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  • Steven Spielberg wird 80

    In den letzten zwei Wochen gab es in Berliner Kinos Vorführungen einer ganzen Reihe von Spielberg-Filmen. Diese Chance musste ich nutzen, auch wenn ich nicht alle (wieder-)sehen konnte, die ich gerne besucht hätte. Immerhin, meine Ausbeute:

    Jaws (aka Der weiße Hai) — tatsächlich zum ersten Mal gesehen, da ich für die Erstsichtung immer drauf gewartet hatte, dass der mal wieder im Kino gezeigt wird. Hat sich gelohnt, auch weil es die ganz neue restaurierte Version zum 50. Jubiläum mit nettem Spielberg-Intro war. Einiges kam mir bekannt vor, da man über die Jahre ja schon so einige Szenen irgendwann mal irgendwo gesehen hat, überrascht hat mich, dass die zweite Hälfte dann vollständig mit den drei Männern auf dem Schiff spielt. Da wird der Film dann sozusagen elementar — Mensch gegen Natur. Interessant auch, wie souverän Spielberg damals, 1974, als gerade 27-Jähriger, die Mittel beherrschte, und wie viel Geld man dem jungen Mann für sie eine überraschend aufwendige Produktion anvertraute; ich hatte einen kleineren Film erwartet. Und dann übernachte mich, wie normal die Figuren aussehen und wie wenig mainstreamig das Ganze ist; ich hatte mehr so was Angepasstes erwartet wie Spielbergs spätere Filme und wie Blockbuster-Kino ab Star Wars dann geworden ist. Bekommt 4½ Sterne von mir für hervorragendes Erzählen mit der Sprache des Kinos.

    Lincoln — ebenfalls zum ersten Mal gesehen. Den hatte ich damals, 2012, nicht geschaut, weil die Rede davon war, dass des ein langer historischer Dialogfilm in dunklen Räumen des 19. Jahrhunderts sei. Das reizte mich nicht wirklich. Der Film ist aber hervorragend – obwohl er genau das ist, was ich erwartet hatte, inklusive herausragender Leistung von Daniel Day-Lewis. Verblüfft hat mich, wie gegenwärtig das Ganze ist, jetzt noch, im Jahr 2026. Ein bemerkenswert weitsichtiger Film, der zwei Aspekte von Spielbergs Können bezeugt, die man sonst nie hört und ihm selten zugute hält: Erstens ein gewisses politisches Bewusstsein und zweitens ein kluges Erzählen in Dialogen und mit differenzierten Charakteren, die mehr sind als die typisierten Figuren in den meisten seiner Blockbuster. Starke 4½ Sterne.

    Vor allem letzteres, d.h. kompetentes Erzählen in Dialogszenen, zeichnet auch Saving Private Ryan aus, neben der damals weithin gelobten audiovisuellen Inszenierungsvollendung der Kriegsszenen. Der Film von 1998 ist deutlich besser, als ich ihn in Erinnerung hatte, seit ich den vor bald 30 Jahren erstmals gesehen hatte. Der Film ist auch vielschichtiger und ambivalenter, als gemeinhin gesagt wird. Größter Schwachpunkt ist leider die Musik, die am meisten zu dem generellen Eindruck von Kitsch und Sentimentalitätsgedusel beisteuert. Schade. Stark, wie Spielberg innerhalb eines solch immensen Produktionsaufwands in allen möglichen Aspekten klassische Autoren-Regiekunst an den Tag legt. Der Regie-Oscar für diese Leistung ist auf jeden Fall verdient, muss ich nun nach dem Wiedersehen uneingeschränkt anerkennen. Und ich hatte witzigerweise den entscheidenden Storytwist am Schluss komplett vergessen. In vieler Hinsicht hat mich die Qualität des Films beim Wiedersehen überrascht. Ich würde 5 Sterne vergeben, wäre die Musik nicht so bombastisch und rührselig. Daher leider nur 4½.

