Landschildkröten

Ein schwarzer Theatersaal mit steil ansteigenden Sitzreihen. Wir sitzen in der fünften Reihe, mittig vor der Bühne. Das Konzert ist fast ausverkauft. Im Saal sitzt ein hippes, aufgeklärtes und zugleich abgeklärtes Großstadtpublikum, überwiegend männlich, das Durchschnittsalter dürfte bei etwa 50 liegen.

Nach dem dritten Klingeln geht langsam das Licht aus, doch der schwarze Vorhang öffnet sich zunächst nicht. Mehrere Minuten lang ist ein flächiges Gewaber aus dem Synthesizer zu hören, ab und an hallen einzelne Gitarrentöne oder das Geräusch einer Snare durch den Raum. Als schließlich der Beat einsetzt, öffnet sich der Vorhang. Die zunächst losen Klänge formieren sich zu „Night Air“, dem letzten und zugleich einem der besten Stücke des aktuellen Tortoise-Albums Touch.

Nun sind auch die Musiker von Tortoise zu sehen: fünf Herren um die 60. Einer von ihnen, John McEntire, hat an diesem Abend Geburtstag und bekommt später vom Publikum sogar ein zaghaftes „Happy Birthday“ gesungen.

Ansonsten sind die Zuhörer bemerkenswert aufmerksam. Nicht nur bleibt es während der Musik vollkommen still – ich habe seit Langem nicht mehr so wenige Smartphones im öffentlichen Raum gesehen wie an diesem Abend. Die Begeisterung gilt nicht nur der Musik selbst, sondern auch den musikalischen Fähigkeiten der Bandmitglieder, von denen jeder im Laufe des Konzerts mindestens zwei Instrumente spielt. Besonders eindrucksvoll ist die musikalische Kommunikation auf der Bühne – vor allem dann, wenn gleich zwei Schlagzeuger gleichzeitig am Werk sind.

Gespielt werden hauptsächlich Stücke von Touch, wobei das Klangbild live etwas organischer und weniger verzerrt ist als auf dem Album. Insgesamt orientiert sich der Sound eher an früheren Platten wie TNT, von der ebenfalls einige Stücke zu hören sind. Die Musik ist hervorragend abgemischt: laut, aber nie zu laut.

Etwas schade finde ich zunächst, dass Jeff Parker nicht dabei war. Er wird jedoch mehr als würdig vertreten.

Aus dem Absacker nach dem Konzert in einer Bar namens Mutter werden dann noch einige mehr. Insgesamt ein Ausflug nach Hamburg, der sich mehr als gelohnt hat.

5 Kommentare

  • Thomas Pannhorst

    Das liest sich sehr schön, Olaf. Ich habe sie leider Anfang des Jahres in Köln verpasst. Einmal konnte ich sie gesehen: vor genau 30 Jahren im Bahnhof Langendreer in Bochum (immer wieder dieser Ort…) zur Millions now living will never die – Tour. Das Konzert habe ich nicht in bester Erinnerung (zu sperrig, monoton oder so), die Musik habe ich erst Jahre später zu schätzen gelernt. Das Touch Album kenne ich nur vom Streaming, hat mein Interesse an dem Sound erneut entfacht: Millions now… und TNT sind „evergreens“.

  • Olaf Westfeld

    Danke. Ja, „Millions“ und „TNT“ kann man immer wieder sehr gut hören, wobei auch das erste Album und „Standards“ (4.LP) die Zeit gut überstanden haben.
    Es gibt noch eine Compilation der Singels, Maxis und Remixes aus den 90ern, u.a. mit der tollen Gamera EP (https://www.youtube.com/watch?v=p-IE0QWRbEQ&list=RDp-IE0QWRbEQ&start_radio=1), leider CD only.

    Ich habe Tortoise in den 90ern 3x live gesehen und war zweimal begeistert. Das dritte Konzert war sehr voll, wir standen weit hinten, ich hatte zu viel konsumiert – den Abend habe ich nicht in bester Erinnerung. Vorletzte Woche in Hamburg passte dann alles, ich glaube dass der bestuhlte Saal geholfen hat. Würde mir die Band aber auch im Stehen noch einmal ansehen.

  • Michael E

    Ich kann es mir lebhaft vorstellen, diesen Abend, deinen Worten folgend.

    Damals, früh in den 1990ern wohl, sind soch Thomas P und ich einmal begegnet und ich schenkte ihm in einer Kneipe in Dortmund oder Münster, frühe Jazzthetik Arbeiten, eine Klade mit dem Namen Jukebox Fantasien….

    Und nach dreieinhalb Jahrzehnten fanden wir wieder zueinander, dank Roedelius‘ „heiligem Gral“. Ich war auch bei dem Konzert, und fand es gleichfalls leicht enttäuschend, oft zu sehr im Philipp Glass Fahrwasser. Aber nice sowieso. Die geösseren Alben kamen noch.

  • Thomas Pannhorst

    Danke, Olaf, für den youtube link und die Empfehlungen. Gamera ist klasse. Die ersten Minuten klingen nach John Fahey, aber der steckt sowieso überall drin.

    Michael, im selben Jahr 96 sah ich in Langendreer John Zorn’s Bar Kokhba, das Konzert war prägend für mein Interesse an Jazz jenseits von ECM. Klezmer, Avantgarde und der ewig unterschätzte Gitarrist Marc Ribot…
    Und in Deinen alten Jazzthetik Texten kann ich schön rumstromern, sag man so?

  • Olaf Westfeld

    Ja, genau, Fahey passt, bildet vielleicht mit Neu!, Can und Glass einen Teil der Tortoise Mixtur.
    Mein erstes Tortoise Konzert war auch 1996, im April, dann hat mich das mehr begeistert als euch.

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