Das rasende Parlando des Herrn Nagelsmann
Hier auf Langeoog ist Fussballromantik noch eine leichte Nummer, weil alles von Kindheit durchdrungen ist. Ich kann mich als BVB-Fan seit 1966 an jede Weltmeisterschaft erinern. Das Wembleytor sah ich mit meinem Blutsbruder noch in Schwarzweiss, mein Lieblingstorwart aller Zeiten, Hans Tilkowski, hatte keine Chance. Damals in London dabei war auch unser Vorstopper, Wolfgang Paul, der vor einigen Tagen gestorben ist. R.I.P. 1970, auch unvergesslich, „Schneeeellliiinngerrrr“ und das „Jahrhundertspiel gehen die Italiener! 1974 waren dann die Holländer besser, aber wir hatten Gerd Müller.
Tempus fugit – nach 2014 schied Deutschland stets trostlos in den Vorrunden aus, und die aktuelle Mannschaft macht seit dem Ecuador-Spiel fast so wenig Hoffnung wie dieser unsägliche Bundestrainer. Im Vorfeld der WM trat Julian in einen Fettnapf nach dem anderen – erst die Abkanzelung von Undav, zuletzt der selbstgefällig nichtssagende Auftritt im Sportstudio (wäre das nicht so zum Fremdschämen gewesen, hätte er seinen Platz in der Geschichte dieser Traditionssendung des ZDF sicher gehabt – neben dem „Schweiger“ Norbert Grupe – die Älteren werden sich erinnern!), sowie der Wortbruch gegenüber Oliver Baumann zugunsten dieses „Torwarts mit der besonderen Aura“.
Julian Nagelsmann liebt seine eigene Eloquenz offenbat so sehr, dass er die Abzüge in der B-Note gar nicht mit bekommt, er parliert in einem leisen, wenig modulationsfreudigen up-tempo-staccato, als müsse analog zu den 180 beats von „hard core techno“ ebensoviele Worte pro Minute unterbringen. In dem Interview nach dem Ecuador-Flopspiel gab er sich renitent, besserwissend, abgenervt; nur wenige haben mitbekommen, dass er sich nach dem Schlusspfiff erstmal die Schiedsrichterin schnappte und zwei Minuten auf sie einredete wegen des völlig zurecht (!!!) zurückgenommenen Elfmeterpfiffs (die gleiche Schiedsrichterin, die Germany das komplett irreguläre 1:0 geschenkt hat – nach „hohem Spiel“ incl. Kopftreffer – mit freundlicher Unterstützung eines nicht minder verpeilten VARs!).
Man muss also kein Meister des Orakels sein, um zu erraten, wie es weitergeht. Nach einem quälerisch anzuschauenden oder überraschend leichtfüssigen Sieg gegen Paraguay wird „Die Mannschaft“ (alter abgeschaffter Werbesprech aus der Ära Oliver Bierhoff) gegen Frankreich sang- und klanglos ausscheiden. Natürlich könnte das auch schon heute Abend passieren. Wir können jedenfalls tief entspannt zuschauen, ob der flotte Herr Nagelsmann seiner „Spielidee“ weiterhin dezent bockig vertraut – mit dem derangierten Pavlovic auf der Sechs und dem „Kinderfussball“ (Marcel Reif) des sich selbst weiterhin suchenden Musiala, oder ob er ein, zwei, drei Formen des „Einsehens“ an den Tag legen wird.
Weil es, neben dem Flowfaktor, nur um die goldene Ananas ging, habe ich den Ecuadorianers und ihrem extravertierten, kein Pathos scheuenden Trainer den Siegestreffer von Herzen gegönnt. Ob wir das mal erleben werden: Nagelsmann als Pathetiker?! Dazu bedürfte es eines Sieges über die Franzosen, und eines deutlich langsameren „parlandos“. Die Rasanz seiner Worte lässt wenig Emotionen zu, kennt keine Spannungspausen, keine Suggestionskraft, keine ruhig servierten Pointen. Nach der WM ist dann wohl Schluss mit diesen auf Dauer so penetrant wie irrlichternden Auftritten eines Hochbegabten. (m.e.)