    Ebenfalls erstmals seit der damaligen Kinoauswertung (1993!) wiedergesehen: Jurassic Park. Funktioniert gut, aber im direkten Nebeneinander mit Jaws fällt auch sehr auf, wie ähnlich sich die beiden Filme sind. Allerdings ist Jurassic Park streckenweise doch auch etwas albern und scheut sich nicht vor Unglaubwürdigkeiten zugunsten von Suspense. Ein paar Szenen sind im Spannungsaufbau arg überzogen und bis an die Albernheit ausgereizt. Und letztlich fügt der Film Jaws nichts hinzu. Außer vielleicht zwei Kinder und Richard Attenborough. Es fällt auch auf, wie Jurassic Park (so auch im direkten Vergleich mit Jaws) viel mehr als Popcorn-Blockbusterkino mit Typen statt Charakteren konzipiert ist, Plotstruktur vor Glaubwürdigkeit. Schwache 4 Sterne.

    Und auch wiedergesehen: A.I. – Artificial Intelligence. Schwächer, als ich den in Erinnerung hatte vom Kinobesuch 2001. Durchaus interessant, visuell wird einiges geboten, aber es wird doch vieles dialogisch erzählt, ohne wirklich die Dialog-Vielschichtigkeit zu erreichen, die es z.B. in Lincoln und sogar in Private Ryan gibt. Es geht letztlich nicht wirklich in die Tiefe, auch wenn es sich den Anschein gibt. Ich kann gut verstehen, warum ein guter Filmfreund, der sich immer intensiv mit Kubrick beschäftigt hat, meinte, dass der gute Stanley schon wusste, warum er sich gegen eine Realisierung entschieden hatte. Leider findet Spielberg streckenweise keine richtige bzw. angemessene Form, übertreibt es irgendwann mit dem Kitsch und der Langsamkeit, zum Ende wird es immer alberner und quatschiger, und John Williams’ haarsträubend übertreibende Musik trägt hier auch eindeutig zum Nachteil des Gesamtergebnisses bei, auch wenn er immer wieder zu interessanten, für ihn neuen musikalischen Ideen greift. Für 3 Sterne reicht es gerade noch.

    Gestern dann Disclosure Day. Ja, das ist tatsächlich der beste Spielberg-Film seit … The Fabelmans. Im Ernst: Wer immer geschrieben hat, es sei der beste seit 20 Jahren (also seit München), hat weder The Fabelmans gesehen noch Lincoln, und offenbar auch nicht Bridge of Spies, The Post, Big Friendly Giant und wohl noch ein paar andere … Nein, dieser Film ist ein ziemliches Durcheinander, ein sagenhafter Mumpitz. Spielberg goes Nolan. Und John Williams’ Musik trägt wieder einmal massiv zu Kitsch und Übertreibung bei. Nein, leider ist das Ganze viel näher an dem Quatsch von A.I. als an Spielbergs besten Filmen, trotz so mancher gekonnter Spannungsszene. Die Albernheit bzw. Überzogenheit der Suspense-Konstruktion einiger Szenen erinnert lautstark an Jurassic Park (aber auch an James Bond), und dass Spielberg bzw. sein Drehbuch kein Ende findet und noch alles mögliche auch noch erzählt werden muss, ohne dass es einen Mehrwert bringt, erinnert wie der esoterische Edeltrash an A.I. und so manche B- bis C-Movies. Was hat den Mann nur geritten, nach dem Karrierehöhepunkt, diesem persönlich-berührenden Autorenfilm The Fabelmans, zum Ende seines achten Lebensjahrzehnts nun so einen ausufernden Eso-Quatsch zu verfilmen?

