• „Wie eine Totenwache“ (von Shaad D‘Souza) –


    Die Musikindustrie hat eine gemischte Bilanz, wenn es um Altruismus geht: Für jedes „Concert for Bangladesh“, ein durchdachtes und zeitgemäßes Projekt, das als epochales Kunstwerk Bestand hat, gibt es ein „Do They Know It’s Christmas?“, ein Lied, das von einer Handvoll reicher weißer Musiker konzipiert wurde, die offenbar davon ausgingen, dass die mehrheitlich christliche Bevölkerung Äthiopiens den wichtigsten christlichen Feiertag nicht kannte.

    Ich befürchtete, dass „Together for Palestine“, eine große Wohltätigkeitsveranstaltung in der 12.500 Zuschauer fassenden Wembley Arena in London, organisiert von Brian Eno, Khaled Ziada, Khalid Abdalla und Tracey Seaward, in die letztere Kategorie fallen würde: Israel führt seit fast zwei Jahren einen umfassenden Angriff auf den Gazastreifen, und während der größten Teil dieser Zeit hat sich die Führungsriege der Musikindustrie weitgehend zurückgehalten. Viele der Musiker und Redner, die ursprünglich auf dem Programm standen, hatten in den ersten Monaten der Belagerung Israels und der unverhältnismäßig gewaltsamen Reaktion auf die Angriffe der Hamas vom 7. Oktober 2023 kaum ein Wort über Palästina verloren. Dass diese berühmten Namen fast zwei Jahre später Zeit und Energie für diese Sache aufbrachten, empfand ich als einen armseligen Versuch, das zu korrigieren, was sich wie eine Ewigkeit verdammten, verstörenden Schweigens anfühlte.

    Das mag bis zu einem gewissen Grad stimmen – ich finde es immer noch beunruhigend, dass so viele, die die Macht haben, große Gruppen von Menschen zu mobilisieren, diese Macht nicht genutzt haben, bis selbst die einst so gefühllosen israelischen Falken begannen, anzuerkennen, dass die Aktionen des Landes in Gaza unmenschlich sind –, aber Together for Palestine war nicht nur eine milde Übung darin, „Liebe in die Welt zu senden” oder in Zeiten sozialer Unruhen apolitische Einheit zu predigen.

    Stattdessen fühlte es sich wie eine Totenwache für die mehr als 65.000 Palästinenser an, die von Israel getötet wurden. Trotz der besten Versuche der Musiker auf der Bühne, fröhliche und beschwingte Songs zu spielen – wie zum Beispiel, als Hot Chip, Ibibio Sound Machine und der Trans Voices Chor bei ihrem gemeinsamen Auftritt auf hymnischen Diva House zurückgriffen –, war die Stimmung in der Wembley Arena zutiefst gedrückt. Jeder tapfere, erfolgreiche Versuch, das Publikum zu begeistern und uns daran zu erinnern, wie viel Macht normale Menschen haben, um Regierungen zu beeinflussen und Veränderungen zu bewirken, wurde durch die Erinnerung daran konterkariert, wie wenig Menschen im Westen, von Politikern über Journalisten bis hin zu Zivilisten, getan haben, um Palästina zu unterstützen.

    In einer wohltuenden Abwechslung zu den üblichen Benefizveranstaltungen mit Staraufgebot wurde kein Versuch unternommen, so zu tun, als würden wir nicht in trostlosen Zeiten leben.

     Die 25-jährige palästinensische Journalistin Yara Eid sprach über den Tod ihres „Seelenverwandten” und Kollegen Ibrahim, bevor sie eine Videomontage vorstellte, die allen palästinensischen Journalisten gewidmet war, die von israelischen Streitkräften in Palästina getötet wurden. Zeichnungen jedes Journalisten sowie Details darüber, wie und wann sie getötet wurden – oft zusammen mit Familienangehörigen oder während ihrer Berichterstattung – wurden in immer schnellerer Folge eingeblendet, bis so viele Verstorbene auf dem Bildschirm zu sehen waren, dass alles statisch wurde. Wie der Experte Mehdi Hasan uns kurz zuvor in Erinnerung gerufen hatte, zeigen Studien, dass während dieses Konflikts mehr palästinensische Journalisten getötet wurden als in Vietnam, Jugoslawien, Afghanistan und beiden Weltkriegen zusammen.

