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  • Die Fabrik der Träume

    Es gibt viele Wege, alte Zeiten zu erinnern. Eine Zeitreise durch die Alben von Steve Tibbetts brachte Erinnerungen mit sich an mein erstes Hören seiner Musik in meiner Souterrainwohnung im Bayerischen Wald anno 1982. Man kann ja überall über Erinnerungen stolpern: als ich einmal meinem Lieblingslyriker der alten BRD zufällig im Fahrstuhl des Deutschlandfunks begegnete (er war lange Jahre Redakteur der Hörspielabteilung), zog ich freundliches Grüssen allein jedem small talk vor. Vor Tagen fiel mir ein altes Buch von ihm und seiner Frau in die Hände, „Fenster und Stimmen“ aus eben jenem Jahr 1982, in dem ich tief im Südosten eine kleine grosse Lovestory erlebte. „Die Malerin und Graphikerin Rango Bohme, einst Jürgen Beckers Lebensgefährtin, hat dieses Buch mit ihrem Bildern ermöglicht, denen, unabdingbar zugehörig die selbständigen Stimmen der Gedichte zur Seite gestellt sind“, so heisst es im interessanten, ausführlichen Klapptext des Buches. Das Gedichte haute mich schlicht um, als ich es vorgestern und gestern auf mich wirken liess, zusammen mit der Zeichnung von Rango. Jürgen Beckers Lyrik ist für mich eines der spannendsten Transportmittel für Zeitreisen durch die Jahrzehnte im alten Westdeutschland, weil sie es nie bei Abbildung und Innerlichkeit belassen, sondern erfinderisch Schicht um Schicht freilegen.

    Ein Freund schrieb mir vor Tagen, dass er vor der Frage stehe, die Briefe einer alten Liebe ins Feuer zu werfen. Es war ja alles, egal wie fantastisch, letztlich auf grossen Liebeskummer hinausggelaufen bei ihm, auf den Schmerz und die Leere, die eine lang gehegte Illusion hinterlässt. Nun, diesem Club hätte ich Ende 1982 auch beitreten können. Heute Nacht fand ich mich im Traum in meiner vorübergehenden bayerischen Wahlheimat wieder, scheinbar nicht weit von dem Örtchen Arnschwang entfernt. Ich traf auf eine Gruppe rüstiger Wanderinnen, erkannte ihren leicht süddeutschen Zungenschlag. Ich fragte sie, wo denn hier der Ort Arnschwang zu finden sei. Sie sagten mir, gar nicht weit von hier, und sie würden mich ein Stück des Weges begleiten. Eine der Wanderinnen war elegant gekleidet, dezent geschminkt und wunderschön, ich fühlte mich unmittelbar von ihr angezogen. Nebeneinander wanderten und sprachen wir, auf einmal spürte ich ihre Hand in meiner. Ich war wie verzaubert und erzählte ihr etwas von meiner alten Arbeit hier und meiner abgelegenen Wohnung. Da tauchte sie auch schon vor meinen Augen auf, aber als wir den Weg rechts runter gingen, Richtung Bauerngehöft, hatte sich die Architektur der einstigen Häuserzeile komplett verwandelt – in einen riesigen Fabrikraum mit seltsaman Plakaten. Dort irgendwo habe mal mein Wohnzimmer gestanden, sagte ich ihr, und staunte nicht schlecht, als sie mir leise ins Ohr flüsterte, sie wolle mich morgen wiedersehen, aber an einem schöneren Ort. Jetzt, wo ich dies notiere, erinnert sie mich von ferne an Kathleen Hepburn, die ich vorgestern noch gesehen hatte, in Robert Zemeckis „Jagd nach dem grünem Diamanten“. Ein altmodischer Abenteuer- und Liebesfilm. Mit etwas zuviel Geballer, jeder Menge herrlichem Blödsinn und ein paar bezaubernden Szenen! Ein bisschen wie mein Traum!

