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  • Relaunching Opal with two reissues

    Two reissues on their way of Eno‘s Another Day On Earth and Brian‘s team-up with Peter Schwalm for „Drawn Fron Life“. It will happen on October 16. „Drawn From Life“ gets a new cover, a really beautiful cover. I did long interviews with Brian and Peter in those old days about these albums that will be available on Cd, Dl, and, for the first time, on vinyl. Funnily enough, before hearing all this, „Just Another Day“ (from „Another Day On Earth“, a fantastic song about better not missing the magic of the here and now, without any preaching undertone) had nearly made it as the closer of my final radio hour on Sep 24 at Deutschlandfunk. In the end, I preferred „Spinning Away“ (for reasons of sequencing) and then again, I changed my mind one more time.

  • Die peinliche Schwarzweißmalerei von Wim Wenders

    „Ich könnte das Gleiche wiederholen, was ich damals gesagt habe. Ich könnte mich noch deutlicher ausdrücken. Was ich damals gesagt habe, ist: Wir Filmemacher sind das Gegenteil von Politikern. Wir haben Empathie. Politik funktioniert ohne Empathie, und das ist alles, was ich gesagt habe. Wir verfolgen einen ganz anderen Ansatz.“ (Wim W.)

    Gottogott! Bitte noch etwas mehr Weihrauch! Und. A propos „damals“: mit dem Kontext wird es noch peinlicher. (M.E.)

  • Das schönste Cover eines Musikmagazins anno 2026

    Zum nächsten runden Geburtstag von Steve Reich gibt es wieder werthaltige Editionen. Eine Dreifachvinylausgabe der drei ECM-Platten, und nicht zuletzt eine kleine Sonderedition seiner „Tape Works“. „Drumming“ war mein Erweckungserlebnis, aber als wollte ich das erste Hören und seine Wucht in der Erinnerung konservieren, hörte ich es nicht mehr oft. „Music for 18 Musicians“ drehte einst wie bei so vielen seine tranceinduzierenden Runden, aber fast so oft kehrte ich zu den „tape loop“-Experimenten zurück, und den bewusstseinsverändernden Erlebnissen, die damit einhergingen, speziell zu „It‘s Gonna Rain“, das nun von Electronic Sound zusammen mit „Work Out“ in einer so nie gesehenen farbenfrohen Cd-Edition daherkommt, die dem Cover der Septemberausgabe in nichts nachsteht! „Turn On. Colour In. Drop out.“ (m.e.)

  • Besenkammermusik

    Der einzige Traumrest war ein lindgrünes Stofftaschentuch, aus der Zeit, als solche Dinge noch als vornehm galten. Ich schaute das offensichtlich frisch gewaschene Teil etwas ratlos an, als ein kleiner Papierfetzen sich löste und auf den Boden segelte. In blauer Tinte stand dort nur die Jahreszahl 1967, und erinnerte mich erst in zweiter Linie an die frühe Hochzeit der Kinks („All day and all of the night“), zuallererst fielen mir, seltsam genug, alte Schulhefte ein, und wie brav ich dort immer, in einer Zeit, in der es für Schönschrift noch Noten gab, rechts oder links an den Rand (blütenweiss) den jeweiligen Tag notiert hatte. Also: 7. 2. 1967 – oder 8. 2. 1967.

    Die Jahreszahlen schienen unbewegbar zu sein wie geschützte Denkmäler, in den Boden gerammte Pfähle. Die Illusion von Zeitstillständen wurde also auch durch schulische Rituale bekräftigt, nicht nur durch den Luxus der Langeweile der „Babyboomer“, oder das trügerische Gefühl von Ewigkeit, das selbst einem sonnigen Spätsommertag anhaftete. 8. 9. 1967. Es gab in meinem Leben damals, in dem Jahr als die Zeit wieder mal stillstand, neben musikalischen Schlüsselerlebnissen („You Really Got Me“), kriminalistischen Entdeckungen (Sir Arthur Conan Doyle, alle Sherlock Holmes-Geschichten!) auch eine erotisch gefärbte Sehnsucht nach einer längst vergangenen, frühen Kindheit. Denn viele Jahre zuvor hatte mich Nacht für Nacht, in meinen Träumen, eine exotische Frau besucht, der ich einen Namen gab, und die mich, nackt am Rand eines Swimmingpools, massierte.

