• February Revelations

    „Ich sehe ihn noch vor mir, wie er aufsteht, um mich in seinem Hinterhof zu begrüßen. Mit einem warmen Lächeln und einer herzlichen Umarmung und dieser Honk-of-a-Voice aus den Great Plains. Wir sprachen über Kaffee, die Freude am Unerwarteten, die Schönheit der Welt und lachten.“ (Kyle MacLachlan in seinem Nachruf auf David Lynch)

    (album) Wasylyk / Perman: Ash Grey and the Gull Glides On

    (film) Eno. Doc (von der Berliner Premiere berichtet Stephan Kunze)

    (prose) Robyn Hitchcock: 1967 – How I Got There And Never Left

    (talk) Learn To Fail Better – Chris Eckman

    (radio) A Playlist In Motion (DLF, march 27)

    (binge) David Lynch’s Twin Peaks – Three Seasons

    (archive) Rainer Brüninghaus: Freigeweht (1981)

    „Die bedeutendsten Bands bieten mutige Ideen, kleine Offenbarungen, verzweifelte Spiele und eine Schamlosigkeit, die ihnen erlaubt, jenseits ihrer Grenzen anzukommen und dort ein paar wundervolle Dinge zu entwickeln.“ Das sagte einmal Chris Eckman, und es lässt sich auf viele Bereiche der Kunst übertragen. Beispielsweise auf einige Filme von David Lynch wie „Mulholland Drive“, oder „Blue Velvet“. Unsere „Offenbarungen“ im Februar sind voller kleiner Entdeckungen und Zeitreisen. Selbst das Alltägliche kann durchaus fantastische Züge annehmen. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Ausser vielleicht: Safe Journey!

  • Zappas Soul, or: Selfie with Big Swifty in the Electric Cave


    Es gab in meinen zwei letzten Jahren auf dem „Max Planck“ ein Transistorradio in der Küche, und da spielte eines morgens Frank Zappa. Es war die Zeit seines fulminanten Jazz-Rock-Epos „The Grand Wazoo“, und bei diesem unvergesslichen Liveaufritt gab ein gewisser George Duke den Keyboardmeister, der Frank Zappas vertrackten Synkopen in jeden hintersten Winkel und darüber hinaus folgte. Ich hatte grossen Spass an dieser Musik, zumal ich meinen leichten „Kater“ vom Vorabend mit zwei grossen Gläsern Milch und einer Alka-Seltzer gut in den Griff bekam. Was für eine verspielte, wandlungsfreudig rockende Big Band!

    Frank Zappas Hang zur Satire sorgte dafür, dass ich das Opus irgendwo zwischen den Marx Brothers und Monty Python einsortierte. Nie in meinem Leben liess ich auch nur den geringsten Lacher los beim Ansehen eines Films der britischen Komiker, während der anarchistische Humor von Groucho und Co. mich meistens leichtfüssig einfing. Es passt dazu, dass ich „The Grand Wazoo“ seit damals mit einem gewissen Hin- und Hergerissensein hörte: enweder liess mich die ausgefuchste Big Band kalt, oder sie packte mich mit ihrer immensen Spiellaune, die, live dargeboten, noch manch freien Extralauf und Schabernack bereithielt.

    Zuletzt hörte ich das Album in wunderbar gelungenem Surround, und das Pendel schlug wieder aus in Richtung der unbändigen Freude von einst, anno 1972, in der Küche mit dem silbernen Toaster, dem kleinen Metallradio, George Dukes irrwitzigen Läufen, meinen 17 Lenzen, und zwei rasch heruntergestürzten Milchgläsern! Aber, im Vergleich, und im Gegensatz zu den historischen Rückblicken, mag ich den Vorgänger, „Waka Jawaka“, noch etwas mehr, purer Jazzrock von Mr. Zappa, und ich frage mich einmal mehr, wieso ich zu Zappa in meinen gesetzten Jahren tiefer vordringe als damals, in der wilden Jugendzeit. „Waka Jawaka“ in Surround und Stereo, das ist beides rundum gelungene Klangkunst voller body & soul!

