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  • Reise nach Bonn

    (Text vom 1. Februar)

    Der „heilige Gral“. Das ist einer dieser Ausdrücke, die sich in den Musikjournalismus eingeschlichen haben, wenn man von der Höhepunkt eines Lebenswerkes spricht, manchmal ist das „common sense“, manchmal Geheimtip. Ich biete nun den „heiligen Gral“ von Hans Joachim Roedelius an, für 300 Euro. Ich verkaufe dieses „Opus magnum“ (noch so ein beliebter, etwas zu oft verwendeter Ausdruck) nur an Leute, die eine enge Beziehung zur Musik von Roedelius haben. Bei Discogs findet sich derzeit noch ein Exemplar für 200 Euro, ansonsten beläuft sich der Handelswert bis 400, 500 Euro aufwärts.


    Zu meinem Verkaufsservice kommt aber etwas hinzu: ich bringe diese Schatzkiste mit drei Lps (und den beiliegenden Cds derselben Musik persönlich vorbei (mit meinem Toyota erreiche ich jeden Ort in Deutschland von NRW aus innerhalb von acht Stunden) incl. einer kostenfreie Übernachtung in einem Gästezimmer und einem gemeinsamen Abendessen (in einem Restaurant Ihrer Wahl, oder zuhause). Als besondere „Dienstleistung“ biete ich einen langen Abend voller Musikgespräche an, die natürlich stets weit über Musik hinausführen können.

    Bei dieser lang vergriffenenen, numerierten Sonderedition handelt es sich un einen umfassenden Einblick in die Tonskizzen, Miniaturen, Improvisationen von HJR, die an jenem legendären Ort in Forst, Niedersachsen, entstanden sind, als Moebius, Roedelius und Rother zusammenarbeiteten und als Harmonia spannende Alben in die Welt setzten, ganz zu schweigen von frühen Werken von Cluster sowie Cluster & Eno. Natürlich handelt es sich bei diesem Boxset nicht um das beste Album seines Lebens, vielmehr um einen spannenden Einblick in das Entwickeln von Klangideen, welche später im Studio in Weilerswist, aber auch in Forst letzte Gestalt annahmen.

    Insofern ist „Tape Archives“, wenngleich kein „heiliger Gral“, kein „opus magnum“, so doch eins rundum interessantes, hervorragend gestaltetes Dokument, das eine ganz eigentümliche Sogkraft entfaltet, und das ich allein deshalb zum Verkauf anbiete, weil ich es damals, nach meinem „open air-Seminar“ über Eno, Cluster und Harmonia vor Ort, also in der Nähe von Forst, von zwei (!) TeilnehmerInnen geschenkt bekam. HIER mein damaliger Einladungstext!

    (Text vom 1. März)

    Der heilige Gral wird heute in Bonn übergeben. Unterweges höre ich SUSHI / ROTHI / REIBEKUCHEN, das feinsinnig-funkige, aber keineswegs weltbewegende Jamming von Brian Eno, Holger Czukay und Peter Schwalm vom August 1998 – ich war damals vor Ort dabei, einen Tag nach meinem „public talk“ mit Brian. Gut zwei Jahrzehnte später tauchte Bonn in einer Songzeile von Enos „Foreverandevernomore“ auf. Der Schatten der alten BRD.

    (Michael Engelbrecht)

  • Approved by Sidd Hartha

    „Das von Jamie Hewlett gestaltete Cover zeigt die vier Bandfiguren auf einem Berg über den Wolken – ein Bild für Übergang und Perspektive. Neue Technologien wie Künstliche Intelligenz sieht Hewlett zwar als mögliches Werkzeug, betont aber die Grenzen: Kunst brauche eine persönliche Handschrift, sonst könne man sich „nicht in sie verlieben“.“

