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Let The Power Fall (eine Lieblingsplatte)

Dieser Raum sieht so aseptisch aus, aber er ist eine Höhle mit schönem Durcheinander, eine Zeitmaschine. Im April 1981 kam Robert Fripps Soloalbum „Let The Power Fall“ zu mir nach Hause, nach Bergeinöden im Nördlichen Bayerischen Wald. Ich erinnere mich an eine Fünf Sterne Besprechung im Downbeat damals. Wenn man bedenkt, welch komplexe Horizonte Fripp mit King Crimson eröffnet hat, waren seine „Frippertronics“ eine offensichtliche Gegenwelt dazu, asketisch, down to the bone, und zugleich enorm reichhaltig.Erst im Vorjahr hatte ich ihn ein, zwei gute Stunden entfernt, in einer ehemaligen Pferdescheune, im To Act in Weissenohe in der Fränkischen Schweiz live erlebt, mit seiner kurzlebigen wie tollkühnen „League Of Gentlemen“, und ein Jahr später, in the wild summer of 1982, gleich ein weiteres Mal mit dem neu aufgestellten Crimson Quartett und den Zauberern Belew, Bruford, Levin an seiner Seite, in Nürnberg, open air 30000 Seelen im weiten Rund.
Nur ein Album voller „Frippertronics“ habe ich vielleicht öfter gehört, Roberts zweites Teamwork mit Brian Eno, „Evening Star“, da aber nur die Seite 1. interessanterweise hat mich die harsche Rückseite namens „Index Of Metals“ stets kalt gelassen, anders als die traumhaften zwei Grosskompositionen ihres Erstlings „No Pussyfooting“, welches Manfred Sack einst in der „Zeit“ verriss als, simngemäss, grob-psychedelischen, womöglich drogenbegleiteten Abklatsch von „minimal music“. Bis heute kehre ich zu all diesen Alben zurück, „Let The Power Fall“ in der Surroundfassung ist atemraubend, auch der Nachfolger „God Save The Queen / Under Heavy Manners“ brilliert durchweg, mit einer Seite „Discotronics“ der erhabenen Art. Diese Werke haben sich nie ganz preisgegeben. Ich sinke dahin. (michael engelbrecht)

„More Frippers“:
- „updated and very frippery: an interview with waterfall noises & the tow Michaels“
- “exposures – die öffnung einer schatzkiste“
- “sheltering skies“
- “a master documentary“
P.S. In regards to the „waterfall interview“: Robert Fripp is interviewed by Michael Engelbrecht and Michael Frank in the lobby of a hotel in Cologne, Germany. The sound of an indoor fountain nearby obscures the questions being asked so the topics being discussed are listed below. „ME“ and „MF“ indicate who asks the questions. Stating the obvious I’d nevertheless like to point out that this interview is a snapshot of Robert Fripp in 1998. A lot has happened since then, e.g. further incarnations of the band King Crimson and Toyah and Robert’s Sunday Lunch on youtube. Robert Fripp’s answers made this interview a truly remarkable encounter for both my colleague and friend Michael Engelbrecht and me. We would like to thank him again for his time, insights and music. Thank you also to my friend, band colleague and sometime member of Guitar Craft Michael Peters who helped me to prepare for this interview. (Michael Frank)
Fiona Shepherd über das neue Album von Iron and Wine
Viele Künstler wurden durch den Verlust von Arbeit, Einkommen und Sinnhaftigkeit, den die Covid-Pandemie mit sich brachte, zutiefst erschüttert. Für Sam Beam war die Auswirkung lähmend. Da er nichts schreiben konnte, was nicht vom Schatten des Lockdowns überschattet war, zog er sich zurück und genoss stattdessen die kostbare Zeit mit seiner Familie.
Der Damm brach 2022, als er in Memphis „Lori“ aufnahm, eine EP mit Coverversionen von Lori McKenna. Beams eigenes Songwriting nahm daraufhin eine spielerische, ja sogar leichtfertige Wendung, und Musik machte wieder Spaß. Er betitelte sein Comeback-Album von 2024 „Light Verse“ wegen seiner „Nimm’s locker“-Qualitäten.
Sein Folge- und Begleitalbum „Hen’s Teeth“ fängt etwas Seltenes und Kostbares ein: einen üppigen Geist, der sich nicht allzu sehr anstrengen muss, um den Zuhörer zu verführen. Und das Verschwenderische hat Substanz. Beide Alben wurden zeitgleich in Dave Ways privatem Studio in Laurel Canyon mit einer Gruppe von Musikern aus Los Angeles aufgenommen, die Beam als seine „Traumband“ bezeichnet, darunter der exezellwnte Gitarrist David Garza.