    Ich schrieb eine längere Mail an die grosse „Zappa Family“, die für all die wunderbaren „reissues & archival discoveries“ sorgt. Darin ging es um eine andere Zappa-Lieblingsplatte, die ich in meinen Studentenjahren am liebsten hörte, „Zoot Allures“ (ich glaube, mich an die 4-stars-Besprechung in Down Beat zu erinnern) – und eine Gemehmigung, in einem Beitrag für den NDR auf ein „sehr inoffizielles“ Interview zurückgreifen zu dürfen, in dem Zappa einen einminütigen Lachanfall bekam. Demnächst mehr dazu. Long story short: sie schickten mir, neben einem freundlichen „Yes“, die Vinylwiederveröffentlichungen der beiden Fusion-Werke. Und sie klingen so fantastisch, wie es Mark Smotroff in „Analog Planet“ beschrieben hatte. Und sie haben SOUL (vielleicht habe ich das damals nicht wahrgenommen, morgens in der Küche, bei den zwei Milchgläsern. Es war das Jahr, in dem ich wie verrückt, Bo Hanssons „Lord of the Rings“ hörte.

  • Five Short Stories

    Jede Schallplatte, die einmal in deinem Leben einen persönlichen Nachhall fabriziert hat, erzählt eine Geschichte. Wie kurz und klein auch immer. Und es ist stets ein Stück gelebte Leben. Was in den kommenden Tagen, noch vor Sylt folgt, sind fünf kurze Kurzgeschichten, ihre Titel: Tauhid, The Correct Use Of Soap, We‘ll Talk About It Later, The Golden Band.

  • Eine Gespenstergeschichte

    „After his unceremonious exit from The Velvet Underground in the Fall of 1968, his affairs first seemed promising. He‘d just married the designer Betsey Johnson, the young couple parading that day through New York with matching white corsage and boutonniere. They lived together in a sprawling loft near La Guardia Place, in Manhattan. He had made Nico‘s „The Marble Index“, then The Stooges‘ crucial debut. A true musical Zelig, he was in the hunt for other production work.“ (die ersten Zeilen der neuen liner notes der Domino-Edition von John Cales „Paris 1919“, verfasst von Grayson Haver Currin)


    Die vier „Musikbücher“, die auf meiner Leseliste für 2025 ganz oben stehen, sind von Robyn Hitchcock, Brian Eno, Mark Doyle, und Jan Reetze. Das Buch mit dem geringsten Überraschungsgehalt wird wohl Enos „What Art Does“ sein, weil ich mit seinen Gedanken sowieso sehr vertraut bin. Ich hoffe auf spannende Abschweifungen, sideteps, kleine Stories fernab seiner „repertoire stories“.

    Mit Robyns Zeitreise ins Jahr 1967 habe ich unlängst begonnen – und bin fasziniert (ich habe überhaupt kein Album von ihm). Gerade lese ich, wie der junge Robyn in Bob Dylans „Highway 61 Revisited“ eintaucht. Den letzten Anstoss, das Buch zu lesen, gab eine Empfehlung von Michael Chabon. Und nach seinem feinen Buch über Kraftwerks „Autobahn“ bin ich gespannt auf Jans kommenden Streich: es wird das Buch mit dem grössten „Surprise“-Faktor sein, denn das „Objekt“ seines Interesses kenne ich nur sehr wenig. A propos Überraschung: comment 1 enthält genau das!

    Auf Mark Doyles früh im Februar erscheinendes „Taschenbuch“ stiess ich erst, als Norbert E. mich auf die letztjährige, aus seiner Sicht wunderbare, Wiederveröffentlichung von John Cales Liederalbum von 1973 hinwies. Und ich kann nur zutimmen, in jeder Hinsicht. Auf dieser nun als Doppel-Vinyl vorliegenden Ausgabe (auf den Seiten drei und vier finden sich Outtakes und andere Überraschungen wie „Fever Dream 2024: You’re A Ghost“) finden sich, neben einem Blatt voller „lyrics“, auch ein paar Porträtfotos des Künstlers als junger Mann.

    Unschlagbar das Coverfoto mit leichtem „Gilb“ und dezenter Überbelichtung, das wie ein Schnappschuss des Zeitreisenden John aus dem alten Paris wirkt. Eine Gespenstergeschichte besonderer Art ist „Paris 1919“ ohnehin, und der wohl von Mark Doyle selbst verfasste Pressetext ist eine gelungene Einstimmung. Ich gönne all denen, die die Schallplatte nie oder nur flüchtig gehört haben, ein – möglicherweise – unvergessliches erstes Mal. Stoff zum Versinken!