    Ich muss mich sehr wundern… habe heute morgen Rezensionen gelesen, etwa bei Artechock – und bekam das Gefühl, in einer alternativen Realität zu leben. Wir waren im Kino gestern doch recht frustriert, und ich hätte all das auch gerne gesehen, was z.B. bei Artechock steht, aber ich kann diese Lobhudelei überhaupt gar nicht mit dem Film zusammenbringen, den wir gestern erlebt haben. Dabei war ich nach Fabelmans und auch anderen Spielberg-Filmen der letzten 25 Jahre wirklich guter Dinge und dachte, das wird bestimmt ein souveränes, vielleicht sogar starkes Spätwerk. Doch je länger das ging, desto schlechter wurde mein Urteil. Eine ganze Weile lang dachte mich mir noch, „okay, es bietet leider nicht das, was zu Anfang als Erwartungshaltung geschürt wurde, aber immerhin ist es unterhaltsam, fast wie ein besserer James-Bond-Film“, doch je länger es sich hinzog, desto frustrierter waren wir; und und das habe ich auch bei anderen Besucher*innen aus deren Nachgesprächen im Kinofoyer rausgehört. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Filmkritiker*innen großen Spaß an all der Christopher-Nolan-Esoterik und den erzählerischen Albernheiten haben und das Ganze intellektuell als Märchen mit Trash-Faktor akzeptieren. Da bin ich jetzt mal gespannt, ob die Meinung der normalen Allgemeinheit da ähnlich von den vielleicht intellektuell abgehobenen Rezensionen abweicht, wie das ja manchmal der Fall ist. Ich kann trotz einer gewissen Hochachtung vor Spielbergs Können leider nur 2 Sterne geben, eher für technisch beeindruckende Elemente.

  • „Go out with a bang or on a quiet note“ – Patience der finalen Horizonte (2)

    (für Thomas P., with two hidden messages from my Ericksonian days of hypnotherapy – honestly, this may only be of interest for readers with a sense of humour, a weak spot for the surreal, and immaculate taste of music.)

    “Where have all the good times gone?“ (Ray Davies)

    “Life will bring you pain all by itself. Your responsibility is to create joy.“ (Milton Erickson)

    Schon verrückt, dass wir uns erst nach rund dreissig Jahren wiedergesehen haben und ich dir dazu erst den heiligen Gral von Roedelius vorbeibringen musste. Als Auftakt setze ich wieder mal die „Don Cherry“-Karte. „Repetition is a form of change“ (Oblique Strategies). Aber welches zeitlose Stück aus welchem Album für meine zweite „imaginary playlist for September“? (Es kommt natürlich, letztlich, anders.) Die Auswahl ist gross, hier die Alben mit wundervoll zarterwilder Wucht, neben den erst spät ausgegrabenen Livedokumenten „Modern Art / Stockholm 1977“ & „Organic Music Theatre / Chateauvallon 1972“…. Da haben wir also, rein assoziativ, die Magie von Codona 1, 2, 3, El Corazon, Brown Rice, Old And New Dreams, und „sowieso die erst kürzlich gespielte Relativity Suite.

    Sagen wir, es geht los mit „Lonely Woman“, aus dem ersten Old And New Dreams-Album (die Vinylwiederauflage aus der „Luminessence“-Serie ist fantastico). Es folgt ein ziemlich langes Medley, in dem ich kein Wort sage und die Musik für sich sprechen lasse, eine ausgefuchste Sequenz mit einzelnen Tracks aus „Bright Red“, „Laughing Stock“, den neuen Alben der Herren Lanois und Wagner, sowie, Schlag auf Schlag, „Echoes“ (think twice, bro, from the irresistible wilderness of Fire! Orchestra), „Lord Of The Rings“, „Colossal Youth“, „Close“, „Chiaroscuro“ (the album with Erik Honoré‘s „tape hiss magic“!) „Marquee Moon“, „Naked City“, „Time Fades Away“, Shleep“, „Chairs Missing“ und „Last Night The Moon Came Dropping Its Clothes in the street“.


    Und schon sind wir beim Showdown, dem letzten Stück, das natürlich, weil ich immer die gleiche Sendung mache, von Brian Eno sein wird. Die erste grosse Frage, die sich nun stellt, lautet, wie das alles in 54 Minuten und 38 Sekunden stattfinden soll? Die Antwort: stell dir vor, es gibt, tief in der darauffolgenden Nacht, eine zweite Stunde kurz vor der Morgendämmerung, wie in alten Zeiten…… oder aber eine Collage, einen akustischen Flickenteppich und einen Meister von „crossfading“ in der Tonregie, sowie mehrere Otöne beteiligter Musiker!