    „Es ist 25 Jahre her, seit Gorillaz ihr gleichnamiges Debütalbum veröffentlicht haben. Ein Projekt, von dem man vernünftigerweise annehmen konnte, dass es sich um einen einmaligen Scherz eines Britpop-Stars handelte, hat stattdessen ein Vierteljahrhundert überdauert – lange genug, damit Damon Albarns und Jamie Hewletts Konzept einer „virtuellen Gruppe” weniger wie ein bissiger Witz auf Kosten der Popindustrie wirkt, sondern seltsamerweise wie etwas Alltägliches: Ihre neueste Veröffentlichung erscheint in einer Welt, in der die Cartoon-K-Pop-Bands Huntr/x und Saja Boys zusammen bereits 100 Wochen in den britischen Single-Charts verbracht haben, in der die Anime-„Vocaloid” Hatsune Miku in der O2 Arena auftritt und in der der gefeierte Produzent Timbaland eine KI-generierte Sängerin namens Tata Taktumi auf den Markt gebracht hat. Mittlerweile umfasst das Werk von Gorillaz neun Alben, an denen etwa 100 Gastkünstler mitgewirkt haben; sie sind das Bindeglied zwischen Carly Simon und Shaun Ryder, Skepta und Lou Reed sowie Bad Bunny und Mark E Smith.“ (Alex Petridis über „The Mountain“ in „The Guardian“)

  • Dream Theory in Malay

    In der zweiten Hälfte der 90er habe ich damit angefangen, ein Traumtagebuch zu führen. Ich hatte auf einer Reise durch Irland mit dem Wohnmobil ein paar dunkelgelbe Notizhefte gekauft und schrieb „Traumfetzen“ auf die Vorderseite. Eben habe ich in diesen Heften geblättert. Damals erinnerte ich mich teilweise an vollständige Traumgeschichten. Was ich las, ist faszinierend archaisch und voller Gewalt. Es hatte viel mit meinem damaligen Leben zu tun, und es ging weit darüber hinaus. Jahrzehnte später würde ich sagen, dass die Äußerungen aus meinen Träumen aus einer Sphäre kommen, die transpersonal ist und wahrscheinlich damit verknüpft sind, was C.G. Jung als das „Selbst“ bezeichnet hat. Ich fand es damals anstrengend, Erinnerungen an Träume zu notieren und auch noch darüber nachzudenken, was sie bedeuten könnten. Ich hörte nach einigen Monaten auch damit auf, und fing acht Jahre später wieder damit an. Auch damals blieb ich nicht dauerhaft dabei. Für die Fortsetzung meiner Notizen habe ich eine Datei im Notebook angelegt. Auch wenn direkt nach dem Aufwachen hanschriftliche Notizen empfohlen werden, ist die Datei für mich der Gamechanger; dank eines Kurses zu Studienbeginn tippe ich ziemlich schnell. Ich weiß inzwischen auch, dass es darum geht, auf Gefühle und Stimmungen im Traum zu achten, ich habe einen Blick für Details und meine Traumdatei hat inzwischen einen gewissen Umfang. Zusammenhänge, an die ich mich direkt nach dem Aufwachen erinnere, vergesse ich zwar schnell, aber was länger hängenbleibt, sind konkrete einzelne Bilder. Einmal, neulich erst, tauchte ganz plötzlich die japanische Nationalflagge auf. Vor Monaten versuchte ich im Traum, ein vollständiges, großes, menschliches Skelett die Toilette herunter zu spülen, und, obwohl mich jemand dabei unterstützte, hatte mein Bemühen keinen Erfolg.

    Natürlich war ich fasziniert von dem Absatz, der sich auf der Rückseite des Plattencovers von Jon Hassells „Dream Theory in Malaya“ findet:

    Dream Theory in Malaya is titled after a paper by visionary anthropologist, Kilton Stewart, who in 1935 visited a remarkable highland tribe of Malaysian aborigines, the Senoi, whose happiness and well-being were linked to their morning custom of family dream-telling—where a child’s fearful dream of falling was praised as a gift to learn to fly the next night and where a dream-song or dance was taught to a neighboring tribe to create a common bond beyond differences of custom.

    Einen Bericht über seine Erfahrungen mit den Senoi hat Kilton Stewart in dem von Charles T. Tart herausgegebenen Buch „Altered States of Conscoiusness“ (1969) veröffentlicht. Es etablierte sich die Vorstellung eines Naturvolkes, das sich jeden Morgen in Gruppen zusammensetzt, einander die Träume der Nacht erzählt und sich gemeinsam damit beschäftigt. Dieses Ritual soll mit der Gewaltlosigkeit des Volkes im Zusammenhang stehen. Der Essay von Kilton Stewart „Dream Theory in Malaya“ findet sich hier. Kilton Stewart hatte die Senoi nicht selbst entdeckt, sondern zunächst seinen britischen Kollegen Pat Noon begleitet, der eine Senoi-Frau geheiratet hatte und plötzlich spurlos verschwand, bis er ermordet aufgefunden wurde, mehr dazu hier.