    „John Cale’s enigmatic masterpiece, Paris 1919, appeared at a time when the artist and his world were changing forever. It was 1973, the year of the Watergate hearings and the oil crisis, and Cale was at a crossroads. The white-hot rage of his Velvet Underground days was nearly spent; now he was living in Los Angeles, working for a record company and making music when time allowed. He needed to lay to rest some ghosts, but he couldn’t do that without scaring up others. Paris 1919 was the result.

    In this vivid, wide-ranging book, Mark Doyle hunts down the ghosts haunting Cale’s most enduring solo album. There are the ghosts of New York – of the Velvets, Nico, and Warhol – that he smuggled into Los Angeles in his luggage. There is the ghost of Dylan Thomas, a fellow Welshman who haunts not just Paris 1919 but much of Cale’s life and art. There are the ghosts of history, of a failed peace and the artists who sought the truth in dreams. And there are the ghosts of Christmas, surprising visitors who bring a nostalgic warmth and a touch of wintry dread. With erudition and wit, Doyle offers new ways to listen to an old album whose mysteries will never fully be resolved.“

  • Clay Pipe Music 2

    is now on our blogroll.


    „The cover of Andrew Wasylyk’s album features a ship in a bottle surrounded by seashells, feathers and the white glow of a full moon. It sums up the album perfectly. Aquatic, ethereal and fragile in equal measure, upon listening one has the feeling of being temporarily suspended in a fog of wistful ambivalence. It’s elegant and spatial. 

    Inspired by the dramatic land photography of Thomas Joshua Cooper, Wasylyk creates harp-led cinematic soundscapes that seem infinite. Although the seven tracks vary in meaning, the LP doesn’t feel overwhelming in its abstraction. Wasylyk creates beautiful jazz-soaked ambient music that is liberating and meditative, rather than aggressively esoteric. The album no doubt cements Wasylyk’s reputation as not only an ambitious and brilliant multi-instrumentalist, but as a serious modern artist.“ (Evie Nicholson, NarcMagazine)

  • … once upon a time of warm jets coming …

    „Sollte Ingo nochmal zu einem Dekaden-Rückblick aufrufen und uns nach den zwanzig persönlichen Lieblingsalben der Siebziger Jahre fragen, hätte ich leichtes Spiel: sieben ECM-Platten, sieben Brian Eno-Platten („Here Come The Warm Jets“ wäre dabei), einmal Joni Mitchell, einmal Alice Coltrane, einmal Robert Wyatt, einmal Bob Dylan, einmal Leonard Cohen, einmal Neil Young, einmal King Crimson – und John Cales „Paris 1919“. Das macht, ratzfatz, 20. (m.e.)


    The texture of a phalanx of expertly tuned kazoos in perfect harmony

    „The title track was built on the concept of Eno’s metaphor for the guitars as he envisioned them with a sound like “warm” jet engines. But you, me, and the lamp post, couldn’t have failed to notice the prominent positioning of a pornographic playing card on the album’s cover featuring a woman [presumably] urinating. A warm jet of a different kind, ahem. But the guitars did sound impressive. Paul Rudolph of The Pink Fairies was the man responsible though the treatment by Eno gave the playing the texture of a phalanx of expertly tuned kazoos in perfect harmony. The guitars had the spotlight to themselves for a while before Simon King’s Moon-esque drums were sloooooowly faded up while Eno began singing the verses that sounded so full of hope and promise. It sounded so anthemic, that it hardly mattered that the drums seemed to be paying in a different song [and possibly tempo] to the rest of the music. But hearing them come in was still exciting. This was a song whose vibe just stuck to me all day after hearing it. It’s playing in my mind right now. It will continue unspooling until hours later, I’m sure. It was a bold ending to a bold album.“ (postpunkmonk)

    “Here Come The Warm Jets“

    If anybody tells me what this song is about, lyricwise, congratulations! And – HERE – a video from the time of the recording in the quite early 70‘s. Please look at it carefully. I do ask you now another question about this video: look at it, and particularly at the passages between 1‘10-1‘16 and 2‘16-2‘23. Who‘s that woman up front? I will come back to it, and more. (m.e.)