    Die zweite Frage ist eine herausfordernde: welches Eno-Stück bitteschön, am Ende einer langen Reise!? Go out with a bang, or on a quiet note!? Ich habe mich entschieden, für die Sache mit dem „bang“ statt dem stillen Horizont! Da das eine Überraschung sein soll, wird dieser „Knall“ (die Ur-Definition eines „Bangs“ in meiner Eno-Historie) natürlich nicht verraten. Nur soviel: B. würde es lieben, und Brian ist mit B. nicht gemeint!

    The dark side of this all: Look at the cover one more time, dear reader: a harsh, frozen moment viewed through a sickly, bilious green haze, giving the audience a feeling of tension rather than celebrating rock-star glory. „Time Fades Away“ was recorded during the massive arena support tour following his highly successful Harvest album. The tour was famously disastrous, plagued by exhaustion, illness, and part of the fanbase who missed Neil‘s romantic hippie dreams. He was ditching them all, so „Time Fades Away“ belongs to his „Ditch Trilogy“. Anyway it still belongs to my favourite live „rock“ albums of the 1970‘s! So fucking dark, but you can dance!

  • In Another World: The Four Seasons Of Talk Talk

    The book tells a story of a band and the people in it, but it
    is above all a biography of four records: The Colour Of Spring.
    Spirit Of Eden. Laughing Stock. Mark Hollis.

    It is a story of the disturbance of sound in space, the
    upending of expectations, the meeting of spontaneous
    accident and laborious design.

    A mad kind of science to it all.

    In the pursuit of what end? Enduring beauty. Enveloping
    mystery. Art that lasts and shape-shifts, that is never heard
    quite the same way twice.

    Something sacred.

    Some kind of virtue.


    Von den vier Jahreszeiten kenne ich den Frühling gar nicht so gut, weil ich eigentlich immer ihrem Sommer, Herbst und Winter lauschte. Aber jetzt, nach der ersten Jahreszeit, freue ich mich umso mehr, „The Colour Of Spring“ wieder mal aufzulegen. Weil Graeme Thomson sicher nicht nach dem ersten Kapitel alle guten Geister verlassen haben, kann ich schon jetzt, auf Seite 92 klar sagen, dass dieses Buch eine grosse Freude, und ein spanender Lesetrip sein wird, für die, die einige dieser Alben oder alle geliebt haben, aber auch für die, welche eine spannende Story lesen wollen über eine der ungewöhnlichsten Bandhistorien überhaupt, erzählt mit einer perfekten Balance aus Sachlichkeit, Empathie, und Flowfaktor 10. Die obigen Sätze finden sich auf der Rückseite des Buchcovers. Meine Story mit Talk Talk begann im Sommer 1989, als „Spirit Of Eden“ erschien. Da ahnte ich noch nicht, dass ich wenige Monate später in diversen deutschen Radiohäusern landen sollte. Meine vier meistgespielten Alben zwischen 1990 und 2026 waren mit hoher Wahrscheinlichkeit „Laughing Stock“ und „Mark Hollis“, neben „Music For Films“ und „Another Green World“! Sollte ich raten, würde „Possible Musics“ von Jon Hassell wohl auf Platz 5 gelandet sein, und Steve Tibbetts‘ „Big Map Idea“ auf Nummer 6. Man muss kein Meisterdetektiv sein, Ende September „the third season“ zu erwarten. Und die Stimme von Graeme Thomson. Ein Schotte aus Edinburgh.

