• “Belladonna Nocturne“

    Die neue Sammlung von 14 originalen Kompositionen kommen allesamt, wie der Titel suggeriert, als Nachtstücke daher, aber wer sagt, das sie durchweg besänftigen!? Besser niemand. Auch sollte man bestimmten Begrifflichkeiten nicht trauen, die immerzu aus dem Köcher gezogen werden, wenn der berühmte Produzent und Musiker ein Instrumentalalbum veröffentlicht: „Ambient“, oder, die jüngste Mode, „Ambient Americana“. Das sind durchweg Verengungen des Blicks, Floskeln, die alles, was Klang ist, runterbrechen, auf eine meditative Affäre, Beruhigung. Es geht so ganz anders zu auf „Belladonna Nocturne“, und das ist nicht allein den Schlagwerkwirbeln und variablen Metren von Brian Blade geschuldet: jede einzelne Komposition ist eine dramaturgisch vielstimmige, mindestens doppelbödige Veranstaltung, gesegnet mit Stolperfallen, Einrissen, Brüchen, Lichtungen, Brandungen, und unberechenbaren Schattierungen. Vermeiden wir bitte das Wort „atmosphärisch“! Diese konzentrierte Ware mal galant vorbeirauschen lassen, wäre ein Irrtum und ein wenig anstrengend. Es empfiehlt sich, dem Raum zu verdunkeln, die Sinne zu schärfen, und auf Reisen zu gehen mit vierzehn Short Stories, die eher an Raymond Carver erinnern als an einen Soundtrack für entspannte Gemütslagen. Unglaublich, dieses Album!

    The new collection of 14 original compositions are all, as the title suggests, presented as “night pieces,” but who says they’re all soothing!? Better not to say so. Nor should one trust certain terms that are constantly trotted out whenever this famous producer and musician releases an instrumental album: “ambient,” or, the latest trend, “Ambient Americana.” These are, without exception, narrow-minded labels—clichés that reduce everything that is sound to a meditative experience, to calmness. Things are quite different on “Belladonna Nocturne,” and that’s not solely due to Brian Blade’s drumming flourishes and variable meters: every single composition is a dramaturgically polyphonic, at the very least ambiguous experience, blessed with pitfalls, insights, breaks, clearings, surges, and unpredictable nuances. Let’s please avoid the word “atmospheric”! To let this concentrated work simply rush by gracefully would be a mistake and a bit exhausting. It’s best to dim the lights, sharpen your senses, and set off on a journey with fourteen short stories that are more reminiscent of Raymond Carver than a soundtrack for relaxed moods. This album is incredible!

  • Dunstküste

    Während der grösste Teil von Deutschland schwitzt, liegt über Teilen der ostfriesischen Inseln ein Hochnebel, oder nennt man es Wolkendunst. Die Sonne versucht vergeblich, ein Loch in die Wolken zu brennen, auf 17, 18 Grad hat sich alles nah der Windstille eingegroovt. Auch nachts. So gibt es keinen idealen Strandtag, aber meditatives Verweilen in all den Dingen, die ich schon mit acht Jahren auf der Insel anstellte, ein talentierter Brötchenholer schon damals! Hin mit dem Fahrrad zur Meierei im Ostland (aus den Bonanza- Und Hollandrädern sind E-Bikes geworden), vorbei an der Melkhörndüne (die natürlich jedesmal bestiegen werden will, die Fernrohre an Aussichtspunkten sind rarer geworden), dann über den Deich zum Fährhafen (in den Cafés seit eh und je die Dominanz des Rührteiges), der Besuch in der Buchhandlung Krebs, der ewige Wasserturm auf dem Strandweg, die kleinen Unterhaltungen mit Strandkorbnachbarn.