    Sie war eine Slawin, sie war eine Indianerin, sie war eine Zigeunerin, sie war ein Serientraum. Als meine Nase plötzlich lief, schneuzte ich in das Stofftaschentuch, legte mich auf eine violette Chaiselongue (mir war immer noch nicht klar, dass ich weiterhin träumte), und unterhielt mich eine Weile mit Will Sheff. Will erzählte mir von dem Drogentod der Sängerin Judee Sill in einem Wohnwagenpark, vom tristen Leben des Tim Hardin, vom Tod seines geliebten Grossvaters in einem Hospiz, und von dem Requiem, das er für das Ende seiner Band geschrieben hatte.

    Ich erzählte ihm von meiner „Farbenfrau“, von einem Himmel schwarzer Vögel, und wie die Kindheit – die seltsamsten Formen annehmend – durch unser Erwachsenendasein geistert. Wir sprachen über die Jahreszahlen der frühen Jahre, in denen die Zeit sich keinen müden Meter mehr zu bewegen schien, und wie wir damals die Angehimmelten in Zeitlupe einatmeten (in endlos gedehnten Blicken).

    Seine Stillstandsjahre waren in den Achtzigern aufzufinden, in einem Amerika der herausgeputzten Vorstadthäuser. Will nahm seine Brille vom Gesicht und putzte sie. Ich nahm das grüne Taschentuch und gab ein kräftiges Niessen von mir. Will nannte sein neues Album eine „Todesgeschichte“, und er meinte damit wohl Tod, Verwandlung, Neuaufbruch.

    Mein Blick fiel auf eine Tarotkarte aus alter Zeit, und ich sah Don Draper aus einem hochgelegenen Stockwerk stürzen. Irgendwas stimmte an dieser Begegnung nicht. Ich hörte das gleichsam indische Sirren der Gitarren auf „See My Friends“ (ein Foto von Ray Davies stand auf dem Schreibtisch). Auf dem Tisch lag auch das Album von Wills neuer Platte. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an dem Cover, das all die Sphären seiner sepiagrauen Gesänge mit kaleidoskopisch wirbelnden Kindheitsfarben mischte.

    Man hört der Platte von Okkervil  River nicht gerade an, dass sie in New York entstanden ist. Der Song „Days Spent Floating (In The Halfbetween)“ ist ein Finale besonderer Art, zusammengereimt aus lauter ersten Sätzen des morgendlichen Erwachens. Selten, dass ich auf einer Liederplatte nur Lieblingslieder habe. „Away“ ist ganz grosses Kino alter Schule. Orchestrale Besenkammermusik mit Ausblick!

    (Dieser Text erschien vor genau zehn Jahren auf Manafonistas. „Away“ von Okkervil River ist ein Album, das nicht als „buried treasure“ enden sollte.)

  • My summer books

    Niviaq Korneliussen: DAS TAL DER BLUMEN

    Das Buch wurde zurecht mit dem nordischen Literaturpreis ausgezeichnet.

    Warum zurecht? Es schildert die harten, crazy Lebensbedingungen auf Grönland.Selbstmordschilderungen werden so normal beschrieben, weil sie so normal auf Grönland sind. Die Schriftstellerin hat einen Weg gefunden, über ihre Heimat brutal zu schreiben, gleichzeitig, gelingt es ihr das Zarte, das Schöne, das sexuell Erfüllende, das Trostvolle in die literarische Waagschale zu legen.

