem ersten Songvideo (das noch hellere Farben mit sich führte) so naheliegend nicht. Auch die Stimme reisst Räume auf, wie ich es noch nie von ihr gehört habe. In einem ziemlich unheimlichen Labor herrlich alter, versponnener Klänge. Ist „shattering“ das Wort? Oder „devastating“, wenn die dünne Linie zwischen Schmerz und Schönheit ins Spiel kommt. Deep as deep can go. Machen wir‘s kurz: she has painted her masterpiece. Es erscheint am 17. Mai. „Lives Outgrown“.

  • Erschütterungen in Gaza

    Zwar mehren sich die Stimmen der Mahnung an Israel, aber mit einer Verhaltenheit, die blossen Lippenbekenntnisse nahekommt. In propagandistischer Manier unterstützen Blätter wie „Bild“, aber auch als seriöser geltende Zeitungen, die Schwarzweissmalerei des Schulterschlusses mit Israel. Es ist keine Frage, dass, was die Hamas anrichtete, in ihrem Massaker, widerwärtig war, und dass es angemessen ist, jeden Beteiligten, jedem Drahtzieher zur Rechenschaft zu ziehen, aber nicht in einer Art und Weise, die die Tötung Unschuldiger zum Kollateralschaden erklärt.

    Das, was die israelische Regierung in Gaza anrichtet, ist genauso schändlich und widerwärtig wie das Massaker der Hamas. Unendlich peinlich ist es, wenn Künstler zu „Israelhassern“ erklärt werden, wenn sie gegen die faktisch unzweifelhaften Kriegsverbrechen der israelischen Führung aufbegehren. Sinngemäss titelte der Kölner Stadtanzeiger, was denn davon zu halten sei, wenn einige unserer Lieblingskünstler, und viele Künstler überhaupt, sich als Israelhasser erweisen. Brian Eno, Julia Holter, Jonathan Glazer, Susan Sarandon und so viele andere haben eben überhaupt nichts Antisemitisches an sich, wenn sie die bestialischen Tötungen der Hamas und der Israelis auf eine Stufe stellen. Gaza ist am Rande einer Hungersnot, zurückhaltend ausgedrückt. Tausende und Tausende unschuldiger Kinder und Frauen (und sicher auch unschuldiger Männer) wurden liquidiert, mit dem Argument, die Verbrecher der Hamas ausfindig zu machen. Wer ist schuld an diesen Verbrechen. Die Hamas – und, in gleichem Masse, die israelische Regierung. Das sind keine Kollateralschäden, das sind Verbrechen, die von internationalen Strafverfolgungsbehörden genauso ernsthaft deklariert werden müssen, wie Putins Angriffskrieg.

    Natürlich machen es Aktionen wie „Strike Germany“ der anderen Seite zu leicht, wenn einige historische Darstellungen in ihrer Grundsatzerklärung drastisch überzogen sind und in Teilen falsch. Ändert aber nichts an der angenesseneb Kritik an einer unseligen Unterstützung eines hasserfüllten Regimes – die Regierung Netanjahu und ihr Handeln lassen keine Zweifel daran, dass hier schändliche Rachepolitik betrieben wird. Die mahnendem Worte von Seiten der Grünen oder Joe Bidens, sind, so ernst gemeint sind, unglaubwürdig, solange keine Taten folgen. Natürlch wird es kompliziert, wenn nun eine anderes Unrechtsregime wie der Iran nun eingreift. Ich empfinde tiefe Verachtung für die Hamas und die israelische Kriegsführung. Als ich erstmals über Julia Holters Album schrieb, bekam ich zeitnah dden comment eines Verpeilten, der mich ernsthaft fragte, wieso ich so einer Künstlerin, die „Strike Germany“ unterstütze, eine Plattform biete. Lächerlich. Und natürlich anonym.

    Ich weiss auch sehr gut, dass meine Worte hier nichts ausrichten. Aber ich schreibe sie trotzdem. Ich sitze in dem Bonner Café mit dem feinen Namen „Black Coffee Pharmacy“ und warte auf unsere Pflegetochter, die hier demnächst ihre Anhörung zur Aufenthaltsgenehmigumg hat, und hoffentlich asap uneingeschränktes Aufenthaltsrecht erhält.