  • Lost at sea

    „Punkt Editions präsentiert „Temporary Empire“, die unbearbeitete Live-Aufnahme vom Punkt Festival 2025, bei der Erik Honoré mit dem Trompeter Eivind Lønning und dem Perkussionisten Mark Wastell zusammenkam. Das im Teateret in Kristiansand aufgenommene Album dokumentiert eine einzige, durchgehende Konzertbegegnung: Stimmen, die Honorés Texte vortragen, Elektronik, Trompete, Gongs, Glocken, Trommeln und Feldaufnahmen entfalten sich als eine gemeinsame, zeitgebundene Struktur.
    Das Album wurde von Erik Honoré abgemischt und von Stephan Mathieu gemastert. Die CD-Ausgabe enthält die vollständigen Texte sowie Liner Notes und wurde von Nina Birkeland exquisit gestaltet.

    Temporary Empire ist ein Text-Musik-Werk, das in einem bestimmten historischen Moment und dessen langem Nachhall verwurzelt ist. Ausgangspunkt sind die Nachwirkungen des Sechstagekriegs von 1967 und die sogenannte Gelbe Flotte: fünfzehn Handelsschiffe, die mehr als acht Jahre lang im Suezkanal festsaßen. Abgeschnitten von Nationen, Flaggen und normalen Routen bildeten die Besatzungen eine seltsame, provisorische Gemeinschaft – eine Mikrogesellschaft, die nicht durch Macht oder Eroberung, sondern durch Routine, Fürsorge und Erfindungsreichtum aufrechterhalten wurde. Der Titel verweist auf dieses Paradoxon: ein „Imperium“, das nur durch Präsenz, Geduld und gegenseitige Unterstützung existierte und fast spurlos verschwand.“

    Soweit ein Teil des Pressetextes, der den Rahmen und Kontext des Albums auf den Punkt bringt. Ein grossartiges „spoken word and more“-Album, dessen klanglich herausragende Cd-Edition demnächst eine ausführliche Würdigung erfährt. For sure no everyday experience, but an unforgettable one! (m.e.)

  • Blue Morpho

    Ich bin ehrlich erstaunt, dass bei all der Albumloberei und Jahresbestenlistenerei hier noch niemand das neue Album von Ed O’Brien erwähnt, geschweige denn wertgeschätzt hat. Ich hätte schwören können, dass Blue Morpho für jede/n mit mindestens vager Radiohead-Interessenslage ein Muss ist – und für jene, die Talk Talk, Hollis/Webb, die letzten Lambchop-Alben oder David Sylvian zu schätzen wissen, erst recht. 

    Ich habe die CD gekauft, auch wenn ich vorab, speziell auch nach O’Briens so ganz nettem ersten Soloalbum, nichts wirklich Besonderes erwartet hätte. Auch die drei sehr schönen Alben von The Smile bleiben letztlich ja auch dem Radiohead-Kosmos recht treu. Ein paar in die Tiefe gehende oder unterhaltsame Rezensionen und zwei, drei Berichte über bzw. Interviews/Interviews mit O’Brien haben allerdings deutlich gemacht, dass der Radiohead-Gitarrist hier ein sehr ambitioniertes, eigenwilliges und sehr originelles, persönliches Werk geschaffen hat.

    Die Stücke sind ein bisschen länger als konventionelle Songs, öffnen sich durchweg unprätentiös in verschiedene Richtungen und knüpfen direkt an die besten Momente aus der Glanzzeit von Radiohead an — und liefern damit, mehr als deren letztes Album A Moon Shaped Pool genau das, was man sich von der – als Studioband – seit auch schon zehn Jahren offenbar ruhenden Band erwartet hätte. Ed O’Brien belegt hier eindrucksvoll, wie elementar auch seine Mitwirkung als ein Fünftel der Band Radiohead offenbar war, wo oftmals ja vor allem Thom Yorke und Jonny Greenwood die meisten Lorbeeren zugeworfen werden. Er öffnet wie mit links ein paar Assoziationsräume zu Bands, die seit jeher als Einflüsse auf Radioheads Sound und Ideenwelt angeführt wurden, etwa Pink Floyd, Can oder eben Talk Talk; und verknüpft dies obendrein überraschend souverän mit ein paar markanten Aspekten aus dem zeitgenössischen ECM-Kosmos, etwa durch die Beteiligung von Tõnu Kõrvits und Musikern des Kammerorchesters Tallinn, und der gegenwärtigen britischen Nicht-mehr-Jazz-Szene, da er die umtriebigen Allround-Musiker Shabaka Hutchings und Dave Okumu integrierte. 

