• Der letzte Donnerstag im Juli (zweites update)


    Meine „Patience der Alben“ für die kommenden Klanghorizonte im Juli hat schon begonnen. Hier ein Update. Eine zündende Idee besorgte der feine Artikel im neuen „Wire“ über Herrn Hosono und seine besondere Beziehung zu einer Verfilmung des Jules Verne-Klassikers „In 80 Tagen um die Welt“ aus dem Jahre 1957…

    Und so schauts aus: ausser dem herrlichen „Pacific“ vor ein paar Jahren hat noch nie ein „Hosono-Album“ meine Nachtsendungen bereichert – zudem schulde ich es mir selber, dem fabelhaften Frühwerk des American Analog Set zu ihrem seit den Neunzigern überfälligen Debut zu verhelfen. Wie konnten die nur an mit vorübergehen?! Die Austin, Texas-Variante der Young Marble Giants, aber ganz anders! Eine Stunde ohne ECM und Eno? Letztens kommt es sowieso anders als man denkt!

    Kate Perry
    American Analog Set
    Keith Hudson 
    Miguel Atwood-Ferguson & Carlos Niño
    Ben LaMar Gay
    Jeremiah Chiu & Marta Sofia Honer
    Al Breadwinner 
    Haruomi Hosono
    Stephen Vitiello

  • „Reviewing reviews“

    Not one but two new Brian Eno albums to aurally digest, each made in collaboration with conceptual artist Beatie Wolfe.Lateral brings to mind Eno’s past outer space-related ambient endeavours with younger brother Roger and Daniel Lanois, but with Wolfe’s involvement the album seems to be more of a sonic comfort blanket to wrap oneself up in whilst gazing up at the stars… or wishing one was up there with them. As for Luminal,it’s very much a sister album to Lateral. Wolfe has written its lyrics, and also sings on these 11 songs, which are produced magnificently by Eno. Think luscious dreampop with shades of a country twang and you will be close to what is achieved on this album. The instrumental Lateral and vocal tracks of Luminal are each as captivating as they are deeply moving, and both albums complement each other very nicely too. (David Nobakht)

    Icn sammle derzeit, im Netz, Besprechungen der beiden Alben „Luminal“ und „Lateral“ von Beatie Wolfe und Brian Eno bzw. Brian Eno und Beatie Wolfe. Ein knappes, gutes Dutzend ist derzeit verfügbar, etliche werden noch folgen. Neben wenig überraschenden „appraisals“ von den üblichen Eno-Berichterstattern Wyndham Wallace und mir, finden sich respektvolle wie bewundernde, ja, begeisterte Besprechungen vor allem des Songalbums. Eine klare Tendenz, auch wenig überraschend: der Songzyklus wird generell positiver bewertet, mitunter hymnisch gefeiert; das „Ambient-Opus“ bekommt, je nach Standpunkt, das polemische oder das leicht gelangweilte oder faszinierte „Echo“, im Grunde, wie es bei „Ambient Music“ seit „Ambient 1“ (1978) der Fall ist. Ich möchte, wenn ich genug gesammmelt habe (niemand muss mir was schicken, ausser, Jan R., wenn da was in der New York Times zu lesen ist!), die Besprechungen von „Luminal“ besprechen. Zwei Dinge noch: einmal gibt es seit gestern, das in den Klanghorizonten im DLF als „Premiere“ gespielte „Play On“ als Video – HIER – und, zum zweiten, die „lyrics“ von „Play On“, bei den „comments“… (Michael Engelbrecht / Foto: Manuela Batas)

  • Monthly Revelations revisited (June)


    Archive: In memory of Hans Dieter Hüsch / Binge: Adolescence (Netflix) / Radio: „Those were the radio days“ – „Karsten Mützelfeldts kleine Abschiedsrede“ / Talk: Beatie Wolfe‘s „Notting Hill Solo Talk“ / Prose: Jonas Engelmann: Gesellschaftstanz (Klangverhältnisse und Aussenseiter-Sounds) / Film: Nouvelle Vague / Album: Caroline – Caroline 2

  • dream, dream, dream…

    „Primal, tribal, apple, egg, vegetable, eel
    I have a new canoe but it does not have a wheel
    Sex, sleep, eat, drink, dream
    Sex, sleep, eat, drink, dream“
    (King Crimson)


    Dreimal „Traumtext“ und Traumdeutung, zuerst ein Song von King Crimson, dann „100 Jahre Traumdeutung“ (Dank an Frank Nikol), und schliesslich, in „comment 1“, „On Electric Country Dream Music“, ein Interview mit Brian Eno und Beatie Wolfe: da sind, auf „Luminal“, die „lyrics“ die Traumtexte.

