Was Andy Partridge mir an einem warmen Sommertag des Jahres 1992 in Swindon erzählte

Zuweilen und sowieso sehr oft stolpert man über eine Erinnerung, die einen kurz aufflackernden Augenblick im endlosen Strom der Zeit wachruft, wie gestern, als ich eine Besprechung in den „Sunday Reviews“ las eines Albums, das meine Regale nie verlassen wird. Es war ein heisser sonniger Tag, als ich bei dem Bandleader von XTC im Wohnzimmer sass, einem Musiker, der uns so wundervolle Alben wie „Mummer“, „Drums and Wires“, „Apple Venus, Vol. 1“ oder „English Settlement“ bescherte – im Laufe ihrer Alben entwickelte sich die Band immer mehr vom New Wave zu barocker, „post-beatles-esker“ Komplexität, die dem sog. „Prog Rock“ weitaus näher stand als der punkigen Wucht ihrer ersten Lebenszeichen.

Vieles drehte sich um ihr neues Opus „Nonsuch“. Aus einem gegenüberliegenden Haus erschall eine Single daraus aus dem Radio, und Andy war froh, dass sie ihren Weg zur BBC gefunden hatte. Als das Gespräch auf Alben kam, die ihn besonders beeindruckt hätten, nicht die üblichen kanonisierten Gipfelwerke der jüngeren Historie, redete er begeistert von „A Walk Across The Rooftops“, dem ersten Album der schottischen Band „The Blue Nile“. Es kommt durchaus öfter vor, dass man den Favoriten hochgeschätzter Künstler nicht wirklich folgen kann, aber in diesem Fall öffnete mit Andy Partridge eine alte grosse knarzende Pforte zu diesen schottischen Aussenseitern, die nie mit einem ihrer Songs die Charts stürmten. Ausser einmal auf Nummer 13 zu landen in den Niederlanden.

Wieder daheim, besorgte ich mir diesen „Spaziergang über die Dachspitzen“, und bald stellte sich jener Kippeffekt des Hörens ein, bei dem aus einer kurzen Phase des Reinfindens pures Beeindrucktsein folgte. Bald auch begeisterte ich mich für das Nachfolgewerk „Hats“, das mir die Plattenfirma als Promo in Form einer guten alten Chromkassette zusandte. Zusammen mit dem dritten Album im Bunde, „Peace At Last“, wurden „The Blue Nile“ wiederkehrende Gäste meiner nächtlichen Radiostunden. Etwas obsessiv war wohl ihr Verhältnis zu den „Linn Drums“, so wie Kate Bush eine Närrin gefressen hatte an der Welt des Fairlight Synthesizers“. Aber, wenngleich man hieran die Spuren einer alten Zeit erkennt, können ihre Alben nach wie vor fesseln, mit ihrer unverschämten Würdigung der kleinen Dinge am Rande unserer Aufmerksamkeit. Mit dem Slow-Motion-Storyteller-Duktus der Gesänge von Paul Buchanan. Mit ihren Mitternachtsstimmungen. Als ich den Mann aus Glasgow dann endlich persönlich traf, in Hamburg, konnte ich es nicht bleibenlassen, ihn nach seiner kurzen Liebesaffäre mit einer meiner aus der Ferne flüchtig, wie auch sonst, angehimmelten Schauspielerinnen ansprach, Rosanna Arquette. In typisch schottischem Understatement spielte er diese Episode seines Lebens herunter, als Rosanna Jahre und Jahre zuvor nach einem Konzert von The Blue Nile seine Gesellschaft suchte und ein paar Schäferstündchen und Liebesnächte folgten.The ways love goes.

Einige Bewunderer von „A Walk Across The Rooftops“ werden in der Besprechung des Albums aufgeführt – Andy Partridge möchte ich hiermit ergänzen. An einer Stelle, die meine volle Zustimmung, erhält, heisst es in Sam Sodomskys „pitchfork“-Text: „For certain listeners, hearing the Blue Nile for the first time activates a part of your brain that exists beyond language and between emotions. It’s the same part that fills in the source of pain between the lines of a Raymond Carver story or maps the road from season’s greetings to profound melancholy in Vince Guaraldi’s Peanuts music. In a Blue Nile song, you sense the lonesome silence beneath the buzz of city life; the unnavigable distance between long-term partners; the acknowledgement that love and loss, life and death, success and failure are forever part of the same cycle.“ Glow-Faktor 10 für „A Walk Across The Rooftops“ und „Hats“! (geschrieben zwischen 10.30 und 11.30 Uhr im Café „Emilia Rue“ in der Rüttenscheider Strasse 239)

