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  • Annie and The Caldwells (Teil 2)

    Erinnere dich: auf der 2019er Compilation des englischen Gospelnerds war ein Song aus alter Zeit, „Gospel Music About Us“. Und so geht‘s weiter im Text von Alex: „Die Autorin des Liedes, Annie Caldwell, erinnerte sich daran, dass sie „einen Anruf von einem Mann, ich glaube, er hieß David“ erhielt. Es handelte sich um den ehemaligen Talking-Heads-Frontmann David Byrne, dessen Label Luaka Bop die Compilation und anschließend das einzige Album der Staples Jr Singers veröffentlichte. Caldwells Überraschung darüber, dass sie wegen ihrer Platten aus ihrer Jugendzeit kontaktiert wurde, hielt sie nicht davon ab, vorzuschlagen, dass Byrnes Label auch an der Band interessiert sein könnte, die sie in den letzten 40 Jahren geleitet hatte und die aus ihrem Ehemann, ihren Kindern und ihrer Patentochter bestand. Sie waren es, und man kann erkennen, warum. Dennoch ist eine Band, die nach 40 Jahren ihr Debütalbum veröffentlicht und auf angesagten europäischen Festivals spielt, zweifelsohne etwas Besonderes. Das Klima mag einladend sein, aber das wäre nicht passiert, wenn Annie and the Caldwells nicht außergewöhnlich gut wären in dem, was sie tun, und Can’t Lose My (Soul) unterstreicht, wie gut das ist.“ Soweit, so gut.

    Die Frage bleibt, was hat mich so für eine Musik eingenommen, die prinzipiell nie mein Genre war? Ein ganz kleiner Teil der Antwort ist das Cover, das mich unmittelbar fasziniert hat. Ein weiterer Teil der Antwort ist, dass ich trotz meiner Reserviertheiten gegenüber Gospel immer die Hoffnung hatte, ab und zu ein besonderes Album aus dieser afroamerikansichen Kultir zu finden, ähnlich wie es mir beim Blues ergangen ist: nie einen Narren gefressen an diesem grossartigen Genre, aber ein paar Lieblingsplatten, die ich immer hören kann, und die mich immer begeistern wie John Lee Hookers einzige Platte für das Jazzlabel Impulse und Muddy Waters „Folk Singer“. Bei beiden Platten gibt es ein Quantum Radikalität, oder einen besonderen Sound / Horizont. Hier auch, bei Annie And The Caldwells.

    (Fortsetzung folgt)

  • Die Verweigerung des amerikanischen Traums (Teil 1)

    Ende der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre durchlebte das Kino der USA eine Umbruchsphase, und dazu gehörten Filme, die von europäischen Einflüssen wie der Nouvelle vague geprägt waren, und die auch die politisch-gesellschaftliche Stimmung in den USA spürbar machten, darunter den Vietnamkrieg. Einige junge Regisseure erhielten von den Studios die Freiheit, mit ihren eigenen Ideen zu experimentieren, und sie entschieden sich für Figuren, die sich dem amerikanischen Traum vom Erfolg durch konsequentes Erbringen von Leistung verweigerten. Diese Nische wird auch als eine Art US-amerikanisches Autorenkino bezeichnet.

