• Journeys

    Der Sommer nähert sich, die Zeit der „beach books“, der Alben, die einst unseren „summer of 24“ definieren werden. Lange habe ich keine „favourite tv shows“ mehr notiert, und so stöberte ich in den letzten 72 Stunden, nach dem Wiederhören eines Rune Grammofon Klassikers, in aktuellen und alten Gedächtnisspuren, auf der Suche nach flüchtigem und andauerndem Glück (trans-medial), den Tiefen mit Flowfaktor 10/10 auf der Spur. Natürlich ist und bleibt das „strictly personal“, doch wird der eine und die andere fündig werden, auch mal den Kopf schütteln, und vielleicht so manchen „lifer“ entdecken. Das hat natürlich auch mit Suche nach verlorener und gewonnener Zeit zu tun, mit der Schallplatte „Chiaroscuro“, und anderen „desert island experiences“. Ich widme diese Liste der „Grossartigkeiten“ unserer Pflegetochter Marjan, die bald mit dem „blauen Pass“ in hundert Länder reisen darf, und mir gestern ein paar Urdu-Passagen übersetzte aus dem neuen Album von Arooj Aftab, das den Texturen der Nacht nachspürt.

    Fünf „beach books“ (die man auch anderswo lesen kann):

    1. Katja Eichinger: Das grosse Blau (ein Traum für ein Flowworker Parallellesen)
    2. Andreas Pflüger: Endgültig (besser spät als nie entdeckt)
    3. Rupert Thomson: How To Make A Bomb
    4. Shehan Karunatilaka: Die sieben Monde des Maali Almeida
    5. Ron Rash: Der Friedhofswärter (bin auf Seite 112, bis jetzt klasse!)

    Fünf neue „women‘s albums“:

    1. Beth Gibbons: Lives Outgrown *****
    2. Julia Holter: Something In The Room She Moves ****1/2
    3. Jessica Pratt: Here In The Pitch ****
    4. Arroj Aftab: Night Reign ****
    5. Sam Morton: Daffodils and Dirt ****

    Fünf Serien der Marke „deep and thrilling“:

    1. John Sugar (one season only)
    2. Shogun (one season only)
    3. Criminal Record (one season only)*
    4. Blue Lights (season 1&2)
    5. Peaky Blinders (the whole journey, six seasons)**

    *Criminal Record is unnerving television. A modern-day hard-boiled detective story with intricate plots, the morally ambiguous, and plenty of suspense and intrigue. There’s everything you’d want from a contemporary London-set thriller here…

    **We‘re happy to report that we fell hard for Peaky Blinders. However familiar its building blocks, the U.K. gangster drama is positively bursting with irrepressible energy, and it’s proof that, whatever a show’s premise, capable execution is everything. A dance from abyss to abyss. Noir and deep. There is probabyly no lover of Nick Cave‘s musical worlds who doesn‘t fall for this epic journey. P.J. Harvey, Leonard Cohen, Tom Waits, all these usual suspects, are joining the festival of noir. On the last two seasons Anna Calvi delivers. Sometimes haunting and overwhelming, always powerful and affecting, Calvi brings Shelby’s life before our eyes purely with her sound. Impressively, she plays all of the instruments – including ones she was less comfortable with, namely violin, piano and percussion – the results are unforgettable and the rawness is completely intended.

    Fünf „journeys into the past“:

    1. American Analog Set: New Drifters (boxset from Numero Group that makes me want to write a long poem of 30 pages.)
    2. Cluster: Zuckerzeit (the eccentric country cousin to the sleek futurism of Kraftwerk’s Autobahn, another 50-year-old.)
    3. Henriksen / Bang / Kleive: Chiaroscuro (a Rune Grammofon classic)
    4. Mal Waldron: The Call (a truly buried ECM treasure from 1971)
    5. Neil Young & Crazy Horse: Fucking Up (wild reimaginings of „Ragged Glory“)