  • Eine kleine Radiogeschichte

    1 – EIN HÖRSPIEL – Wenn man gute dreieinhalb Jahrzehnte Radiosendungen gemacht hat, wiederholt man sich schon mal. Ich versuche, in dieser kleinen Radiostory ein paar „alten Hüte“ zu entstauben. Besser gesagt, ich hole sie jetzt ein letztes Mal aus dem Regal. Als ich im Sommer 1989 aus Minneapolis Steve Tibbbetts‘ Antworten auf meine Fragen für ein Jazzthetik-Interview bekam, hatten sie die Gestalt einer alten C-90-Kassette angenommen. „Das ist ja ein Hörspiel!“, war mein erster Gedanke, völlig beeindruckt davon, wie Steve hier allerlei Feldaufnahmen zwischen Tibet und den Rocky Mountains mit seinen eigenen Geschichten zur Entstehung der Musik von „Northern Song“, „Safe Journey“, „Exploded View“ und „Big Map Idea“ verband.


    2 – JAZZ BY POST IN BERGEINÖDEN – Ich hatte schon in Bayern ein paar Wahlverwandte im Radio ausfindig gemacht, während des Studiums in Würzburg – Ingeborg Schober, Michael Hutter, Karl Bruckmaier begleiteten mich mit ihren „Zündfunk“-Sendungen und waren fast alle Brian Eno-Fans. Einmal war Phil Manzaneras „801 Live“ das „Album der Woche“, und zu hören wie Eno da zwei Lieder einer alten Heroes Ray Davies und John Lennon sang, war eine Offenbarung. Einmal, 1981 oder 1982, sass ich in dem alten Restaurant nahe der Fachklinik Furth i. W., meiner ersten Arbeitsstelle als Psychotherapeut für Alkohol- und Medikamentenabhängige, und die alte Lady, die dort grossartige Schnitzel und Steaks zubereitete, liess für den „verrückten Herrn Engelbrecht“ (so nannte sie mich manchmal) den „Zündfunk“ laufen („aber nur, weil es noch so leer ist, mein Lieber“) – und nacheinander spielten Pere Ubu und die Talking Heads! Irgendwas muss ich richtig gemacht haben, mich für ein paar in den hinterstens Bayerischen Wald verzogen zu haben. Meine erste Begegnung mit der Musik von Steve fand genau dort statt, im Fünf-Häuser-Örtchen Bergeinöden bei Arnschwang, wo ein Paket von „jazz by post“ mit „Northern Song“ in meinem Briefkasten steckte. Ich glaube, es war Sommer. Und „Too Rye Aye“ war die meistgespielte Platte in diesem Kaff am Ender der Welt.

    3 – RICHARD UND SUSSAN IM CHE COO LA LA – Anfang der Siebziger Jahre war Winfrid Trenkler mein Dealer für „Seelennahrung“ im WDR, und in den grossen Ferien an der Nordsee, noch viel früher, als Teenager, war das Michael Naura, seine Jazzsendungen im NDR. Als ich auf Umwegen Mitte der Achtziger Jahre nach Dortmund zurückkehrte, waren die Sendungen von Alan Bangs, Karl Lippegaus und John Peel eine feines Sache. Tja, und nach zwei Jahren an der Volkshochschule Bochum im Rahmen einer spannenden ABM-Stelle mit dem Titel „Neue Konzepte der Gesundheitsbildung“ mal wieder arbeitslos, schrieb ich aus reiner Freude für Jazzthetik Musikkritiken, und machte meine ersten Interviews mit Richard Horovitz, Sussan Deyhim, Eberhard Weber, Heiner Goebbels, und Rabih Abou-Khalil.

    4 – DIE NEUNZIGER IN DER ROTHENBAUMCHAUSSEE – Mit Geldverdienen hatte das wenig zu tun. Als ich nun aber Steves Kassette angehört hatte, fasste ich den Plan, zum ersten Mal in meinem Leben diverse Radiohäuser zu betreten. In kurzer Zeit hatte ich meine Premieren im DLF, NDR, WDR und HR. An einem einzigen Abend, im Oktober oder November 1989, liefen meine beiden Portraitsendungen über Steve Tibbetts, in Köln und Hamburg (die 1990er Jahre mit Michael Naura als Boss kamen mir wie ein wahr gewordener Kindheitstraum vor).