    Two-Lane Blacktop (1971; deutscher Titel: Asphaltrennen) von Monte Hellman ist von den Filmen, die ich hier in einer kleinen Serie vorstelle, der mit der umfassendsten Verweigerung. Das fängt schon damit an, dass es gar nicht so einfach ist, zu erklären, worum es geht. Da sind zwei Autos, ein 55er Chevy und ein 1970 Pontiac, deren Fahrer sich ein Wettrennen von West nach Ost liefern; das Ziel wird geradezu unmotiviert und willkürlich dahingeworfen: Washington D.C. Insofern könnte man die Autos auch als Protagonisten des Films ansehen. So wichtig sind diese Autos aber wiederum auch nicht. Die Fahrer liefern sich auch nicht wirklich ein Autorennen, obwohl dem Gewinner die Papiere für den anderen Wagen winken. Sie haben es nicht eilig, sie machen ausgiebige gemeinsame Pausen an Tankstellen und Straßenrestaurants und die Crew des Chevy unterstützt den Fahrer des Pontiac sogar bei einer Panne. Der Film hat keine nennenswerte Story; die Dialoge bringen keine Handlung, wie man sie in einer Geschichte erwarten würde, in Gang. Wie „Easy Rider“ zeigt „Two-Lane-Blacktop“ atemberaubende Landschaften, Wolkenformationen und Horizonte; insofern fungiert die Landschaft als Protagonist. Der größte Teil des Filmes spielt sich, wie bei einer sehr guten Kurzgeschichte, unterhalb der Oberfläche ab, so wie bei einem Eisberg der größte Teil der Masse unter Wasser liegt. Der Roadtrip ist eine Metapher für das Leben, für ein Lebensgefühl. Dies auf sich wirken zu lassen, ist geradezu meditativ. Am stärksten ist in diesem Film also die Atmosphäre, besonders die Ausstrahlung der drei Personen, die, jedenfalls zeitweise – es ist alles ein bisschen launisch – gemeinsam im Chevy sitzen. Der Fahrer wird dargestellt von dem Sänger James Taylor, sein Mechaniker von Beach Boy Dennis Wilson, und die junge Anhalterin spielt Laurie Bird, über deren Hintergrund Monte Hellman in der Dokumentation, die sich auf der DVD findet, Beeindruckendes erzählt, was zu einer besonderen Tiefe ihrer Persönlichkeit geführt hat. Alle drei sind keine ausgebildeten Schauspieler; es gibt auch zahlreiche Kurzauftritte weiterer, sagen wir: echter Personen wie dem Verkäufer von Autoersatzteilen, jungen Männern einer Gaststätte, Leuten beim Start von Autorennen sowie ganz normalen Menschen an einer Bushaltestelle, die gar nicht wussten, dass hier gedreht wurde, was dem Film einen dokumentarischen Touch verleiht.

    Der Fahrer des Pontiac, dargestellt von Warren Oats, nimmt immer wieder Anhalter mit, um ihnen etwas aus dem Leben einer seiner fantasierten Parallelwelten zu erzählen. Einmal steigen eine ältere Frau und ein kleines Mädchen ins Auto ein. In der Dokumentation 34 Jahre nach dem Dreh, erzählt Melissa Hellman, die Tochter des Regisseurs, die im Film das kleine Mädchen spielte, dass sie den Film wahrscheinlich hunderte Mal gesehen hat, und dann drückt sie es so aus: „It sucks me in again, every single time I watch it. I think about things while I was there or about my life now and it’s just all related to each other.“ Das trifft es, auch wenn man nicht bei dem Film mitgespielt hat. Two-Lane-Blacktop handelt von Einsamkeit, von Begegnung, von gemeinsamen Zielen und vom Verlust dieser Ziele, von der Flüchtigkeit der Liebe, von der Schönheit der Natur und der Unberechenbarkeit der Technik. Am Ende reißt einfach der Film, und fängt an, durchzubrennen. Auch das ein Subtext. Two-Lane Blacktop wurde zum Kultfilm der Gegenkultur. Das Drehbuch hat Rudy Wurlitzer geschrieben. Monte Hellman hatte auf Empfehlung von jemandem dessen Roman „Nod“ aus dem Jahr 1968 gelesen, und er sagte darüber, he was really impressed with his kind of wierd, but really brilliant view of the humal condition. So eine Formulierung ist für mich trotz ihrer Schwammigkeit ein klarer Auslöser, in das Buch hineinzulesen. Über diesen Link konnte ich das erste Kapitel von „Nog“ lesen, mich hat die Crazyness begeistert, und habe mir daraufhin das Buch gekauft, ein immer wieder neu veröffentlichtes Kultbuch, das in verschiedenen Coverversionen erschienen ist, zum Beispiel in dieser psychodelischen Variante:  

  • Annie and The Caldwells (Teil 1)