    • Wenn man mit den Alben aufgewachsen ist, die den Soundtrack fürs eigene Leben lieferten, zumindest für die ersten 20, 25 Jahre, dann ist das ein ganz anderer Zugang zur Musik, als wenn man solche Alben, die Geschichte schrieben, im langen Danach entdeckt, zehn, zwanzig, dreissig Jahre später.

    • Die vier Songalben von Brian in den Siebzigern waren für mich, damals in den Siebzigern, reine Seelennahrung. Here Come The Warm Jets perfekter Traumstoff. Das Werk erschien am 14. Februar 1974. Es war Enos erster Songstreich nach seiner Zeit bei Roxy Music, und man hört den Stücken an, wie da einer an Ideen und Vielfalt „explodiert“. Es gibt keinen schwachen Moment auf diesem Werk, und man konnte Hymnenarriges hören, surreale Lyrics, puren Pop, Drone, spoken-word, potentielle Ohrwürmer, Proto-Punk vor Punk, und ich bin mir sicher, Kevin Shields hat in dem Titelsong „Hier kommen die warmen Strahlen“ eine Inspiration für „My Bloody Valentine“ gefunden: so kann man eine Melodie in einem Soundfeld „vergraben“. Bei Kevin war es mitunter purer, erfindungsreicher Noise, unter dem, von ferne, eine allerfeinste Melodie durchschimmerte. Hier war es ein instrumentaler epischer Klangrausch, unter dem sich Enos hymnischer Gesang ausbreitete, die lyrics nah an der Unkenntlichkeit, was seiner Vorstellung von lyrics als „sculped sound“ ohnehin nahkam. Und wie schon auf dem melancholischen letzten Song des Vorgängers „Taking Tiger Mountain (By Strategy) geriet dieser Song einmal mehr, im Sequencing der Stücke, zum perfekten Finale, zum hinreissenden letzten Horizont.

    • Aufschlussreich, diesen kleinen youtube-Schnappschuss von der Aufnahmesession des Titelsongs zu sehen. An den Drums übrigens der Drummer von Hawkwind, und cool, was postpunkmonk zu diesem Auftauchen des Schlagzeugs aus dem Nichts anmerkt (s.o.)

    • man sieht dem Filmchen auch die „Glam-Era“ an mit Enos rotlackierten Fingernägel – zudem spiegeln Russell Mills‘ „graphic illustrations“ das weite surreale Feld der Texte (ich habe mal im comment 1 aus Tom Boons EnoWeb die Anmerkungen zu den „unfassbaren“ lyrics kopiert)

    • die oben angegebenen Miniausschnitte aus dem Filmchen offenbaren zwei Sachen, mich zum Schmunzeln bringen: schaut euch zum einen Enos Gesicht an: er strahlt übers ganze Gesicht, pure Lebensfreude, und zum andern sind da zwei Frauen im Bild, eine neben Eno (verdeckt), und eine leicht schräg vor ihm: ich finde das Gesicht dieser Unbekannten hinreissend schön, und frage mich: ist das eine gute Bekannte von Eno, seine Freundin zu der Zeit, oder völliger Zufall, dass sie da im Bild ist?

    • Now after listening three times to the song im question, it turned into an earworm. In a lalalalala way i was singing the melod line of the instrumental melody while driving my car to Aldi looking for Bucatini! 😂 (in regards to this treated guitar sequence that made me singalong with it in my mind, i love the descripti of Mr. Postpunkmonk (see above): „…. But the guitars did sound impressive. Paul Rudolph of The Pink Fairies was the man responsible though the treatment by Eno gave the playing the texture of a phalanx of expertly tuned kazoos in perfect harmony.

  • Sky‘s The Limit

    Quote from Cryptic Rock:

    The songwriting team of Norman Whitfield and Barrett Strong really drove home some wisdom-laden and thought-provoking lyrics. Brought to life by The Temptations’ performances and Whitfield’s simply outstanding production, Sky’s The Limit is an album that crosses boundaries into Rock, Soul, but also much more.