    Höchst faszinierend, wie diese Suite aus einem Guss als ein klassisches Album funktioniert. Wie ich las, gab eine Depression im Zuge der Entwicklung im Jahr 2020 Ed O’Brien Anstoß für die Arbeit an Blue Morpho. Und mit diesem Hintergrundwissen ist es gleich nochmal eindrucksvoller, wie diese sieben subtil ausufernden Stücke vielschichtig eine inspirierende Erfahrung, einen persönlichen, sozusagen inneren Weg nacherleben lassen. Ich meine, ich greife nicht zu hoch, wenn ich nach einigen Hördurchgängen dieses Albums von einem Meisterwerk spreche, das im aktuellen Jahr den Status eines Klassikers verdient hat und womöglich das beste Radiohead-Album seit fast 20 Jahren ist. 

  • Lieder vom Felsgrund

    Drei OTÖNE von Robert Wyatt: H E R E !

    (Heute morgen wiedergefunden. Sie stammen wohl aus meinen Londoner Gesprächen aus den Jahren 1997 und 2003, Thema waren die Alben „Dondestan“ und „Shleep“… oder doch „Cuckooland“? Robert spricht über seinen Anspruch an Musik, sein Changieren zwischen Jazz und Pop, sein Trompetenspiel und mehr… ich habe den Raumklang eines Cdplayers aufgenommen, vielleicht muss man etwas lauter stellen, aber es lohnt sich. Es beginnt nach 10 Sekunden Stille.)

    Lieder vom Felsgrund. Oder vom Meeresboden? Oder vom Abgrund? Oder vom Nullpunkt, was immer mitschwingt im Titel einer meiner wichtigsten Wegbegleiter seit späten Teenagerjahren, „Rock Bottom“ von Robert Wyatt. Erst jetzt stiess ich auf die zweite John Peel Session von Robert Wyatt. Er war nach seinem schicksalhaften Fenstersturz im Sommer 1973 sehr lange im Krankenhaus, und aus seinen letzten Wochen dort und seinen ersten im Rollstuhl stammt der grossartige Songzyklus. Wenn es diese kleine John Peel-Session auf einer Maxi-Single gäbe (es sind nur 18 Minuten) würde ich sie sofort erwerben. Aber ihn HIER auf youtube zu hören, ist auch sehr bewegend, und viel mehr als ein Kuriosum.

    Mr Neely ist ebenso angetan und schreibt in AD: „Das Set ist makellos produziert und präsentiert zwei Stücke aus Wyatts Meisterwerk „Rock Bottom“, das im Sommer 1974 erschien, darunter eine atemberaubende Interpretation von „Sea Song“, die die aquatische Atmosphäre des Mellotrons ebenso einfängt wie die klanglich perfekte Darbietung von Klavier und Gesang. Ebenfalls vertreten ist der vielleicht skurrilste von Wyatts poporientierten Klassikern, eine Coverversion von „I’m a Believer“ von The Monkees, die ebenfalls in jenem Jahr als Single erschienen war und bei „Top of the Pops“ gemeinsam mit Nick Mason von Pink Floyd aufgeführt wurde. Schließlich werden wir mit dem einzigartig komischen „Soup Song“ verwöhnt – einem Vorausblick auf den Titel, der im folgenden Jahr das Album „Ruth Is Stranger Than Richard“ eröffnen sollte. Sowohl auf Platte als auch in diesen wegweisenden Radiosessions ist „seltsam“ („strange“) das größte Kompliment, das hier im Spiel ist. 