Sam Beam begeisterte sich in jener Zeit einmal mehr für „Astral Weeks“ und ließ sich von dessen berauschendem Stilmix inspirieren. Kurz gesagt: Beam verstand etwas von Jazz. Er hatte bereits zuvor mit Jazzmusikern zusammengearbeitet, etwa 2007 bei der politischen Parabel „Shepherd’s Dog“ und dem entspannten „Ghost On Ghost“ – subtile Abweicher in einem Werkverzeichnis, das den Lo-Fi-Folk, auf dem Iron & Wine gegründet wurden, die ausgefeilteren Pop-Arrangements von „Kiss Each Other Clean“ und die Rückkehr zum weder brutalen noch epischen „Beast Epic“ umfasst.
„Light Verse“ war ein weiterer sanfter Überraschungszug, der mit dem luxuriösen Balsam von „Taken By Surprise“ und den John-Martyn-artigen Melodien von „Tears That Don’t Matter“ den Weg zu „Hen’s Teeth“ wies; doch erst auf „Hen’s Teeth“ nutzt Beam wirklich die Möglichkeiten, einfache Songs intuitiven Musikern in den Schoß zu legen und sich an dem zu erfreuen, was dabei entsteht.
Der Opener „Roses“ beginnt mit einfachen Akkorden und Beams einladender Stimme, die leicht rau, zitternd und in ihrer Phrasierung fast gesprächig wirkt, bevor sich der schrille Klang der Gitarre, sanftes Schlagzeugspiel und subtile Taktwechsel darüberlegen und so eine immersive Klangwelt erschaffen. Das Arrangement bewegt sich mit dem Text von sanfter Selbstbeobachtung hin zu einem eher beunruhigenden Klangwirbel und mündet schließlich in mitreißendes, symphonisches Country-Terrain.
In „Paper And Stone“ reduziert Beam alles auf das Wesentliche, gräbt in Erinnerungen, philosophiert vage („say who we are“) und assoziiert frei über beruhigender Gitarre und einsamer, spiralförmiger Violine. Bei „Robin’s Egg“ bleibt er in der Natur, wo die starke Verbindung zu Laurel Canyon durch den Hintergrundgesang von I’m With Her noch verstärkt wird, die das Geschehen mit gefühlvoller Schärfe aufwerten, bevor sie in einen verträumten Refrain übergehen und sich dort ausbreiten, wohin die Binnenreime – von „namby pamby“ bis „loosey goosey“ – sie führen. Ihr anderer Beitrag, „Wait Up“, lässt vermuten, dass diese Stimmen verschreibungspflichtig sein müssten.
In dem bezaubernden „Singing Saw“ greift Beam auf sein gefühlvolles Falsett zurück; der Song entfaltet sich wie eine von David Crosbys psychedelischen Fantasien, angereichert durch dramatische Einstiche durchdringender Violinen und stöhnender Bässe, während Beams älteste Tochter Arden für die duftende stimmliche Ausgewogenheit sorgt. „Grace Notes“ besticht durch enge Vater-Tochter-Harmonien, begleitet von einer Solovioline, dem Trillern einer Mandoline und einem unerwarteten Lounge-artigen Klavier sowie einem Western-Swing-Streicherbreak.
Der luftige 70er-Jahre-Country-Rock von „In Your Ocean“ klingt in dieser Zusammenstellung zwar geradlinig, doch es gibt nie einen schlechten Zeitpunkt, sich in den massierten Gesängen und subtilen Hammond-Licks zu verlieren. Extrovertierter wird das Album an keiner anderen Stelle, doch der zarte Gesang, die Jazz-Basslinie und die durch und durch an Nick Drake erinnernde Träumerei von „Dates And Dead People“ üben ihre eigene Anziehungskraft aus, während sich der Song zu einem anschwellenden, perkussiven Walzer steigert.
Das wohl fesselndste Beispiel für Beams musikalische Befreiung ist „Defiance, Ohio“. Vergessen Sie den Mittleren Westen – dieser Track gehört mit seinem unbeschwerten Pfeifen, der funkelnden Kalimba, der zarten Gitarre und den cineastischen Streichern an einen brasilianischen Strand. Nachdem er so süß in den Gewässern der Tropicália gepaddelt ist, ist es kein Wunder, dass Beam am Ende von „Hen’s Teeth“ so glückselig und zufrieden klingt und im letzten Stück „Half Measures“ mit sich selbst im harmonischen, trägen Country-Rhythmus verschmilzt.