    All these positive allocates to consider, even still, the hand’s down highlight of it all is “Smiling Faces Sometimes.” Yes, the song would become a Top 5 hit with The Undisputed Truth instead, The Temptations’ twelve-plus minute edition is nothing less than an experience you have to hear to believe.

    That is why it is extremely exciting to learn Elemental Music has selected it as one of their Motown vinyl reissues in 2024. Released on October 18th, this new limited edition release is pressed to a 140 gram vinyl, and let us just say the sound really pops with every twist and turn.

    Sounding warm and rich, this new vinyl captures the magic of the original recordings. This is all while you also get the original cover and back art on a very solid single vinyl jacket. Overall, Elemental Records made an extremely wise selection by reissuing Sky’s The Limit to vinyl, because Cryptic Rock gives the release 5 out of 5 stars.

  • Doppelbilder

    „Doesn’t seem to be a shadow in the city 
    All around, people lookin‘ half dead“
    (The Lovin Spoonful, Summer In The City)  

    Es war ein Sommer in den Sechzigern, in dem die Siebziger schon rückwärts ein paar Schatten warfen, eine Ahnung erfüllter Zeiten, die ersten Jukeboxen, ledergebundene Single-Alben in unserer kleinen Kirchhörder Welt. 1967. Conny war ein älterer Teenager, und er hatte die grösste Kollektion an Singles. Wenn ich mal bei ihm vorbei kam, legte er gerne The Small Faces auf, und kurz blitzten all die Dinge auf, von denen Frischlinge gerne träumten. Einmal fiel ich bei Conny nach Sekunden in eine tiefe Trance, als er, frisch aus dem Single-Presswerk, „Summer In The City“ auflegte, von The Lovin‘ Spoonful. Es war wohl eines der ersten Lieder, bei denen mir bewusst wurde, wie bezaubernd die alltäglichen Sounds einer grossen Stadt sein konnten. Der erste Riff, die Melodie, die Stimme John Sebastians. Ich bat Conny inständig, mir die Single einen Tag zu leihen, ich sagte nicht, dass ich sie unendlich oft hören wollte. Schliesslich gab er nach, und ich musste ihm versprechen, die Ware am folgenden Tag um Punkt 17 Uhr bei ihm abzuliefern. Das war ja nun kein Problem, oder doch, ein kleines. Ich war so umrauscht von dem Song, dass ich dachte, in einer Zeit, in der wir alle Grenzen überschreiten würden, wäre es kein Problem, diesen himmlischen Song noch ein bisschen länger zu behalten.

    „Pictures Of Lily helped me sleep at night“
    (The Who, Pictures of Lily
    )

    Ich hatte die „Bravo“ neben dem Bett liegen, und war nicht erfreut, zu lesen, dass The Kinks, meine Lieblingsband, mal wieder betrunken auf der Bühne aufeinander losgegangen waren. „Hot town, summer in the city / Back of my neck getting dirty and gritty / Been down, isn’t it a pity / Doesn’t seem to be a shadow in the city“. Irgendwann nachmittags rief mich Uwe an (mit dem ich selten zu tun hatte, er besass als Erster „Hey, Joe“ von Jimi Hendrix), und sagte mir, er habe eine Überraschung für mich, und ich möge doch zu unserem Bolzplatz kommen. Als ich dort war, traten Uwe und Conny hinter einer Hecke hervor, und Conny schlug mir voll in den Bauch, so dass mir die Luft wegblieb und ich auf den Boden kippte. Er erinnerte mich an unsere Abmachung, und als ich wieder Luft bekam, entschuldigte ich mich. Jetzt war Uwe dran, und schlug noch einmal mit voller Wucht zu. Ich bekam es mit der Angst, und wartete, bis der Atem wieder einigermassen auf und ab ging. Dann rannte ich los, was verrückt war, weil die beiden älter waren, und mich jederzeit einholen und weiter auf mich einprügeln konnten. Stattdessen traf mich ein Stein an der Schläfe, und ich sank schreiend zu Boden. Das Blut floss über Augen und Nase, und ich weiss heute nicht mehr, welcher Zeuge der Ereignisse dafür gesorgt hatte, dass ich ins Krankenhaus kam und mit etlichen Stichen genäht wurde. Am Tag darauf legte ich kdie Single, verpackt in in einen Umschlag, in Connys Briefkasten. Ich sah ihn nur noch aus der Ferne danach, und dann nie mehr. Hier und da noch hatte ich Doppelbilder, und selbst meine „Pictures Of Lily“ waren eine Zeitlang leicht verwackelt.