  • „Leaving the dream“

    Zum ersten Mal hörte ich einen Song von „Hejira“, in einer Radiosendung im Westdeutschen Rundfunk, nachmittags. Welche Nebensächlichkeiten sich da einbrennen – ich sehe ein herbstliches Nachmittagslicht im Garten, Karl Lippegaus moderiert, es regnet graue Schleier, Jonis Stimme strömt aus Lautsprechern aus Mahagoniholz, und ich weiss, dass diese Musik nicht einfach bloss nachhallen wird, sie wird Begleiterin sein, from station to station, all ihren Fluchttendenzen und Flüchtigkeiten zum Trotz. Das Lied besass etwas, das, wie sich bald herausstellte, alle Songs des Albums auszeichnet, einen vorwärtstreibenden, sanften wie unnachgiebigen Puls, ein Flirren wie von Luftspiegelungen erzeugt. Jeder, der das Album lieben gelernt hat, sieht in diesem Moment das Cover vor sich, das perfekt zu den Texturen der Musik passt. Die Juli-Ausgabe von UNCUT erzählt die Geschichte, viele Geschichten, die sich um Hejira ranken. Und sie beginnt ungefähr so:

    „Im März 1976 packte Joni Mitchell ihr Auto – einen großen, kastenförmigen Mercedes 280 SE, den sie Bluebird nannte und den sie 1969 mit ihrem ersten Tantiemenscheck gekauft hatte – und begab sich auf die I-15, um nach Damariscotta, Maine, zu fahren, das sehr, serh weit von Los Angeles entfernt war. Sie hatte keinen Führerschein, aber das sollte sie nicht aufhalten. Eigentlich sollte sie The Hissing Of Summer Lawns in Europa promoten. Stattdessen begab sie sich auf eine wilde Verfolgungsjagd quer durch das Land, mit einem alten Liebhaber und seiner neuesten Flamme sowie mehreren Anhängern voller emotionaler, psychologischer und pharmazeutischer Probleme.

    Ein paar Monate später kehrte sie nach LA zurück, nachdem sie über 10.000 Meilen zurückgelegt hatte. Sie war allein durch das ganze Land gefahren, um den Golf von Mexiko herum, durch den tiefen Süden und die Sonora-Wüste. Ihre Verluste waren zahlreich: ein Verlobter (ihr Schlagzeuger John Guerin), ein Haufen Geld von der abgesagten Tournee, ein Großteil ihres kommerziellen Erfolgs, ihr Ego (für drei Tage, nachdem sie zu Beginn ihrer Reise in Boulder dem abtrünnigen buddhistischen Guru Chögyam Trungpa begegnet war), und anscheinend eine ganze Oktave ihres Stimmumfangs. Aber sie kehrte von ihren Reisen mit einer seltenen und kostbaren Traumfracht zurück: den neun Songs, die Hejira bilden.“

  • Diese Anklage ist richtig

    Das Abgrundtief-Niederträchtige ist der Hamas genauso zueigen wie den Kriminellen der israelischen Regierung, die willentlich an einem Genozid in Palästina mitwirken, durch die Ermordung von Kindern, Frauen und zahllosen anderen Unschuldigen. Und durch die jahrelange Duldung der Ermordung von Palästinensern durch faschistoide israelische Siedler. Hier eine Klarstellung von Ronen Steinke aus der SZ. (M.E.)


    Nimmt man den gesamten Globus in den Blick, wie dies ein Internationaler Strafgerichtshof tun sollte, dann gibt es gewiss viel grausamere Kriegsherren als den seit zusammengerechnet 16 Jahren regierenden Premierminister Israels, Benjamin Netanjahu. Man braucht nur direkt nebenan zu schauen, im Nachbarland Syrien sitzt – vom Internationalen Strafgerichtshof unbehelligt – ein Diktator in zweiter Generation, Baschar al-Assad, der Zehntausende Menschen in Folterkellern verschwinden lässt, Fassbomben auf Wohngebiete abwerfen lässt und dabei nicht einmal so tut, als würde er, wie Netanjahu, einen grundsätzlich legitimen Verteidigungskrieg führen müssen.

    Blickt man in die Galerie der jüngeren Zeitgeschichte, dann sind es sogar überhaupt nur wenige Regierungschefs, die jemals offiziell durch die internationale Justiz zu Straftatverdächtigen erklärt worden sind. Was nun mit Netanjahu geschieht, ist selten: Am Montag hat der Chefankläger des Weltstrafgerichts verkündet, er wolle einen Haftbefehl gegen den Israeli erwirken, ungeachtet aller amtlichen Würden – so wie zuvor etwa gegen den Russen Wladimir Putin, der sein Nachbarland ohne jede glaubwürdige Rechtfertigung überfiel. Oder einst auch gegen Slobodan Milošević, den politischen Einpeitscher der serbischen Völkermörder-Truppen in Srebrenica und an vielen weiteren Orten des Balkans.