Die Verweigerung des amerikanischen Traums (Teil 5): (k)night moves

„Die heiße Spur“, so lautet der Titel des Films in deutscher Übersetzung und ist damit weit entfernt von der Raffinesse des Originals. „Night Moves“ unter der Regie von Arthur Penn, einer der späten Filme des „New Hollywood“, kam 1975 in die Kinos. Nachtbewegungen, Nachtaktivitäten. Das klingt im Deutschen natürlich auch nicht und vor allem ist nur der Originaltitel in der Lage, die „knight moves“ anklingen zu lassen und so die Filmhandlung in Verbindung mit einem Schachspiel, konkret den Bewegungen des Springers, zu bringen. Moseby, Privatdetektiv in Los Angeles – es dürfte eine der besten Rollen von Gene Hackman gewesen sein –, erhält den Auftrag, die 16-jährige Tochter einer ehemals mittelmäßigen Schauspielerin zu finden und sie zu ihrer Mutter zu bringen. Moseby war früher Football-Spieler; der Beruf des Privatdetektivs genießt nirgendwo Ansehen, ständig fallen Bemerkungen, wie schäbig es sei, sich für Geld in fremde Angelegenheiten einzumischen, was sich auf das Selbstbewusstsein Mosebys auswirkt. Vielleicht findet er im Schachspielen ohne menschlichen Partner eher seine Erfüllung. Im Auto, in Warteposition, hat er immer ein Schachbrett dabei. Während Moseby ein Weltmeister-Schachtournier aus dem Jahr 1922 nachspielt, wird ihm klar, dass der damalige Verlierer etwas übersehen hat und mit drei Zügen seines Springers hätte gewinnen können. „And three little knight moves“, so erklärt er es einer Frau in Florida, die, als er sie antrifft, eine Wollmütze trägt, und die die Mütze irgendwann unter seinen Blicken abstreift, in einer Geste, als würde sie sich entkleiden. Und er ergänzt: „But he didn’t see it. Must have regretted it every day of his life. I know I would have.“ Wie der Schachspieler übersieht auch Moseby so einiges: immer wieder auftauchende Figuren, unangemessene Verhaltensweisen und rätselhafte Zufälle. Er bringt die Elemente nicht zusammen, weil ihm der Knoten, der die Fäden verbindet, fehlt. Denen, die den Film zum ersten Mal schauen, geht es natürlich genauso. Hinzu kommt: Die Bündnisse, die eingegangen werden, wechseln schnell und unvorhersehbar. Scheinbare Ziele sind nicht die wahren. Jederzeit kann alles kippen, die Ungewissheit ist fundamental. „Night Moves“ spiegelt damit auch das Psychogramm einer von Kriegen, Krisen und Attentaten traumatisierten Nation. Das neue Selbstbewusstsein der Frauen macht Männern ihre traditionelle Rolle streitig. Bestimmen geht jetzt nicht mehr, es muss verhandelt werden. Mit Jennifer Warren, Susan Clark und Melanie Griffith geben drei starke Frauen dem Film eine Prägung. Die Dialoge sind ungewöhnlich, raffiniert und von einem klugen Humor. Auch der Zeitgeist mit seinen Interessengebieten spiegelt sich darin. Moseby versucht, die 16-Jährige, die schreiend aus einem Alptraum erwachte, zu trösten, er klopft sanft auf ihr Schulterblatt, und sie sagt:
I like being patted like that. It’s supposed to remind you before you were born, your mother’s heart beating on your back. Do you think you can remember back that far?
Morseby entgegnet: Listen, Delly, I know it doesn’t make much sense when you’re 16, but don’t worry, when you get to be 40, it isn’t any better.
Beide lachen. Die Stimmung hat sich verändert.
In „Night Moves“ scheint trotz des Titels meistens die Sonne, das Licht fällt grell, die Temperaturen sind angenehm, die Autos sperrig und die Musik von Michael Small trägt zur entspannten Stimmung bei. Auch der Filmbusiness spielt eine Rolle und es gibt eine Anspielung auf die Highway-Szene in Hitchcocks „North by Northwest“. Ein optisches Motiv erscheint gelegentlich wieder: geschliffene Gläser in der Größe eines runden Flurspiegels an Fenstern, die den Blick nach außen in einer Verkleinerung zeigen, so dass man in eine Art Beobachtungsposition gerät. Man sieht ein paar Dinge dadurch vielleicht etwas anders, aber wirklich hilfreich ist diese Technik nicht. Dies kann man auch als Kommentar zur Rolle des Privatdetektivs lesen, jedenfalls in diesem Film.