    Wie die Welt, und auch die Erinnerungen sich wandeln, wenn ich unterwegs Daniel Lanois‘ „Belladonna (Nocturne)“ höre – und ich höre nichts anderes! Da kommt eine besondere Art von Wehmut auf, manchmal der berühmte Schauer von Wirbel zu Wirbel. Mittlerweile ist ja „Ambient Americana“ ein Sub-Genre der Ambient Music geworden, und Lanois zählt mit seinen Arbeiten aus den 1980er Jahre zu den Pionieren, doch „Belladonna Nocturne“ ist alles andere als selige Rückschau (auch wenn ein Track „Early Days“ heisst). Call it multi-dimensional! Eine sanfte archaische Wucht öffnet den Raum über Inselhorizonte hinaus, verlangsamt den Blick, Nachtschattenhaftes bricht aus mit Brian Blades Schlagwerk. Eine seltsam irrationale Euphorie, die viel Fernes nah heranzoomt, Träumerei, altes Schweben, Gasthöfe der Kindheit, Stille bis zum Festland, und, nach Jahrzehnten endlich mal wieder, einen Becher Milchreis mit Zimt und Zucker! Schon jetzt ist „Belladonna Nocturne“ eines meiner Lieblingsalben des Jahres.

  • The New World (3) – „Nina, Jana and Laurie, for example“

    Was hier folgt, ist, übersetzt mit Deepl, der abschliessende dritte Teil der Besprechung von Shearwaters neuem Album. Und wer da alles auftaucht: Enos einstige Entdeckung Leo Abrahams, Doug Wieselman, ein ewiger Mitspieler auf interessanten Alben, Laurie Anderson, eine Gruppe aus Mali und und und. Daraus den von Louis herausgehörten grossen „flow“ des Albums zu entwickeln, ist gewiss eine Kunst. Und dann hört sich für den Rezensenten ein Song an wie „eine zufällige Begegnung von Talk Talk und Nina Simone“. Kurz wähne ich mich in einem Buch über „imaginäre Alben“ a la Borges.

    Gespannt wie ein Flitzebogen bin ich allemal von meinem Gesamteindruck, nach dem ersten und zweiten Hören – und habe zudem um Zusendung der lyrics gebeten. Vom Thema des Albums her, und von den zahllos eingeflochtenen „field recordings“ aus betrachtet, hatte ich in perfekter Synchronizität bereits das passende Album der Arktis-Forscherin Jana Winderen ausgewählt – für meine Klanghorizonte Ende September. Das Lied mit Laurie Anderson würde ich kaum spielen, denn eines ihrer grossartigsten Lieder ever ist bereits gebucht! Man kennt Alben, die an der Last ihres Anspruchs, ihres „Konzepts“, zusammenkrachen, und es gibt solche, die beidem gerecht werden und noch einen Mehrwert produzieren. Die Rezension ist schon mal per se beeindruckend, da darf sich Louis ruhig einige Male weit aus dem Fenster lehnen. Mein alter Freund Gregor war stets ein Freund davon, „die Kirche im Dorf zu lassen“. „Entscheidend is auffer Platte“, um einen anderen alten Spruch von Adi Preissler frei zu zitieren!

    Die Songs von „The New World“ strotzen nur so vor Naturbildern: Elefanten und Kojoten, Kaninchen im Regen und Schnecken in den Ringelblumen. Doch Meiburgs hautnahe Erfahrung mit der Natur steht ganz im Dienst seiner Songs. Ein Songwriter, der weiter von der Realität seiner Themen entfernt wäre, könnte diese ungewollt romantisieren und dadurch etwas Unwahres schaffen. Doch wenn er seine bemerkenswerte Stimme – einen hohen, angestrengten Seelenschrei, der aus dem gleichen Holz geschnitzt ist wie der von Anohni oder Thom Yorke – einsetzt, um in „More And More“ vom Regen zu singen, der von den Cascades abzieht, oder in „A Mink In The Dust“ von Stichlingen, die im Teich springen, dann vertraut man ihm irgendwie, dass er dort war und das gesehen hat.

    Was real und was unwirklich ist, ist ein zentrales Anliegen von „The New World“. Wir leben in einer Welt voller schlechter Schauspieler, Deepfakes, Fehlinformationen und Desinformation. Die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, fühlen sich manchmal realer an als die Welt da draußen. Meiburgs Gegenmittel ist die direkte Auseinandersetzung mit der Welt. Das lässt sich buchstäblich in Form von Feldaufnahmen hören, Klangfragmenten, die Meiburg auf seinen Reisen eingefangen hat: „The Only Sound I’m Afraid Of“ schwebt über das Krächzen tasmanischer Raben herein, während das in Moll gehaltene „Anamnesia“ vom dumpfen Brummen eines Gepäckförderbands am Flughafen Melbourne durchzogen ist. Im weiteren Sinne manifestiert sich dies jedoch in einem kreativen Prozess, der in Entdeckungen, Zufällen und dem chaotischen Geflecht menschlicher Zusammenarbeit verwurzelt ist.