  • Der Kriegsverbrecher


    Israel has closed crossings into northern Gaza, cutting the most direct route for aid to reach hundreds of thousands of people at risk of famine, as airstrikes and shelling killed dozens more people in the devastated Palestinian territory.

    The move to close the crossings on Thursday will increase diplomatic pressure on Israel as attention shifts from its brief conflict with Iran, back to the violence and grave humanitarian crisis in Gaza.

    During the 12 days Israel was fighting Iran, more than 800 Palestinians were killed in Gaza – either shot as they desperately sought food in increasingly chaotic circumstances or in successive waves of Israeli strikes and shelling.

    Pedro Sánchez, Spain’s prime minister and an outspoken critic of Israel’s offensive, on Thursday became the most prominent European leader to describe the situation in Gaza as a “genocide”.

    Speaking before an EU summit in Brussels, Sánchez mentioned an EU report that found “indications” Israel was breaching its human rights obligations under the cooperation deal, which forms the basis for trade ties.

    The text cited Israel’s blockade of humanitarian aid for the Palestinian territory, the high number of civilian casualties, attacks on journalists and the massive displacement and destruction caused by the war.

    Israel vehemently denies the allegation of war crimes and genocide, which it says are based in anti-Israel bias and antisemitism.

    Dies ist ein aktueller Text aus dem Guardian: die Leugnung der Kriegsverbrechen mit Antisemitismus zu erklären, ist dreiste Demagogie. Das sage ich natürlich ohne jede Strahlkraft, genauso wie es eine Schande ist, dass sich Europa zu keiner klaren Verurteilung durchringen kann. Die Fortsetzung des Guardian Textes findet sich in comment 1, womit die comment-Liste zeitnah geschlossen wird. Um den ganzen Bericht zu lesen, einfach auf die Titelleiste klicken: „Der Kriegsverbrecher Netanjahu“. (m.e.)

    The Guardian comment on annhilation in Gaza: HERE

  • „deep thrill reading“

    Seit langem habe ich keine Kriminalromane mehr besprochen, mit der Ausnahme des Hammerschmökers „Der Gott des Waldes“. Wenig mehr. Nun ist es an der Zeit, auch die aus meiner Sicht anderen beeindruckenden Thriller-Leseerlebnisse der letzten, etwas längeren Zeit zu listen. Und da jeder andere Vorlieben hat, schenke ich mir hier mal meine private Hitliste – alles rückt eh eng zusammen – ich belasse es bei knackig kurzen Beschreibungen dessen, was da zu erwarten ist: „word for word minimalism“! Und die „New York Times“ zitiere ich nur einmal, und zwar jetzt: „A labyrinthine and multilayered horror mystery… The entire mystery is wonderfully complex and carefully crafted… „Seltsame Bilder“ is a story where revelations and new questions wait around every corner, and Uketsu keeps readers guessing until the very end….“

    James Lee Burke: Angst um Alafair (surreal, photorealistisch, landschaftsumrauscht, wild, hardboiled) // Liz Moore: Der Gott des Waldes (transgenerational, verflochten, hochspannend, tiefgehend, wendungsreich) // Uketsu: Seltsame Bilder (innovativ, schockierend, subtil, feinheichnend, existenziell) // Neil Lancaster: Das Gebot der Rache (highlandnoir, fesselnd, flowy, schwarzhumorig, knallhart – und mit einer ursympathischen Ermittlerin, die Ornette Coleman und Tangerine Dream hört🪘- Band 3 der Max Craigie-Serie erscheint im Januar 2026, s. Foto)) // Christoffer Carlsson: Wenn die Nacht endet (preisgekrönt, comingofageig, flüssig, fundiert, brilliant) // Mathijs Deen: Der Holländer (skurril, klug, ostfriesig, exkursfreudig, puzzelig) // Ralf H. Dorweiler: Der Herzschlag der Toten (historisch, hamburgerisch, pittoresk, gruselig, fantasievoll) // Andreas Pflüger: Wie Sterben geht (historisch, mitreissend, literarisch, anspielungsreich, politisch) // (ausgewählt und vorgestellt von Michael E.) // Etwas ausführkicher nun noch S. A. Cosby: Der letzte Wolf: meine DLF-Kollegin Katrin Doerksen las den Kriminalroman wie ich mit Spannung. Die Geschichte um einen Amoklauf im ländlichen Virginia der frühen Trump-Jahre führte uns weit zurück in die Geschichte der Sklaverei und rassistischer Lynchmorde in den USA. Der Autor versteht sich darauf, die unterschiedlichen Interessengruppen schwarzer Aktivisten, konservativer Abgeordneter und fundamentalistischer Prediger auszudifferenzieren und seine Ermittlergeschichte in „alttestamentarische Dimensionen“ voranzutreiben. Southern Noir Goes Gothic!


