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  • Psychoakustika (2) – für Rosato

    Ich war ja fast noch ein Kind, vielleicht 15, 16, höchstens 17, und rührte mich nicht vom Fleck. Ich sehe das Zimmer im Notweg 11 noch vor mir, das Holzmobiliar, die Couch, das alte Radio. Es dauerte lange, bis mir diese Minuten, in den ich regungslos verharrte und mich daran erinnern musste, das Atmen nicht zu vergessen, wieder in den Sinn kamen. Viele Jahre später las ich eine Geschichte von Brian Eno, die mich zum Nachdenken brachte.

    Es war der Moment, in dem ihm die erste oder zweite Velvet Underground-Platte in die Hände fiel. Er hörte sie, und es haute ihn um. Man könnte auch sagen, er fiel in eine tiefe Trance. Diese ganz andere Sprache von Rockmusik. Diese Verweigerung der abgegrasten Themen, die Klangfarbe Schwarz. Was immer in seinem Kopf passierte beim Lauschen, es wären allenfalls einige interessante Gedanken herausgesprungen für sein Notizbuch – das Bedeutsame war die unmittelbare Wucht der Musik, etwas, das sich nicht auf ordentlich geschliffene Gedanken reduzieren lässt.

    Wie er später erzählte, habe er absichtlich dieses Album nie wieder gehört, um die Wucht des ersten Erlebens nicht zu mindern. So, und nur so, konnten die dunklen Lieder sich ganz tief einnisten, wie der Moment einer Liebe auf den ersten Blick, der nicht durch Wiederholung, Nostalgie oder den Verlust von „Nach-Erzählungen“ und „Zurück-Holen“ geschmählert wird.

    Und so erging es mir, als ich aus Versehen an einem Sonntag mitten im Sommer (wie kann man sowas Beiläufiges erinnern?) ein Radioprogramm mit Neuer Klassischer Musik hörte (WDR 3), mittendrin von einem Musikstück kalt erwischt wurde, von einem Komponisten, den ich nie zuvor gehört hatte. Ich war Kinks- und Beatlesfan, ich liebte alle vier Seiten von Soft Machines „Third“, und vielleicht hatte ich schon ein paar frühe ECM-Platten. Mit fehlte alles Vorwissen, als ich mitten in Steve Reichs „Drumming“ versetzt wurde. Ich war fast noch ein Kind, meine Ohren waren in diese 15, 20 Minuten gross wie Scheunentore – and „Drumming“ put a spell on me!

    Weder besorgte ich mir den Tonträger, noch machte ich mich schlau, was das denn nun für eine Musik war. Viele Jahre später traf ich Steve Reich zum Interview, „Music for 18 Musicians“ hatte uns alle begeistert, und wir „music lovers“ erfuhren bald, was es, an den Oberflächen, am modus operandi, an den musikästhetischen Hintergründen, mit „Drumming“ und Artverwandten auf sich hatte. Aber wie Brian bei den Velvets, scheute ich mich davor, irgendwann die CD aufzulegen, die immer noch irgendwo im Archiv rumliegt. Nie wieder könnte mich die Musik so kalt erwischen!

  • Psychoakustika (1)

    Diese Reihe, ganz gleich, ob sie umfänglich wird oder rasch versandet, beginnt möglichweise mit einem Fehler: ist das Wort „Psychoakustika“ korrekt so, nicht die Eigenwilligkeit interessiert mich, allein die Rechtschreibung. Es geht um unsere Erlebnisweisen von Musik. Der erste Teil widmet sich, in aller Kürze, dem Phänomen, dass man manche Musikalben mag, gut findet, ohne dass der letzte Funken überspringt – und dann tut er es doch, und wie! So ein Album ist für mich „Woodland Studios“ von Gillian Welch und David Rawlings (2024). Das die Musik richtig gut ist, spürte ich von Anfang an, aber erst jetzt hat sie mich so tief berührt, getroffen, dass mir bei drei Songs Tränen ihren Weg fanden. Und so höre ich gerade dieses Album wieder und wieder, lese die Texte, versinke in den Gesängen des Duos, ihrem Gitarrenspiel, den kleinen Ideen am Rande – und finde keinen einzigen „filler“, nichts, dass überflüssigerweise noch Teil des Ganzen geworden ist.