  • 30

    01. Beth Gibbons: Lives Outgrown  
    02. Shabaka: Perceive Its Beauty, Acknowledge Its Grace 
    03. Fred Hersch: Silent. Listening

    04. Nala Sinephro: Endlessness  
    05. Eric Chenaux: Delights Of My Life
    06. Tindersticks: Soft Tissue 
    07. Alva Noto: Hybrid III
    08. Laura Cannell: The Rituals of Hildegard Reimagined
    09. Søren Skov Orbit: Adrift
    10. Laurie Anderson: Amelia
    11. Clevelode: Muntjac
    12. Julia Holter: Something In The Room She Moves
    13. Kalma / Chiu / Honer: The Closest Thing To Silence
    14. The Necks: Bleed
    15. Jessica Pratt: Here In The Pitch

    16. Anna Butterss: Mighty Vertebrate  *  
    17. Sidsel Endresen: Punkt Live Remixes, Vol. 2 
    18. Warrington-Runcorn New Town Development Plan: Your Community Hub 
    19. Jakob Bro: Taking Turns
    20. Hayden Thorpe: Ness
    21. Erik Honoré: Triage 
    22. Danish String Quartet: Keel Road 
    23. Rachel Musson: Lludw A Llwch, Daear A Nef
    24. Kit Downes / Bill Frisell / Andrew Cyrille: Breaking The Shell  
    25. Miguel Atwood Ferguson: Les jardins mystiques Vol. 1
     
    26. Gillian Welch / David Rawlings: Woodland 
    27. Einstürzende Neubauten: Rampen  
    28. Wadada Leo Smith & Amina Claudine Myers:  
    29. Hommage to Sun Ra with Kronos Quartet, Laurie Anderson et al  
    30. Pan American: that beautiful ambient album 

    Waiting for Underworld and Father John Misty. 
    Putting together a year’s end list is  
    like playing solitaire by the window. 

    Die finale Liste am Nikolaustag.

  • Julia, the surreal, and the icy (3/5)


    Nun, mitten hinein in den Song „These Morning“, und was ihn inspirierte. Julia Holter erinnert sich an einzelne Momente, rote Fäden, die sich durch das Lied ziehen. Wenn von Verleugnung die Rede ist, sind wir fernab des Traumverlorenen. Im vierten Teil geht es um das Ozeanische, das gute alte Element Wasser in diesem Album, und Teil 5 heisst – wer kennt den Film nicht – „Julia und die Geister“… allerlei Geister schwirren hier auch umher, in Holters „Something In The Room She Moves“…


    These morning get sunrise
    Tall fjord, some time lost
    Brush aside any words sinking to the abyss ago

    Seizing me, these morning (looking out now, looking out now)
    Who knows who’s running (there’s nothing I can do)
    Melting out
    Scared of me
    I don’t even do a thing to think about retrieving what drifted away from me

    Just lie to me
    Just lie to me
    Just lie to me
    Just lie to me
    Just lie to me

  • nine doors – breathing space

    Malcolm Jiyane Tree-0: True Story
    Sidsel Endresen / Jan Bang / Erik Honore: Punkt Live Remixes Vol. 2   
    Wadada Leo Smith & Amina Claudine Myers: Central Park‘s Misaics of Reservoir, Lake, Paths And Gardens

    B1: Christophe Monniot: Six Migrant Pieces (Karl Lippegaus) 
    William Parker / Cooper-Moore / Hamid Drake: Heart Trio
    B2: Modney: Ascending Primes (Niklas Wandt)  


    Sam Gendel & Sam Wilkes: The Doober  

    Eric Chenaux: Delights Of My Life 
    Kronos Quartet & Friends meet Sun Ra: Outer Spaceways Incorporated

  • “Afric Pepperbird“ (und was danach kam)



    „Afric Pepperbird“ zählte zu meinen ersten zehn Platten des Münchner Labels. Eine Musik wie ein Statement: eine raue wilde Engergie, ungebändigt und doch formbewusst, nordisch, bevor wir anfingen, Fjorde zu fantasieren, gleichsam „rockende“ Powerryhthmik von den Herren Arild Andersen und Jon Christensen, unwiderstehlich vorwärtstreibend, das Saxofon und Gitarrenspiel von Garbarek und Rypdal kühn, verwegen, eigensinnig, mitreissend, und noch ohne ihre späteren „signature sounds“ (die anders gelagerte Kühnheiten bereithielten). „Afric Pepperbird“ ist ein aufregender Einstieg in die Welt des norwegischen Saxofonisten (für Anti-Nostalgiker und Abenteuersuchende), der auch mit jeder seiner nachfolgenden vier Alben unter eigenem Namen die „Kritikersterne“ reihenweise vom Himmel blies, von „Sart“ über „Triptykon“ und „Witchi-Tai-To“ bis „Dansere“. Und das war bekanntlich erst der Anfang. Ich ahnte schon damals, als unter jeder dieser Schallplatten der dezente Vermerk „produced by Manfred Eicher“ zu lesen war, das würde wohl lebensbegleitend sein. Zu jeder dieser fünf Schallplatten habe ich eine Geschichte, und das Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet live in Münster zu erleben, 1975, im Westfälischen Landes- und Kunstmuseum, bleibt umvergesslich. (Jetzt auf Vinyl neu erhältlich in der „Luminessence“-Reihe von ECM Records. Pressung, Fertigung, Sound überragend.)

    Afric Pepperbird (****1/2)
    Sart (*****)
    Triptykon (****1/2)
    Witchi-Tai-To (*****)
    Dansere (*****)