Kleiner Nachtrag, ein Tag später: wenn mein einstiger, hochgeschätzter Englischlehrer Dr. Egon Werlich, dessen Einfluss auf mein Leben ich etwa so hoch einschätze wie den von Ray Davies, diesen „Aufsatz“ zu lesen bekommen hätte, dann wäre seine Reaktion wohl so ausgefallen: „Das ist ja alles sehr aufschlussreich und flüssig geschrieben, aber das Thema hast du leicht verfehlt. Was dir Andy Partridge an jenem Sommertag erzählt hat, erfährt der geneigte Leser nicht! Alles in allem eine 3+!“ Tatsächlich weiss ich nicht genau, was mir Andy über „A Walk Across The Rooftops“ mitteilte, alleine seine Begeisterung ist mir im Gedächtnis geblieben. Und da mir die Interviewkassette verloren ging, krame ich nun aus dem Gedächtnis en paar Themen des Interviews aus:

  • Andy erzählte mir von dem zweiten XTC Album, und das er mit Barry Andrews gar nicht zurecht kam, (ich mochte Barrys Band Shriekback sehr und sah ihn live 1980 in Weissenohe mit Robert Fripps League of Gentlemen)
  • Andy erzählte von seinem Lampenfieber („stage fright“) und seinen Panikattacken, und dass er ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr live auftrat
  • Andy erzählte mir ein bisschen wasüber meinen XTC-Favoriten „Mummer“ (s. Cover), u.a. von dem unvergesslichen Erlebnis, wie ihn eine grosse Welle an der Nordsee umgerissen hatte, was einen der „Mummer“-Songs inspiriert habe (vor Jahren kam eine hervorragend remasterte Vinyl-Version von „Mummer“ auf den Markt)
  • Andy erzählte von seiner Zusammenarbeit mit Peter Blegvad und dessen feinem Album „The Naked Shakespeare“ – und gab mir zwei Stücke mit zur freien Verwendung, die er mit Peter im Studio erarbeitet hatte (Unveröffentlichtes)
  • Andy erzählte en detail von zwei Songs des brandneuen „Nonsuch“-Albums (das war der Arbeitsauftrag der Pop-Session-Stunde rund um XTC im WDR)
  • Andy erzählte mir, dass er nach Album Nr. 2 bei Brian Eno angefragt hatte, und Brian antwortete, sie bräuchten überhaupt keinen producer (ich konnte ja 1992 nicht ahnen, dass Andy sehr bald doch mal in die „Kreise von Brian“ vorstossen würde, als er 1994 mit Harold Budd zusammen die wundersam-ambienten Klanggespinste von „Through The Hill“ veröffentlichte (leider erhielt die Vinyledition als Doppel-LP eine miserable Pressung – ich wurde ein grosser Fan von Steven Wilsons Surround-Versionen diverser XTC-Alben: „Drums and Wires“ etwa, oder „Black Sea“, und die Edition der Duke of Stratosphear-Werke sind absolute Surround-Burner!)

4 Kommentare

  • Michael Engelbrecht

    Ja, na klar!

    Das war das Album, zu dem ich ihn
    neben allem anderen in Hamburg
    befragt habe.
    Ich erinnere mich an seinen wunderbaren
    Glasgower Dialekt!

    Damals schrieb ein gewisser Ian McCartney
    Eine kleine Besprechung dazu auf Amazon,
    Worauf ich ihn kontaktierte –
    Und er wurde ein Mana.

    Jahre später trafen Lajla und ich ihn in Glasgow.
    Unvergesslich. R.I.P.

  • Olaf Westfeld

    Ich glaube, ich werde irgendwann mal beide Bands sehr mögen, bzw. deren Platten gerne hören; mal sehen ob/wann es zu einem hören kommt.

  • Michael Engelbrecht

    Paul in Mid-Air (from Manfonistas, 2012, m.e.)

    Here he comes, the guy,
    56, named Paul Buchanan,
    who knows the news of the soul
    coming from his room at 3 a.m.
    who leaves out words, sounds
    emptying the scenery
    who makes lines drifting
    through headspaces‘ privacy –
    lessons in blue and black
    bungalow-blue, skyscraper-black

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