Memento
Bass Piano # Bass Gitarre # Piano Bass. Eine Empfehlung, sich irgendwann in diesem Frühjahr vielleicht, im Laufe eines langen Abends, folgende drei Duo-Alben, produced by Manfred Eicher, anzuhören, in aller Ruhe: 1) Gary Peacock & Marilyn Crispell: Azure (2013) — 2) Gary Peacock & Ralph Towner: Oracle (1994) — 3) Marilyn Crispell & Anders Jormin: Memento (2026) „The music takes you where you need to go“, Marilyn once said. A phrase, doubtlessly vague, artfully vague, too, a fitting travel suggestion nevertheless.

Some sort of echoes, if you don’t mind. The words simple, very simple, but put together with care, caring for resonance. Alright. Ready? Ten, nine, eight. You read the word of the title and probably you think „memory“ first, or maybe, same breath, next breath, „memento mori“, it depends. Seven, six. You look at the cover, what springs to mind after a while, in my case, well, those old Cohen verses: „there‘s a crack in everything / that‘s where the light gets in“. Five. Relax. The music of „Memento“ is, more floating than topical, about loss and memory. As I was listening to it from start to end at the first time, in a dark room with two candles (one of the rituals for music like this), I was drifting, dreaming (short flashes of this and that), all part of listening deeper… deeper still. Are there seagulls to hear, on that „beach piece“? The bass played with a bow, what do yo think. Four, three. You won‘t find clever wordings here, quotable one-liners, word play, smart analysis. What you will find, are windows, kind of. A warm rush of empty places, beautiful. It’s personal, and your unconscious a friend. Oh, the music, imagine, feel… „melancholia of that elevating kind“. Piano and bass only. Old school? No way! Two, one. Here you go. (m.e.)„Another holy grail“
Zu den Schätzen meiner Cd-Sammlung zählen sicherlich Miles Davis‘ „The Complete On The Corner Sessions“. Anlässlich der Zeit rund um Miles Davis 100. Geburtstag hat die Jazzredaktion des Deutschlandfunks im Mai einige Sondersendungen geplant. Vielleicht sollte ich ja auch in den Klanghorizonten am 28. April mein Scherflein dazu beitragen, mit einer Kostprobe dieses „heiligen Grals“, der natürlich unverkäuflichen Sorte. R. Jackson schrieb jüngst darüber in „The Aquarium Drunkard“:

„Es ist geradezu schicksalhaft, dass „On the Corner“, das am wenigsten geschätzte und am wenigsten verstandene der Fusion-Alben von Miles Davis, nun im Mittelpunkt des begehrtesten Miles-Box-Sets steht. Das liegt zweifellos zum Teil an der hochwertigen Aufmachung: Wie die meisten anderen Boxen, die die epochalen Werke des Trompeters für Columbia Records versammeln, sind die CDs in einem dicken Buch mit Metallrücken untergebracht, das glänzende Fotos, exzentrische Illustrationen sowie ausführliche Essays und Anmerkungen enthält – alles verpackt in einer robusten PVC-Box.
Als jemand, der endlich ein Exemplar zu einem Preis ergattert hat, der etwas unter dem völlig überzogenen Marktpreis liegt, kann ich Ihnen versichern: Die Prägung ist in der Tat der Hammer. Doch der wahre Wert dieses unglaublichen Schatzes liegt in den vielen Stunden unveröffentlichter Aufnahmen, die den letzten, zwar unsteten, aber dennoch atemberaubenden Höhepunkt von Miles’ Schaffensphase als Studiokünstler und klanglicher Visionär der 1970er Jahre einfangen.
Zugegeben, einige der unveröffentlichten Tracks tendieren zur Formlosigkeit – sofern man von einer Form bei solch kraftvoll wandelbarer Musik überhaupt sprechen kann. (Nichts kommt an das Sonny-Sharrock-Echoplex-Spektakel heran, das auf „The Complete Jack Johnson Sessions“ zu finden ist und eine reine Offenbarung darstellt.)
Sagen wir einfach, dass einiges davon nicht das kraftvolle, geheimnisvolle Anziehungsfeld des Originalalbums entfaltet, dessen mutierter Funk Drum ‘n’ Bass, Trip-Hop, Postpunk und andere, noch unentdeckte Genres vorwegnahm. (Die unbearbeiteten Stücke des Albums verlieren nichts von ihrer komplexen, ursprünglichen Faszination.)
