Sanfte Verstörungen im archaischen Raum – das neue Album von Lambchop (3/3)

Jedes Lambchop-Album vor und nach FLOTUS war ein eigensinniges Werk, das weder Moden noch Strömungen folgte. Viele beklagen sich, dass er seit FLOTUS immer wieder mit seinem „Kumpel Auto-Tune“ ins Studio ging, der eigenen Stimme elektronische Verwandlungen zukommen liess, als würde dadurch die Musik zwangsläufig weniger „authentisch“. Unsinn. Wie brachte es Kurt vor Jahren auf den Punkt, als ich ihn zu FLOTUS interviewte:

„With the help of technology I’ve been freed up to realize a song idea in a fuller more complete and complex way. But that said it still needs the human touch to be a Lambchop record or performance. It is that intimacy that Lambchop has with the listener that is one of the cool things about FLOTUS. I feel it’s still there in the sound and the songs.“

Die Werke wurden seitdem vielleicht noch erratischer, noch radikaler, und es ist schon ein besonderes Kunststück, dass jetzt, „auto-tune“-befreit, das Unheimliche noch mehr Raum gewinnt, als wäre dieses Werk eine Sammlung amerikanischer Gespenstergeschichten. „Punching The Clown“ hat enorme Tiefe, schwarzen Humor, ist so noir wie noir nur sein kann, und doch hält es, ich wiederhole mich gerne, ein verdammtes Quantum Trost bereit. Nun hier der dritte und letzte Teil von Sams Ausführungen. (m.e.)

„Was hat zum Beispiel „White ‚People‘“ mit Allen Toussaints „Night People“ zu tun, mit dem es eine augenzwinkernde textliche Ähnlichkeit aufweist? Man könnte es als Parodie auffassen, doch dann verleiht Wagner dem Song den kraftvollsten, verzweifeltsten Gesang des Albums und brüllt die Worte, als wolle er die Nachbarn vor einem herannahenden Sturm warnen. Er ist lustig, bis er es nicht mehr ist – wenn auf einen Witz à la „Wir sind so pleite, dass wir nicht einmal mehr aufpassen können“ ein aufrichtig besorgtes „Mein Gott …“ folgt – und selbst dann ist es irgendwie lustig.

White People

Da der Film als Inspirationsquelle genannt wurde, habe ich mir den Film „Punching the Clown“ aus dem Jahr 2009 angesehen, in dessen Mittelpunkt die Höhen und Tiefen eines Komikers und Musikers stehen, der seinen Weg nach Los Angeles sucht. Angesichts der Darstellung der ständigen Demütigungen in der Unterhaltungsindustrie – eine Art „Inside Llewyn Davis“ für die Indie-Szene der 2000er Jahre – stellte ich mir den Titel als Metapher für die Beziehung zwischen aufstrebenden Künstlern und ihrem launischen Publikum vor. Als der Ausdruck im Drehbuch auftaucht, stellt sich heraus, dass es sich um einen Euphemismus für Masturbation handelt. Wer hätte das gedacht. Und doch scheinen beide Interpretationen in der Welt von Lambchop ihre Berechtigung zu haben.

Zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere haben sie bereits viel Lob von Kritikern erhalten – „Nixon“ wurde im Jahr 2000 von Uncut zum Album des Jahres gekürt, noch vor „Kid A“ – und große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es ist schwer vorstellbar, dass es heute Indie-Songwriter mit Country-Einflüssen gäbe, die nicht von ihnen geprägt wären, insbesondere solche wie MJ Lenderman und Dan Wriggins von Friendship, die in ein und demselben Verspaar ernsthaft und absurd, kosmisch und zurückgezogen, todernst und urkomisch dumm klingen können. Und im Gegensatz zu vielen Songwritern seiner eigenen Generation bewahrt Wagner in seiner Kunst nach wie vor ein Gefühl der Unvorhersehbarkeit, die Herausforderung, mit jedem neuen Song neue Ebenen zu entdecken und niemals altbekanntes Terrain zu wiederholen – was auch bedeutet, sein eigenes Vermächtnis niemals zu ernst zu nehmen.

Auch wenn „Punching the Clown“ das geheimnisvollste und beunruhigendste Album in der Diskografie von Lambchop ist, liegt doch ein Triumph darin, dass es zugleich ihr emotional direktestes ist.  Trotz all seiner Abschweifungen und Irreführungen, auffälligen Unterbrechungen und tränenreichen letzten Worte klingt es so, als käme Wagner endlich zum Kern der Sache.“

2 Kommentare

  • Michael Engelbrecht

    PUNCHING THE CLOWN

    (Der Film, der dem Album den Namen gab, auf den Titel klicken, um ihn zu sehen. Worum geht es? „Diese realistische Komödie, Gewinner des Publikumspreises beim Slamdance Film Festival, erzählt die Geschichte von Henry Phillips, einem glücklosen, modernen Troubadour, der sich durchs Herz Amerikas schlägt, in seinem Auto lebt und seine schrägen, satirischen Lieder jedem vorsingt, der ihm zuhört. Nach einem missglückten Auftritt bei einer christlichen Spendenaktion beschließt er, ganz unten angekommen zu sein. Um sein Leben zu ändern, zieht er nach Los Angeles, wo sich sein Glück über Nacht wendet. Dank eines kuriosen Falls von Verwechslung – weniger seinem unfähigen Manager als vielmehr seinem unfähigen Manager – stolpert er in eine Reihe ausverkaufter Konzerte, einen Plattenvertrag und sogar in die Liebe. Wer sich vom Rauschen des Showbusiness leiten lässt, wird daran zugrunde gehen, und die Realität trifft ihn wie ein Faustschlag: Eine harmlose Missverständnisse über einen Bagel generiere ihn in der Welt der Boulevardpresse zum Neonazi. Zum Glück liegt irgendwo zwischen Tiefpunkt und Nichts der perfekte Nährboden für seine düsteren und urkomischen Lieder.“

    Bei den Fussnoten zum zweiten Teil von Sams Text findet sich der Kurzfilm Joke Country, mit einigen Personen dieses Films – Kurt Wagner selbst führt bei Joke Country die Regie. Könnte auch heissen: Mr. Wagner At The Radio.

  • flowworker

    „Auch Kurt Wagners Texte sind sehr filmisch und klingen manchmal wie Anweisungen für Kamerabewegungen. In „Weakened“ heißt es: „Seine Augen richteten sich zum Fenster / Als wäre er aus einem Traum erwacht.“ Mit einer erzählerischen Stimme, die an John Prine erinnert, beginnt „The New World Wave“ in der dritten Person: „And Harry was a Butcher“ – wie eine Filmstimme aus dem Off –, bevor die Perspektive auf die erste Person, Harrys Sohn, wechselt. Während sich der Song verzweifelt vom Spezifischen zum Allgemeinen bewegt, setzt zum Outro ein Refrain im Stil einer Cola-Werbung aus den Sechzigern ein, als würde eine Kranaufnahme nach oben schwenken, um eine verfallende Welt zu zeigen.“

    John Urquhart, Popmatters

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