    „The New World“, so Meiburg, sei von „dem wildesten Ensemble, das wir je zusammengestellt haben“, entstanden. Die Aufnahmen erstreckten sich über vier Jahre an Orten wie London, Berlin und Texas, wobei das Kern-Trio von Shearwater – Meiburg, die Keyboarderin Emily Lee sowie der Schlagzeuger und Toningenieur Dan Duszynski – stets dabei war. Besonders wichtige Arbeit wurde jedoch in Shahzad Ismailys Figure-8-Studio in Brooklyn geleistet, einem kreativen Zentrum, in dem Musiker jeglicher Herkunft und aus allen Bereichen auftauchen und zum Mitwirken animiert werden können. Mitglieder der malischen Gruppe Ngoni Ba steuern Ngoni und plätschernde Rhythmen bei, gespielt auf Tamma, Yabara und Kalebasse. Der in Palästina geborene Firas Zreik bereichert „More And More“ mit dem klangvollen Qanun. Der New Yorker Holzbläser Doug Wieselman steuert Klarinette und Saxophon bei, während mit dem erfahrenen Perkussionisten Thor Harris ein alter Freund zurückkehrt, der zuletzt um 2013 auf dem Album „Fellow Travelers“ von Shearwater zu hören war. Auf dem Papier sieht diese Besetzungsliste wahrscheinlich nach einem Rezept für Chaos aus, doch es ist ein Zeichen für Meiburgs Weitblick – ganz zu schweigen von den Fähigkeiten des Mix-Ingenieurs Danny Reisch in der Postproduktion –, dass all diese unterschiedlichen Teile zu einer Platte verschmolzen werden können, die wie ein einziges, fließendes Ganzes klingt.

    Dieser Zustand des Fließens ist ein prägendes Merkmal von „The New World“. „Even Song“ eröffnet das Album in medias res. „Racing through the path ahead/ Even though it makes no sense“, singt Meiburg, während ein One-Two-Strum auf seiner Gitarre mit dem Zischen der Hi-Hats verschmilzt und so ein Gefühl von vorwärtsrauschender Bewegung erzeugt. An anderer Stelle suggerieren organische Rhythmen zwar Vorwärtsdrang, aber auch Reibung – man denke nur an das seekranke 5/4-Schlingern von „Daydream Unbeliever“ oder an „A Mink In The Dust“, das wie ein Elefant durch dichtes Gestrüpp dahintrottet. Wir sind auf dem Weg irgendwohin – doch die Route ist nicht immer klar und der Weg alles andere als einfach.

    Hier finden wir auch einige der bisher besten Songs von Shearwater. „More And More“ ist ein geschmeidiger Blues, der eine zufällige Begegnung zwischen Talk Talk und Nina Simone heraufbeschwört, mit sanften Klarinettenklängen, die wie Rauchschwaden durch die stimmungsvollen Passagen ziehen. „The Only Sound I’m Afraid Of“ ist ein eleganter Big-Music-Titel, der an die epischen Rock-Momente von „Jet Plane And Oxbow“ aus dem Jahr 2016 anknüpft. „Slugs In The Marigolds“ schlägt eine verspielte Richtung ein, wobei seine versunkene Figurenriege die Vorzüge des Rausches als Gegenmittel gegen die Übel der Welt erwägt.

