Three Songs for a Rainy Afternoon
„Das achtminütige „American Baby (Two-Part Invention in C)“ ist das Stück, zu dem ich immer wieder zurückkehre, gefesselt von einem E-Piano-Riff in Moll, das zwischen „She’s Not There“ von den Zombies und „Riders on the Storm“ von den Doors angesiedelt ist und eine Dynamik erreicht, die fast so subtil unerbittlich ist wie „Do It Again“ von Steely Dan. Die Kraft des Grooves verwandelt die subtile Leere des Textes in etwas Geheimnisvolles und Fesselndes. Tot Taylor‘s album „Frisbee“ is a sophsticated take on pop tropes and delivers.“ (Richard Williams, slightly revised)
„There’s both sunlight and shadows on the sophomore release from Malcolm Jiyane Tree-o, centered around the theme of a life of poverty in South Africa. The melodies on True Story cut to the soul—and sometimes deliver an uplifting surge, too, a sense of joy and sadness experienced simultaneously, the clash only amplifying their counterparts. The Johannesburg-based trombonist is joined by a core quartet of bassist Ayanda Zalekile, drummer Lungile Kunene, percussionist Gontse Makhene, and pianist-keyboardist Nkosinathi Mathunjwa, plus no small amount of guest contributors. The last song, „Name It Later“, is possibly breaking your heart.“ (Dave Sumner, slightly revised)
Ich fand das neue Album von Paul Newland, als ich in der August-Ausgabe von „Wire“ herumstöberte: ein Troubadour, der sich an Waldspaziergänge im „Epping Forest“ erinnert und gelebtes Leben in windumrauschtes Herbstlaub verwandelt. Clevelodes „Muntjac“: eine seltene Melange von Ambient Music und Songs, vorgetragen mit rührender, zugleich vollkommen kitschbefreiter Beiläufigkeit. „Grimston‘s Oak“. Wäre meine Ausgabe der Klanghorizonte am 25. Juli um 21.05 Uhr nur fünf Minuten länger, ich hätte dieses Lied untergebracht, zwischen Arushi Jain und dem neuen Streich von Warrington Runcorn New Town Development Plan.
Times of shit and roses
„My individual, psychological descent coincided, ironically, with my ascent into the public eye. They were putting me on a pedestal and I was wobbling… So I isolated myself and I made my attempt to get ‘back to the garden’. I moved up into the Canadian back bush to a small sanctuary where I could be alone, lived with kerosene, [and] stayed away from electricity for about a year. I turned to nature. I was going down and with that came a tremendous sense of knowing nothing. Western psychology might call it a nervous breakdown but in certain cultures they call it a shamanic conversion. Depression can be the sand that makes the pearl. Most of my best work came out of it… There is a possibility, in that mire, of an epiphany.“(Joni Mitchell, looking back on the growing of her 1972 album „For The Roses“, that has quite often been seen as a transitory work between her milestones „Blue“ and „Court and Spark“ – but, hey, what a fine, multi-layered album it is!)
Über die Handschrift eines Künstlers (Gastbeitrag von Lea Matusiak)
Die Szene spannt sich auf, wie ein Augenaufschlag. Musik ertönt über ein paar signifikanten Hintergrundgeräuschen. Es bauen sich mit den Bildern Momente einer Szene auf. Kurze Zeit scheint es ein normales Intro in einen normalen Film zu sein. Nein. Auf einmal knallen Bild und Ton direkt los. Es startet ein Mix aus moodhaften Motiven, die collagenhaft in Sekunden eine Lebensgeschichte erzählen und im euphorischen Wechsel zu Soundtrack und eigenem bildhaften Überraschungsmoment stehen. Ruckartig. Faszinierend eigensinnig. Ein Wimpernschlag später. Aggressiv. Verwegen. Nicht aggressiv. Brutal nah. Man taucht direkt ein in diese Stimmung, wie in ein Eisbecken. Man wird regelrecht unter Wasser gezogen.
Wer die Filme kennt, erinnert sich vielleicht an diesen Effekt. Ich spreche von den Werken des Regisseurs Guy Ritchie, welche eine eigenartige Faszination auf mich ausüben und die ich zu ergründen versuche. Ich fasse diese bestimmte Stimmung auf und treibe darin, solange ich es soll. Es ist so mitreißend, dass der Nachklang auch nach dem Film erhalten bleibt. In welcher Form auch immer. Nicht zu verkennen: Der Fakt, dass ich mich darin wiederfinde, Werke desselben Künstlers zu vergleichen, um konzeptionelle Gemeinsamkeiten festzustellen, was einen Teil dieser Faszination begründen vermag.