    (das Wort für „skurril“ lautet im Original „whimsical“😉)

     Reprise: I travelled three times to London to interview Robert and Alfie on „Dondestan“, „Shleep“ and „Cuckooland“ in the times of their release. Unforgettable, when, on the hottest day of that summer of 2003 , we were lead to the empty Purcell Room, that excellent concert hall, and then moved though every track of „Cuckooland“.  At one point Robert told me how Brian Eno sang his part of the uncanny „Forest“ with opulent arm gestures of an opera singer. (And what a deeply moving song that is, from two of my favourite singers ever!) Many of his stories blurring the lines between the private and the political. And such a great humour, too. He‘s life‘s company, always has been! (m.e.)

    Julio Cortazar und Robert Wyatt sind sich leider nie begegnet, obwohl es früh in den 1970er Jahren möglich gewesen wäre in Paris. Was Politik und Jazz angeht, wören hier zwei verwandte Seelen aufeinander gestossen, und hätte man ihre leider nur imaginären Gespräche über eine Woche aufgezeichnet, wäre ein wunderbares Buch dabei herausgekommen.

  • Weekend Nourishment

    Elvis Presley: From Elvis In Memphis / Boards Of Canada: Inferno / Visible Cloaks: Paradessence / Shane Parish: Autechre Guitar / Mikhail Pletnev: Chopin & Scriabin – Préludes / Linton Kwesi Johnson: Dread Beat An‘ Blood / Horace Andy: Dancehall Style / Blumfeld: Jenseits vom Jedem / Miles Davis: Filles de Kilimanjaro / Jeff Parker: Happy Today / Boards Of Canada: Inferno

  • It‘s a strange, strange world

    In den letzten Tagen wurden mir zwei Dinge bewusst: zwei Bands hatte ich in den Klanghorizonten durchweg sträflich vernachlässigt, von der einen hatte ich ein frühes Album vorgestellt, aber zu wenig Feuer gefangen, um ihren weiteren Weg zu verfolgen (Seefeel), von der anderen hatte ich nie wirklich was gehört, bis ich vor wenigen Jahren die Magie ihrer frühen Werke entdeckte (American Analog Set) und die Schatzkiste mit dem Titel „New Drifters“ sowie atemraubend coloriertem Vinyl meinen Plattenspieler ausgiebig in Beschlag nahm. Und heute hörte ich das neue Album von „Seefeel“ in zwei Durchgängen, und was war das denn bitteschön: Meister des fade-in, des fade-out, und des in-between, rätselhaft, pastoral, und ungeheuer subtil.

  • Eine Radiosendung aus den frühen 1990er Jahren

    “It is a point worth remembering as we listen to these records. We are being told a story. Nothing we are hearing really happened.“ (Graeme Thomson)

    Endlich ist das Buch von Graeme bei mir angekommen, „In Another World. The Four Seasons Of Talk Talk“. Darin geht es um die vier essentellen Alben „The Colour Of Spring“, „The Spirit Of Eden“, „Laughing Stock“, und „Mark Hollis“ aus den Jahren 1986 bis 1998. Alles Klassiker, alles Alben, die ich in den dreieinhalb Jahrzehnten meiner „Horizonte“ in den Nächten spielte, stückweise, immer wieder mal. Dass in meiner letzten Sendung im September Graemes Buch vorkommt, und ein Song aus „Laughing Stock“, darauf kann man ein Ei schlagen. Schon im ersten Kapitel über „The Colour Of Spring“ gewinnt der Schreibstil und der Gehalt des Buches meine volle Sympathie.

    Und obwohl der Autor Mark Hollis nie begegnet ist, kehrten meine Erinnerungen an unsere Interviews in London zu „Laughing Stock“, und in Hamburg zu „Mark Hollis“ zurück. Er gab überhaupt nur sehr wenige Interviews, und meine Erinnerungen sind so lebhaft wie wehmütig. Auch wenn die Aufnahmen verloren gingen, mündeten sehr viele O-Töne in die „Klanghorizonte“ der Jahre 1991 und 1998, in zwei lange Artikel in „Jazzthetik“, sowie in eine neunzigminütige Ausgabe des „Klanglaboratoriums“ (oder hiess es „Jazzlaboratorium“) beim NDR, als Michal Naura Redakteur war und mir zehn Jahre lange grünes Licht gab für alle möglichen Expeditionen durch die Randgebiete der improvisierten Musik.

