Pop als Beunruhigungsmittel
„Tranquilizer“ von Oneohtrix Point Never
Manchmal muss etwas liegen bleiben. So wie Äpfel, die noch nicht reif genug sind. Im Falle des Apfels ist es ein Liegenbleiben mit defizitärem Hintergrund; ein „Noch-nicht-soweit“, das einen Aufschub erfordert. Und dann gibt es Dinge, die so voll sind, im produktionsästhetischen Sinne so fertig, so überbordend und -sprudelnd, dass es eine Zeit des Liegenlassens braucht, um das, was das Füllhorn über einen ergießt, verstehen und prozessieren zu können. Letzteres war für mich der Fall, als ich Ende November 2025 zum ersten Mal das neue Album von Oneohtrix Point Never hörte und beschloss, darüber zu schreiben. Um dies zu bewerkstelligen, musste ich der Sache auf den Grund gehen und mich zuvorderst – leidlich essentialistisch – fragen: Was ist „Tranquilizer“?

Nun, „Tranquilizer“ ist elektronische Musik; elektronische Musik, zu der man nicht tanzt, sondern denkt. Zu der man in Gedanken springt, musikalischen Ideen hinterherhechelt, einen Soundtrack des Nichtankommens leiblich werden lässt. In seinen zugänglichen Momenten ist „Tranquilizer“ das, wofür sein Name steht: ein Beruhigungsmittel, das seinen Hörenden ein sanftes Abgleiten in freie, abgedunkelte Räume und noch zu erschließende Weiten ermöglicht. Frei nach dem Motto Space is the place: Anklänge von Easy Listening, Minimal Music, Meditationsmusik, sleazy Free Jazz und Chill House ermöglichen kleine Plateaus des Durchatmens. Doch diese mesmerisierenden, reflektorischen, ambientartigen Entspannungsintervalle sind meist nur von kurzer Dauer. Die Beruhigung ist kurzphasig, dann kommt schon ein industriell verzerrter Beat, ein monströser Synthieaufreißer, ein beunruhigendes Atmen oder eine elektromagnetische Interferenz, eine heruntergepitchte Stimme oder ein darkstarwürdiger Bitcrusher. In diesen Momenten wünschte man sich, dass das Album – sozusagen als Triggerwarnung – den Titel „Tranquilizer Gun“ trüge, denn so fühlt man sich leicht: wie von einem Betäubungsgewehr getroffen, geladen mit einer Mischung aus Opioiden, Psychedelika und Amphetaminen. Vor einigen Jahren haben findige Musikjournalisten wie David Keenan von „The Wire“ für diesen im Grunde poststrukturalistischen popmusikalischen Ansatz den Begriff „Hypnagogic Pop“ geprägt.
So lässt sich auch „Tranquilizer“ in dieses geisterhafte Genre einordnen, für das alternativ sprechende Namen und Subgenres wie H-pop, chillwave, Vaporwave oder glo-fi kursieren. Dementsprechend mäandert das Album in einem flimmernden Grenzgebiet zwischen den Stilen und Zuständen. Wenn man Hypnagogic Pop filmisch übersetzen müsste, würde man schnell bei den Wahrnehmungsexperimenten der Dadaisten und Surrealisten, bei „Un chien andalou“, „L’Âge d’Or“, aber auch bei William S. Burroughs und Antony Balchs „The Cut Ups“ landen. Das, was sich in den musikalischen Arbeiten von Hypnagogic Pop-Artists wie Ariel Pink oder James Ferraro manifestiert, könnte man im Wesentlichen als surreale Nostalgie bezeichnen: ein Hang zu einer verträumt-psychedelischen Retro-Lo-Fi-Ästhetik, in der Werbejingles und Easy-Listening-Einsprengsel mit Rock-Radio-Hooks, New Age-Elementen und Computer-Spiel-Musik aus den 80ern in einem Meer aus Hall-Effekten verschwimmt. Hinter diesem stilistischen Wildern steckt eine gebrochen dialektische Audiophilie: Um musikalische Cut-ups wie diese, mit ihren VHS-Sound-Texturen, durch sämtliche Kompressoren gejagten Basslinien und ihrer präzise schlechten Tonband- und Kassettenästhetik inklusive Analog-Wobble und Tape-Hiss, zu produzieren, braucht es ein explizites und umfangreiches, nicht zuletzt auch musik- und medienhistorisch informiertes Wissen.