    Nun las ich in einem Essay von Charles T. Tart in dem faszinierenden Vortrags-Sammelband „Wir wissen mehr als unser Gehirn“, Kilton Stewarts Bericht über die Senoi sei nicht als echte ethnologische Studie zu verstehen, und dann steht da der ernüchternde Satz: „Es hat nie Menschen gegeben, die all diese Dinge wirklich getan haben.“ Belegt wird dies mit einem Buch (1985) und einem Aufsatz (1991) von G.W. Domhoff. Jon Hassells Album „Dream Theory in Malaya“ kam im Jahr 1981 in die Plattenläden. Jon Hassel war doch vor Ort und ich dachte, er hätte einige Zeit mit den Senoi verbracht und in meiner Vorstellung hatte er sogar am morgendlichen Zusammensitzen und den Gesprächen über Träume teilgenommen. Nach dem, was ich als Ernüchtung erlebte, fährt Charles T. Tart fort: „Und dennoch hat dies seine `Wahrheit´ insofern, als es funktioniert, wenn man solche Dinge glaubt und sie ausprobiert.“ Jon Hassell hatte daran geglaubt. Mich hat der Gedanke der gemeinschaftlichen morgendlichen Traumbesprechung als Ritual so fasziniert, dass ich ihn in eines meiner im Blocksatz gesetzten Gedichte in meinem Band „Häuser, komplett aus Licht“ eingebaut und auch als respektvollen Hinweis auf das Hassell-Album den fiktiven Ort „Malay“ eingebracht habe: „Ein Langzeitseminar zur Traumtheorie in Malay. Morgens saßen wir im Patio, alle im Stuhlkreis, und lasen einander unsere während der Nacht dahingekritzelten Notizen vor. Es gibt kein Geheimnis.“ Diese Sätze skizzieren, wie vieles in meinen Gedichten, eine Art feinstoffliche Parallelwelt zu dem, was Charles T. Tart unser Konsens-Bewusstsein nennt. Ein imaginärer Raum wird erzeugt, und niemand weiß, ob und wo es ihn gibt.

  • Paul McCandless Live at Kimballs East 1992

    I attended this concert back in 1992. It was an amazing evening. The lineup says it all: Paul McCandless -reeds, Lyle Mays – piano, Steve Rodby – bass, Mark Walker – drums, and Fred Simon – keyboards.

    The album they were touring was Premonition, one of McCandless’s best. It was a night which has always stayed in memory, but I honestly never thought I’d get to hear a recording of it, much less 34 years later. Here’s the promo material which gives some background on how this came about:

    For more than half a century, multi-instrumentalist Paul McCandlesshas been a singular force in creative music, thrilling audiences with a career that bridges jazz, classical, and global traditions. His journey began in the late 1960s with saxophonist and world music pioneer Paul Winter in the groundbreaking Winter Consort, followed in the early 1970s by the formation of the influential chamber jazz quartet Oregon. By the early 1980s, McCandless was also a key voice in Jaco Pastorius’ legendary Word of Mouth big band, further cementing his place in modern jazz history.

    McCandless emerged as a bandleader in 1979 with All the Mornings Bring on Elektra, then joined forces with pianist Art Lande and vibraphonist Dave Samuels for the striking ECM release Skylight in 1981. That same year he released Navigator on the Landslide label, continuing to expand his compositional voice. Two major projects followed on Windham HillHearsay (1988) and Premonition (1992), the latter produced by bassist Steve Rodby and featuring an extraordinary lineup of Lyle Mays on piano, Fred Simon on keyboards, and Mark Walker on drums.

    That ensemble took to the stage for nine concerts in the summer of 1992, beginning on July 4 at the Montreal Jazz Festival and continuing with a three-night stand from August 21 to 23 at Kimball’s East in the San Francisco Bay Area. One of those performances was quietly captured on a DAT cassette and placed into McCandless’ private archive, where it remained unheard for decades. The tape resurfaced only recently, discovered by co-producer Jon Krosnick while helping McCandless organize material for his website. As Krosnick recalls, after finding a poorly labeled cassette tucked away in a small storage room, he took it home, pressed play, and instantly knew its importance. “We have to release this,” he thought.