    Fortsetzung und kompletter Text HIER (Pitchfork)

  • „Deer Diary: Hardanger ace runs with the caribou“

    The sentence that puts a smile on my face here: „Fans of Robert Wyatt‘s Rock Bottom [one of the most heartbreakingly beautiful albums from the last 100 years; m.e.], mid-70s Bert Jansch [I saw Bert Bert Jansch solo in the summer of 1975 in the „Omnibus“, Würzburg; m.e.] and Popol Vuh‘s Aguirre soundtrack will get the idea. A thing of wild beauty.“

    HERE my updated „2025 so far“-list with MIRRA jumping on no. 10!

  • Draussen im Dunkeln


    Im Wartezimmer meiner Zahnärztin habe ich diese fünf Songs zusammengestellt, ohne sie zu hören oder zu kennen (bis auf die Lieder von Jeff und Jonathan), also rein intuitiv, und nach der Lektüre kurzer oder längerer Besprechungen, zumeist aus der neuen Ausgabe von „Uncut“. Irgendwo in meinem Archiv schlummert ein tolles Album von Brigitte Fontaine – ich bin sehr gespannt auf diese Ausgrabung von „WeWantSounds“.

    Wewantsounds is delighted to reissue French pop icon Brigitte Fontaine’s landmark 1968 albumBrigitte Fontaine Est Folle, originally released on the cult label Saravah and arranged by Jean-Claude Vannier. This special 2-LP edition, approved by the artist, features the original album, newly remastered from the original tapes, along with a second LP of demos, instrumentals, and a live rendition of „Il Pleut“ recorded for France Inter/ORTF. The release also includes a 20-page bilingual booklet with introductions by journalist Jeremy Allen and Stereolab‘s  Laetitia Sadier, essays by Brigitte Fontaine’s biographer Benoît Mouchart and Benjamin Barouh, plus full lyrics and rare archival photos.“

    Future Tree

    The Dog Star

    Out In The Dark

    Il Pleut

    Everybody‘s Heart

    It was novelist and critic John Berger who first posited that “calm is a form of resistance”. Who knows if Jeff Tweedy was channelling that sentiment while creating the gentle behemoth that is Twilight Override, but he has certainly responded to the maelstrom of paranoia and inhumanity unleashed by the second Trump term – what the Wilco frontman has dubbed “a bottomless basket of rock bottom” – with disarming composure, and a big batch of tunes for his fifth solo outing. 

    Twilight Override is a 30-song triple album of mostly mellow consolation, insightful rather than intimidating. In the studio performance video for “Feel Free” – one of four tracks released in advance of the album – there is a glimpse of a sign on the wall of Wilco’s Chicago studio, The Loft, saying: ‘It Could Be Worse’. The song itself is a seven-minute invitation to shut out the white noise and slow down, to lay down anger and concerns, “To fall in love with the people you know and fall harder for the people you don’t”.

    (Fiona Shephard, Uncut, November 2025)

  • Monthly Revelations (September)

    Es liegt nun die Jubiläumsausgabe vor eines Triumphs von John Prine im mittleren Alter. 1991 feierte er nach langer Abwesenheit ein erfolgreiches Comeback, als er sich an Tom Pettys Sideman Howie Epstein wandte, um „The Missing Years“ zu produzieren. Mit Benmont Tench von den Heartbreakers an Bord gewann das Album einen Grammy, und vier Jahre später tat sich das Trio erneut zusammen, diesmal mit Marianne Faithfull als Backgroundsängerin, um „Lost Dogs + Mixed Blessings“ aufzunehmen. Angeführt von dem teilweise gesprochenen „Lake Marie“, das Dylan als seinen Lieblingsmoment von Prine bezeichnete, sind Songs wie „Ain’t Hurtin’ Nobody“, „Quit Hollerin’ At Me” und „Big Fat Love” vielleicht etwas ausgefeilter als seine üblichen Nummern, aber die Wärme, der Witz, der Humor und die Menschlichkeit, die sein Markenzeichen waren, sind hier in Hülle und Fülle vorhanden auf einem Album, das zusammen mit „The Missing Years” zu den Höhepunkten seiner Karriere zählt. Soweit diese kleine Abschweifung zu unserer Buchempfehlung des Monats. Alle weiteren Empfehlungen finden sich in unseren „marginalen Kolumnen“! Schönes Stöbern!