    „Ein Güterwagen täuscht das Auge. Auf seinen sich drehenden Rädern ist keine Ladung zu sehen, nur die Knochen einer Fracht, die den Himmel einrahmen, durchschossen von Blau. So beginnt das neue Album von Gillian Welch und David Rawlings: mit einem illusorischen Fenster zum Jenseits. „Empty Trainload of Sky“ ist eine akustische Rock’n’Roll-Miniatur, wie sie Welch und Rawlings auf ihrem Meisterwerk Time (the Revelator) aus dem Jahr 2001 perfektioniert und seither bewusst mit zwei Gitarren, zwei Stimmen, Spannung, Anmut und Entschlossenheit erweitert haben. Der Schwung dieses skelettartigen Mystery-Trains trägt Tradition und Unendlichkeit in sich. Ob er nun hohl oder voll ist, nichts oder alles enthält, er rast immer weiter vorwärts.“ (Jen Pelly, NPR)

    Es folgt: PA (2) – „Platten, die so grossartig sind, dass man sie nur einmal im Leben hören will // PA (3) – „ Warum Neil Youngs „Talking To The Trees“, das generell verrissen wird, in meinen Ohren ein verdammt gutes Album ist

  • Another Sunday Afternoon

    Another fine organ concert on the 1962 Rudolf von Beckerath Organ at this year’s Saint Paul Cathedral Organ Concert Series, the last concert of five. Amanda Plazek Bruce played works by

    Johann Sebastian Bach
    Peter Kolar
    Jean Langlais
    John Dixon
    Aaron Shows
    Dieterich Buxtehude
    Zsolt Gárdonyi
    Marcel Dupré.

    The concert got recorded and will hopefully be broadcast on Classical WQED-FM Pittsburgh — providing that this station will exist any longer. You might have heard that the funding of public radio and tv is no longer guaranteed.

  • Hass und Heat

    In Berliner Kinos laufen aktuell zwei Filmklassiker aus dem Jahr 1995. Das war wohl das Jahr, in dem sich mein Kinointeresse zu einem veritablen Berufswunsch formierte. La Haine (Hass) von Matthieu Kassowitz habe ich interessanterweise nie gesehen, ich meinte wohl immer (vermutlich durch die Berichterstattung bzw. Rezeption), das wäre ein Film, der sich als Epigone von Scorseses Siebziger-Jahre-Schaffen und dem damals mega angesagten Frühwerk von Scorsese-Schüler Tarantino geriert, zudem auch noch in Schwarzweiß (für mich lange Zeit in den meisten Fällen der Inbegriff des artsy selbstverliebten Autorenkinos) mit ein paar jungen Typen als Hauptfiguren, die beim Herumhängen in Paris infantile Machosprüche raushauen, Drogen konsumieren und mit Waffen hantieren, was mich alles einfach nie die Bohne interessierte, als Filmzuschauer auch nicht. Und was soll ich sagen, ich hatte drei Jahrzehnte lang genau das richtige Bild von dem Film. Natürlich hat er tolle Kameraarbeit, und die Musikauswahl macht auch Spaß… aber irgendwie berührt hat mich das ganze Ding dann doch nicht. Von dieser Art Herumhänger und Sprücheklopfer hab ich seither hier in Berlin eh mehr als genug jeden Tag. 

    Einen Tag später mal wieder Michael Manns Heat, der vor 30 Jahren sicherlich enorm einflussreich auf mein Verständnis von Kino war, und den ich alle zehn Jahre mit großer Begeisterung gesehen habe und jedes Mal noch besser fand, nun als neu restauriere digitale Fassung. Interessant, dass mich dieser Film nicht kalt lässt, schon damals als Jugendlichen nicht, geht es doch um zwei lebenserfahrene Männer nach Jahrzehnten im Beruf, die allem ein bisschen überdrüssig sind. (Und ja, mit Waffen hantieren.) Überhaupt ist Michael Mann ein ausgesprochener Männer(figuren)-Regisseur; in der Folge von Heat habe ich mich allen seinen Filmen eingehend gewidmet und seine Regiearbeit intensiv studiert, und immer wieder frage ich mich, ob das eigentlich so die einzigen Männerfilme sind, mit denen ich was anfangen kann. Offenbar schafft(e) Michael Mann es, weit darüber hinaus sehr vieles und und sehr tief zu erzählen, so dass man sich auch in diesen Filmen wiederfinden kann, wenn man nicht Meistergangster oder LAPD Detective ist. 