Aber selbst die eigenwilligsten Jams haben ihre Momente purer, nach der Leere strebender Schönheit und erdiger, überirdischer Magie, und die Gelegenheit, sechs Stunden im Hüft-, Kopf- und Herzraum dieser Musik zu verbringen, sollte als wahrer und bedingungsloser Segen betrachtet werden.
Wie der Percussionist Mtume im Booklet sagt: „Denn man kann nicht wirklich messen, wie weit es sich ausbreitet. Miles schuf eine Musik, aus der Elemente für jedes Musikgenre extrahiert werden konnten. … Und es gibt kein Lineal, um diesen Zentimeter zu messen. Wie man in der Kirche sagt: Ein ‚Amen‘ passt genau hier. Das ist die Wahrheit, Bruder.“ Amen.“
„B-Western: Showdown der gebrochenen Herzen“
Hans Schifferle hätte ich gerne mal, damals in den 1970er und 1980er Jahren, als ich öfter in München war, kennengelernt. Als mir Thomas P. das neue „Schifferle-Buch“ zeigte, erinnerte ich mich sofort, wie bereichernd die Filmbesprechungen der SZ in meiner Studentenzeit in Würzburg waren auch später in Furth. I.W., und sowieso sonstwo, als eine „alte Bande“ von Filmkritikern, zu denen auch irgendwann Hans S. zählte, mich auf viele Filme abseits des Mainstreams neugierig machte, mit einem unverbrauchten, lebendigen Schreibstil. Unvergessen, wie ich 1976 und 77 öfter vor Ort war, mit der schönsten Frau des östlichen Ruhrgebiets an meiner Seite, und in einem kleinem Theater Urs Widmers Theaterstück „Stan und Ollie in Deutschland“ sah und am Abend darauf in Schwabing in einem Uraltkino Robert Altmans „Nashville“. Vielleicht sass Hans Schifferle nur zwei Reihen hinter mir. Mit C. landete ich in jenen Tagen natürlich auch in der Gleichmannstrasse 10 bei „Jazz By Post“, wo ich Paul Bleys Solopianoalbum „Alone Again“ kaufte (kann man ohne Zögern seinem Meisterwerk „Open, to love“ an die Seite stellen)!
Hans Schifferle hatte stets ein Faible für das Kino abseits des Mainstreams, für B-Movies, „Schmuddelfilme“, „alte Serien aus der goldenen Zeit des TVs“, Horrorfilme, Krimis, Erotikfilme, den ganzen schönen Unrat, der ihm einen unverstellten und unschuldigen Blick auf die Dinge verriet, abseits der landläufigen Abkanzelung sog. „zweitklassiger Filme“ mit dem Werkzeug eines arroganten Traditionalismismus oder einer rigiden Psychoanalyse, die überall nur männliche deformierte Psychen aufdeckte, reaktionäre Frauenbilder u.v.m. Auch John Wayne hat in tollen Filmen mitgespielt, auch wenn wir James Stewart fast alle lieber mochten, klar, als Kinder den 1960er, 1970er Jahre. Eine von Hans Schifferles letzten Veröffentlichungen war ein Text über alte, fast vergessene Western, die im Schatten der arrivierten Regisseure ihren eigenen Underground kreiierten. Seine Zeitreisen war stets eine Fundgrube von Entdeckungen. In dem ihm gewidmeten Buch „Berufung:Kritiker“ entdeckte ich einen durchaus lyrischen Text über den Schauspieler Lex Barker, der eine Jugenderinnerung heraufbeschwörte: wie ich ihn in einem abgelegenen Hotel auf Mallorca früh in den 1970er Jahren am Swimmingpool, neben Maria Adorf sitzend, ablichtete. Der kurze Höhepunkt meiner Karriere als Paparazzo. Leider ist das alte Dia verloren gegangen. (m.e.)

Beim Filmfestival von Venedig hat der Western mit den neuen Filmen der Coen-Brüder und von Jacques Audiard eine kleine Renaissance erlebt. Die Liebe zu diesem Genre scheint ungebrochen. Die komplexe Geschichte des Genres, auf der auch die Venedig-Filme basieren, ist lebendig im cinephilen Alltag. Es gibr zurzeit kaum eine Filmgattung, die auf dem DVD- und Blu-ray-Markt mit so vielen Neuerscheinungen von alten, klassischen Filmen aufwarten kann wie der Western. DVD-Labels wie Koch Media, Filmjuwelen, White Pearl Classics oder Western Perlen lassen mit ihren Wiederveröffentlichungen und Neuentdeckungen von kleinen und vergessenen Western vor allem aus den 50er und frühen 60er Jahren die Geschichte des Westerns in einem neuen Licht erscheinen. Zu diesem Thema ist kürzlich auch ein Buch erschienen: Gregor Hausers »MÜNDUNGSFEUER«, eine kenntnisreiche labour of love über »Die 50 besten B-Western der 50er Jahre und ihre Stars«.