    Mit der Totalität jener Angriffskriege kann man die schwierige Kriegsführung Israels gegen eine Terrorarmee, die Kibbuzim und Dörfer angegriffen hat und sich seither in Tunnels und hinter Zivilisten verschanzt, nicht vergleichen. Mit ihnen aber wird man den Israeli Netanjahu jetzt rechtshistorisch in eine Reihe stellen. Das ist die Bedeutung dieses juristischen Schrittes in Den Haag. Auch wenn es noch einige Tage dauern dürfte, bis die Richter dort aller Erfahrung nach dem beantragten Haftbefehl zustimmen, und auch wenn Netanjahu dann noch länger auf freiem Fuß bleiben dürfte, weil der Staat Israel ihn natürlich nicht ausliefert.

    Und trotzdem: Nichts von diesen Vergleichen entlastet Netanjahu, weder moralisch noch juristisch. So wie es den israelischen Premier auch nicht entlastet, dass gleichzeitig mit ihm und seinem Verteidigungsminister Joav Gallant auch noch die drei wichtigsten Köpfe der Gegenseite, der terroristischen Hamas, für einen Haftbefehl ausgesucht worden sind, was auf den ersten Blick wie eine sonderbar undifferenzierte Gleichmacherei aussieht. Natürlich weisen die mörderischen Taktiken der Hamas eine ganz andere Abgründigkeit auf. Die Hamas-Planer sind es schließlich, die den Krieg und das Leid auch ihrer eigenen Zivilbevölkerung provoziert und genau so gewollt haben. 

    Aber das trägt nicht sehr weit als Ausrede für Netanjahus eigene Entscheidungen. Das humanitäre Völkerrecht mit seinem zentralen Appell, Zivilisten zu schonen, bindet alle Seiten in einem Krieg, oder es ist wertlos. Es geht dem Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs erkennbar nicht um die Tatsache, dass Israel sich verteidigen muss. Sondern allein um die Art und Weise, wie es dies tut. 

    Und wer, wie Netanjahu und die israelische Militärführung, mit so großer Beharrlichkeit die zunächst vorsichtigen, zuletzt immer eindringlicheren Ermahnungen internationaler Juristen wie auch politischer Partner in den Wind geschlagen hat, im Städte- und Häuserkampf auf Zivilisten Rücksicht zu nehmen und diese etwa nicht hungern zu lassen – der hat sich selbst dafür entschieden, eine rote Linie zu überschreiten. Die Anklage gegen Netanjahu ist deshalb richtig.

    Eine Zäsur ist sie gleich in doppelter Hinsicht. Erstens zeigt die internationale Strafjustiz ein Selbstbewusstsein, das neu ist. Erstmals trifft eine Anklage aus Den Haag einen langjährigen, engen Verbündeten des politischen Westens; das hätten die Juristen dort sich in den Anfangsjahren nach der Eröffnung des Weltstrafgerichts um die Jahrtausendwende herum kaum getraut. Der Strafgerichtshof ist auf Finanziers aus Europa angewiesen, auf die millionenschwere Unterstützung von Staaten wie Deutschland – und die Juristen dort werden nun bang verfolgen, was es für diese Unterstützung bedeutet, wenn sie von ihrer justiziellen Unabhängigkeit zunehmend mutig Gebrauch machen. (R.S.)

    Gaza ist ein Friedhof

    Es gibt überhaupt keinen Grund, Künstlern Antisemitismus und Israelhass zu unterstellen, die gegen die schweren Kriegsverbrechen der Israeli in Gaza protestieren. Ob Brian Eno, Julia Holter, Susan Sarandon, Jonathan Glazer. Um nur ein paar zu nennen. 2/3 der unschuldigen Opfer, zigtausende (!), sind Kinder und Frauen. Wer das mit unvermeidlichen Kollateralschäden rechtfertigt, verrät nur seinen eigenen Menschen verachtenden Zynismus  Widerlich das rücksichtslose Töten der israelischen Kriegsführung, so widerlich wie das entsetzliche Gemetzel der Hamas. Ich bin erschüttert von dem fortgesetztem Waffentransport nach Israel aus Deutschland. Gaza war ein Gefängnis, jetzt ist Gaza ein Friedhof. Eine Zwei-Staaten-Lösung ist die einzige produktive Lösung, Netanjahu und seine Rachepolitik versucht das mit aller mörderischen Macht zu verhindern. (m.e.)