    Außerdem die grandiose, quasi dokumentarische Verwendung von zahlreichen unglamourösen Hinterhof-Drehorten in L.A. — was sollte mich das vor 30 Jahren interessieren… hat aber bei mir als BRD-Kind offenbar viel angesprochen, dieses aufmerksame, von aufrichtigem Interesse geprägte Erzählen eines „anderen“ Los Angeles. (Heute würde man sicherlich weit mehr Schwarze und „People of Color“ besetzen.) Und dann ist der Film natürlich von einer phänomenalen Regie und Filmsprache gezeichnet; das hat mich sicherlich geprägt, wie Michael Mann mit einer solchen souveränen Meisterschaft immer haargenau den richtigen Ton trifft, eine Leistung auf dem Höhepunkt seines Könnens — offenbar wie die beiden Hauptfiguren. 

    Wir haben den Film mit der Tochter angeschaut, die mit ihren 16 Jahren heute fast so alt ist wie ich damals. Auch ihr hat der Film sehr gut gefallen (bei La Haine hätte sie sich, jede Wette, gelangweilt). Witzigerweise hat sie anfangs die beiden Hauptfiguren verwechselt — für Menschen meiner Generation natürlich skurril, De Niro und Pacino zu verwechseln, aber in diesem konkreten Fall eigentlich in gewisser Weise auch wieder „richtig“.  

    Hätte ich vor 30 Jahren La Haine gesehen und nicht Heat, wäre mein Kinoverständnis und meine wären meine Vorlieben heute ganz andere?

  • Sweet nightmares are made of this (1982, remake)

    Der Kollege drehte sich eine Zigarette, er sass mir gegenüber in unserem Zwei-Mann-Büro. Zwei Psychologen, einer hatte Liebeskummer. Michael, um aus dieser Nummer raus zu kommen, flieg nach London, über Weihnachten, das ist doch deine Stadt. Du musst einfach ständig wach sein, saug Piccadilly auf, das tut richtig weh, aber gut, alleine, ganz alleine, saug die Einsamkeit auf. In vollen Zügen. Das hilft. Down to the bottom! Ja, sie ist bestimmt die schönste Frauen Regensburgs. Du warst ihr Ausbruch, sie hat die Reissleine gezogen.

    Die Würfel sind gefallen. Er hatte ja so recht. Ich wohnte noch immer am Ende der Welt, die Wölfe der Tschechei kamen manchmal über die Grenze, und ein Buch mit Kurzgeschichten von Richard Brautigan lag neben dem Bett. Ich fuhr von Bergeinöden nach Frankfurt und besorgte mir ein Flugticket nach London. So allein wollte ich auch nicht sein, und so kündigte ich meinem alten Würzburger Freund David Webster meinen Besuch an. Er freute sich darauf, mich wiederzusehen.

    In Frankfurt verweigerten sie mir die Einreise nach London. Ich landete in Büros, und musste sogar zu einem amerikanischen Konsulat, wieso musste ich auf das fucking amerikanische Konsulat? Ein Riesentheater, und ich war sauer, und zeigte das auch. Da klärte es sich, dass ich als Amerikareisender gebucht war, ohne Visum, alles war ein Missverständnis im Frankfurter Nieselregen. Lauter Sorrys und Entschuldigungen, und Lufthansa schenkte mir ein Ticket für die Business Class, mit Sekt und allem Drum und Dran für eine Dreiviertelstunde Flug in den Londoner Nebelregen.

    Heiligabend war ich bei den Websters eingeladen, bis dahin hatte ich zwei Tage: billige Absteigen, alte Cafes, und ich besorgte mir sofort ein Musikmagazin. Musik sollte Teil meiner Selbsttherapie sein. Ich liess mich in einem Pub nieder, erleichtert nach dem Tagesstress, der Kaktus auf der Ablage über mir geriet in Bewegung und plumpste dem Mann hinter mir in den Nacken. Ein Aufsschrei. Ich kümmerte mich sofort um ihn, zog ihm einzelne Stachel raus, ein paar Stellen waren blutig, aber er blieb freundlich. Der Pubbesitzer hatte sogar ein Desinfektionsmittel. Am Abend ging ich in den Marquee Club, um Jah Wobble & The Invaders of the Heart zu erleben.