Es versetzt in Erstaunen, dass man selbst als Cinephiler beim Betrachten dieser vielen wieder zugänglichen Filme erkennen muss, dass der gute alte amerikanische Western tatsächlich ein terrain vagueist, eine geradezu unbekannte filmische Gattung. Natürlich, man kennt die großen Western von John Ford, Raoul Walsh, Howard Hawks und William A. Wellman, auch die Westernperlen von Anthony Mann, Budd Boetticher, Sam Fuller, Nicholas Ray, Jack Arnold oder Joseph H. Lewis. Aber all diese Filme, die uns häufig durch die französischen Kritiker der Autorentheorie vermittelt wurden, bilden nur die Spitze des Eisbergs. Was ist mit Westernspezialisten wie Lesley Selander, Sidney Salkow, George Sherman, Lew Landers oder Joe Kane, dem hyperaktiven Topregisseur des kleinen Republic-Studios? Was ist mit den jüngeren wagemutigen Filmemachern wie Joseph Pevney, Alan H. Miner oder Paul Wendkos? Man kann jetzt den Humus eines Genres entdecken, der die Meisterwerke erst ermöglicht hat, einen vielschichtigen Kosmos aus vitalen kleinen Filmen und größeren Produktionen, die von der Filmgeschichte verschluckt wurden. Ein neues Bild von einem traditionellen Genre entsteht dabei.
(der Auftakt eines Textes von Hans Schifferle von 2018, HIER in in toto)

Postscriptum mit einem Hauch Wildwest aus dem tiefen Bayern (als ich mal auf einem anderen Blog Einspruch einlegte gegen Standard-Abkanzelungen alter Western, flogen mir gleich einige Bleikugel um die Ohren):
Ganz witzig finde ich, wie schlecht hier oft Filme bei Uschi abschneiden, die ich ganz famos oder erschütternd oder sonstwie gelungen finde, beispielsweise Anora… undundund … Uschis verallgemeinernde Abfertigung des Westerns als „riesige Spielwiese fürs Macho-Wettpinkeln“, holla-di-ho, was für Entrüstungsarien! (Michael)
Die seltsame Art des Michael E. etwas „witzig“ zu finden und sich damit gleichermassen wunderbar zu offenbaren, auf der “ … riesigen Spielwiese der Macho-Wettpinkler … “ derjenige zu sein, der am weitesten pinkeln kann, ist auch eine Aussage! (Little Hans)
Wenn ich mich recht erinnere, wurden Western hier schon differenzierter besprochen und auch positiv konnotiert, z B der Neowestern, die Filme der Coens und das Lied vom Tod waren durchaus keine Verrisse. Uschi meinte mit der Spielwiese wohl eher die B-Movies, den alten John Ford, filmtechnisch durchaus beachtlich, handlungstechnisch eher banal. Oder guckt sich noch jemand freiwillig John Wayne an? Also genauer lesen und dann verreissen. (Jörg R.)