  • The story behind „Music For Films“


    THE STORY

    In jenem legendären, einsamen Sommer (oder war es schon Herbst), in dem „Music For Films“ erschien, lebte ich in einer leergeräumten Wohnung, in der die Schatten einer alten Liebe noch an der Wand tanzten. Allmonatlich kaufte ich die „Sounds“, die beste Musikzeitschrift der alten Bundesrepublik. Ich stöberte durch die jüngste Ausgabe, als mein Blick auf eine kleine Werbung der Firma Polydor fiel: „Der Mann im Hintergrund“, war da zu lesen, so flüstert es mir meine Erinnerung ein, ein monochromes graues Cover war abgebildet – Music for Films wurde mit kalkuliertem Understatement verkündet. Sofort bestellte ich die Platte bei einem meiner zwei Dealer, in Unterlüss. Der andere Postversand war Jazz by Post in der Gleichmannstrasse 10 in Pasing, von dort kamen mir über Jahre u. a. viele ECM-Neuheiten ins Haus, die Schatztruhe der 70er Jahre war weit geöffnet. Unterlüss war für die Rockmusik und ihre Ränder zuständig. Zwei, drei Tage später hielt ich Music for Films in Händen. Und hörte sie zum ersten Mal.

    Ich habe diese Platte mit ihren flüchtigen und mich auf jede Flucht mitnehmenden Skizzen, ihren vollkommenen Unfertigkeiten, ihren Sehnsuchts- und Angst- und Traumstoffen seither unendlich oft gehört, bewusst, unbewusst, im Hintergrund, im Seitengrund, Im Vordergrund. Beim Wandern (mit Knopf im Ohr), beim Schreiben, beim Einschlafen, Wachwerden, in der Fremde. Und als Alternative für „die Zigarette danach“. Beim ersten Hören wusste ich damals schon, 1978, dass diese Musik lebensbegleitend sein würde. Sie wurde rasch auch eine Medizin, sie half mir, mit den nackten Schatten an der leeren Wand zu tanzen, statt sie zu verscheuchen.

    Und als damals ein Riese mich aus dem Bett und meiner Wohnung im 7. Stock schleudern wollte, ich meinen Geist vergeblich mit Kakao zu beruhigen suchte, der Alptraum aber wiederkehrte, und ich mir einen heißen Grog machte mit dem guten alten Pott, mit dem Auto auf einen großen leeren Acker in der Nähe von Würzburg fuhr, dort den Sonnenaufgang erlebte und  meine einzige tief anrührende Begegnung mit einer Kantate von Bach aus dem schräpigen Autoradio hatte, und hernach in die Alpdruckwohnung heimkehrte, legte ich Music for Films auf, und erlebte, wie sich die vollkommen irrationalen Glücksgefühle, die sich schon auf dem kühlen Morgenacker aufgetaucht waren, weiter ausbreiteten, und ich mich gar freute auf die nächste Begegnung mit dem Riesen.

    (Wer ganz oben auf „The Story“ klickt, hört, was Brian Eno mir vor ein paar Jahren über „Music For Films“ erzählte, und wie eng die Musik mit den Aufnahmesessions von „Another Green World“ verknüpft war. Es ist ein Fakt, dass kein Album öfter in den Klanghorizonten von mir in all den Nächten zwischen 1990 und 2021 gespielt wurde als diese beiden. Es ist ein Fakt, dass ich in meinem Leben kein Album öfter gehört als diese beiden.)