    Jah Wobble hatte einen Trenchcoat an, der aussah, als wäre er den ganzen Tag durch den Londoner Dunkelregen gewandert. Man konnte hören, dass Jah Wobble nach der Zeit mit Public Image Ltd. noch viel mehr in die Welt des „elektrischen Miles“ eingetaucht war. Dunkel pulste sein Bass durch den Raum. Eine Trompete mit Wah-Wah-Pedal verschickte knappe telegraphische Notizen, der Drummer hämmerte wohltuende Monotonie. Da erkannte ich sie und taufte sie Healy. Du bist die Fremde, mit der ich diese Nacht erobern werde. Sie stand alleine an der Seite, und trug auch einen fucking beautiful Trenchcoat. Hoffentlich war sie kein Jah Wobble-Groupie. War sie nicht.

    Nach dem Konzert lud ich sie zu einem Drink ein, nachdem ich mich freundlich vorgestellt hatte. Why me, fragte sie mich, und ich sagte, your eyes. Sie hatte ein kleines Appartment in West Hampstead. Sie legte eine gemeinsame Lieblingsplatte auf, Chairs Missing von Wire, und dann schliefen wir miteinander. In dieser Nacht lösten sich die Bilder der schönsten Frau Regensburgs in den Umarmungen einer Wildfremden  auf. Wir kifften, lachten, und mochten einander – small talk with a beating heart.  Sie hatte kleine feste Brüste und einen extrem schlanken Körper, Londoner Regenblässe. Sexual Healing. Ein wenig.

    Ich wanderte den ganzen Tag durch Hampstead Heath, ich hörte spät am Abend John Peel im billigen Hotelzimmer (er spielte Musik von Howard Devotos Band  „Magazine“, ich weiss es noch genau, einen Song aus „Second Hand Daylight“, oder „The Correct Use of Soap“, wunderbar) und am nächsten Abend, Heiligabend, traf ich bei den Websters ein. Es gab Gans, Rotkohl, und Plumpudding. Es waren noch andere Gäste da. Ich hatte mir einen Infekt eingefangen, und später nachts 38.9 Grad Fieber. Ich schnupfte. David sagte: Michael, erzähl, wie war das Jahr? Wollt ihr das wirklich hören? Ja, Mann! Und ich erzählte die ganze Geschichte. Bis zu dem Augenblick, wo mein Kollege sich eine Zigarette drehte. In einer Fachklinik für Suchtabhängige. Ich ruinierte die Party mit dieser Story, leider. Obwohl ja alles so magisch anfing, mit einem Western mit James Stewart,  und dem berühmten Song der Gruppe Grauzone. Ich hätte gerne als Entschuldigung einen Weihnachtsbaum gestiftet. Für Mrs. Webster wurde ich zum roten Tuch.

    Das Allerschönste in diesen Tagen waren die Fahrten mit der Underground, besonders die Augenblicke, wenn man die letzte Treppe zum Tageslicht betrat. Immer wieder gerne: Piccadilly Circus, die bunten, flackernden Werbetafeln im Dauerregen. Ich kam mir vor wie in einer ungeschriebenen Geschichte von Richard Brautigan. Eine, in der  Duftkerzen Patchouli verströmen, die Kinks im Radio „Mr. Pleasant“ spielen, ein Hirschbraten mit Preiselbeerrahm serviert wird, und  ein paar Glückskekse am Tannenbaum hängen. 

  • Musik aus der Zukunft

    Am 19. März 2022 lief im Deutschlandfunk die dreistündige Sendung „Aus den Trümmern zu den Sternen. Eine lange Nacht über elektronische Musik aus Deutschland“, von Steffen Irlinger und Tom Noga. Ich habe meine Aufnahme neulich wiedergehört. Das Fazit der Sendung war, wie uns allen bekannt, dass die Impulse der elektronischen Musik aus Deutschland von Ende der 60er bis Mitte der 70er Jahre, aber auch darüber hinaus, in der Musikgeschichte bis heute nachwirkt und noch Jahrhunderte nachwirken wird.