Das Basisgefühl entnehme ich dem Track Growing Up Londinium des mehrfach ausgezeichneten Briten Daniel Pemberton, der unter anderem für den Film King Arthur: Legend of the Sword (2017) einen monumentalen und gleichzeitig feinsinnigen Soundtrack gebaut hat. Für mich ist dieser Track ein Sinnbild für ebendiesen Guy-Ritchie-Effekt. Die Wirkung der Filmmusik macht einen undenkbar großen Anteil am Erlebnis des Films aus. Phil Blumenthal schreibt in seinem Beitrag auf www.filmmusicjournal.ch, dass einem der Blick ins Booklet bereits vieles über den gewählten Musikansatz verrät: “Nicht nur, weil Pemberton selbst in einem ausführlichen Kommentar seinen Ansatz süffisant und detailliert beschreibt, sondern auch, wenn man sich die Besetzungsliste anschaut. […] Ein „Ancient Ensemble“ bestehen aus fünf Personen, etliche Solisten mit mittelalterlichen Instrumenten wie die Tromba Marina, die Hardanger-Fidel, das Hurdy-Gurdy, der Londinium Bass Bulge… die Liste geht noch um einige Positionen weiter. Mit dieser Besetzung kreierte Pemberton auch im Zuge vieler Improvisations-Sessions eine mal konventioneller klingende, oftmals jedoch brachial experimentelle Filmmusik.” Ein Ansatz, der auch zum Thema des Films passt: Eine moderne Aufbereitung, die die historisch klassischen Elemente integriert – und eben in ganz eigenem Stil wiederbelebt.
Der lässige Einsatz von Text und Typo im Filmbild, teilweise auch im Standbild, um Charaktere vorzustellen, ist ebenfalls ein Element, dessen sich der Regisseur gerne bedient. Das erzeugt besonders in Filmen wie Bube, Dame, König, grAS (1998), snatch – Schweine und Diamanten (2000) oder Rock N Rolla (2008) dieses besondere Gangster-Flair. Gerade bei besonderen Namen, die keine “echten” Vornamen sind, sondern einfach nur Spitznamen, hat das fast schon etwas Schulfilmhaftes. Untermauert von großartigen Dialogen, oft mit kecker Schnauze, Witz, dem ein oder anderen Dialekt und einer Leichtigkeit, die mich nicht zuletzt gerne an die legendäre Burger-Szene aus Pulp Fiction von Quentin Tarantino erinnert. Auch die Erzählperspektive wechselt sich zwischendurch ab: Die Handlung wird beispielsweise in Form eines Interviews erzählt, der Protagonist wird ausgefragt und das Bild switcht zwischendurch immer wieder, sodass der Zuschauer das Erzählte direkt und zügig miterleben kann. In The Gentlemen (2020) führt uns sogar ein einziger Dialog schon nach den ersten 5 Minuten des Films über seine gesamte Lauflänge erst ein in die Verwirrungen und Verstrickungen der Geschichte selbst, aber eigentlich besteht dieser Film nur aus einem bedrohlichen Live-Pitch beim Barbecue – mit jäher Unterbrechung. Und nicht zu vergessen: Der allwissende Erzähler, der zwischendurch auch gerne mal sein Stimmchen erhebt und dahinfliegende Szenen kommentiert. Alles zusammen: Ein bestechlicher Mix, der mich so nahbar teilhaben lässt, als würde ich das Gespräch direkt vor Ort mit anhören. Es kommt fast schon ein verwegenes Gefühl auf, wie wenn man eine Diskussion oder einen Streit mitanhört, die einen gar nichts angehen.
Dann ist da ja noch der Schnitt. Guy Ritchie lässt die Cuts so gezielt setzen, dass es einem buchstäblich ins Auge springt. “Das hat etwas zu bedeuten!”, schreit mein Hinterkopf, aber dann fesselt schon wieder etwas anderes meine Aufmerksamkeit, dass ich die Technik hinter dem Manöver glatt vergesse. Vielleicht ist es auch eher die besondere Kamerafahrt. Wenn auf einmal innerhalb eines Takes die Wiedergabegeschwindigkeit der Bilder beschleunigt wird. Oder es einen prompten Zoom innerhalb eines Bildes beispielsweise auf ein Szenenelement gibt. Oder der seitlich beschleunigte Schwenk von einer Person zur anderen, der dann prompt wieder zum Stehen kommt, so als ob beide Personen an einem runden Tisch säßen, die miteinander sprechen. Wusch. Und wieder zurück. Das lässt sich beobachten in King Arthur: Legend of the Sword (2017) und vielen anderen Werken. Ein Volltreffer.
Zugegeben: Keines der genannten Elemente selbst ist ein Unikat mit einer eindeutigen Unterschrift seines Urhebers. Es ist die Kombination der genannten Elemente und Techniken, die den Stil und damit die Handschrift des Künstlers ausmachen. Brutal nah. Ruckartig aggressiv. Faszinierend eigensinnig. Der unverkennbare Guy Ritchie-Effekt.
Beruhigungsmusik aus Leinfelden-Echterdingen
HEUTE ABEND: Die Klangcollage „TIM“ des Projekts MITTWOCH wird im „deutschlandradio kultur“ in der Sendung „Kurzstrecke“ am Donnerstag, 27.06.2024 zwischen 22.03 und 23.00h vorgestellt.
