„Das neue Automobil von Monsieur Semmler“

„Jacques Tatis Humor ist nicht für jeden das Richtige. Man benötigt eine spezielle Antenne dafür, sonst wird es nichts. Ich kenne Leute, die keineswegs zum Lachen in den Keller gehen und dennoch mit Tati nichts anzufangen wissen. Im Prinzip hat Tati in seinem Leben nur fünf Kinofilme gemacht. Ihre Charakteristik — neben technischer Perfektion — ist durchweg, dass sie eigentlich keine Handlung haben, sondern perlschnurartig von einer Situation zur nächsten springen. Die Personen erleben keine Entwicklung, die Filme fangen irgendwo an und hören irgendwo auf, wobei ihr Witz meist darauf beruht, dass man sich mit keiner der Figuren identifiziert. Tati versetzt den Zuschauer in die Rolle des neutralen Beobachters. Das ist wie in einem Straßencafé zu sitzen und einfach den Passanten zuzuschauen. Wobei in Tatis Filmen manchmal sogar mehrere Gags gleichzeitig und unabhängig voneinander zu sehen sind. Dass das so ist, bemerkt man in manchen Fällen erst beim zweiten Anschauen.“ (Jan Reetze)

Soweit eine Passage aus Jans Reminiszenzen an die Filme von Jacques Tati. Für viele gehörten die wenigen Filme des Franzosen zum Kinoerlebnisprogramm der Jugendzeit, sie wurden auch gerne im Fernsehen gesendet – jugendfrei waren sie sowieso. Als mir Thomas Semmler, ein Freund aus alten Dortmunder Tagen seine Geschichte mit seinem neuen Auto erzählte, fühlte ich mich gleich an „Trafic“ erinnert, und an die Situationskomik, die seine Filme am laufenden Meter bescherten, ein Gespür fürs Absurde inklusive. Et maintenant, Monsieur Semmler:

Das neue Auto

Ich habe ein neues Auto. Es ist wunderschön. Glänzender Lack, glänzendes Chrom, ein imposanter Anblick. Mein altes Gefährt hat nach über 20 Jahren das Zeitliche gesegnet. Der Lack war matt. Die kleinen Beulen und Kratzer rund um das Fahrzeug machten es eher unansehnlich. Trotzdem habe ich mich nur ungern von ihm getrennt. Schließlich sind wir mehrfach um den Erdkreis herumgefahren. Wir haben viele Höhen und Tiefen zusammen erlebt. Aber jetzt heißt es loslassen.

Da sitze ich nun in meinem neuen, noch ein wenig nach Kunststoff riechenden technischen Wunderwerk. An manches muss ich mich noch gewöhnen. Viele Warnungen und Hinweistöne helfen mir beim Denken, allerdings immer mit dem Hinweis, dass ich selber denken muss.

Das Handbuch ist nicht sonderlich hilfreich, da nicht ersichtlich ist, ob wirklich mein Fahrzeug gemeint ist. Da hilft nur, es in der Praxis auszuprobieren und im größten Notfall eine KI zu befragen, die in diesem Fall erstaunlich gute Hilfe leisten kann.

Ich kann nicht nur einstellen, dass das Tempo permanent beibehalten wird – nein, sogar den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug hält mein Technikwunder ohne mein Zutun ein. Die Genialität der Technik ist allerdings vorbei, wenn ein Schatten auf die Fahrbahn fällt und mein Fahrzeug eine Vollbremsung vollführt, weil es den Schatten nicht von einem Hindernis unterscheiden kann. 

Am zweiten Tag als stolzer Besitzer bekomme ich den Hinweis: Leuchtweitenregulierung muss kontrolliert werden.“ Ich bin schon geneigt die Meldung zu ignorieren, da mir die vielen Hinweise als Angsthasentechnik erscheinen, aber ich nehme den Hinweis ernst und gehe zu dem zuständigen Autohaus.

Es ist ein riesiger Glaspalast.

Ich betrete demutsvoll die riesige Eingangshalle und suche den Weg zum richtigen Schalter für die Terminvergabe. Dort fragt eine junge Dame im Business-Look nach meinem Anliegen. Ich frage mich, womit ich ihren herablassenden, leicht mitleidigen Blick verdient habe. Ist es, weil ich keinen Nadelstreifenanzug trage oder weil ich selbst um einen Termin ersuche?

Auf jeden Fall gelingt es ihr, mir eher das Gefühl eines Bittstellers als das eines Kunden zu geben.

Es schockt mich nicht allzu sehr, denn im Grunde bin ich darauf vorbereitet. Von meinem Bruder weiß ich, dass mit modernen Autos der Verlauf eigentlich ein anderer ist. Dazu installiert man die App des Fahrzeugherstellers und legt dort ein Benutzerkonto mit allen persönlichen Daten an, die man sich vorstellen kann. Dazu gibt man das entsprechende Autohaus für seine Region an. Bei einem Fehler am Fahrzeug verbindet sich das Infotainmentsystem des Autos selbsttätig mit dem Vertragshändler, welcher dann dem Kunden mitteilt, sein Auto habe sich gemeldet und eine Fehlermeldung oder einen Inspektionswunsch geäußert und dem Kunden einen Termin vorschlägt. 

Ich stelle mir eine nicht allzu ferne Zukunft vor, in der das Auto selbsttätig zur Werkstatt fährt, um einen Defekt beheben zu lassen. Als Kunde bekomme ich dann eine E-Mail, dass mein Fahrzeug zur Werkstatt fahren musste. Schöne neue Welt, wenn man es mag.

Ich überlege, das Fahrzeug wieder zu verkaufen und stattdessen einen Gebrauchten zu erwerben, der noch einen alten Tempomaten hat, der mich sicher durch all die 30er-Zonen bringt, die wie Pilze aus dem Boden sprießen. Ein Gefährt, mit dem ich zu der Werkstatt an der Ecke gehen kann, wo der Meister mit mir persönlich spricht und mit seinen ölverschmierten Fingern einen Eintrag in seinem Terminkalender tätigt und mit mir persönlich das Auto ansieht und darüber spricht, was sinnvollerweise zu tun ist und was man auch lassen kann.

Denn das gibt es auch noch.

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