    Am meisten begeistert an der Aufnahme hat mich ein Auszug aus dem Album, das für Tangerine Dream zum größten Erfolg wurde: Phaedra (1974). (Das Album würde ich auf die Liste der Musik aufnehmen, die zu meinem musikalischen Archetyp gehört, über den ich einmal in einem Text auf manafonistas schrieb.) Phaedra entstand aus Material, das beim Herumprobieren an einem neuen elektronischen Gerät in einem Londoner Studio aufgenommen wurde. Zum 50-jährigen Jubiläum erschien eine sechsteilige Box, mit Outtakes und anderem.

    Weitere ausgewählte in der Sendung an- oder ausgespielte Alben und Titel:

    Neu! (ohne Titel, 1972)

    Kraftwerk: Autobahn (1974): Langfassung von ca. 22 Minuten und Kurzfassung von ca. drei Minuten, zu der es kam, nachdem ein US-amerikanischer Musikmanager mit der Band Kontakt aufgenommen hatte. (Der Erfolg des Songs während der Tournee durch die USA hatte auch damit zu tun, dass die Worte „fahrn, fahrn, fahrn“ an den Song „Fun Fun Fun“ von The Beach Boys erinnerte.)

    Kraftwerk: Das Model

    Kraftwerk: Radio Activity

    (Bemerkenswert bei beiden Songs, dass sie inhaltlich keine angreifbare Position beziehen, sondern beliebig interpretierbar sind).

    Ash Ra Tempel: Ash Ra Tempel (1971)

    Ash Ra Tempel: Seven up (1973), mit Timothy Leary

    Manuel Göttsching: E2 – E4 (1984) (Wurde in den 90er Jahren von DJs gespielt und remixt)

    Harmonia: Tracks & Traces (1996 veröffentlicht, aber 20 Jahre früher aufgenommen, mit Brian Eno, Roedelius, Möbius und Michael Rother)

    Cluster & Eno (1977)

    Eno, Möbius, Rodelius: After The Heat (1978)

    David Bowie: In dem Track „Warszawa“ aus dem Album „Low“ (1977) ist der Einfluss der deutschen elektronischen Musik klar erkennbar. Bowie bezeichnete die während seiner Zeit in Berlin entwickelte Arbeitsweise als „Teil seiner DNA“.

    Tangerine Dream: Electronic Meditation (1971)

    Tangerine Dream: Alpha Centauri (1971)

    Tangerine Dream: Atem (1973)

    Klaus Schulze: Irrlicht (1971)

    Klaus Schulze: Cyborg (1973)

    Ich habe alle erwähnten Titel und Tracks mit Youtube verlinkt.

  • „Sowieso nur ein gefrorener Himmel“

    imagine a summer campfire feel, all
    along tracks of purity and wit, kind
    of naked, too. now imagine these songs
    being even more naked while
    rocking in quite nonchalant ways.
    as a last step, imagine a room with
    a flower, a shadow of the disappeared,
    and strum simple, strum, strum – the guitar. (m.e.)


    Manche halten ihn für einen Scharlatan, das ist auch schon Don Cherry passiert. Ich habe Jonathan Richman immer gemocht, aber erst seit einihej Jahren intensiver gehört – und sein neues Album spricht mir mit Charme, Witz und Wehmut aus der Seele. Ich habe das Album gestern auf dem staureichen Autobahnen zwischen Dortmund, Düsseldorf und Aachen herum auf bandcamp rauf und runter gehört. Die Lp und Cd-Versionen aus den USA sind schwer zu bekommen und teuer. Ein paar Zeilen aus Pitchfork: „Though he doesn’t dwell on the subject, death is the thread that ties together Only Frozen Sky Anyway. He admits as much in the record’s brief liner notes, writing of the deceptively lively “Se Va Pa’volver” that it represents a theme that took shape during the album’s recording sessions this past January: “The song is about how our friends are leaving, in their dying, on an errand, only to return. In another role. With another mission.” Nun, ich teile nicht „message“, aber die Fantasie!