  • Adrift

    Der Roman „Umlaufbahnen“ (Orbital) von Samantha Harvey verzichtet weitgehend auf Handlung oder einen Spannungsbogen. Es ist eine Meditation über die Erde und das Treiben der Menschen darauf. Insofern ist so etwas wie ein spoiler alert unnötig: 6 Charaktere leben und arbeiten in 400 km Höhe auf einer Raumstation, die mit einer Geschwindigkeit von 28000 km/h um die Erde kreist und diese so an einem Tag 16mal umrundet. Das ist auch die Idee des schmalen Buches: ein Tag, 16 Umlaufbahnen mit den Menschen auf dieser Raumstation. Wobei elementare Einheiten wie Tag und Nacht in diesen Höhen eine andere Bedeutung haben; 24 Stunden sind dort oben kein Tag.

    Anstelle eines Plots, einer Handlung, steht das Geflecht aus den Gedanken, Gefühlen und vor allem Wahrnehmungen der Astronaut*innen (4 Männer, 2 Frauen) im Zentrum. Die Fenster zur Erde ziehen sie magisch an, sie beobachten den Planeten, die Wolkenformationen eines Taifuns, die Lichter der Großstädte bei Nacht (die einzigen Hinweise auf menschliches Leben, die sie aus der Höhe wahrnehmen können), das Spiel von Sonnenlicht und Schatten, die Gebirge, die Wüsten,…. Samantha Harvey findet hier eine ganz eigene Sprache, durchzogen von einer spröden Sinnlichkeit; der schwindelerregende Fortschritt der Menschheit wird deutlich, vor allem aber die Demut gegenüber dem blauen Planeten.

    Die Erde ist „(E)in Planet, der vom Zentrum ins Abseits verbannt wurde – um ihn wird sich nicht gedreht (abgesehen von seinem knubbeligen Mond), er dreht sich selbst um andere. Er beheimatet uns Menschen, die wir größere und noch größere Objektive für unsere Teleskope polieren, die uns zeigen, dass wir kleiner und noch kleiner sind als gedacht. Da stehen wir und staunen. Und mit der Zeit erkennen wir, dass wir nicht nur an den Außenlinien des Universums stehen, sondern dass das Universum nur aus Außenlinien besteht, es keinen Mittelpunkt gibt, nur eine schwindelerregende Masse von tanzenden, taumelnden Dingen, und dass vielleicht all unser Wissen nur aus einem ausgeklügelten und sich ständig weiterentwickelnden Bewusstsein für unsere eigene Fremdartigkeit besteht, dass wir mithilfe der wissenschaftlichen Forschung das menschliche Ego immer weiter zertrümmern, bis es am Ende ein brüchiges Gebilde ist, durch dessen Risse Licht hereindringt.“

    Gegen Anfang und Ende des Buches wird auf das Gemälde „La Meninas“ von Velázquez verwiesen. Ebenso wie das Buch hat das Gemälde zahlreiche Bedeutungsebenen, es zeigt das „Spiegellabyrinth des menschlichen Lebens“, es erzählt auch von dem Ende der Herrschaft der Habsburger in Spanien. Zwar am Rande und doch im Vordergrund des Bildes findet sich ein Hund, der sich als einziges Wesen nicht an dem Spiel der Blicke beteiligt, sondern das eitle Treiben um ihn herum („all die Wege, die sie finden, keine Tiere zu sein“ schreibt Harvey über die Mitglieder des Hofes auf dem Bild) gelassen zu ertragen scheint.

    „Umlaufbahnen“ schafft es, die Zerbrechlichkeit und Kostbarkeit der Erde und das Treiben der Menschen darauf aus einer ganz neuen Perspektive zu zeigen und öffnet so zahlreiche Bedeutungsebenen. Der Roman hat eine Tiefe und Intensität, so dass die schnelle Lektüre lange nachhallt. Auch ohne Spannungsbogen hat das Buch einen enormen Sog, dem ich mich sehr gerne hingegeben habe.