Wer die Biografie von Daniel Lopatin (so der bürgerliche Name hinter Oneohtrix Point Never) kennt, weiß, dass dieser eklektische Experimentalismus, der sich in besonderer Weise in „Tranquilizer“, aber auch in Vorgängerveröffentlichungen wie „Again“ (2023, Warp), „Magic Oneohtrix Point Never“ (2020, Warp), „Age Of“ (2018, Warp) oder „Garden of Delete“ (2015, Warp) materialisiert, nicht von ungefähr kommt. Der Sohn russisch-jüdischer Emigranten aus der Sowjetunion kam früh mit spezieller Musik in Berührung; sein Vater besaß nicht nur eine beachtliche Sammlung von Jazzfusionbändern, sondern auch den stilprägenden Roland Juno-60 Synthesizer, an dessen Reglern Lopatin schon als Kind drehte – so die Legende. Diese frühen Experimente mit elektronischer Musik legten den Grundstein für sein späteres Engagement als Künstler in der Underground-Noise-Music-Szene Brooklyns. In jenem vibrierenden Stadtteil New Yorks machte Lopatin 2010 seinen Master am renommierten Pratt Institute – überraschenderweise aber nicht in einem der künstlerischen Disziplinen, wie man annehmen könnte, sondern in Philosophie und einem Fach namens Library and Information Science (MSLIS). Was zunächst vielleicht verwundert, ergibt bei eingehender Analyse von Lopatins musikästhetischem Ansatz wunderbar Sinn, könnte man seine Musik doch als so etwas wie eine dekonstruktivistische Archivwissenschaft des Pops bezeichnen. Dazu Lopatin selbst:
„Ich finde Geschichte faszinierend, weil sie so instabil ist. Wir öffnen Archive und denken, dass wir dort Antworten finden. Doch eigentlich finden wir nur Fragezeichen.“ (Quelle: fm4.orf.at)
Diese Philosophie des „offenen Archives“ steht auch im konzeptionellen Zentrum von „Tranquilizer“, wobei die Quellen von Lopatins Sample-Material nicht immer offene waren, zumindest nicht im legalen Sinne: Vor einigen Jahren stieß er im Internet auf einen Mann, der Raubkopien von DVDs mit alten Werbespots verkaufte. In dieser Bestenauslese kommerzieller Trash-Ästhetik befanden sich Zusammenschnitte aus Samstagmorgen-Cartoons, Daily Soaps und Late-Night-Kabelfernsehen. Dazwischen: Spots von Wrigley’s Minzkaugummi, Hershey’s Schokoriegel, Heinz Alphagetti. Ein Potpourri aus veralteten, zum Teil kitschigen Raritäten und Medienklassikern, durchzogen von billigen Synthesizern und VHS-Rauschen. Aus diesem Sammelsurium entstand das Album „Replica“ (2011, Warp), ein verwobenes Kunstwerk aus ambientesque-expressionistischen Fugen und ätherisch-elektronischen Klangelegien.