    Jon Fosse: VAIM

    Auch dieses Buch hat den nordischen Literaturpreis bekommen. 2023 erhielt Fosse auch den Nobelpreis für Literatur.

    Vaim ist ein Ort in Norwegen. Dort passiert alles, aber nicht viel. Fosse erzählt ohne Punkt durchgängig mit vielen Wiederholungen à la Thomas Bernhard. Das erzeugt von der Form her Spannung. Fosse schreibt meisterlich, ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen.

    Malachy Tallack: DER OZEAN SO WILD UND WEIT

    Die Geschichte spielt auf den Shetland Inseln im Nordatlantik. Das Buch hat mich total fasziniert, weil es eigentlich eine Abhandlung über Countrymusic ist. Immer wieder habe ich das Buch beiseitegelegt und mir den erwähnten Song aus YouTube angehört. Und es gibt viele Songs, viele Neuentdeckungen für mich. Der Schriftsteller ist auch Songwriter. Er hat jedem Kapitel einen handschriftlichen Text beigefügt. „That beautiful Atlantic Walz“ kann man auf YouTube anhören.

    Florian Illies: TRÄUME AUS FEUER

    Mir hat das Buch ausgezeichnet gefallen. Illies ist immer unterhaltsam und geistreich.

    Er hat sich mit Johannes Kunkel beschäftigt, einem Alchimisten im 17. Jhdt., Freund von seinem Gönner, dem Kurfürst aus Neubrandenburg.Für die aussergewöhnlich kunstvoll angefertigten Gläser, die er dem Kurfürsten und seiner Frau zu den Geburtstagen schenkt, übergibt ihm der Kurfürst als Anerkennung und zum Dank die Pfaueninsel. Nach seinemTod hageln die Intrigen des Hofes auf Kunkel nieder, Kunkel verliert alles.

    Lajla Nizinski

  • „May it live up to my imagination!“

    ein kleines neues flowflowmusikrätsel, bei dem es nichts zu gewinnen gibt ausser, bei einigen stammlesern dieses blogs, ein quantum vorfreude.



    Wenn mir jemand von diesem Archivfund erzählt hätte, hätte ich mit Verwunderung und leichten Zweifeln reagiert. Ein spannendes weiteres Kapitel aus der Reihe imaginärer Alben? Aber am 6. November ist es soweit. Wenn ich es schon so spannend mache: ich werde es besprechen, und die Nikolauslisten könnten etwas anders aussehen. Die Erstveröffentlichung eines Konzerts aus dem Jahre 1977. Freunde dieser Musik müssen sich nur das Cover ansehen, um der Sache auf die Spur zu kommen. Morgen erinnere ich an ein Album, das in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen erlebt und nie den „Klassikerstatus“ erreicht hat, den es in meinen Ohren verdient hat. Es hat ein nicht minder betörendes Cover – und transportiert meine damalige, stark autobiographisch gefärbte Vorstellung in den Spätsommer 2026. In jenem September 2016 stellte Jan Reetze „Goodbye To Language“ von Daniel Lanois vor.

  • Short Story

    Wenn in 2000 Jahren durch Zufall dieses Ding gefunden wird, dann wird man sich fragen: Was kann das gewesen sein? Aber niemand wird es wissen. Dann werden sie ihre Keulen fester umfassen und das Ding in Stücke schlagen. Weil man ja nie wissen kann.

  • The „take your time“ philosophy

    Ich musste 50 werden, um Zugang zu Aretha Franklin zu finden. Bei Gustav Mahler war ich ab ungedähr 18 Feuer und Flamme, und hörte seine Symphonien, regelmässig, bis ich 25 war. Ich las Biografien verglich Symphonien, hatte meine Sammlung an Platten, dirigiert von Szolty (meinem Helden!), Bernstein und Walter. Warum erschien mir Barenboim so handzahm? In der Zeit begegnete mir auch ein Interview mit Carla Bley, in der sie rundum „Ecalator Over The Hill“ und dem nicht minder grossartigen Opus „Tropic Appetites“ ihre Liebe zu Mahler und Sgt. Pepper bekundete. Ich schmunzelte. Aber Aretha, ja, sie packte mich erst viel später. Lebenserfahrung? Eher wohl der richtige Moment. Und dann auch erst fand vor zehn, fünfzehn Jahren, dieser Song zu mir, zu dem Richard Williams in seinem Nachruf auf „The Blue Moment“ so einiges schreibt, hier meine Lieblingspassage… : (m.e.)