    5 – MOVIES MADE OUT OF SOUNDS – Die LP- Und CD-Ausgabe von „Big Map Idea“ erschien damals mit meinen „liner notes“ – eine feine Sache. Alan Bangs schickte ich die Platte, und er spielte ein Stück daraus. Ich kannte ihn nicht persönlich, und „köderte“ ihn wenig damit, dass ich im beiliegenden Brief schrieb, dass der „spirit“ des von ihn so geschätzten John Fahey von ferne durch die Musik schweben würde! Meine allererste Produktion war früh morgens im Sendehaus des Deutschlandfunks. An den Titel jener Ausgabe der „Studiozeit“ kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber daran, in der Nacht davor vor Aufregung kaum geschlafen zu haben. Und dann war es soweit – hinter der Glasscheibe: der Tontechniker, Harald Rehmann, und auch Karsten Mützelfeldt. Ich wusste, das war jetzt klassisches „Vorsprechen“, eine Art „Casting“, als ich vom Skript meine Moderationen lass. Es lief rundum gut – Karsten wusste ja, dass hier möglicherweise ein zukünftiger Kollege vorstellig wurde, und ich bin ihm heute noch dankbar, wie superkollegial er sich verhielt.

    6 – MEMORIES OF MEETING KENNY WHEELER – Seitdem machte ich bis Ende der Nuller Jahre zahllose Portraits für Haralds Jazzabteilung (ich werde demnächst mal meine alte Sendung über Kenny Wheeler „ausgraben“ lassen) und seit Mai 1990 regelmässig die „Klanghorizonte“. Dann tauschte ich die Potraitstunden gegen das Jazzmagazin ein, die „Klanghorizonte“ liefen wie gewohnt weiter – immer nachts und live – wie habe ich diese Radionächte geliebt! Mein bislang letztes Portrait hatte ich 2014 über einen gewissen Jan Bang gemacht.

    6 – CLOSING CIRCLES – Und nun sollte sich ein Kreis schliessen. Obwohl ich im Mai und September noch zweimal die „Klanghorizonte“ mache (und vielleicht einen kleinen Nachschlag bekomme, wenn meine Gehaltsforderungen im mittleren fünfstelligen Bereich erfüllt werden und ich nicht wie mein eigener Opa rüberkomme), wird die Sendung der JazzFacts am 22. Januar 2025 um 21.05 Uhr definitiv mein letztes Potrait sein – es begann mit Steve Tibbetts, und endet mit Steve Tibbetts. Das hat etwas Rührendes. Da ích sein Album „Close“ schon in den Klanghorizonten ausführlich vorgestellt hatte, sollte sich das Portrait mit dem Titel „Die Minesota -Kathmandu – Connection“ mit all seinen ECM-Alben befassen zwischen 1982 und 2025, ohne die „reissue“ seines zweiten Werkes „Yr“ unter den Tisch fallen zu lassen.

    7 – DAS LETZTE PORTRAIT – Das ist mal eine Herausforderung, alle seine Lps und Cds mit seinem Freund und Perkussionisten Marc Anderson Revue passieren zu lassen, sinnlich, und „sinnmachend“, in 54 Minuten und 38 Sekunden. Auf Pellworm und daheim war ich in der Musik von Steve und Marc geradezu „verschwunden“, und gestern wurde diese knappe Stunde endlich produziert, im vertrauten Studio 3A, mit dem exzellenten Tontechniker Mr. Weingart. Als mein Redakteur die O-Töne gehört hatte , und zusammen mit Robert Oschatz die „voiceovers“ aufgenommen hatte, wusste er, dass diese Sendung – ich sag es mal so – „sehr bewegend“ sein würde, und das gewiss nicht wegen meines „nostalgischen Kreiseschliessens“.

    8 – ARBEIT AM DETAIL – Als wir fertig waren, war die Zeit zu lang: „wo jetzt kürzen, Mr. Weingart?“ – wir entschlossen uns, die Passage aus „The Big Wind“ auf eine Minute runterzubrechen; auf der Rückfahrt nach Aachen wurde mir bewusst, dass dem gewählten Ausschnitt (ohne die ursprünglich zu hörende Wandlung eines „rhythm patterns“) die geplante Wirkung schlicht abhanden kam. Kein grosses Ding, und kaum einer würde das im „flow“ des Hörens bemerken, aber so gefiel es mir einfach nicht, und ich buchte eine weitere Stunde im Sender (für den kommenden Montag), um eine andere kurze, aber effektvollere Passage aus dem Album „Northern Song“ aufzunehmen. So weit, so gut.The angel in the detail…