    There is absolutely no reason to accuse artists of anti-Semitism and hatred of Israel who protest against the serious war crimes committed by the Israelis in Gaza. Whether Brian Eno, Julia Holter, Susan Sarandon or Jonathan Glazer. Just to name a few. 2/3 of the innocent victims, tens of thousands (!), are children and women. Those who justify this with unavoidable collateral damage only betray their own contemptuous cynicism. Disgusting the ruthless killing of Israeli warfare, as disgusting as the horrific carnage of Hamas. I am shocked by the continued transport of weapons to Israel from Germany. Gaza was a prison, now Gaza is a cemetery. The two states solution is the only productive solution, Netanyahu and his revenge politics are trying to prevent that with all their murderous might.

    (Am 19. März sind in Utrecht Tausende Kinderschuhe aufgestellt worden, um auf die getöteten Kinder im Gazastreifen aufmerksam zu machen.)

  • Zeit der gesammelten Farewells


    Die schönsten Fussballfeste haben immer auch etwas Melancholisches an sich, mal einen Hauch, mal ein heftiges Quantum. Das konnten wir gestern in Dortmund erleben. Einen Platz hatten wir zwar nicht im Stadion gefunden, dafür im Strobels, dem Biergarten direkt nebenan. Werner und ich liessen die Saison Revue passieren, und machten es uns bei Apfelschorle und Currywurst vor einem Bildschirm bequem. Selbst unsere Ladies konnten sich nicht jenem Hauch von Schönheit und Wehmut entziehen, als der Augenblick für die Ewigkeit gekommen war. Marco Reus liess Sekunden zuvor alle Luft aus dem Brustkorb entweichen, um maximal entspannt zu sein. Ein kurzer Anlauf, und der Ball, der knapp vor der Strafraumkante lag, nahm eine göttliche Flugbahn, und schlug, ratzfatz und messerscharf, im linken oberen Winkel ein. Der Torwart der Lilien soll, so heisst es heute, erst Sekunden später realisiert haben, dass ein Ball in seinem Netz lag. Ein besonderer Moment, aber letztlich tut die Zeit, was die Zeit eben so tut, sie tickt weiter. Und so nahmen die gesammelten Farewells ihren Lauf, wie in einer Ballade von Richard Hawley. Es war das letzte Spiel des Magiers vor heimischer Kulisse, Mats Hummels wird wohl auch gehen. Der berühmte Satz aus alten Märchen könnte nun hier seinen Platz finden, aber es gilt ja noch ein anderes Fussballmärchen zu schreiben, in vierzehn Tagen, in Wembley. Realistisch ist das nicht, aber was, bitteschön, heisst schon Realismus?!

    On the record player the day after, and highly recommended:

    • Don Cherry / Dewey Redman / Charlie Haden / Ed Blackwell (aka Old And New Dreams): Playing (eine fantastische ECM-Liveaufnahme aus Bregenz anno 1980, das Cover mit dem Fussballtor:))
    • Richard Hawley: In This Town They Call You Love (das neunte Studioalbum von RH enthält natürlich eine weitere Hommage an seine Stadt Sheffield, mit der für ihn typischen alten Klangsprache aus der Zeit vor den Beatles)
    • Michael Head & The Red Elastic Band: Loophole (ein grosser Geschichtenerzähler aus Liverpool)
  • „A floating lesson“ (Jessica Pratts Langspielplatte „Here In The Pitch“)