    Besitzt jemand diese Sendung zufällig? Unwahrscheinlich. Die damalige Crew von Naura ist im Ruhestand, und jene frühen Tonbänder wurden meines Wissens nie digitalisiert. Ich gab den Titel meiner damaligen Sendung, eine diskrete Abwandlung von „50 ways to meet your lover“, bei Google ein, mit zusätzlichen Stichworten, und schaltete in den KI-Modus. Folgende Antwort erhielt ich: „Es gibt keinen bekannten Titel „50 Wege, das Zeitgefühl zu verlieren“. Der Begriff stammt wahrscheinlich aus einem Gespräch des Moderators Hubertus Meyer-Burckhardt, der in der NDR Talk Show über sein Buch „Diese ganze Scheiße mit der Zeit“ und den bewussten Umgang mit der eigenen Lebenszeit spricht.

    Fast eine Kalendergeschichte!

  • Patience der finalen Horizonte

    Vorspiel: Es war  ist schon eine besondere Jugenderinnerung. Drei Wochen in den Sommerferien mit Eltern in einem erlesenen Hotel in Reit im Winkl, eine Reitstunde, nach der mir einen Tag der Hintern wehtat (bye, bye, Robert Fuller!), verliebt in eine evangelische Pfarrerstochter, die mich nur träumen liess, nicht mal ein Kuss auf die Wange, und ein Jahr später eine surreale Zugfahrt an ihrer Seite in den Schwarzwald um eine Horde wilder Kinder in einem Nonnenstift abzugeben. Was blieb mir an heissen Sommertagen ausser „Foxtrot“ von Genesis zu hören, das „blaue Album“ der Beatles – und immer neue Patiencen zu legen, mit Hilfe eines Büchleins aus dem Falken-Verlag. Teenager sind kleine Hormonfabriken, und ich erprobte 25, 30 Patiencen, alle auf ihre Weise reizvoll, unterbrochen von Fantasien über die schärfste „milf“ (= „mothers i like to be fucked by, in meiner Lesart) meiner frühen Jahre, die sich genau ein Stockwerk unter mir auf ihrem Holzbakon in der Sonne rekelte. „If paradise is half as nice“, sang Amen Corner aus meinem Transistorradio.  Aber Jahrzehnte später kam meine Lust an der Patience zurück, als die Abstände zwischen meinen Klanghorizonten immer länger wurden, und ich diverse Playlists entwarf, stets auf der Suche nach dem perfekten „sequencing“. Da es zu den Prinzipien dieses Blogs ohne Bezahlschranke gehört, eigenen Passionen und Schreibfantasien nach Lust und Intuition zu folgen, fand ich immer mehr Freude an dieser „Patience der Horizonte“. 

    Imaginary September Playlist (for Lorenz E.)

    Evening on the Carlisle-Edinburgh Line, aus Trains In The Night (4‘43)
    Jan Garbarek: Sart, aus Sart (14’51)
    Lifetones: For a Reason, aus For A Reason (6‘37)
    Marion Brown: Maimoun aus Vista (8‘01)
    Scott Walker: Manhattan, aus Tilt (6‘05)
    Martina Testen / Simon Šerc: Nokturno, aus Nokturno (5‘00, Ausschnitt)

    Nokturno is the sound of a single night, from dusk to dawn, rich in complexity and rife with meaning.  The creatures appear at different times, staggering their appearance, finding ways in which to co-exist.  The thunder rolls; the residents react.  Church bells suggest a divine hand.  As the frogs surface, the animals emerge from their holes and the birds begin to sing again, what ideas might rule their thoughts?

    P.S. Natürlich ist diese Liste rein fiktiv – so wird es nicht kommen. Aber würde ich die Stunde genauso durchziehen, es kämen keine Beschwerden! 😉 Und natürlich, das feine Buch von Millay Hyatt fände seinen Platz. Mein Dankeschön an den einen oder andern Akteur aus der Echokammer meiner Maihorizonte! (m.e.)