    9 – „YOU WANT IT DARKER“ – Auch in der Sendung selbst wird sich ein Kreis schliessen, denn sie beginnt und endet mit seiner aktuelle Cd „Close“ – alles dazwischen ein Vorüberfliegen der Jahre, und, im schönsten Fall, hier und da, für den einen und anderen Hörer, auch die Art von Zeit, die still zu stehen scheint, wenn man völlig aufgeht in der Musik. Das Zauberwort ist „deep listening“. Das Begleitphänomen still stehender Zeit – faktisch vergeht sie im Fluge! Als kleine Zugabe, hier die Listung anderer Schallplatten, die in dieser Stunde Erwähnung finden: Leonard Cohens „You Want It Darker“, Mark Hollis‘ Soloalbum, „Electric Ladyland“ (blame it on the „Rolling Stone“) – sowie nicht namentlich, aber en passant, Musik von Ustad Sultan Khan, die drei Codona-Alben auf ECM, sowie die frühen Alben von „Oregon“.


    10 – „COVER STORY“ – Jeder Musikliebhaber und Freund des Mediums Schallplatte (aber auch CD) hat Lieblingscover, die in der Regel Teil von Lieblingsalben sind. Wenn du auf den Titel dieses kleinen Schlussabsatzes klickst, hörst du Steve seine Story erzählen zu dem Cover des vielgerühmten und viel zu wenig bekannten Albums „A Man About A Horse“ von 2001. Meine kurze Kurzgeschichte zu Oregons „Evening Light“ geht so: Während meines Psychologiestudiums in Würzburg hatte ich das grosse Glück, Seminare bei einem „Schüler“ von Herrn Dreikurs zu besuchen, der ein „Schüler“ des Individualpschologen Alfred Adlers war, einer der Pioniere der sog. Tiefenpsychologie. Wir erforschten früheste Kindheitserinnerungen, Lebensstilanalysen und das weite Feld der Traumdeutung. Einmal sollten wir drei aktuelle Träume aufschreiben, die uns bedeutsam erschienen, und einen für das Seminar auswählen. Zu meinen drei Träumen zählte der folgende, den ich nur deshalb nicht zur Sprache brachte, weil seine Deutung kinderleicht ist.

    11 – DER TRAUM – Es war ein heisser Sommertag, der sich dem Abend zuneigte. Ich hatte Tage zuvor von der anstehenden Neuerscheinung eines Oregon-Albums gelesen, mit dem Titel „Evening Light“. Im Traum ging ich zu den einschlägig bekannten Läden, u.a. zu jenem, bei dem früher oder später Dave Liebmans „Lookout Farm“ und „Under The Sun“ vom Human Arts Ensemble gekauft hatte oder noch kaufen würde. Einen Raubdruck von Watzalwicks Buch „Lösungen“ hatte ich auch dort bekommen. Kein Geschäft hatte die neue Platte von Oregon, ich stromerte durch die Strassen der Stadt, und als ich zum Schluss bei meinem speziellen Buch- und Musikdealer vorbeikam, schaute der Händler nach und drückte sein Bedauern aus. – Oh, sagte, ich, wie schade. ich liebe das Album „Distant Hills“, und ich kann es einfach nicht erwarten. Ich griff spontan unter seine Ladenkasse und holte dort eine andere, beigefarbene Kopie des illegal nachkopierten Büchleins „Lösungen“ hervor. Ich hielt es ihm vor sein Gesicht und sagte: „Es muss doch eine Lösung geben!“

  • On Learning to Dissect Fetal Pigs, by Renée Nicole Macklin

    i want back my rocking chairs,

    solipsist sunsets,

    & coastal jungle sounds that are tercets from cicadas and pentameter from the hairy legs of cockroaches.

    i’ve donated bibles to thrift stores

    (mashed them in plastic trash bags with an acidic himalayan salt lamp—

    the post-baptism bibles, the ones plucked from street corners from the meaty hands of zealots, the dumbed-down, easy-to-read, parasitic kind):

    remember more the slick rubber smell of high gloss biology textbook pictures; they burned the hairs inside my nostrils,