    Laura Barton zählt zu meinen Favoritinnen, im Genre der Musikbesprechung. Unlängst erst sang sie ihr Loblied auf Beth Gibbons‘ vielschichtiges Album, und schon etwas länger ist es her, da besprach sie das aktuelle Album von Jessica Pratt, das bei City Slang erschienen ist. Ich habe erst heute ihren Text gelesen, denn ich wollte der Musik völlig unvorbereitet begegnen. Es war dunkel, ich zündete ein Kerzenlicht an, und fand mich im Nu in der so verlockenden wie gepenstischen Liederwelt der mir bislang nur vom Namen bekannten Sängerin wieder. Vom ersten spinnwebartigen Sound bis zum letzten Moment, breitet sich ein immenses Retro-Flair aus. Ich fühlte mich auf einer Zeitreise in meine frühen Zwanziger versetzt, in der das Staunen leicht fiel, wenn Astrud Gilberto mit Stan Getz das Mädchen aus Ipanema besang, oder ein gewisser Nick Drake in pastellgetönter Dunkelheit seinen „Pink Moon“ beschwörte, mit dem sanftesten vorstellbaren Gesumme. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der die Hunde jede Nacht bellten und der Mond immer voll war. Schon nach dem ersten Hören war ich verwundert, wie sehr mich Jessica Pratts Spiel mit alten Texturen einfängt, und stellte mir, hier und da, die klassische Frage der luziden Träumer: Träume ich, oder wache ich?“


    1979 veröffentlichte Joan Didion „White Album“, eine Auswahl von Essays, die Kalifornien am Rande der 1970er Jahre einfingen, als der Traum von der Gegenkultur ins Wanken geriet. „Eine verrückte und verführerische Wirbelspannung baute sich in der Gemeinschaft auf“, so beschrieb sie es. „Die Nervosität machte sich breit. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der die Hunde jede Nacht bellten und der Mond immer voll war.“

    Etwas von Didions Beschreibung findet sich in Jessica Pratts viertem Album Here In The Pitch wieder. Die Sängerin schöpft aus der zwielichtigen Geschichte ihrer Heimat Los Angeles, diesem besonderen Westküstengefühl einer amerikanischen Utopie im Aufbruch, um ihre bisher besten Songs zu schreiben. Geschichten über Sünden und Verbrechen und „böse Unschuld“ liegen unter einer musikalischen Palette von Bossanova und orchestralem 60er-Jahre-Pop. Die Melancholie bewegt sich unterhalb des Glanzes. Süße begräbt die Düsternis. Selbst der Titel des Albums deutet auf eine latente Bösartigkeit hin. Das fragliche „Pech“ bezieht sich sowohl auf absolute Dunkelheit als auch auf Bitumen, jene ölige, schwarze Substanz, die sich, nässend und unheilvoll, irgendwo unter der Erde bildet und an Orten wie den La Brea Teergruben in Los Angeles an die Oberfläche tritt.

    Pratt hat davon gesprochen, dass sie bei der Konzeption dieser Songs von „großen Panoramaklängen träumte, die an das Meer und Kalifornien denken lassen“. Ihr Prüfstein war natürlich Pet Sounds, aber sie suchte die ruhigen Momente dieses Albums ebenso wie seinen barocken Schimmer; die Punkte, an denen man die Stille des Studios hören kann; das Gefühl, „dass man die Hand ausstrecken und die Textur des Klangs in der Luft berühren könnte“.

    Die Textur des Klangs ist ein faszinierender Gedanke in Bezug auf Pratt. Ihre Stimme hatte schon immer eine ganz eigene, außergewöhnliche Zusammensetzung: sauer, körnig, süß und schilfig, wie in einer seltsamen Korrespondenz mit der sie umgebenden Luft. Auf frühen Aufnahmen neigte sie sich in Richtung Karen Dalton oder Joanna Newsom, etwas hoch und einsam. Hier ist ihre Stimme tiefer und müder – bei „Empires Never Know“ erinnert sie fast an die späte Marianne Faithfull. Diese Veränderung war ein bewusster Schritt; Pratt suchte nach einer körperlicheren Art des Gesangs für diese Platte. Das Ergebnis ist eine größere Bandbreite und eine tiefere Art von Dunkelheit.

    Pet Sounds war nicht die einzige Inspiration für Here In The Pitch. Das Eröffnungsstück „Life Is“ schreitet wie eine Phil Spector-Nummer oder „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ von den Walker Brothers herein. Es gibt Bläser und Streicher und Mellotron, einen Gastauftritt von Ryley Walker an der Gitarre, während Pratt von Unsicherheit und halbseitiger Frustration singt und die Kreisförmigkeit ihrer eigenen Gedanken verfolgt, wenn sie feststellt, dass „Time is time and time and time again“.