Bei „Tranquilizer“ geht Lopatin ganz ähnlich vor: Dieses Mal ist es eine Sammlung von Werbe-Sample-CDs, die er Anfang der 2020er-Jahre auf der Webseite „Internet Archive“ entdeckt hatte. Dabei war es ein Unfall in seinem Archivierungs- und Sampling-Prozess, der ihm gewissermaßen unfreiwillig zur Freilegung einer neuen philosophischen Schicht verhalf. Aufgrund einer versehentlichen Löschanfrage verschwanden die Sample-Dateien und das Projekt schien schon dem vorzeitigen Ende nah. Doch dann tauchten die Files unerwartet wieder auf, was Lopatin zu einer Reflexion über die Vergänglichkeit des Archivs anregte, die unmittelbaren Rückfluss auf seine musikalische Gestaltungsweise hat. Dazu berichtet er in einem Interview:
„It occurred to me that even that—the disappearing and resurfacing—was something I wanted to capture […]. I wanted to capture the emotional register of an era where everything is archived but perpetually slipping away.” (Quelle: pitchfork.com)
Jenes Moment der Flüchtigkeit in einer Welt der permanenten Medialisierung und Archivierung ist eine zentrale konzeptionelle Einsicht auch der Vorgängeralben von Oneohtrix Point Never, wobei „Tranquilizer“ weniger konzeptionell ausfällt als beispielsweise „Age of“ oder „Garden of Delete“. Bei „Tranquilizer“ geht es Lopatin weniger um das Erforschen subkultureller Genre-Codes als vielmehr um das Gewährleisten eines Flusses an akustischen Eindrücken, expressionistischen Klangereignissen, wenn man so will. Ein Fluss, in dem die Hörenden mitschwimmen können, sofern sie denn den Geschmack des Wassers schätzen, das man ja unweigerlich doch immer wieder schluckt.
Nicht jeder Hörende wird in diesem rastlosen Zusammenfließen von New-Age-Synthesizern und immersiven Großkino-Basswellen auf bewusst linkisch geschnittenen Percussion-Loops sein musikalisches Seelenheil finden; nicht jede wird mit diesem verschrobenen Nacheinander (und bisweilen auch Nebeneinander) von filmischen Störgeräuschen wie knarrenden Türen, glucksend verzerrten Stimmen, Hundegebell, Möwengeschrei (oder ist es doch ein weinendes Baby?), knarzig-fragmentiertem IDM, Ambient-Drones und akustisch-instrumentalen Versatzstücken (die Harfe! Die Streicher! Die Glöckchen!), wie es bereits die ersten beiden Tracks des Albums offerieren, nachhaltig etwas anfangen können. Nicht alle Hörenden werden damit zurechtkommen, in einem Moment noch auf einer Cocteau Twins-artigen Ethereal Wave-Welle zu reiten (der Track „Cherry Blue“), im anderen in ein Becken aus atmosphärisch eingelassenen Jazz-Trompeten gespült zu werden („Modern Lust“), nur um dann am Ufer einer mysteriösen Sci-Fi-Synth-Insel zu landen („Measuring Ruins“), auf der pixelige Vexierbilder von Menschen abwechselnd zu glitchigem Ambient-Trance („D.I.S.“), gespenstischem Zeitlupen-R&B und polterndem Detroit-Techno („Rodl Glide“) tanzen.
Doch Hörende ohne diesen Wagemut und ein Mindestmaß an avantgardistischer Offenheit möchte Lopatin vermutlich auch gar nicht erreichen. „Tranquilizer“ braucht Hörende, die bereit sind, sich in dieses quirlige, unstete Wasser zu begeben – ohne Furcht, sich im Strom zu verlieren, aber mit einer Bereitschaft, dem Puls zu folgen, die Unvorhersehbarkeit dieser Musik zu akzeptieren und sich von ihrer Fülle überwältigen zu lassen.
Ein Kommentar
flowworker
Willkommen, lieber Alexander, in unserer Runde. Ich bin heute voll im Radiomodus und werde mir deinen Text am Wochenende in Ruhe zu Gemüte führen.
Oneothrix ist stets an mir vorüber
gegangen, einfach, weil immer etwas an einem vorübergeht, vielleicht macht mich deine Vorstellung neugierig …. es gibt flowies, die da viel besser im Bild sind! Ich kenne mich weitaus besser mit Tranquilizern aus!😉
Falls du Zeit findest, die heutigen Horizonte zu hören, wann auch immer, wäre ich interessiert zu erfahren, welche Musik dich da am meisten anspricht. Aber keine Eile.
Was elektronisch angereicherte Musik angeht, kam mir gestern von Bureau B die neue Kreidler ins Haus, SCHEMES, und sie hat mich sofort gepackt. Ich weiß gar nicht genau wieso – schon mal ein gutes Zeichen😉…
m.e.