    (Neben „Modern Lovers 88“ habe ich nun also ein weiteres Lieblingsalbum von Jonathan gefunden – im folgenden zu lesen, ein paar ältere Texte aus dem alten Blog, zu „Modern Lovers 88“, von unserem einstigen Gefährten Bob T. Bright (2013), sowie Mark Smotroff (2018) – und von meiner Wenigkeit, das kleine hemdsärmelige Gedicht ganz oben.)

    „In other words: Although I knew Jonathan Richman and the Modern Lovers through Roadrunner, Ice Cream Man and Egyptian Reggae, which I heard around the time of the first punk explosion, for some reason I never really listened to him very closely which is quite a long time to allow such a treasure to escape from your life … meanwhile I find myself more and more captivated by his enchanting music. What I find so great about him: Jonathan’s music is small and homespun in its sound and in its lyrical interest and yet manages to seem limitless in the possibilities it suggests of its possible meaning.“

    „Whether he is writing about being a mosquito or about honey bees or parachute jumpers, about the joys of driving along a New England freeway or dancing in a lesbian bar; however small or parochial the nature of his concerns, the expansive nature of the joy that the lyrics give rise to in the listener and the vibrancy and ebullience of the music are such that any one of his songs could charge you with sufficient energy to still have room to counter the next wave of misery that is an inherent part of the human condition, but which he manages to somehow dissipate through his songwriting.“

    „Although there are so many of his songs that are great, I particularly love ‚Twilight in Boston‚ because it expresses the joy of the mundane – of the prosaic, with precisely the deftness of touch that avoids slipping into the mawkish (of course, this is subjective). It happens to refer to Boston, but this could be an experience that anyone could have, anywhere in the world – at any time. It’s sung with that gleeful sense that enjoyment comes from the here and now, from the smallness of things, which at the same time are connected to something greater.“

    Nachdem ich diese Texte zusammenstellte, merkte ich, welche Lust ich mal wieder verspürte, „Modern Lovers 88“ zu lauschen – ich stiess auf die Wiederveröffentlichung „zum Dreissigjährigen“ dank Marks Besprechung – aber sie hatte sich irgendwo in meinem Archiv versteckt. Nach zehn Minuten hatte ich sie ausfindig gemacht und laufen lassen, von der ersten bis zur letzten Rille. Wunderbar! Manchmal altert auch die Begeisterung für Dinge, warum auch immer, in diesem Falle erfüllte mich das Hören mit purer Freude. Die Sache mit Jonathan lässt sich nicht runterbrechen auf das ewige Kind im Manne, oder eine bewährte Regression im Dienste des Ichs. Sie geht um einiges tiefer, selbst da, wo ein Hetero in einer Lesbenbar singt.

  • Joe und Jan


    JOE MEEK
    Ein Portrait von Jan Reetze

    Hardcover, 312 Seiten

    Pop, Beat, Rock’n’Roll, Sound-Experimente: Die Geschichte des innovativsten Hitmachers der Sechziger Jahre.

    Die erste Joe-Meek-Biografie in deutscher Sprache erscheint im September 2025. 

  • “Luminal“ & „Lateral“

    „Lieben oder hassen?! Ich liebe die Musik von David Sylvian. Einige seiner Songs sind für mich zeitlose Klassiker. Mit Melanie Dalibert ist es allerdings ganz anders, die Musik überlebt bei mir keine Minuten.  Wenn ich lese, was David Sylvian über seine Zusammenarbeit mit Melanie schreibt, ist meine Reaktion: Wieso höre ich das nicht? Bin ich zu sehr mit dem Virus Jazz infiziert, um von dieser Musik noch erreicht zu werden? Übrigens geht es mir mit Brian Eno und seiner Musik der letzten Jahre genauso. Dafür muss ich wohl im Seniorenheim leben.“ (radiohoerer henry)


    Flowworker: ***** („Luminal“) & **** („Lateral“)

    Warum ich noch nicht über das Büchlein „What Art Does“ von Brian Eno und Bette A. geschrieben habe, ist rasch erzählt: ich bin allzu vertraut mit all den Gedanken über Kunst, Feelings, Surrender, Play, etc. die Brian in dieser „unfinished theory“ ausbreitet, nach seinem Anspruch so verständlich, dass es auch nicht auf den Kopf gefallene Teenager verstehen können, und herrlich bunt bebildert ist es zudem! Wäre ich Kunstlehrer, wäre das Stammlektüre in meinen Klassen. Ab und zu schmökere ich mit Vergnügen in dem Bändchen. 