    Oft funktionieren diese Tracks auf diese Weise, indem sie eine Art songwriterischen Taschenspielertrick vollführen: die Musik bewegt sich hell in eine Richtung, während die Texte in die entgegengesetzte Richtung ziehen – klein, eng, imagistisch. Bei „Better Hate“ zum Beispiel plätschert die Musik in eine Richtung, während sich der Text in die andere Richtung bewegt: „Just a sad case, I’m nobody’s fool“, singt sie, als ob sie nach dem Weg nach San Jose fragen würde. „And you’ve won it all, but your smile’ll be gone/When you’re yesterday’s news“.

    Die Texte dieser neun Lieder zeichnen eine Welt, in der das Licht schwach ist und die Sonne untergeht, während der Herbst vor der Tür steht. Die Figuren sind gefangen und misstrauisch. Es gibt Bettler und Diebe, Ausgangssperren und Flüche, Leben „in der Mitte versunken“ und „Träume von Autobahnen“. Pratts Songwriting mag sich auf träumerische Zweideutigkeit stützen, aber die Themen auf Here In The Pitch fühlen sich vertraut an; eine Art modernistischer Springsteen, an den Pazifik gepresst.

    Dies ist ein kurzes Album, das lange auf sich warten ließ, wie alle Platten von Pratt. Aber bei jeder Veröffentlichung hat man nie das Gefühl, dass ein Musiker um Ideen ringt, sondern eher, dass er ein Meister der Destillation ist. „Ich habe nur versucht, das richtige Gefühl zu finden“, sagt sie über die langsame Reise bis zur Veröffentlichung dieses Albums. Es zeugt von ihrem Talent, dass Pratt auf der Suche nach diesem Gefühl so viel von dem, was in der Vergangenheit für sie funktioniert hat, in Frage gestellt und ihren Sound, ihre Band und ihre eigene, viel geliebte Stimme neu konfiguriert hat.

    Am Ende von Here In The Pitch scheint sie sogar neue Gedanken darüber zu haben, was sie überhaupt hierher geführt hat. Das einzige Instrumentalstück des Albums, „Glances“, kommt als sanftes, mit den Fingern gezupftes Motiv daher, wird von Bläsern überschwemmt und zieht sich dann zurück. Dieses wortlose Zwischenspiel reinigt den Gaumen vor dem Albumabschluss „The Last Year“, einem Stück, das sich als unerwartet hoffnungsvoll erweist, auf eine dunkle Art und Weise. „I think it’s gonna be fine, I think we’re gonna be together“, singt Pratt beschwingt. „Und die Geschichte geht ewig weiter“.

    Mit diesen beiden Tracks weicht diese „verrückte und verführerische Wirbelspannung“. Die Nervosität lässt nach, die Hunde sind ruhig, und sogar der Mond wird schwächer. Wir sind aus dem Spielfeld heraus, scheinen sie zu sagen, lasst uns dem Licht entgegen gehen. (l.b.)

  • Die Stunde der wahren Empfindung

    Nur zwei Flowworker sind richtig grosse Fussballfans, und wir haben es beide geschafft: Lajlas rote Teufel werden der zweiten Liga erhalten bleiben und den Betzbenberg eben nicht in eine kollektive Trauerveranstaltung verwandeln. Und der BVB erreicht unter der Führung des wunderbaren Edin Tercic zum dritten Mal ein Finale der „Champignon-Liga“, nach Ottmar Hitzfeld 1997 und Jürgen Klopp 2013. Dass wir in Wembley verlieren können, ist eingepreist, aber die Fallhöhe wäre lang nicht so hoch sein wie im letzten Mai, als der BVB die Meisterschaft gegen Mainz einen gebrauchten Tag erwischte. Das war ganz bitter, aber die Fans standen hinter dem Team, spendeten Trost zu Tausenden, obwohl das eigene Herz gebrochen war. Und nun also ein kleines Fussballmärchen, nach einer Saison voller mittelgrosser Enttäuschungen: und wir würden es Marco Reus so sehr gönnen, am Ende seines halben Lebens für den BVB endlich die „Krönung“ zu erfahren. Wer das Spiel gestern gesehen hatte, konnte sich mitreissen lassen vom aufopferungsvollen Fight der Jungs und dem coolen taktischen Konzept. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass womöglich weder Hummels noch Schlotterbeck zur EM fahren werden, trotz zweier Weltklasseleistungen gegen Paris. Aber das sind Marginalien. „It was a night when  Borussia Dortmund penned one of the finest chapters in their history, a seemingly unremarkable team – low on stellar names – doing something utterly astonishing.“ (The Guardian) Am 1. Juni fahre ich nach Dortmund, und, selbst wenn es kein grosses Fussballmärchen würde, werden wir hinterher durchs Kreuzviertel ziehen, der Major wird die alte BBC-Kassette aus dem Archiv holen, und die tolle Radiostimme von Joe Strummer moderiert Nina Simone, John Cale, und Joao Bosco. In dem Trubel, egal, ob überschäumend oder ein wenig sentimental, werden wohl auch Gesichter aus alter Zeit auftauchen, und wir werden uns ein paar Stories zu erzählen haben. (Und hier natürlich der beste BVB Podcast, mit Sascha Staat und Kevin Pinnow.)