    Doch eines der besten Stücke wird bis zum Schluss aufgehoben. Wir sind so an Meiburgs Gesang gewöhnt, dass das Auftauchen einer anderen Stimme – insbesondere einer so unverwechselbaren wie der von Laurie Anderson, die spricht, als würde sie den Zuhörer direkt ansprechen – ein ziemlicher Schock ist. Während sich „The New World“ oft so anfühlt, als würde man – manchmal holprig – flussabwärts getragen, ist „You And Your Dog“ der Moment, in dem wir sanft unter einem Himmel aus funkelnden Sternen in ein Delta hinausgleiten. Anderson geht behutsam mit den von Meiburg geschriebenen Worten um und erzählt eine traumhafte Geschichte von zwei Freunden, die einen Strandspaziergang machen, sich verlieren und einander nie wieder ganz finden können. Die Kombination aus ihrer sanften, beruhigenden Stimme und seinen magisch-realistischen Worten verschmilzt zu etwas Schönem, das wie Sandkörner durch die Finger rinnt. Die Botschaft, vielleicht – und die Botschaft von „The New World“ im weiteren Sinne – ist, dass das Leben vergänglich ist. Aber die Tatsache, dass wir hier, gemeinsam, zur gleichen Zeit auf diesem Planeten existieren, ist sowohl außergewöhnlich als auch wunderbar.

  • Orte für den Nebel, Orte für das Schmelzen

    Auch die Schrifttypen auf der Rückseite des LP-Covers schienen den Titel „Von Nebel und Schmelzen“ ernst zu nehmen, und die letztes Reste der Druckerpatrone (oder des Farbbandes der Schreibmachine – es war der Dezember 1977, als dieses Album enstand) zu verfeuern, als wären die Buchstaben selbst, ob Namen, Orte oder Titel preisgebend, von der Auflösung bedroht. Wo kam Bill Connors her, wo ging er hin?

    Als der Gitarrist, dessen Lebensweg vom elektrischen Sound der Rockmusik (Stones, Hendrix, das volle Programm) und des Fusion Jazz zum akustischen Klangbild des ECM-Kammerjazz überging, zwischen 1975 und 1980, um es dann wieder mit der riesigen Spielwiese des elektrifizierten Sounds und ihren fortlaufend neuen Spielzeugen aufzunehmen, entstanden eine gute Handvoll Alben, bei Manfred Eichers Hauslabel oder Paul Bleys I.A.I., einer Art ECM-Parallelwelt, in der dem kanadischen Pianisten etwa das zweithinreissendste Solopianoalbum seines Lebens gelang, „Alone, Again“, Jahre nach dem Geniestreich „Open, to love“.

    Es wundert mich nicht, dass Bill Connors fast ein halbes Jahrhundert später mit Wehmut auf diese Phase, und nicht zuletzt auf „Of Mist And Melting“, zurückblickt, dass jetzt in einer makellosen Pressung in der Vinyl-Serie „Luminessence“, neu aufgelegt wurde, mit feinem Gatefold-Cover und klugen „liner notes“ von Friedrich Kunzmann. An Connors‘ Seite Jan Garbarek, Jack DeJohnette und Gary Peacock, und zwar in jener Fabulierlust und Konzentration, die in den 1970er Jahren des Münchner Labels stilbildend und Abenteuer zugleich waren. Leicht irreführend könnte es übrigens sein, wenn der Leser dieser Zeilen mit meiner fahrlässig hingeworfenen Vokabel vom „Kammerjazz“ sogleich andere Schubladen zieht, vom „lyrischen Sound“, von der „Stille zwischen den Tönen“. Ein kleiner Teil der Wahrheit ist schon zuviel des Irrtums.

    Denn dieses unfassbar aufregende Album treibt die Dynamik von „aus der Haut fahrend“ und „in sich versunken“ dermassen auf die Spitze, dass reines Staunen und Gänsehaut zu den meistgenannten Begleitphänomenen des „deep listening“ zählen dürften. Bill Connors gefährlich ruhiges, seltsam kontrolliertes Spiel auf der Akustikgitarre drängt in keinem Augenblick ins Rampenlicht, und doch sind Ekstase, stille Präsenz, Hitze und immense Reibung allgegenwärtig – die Fenster dieser „Jazzkammer“ ohnehin sperrangelweit aufgerissen. Das mit dem Nebel und dem Schmelzen ist eben ein verdammt weites Feld.