    Now, thanks to the meticulous sound engineering of Steve Rodby and Dan Feiszli—employing state-of-the-art, AI-assisted mixing technology—that long-forgotten recording has been transformed into Live at Kimball’s East, a professional and vivid document of a band at its creative peak. The release captures the group’s extraordinary onstage chemistry and restores a moment in time that might otherwise have been lost.

    For Rodby, the project is deeply personal. Revisiting the music also means revisiting memories, especially of pianist Lyle Mays, whose passing in 2020 left a profound void in the jazz world. A founding member of the Pat Metheny Group and Metheny’s longtime songwriting partner, Mays shared a special musical bond with McCandless—one already evident on Premonition and even more striking on these live performances. On Live at Kimball’s East, that connection unfolds with added intensity and emotional depth, making the release both a celebration and a poignant tribute.

    Live at Kimball’s East stands as a rare and powerful addition to Paul McCandless’ remarkable legacy: a rediscovered chapter that reminds us how enduring, and how alive, this music continues to be.

    Note that the album is available for preorder and will be released on February 27th (My birthday!) I got to hear a bit of it and it sounds really good.

  • Am Sonntagnachmittag an den Meerespools

    Heute ist Bilderbuchwetter: wolkenloser blauer Himmel, ruhiges glitzerndes Meer, 28 Grad in der Luft, 20 Grad im Meer. Ich höre eine deutsche Frauenstimme sagen: hier ist es wie in einem Wellnesshotel, und alles eintrittsfrei. Ein Badegast fragt sie, was nimmst du mit von hier, wenn du wieder nach Deutschland zurückkehrst? Mojos verde und rosso, das gibt es nicht bei uns. Der Mann sagt, ich bin hier, um leer zu werden, ich will mit den Regenwürmern kommunizieren. Die Frau lacht. Wie kommst du denn da drauf?

    Ich sehe, dass er ein Buch von Byung Chul Han auf seinem Handtuch liegen hat. Ich kann den Titel nicht lesen. Das Cover zeigt einen grünen Fichtenhain, das Buch kenne ich noch nicht. Ich beschliesse, abzuwarten, bis die beiden ins Wasser gehen. Das letzte Buch, das ich von Han gelesen habe, ging über Hoffnung, davor das über seinen Garten. Sie gehen schwimmen. ich drehe das Buch so zurecht, damit ich den Titel erkennen kann. Ich erhasche nur Simone Weil. Sie nähern sich schon wieder, war ihnen wohl zu kalt im Atlantik. Als Studentin hatte ich ein Foto von Simone Weil auf meinem Schreibtisch stehen und ihre Cahiers lagen darunter. Ich frage den Mann, ob ich mal kurz in sein Buch sehen darf, er sagt, na klar. Es ist ein Buch über Gott, es ist ein Gespräch zwischen Byung und Simone über ihre Gedanken . Ob er schon darin gelesen hat, frage ich ihn. Er strahlt mich an: genau das richtige Buch für diese Insel: Stille, Leere, mit Gott und der Natur sprechen lernen. Ich sage nichts. Ich denke an die Torturen, die sich diese Philosophin auferlegt hat. (L.N.)

  • ECM 2844 – Meditation und Tanz

    Wer einmal in dieser Musik angekommen ist, spürt wahrscheinlich, wie perfekt das Cover gewählt ist! Ich hatte über Wochen dermassen intensiv Steve Tibbetts‘ ECM-Alben für das Radioportrait gehört, dass kaum Raum war für anderes.

    So blieb meine erste Begegnung mit dem zweiten Soloalbum von Björn Meyer erstmal oberflächlich. Aller Ehren wert, fein, fein, sehr schön. So ratterten die üblichen Reflexe, ein Brimborium von Flüchtigkeiten. Das änderte sich gestern, als ich mich ganz auf dieses Album einliess, eingespielt mit seiner elektrischen Bassgitarre und diversen „treatments“.

    Was für eine gelassene, gelegentlich unheimliche Tiefe! Etwas Dunkles strömt in den Raum, wirft Schatten ins Lichterfüllte. Meditation und Tanz zugleich.

    Mir kam zudem ein Sinn in den Sinn, für den Titel „Convergence“. Josef Engels beschliesst seine Besprechung in „Rondo“ so: „Convergence“ ist kein Blockbuster mit Explosionen und Muskelspiel, sondern feines Autorenkino mit Tiefenwirkung!