    & salt & ink that rubbed off on my palms.

    under clippings of the moon at two forty five AM I study&repeat

                   ribosome

                   endoplasmic—

                   lactic acid

                   stamen

    at the IHOP on the corner of powers and stetson hills—

    i repeated & scribbled until it picked its way & stagnated somewhere i can’t point to anymore, maybe my gut—

    maybe there in-between my pancreas & large intestine is the piddly brook of my soul.

    it’s the ruler by which i reduce all things now; hard-edged & splintering from knowledge that used to sit, a cloth against fevered forehead.

    can i let them both be? this fickle faith and this college science that heckles from the back of the classroom

                   now i can’t believe—

                   that the bible and qur’an and bhagavad gita are sliding long hairs behind my ear like mom used to & exhaling from their mouths “make room for wonder”—

    all my understanding dribbles down the chin onto the chest & is summarized as:

    life is merely

    to ovum and sperm

    and where those two meet

    and how often and how well

    and what dies there

  • Unterricht

    And now for something completely different: Vor einigen Tagen war im „Tagesspiegel“ dieser Schnipsel zu sehen und ging durchs Web:

    Den habe ich auf meiner Facebookseite gepostet und ein wenig flapsig kommentiert. Das hat zu Antworten geführt, die wiederum mich dazu veranlasst haben, meine Ansicht zu verdeutlichen. Diesen meinen Kommentar stelle ich jetzt mal hier hinein: 

    Man kann darüber streiten, ob Texte wie der „Faust“ oder die Grimmschen Märchen heute noch Teil des Unterrichts sein sollten. Wenn man sich aber dafür entscheidet, dann bitte richtig, und das heißt: anhand des Originals. Wer meint, dass das die Schüler überfordert, unterschätzt sie. „Faust“ liefert ja nicht einfach „Content“, dem man Genüge tut, wenn man den Fakteninhalt halbwegs rüberbringt. Es geht bei Goethe (wie bei allen guten Autoren) um den Zusammenklang von Inhalt, Erzählstruktur, Wortwahl, Formulierung, Schreibweise und Orthografie. Wenn man einen dieser Faktoren verändert, liest man nicht mehr Goethe, sondern einen Verlagsredakteur.  

    Ich habe neulich hier in diesem Blog einen Text darüber geschrieben, weshalb ich es lohnend finde, auch heute noch Thomas Mann so zu lesen, wie er es geschrieben hat. Seine Werke sind sprachlich-musikalische Kompositionen, die bis ins letzte Komma ausgefeilt sind. Wer nicht bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen oder diese Sprache auf sich wirken zu lassen, kann ja von mir aus etwas anderes lesen. Man kann der bequemeren Lesbarkeit wegen auch auf die Idee kommen, in Thomas Bernhards Texte Absätze zu hauen, aber das Leseerlebnis wäre dann ein anderes, und man soll dann nicht glauben, ihn zu kennen.

    Dass man komplexe Musikwerke auch anhand eines Klavierauszuges analysieren kann, ist in Ordnung und kann zum besseren Verständnis beitragen. Es ersetzt aber nicht die Kenntnis des vollinstrumentierten Werkes.

    Wie weit das alles in der Realität an den Schulen noch zu leisten ist, ist eine andere Frage. Wenn die halbe Klasse kein Deutsch spricht, man es mit Eltern zu tun bekommt, die ihre Brut entweder für hochsensibel oder für hochbegabt halten, wenn Schüler beim Übergang zum Gymnasium die Grundrechenarten nicht beherrschen, nicht wissen, wie man einen Stift hält, oder nicht in der Lage sind, die zweite Seite eines Textes mit der ersten in Verbindung zu bringen, dann könnten meine Überlegungen ziemlicher Luxus sein. Dieses Problem löst man dann aber nicht dadurch, dass man die Anforderungen immer weiter senkt, nur um möglichst viele Abiturienten zu erhalten.