    Was man übrigens auch an jenem anderen Meilenstein sieht, der im gleichen Dezember 77 entstand: „Places“, von Jan Garbarek, einmal mehr mit Bill Connors, Jack DeJohnette. Was Wunder, dass das Cover einmal mehr in allen möglichen schillernden Grautönen daherkam! Das Quartett vervollständigte diesmal der britische Pianist John Taylor, der mir einmal mit Schmunzeln von der leicht defekten kleinen Orgel erzählte, die auf „Places“, trotz des edlen Konzertflügels, auf regen Zuspruch stiess und für manch hinterhältigen Zauber sorgte. Ein Schelm, wer an Robert Wyatts beschädigte Mini-Yamaha-Orgel denkt, die schon auf „Rock Bottom“ reizvolle Unterströmungen bescherte!

  • Von rasantem Thrill und langsamem Abtauchen

    „The End of the Road by the talented Andrew Welsh-Huggins starts with a bang. Literally. And the tension and stakes only rise from there. This is the riveting and highly entertaining portrait of two unlikely but relentlessly determined protagonists who are seeking justice and peace at any cost. Smart, engaging, and expertly written—don’t miss it.“ Das waren mal ein paar präzis-formulierte Sätze zu einem früheren Roman des Amerikaners. Wir hatten zu siebt einen „Krimikreis“ ins Leben gerufen hier am Dreiländereck, und das war der erste Lesetrip der „Furchtlosen Sieben“. Freunde möglichst hochwertiger Kriminalliteratur, die gerne das englische Original lesen wie gute deutsche Übersetzungen. Ich kannte diesen Andrew gar nicht, und wurde rundweg positiv überrascht. Jeder der sieben bringt abwechselnd einen Roman in die Runde, und da wir und nur einmal in zwei Monaten treffen, geschieht alles ohne Eile.

    Anne ist Niederländerin aus Vaals und hatte für ein Novum gesorgt: zum ersten Mal wurde zuletzt ein zweites Werk eines hierzulande noch unbekannten Autors zu Kaffee und Waffeln serviert, das klingt allses sehr „cozy“, aber die Mehrzahl unserer Bücher folgt eher den Präsikaten „hard-boiled“ und „noir“, von „California noir“ bis „Nordic noir“. Ich hatte den Roman gelesen, staunend, begeistert, fiebernd fast, ich war durch die Seite geflogen und doch an manchen Momenten hängen geblieben – wow? Wie bitte!? Ach, du liebe Güte!

    Man tut dem Buch Unrecht, wenn man es mit dem in seinen Stereotypen lang abgestumpften Lee Child vergleicht. „The Mailman“ liegt in einer feinen deutschen Übersetzung vor, ist voller „Plot-Rafinesse“, Vielschichtigkeit, Fabulierkunst. Merc selber, der Postbote und Protagonist dieses nahezu perfekten Kriminalromans, könnte sogar Oliver Sacks eine Fallstudie aus dem dem Terrain der Traumaforschung und „neuro science“ wert gewesen sein (wäre er halt nicht eine fiktive Figur)! Auch sind die Figuren kein bisschen holzschnittartig angelegt (es passiert einfach zuviel in zu kurzer Zeit, da wäre eine epische Charakterzeichnung schlicht deplatziert – und gewinnen Figuren nicht gerade da an Tiefe, wo sie sich in Extremsituationen, „shocks of recognition“ etc. bewähren, scheitern, und nahezu unmöglich schnelle Entscheidungen treffen müssen?!).

    So weit, so rasend! Wer es lieber „adagio“ mag, und sich einen grossen Kriminalroman nicht ohne das Attribut „literarisch“ vorstellen mag, für den habe ich ein weiteres, sehr viel leiser sich entfaltendes Erzählwerk zur Hand, von einem in Deutschland neuerdings und Schweden sowieso vielgerühmten Autor der jüngeren Generation: „Hinter dem Nebel“. Unsere Lesegruppe wird es sich Ende Mai vorknöpfen – inmitten der Spargelsaison. Diesmal treffen wir uns in Düsseldorf. Die Geschichte spielt in der Zeit des Kalten krieges, beginnt im ländlichen Schweden, im Hinterland, und Leser mögen sich hinterher darüber streiten, ob das überhaupt ein „richtiger Kriminalroman“ sei.

