Sanfte Verstörungen im archaischen Raum – das neue Album von Lambchop (2/3)
„Ein Teil ihres Erfolgs liegt darin, dass sich Lambchop einmal mehr neu erfunden haben. Einerseits kann man es als Rückkehr zu ihren Wurzeln bezeichnen: Sie greifen wieder auf Folk-Instrumente zurück, und nach mehreren Alben mit elektronischen Experimenten verdecken keine Effekte mehr Wagners Gesang. Dennoch haben sie genauso noch nie geklungen. In Zusammenarbeit mit Produzent Ryan Olson in Justin Vernons April-Base-Studio in Wisconsin wird Wagner auf jedem Titel von Co-Autor Andrew Broder an der Akustikgitarre und von Vernon am Banjo begleitet.
Die Percussion ist spärlich, unkonventionell und flüchtig: Kastagnetten in „Weakened“; etwas, das wie zerbrechendes Glas klingt, um „The New World Wave“ zu untermalen. Besonders hervorzuheben ist, dass Wagner gemeinsam mit dem London Choir und dem Eau Claires Vocal Sextet singt, die mit ihren mehrstimmigen Harmonien diesen Songs den Charakter von Country-Gospel-Hymnen verleihen – selbst wenn die Texte Wörter wie „Dumbotron“ und Ausrufe wie „What the fuck?“ enthalten.

Dieser Effekt ist im Gesamtwerk von Lambchop deutlich zu spüren: intim, geheimnisvoll, wunderschön. Der Titelsong baut sich um ein herbstliches Gitarrenriff herum auf und schwillt an, während „Afterburner“ mit einem trillernden Solo, das an eine Gondelfahrt erinnert, leise herein schleicht.
„Afterburner“
Gelegentlich durchbrechen Lambchop den Zauber: Ein DJ-Drop mit der Ansage „LAMBCHOP, NEW SHIT“ im Eröffnungsstück „Just West of Nicolett“ markiert den jüngsten in einer Reihe von aufmerksamkeitsstarken Einleitungen, und ein seltener Echoeffekt in „Cigar“ versetzt dessen Schlussmomente in Dub-Gefilde. Doch größtenteils lässt „Punching the Clown“ vermuten, dass Wagner die letzten Jahre damit verbracht hat, nach dem richtigen Rahmen für diese Songs zu suchen, um ihn schließlich in ihrer einfachsten, intuitivsten Form zu entdecken.
“Cigar“
„To Do“, ein herzlicher Country-Song, der zugleich eine Klage über die Dinge ist, die man noch erledigen möchte, bevor man stirbt, kommt mit der düsteren Strenge eines Johnny Cash aus der Rick-Rubin-Ära daher: „Bevor ich in den Himmel komme“, sagt Wagner uns, „muss ich die Pflanzen gießen.“
„To Do“
Dieser Text ist repräsentativ für seinen Ton – eindringlich und bittersüß, heimgewandt und doch den Sternen zugewandt – und Wagner erzählt oft in einer Art Trübsal. Die Stimmen sind fieberhaft, flehend, suchend, alles vorgetragen in seinen charakteristischen Trillern und Klagelauten, Krächzern und Gemurmel. Auf Lambchops letztem Album, „The Bible“ aus dem Jahr 2022, beschrieb Wagner die emotionale Belastung, die die Pflege seines kranken, betagten Vaters mit sich brachte: „Es sollte mit der Zeit leichter werden“, rief er aus, wohl wissend, dass genau das Gegenteil der Fall war.
“WEAKENED“
Nun haben seine Darstellungen von Tod und Verfall kein Gegengewicht mehr. Das wunderschöne „Weakened“ konzentriert sich ganz auf einen Kranken, der im Bett eingewickelt liegt, „wie ein Buddha in einer Decke“, und schließt seinen ersten Refrain mit dem Chor ein, der singt: „I’m a-ready.“
Jede dieser Botschaften – vom Leben, das in „The New World Wave“ vor den Augen vorbeizieht, bis hin zur politischen Fuge „America on mute“ in „Afterburner“ – scheint darauf ausgelegt zu sein, ebenso viele Fragen aufzuwerfen, wie sie beantwortet. Und wie jedes der großartigen Alben von Lambchop kann es einen auf eine Reise in die Tiefen des Unbekannten entführen.“ (Sam Sodomsky)
Ich habe schon mal erwähnt, dass ich seit „How I Quit Smoking“ so gut wie jedes Lambchop-Album nachts im Radio vorgestellt habe. Was Kurt Wagner und seine Gefährten über die Jahrzehnte angestellt haben, hat mich beinahe durchweg fasziniert. Liest man Sams Besprechung, könnte man be dem neuen Album, leicht, und völlig zurecht, auch an Samuel Beckett oder an Richard Brautigan denken. Das Fantastische im Alltäglichen aufzuspüren, ohne das Leben fälschlich zu romantisieren, den Sinn für das Staunen und die Fähigkeit zur Anteilnahme selbst in einer vor die Hunde gehenden Welt nicht zu verlieren, ist auch so eine Qualität von Kurt und Co. Auf ganz eigene Art ist „Punching The Clown“ ein Werk der Ermutigung und hält Trost selbst im schwärzesten Schwarz bereit. (m.e.)