    Let‘s Straighten It Out

    „When I called my old friend Pete Wingfield to check a couple of musical points, he observed that it was a record embodying the “take your time” philosophy — something almost extinct in today’s music scene. It’s a relaxed record because the mood in the studio was relaxed, and the musicians were allowed to get on with doing their thing. Other examples might be Aretha’s “I Never Loved a Man”, Don Covay’s “It’s Better to Have (and Don’t Need)”, Marvin Gaye’s “I Want You” or Bill Withers’ first album.“

  • Tutuguri

    In der Philharmonie besuchten wir eine Darbietung von Wolfgang Rihms Tutuguri, nach Antonin Artauds Gedicht, uraufgeführt in Berlin 1982. Zum Glück hatte ich die Weitsicht, die Karten im Februar zu kaufen, als ich noch bei der KBB angestellt war, so hatten wir sehr gute Plätze. Es war allerdings ohnehin nicht ausverkauft, verrückterweise. Ich meine, jede siebentausendste Beethoven-Sinfonie-Aufführung ist ausverkauft, aber nicht solche Beosnderheiten der zeitgenössischen Musik, die man wirklich selten erleben kann.

    Wo der Rihm nur all diese Ideen hernahm! Unglaublich. Das Ding ist wirklich ein ziemlicher Wahnsinn, ein Orchesterwerk mit unzähligen Schlaginstrumenten (man kennt das ja von Rihm) plus zugespieltem Chor und einer Artaud-Figur auf der Bühne, die als „schreiender Mann“ geführt wird. Zuerst 95 Minuten lang, drei Sätze (oder „Bilder“), dann eine längere Umbaupause — und dann nochmal 40 Minuten, aber mit nur 10 Schlaginstrumentalisten, vier von ihnen im Gebäude im Zuschauerraum platziert. Rihm-Schüler Jörg Widman dirigierte, was mit ein Grund war, die Karten zu kaufen. Sofern man das noch dirigieren nennen kann… Das war eher eine Art 130-minütiges Workout. Widman ist sichtlich nicht mehr der Jüngste (ich habe ihn in den letzten Jahren mehrfach auf der Bühne gesehen), doch er tanzt und springt trotzdem vor dem Orchester herum, als wäre er 23. Ein Tuch, um regelmäßig das Gesicht vom Schweiß zu befreien, hatte er passenderweise am Dirigentenpult. 

    Rihm hat sich in seinen jungen Jahren hier weit rausgewagt, und die Musiker genossen sichtlich diese einmalige Gelegenheit, so in die vollen gehen zu können. Laut war’s streckenweise auch. Es wurden Ohrstöpsel zur Verfügung gestellt. Die Einstützenden Neubauten hätten das in ihren „alten Tagen“ nicht expressiver geben können. Schauspieler und Rezitator Michael Engelhardt hat für die Produktion von Tutuguri eine Neuübersetzung der Texte Antonin Artauds erstellt und gemeinsam mit Jörg Widmann, dem Dramaturgen Mark Sattler und dem Lichtgestalter Markus Güdel eine eigene Aufführungsversion geschaffen, die sich speziell in der Verwendung des Texts von der 1982er Fassung unterscheidet.

    Was für eine Darbietung, was für ein Werk!

    Im Deutschlandfunk Kultur gibt es am 31. Oktober 2026 um 19:05 Uhr wohl eine Aufzeichnung davon zu hören.