    „The passage of time
    Is flicking dimly up on the screen
    I can’t see the lines
    I used to think i could read between
    Perhaps my brains have turned to sand“

  • Joe und Jan


    JOE MEEK
    Ein Portrait von Jan Reetze

    Hardcover, 312 Seiten

    Pop, Beat, Rock’n’Roll, Sound-Experimente: Die Geschichte des innovativsten Hitmachers der Sechziger Jahre.

    Die erste Joe-Meek-Biografie in deutscher Sprache erscheint im September 2025. 

  • Monthly Revelations (August)


    album: Olga Anna Markowska: Iskra // film: Sirāt // prose: Brian Anderson: Loud And Clear // talk: Beatie Wolfe (third month in a row) // radio: Ein älteres John Taylor-Portrait // binge: „Robert Lemke – Wer bin ich?“ // archive: Brian Eno: Another Green World (50th anniversary)

    Die „revelations“ des Monats August sind von beachtlicher Verschiedenheit. Das von Ingo präsentierte Albim gibt es anscheinend schon länger in diesem Jahr, aber wir betreiben keine Fetischisierumg des Neuen, und warten gerne auf perfekte Zeitpunkte. Wie ich bei dem „Arcanum“-Album von ECM. Klar, wir entdecken manches erst im nachhinein. Das seltsamste Miteinander hier sind Robert Lemke und Brian Eno – aber, bitteschön, beide hatten in den Siebziger Jahren ihre Hoch-Zeit, Robert Lemke war etwas früher dran. Und auch die legendäre Quizshow öffnete Welten, trotz aller inszenierten Gemütlichkeit (was machte die Schönte des Rateteams auf einmal in einem Italo-Western in dem Armen von Clint Eastwood!?) Neben „Einer wird gewinnen“ meine Lieblingsrateshow aus Kinderzeiten. Und später kluge Dokus zu sehen über die Akteure, wie Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal und jetzt Robert Lemke ist und war, für viele eine spannende Zeitreise. (m.e.)

  • David Boulters kleines Meisterstück

    „Es geht auch um den Versuch, eine Idee von der Küste einzufangen, die in unserer Vorstellung existiert. Ich habe am Meer gelebt, aber Mama und Papa besaßen Pubs, also bin ich auch viel umgezogen. Ich bekam meine Ideen aus Büchern und Musik, aber ich fühlte mich immer von dem Gefühl dieser Küstenwelt angezogen. Ich fasse es so zusammen: Wenn du jemals das Geräusch des Windes zwischen den Segeln der Boote im Hafen gehört hast …  für mich klingt das wie die Musik von Joe Meek, Jahrmarktsmusik. Es ist der Klang von Geistern; der Klang einer Welt zwischen den Welten. Der Klang der Koralleninsel.“ (Richard Skelly, The Coral)

    Looking for Trudy


    Seaside towns out of season can be very evocative, I think. All the boarded-up amusement aracades and windswept, empty beaches. Did you try to encapsulate even a little of that feeling on the album?

    David Boulter: I did, and one of the things that actually sparked the idea for me was playing a Tindersticks show in Norwich about nine years ago. I ended up getting there the day before the show, and I’d arrived by rail and saw that another train was leaving for Great Yarmouth. And it was only forty minutes away, so I decided to go there for the day. This was in November, so it had a very grey feeling and it was at least 30 years since I’d been there. It was very different, and – to begin with – it was very depressing. But then I started to see things that I recognised, and to remember things that I hadn’t thought about at all during that time. It brought about some very strange emotions in me – not really nostalgia, or wanting to go back, but definitely something.

    Records to listen to for people with a weak spot for the sea, the old days, and the wind in the sails: David Boulter: Yarmouth / The Coral: Coral Island / Nino Rota: Amarcord / Fripp & Eno: Evening Star / King Creosote & Jon Hopkins: Diamond Mine / Boards of Canada: Music Has The Right To Children (David Boulters wiederveröffentlichtes Album „Yarmouth“ ist für die Klanghorizonte am 31. Juli gesetzt. Solche Alben werden früher oder später als „buried treasure“ gehandelt. Dagegen lässt sich was tun!)