Der lange Schlaf des liegenden Elefanten (für Lajla, die sich am besten von uns allen mit Inseln auskennt)

Als ich 1998  auf Lanzarote war, wusste  ich über das Magazin „Opal Information“, dass es dort ein Festival  gab namens „Musica Visual“, das von dem Bildenden Künstler Ildefonso Aguilar de la Rua  kuratiert wurde. Über etliche Jahre traten, bis 2000 alle Subventionen von einem konservativen Bürgermeister gestrichen wurden, früh im Oktober, Künstler auf, vor allem aus den Kreisen von ECM und Brian Eno. Als Brian einmal Ildefonso besuchte, verschwand er eine halbe Stunde zwischen zwei Bäumen und lauschte dem Wind, völlig erstaunt darüber, dass das Geräusch aus Laub und Wind exakt wie eine Meeresbrise klang.  Für den Deutschlandfunk kaufte Harald Rehmann über zwei Jahre ein paar Konzerte ein (er überliess mir als Mann vor Ort die Auswahl). Ein Highlight war gewiss der Liveauftritt von Peter Schwalm und Brian Eno auf dem Boden eines Vulkans. Bei den Zuhörern dabei der Pianist Misha Alperin, den ich beim abendlichen Büffet Brian Eno vorstellte.

Nun fand in diesem Oktober  – und ich lüfte hier ein lange gehütetes Geheimnis – im letzten Urlaubsmonat der Insel Kreta  (bevor die meisten Hotels und Geschäfte ihre Pforten schliessen) eine besondere Performance statt, alle zwei Tage, und jeweils vier Stunden lang: über 16 wuchtige Lautsprecher wurde bis zum gestrigen Finale auf der „Zwiebackinsel“ vor Matala „Evening Star“ von Fripp & Eno gespielt, rauf und runter, ein  Album, das im  Dezember 1975 erschienen war und der begrifflich noch nicht in den kulturellen Diskurs geworfenen „Ambient Music“ frühe Horizonte öffnete. 

Ich hatte also die Idee und die Beharrlichkeit, die Tourismusexperten sorgten für Logistik, Handzettel, eine aufwendige, aber einfache Installation mit Bose-Boxen  (kein visuelles Beiwerk) und die Bootsfahrten. Verpflichtet  zu sieben Teilnahmen an den Bootstouren als eine Art „Animateur“ und zu zwei  Vorträgen in den Gemeindezentren von Pitsidia und Matala, bekam ich 8000 Euro auf mein Konto überwiesen. Und einen Tagesspesensatz von 150 Euro. Aber der Reihe nach! 

Es ist pure Mythenschinderei, Matala zu einem Power Spot von Legenden  der Hippieära zu erklären. Kein Bob Marley war hier, keine Bob Dylan, faktenkundig ist allein Joni Mitchell, die  hier mit ihrem Kurzzeitlover in  den Höhlen vor Ort, im damals einzigen  Dorfcafé, und billigen Unterkünften etliche Tage und Nächte verbrachte: der Song Carey aus dem Album „Blue“ war wohl das einzig Zeitlose an dieser Episode. Ansonsten ist noch ein langer Aufenthalt des Barden  Georg Danzer verbürgt (die Älteren werden sich erinnern) – und, hört, hört,  ein kurzer Abstecher von Fripp und Eno zur Zeit ihrer kurzen Europatournee im Frühjahr 1975 als Duo mit Revor-Tonbandmaschinen, Delays und Frippertronics. Hier wollten sie einfach ein paar Tage abschalten, und speziell Fripp war gespannt auf die afrikanischen Winde, die Joni in besagtem Lied besang („The wind is in from Africa, last night I couldn’t sleep“).

Das alles wurde erst unlängst jenem Kreis von Kinogehern bekannt, der eine bestimmte Fassung der Doku „Eno“ gesehen hatte. Dort erfuhr der geneigte Zuschauer, dass die Felseninsel vor Matala die Idee des Covers von „Evening Star“ auf den Weg brachte. Als Inspiration, als Stimmungsbild,  nicht als fotografische Abbildung! Mir war diese Begebenhetm erstmals  zu Ohren gekommen, als ich Brian vor zwei Jahren aus Matala schrieb. Und als er das am Rande erwähnte, neben seinem Wunsch nach einem langen Urlaub und viel Schlaf, kam ich auf die Idee dieser „speziellen Veranstaltung“ rundum die Paximadia-Eilande.  Erst aus  der Nähe  wird erkennbar, dass es sich eigentlich um zwei kleine unbewohnte Inseln handelt, ansonsten wirkt es  wie eine einzige Felsenmasse.

Manche sprechen auch  von der „Elefanteninsel“,  weil  aus einer bestimmten Perspektive die Silhouette an einen liegenden Elefanten erinnert, sowohl von Agia Galini aus wie von Matala. Dass der Name in den Landkarten als Paximadia geführt wird, leitet sich wiederum vom griechischen Wort Paximadi ab für den harten kretischen Doppelzwieback. Kein Wunder: die karge felsige Form erinnert an dieses trockene Gebäck.

Als ich mich vor zwei Jahren mit Hilfe des Dorf-Urgesteins Kostas zu dieser Inselformatiom fahren liess, nahm  meine etwas verrückte Idee klare Konturen an. Obwohl sie aus der Ferne wie kahle Steinblöcke im Meer aussehen, gibt es auf der Südseite der östlichen Insel einen geschützten Kiesstrand mit kristallklarem Wasser. Und  keinerlei touristische Infrastruktur. Bingo – die Insel war betretbar!

Und so nahm die Sache ihren Lauf. Wahrscheinlich wird es mir niemand glauben, aber schon bei meiner ersten Reise nach Matala vor vier Jahren fühlte ich mich beim Anblick Blick der Felseninsel an das Cover von „Evening Star“ erinnert, und keinesfalls an einen liegendem Elefanten. Ein anderes Mal werde ich einige Anekdoten zum Besten geben, die sich rund um meine Vorträge und Bootsfahrten abgespielt haben, und diese Stories haben gewiss nicht weniger Unterhaltungswert wie die hier kurz skizzierte Entstehungsgeschichte. Von Anfang am liebte ich die erst Seite des Albums, die ich unendlich oft gehört habe (wie auch den Vorgänger „No Pussyfooting“!) – die harsche zweite Seite hat mir nie gefallen, aber das hat sich nun zumindest ein wenig geändert: das lange Stück, hartdröhnende „An Index Of Metals“ hat seinen perfekten Ort gefunden! 

2 Kommentare

  • Olaf Westfeld

    Sounds intriguing / intriguing sounds.
    Fotos erinnern auch an das Solo Richie Beirach Cover.

  • Micha

    Die obere Abbildung ist ein Foto von Kit von Matala aus, die untere das Albumvover.

    Es war natürlich abgesprochen und genehmigt. Da es aber auch ein Vollflop hätte werden können habe ich Im Vorfeld nicht mal Tom Boon informiert.

    Die zwei für den Sound Zuständigen haben einen Superjob gemacht.

    Im Februar wird über eine Wiederholung
    Im Oktober 2027 entschieden.

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