Once upon a time today: „Lifetones“

Was habe ich das erste blaugelbe Album von This Heat geliebt. Und dann auch noch „Deceit“! Aber allmählich löste sich die britische Bande auf. Es gab noch das eine oder andere Nachspiel. „For A Reason“ von „Lifetones“ hätte heute noch seinen Platz sicher in meinem Schallplattenrgal, aber es kam mir irgemdwie abhanden. 2013 hatte es das feine Label „Light In The Attic“ noch einmal ans Licht gebracht. Hört es euch an! Sollte jemand die Platte in astreinem Zustand haben und nicht annähernd so mögen wie ich – ich freue mich auf ein Geschenk! Oder einen Tauschhandel. Aber das Vinyl muss „near mint“ sein. (m.e.)
Draußen. Südlondon, Anfang 1983. Das straff gespannte Gerüst von This Heat beginnt sich zu lockern. Nicht durch Neuerfindung, sondern durch Auflösung und Anreicherung. Auf „For a Reason“, dem einzigen Lifetones-Album von Charles Bullen und Julius Cornelius Samuel, sickert Brixton in die Aufnahmen ein. Reggae dringt durch die Wände. Basslinien zirkulieren. Rhythmen bewegen sich geduldig.
Die Verwandlung kündigt sich allmählich an. Wo sich This Heat oft nach innen schraubte, öffnet sich „For a Reason“ nach außen. Julius Cornelius Samuels Bass verankert die Platte, verlangsamt ihren Puls und lässt die Wiederholungen sich in ihrem eigenen Tempo entfalten. Selten treibt er das Material im herkömmlichen Sinne voran, stattdessen verdichtet er den Raum unter den Arrangements, während Dub-Echos schweben und die Percussion einen Bruchteil länger nachklingt als erwartet.
Über die sechs Tracks hinweg tauchen in den asymmetrischen Gitarrenfiguren von „Distance No Object“ und „Good Side“ noch Spuren der Kantigkeit von This Heat auf, doch die Stimmung hat sich völlig gewandelt. Die Spannung bleibt, doch der Druck hat nachgelassen. Selbst die schärfsten Kanten drücken nicht mehr nach innen.
1983 in kleiner Auflage unabhängig veröffentlicht, erschien „For a Reason“ zu einer Zeit, als ein Großteil der britischen Experimentalmusik zunehmend von Abrasion, Fragmentierung und ängstlicher Spannung geprägt schien. Lifetones gingen andere Wege. Vierzig Jahre später klingt die Platte immer noch unheimlich präsent, während sie sich nach Einbruch der Dunkelheit durch Los Angeles bewegt. Unabhängig von der geografischen, psychischen oder sonstigen Lage bleibt dieses Gefühl der Offenheit schwer von der Musik selbst zu trennen.
(Aquarium Drunkard)