    „Die Geschichte des Debütalbums von Annie and the Caldwells ist langwierig und verworren. Die Platte hätte es wahrscheinlich gar nicht gegeben, wenn Sammler nicht auf „Waiting for the Trumpet to Sound“ gestoßen wären, eine Single der Gospelgruppe „The Staples Jr Singers“ aus dem Jahr 1974, die auf einem so obskuren Label in Mississippi veröffentlicht wurde, dass nur ein einziges Exemplar jemals auf Discogs verkauft wurde. Greg Belson, ein in Großbritannien geborener und in Los Angeles ansässiger Soul-DJ, wurde darauf aufmerksam. Er hat sich eine Nische geschaffen, in der er tanzflächenfreundliche Gospelmusik spielt (wenn Sie das Lob des Herrn in der schweißtreibenden, hedonistischen Umgebung des Schwulenclubs NYC Downlow in Glastonbury hören wollen, sind Sie bei ihm genau richtig). Die B-Seite des Songs ist auf der 2019 erscheinenden Kompilation „The Time for Peace is Now“ enthalten: „Gospel Music About Us.“ Soweit Alex Petridis vor einiger Zeit im Guardian. Dass dieses Album bei mir stets von der ersten bis zur letzten Rille läuft, ist interessant, denn bei allem Respekt ist Gospel einfach nie meine Musik gewesen. Was also ist passiert?

    (Fortsetzung folgt)

  • Der letzte Donnerstag im Juli (zweites update)


    Meine „Patience der Alben“ für die kommenden Klanghorizonte im Juli hat schon begonnen. Hier ein Update. Eine zündende Idee besorgte der feine Artikel im neuen „Wire“ über Herrn Hosono und seine besondere Beziehung zu einer Verfilmung des Jules Verne-Klassikers „In 80 Tagen um die Welt“ aus dem Jahre 1957…

    Und so schauts aus: ausser dem herrlichen „Pacific“ vor ein paar Jahren hat noch nie ein „Hosono-Album“ meine Nachtsendungen bereichert – zudem schulde ich es mir selber, dem fabelhaften Frühwerk des American Analog Set zu ihrem seit den Neunzigern überfälligen Debut zu verhelfen. Wie konnten die nur an mit vorübergehen?! Die Austin, Texas-Variante der Young Marble Giants, aber ganz anders! Eine Stunde ohne ECM und Eno? Letztens kommt es sowieso anders als man denkt!

    Kate Perry
    American Analog Set
    Keith Hudson 
    Miguel Atwood-Ferguson & Carlos Niño
    Ben LaMar Gay
    Jeremiah Chiu & Marta Sofia Honer
    Al Breadwinner 
    Haruomi Hosono
    Stephen Vitiello

  • „Reviewing reviews“

    Not one but two new Brian Eno albums to aurally digest, each made in collaboration with conceptual artist Beatie Wolfe.Lateral brings to mind Eno’s past outer space-related ambient endeavours with younger brother Roger and Daniel Lanois, but with Wolfe’s involvement the album seems to be more of a sonic comfort blanket to wrap oneself up in whilst gazing up at the stars… or wishing one was up there with them. As for Luminal,it’s very much a sister album to Lateral. Wolfe has written its lyrics, and also sings on these 11 songs, which are produced magnificently by Eno. Think luscious dreampop with shades of a country twang and you will be close to what is achieved on this album. The instrumental Lateral and vocal tracks of Luminal are each as captivating as they are deeply moving, and both albums complement each other very nicely too. (David Nobakht)