  • Me and Bobby Weir

    Jetzt ist my Angel gestorben. Von den Grateful Dead war er mein Hingucker, a very pretty young man. Neben dem gemütlichen, vollbärtigen Garcia wirkte Bob wie ein frisch entlassener Highschool Fellow, er war indeed der jüngste bei den Deads. Ich mochte seine Cowboy-, seine Countrysongs. Der Endlossong „Playing in the Band“ hat nicht nur mich ohne Joint high gemacht, ich habe den Genuss in Oakland im Sylvesterkonzert 1979 und dann irgendwann in den 80ern beim Konzert in Bremen voll ausgeschöpft. Wir waren eine grosse Gemeinde, wir Deadheads, tanzend wie in Trance. es waren meine schönsten Konzerte.Bob Weir stand meistens neben Garcia, manchmal trat er nach vorne, der hübsche Frontman an der R thythm Guitar. In seiner über 10 minutenlangen „Weather Report Suite“ Performance war kein Deadhead zu finden, der nicht „Let it grow, let it grow“ mitsang. Meine Lieblingssongs der Grateful Dead sind die Stücke, die von Bob Weir geprägt sind, like “ Looks like rain“, „Only a river“ „Hell in a bucket“, aus dem folgendes ,zu seinem Tod mit 78 Jahren passt: There May come a Day I will dance on your grave, if unable to dance, I will crawl across it. Ich werde in den nächsten Tagen ausschliesslich Grateful Dead hören. Morgen beginne ich mit „Don’t worry“, hier am Atlantik, phantasiere mich aber nach California.

    Lajla Nizinski

  • „Three Blind Mice“

    in the end, the structure of magic does not fail.



    Chaos working. Wimmelbild oder Zettelwirtschaft – vorübergehend sah es genau so aus. Jetzt ist das Skript weitgehend geschrieben, und alle ECM-Alben von Steve Tibbetts finden ihren Platz, ihren Raum. Bei 54 Minuten und 38 Sekunden heisst es kürzen, verdichten, ohne an Transparenz zu verlieren. Möglicherweise fällt folgende Aufzeichnung von Steve aus seinen alten Tagebüchern aus Nepal und Bali (1991, 92) der Zeit allein zum Opfer. Es war die Zeit vor der Aufnahme seines Albums „The Fall Of Us All“.

    Ich frage mich, wieso ich jeden Tag mit der Titelmelodie von „The Good, The Bad and the Ugly“ im Kopf herumwandere. Oder mit „Three Blind Mice“ oder mit „You Light Up My Life“. Ich spreche mit Keith über die Musik, die sie für die Pujas hier verwenden. Die Musik in den tibetischen Klöstern, die Hörner und die Trommeln beginnen so um 3:00 morgens. Es ist laut. Sie haben eine Sprengwirkung, sagt er. Es tickt. Ich liege im Bett. 3:00 morgens. Die Hörner und Trommeln lassen einzelne Klangsplitter erschallen, die wie ein sehr langsames „Three Blind Mice“ klingen. 

    4:00. Eine weitere Puja, die klingt wie  die fünf Noten, die den Debbie Boone Song einleiten. 4:30. Der Haushahn von nebenan schreit die ersten Fragmente von „The Good, The Bad and the Ugly“ heraus. Ich träume zu diesem Sound, und er begleitet mich den ganzen Tag. Ich bin hier oben in Sikkim. Ich erhielt eine Sondergenehmigung. Ich stand die höllische Busfahrt durch den Osten Nepals durch und ich konnte die Songs nicht aus meinem Kopf vertreiben. Ohrwürmer. 

    Ich frage Choki Nyima  Rinpoche, wofür die Musik in den Klöstern gedacht sei, und er erzählt mir, sie solle helfen, fixierte Konzepte schneller zu durchbrechen. Ich erzähle ihm von den „Three Blind Mice“ und wieso das nicht durchbrochen wird. Er lächelt großzügig und gibt mir einen Klaps auf den Kopf. Der Verrückte aus dem Westen!“