  • Ein unerschöpfliches, unwiderstehliches Triplealbum

    Flowworkers do have their sweet darlings, musicwise. As you can see at the latests posts in sequence, Lee Perry is following Einstürzende Neubauten is following Pet Shop Boys is following ECM magic from old days. Might be as interesting as predictable what may come next. In regards to archival reissues, the first Gateway album from Abercrombie / Holland / DeJohnette will be reissued on ECM‘s Luminessence vinyl series on May 30 including new photos from that old session, and an essay by Wilco guitar maestro Nels Cline.


    Es gibt, ihr alle kennt ihn, den „heiligen Gral“ in der Musikkritik. Der „heilige Gral“ taucht gerne auf, wenn es um vemeintliche Schlüsselwerke oder lang verschollene Alben geht. Ein durchaus seriöser Musikjournalist sprach beispielsweise einmal vom „heiligen Gral“ von Anthony Braxton, als es um die limitierte Neuauflage seiner Werke auf Arista Records ging, und ich konnte seine Begeisterung nachvollziehen, denn ich besass all diese Platten einmal, eine Serie von zwei Quartetten, einem Duo, und einer Big Band-Scheibe. Grandios. Hört doch nur das Album „New York, Fall 1976“, mit Braxton, Wheeler, Holland und Altschul, und ihr werdet aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Ich sah die Band später zweimal live, in Dortmund und Moers, und mir traten Tränen in die Augen, einmal, und eine Gänsehaut kehrte wieder und wieder. Vom „heiligen Gral“ ist auch immer mal wieder die Rede, und das seit Jahrzehnten, wenn es um Lee Perry geht, einem grossen Zauberer der jamaikanischen Musik. Ein Mann, der sich nur „Reggae Teacher“ nennt, schreibt über „Open The Gate“: „Diese Sammlung wurde 1989 in einer limitierten Auflage von Trojan Records veröffentlicht, zur großen Zufriedenheit der Reggae-Sammler, die zu diesem Zeitpunkt bereits mit himmelhohen Preisen für Perrys Veröffentlichungen konfrontiert waren, von denen viele in sehr limitierten 7″- und 12″-Pressungen aus Jamaika erschienen. Diese seltenen Veröffentlichungen sind die Quelle für diese einzigartige Zusammenstellung, die dem Geist dieses genialen „Verrückten“ entsprungen ist, durchdrungen von Ganja, Rum und exorbitanten Ideen. Es handelt sich um erweiterte Versionen mit einer Länge von 6 bis fast 12 Minuten! Music On Vinyl aus den Niederlanden bringt diese exquisite Auswahl 34 Jahre später wieder auf den Markt gebracht wurde.“ Ich habe mir vor ein paar Tagen No. 1704 zugelegt, und heute einen Lee Perry-Tag eingelegt. „Open The Gate“: Mr. Perry‘s „holy grail“? Don‘t know, but irresistible from start to end. Playground adventures!