    Randständige Fragen für ein Buch, das in aller Ruhe und mitunter zeitlupenartig (ohne Schockmomente aus dem Spiel zu nehmen) eine Mordgeschichte, eine Liebesgeschichte und viel mehr erzählt, den Figuren dabei in Recherche, Dialog und Feinzeichnung bis in kleinsten Verästelungen ihres Unterbewussten folgt. Ein mich sehr bewegendes Buch, das immer noch, wie es so schön heisst „nachhallt“ (und das sage ich, zwei Monate nach der Lektüre des Leseexemplars, das mir der Verlag zur Verfügung stellte). Es ist mein dritter Roman des jungen Schweden, und in meinen Augen vieleicht sein subtilster, abgründigster. Obwohl, den Satz nehme ich zurück. Alles aber ist ohne Eiltempo, ohne Schnickschnack dargeboten, mit einer perfekt zwischen Ruhe und Unruhe ausbalancierten Erzählweise.

    Das Gegenstück zu „The Mailman“ in gewisser Weise, aber ich weigere mich, den einen Roman als „gehobene Literatur“ zu bezeichnen und den anderen als „reinen Spannungsroman“. Mich haben beide Bücher durchweg begeistert – und, auch wenn es der Verlag im Falle von Andrew Welsh-Huggins sogar noch plakativ auf das Cover platziert, kann ich der Werbeabteilung von Hoffmann und Campe nur zustimmen: „The Mailman. Er liefert. Immer.“ Verdammt „sophisticated“, und erstaunlicherweise nicht völlig humorbefreit. Grosse Leseabenteuer, beide Romane. Das eine Abenteuer ist pures Adrenalin, zwei, drei, vier Lesenächte mit wenig Schlaf, das andere inspiriert langsames Eintauchen, und setzt den Raum zwischen den Zeilen in Schwingung. Das Buch für den Juli ist auch schon ausgewählt worden. „What About The Bodies“. Aus dem kleinen grossartigen Pendragon Verlag! Von Katja ausgesucht. Es muss ja nicht immer „Der Meister“ sein, James Lee Burke. Über letzteren würde ich Nick Cave zu gerne mal interviewen!

    Zugabe: meine neue Lieblingsserie auf Netflix ist ein weiterer Geniestreich von Neil Forsyth, „Legends“, eine britische Kriminal-Serie in sechs Teilen mit grossartigen Schauspielern, toller Musik, exzellenter Kameraführung, und einer Geschichte, basierend auf wahren Begebenheiten am Ende der Ära von Margaret Thatcher. Lucy Mangan vergibt im Guardian nur drei Sterne, ich viereinhalb!

  • Mein Album des Jahres 2026

    Derzeit und bis heute und kein Witz: sogar ein „Kaufbefehl“ mindestens für Thomas und Olaf (gibt es auch auf „clear smoke vinyl“) und Martina und Lajla und Brian, und auch, wer nur das Eingangsstück hört, das in den Klanghorizonten laufen soll, würde nur ein Mosaiksteinchen des Reichtums dieses Albums mitbekommen, das manchmal die Partyavantgarde von Miles‘ „On The Corner“ streift, die „vocal poetry magic“ von Marion Browns „Geechee Recollections“ und ferne Schatten der „Blue Notes“ mit Mongezi Feza. Einfach mal kurz reinhören geht bei dieser Lp / Cd einfach nicht, dazu ist dieses Opus schlicht zu „sublim“. „A Semblance Of Return“ hat mich gestern Abend bei lautem Hören (zwischen Underworld und Agharta) umgehauen, es hat eine Tiefe, die sich wieder und wieder in den „elan vital“, den „elan de danser“ schmuggelt. So weit, so genial. In anderen, munter kompilierten Worten:

    „Das Album des südafrikanischen Drummers ist ein Ort der Begegnung: ein Wohnzimmer, ein Proberaum, ein schattiger Club, eine Lerngruppe, ein Zuhause. Die Band auf dem Album – Ru Slayen (Percussion), Nobuhle Ashanti (Keyboard & Synthesizer), Zwide Ndwandwe (Bass) und Keegan Steenkamp (Trompete), mit Gamedze am Schlagzeug – hat sich als soziale Einheit gebildet: eine Gruppe, für die Musik Teil eines umfassenderen gemeinsamen Lebens ist, voller Spielen, Nachdenken, Lachen und Kämpfen.“ Thank you, Asher, for this deep journey. What a trip, and, by the way, a little piece of therapy for my soul these days!

