Begegnungen mit dem eigenen Leben

Liebe Freunde des Films! Das hier ist keine Szene aus einem Truffaut-Film (der Gedanke kommt einem sofort, wenn mans sein „alter ego“ bei seiner Lieblingsbeschäftigung sieht), an den ihr euch nicht erinnern könnt, dies ist ein Bild aus einem Film, der mich damals, als er, 1974 ungefähr, einmal ins deutsche Fernsehen kam, umhaute wie „Z“ vielleicht, oder „Die Vögel“ oder „Alice in den Städten“, und wenige andere. Und, damit die Nachwirkungen dieses mich unendlich fesselnden Films (auf kleiner Schwarzweiss-Mattscheibe) lebendig blieben, beliess ich es bei diesem einen Erleben und pflegte meine Erinnerung. Ich wollte nicht später beim erneuten Erleben ernüchtert werden oder gelangweilt, was natürlich passieren kann, im Laufe der Jahre. Wieder und wieder (über all die Jahre) dachte ich an ihn zurück und sah einzelne kurz aufflackernde Momente daraus vor meinem inneren Auge. All meine Sehnsucht nach Liebe damals, als Teenager, nach diesem seltsamen „twist“ von Rausch und Geborgenheit, fand in diesem „Matratzenfilm“ seinen perfekten Ausdruck. Und nahm Dinge vorweg, die mir später wieder und wieder widerfahren sollten, in Variationen. In diesem Film, den ich atemlos vom Bett meines Jugendzimmers aus verfolgte, wurde wohl das Ender meiner Kindheit gespiegelt und eingeläutet. Und, mhmmm, sie redeten mehr als sie vögelten, wenn sie überhaupt Liebe machten. Lange Zeit waren die Filme von Jean Eustache wegen rechtlicher Probleme kaum zu sehen, jetzt kommen sie zurück in die kleinen nich existierenden Programmkinos, restauriert, und allesamt in einer bestens ausgestatteten DVD-Kiste, natürlich auch sein opus magnum „Die Mutter und die Hure“ von 1973, aus dem obiges Bild stammt. Und ich bin endlich bereit, für ein zweites Mal, und für all seine anderen Filme sowieso. Dank an Thomas P., der mich wieder auf die Spur brachte! Hier ein paar Hintergrundinformationen von dem Kinogeher Gerhard Midding (aus der Filmseite des epd)…

Welcher Film ist der beste Einstieg ins Werk?
»MES PETITES AMOUREUSES« (»Meine kleinen Geliebten«, 1974) führt direkt in seine Jugend zurück, die er als ungeliebter Sohn zubrachte. Filme über das sexuelle Erwachen waren in Frankreich der 1970er Jahre ja sehr in Mode, aber dieser ist nicht voyeuristisch, sondern wirklich neugierig auf das Wechselbad von Sehnsucht und Annäherung, von Erfahrung und Enttäuschung. Es ist ein wunderbar atmosphärischer Sommerfilm, nicht nur dank der Fotografie von Néstor Almendros. In der Szene im Provinzkino, wo »PANDORA UND DER FLIEGENDE HOLLÄNDER« mit Ava Gardner läuft, flammt zudem jene Cinephilie auf, die unverzichtbar zum französischen Autorenkino gehört.
Was machte er anders als die anderen?
Die Idee der Nouvelle Vague, das Filmemachen als persönlichen Selbstausdruck zu begreifen, verschärft sich bei ihm noch einmal. Seine Filme seien so autobiografisch, wie Fiktion es nur sein kann, erklärte er einmal. Sein Blick auf das Leben ist unerbittlich. Er legt sich schonungslos Rechenschaft ab. Und seine Arbeitsweise verstieß absolut gegen die Normen der Filmindustrie. Die meisten seiner Filme sind kurz, allenfalls halblang. Dabei zeichnet sich sein Werk durch eine enorme Formenvielfalt aus. Er war übrigens der erste Regisseur, der von einem Dokumentarfilm ein Remake (»LA ROSIÈRE DE PESSAC«, 1968/79) drehte.
Welcher Film gilt als sein Meisterwerk?
»LA MAMAN ET LA PUTAIN« (»Die Mama und die Hure«, 1973), eine bestechende Innenansicht der zeitgenössischen Pariser Bohème. Eustache inszeniert seine Dreiecksgeschichte als einen fast vierstündigen Abenteuerfilm der Körper und Worte. Die Zimmerschlachten, die sich seine Charaktere liefern, scheinen in Realzeit abzulaufen. Die zerwühlte Bettlandschaft, die ihnen als Refugium wie als Kampfzone dient, ist ein emblematisches Bild geworden. Ein monumentaler Matratzenfilm.
Stimmt die Legende, man arbeitete mit ihm auf eigenes Risiko?
Er behauptete, bei jeder seiner Dreharbeiten gebe es einen Suizid. Bei »NUMÉRO ZÉRO« (1971) war es beispielsweise ein Kameraassistent. Kurz nach der Premiere von »LA MAMAN ET LA PUTAIN« brachte sich die Kostümbildnerin um. Nachdem er selbst sich 1981 ins Herz geschossen hatte, brach die Serie nicht ab – sein Biograf Alain Philippon beging später Selbstmord. Eustaches eigener Freitod scheint, wie der von Diane Arbus oder Sarah Kane, die Düsternis und Verzweiflung seines Werks zu beglaubigen.
Das Leiden an der Welt war also sein großes Thema?
Man kann in seinem Kino auch Ironie und Humor finden sowie eine feinnervige Vitalität.
Welcher Film traf den Nerv seiner Zeit besonders?
»LA MAMAN ET LA PUTAIN« ist nach wie vor der maßgebliche Film über Paris nach dem Mai 1968. In Cannes entfachte er einen Skandal und bescherte Eustache seinen einzigen (relativen) Kassenerfolg. Seither beeinflusste er nicht nur französische Regisseure, sondern auch Bertolucci und Jarmusch.
Kleine Frage an Filmfreaks: Es war 1968. Was kann an diesem Film damals in Cannes einen Skandal ausgelöst haben? Hat er ein Tabu gebrochen, ich denke, eher nicht. Hat er die Filmkritikergilde gespalten, also, ich habe keine Idee. Heute kommt die kleine Schatzkiste, und ich werde dem Rat folgen und zuerst „Mes petites amoureuses“ schauen (alle Filme original mit Untertiteln). Und dann, es ist mal wieder an der Zeit, „Absolute Giganten“.