Seit ca. einem Jahr ist eine sehr grosse Baustelle direkt neben unserem Haus/Wohnzimmerstudio. Der Abriss des bestehenden Gebäudes brachte natürlich jede Menge Staub und Lärm, was oft nur schwer auszuhalten war. Wir haben den Abrissbagger bei seinem Werk aufgenommen und wollten mit den schwebenden, ambientartigen Sounds, die ihn bei „TIM“ umspielen einen ruhigen, wenn nicht beruhigenden, Gegenpart setzen. Piano, Keyboardsounds, Gitarre (mit dem e-bow gespielt), und Vocalsamples wurden verwendet, um der Unruhe Ruhe zu geben. Der Baggerfahrer war ein sehr netter Typ und zentimetergenauer Meister seines Fachs. So weit, so gut, es grüsst Lorenz Edelmann!
“Um Vento Passou“ (für Theo Göstenkors)
„Um Vento Passou” is a dreamy ballad filled with traditional percussion and sweeping strings, where Nascimento duets with his long-time collaborator Paul Simon: two croaky octogenarian geniuses singing in Portuguese and bringing decades of wisdom and warmth to a fine song. (…) This is much more of an Esperanza Spalding album than a Milton Nascimento one. But what Spalding has been able to do successfully is subsume herself into the world that Nascimento has created over the last 50 years – a dreamlike realm of folkloric myth, plugged into nature’s heartbeat. (John Lewis, Uncut)
Johnny Trunk: Audio Erotica (Hi-Fi Brochures 1950s – 1980s)
Remember roller-skating while wearing your first Walkman? Or relaxing to easy listening in your pure white Philips lounge? Or playing chess on your JVC tabletop radio? All these scenarios can be found in the geeky and rarefied world of the vintage hi-fi brochure, where graphic design and acoustic apparatus make magical music together.
From austere postwar Britain to poppy pre-millennium Japan, Audio Erotica presents a nostalgic nirvana of the strangest and most significant period hi-fi brochures. The volume acts as a companion title to the delightful Jonny Trunk/FUEL publication, Auto Erotica: A Grand Tour through Classic Car Brochures of the 1960s to 1980s and is manufactured in the same format. Alphabetically listed, from Aiwa to Zenith, with Braun, JVC Nivico, Nakamichi, Sony and everything in between, this book will resonate with any music fan.
Setting the tempo are the pipe-smoking, high-end separates (amplifiers, speakers, turntables) of the 1950s, followed by the swinging Dansette record players of the 1960s, the prog-brushed-metal music centers of the 1970s and the sleek capitalist cabinet stack systems of the 1980s—not forgetting the aerobic stereo sound portability facilitated by the boombox, and that final high-fidelity, hardware hurrah: the compact disc.
The evocative brochures in Audio Erotica track the technological development of audio equipment before the digital download, while simultaneously revealing the way hi-fi was marketed to the listening public. With knobs on. A striking screen-printed graphic cover on „brushed aluminum“ paper echoes the hi-fi systems shown in the brochures.Dreams of an Ending
Thanks Michael!
Trying to finish this „album“ up, (what is an album, anyway?) but it gets longer and longer, more and more ideas. I will probably end up with a separate album of cast-offs and insane live cuts from ages ago when we were not afraid to lose our hearing, and the hearing of our audiences.
Nearly two years ago:
I’m still working on the next album. It’s a good one, so I’m taking my time. I have one year left in my studio before I get ejected, so I am in no hurry. (…) I am very happy you are still on the radio. I think your voice & selections are best for the magic hours between midnight and 4AM, but we’re all getting older, and sleep can be its own reward. (I loved working those weekend hours at Minnesota Public Radio in my 20s–radio stations are magical at that time, even though you know there are probably only 20 people listening.) (s.t.)

22.52 Uhr. Hyères. Der Gesang in der Luft. 25 Grad und sternenklar. Nicht nur an der Nordsee kann man von einer Radiostation am Meer träumen. Zu den Ritualen des Herumschweifens zählt auch das Mosaik einer Radionachtstunde – so sähe sie im Moment aus, lauter neue Produktionen des Jahres 2024 (aber wo bringe ich den Central Park unter, die Träumereien von Wadada Leo Smith und Amina Claudine Myers?)… 1 Alva Noto 2 Kali Malone 3 Julia Holter 4 Warrington Runcorn New Town Development Plan 5 David Boulter 6 Erik Honoré 7 Pan American & Kramer 8 Beth Gibbons 9 Bill Frisell. Das von mir gewählte Stück von „Orchestras“ hätte auch auf Beth Gibbons Mix-Tape „Mellow Beth“ in Brüssel laufen können in ihrem Vorabendprogramm. Neben diesem hier: “Evening Star“. Und natürlich völlig unmöglich, in diese Sequenz jenes wundersam verrückte Album aus den Achtzigern hier hereinzuschmuggeln, das ich mir zum Record Store Day besorgte: Suns of Arqa: Wadada Magic. (m.e.)