    „A Semblance Of Return“ ist auf Northern Spy Records erschienen, das uns u.a. schon mit dem einen und andere Meisterstück der Necks beglückte. Eine lange Geschichte über ihn gibt es in der Juniausgabe des Wire.

    „Remember struggle songs? For those who don’t, they were a way of letting out all the pain and fury and turmoil of oppression – but doing it in a way that brought you into active communion with like-minded others, and so, without ever minimising the hurt, brought determination, joy and hope too. Many kinds of collective music – free jazz, radical funk, conscious soul, righteous rap, get-up-stand-up reggae – point in that same direction. That’s why they live so much longer than the latest solipsistic (and probably AI-generated) pop ephemera.“ (Gwen Ansell)

  • Der lange Abschied von Coopers Kleingebäck

    Schaut man sich kurz das Cover an, könnte man meinen, ich sei im Dunstkreis der Taylor Swift-Gemeinde gelandert – ist da noch so eine Hochglanzblondine, die mit Identifikationsangeboten und Erhabenheitsposen, Schönklang und Pomp ihre Fäden zieht? Zum Glück nicht. Nicht so lange her, da gestaltete Emma Swift ein Coveralbum voller Dylan-Lieder, mit dem gewissen Extra, viel Talent, und der Frage, ja, ganz schön, aber wozu? Es folgte erstmal nichts, dann ein Nervenzusammenbruch, der nicht mit einer Valiumkur und ein paar aufbauenden Gesprächen aus der Welt zu schaffen war. Und nun ein erstes Album voller eigener Lieder und Worte. An ihrer Seite ein mir unbekannter, aber erstklassiger Produzent, der zeigt, wie sehr man mit dem Inventar des barocken, orchestralen Beiwerks umgehen kann, ohne diese fragilen Liedern mit ihren noch zerbrechlicheren Versen bloss hübsch aufzubrezeln. „The Resurrection Game“ (welch gelungener Titel!) ist ein im allerbesten Sinne „romantisches Album“, das, wenn man die Lieder und die Worte nahkommen lässt, hier und da nie ganz verheilte Wunden in Bewusstsein rückt („going where the lonely go“), in seltsamem Einklang mit der Lust, Tag für Tage neue Lebendigkeiten ausfindig zu machen. Und, als wäre dies derzeit eine Laune des Zeitgeists nach dem Tod von David Lynch und dem langen Abschied von Coopers Kleingebäck, spielt der erste Song der ersten Seite der Schlallplatte fraglos in einer Bar in Twin Peaks: Julee Cruise und Emma Swift hätten sich viel zu erzählen!

  • Die Gesänge einer Laute

    „Jeder, der Davy Graham oder Sandy Bull mag, wird daran große Freude haben.“ Das merkt Richard Williams an zu der „Music for archlute and chitarrone“, solo vorgetragen von Rolf Lislevand auf seiner neuen Cd „Libro primo“. Obwohl die „liner notes“ der Historie und den Geschichten dieser Lautenmusik des 16. und 17. Jahrhunderts ausführlich nachgehen, ist ein kleiner „Crashkurs“ in Sachen Lautenmusik gar nicht erforderlich, um sich in dieser Musik zu verlieren. In einer alten, zu einem Studio umgebauten Scheune im Süden Norwegens, ringsum nur Wald, entstand diese fliessende, in-sich-versunkene Musik. Der Trick beim Hören besteht darin, über die flüchtige Wahrnehmung hinauszugelangen, dass diese alten Stücke doch sehr ähnlich klängen. Es gibt den Kipppunkt des Lauschens, an dem einem die immense Vielfalt bewusst wird, der Zauber im Detail, die emotionale Leichtigkeit und Tiefe all dieser Lieder ohne Worte. Kaum ein Song in diesen Wechselspielen von Erzlaute und Chitarrone überschreitet die klassische Kürze einer guten alten Pop-Single: alles erscheint so transparent wie klar umrissen, und schon damals war es eine Kunst, blossen Zierat zu verbannen und strenges Regelwerk auszuhebeln. Es gibt weitere zwei imaginäre Freunde von „Libro primo“, die mir auf Anhieb einfallen: Bert Jansch und John Renbourne!