    Als Zugabe empfehle ich zwei neue Netflix-Serien: die eine, „The Survivors“ ist die gelungene Verfilmung von Jane Harpers Kriminalroman „Der Sturm“, und bei allem traditionellen „plotting“ punktet die australische Miniserie u.a. mit hervorragenden schauspielerischen Leistungen. „The Survivors is a study in how raw grief and festering resentment warp everything – and how surviving a tragedy rarely means getting away unscathed. At its centre is the particular pain of the three mothers – Finn’s, Bronte’s and Gabby’s – deprived of their children and for ever changed by it. Their suffering is almost palpable and marks The Survivors indelibly out from the murder mystery herd.“ Die andere, „Sirens“ ist eher keine Krimiminiserie, sondern, nun ja, „The White Lotus“ meets „Nine Perfect Strangers“. Dass diese Serie aus der Welt der Superreichen einen scharfen Witz hat und wirklich fesselt, ist auch eine Leistung. Lucy Mangan, die professionelle Serienguckerin des Guardian, gibt den „Survivors“ wie ich vier Sterne, und den „Sirenen“ einen mehr als ich, fünf Sterne! „Without ever losing its wit or bounce, Sirens becomes a study in family, class and all sorts of other power struggles, the endless possibilities for good and ill that wealth brings, and the legacies of childhood trauma.“

  • Ein Gastbeitrag

    Was für ein Album! Die größten Fans könnten hier Martina, Olaf, und Ingo werden, evtl. klinkt sich auch Michael ein. Dies ist ein Gastbeitrag, hallo! 

    Caroline 2 ist kein lauter Aufschrei, sondern ein Echo, das in Schichten nachhallt – subtil, entrückt, offen für das, was zwischen den Tönen liegt. Die Londoner Band caroline führt ihre eigenwillige Vision fort – und bricht zugleich mit ihr.

    Die erste Gitarre, die das Album eröffnet, ist keine freundliche Einladung, sondern ein Signal: Hier wird mit musikalischem Material gearbeitet, das ebenso aus dem Postrock wie aus Folk-Fragmenten, klassischer Musik oder sogar Ambient zu stammen scheint – ohne sich irgendwo ganz niederzulassen. caroline spielt nicht in Genres, sondern in Atmosphären. Dabei ist die Musik geprägt von Wiederholung und langsamen Verschiebungen, ganz im Geiste von Künstlern wie Steve Reich oder Talk Talk, aber auf sehr eigene Weise entkernt und neu verwoben.

    „Total euphoria“ ist ein ironischer Titel für ein Stück, das seine Euphorie im Zerfall findet. Langsam, tastend, mit dissonanten Zwischenrufen. „Song two“ – alles andere als Blur – entwickelt sich wie eine wortlose Beschwörung, ein sich windendes Geflecht aus Tönen, das wächst, kippt und wieder in sich zusammensinkt.

    Besonders bemerkenswert ist „Tell me I never knew that“, das fast schon wie eine folkige Litanei klingt, aber immer wieder aus der Harmonie bricht – keine Angst vor Dissonanz, nur das Vertrauen, dass sie Sinn ergibt. „Coldplay cover“ ist, wie man vermuten darf, kein tatsächliches Cover, sondern ein musikalisches Spiel mit Erwartungen: Was, wenn Coldplay am Rande eines Blackout-Festivals auftreten würden? Vielleicht klingt es so.

    Dieses Album lebt davon, sich nicht vollständig zu erklären. Die Songs entstehen aus kleinen Impulsen, wachsen langsam, kippen ab, brechen sich selbst. Aber nichts davon wirkt gewollt intellektuell oder verkopft. Stattdessen ist Caroline 2 ein zutiefst emotionales, fast körperliches Werk, das sich mit jeder neuen Hördurchgang ein bisschen mehr offenbart.

    Produziert wurde es von der Band selbst – Jasper Llewellyn, Casper Hughes und Mike O’Malley –, was der Produktion eine wohltuende Unmittelbarkeit verleiht. Alles klingt, als sei es im Moment entstanden, in einem Raum voller Leute, die mehr mit Blicken kommunizieren als mit Worten. Der Mix von Jason Agel und das Mastering von Heba Kadry sorgen dafür, dass dieses fragile Gebilde nicht zerbricht, sondern aufblüht.