Da ich aber etwas unpräzise war, kamen da gleich einige dahergesprungen wie aus der Shiloh Ranch, bemühten „Pimmelmetaphorik“, machten aus einer „Arie“ gleich eine „Orgie“, und statt Frau selber sprechen zu lassen (die vielleicht gerade am Herd stand und den Porridge machte, oder Steak mit Bohnen) wurde genaueres Lesen angemahnt, und der humorvolle Kommentator (ich) samt Pimmel des Feldes verwiesen…. Ich sags ja, wie im Wilden Westen!!! Zur Abkühlung der Gemüter empfehle ich allen den grossartigen alten Western „Der Mann, der Liberty Valence erschoss“. (Michael)
Das rote Eichhörnchen beispielsweise
„Genau das macht den Zauber von Medems Filmen aus, daß er auf die Erde blickt wie auf ein fernes Gestirn, dessen Naturgesetze nur den Regeln des Herzens zu gehorchen scheinen.“ (Michael Althen)
“Medem hatte ein Medizinstudium abgeschlossen, mit der Absicht, Peychoanalytiker zu werden. Bereits als Kind hatte er Super-8-Filme gedreht; in seiner Studienzeit war er als Filmkritiker für die Zeitung „La Voz de Eiskadi“ tätig. Kindliches Super-8 und Psychoanalyse: davon ist noch einiges zu spüren in den enigmatischen, hypnotischen Spielfilmen, die er seit 1993 gedreht hat. Die Genauigkeit eines Wissenschaftlers wechselt sich ab mit der Fabulierkunst des geborenen Geschichtenerzählers, wenn Medem das Labyrinth der Passionen erforscht, den Irrgarten der Emotionen durchstreift.“ (Hans Schifferle, in: Rolf Aurich, Ulrich Mannes: Hans Schifferle. Berufung: Kritiker)

In einem imaginären existenziellen Kinoschmöker über meine „100 Lieblingsfilme“ kämen sage und schreibe vier Filme des Basken Julio Medem vor. Und, wenn ich im Inhaltsverzeichnis blättere, Hitchcock ist im Vergleich nur dreimal vertreten. Hans Schifferle spricht von „Landkarten der Sehnsucht“ , in seinem Essay über „die metaphysischen Kinomelodramen des Julio Medem“, und lässt alle vier darin auftauchen. Mein Einstieg war, ein Tip von Jan Garbarek, „Die Liebenden des Polarkreises“ ich war so berührt, dass ich bald „Tierra“ folgen liess, ein so hinreissender verrückt-real-surrealer Film (natürlich über die Liebe und ihre Verzweigungen), der mich in jeder Sekunde so gefangennahm wie jede Sekunde des unendlich zauberhaften Liedes gleichen Namens von Caetano Veloso. Ich sah „Tierra“ in Barcelona und zuhause, habe die DVD von „Tierra“ gewiss wieder und wieder angeschaut, und wieder und wieder sah ich später auch „Lucia und der Sex“. Vor einer Woche nun nahm ich die Fährte eines weiteren Medem-Films auf: und auf Anhieb gesellte sich „Das rote Eichhörnchen“ (das unlängst lange in der Arte Mediathek zu sehen war) als Dvd zu meiner privaten Serie von 100 Lieblingsfilmen.
Peter Schneider – ein Nachruf
Von einem Berliner Freund erfuhr ich gestern, dass unser Freund, Peter Schneider, tot ist. Das traf mich hart. Ich wohnte in den 70ern mit seinem Bruder Florian in einer Freiburger WG. Peter schaute oft vorbei, so lernte ich ihn kennen. Er war immer willkommen mit seiner ansteckenden Heiterkeit, seinem feinen Humor und seinen erotischen Anspielungen. Er lachte gern und alberte auch viel herum. Er war immer lässig gekleidet, Jeans, Pulli und helle Lederjacke. Er sah umwerfend aus, attraktiv und sehr männlich.Meine Magisterprüfung hatte den LENZ zum Thema, mit diesem schmalen Buch wurde er bekannt. Ich weiss noch, dass mein Prof in der Prüfung sagte, ich soll nicht so schnell sprechen, wir seien ja schliesslich nicht auf einer Eisbahn. Tatsächlich sprachen wir damals schneller, engagierter, atemloser. Wir wollten ja auch die Rebellion. In meiner Goethe-Zeit lud ich ihn einmal ins Bremer GI ein, damit er dort einen Vortrag über das politische Deutschland vor Japanern halten sollte. Einige meiner Freunde waren dabei, wir schufen eine hitzige Diskussionsatmosphäre. Damals konnte man schon die Nachdenklichkeit bei Peter merken. Er war nicht mehr mit allem aus den 68ern einverstanden, er mochte den Dogmatismus der K-Gruppen nicht und schon garnicht die radikale Linke. In seinem Buch „Rebellion und Wahn“ verarbeitet er die Fehler der SDS Zeit. Es folgte noch ein politisches Buch: „Und schon bist du Verfassungsfeind“. Er wollte in den Schuldienst, man verweigerte es ihm aufgrund seiner politischen Agitationen. Danach schrieb er meist Bücher, die sich mit dem zeitaktuellen Geschehen beschäftigten, „Der Mauerspringer“ gehört dazu, aber auch „Vati“, wo er mit dem Nazi RA Mengele abrechnete. Als ich über Weihnachten in Berlin war, kaufte ich mir sofort sein letztes Buch „Die Frau an der Bushaltestelle.“ Sogleich ist man dem Sog der 68er Jahre erlegen, vertraut mit der gehetzten Sprache, der Orietierungssuche und vor allem der hochemotionalen Sprache. Er berichtet über die damalige Zeit, sein Alterego rechnet ab, besonders mit seiner Freundin, die ihn an BILD verraten hat. Wir alle kennen diese Frau, sie lebt noch, ich verrate ihren Namen nicht. Ich habe Peter lange nicht mehr gesehen, jetzt kann ich ihn nie mehr sehen. Sein Erzählband „Die Wette“zählt für mich zu den schönsten Schilderungen über Sehnsucht, Erotik in gesellschaftlichem Environ. Er schrieb es 1978. da sah ich ihn oft. (L.N.)