  • “Hello, darkness, my old friend“ – some thoughts on Steve Tibbetts‘ „Close“

    Steve Tibbetts‘ new album is sailing stars. It is a kind of shadow play, too. The love of life, the losses. It is glowing from start to end, with two, three explosions along the way. Things can explode in quietude, too, on this haunting melange of electric and acoustic guitars with discreet and, sorry to repeat myself, „glowing“ percussion every once in a while. A thousand miles away from an old hippie‘s shangrila. Hotel California has shut its doors.

    The playing of the Minneapolis-based musician is instantly recognizable: it circles around small rhythmic-harmonic sound cells with all kinds of drone sounds and finest beats— and, breathtaking, though never forgetting to breathe: the silences, the minimal zero points, the moments of nothing lasting fractions of a second or two.

    „CLOSE“ is like a dark Rothko painting on fire, in purely metaphorical and sensual ways. The tracklist reads like a Samuel Beckett poem. And, in regards to these invocations, I ask myself: how can something „noir“ like this be so elevating, so heartwarming?!

    And now, a mood line, and a timeline with a twist:

    Pharoah Sanders has made „TAUHID“, Jan Garbarek has made „DIS“, Van Morrison has made „VEEDON FLEECE“, Julian Priester has made „LOVE, LOVE“, Julie Tippetts has made „SUNSET GLOW“, David Darling has made „CELLO“, Laurie Spiegel has made „THE EXPANDING UNIVERSE“, Arve Henriksen has made „CHIAROSCURO“, Bill Callahan has made „APOCALYPSE“, Lambchop has made „SHOWTUNES“, and Steve Tibbetts has made „CLOSE“.

    Glowing affairs all of them. Honestly, this album breaks my heart.

    Michael Engelbrecht, Deutschlandfunk


    Steve speaking:


    Steve Tibbetts: guitar, percussion, piano
    Marc Anderson: percussion, gongs, handpan, loops
    JT Bates: drums

  • Brian Eno and Beatie Wolfe go „Liminal“

    „A quiet life where
    We can blend
    Hidden thoughts
    With sweet lament“
    (from Shudder Like Crows)

    A manageable arsenal of instruments, essentially synthesizer and guitar. Two defining instruments of rock history—and nothing seems to have been told to an end yet. If anything has completely disappeared from the duo’s expeditions, it is tempo, action, and turmoil. Everything, including the vocals, is imbued with slowness, a sense of adventure and the unknown.

    But first things first: after their song cycle “Luminal,” a kind of “electric country dream music” in which the private and the political are closely intertwined in dark times; after the purely instrumental large-scale composition “Lateral,” with its subtly eerie prairie spaces, Brian Eno and Beatie Wolfe now present their third coup. “Liminal” is an exciting collection of immensely rich “instrumentals,” songs, song-like pieces, and the thin places in between. Each composition reveals a different sphere: lament, primeval fantasy, dream story, at one time probably the most verbose breakup song in recent pop history, set in a laundromat! Or is the narrator just caught in a dream? “Liminal” surprises at every turn.

    And we know / what it means to be dust / Watch it sleep / In the last part of us“. Although we are confronted time and again with finitude, decay, and darkness, in verses that pose many a riddle and could serve here and there as new koans for Zen students, it is quite an uplifting experience to dive into these breathing things and sounds. With Eno being a kind of nighttime painter with a knack for „the soul in the machine“, the guitar, folksy and meditative, is no miles and moons away from legendary campfire moods: a quiet joy, and more than a quantum of solace.

    The voice, close-miked,  has an unexpected range of  intimacies to offer, but is not really reliable, coming along like an uncanny entity, ghost-like, a figure from a dream, a meditation on human fragility, a delicate splash of colour.  What a seamless balance between the moments on the brink, and the almost warm-hearted adventures with „oceanic“ vibes in between!  Exit strategies for sheer amazement are hard to find on this visionary, wild and strangely relaxed ride!

    Michael Engelbrecht, Deutschlandfunk