  • Ein unheimliches, schönes Doppelalbum


    Jon Dale: „Blixa, there are ‘smaller’ themes there, too, like birds, feathers, wings, the raven, flight; “flighty dreams wisping about”.
    Blixa Bargeld: „Yes, the birds are there.“
    (excerpt from the new Uncut interview)

    Mit Augenzwinkern bringen Blixa Bargeld und seine Weggefährten die Beatles ins Spiel, und manche von ihnen nennen das neue Werk „Yellow“, so wie wir einst „White“ sagten, wenn wir vom „weissen Album“ der Liverpooler Garagenband sprachen. Ausgangspunkt dieses bezaubernden, hypnotischen, einfallsreichen Doppelalbums sind die „Rampen“, wie die Band ihre freien Improvisationen auf Live-Konzerten nennen. Sie haben keinen George Martin, aber, unter sich, genügend ausgefuchste Klangarchitekten für die Post-Produktion. Das Einstürzende bleibt so sehr Merkmal all dieser post-krautigen Kunstlieder, wie der Neubau, will sagen, der geträumte Horizont, der sich hier in all die vermeldeten Verstörungen und Niedergänge unseres Planeten schmuggelt. Blixa kennt seinen Bloch und das Quantum Utopie, das auf dem „gelben Album“ ergreifend und elegisch serviert wird, und nicht selten mit gutem dunklem Humor. „Alien Pop Music“ ist der werte Untertitel, aber, keine Sorge, hier wartet kein Elfenbeinturm auf angestrengtes Sightseeing. Es gibt einen ganz instinktiven, unmittelbaren Zugang zu dieser tollen Musik, mit ihren luftigen wie erhabenen Pulsen, ihren Mantras, Sinnsprüchen, Sprachhexereien, Momenterfindungen, Brüchen und Beschwörungen. Ganz ohne Augenzwinkern wird man „Rampen“ in hundert Jahren neben „Tago Mago“ von Can platzieren, wenn von den aufregendsten Doppelalben aus alter Zeit made in Germany die Sage geht, von Improvisationskunst und ritueller Rockmusik.

  • opening gates


    In den letzten zwei Tagen legte ich mir ein paar neue (alte) Platten zu, einen all time favourite aus dem Hause ECM („Magico“ von Gismonti / Haden / Garbarek, via Discogs, ein „original“ near mint, nach den Jahren mit der LP besass ich ewiglang die CD, jetzt back to the roots, eine absolut audiophile Scheibe, five stars), ein weiteres magisches Triplealbum aus Jamaika (das mir vor zwanzig Jahren abhanden kam und von Music on Vinyl unlängst neu aufgelegt wurde – ein Schnapperl bei a-Musik in Köln namens „Open The Gates“, von Lee Perry and Friends), sowie ein Doppelalbum von Red Hook Records (gar nicht billig), ein kompletter Blindkauf (nie gehört, aber, mit Blick auf die Besetzung, und Jason Morans himmlisches Klavierspiel auf Charles Lloyds neuem Doppelalbum hundertpro kein Reinfall). BlankFor.ms: electronics, tape loops, processing  / Jason Moran: piano / Marcus Gilmore: drums  / Recorded: 26-27 May 2022  / The Bridge Studio, Brooklyn NY  / Engineer: Amon Drum  / Mixing: Rick Kwan / Mastering: Taylor Deupree / All photos: Arianna Tae Cimarosti /Cover Art: Laura Charlton  / Design: Matthew Appleton  / Video: Ingo J. Biermann  / Produced by Sun Chung. Ich bin gespannt. Und die anderen zwei im Bunde: „Magico“ ist eines dieser Alben, das ich immer hören kann, und immer fesselt. Und wenn es nur eines geben darf, ist es mein ECM-Lieblingscove! „Open The Gates“ ist ein Werk aus Perrys „salad days“ im Black Ark Studio, und es hört einfach nicht auf, in seine Schichten, Winkel und Horizonte zu locken. Wie kam ich nur so lange ohne dieses Opus aus?! Ein Stückweit verwandelt man sich beim Hören selber, was kein esoterischer Quatsch ist, sondern leicht nachprüfbare Bewusstseinserweiterung. Ich rede hier von feinen, kleinen Erhellungen, die mintunter grössere Effekte haben als pompöses Erkenntnistamtam! Just put it on, and play it loud! Das gilt natürlich auch für „Magico“ – wer sagt, dass man ECM-Platten leisen hören sollte?!