    Was ich in den letzten Wochen bemerkt habe, ist, wie viel mir die Alben, alle Alben von Steve Tibbetts, bedeuten. Nach wie vor. Aber nun werde ich erst mal keine Musik mehr hören, bis die Produktion beim Deutschlandfunk im „WebMerlin“ gelandet ist. Robert Oschatz ist einmal mehr die deutsche Stimme von Steve – super! Ich bin ganz schön groggy. Und freue mich heute Abend auf den Film „Mein Leben mit Amanda“. Von Mikaël Hers, einem grossen Go Betweens-Fan übrigens. Der Vorgänger seines wunderbaren Films „Passagiere der Nacht“. Einmal lief nachts im ZDF ein alter Lieblingsfilm von mir, Jacques Rivettes „Celine und Julie fahren Boot“, im ZDF. Ich war mitten in meinem Nachtprogramm, und hatte gerade ein feines grobkörniges Stück „Ambient Music“ aufgelegt, ich weiss gar nicht mehr, von wem. Ich ging zu dem Mann im Schaltraum und bat ihn, die Tonspur des Films in mein Studio zu leiten, und dann mischte ich die Stimme von Bulle Ogier und die Sounds von Paris unter die Musik, ein paat Minuten lang. Ich empfand das als gespenstisch und ergreifend – wohl der einzige Remix, den ich je anfertigte.

  • Mein Lesetipp eines Klassikers unter den postapokalyptischen Romanen


    Ich bin kein Experte in diesem Genre, aber durch die Seiten dieses – ganz nebenbei auch hervorragend geschriebenen – Buches bin ich fast geflogen. Ist schon ein paar Jahre her. Ganz anderer Art, und ebenso gut, sein Roman „Der Fluss“. Da bin ich nun sehr gespannt, wie ein alter Fuchs unter den Regisseuren den Stoff von „The Dig Stars“ 2026 umsetzt. Zitat Criterion: „Humanity’s hanging by a thread in Ridley Scott’s The Dog Stars, based on Peter Heller’s 2012 postapocalyptic novel and starring Jacob Elordi, Josh Brolin, Margaret Qualley, and Guy Pearce.“

    Kurze Nachbemerkung, und wenn es hierbei nicht um postapokalyptisches Terrain geht, dann doch in mindestens einem Fall um visionäres Kino: zu den mich am tiefsten berührenden Filmen des Jahres 2025 zählt Sirāt. Wer den Film noch sehen möchte, lese bitte zuvor keine einzige Besprechung. Keine einzige Inhaltsangabe. Und: der Film verlangt eine grosse Leinwand, um seine volle Wirkung zu entfalten. Ob man den Film als existenzialistisches Drama oder metaphysische Parabel oder ein grandioses Road Movie mit Tiefgang empfinden wird, ist Ansichtssache. Auf jeden Fall hat mich der Film dieses jungen spanischen Regisseurs so begeistert (sogar die Rave-Musik darin, neben der marokkanischen Landschaft, die alles andere als erhaben daherkommt und eher wie „verwundetes Land“ wirkt), dass ich schon heute auf seinen kommenden Film gespannt bin.

    Sirāt hat die gleiche Klasse in meinen Augen wie einer meiner spanischen Lieblingsfilme überhaupt, Julio Medems „Tierra“, letzterer übrigens mit mindestens einem Lied von Caetano Veloso im Soundtrack. Wie schrieb damals Michael Althen in der FAZ: „Genau das macht den Zauber von Medems Filmen aus, daß er auf die Erde blickt wie auf ein fernes Gestirn, dessen Naturgesetze nur den Regeln des Herzens zu gehorchen scheinen.“

  • KI generierte Musik

    Gestern erhielt ich ein Musikvideo von einer Freundin, über das ich mich sehr freute, weil es einen Song über El Hierro enthielt. Es gibt kaum Lieder über die Insel, ausser natürlich die folkloristischen Melodien. Ich hörte mir den Song mehrmals an, weil er einen auffallend schönen Text über die Insel enthielt. Dann achtete ich auf die Filmaufnahmen, die aufgrund ihrer Farbigkeit die hiesigen Landschaften besonders attraktiv zeigen. Ich kenne alle Videos über El Hierro, aber einen so hervorragenden Film hatte ich bisher noch nicht gesehen. Ich hörte den Song mehrmals, weil ich nicht sicher wusste, ob es sich um einen Sänger oder eine Sängerin handelte. Ich fragte meine Freundin, wer der Interpret des Songs sei, sie schrieb zurück: Jorge Luis- Ich googelte, fand keinen Jorge Luis, aber einen José Luis, der über Hierro singt. Ich schaute mir seine Videoclips an, das war aber nicht der Sänger, der das wunderschöne Hierrolied sang. Meine letzte Hoffnung war Torsten de Winkel, der hier das jährliche Jazzfestival initiiert, er kennt sich in der lokalen Musikszene sehr gut aus. Er konnte sich auch nicht erklären, wer das sein könnte. Wir diskutierten zum ersten Mal die Frage, ob es sich hier um ein KI generiertes Musikstück handelt.