DON‘T MISS THE BRANDNEW „SHORT FILM“ „Joke Country“ (see comment 3), directed by Kurt himself!
5 Kommentare
flowworker
Mein Intwrview mit Kurt Wagner zu FLOTUS :
https://www.manafonistas.de/2016/11/01/no-dreams-in-harbor-country-or-the-henry-mancini-mistake-an-interview-with-kurt-wagner-lambchop/
flowworker
Meine Hommage an Lambchop, Kurt Wagner und Showtunes
Das erste Mal hörte ich den Namen Lambchop, als David Byrne in einem nun auch schon uralten Interview davon sprach, wie ihm das Album „How I Quit Smoking“ gefalle. Als jene Songs dann bei mir landeten, ahnte ich, das würde eine neue Lieblingsband. Der ehemalige Fliesenleger – und eine Band wie einen Malkasten einsetzen.
Seitdem besorgte ich mir jedes Album. Vor Jahren wurde „What Another Man Spills“ für eine Vinyl-Ausgabe neu remastert, und dieses Remaster war so unheimlich gut, dass ich das Werk, obwohl ich es von früher kannte, gleichdam neu entdeckte. „Is A Woman“ galt früh als Klassiker, „Nixon“ als ihr vielleicht berühmtestes Album, und „Damaged“ war lange Zeit mein heimlicher Favorit.
Diese Formation, um den Sänger und Komponisten Kurt Wagner herum, hörte nie auf, neue Wege zu beschreiten, und als er dann begann, die eigene Stimme zu verfremden, mit „FLOTUS“, musste ich nicht überredet werden – Effekte sind bei Lambchop keiner Mode geschuldet, immer dem musikalischen Ausdruck.
Und dann „Showtunes“. Ein Wunderwerk, und wenn ich die gute halbe Stunde höre, etwa auf weissem Vinyl mit 45 Umdrehungen pro Minute, gibt es keinen überflüssigen Moment – all diese Samples, akustischen Vignetten, dunklen Winkel, Midi-Verwandlungen, Murmelmelodien, Interludien etc. fesseln ohne Ende, und entfesseln etwas in mir.
Von den lyrics und dem Hund auf dem Cover ganz zu schweigen. Wie Kurt Wagner Motive des Erhabenen (Oper, Broadway, Sinatra) in eine erfüllte Leere laufen lässt, ist atemraubend, und gipfelt im letzten Song, der en passant, in einer eingigen Phrasierung, dem späten Scott Walker zunickt. Flüchtig gehört, könnte „Showtunes“ seltsam fragmentiert wirken, dabei ist es formvollendet.
Man stelle es ins Plattentegal neben „Mark Hollis“, „Trio Tapestry“, „The Marble Index“, „Open, to Love“, „Another Day On Earth“, „I Trawl The Megahertz“, „Music For A New Society“ und Jacques Brels letztes Studioalbum, das mit den Wolken und dem blauen Himmel. In genau diesen Regionen bewegt es sich, und bleibt doch ganz bei sich.
flowworker
Ein neuer Kurzfilm
Regie Kurt Wagner
Auf YouTube zu sehen
HIER
Der Titel JOKE COUNTRY
Absolut schräg sarkastisch und absurd …
Zitat aus pitchfork:
Unmittelbar nach der Veröffentlichung ihres neuen Albums „Punching the Clown“ haben Lambchop einen humorvollen Kurzfilm namens „Joke Country“ veröffentlicht, der ein fiktives Radiointerview zeigt. Steve Marsh spielt den Moderator, der Kurt Wagner von Lambchop interviewt, dargestellt von Henry Phillips, der bereits 2009 die Hauptrolle in einem Film mit dem Titel „Punching the Clown“ spielte. Der 10-minütige Kurzfilm unter der Regie des echten Kurt Wagner bietet eine Fülle trockener Gags, Meta-Witze und wirbelnder Halb-Zusammenhänge. Seht ihn euch unten an.
flowworker
Alex Petridis, The Guardian
It’s an album that lures the listener in with the warmth and intimacy of its sound, but ultimately leaves you unsettled. An intermittent but unignorable sense of disquiet hangs around long after Punching the Clown is over, its haunting quality amplified by the fact that you can never be 100% certain exactly what Wagner is driving at. It’s strange and powerful, the kind of carefully balanced impact that clearly requires skill, developed over time, and time to develop is one thing that steady, unflashy success affords an artist. Kurt Wagner seems to be more than fine with that.
flowworker
John Urquhart:
„Play it loud because this recording sounds great. The humble guitar and banjo of a kitchen party are balanced masterfully with a cathedral of voices. With these supporting players, Kurt Wagner’s laconic voice is perfectly cast as the spokesperson for Lambchop’s latest addition to America’s music culture.“
It’s not an All-American affair.
Just listen to „No Chicago“,
the album’s strangely globetrotting closure!