    Viel lieber aber begegne ich der Kunst ohne Metaebene, lasse die Feelings durch mich hindurch strömen und rauschen, wenn ich „Luminal“ oder „Lateral“ auflege, Brian Enos famose neuen Alben mit Beatie Wolfe, und erlebe da, ungefiltert, Surrender, Play, etc., in allen Schattierungen zwischen dem Unerhörten und dem Unheimlichen, zwischen dem Fest und den Erschütterungen des Lebens. Denn all das dringt hier durch, und viel zu fesselnd, in diesen Wochen, um kluge Worte darüber verlieren zu wollen. 

    Das Erlebnis der Tiefe spielt sich stets im Zwischenraum von Sender und Empfänger ab, und hier, bei den elf Songs von „Luminal“ etwa, bringe ich es schlicht und ergreifend so auf den Punkt, dass mein mutmassliches Songalbum des Jahres 2025 mich so tief erwischt, berührt, umfängt, umgarnt, verführt, auf gut deutsch „haunted“, dass es seinen Platz findet neben meinen Songalben der letzten beiden Jahre von Beth Gibbons und P.J. Harvey. „Luminal“ ist ein Album, das Tore öffnet, tief taucht und, mich jedenfalls, auf seltsam diskrete Weise, mitreißt!

    P.S. I never got an interview in the years of „virtual conversations“ (the artist in an empty room (no „Zoom“, no „phoner“) that was technically so perfect (the icing on the cake). And her answers: interesting from start to end and „to the point“! You can listen to her solo talk from Brian Eno’s studio in Notting Hill until the end of September HERE!

  • „Openness Trio“ und „Chicago Waves“

    Ich blätterte durch Seiten, in denen ein Fan des Labels Blue Note in alten Zeiten schwelgte und fachkundig viele Klassiker in Kurzkritiken umkreiste. In späteren Jahren kamen da nicht mehr so viele Alben zusammen, eine neue Generation, neue Besitzer, die Helden starben, usw. Natürlich gab es immer wieder Werke, seit den Neunzigern, die etwas Besonderes waren, ob von Cassandra Wilson, Madlips „Shades of Blue“, und was uns da noch in den Sinn kommen mag.

    Wenn ich fünf Alben des Labels hernehmen sollte, aus der Zeit zwischen 1990 und 2025, als „my blue note favorites of new times“, „Openness Trio“ wäre dabei, von Nate Mercereau, Josh Johnson, und Carlos Niño: von der Ästhetik bis zum Cover eigentlich zu einhundert Prozent der Welt von „International Anthem“ „entlehnt“. Das Album entstand, auch eher typisch für IAR, meist in freier Natur, einmal nahm man unter einem mexikanischen Pfefferbaum Platz.

    Solche Naturklanginspirationen deuten, wie die ersten Saxofonsekunden des Albums, auf ECM und Jan Garbarek – und ansonsten: Freier Jazz, Psychedelik (immer ein Ausdruck bei verschwimmenden Sounds – mit Carlos Niño kann man gut über „magic mushrooms“ reden), Ambient Music (aber hinhören, bewusst, sollte man schon) – ich lasse die Floskeln ruhen, nur dies noch: das Album ist ziemlich unbeschreiblich! Und hat einen festen Platz in meinem Jahresrückblick!

    Wie, in den „archival recordings“ die Langspielplatte „Chicago Waves“, die Neuauflage eines Livemitschnitts des Duos Miguel Atwood-Ferguson / Carlos Niño aus dem Jahre 2018. International Anthem! Strukturell als völlig freie Improvisation angelegt („zwischen Ashram, Free Jazz und Ambient“, merkte ich in den JazzFacts mit einem Schmunzeln an), ist es in mancher Hinsicht ein enger Verwandter des „Openness Trio“, und Miguel gab als Inspirationen das Blau des Lake Michigan an, Jon Hassell, und einen Free Jazz Violinisten, der einst auf Impulse Records ein paar Platten veröffentlichte, Michael White.