    Caroline 2 ist ein Album, das sich nicht anschreit, sondern flüstert. Es gehört zu den Platten, die man nachts hört, allein, mit einem Buch auf dem Schoß oder einem Berg im Blick – so wie auf dem Cover, das durch eine Autoscheibe fotografiert wurde und wie ein Symbol für das ganze Album funktioniert: Schönheit im Vorüberziehen. Wer Geduld mitbringt, wird belohnt. Wer sie nicht hat, wird vielleicht lernen, sie zu schätzen.

  • Mr. Shrimp Boat (Teil 1)

    Wer die folgenden Zeilen liest, könnte sich wie in einem Kapitel eines jener Stephen King-Romane fühlen, die er in der Kindheit ansiedelt, und die ein nostalgisches Flair haben. Oder wie in einer Short Story von Richard Brautigan. Zwei Songs seines neuen Albums gibt es als Zugabe.

    „An einem guten kalifornischen Morgen pflegte ich früh aufzustehen, Tee zu trinken und Gras zu rauchen. Nach einer Weile sagte ich meiner Frau, dass ich auf dem Weg in mein Büro sei. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr die etwa einstündige Fahrt von meinem Haus in Venice in eine kleine South Bay Gemeinde. Am anderen Ende des Strandes befindet sich ein Surf-Food-Stand, mein liebstes Restaurant auf der ganzen Welt. Oft bestellte ich mir dort ein „Shrimp Boat“ – gebratene Krabben und Pommes frites mit Cocktail- und Remouladensauce. Ich ging so oft hin, dass mein Spitzname Shrimp Boat war. Dann bin ich zum Pier von Manhattan Beach gegangen, wo es ein winziges Aquarium mit einem falschen Hai gab. Das war eine meiner liebsten Fahrradtouren auf der Welt.“

    “Breaking Into Acting“

    Ein Großteil seines neuen Albums ist ein Stückweit von seiner Heimatstadt angesiedelt, auf der Farm seines Onkels, gleich hinter der Grenze zu Indiana. Er verbrachte dort viele Ferien mit seinen Geschwistern und seinen Cousins. Später fing er an, auf dem Land zu arbeiten und bei der Kautabakernte zu helfen, bis sein Onkel in den 1980er Jahren, als neue Informationen auftauchten, die Tabak mit Krebs in Verbindung brachten, zur Weihnachtsbaumzucht überging. „Es war einer dieser Orte, an denen man sich auf eine magische Suchen nach den eigenen Weihnachtsbäume maxhen kann“, erklärt der Sänger. „Es waren keine Bäume in Reihen, sondern sanfte Hügel und Wälder. Ganz Charlie Brown.“

    In den Sommern seiner Collegezeit ging er allein in den Wald, trug dicke Kleidung und hatte ein aufgemotztes Sägeblatt dabei, um die Äste zu beschneiden. „Das war das Schwerste, was ich je gemacht habe“, sagt er. „Ich kam überall mit blutigen Kratzern zurück. Es war brutal.“ Der Spaß kam im Winter, als er die Bäume verkaufte. „Eine Familie in den Wald zu führen, entlang dieser Pfade, um zu sehen, ob sie den richtigen Baum für sich finden können. Und wenn das Kind seinen Baum gefunden hat und du ihn fällst, trägst du ihn auf deinem Rücken zu ihrem Lastwagen und bindest ihn fest. Das ist das Beste. Es ist der beste Job – bis auf den Teil im Sommer.“


    „Times Of Difficulty“

    Wenn der Sänger über diese Zeiten spricht, tut er dies mit Zärtlichkeit. Er erzählt von langen Wanderungen über Hügel und entlang von Flüssen, vom Wandern auf Bahngleisen, vom Schlafen im Freien am Lagerfeuer. Es gab einen Bach und Wasserfälle und ein tiefes Schwimmloch, in dem, so behauptete einer seiner Cousins, vor langer Zeit ein Zug von den Gleisen abgekommen und ins Wasser gestürzt war. Unter ihnen, sagte der Cousin, liege ein Waggon voller Skelette. „Ich habe das geglaubt. Ich glaube es immer noch“, sagt er. „Wir versuchten, so weit wie möglich hinunterzuschwimmen, um zu sehen, ob wir den Waggon finden würden. It was crazy. It was terrifying.“

    FORTSETZUNG FOLGT

    (Laura Barton erzählt eine lange Story rund um das Leben und die neue Platte „Get Sunk“ von Matt Berninger (The National) in der Juliausgabe von „Uncut“. Sehr lesenswert, und hörenswert sowieso! – „Where is the bread, where is the butter? / Can’t you use your beautiful hands for me? / How quickly we can remember / How long we’ve been staring out to sea…“ (aus „Times Of Difficulty)