Irmin (remix)
Wenige Dinge sind so nervend wie die klassisch angehauchten Klimperstudien, die Unbegabte auf leidlich gestimmten Klavieren in grossen Buchhandlungen feilbieten. Und die Stirn legt sich durchaus in Runzeln, wenn ein Pionier des wilden Undergrounds der frühen Jahre, im hoffentlich langwährenden Lebensabend angekommen, zum Konzertflügel findet, und „Schubert“ sagt. Er sagt auch „Cage“, er sagt auch „Gagaku“, und als letztes verweist er, angesichts seiner „spontanen Meditationen“, darauf, dass natürlich auch der wilde Underground zum emotionalen Gedächtnis zähle, welches diese 5 Klavierstücke mitgeformt habe, also sagt er auch „Can“.
Ernst Jandl war es schon immer suspekt, in welche Wallungen „Kulturbetreiber“ geraten, wenn sie sich salbungsvoll geben. In seinem Gedichtband „Die Bearbeitung der Mütze“ bekam der gute alte Rilke-Kult sein Fett weg, und, wenn man das im Vorfeld liest, was hier nun an kulturellem Gepäck abgeladen werde, könnten „böse Zungen“ dichten: „Schubert schubst einen Stuhl um / Cage sitzt auch am Tisch herum / Alles ein wenig gaga und Gagaku / eins, zwei, drei / und dann noch Can, auwei.“ Nun kommen sie also bald heraus, die „5 Klavierstücke“ von Irmin Schmidt, die er auf zwei Flügeln gleichzeitig darbietet, wir haben einen Pleyel-Flügel vor uns, präpariert a la Cage, und einen Steinway (gerne möchte der Pressetext damit punkten, dass es ein hundert Jahre alter Steinway ist).

Und dann höre ich also in aller Ruhe diese CD, die letzthin vollkommen unaufgefordert in meinem Briefkasten lag, und von der ich mittlerweile auch wusste, und bald bestätigt fand, dass sie im Süden Frankreichs an einem belebten Badestrand der Cote D‘Azur aufgenommen wurde, so dass also Kindergeschrei und Wellenrauschen einen steten Klangteppich bilden, und der Pianist vergeblich versucht, mit manchem Schnack aus Kinderlied und französichem Evergreen die Lauf- und Badekundschaft etwas ruhiger zu stimmen. Mehr gaga als Gagaku.
Ab und zu schneit etwas von Schuberts Winterreise herein, und der Herr am Piano, der nun vollends vom Bar- zum Badepianisten mutiert, hellt die beim alten Franz herrschende Tottraurigkeit mit recht munteren Kapriolen und Triolen auf. Nehmen diese wertvollen Konzertflügel nicht Schaden, wenn man sie komplett in den Sand setzt? Nun, das mit dem Süden Frankreichs stimmt tatsächlich, ansonsten hat ein gewisser Gareth Jones in einem Tonstudio (oder einem zum Tonstudio umfunktionierten Wohnzimmer) das alte Handwerk von „close miking“ perfekt umgesetzt: jeder Pianoton hyperrealistisch, gestochen scharf, und das gesamte Werk spannend entspannend, eine wahre fesselnde Freude.
In manchen Repetitionen könnte man tatsächlich ferne Echos der auch heute noch seltsam rituell wirkenden Musik von Can ausmachen, aber das Betörende an dieser Aufnahme ist, dass eben nichts „heilig“ und „hehr“ wirkt, alles so herrlich „gepäckbefreit“ daherkommt. Klar, dass man nicht ständig im reinen Jetzt lauscht, und so kam mir, in einem dieser subtilen Can-Momente, eine Erinnerung an mein erstes Hören von „Tago Mago“, ein Kumpel fand es am Heiligabend auf seinem Gabentisch, und restlos begeistert an einem der Tage danach (umgeben von Weihnachtsgebäck und Kerzen im Dunkeln), wurden wir fortgetragen an einen fernen, fernen Ort, von den gnadenlosen Rotationen des Schlagwerks, und all den rätselhaften Sounds ringsum.
(m.e.)