    Icn sammle derzeit, im Netz, Besprechungen der beiden Alben „Luminal“ und „Lateral“ von Beatie Wolfe und Brian Eno bzw. Brian Eno und Beatie Wolfe. Ein knappes, gutes Dutzend ist derzeit verfügbar, etliche werden noch folgen. Neben wenig überraschenden „appraisals“ von den üblichen Eno-Berichterstattern Wyndham Wallace und mir, finden sich respektvolle wie bewundernde, ja, begeisterte Besprechungen vor allem des Songalbums. Eine klare Tendenz, auch wenig überraschend: der Songzyklus wird generell positiver bewertet, mitunter hymnisch gefeiert; das „Ambient-Opus“ bekommt, je nach Standpunkt, das polemische oder das leicht gelangweilte oder faszinierte „Echo“, im Grunde, wie es bei „Ambient Music“ seit „Ambient 1“ (1978) der Fall ist. Ich möchte, wenn ich genug gesammmelt habe (niemand muss mir was schicken, ausser, Jan R., wenn da was in der New York Times zu lesen ist!), die Besprechungen von „Luminal“ besprechen. Zwei Dinge noch: einmal gibt es seit gestern, das in den Klanghorizonten im DLF als „Premiere“ gespielte „Play On“ als Video – HIER – und, zum zweiten, die „lyrics“ von „Play On“, bei den „comments“… (Michael Engelbrecht / Foto: Manuela Batas)

  • Monthly Revelations revisited (June)


    Archive: In memory of Hans Dieter Hüsch / Binge: Adolescence (Netflix) / Radio: „Those were the radio days“ – „Karsten Mützelfeldts kleine Abschiedsrede“ / Talk: Beatie Wolfe‘s „Notting Hill Solo Talk“ / Prose: Jonas Engelmann: Gesellschaftstanz (Klangverhältnisse und Aussenseiter-Sounds) / Film: Nouvelle Vague / Album: Caroline – Caroline 2

  • dream, dream, dream…

    „Primal, tribal, apple, egg, vegetable, eel
    I have a new canoe but it does not have a wheel
    Sex, sleep, eat, drink, dream
    Sex, sleep, eat, drink, dream“
    (King Crimson)


    Dreimal „Traumtext“ und Traumdeutung, zuerst ein Song von King Crimson, dann „100 Jahre Traumdeutung“ (Dank an Frank Nikol), und schliesslich, in „comment 1“, „On Electric Country Dream Music“, ein Interview mit Brian Eno und Beatie Wolfe: da sind, auf „Luminal“, die „lyrics“ die Traumtexte.

  • Der Kriegsverbrecher


    Israel has closed crossings into northern Gaza, cutting the most direct route for aid to reach hundreds of thousands of people at risk of famine, as airstrikes and shelling killed dozens more people in the devastated Palestinian territory.

    The move to close the crossings on Thursday will increase diplomatic pressure on Israel as attention shifts from its brief conflict with Iran, back to the violence and grave humanitarian crisis in Gaza.

    During the 12 days Israel was fighting Iran, more than 800 Palestinians were killed in Gaza – either shot as they desperately sought food in increasingly chaotic circumstances or in successive waves of Israeli strikes and shelling.

    Pedro Sánchez, Spain’s prime minister and an outspoken critic of Israel’s offensive, on Thursday became the most prominent European leader to describe the situation in Gaza as a “genocide”.

    Speaking before an EU summit in Brussels, Sánchez mentioned an EU report that found “indications” Israel was breaching its human rights obligations under the cooperation deal, which forms the basis for trade ties.

    The text cited Israel’s blockade of humanitarian aid for the Palestinian territory, the high number of civilian casualties, attacks on journalists and the massive displacement and destruction caused by the war.

    Israel vehemently denies the allegation of war crimes and genocide, which it says are based in anti-Israel bias and antisemitism.

    Dies ist ein aktueller Text aus dem Guardian: die Leugnung der Kriegsverbrechen mit Antisemitismus zu erklären, ist dreiste Demagogie. Das sage ich natürlich ohne jede Strahlkraft, genauso wie es eine Schande ist, dass sich Europa zu keiner klaren Verurteilung durchringen kann. Die Fortsetzung des Guardian Textes findet sich in comment 1, womit die comment-Liste zeitnah geschlossen wird. Um den ganzen Bericht zu lesen, einfach auf die Titelleiste klicken: „Der Kriegsverbrecher Netanjahu“. (m.e.)

    The Guardian comment on annhilation in Gaza: HERE