Der Selbstheiler Joe Tossini und sein Opus Magnum: Lady of Mine

“They say ‘when you are in the water, you better swim’. It looks like I have been swimming most of my life, and many times against the tide. The most important thing is to have no regrets.”
— Joe Tossini
Der Plattendealer meines Vertrauens in Wien empfahl mir dieses Album.
1989 als Private Pressing erschienen, wurde es dreißig Jahre später von Jägern obskurer Schätze wiederentdeckt und schließlich zu einem kleinen Kultalbum.
Die Musik ist Lo-Fi-Lounge, Do-it-yourself-Pop. Gesang und Instrumentierung sind eigentümlich „neben der Spur“. Entfernt erinnert das an den verschollenen Kalifornier Lewis.
Tossinis Musik könnte auch wunderbar einen Kaurismäki-Film begleiten.
Was das Album aber so ausdrucksstark und liebenswert macht, ist die Geschichte des Mannes dahinter. Das Was und das Wie verschränken sich hier unnachahmlich.
Davon erzählen die Liner Notes, siehe Kommentar.
Ein Kommentar
Thomas Pannhorst
Geprägt von seiner bodenständigen sizilianischen Herkunft, haben Joe Tossinis grenzenloser Ehrgeiz und seine unerschütterliche Do-it-yourself-Haltung ihn sein Leben lang immer wieder ins kalte Wasser springen lassen. Überzeugt davon, dass man mit einer positiven Einstellung alles erreichen kann, diente er in der Armee, fuhr in Bologna Taxi, lebte in Südportugal, Toronto, Philadelphia und New Jersey und arbeitete in den unterschiedlichsten Berufen, bevor er schließlich im Bau und in der Renovierung von Häusern seine eigentliche berufliche Heimat fand.
„Never say never“ – „Sag niemals nie“ – ist eines der vielen Lebensmottos, die ihn begleiten. Tossini ist ein leidenschaftlicher Mann: Er war dreimal verheiratet und hat drei Kinder großgezogen.
1977 wurde sein scheinbar unerschütterlicher Optimismus durch den Tod seiner Mutter erschüttert. Er eilte nach Sizilien zurück, um ihre letzten Tage mit ihr zu verbringen. Überwältigt von Angst und Trauer über den bevorstehenden Verlust, musste er selbst ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Noch verschärft wurde diese Krise durch das Scheitern seiner zweiten Ehe. Für einen stolzen Italiener, der großen Wert auf Tradition und Prinzipien legte, war es besonders schmerzhaft, seinen geliebten Sohn und seine Tochter zwischen den Eltern gefangen zu sehen. Er hoffte aufrichtig, die Abwärtsspirale seiner Depression überstehen zu können, bis er wieder festen Boden unter den Füßen hätte.
Tossini erinnert sich:
„Ich musste mich an irgendetwas festhalten. Irgendwann sagte ich mir: Entweder ist es mir egal, ob ich sterbe oder nicht – oder ich gehe mit hundert Meilen pro Stunde durchs Leben. Aber Gott ist gut zu mir gewesen.“
Tossini fand Trost im Songwriting – einer Leidenschaft, die durch seine wechselnden beruflichen Tätigkeiten lange im Hintergrund geblieben war. Ohne jede formale musikalische Ausbildung, aber mit einem natürlichen Gespür für Melodien, begann er in dieser außergewöhnlich schwierigen Phase seines Lebens wieder zu schreiben.
Es entstanden warnende Geschichten aus einem verletzten Herzen: über die flüchtigen Höhen und Tiefen der Liebe ebenso wie über die fiebrigen, eskapistischen Fantasien von „Wild Dream“ und „Sulla Luna“. Die Inspiration kam mit Macht; manchmal schrieb Tossini mehrere Songs innerhalb weniger Stunden. Das Schreiben wurde zur Therapie für seine Seele.
Als Stammgast im Rickshaw Inn in New Jersey lernte er schließlich Peppino Lattanzi kennen, einen Musiker, Arrangeur und Bandleader mit einer langen Liste von Arbeiten im Mid-Century-Rock, Vocal Pop und Easy Listening.
Lattanzi ermutigte Tossini, seine sehr persönlichen Songs aufzunehmen. Obwohl Tossini sich selbst nie als Musiker oder Sänger betrachtet hatte, sah er darin eine weitere Gelegenheit, die eigenen Grenzen auszutesten. Gemeinsam arbeiteten sie an den Arrangements und versammelten neun Musiker aus Lattanzis Umfeld – überwiegend italienisch-amerikanische Studiomusiker.
Lady of Mine wurde 1988 in einem Keller in South Jersey aufgenommen. Mit begrenztem Budget, viel Einfallsreichtum und lokalen Musikern ließ Tossini seine persönlichen Geschichten von einem ungewöhnlichen Ensemble aus vier Keyboards, Bläsern, Flöten und Backgroundgesang begleiten.
Das Ergebnis war eine kosmopolitisch anmutende Lounge-Musik von ausgesprochen sprödem Charme.
Möglich gemacht wurde das Album auch durch Lattanzis Sohn Joey sowie Danny Luciano und Frank Messina, die Studiozeit, Mischung und Artwork koordinierten und den zunächst widerstrebenden Tossini schließlich davon überzeugten, die Platte auf ihrem kurzlebigen Label IEA herauszubringen.
Unter Tossinis Namen wurde die LP damals nur vor kleinem Publikum präsentiert. Inzwischen jedoch hat sie sich ihren Platz im Outsider-Music-Kanon des Internetzeitalters erobert.
Während Lady of Mine von einem romantischen Mann erzählt, dem das Glück in der Liebe lange versagt blieb, fand Tossini schließlich doch seine große Liebe: Suzanne, mit der er zum Zeitpunkt dieser Liner Notes seit mehr als 25 Jahren verheiratet war.
2015 nahm er When You Love Someone auf, ein Album mit Instrumentalmusik, die er bereits in den 1980er-Jahren komponiert hatte. Außerdem veröffentlichte er zwei Bücher im Selbstverlag: den Roman The Devil In White und The Account of My Life, eine autobiografische Schrift voller Lebenserfahrung und Lebensweisheit.