    Ich war wie gesagt begeistert von der Qualität des Musikfilms. Ich beschäftige mich schon länger mit KI und benutze auch Chatjpd. Ich lese die Antworten kritisch und bedachtsam. Die Begegnung in der Musik ist neu für mich, auch, dass sie mich so fasziniert. Natürlich kenne ich die Bedenken was das Urheberrecht betrifft und die Konkurrenz zu der menschlich gemachten Musik.

    Mich würde Eure Meinung zu diesem Thema sehr interessieren.

    Lajla Nizinski

  • Pellwormer Begebenheiten

    „Tibbetts belongs to a lost generation of musicians, the ones who grew up listening to the progressive and underground sounds of the ’60s and early ’70s and were left in the cold when the music went corporate. On Exploded View the guitarist continues to compose a personalized music filtered through his emotions, his guitar pyrotechnics, and his studio experimentation. Playing with the same musicians he’s worked with since his first self-produced recording in 1977, he leaves nothing out, and yet it all works. (…) Recording in his home studio, Tibbetts gets an astounding clarity of sound that is well served by this CD. Tablas and congas have never had a more visceral punch, their sharpness defining and punctuating Tibbetts‘ sustained electric lines and the resonance of his acoustic guitar. The only way to listen to this record is loud!“ („Audio“ review from 1986)


    Fast hätte ich am Tag meiner Ankunft den Springsteen-Film „Deliver Me From Nowhere“ gesehen, aber das Inselkino hat angeblich wegen technischer Probleme zwischen den Jahren geschlossen. Schade. Wie gesagt, ist mein Pellwormer Retreat an keine religiöse Praktiken gebunden: Porridge ist so wichtig wie der Sternenhimmel nachts, wenn die Wolken mal aufreissen. Für Gänsehaut sorgt auch James Lee Burkes „Im Süden“, für ein Schmunzeln Jan Reetzes Email über seine Inselerfahrungen in den 1960er Jahren. Ich bin ein Flaneur und habe Freude an Gesprächen mit Insulanern über die alltäglischsten Dinge. Einen Roland lernte ich kennen, der grosser Peter Gabriel-Fan ist und mir in seinem friesischen Wohnzimmer zwei Seiten des Doppelalbums „Passion: Music For The Last Temptation of Christ“ vorspielte. Genau das wollte ich auch hören. Das damals vielgelobte Werk hatte ich nie wirklich an mich rangelassen, und auch wenn es nicht ganz an Peter Gabriels „3“ und „4“ herankommt (my personal PG favourites, by far!), hat es schon Klasse! Mich nervte der Hype um das Thema, um den Film, um Scorsese – und historische Epen mit Massenaufläufen waren eh nie mein Fall.


    Ich stöbere in alten Tagebüchern und Briefen, die mir Steve Tibbetts 1994 zur Verfügung stellte, für meinem langen Jazzthetik-Artikek über sein Album „The Fall Of Us All“.Danke, Martina, für die pdf-Datei! Gregor und ich haben das alles damals übersetzt, Satz für Satz und ganz analog. Jetzt muss ich mich zwischen zwei kleinen Texten daraus entscheiden, für mein Deutschlandfunk-Porträts am 22. Januar. Beide Texte passen sensationell, weil sie pures Storytelling sind, und seinen exotischen Alltag in Kathmandu, Sikkim und anderswo so verlebendigen. Gestern schickte mir Steve noch ein paar audio-files aus Minnesota, und ich habe die Qual der Wahl. Steve hat sich, all dem Schmerz seiner letzten Jahre zum Trotz, einen feinen, dem Leben zugewandten, Humor bewahrt – immer gut wenn man es mit einem freigeistigen Mystiker zu tun bekommt (in seinem Fall kann ich wohl von einem praktizierenden Buddhisten sprechen.)

    Hier erzählt Steve von seiner ersten Begegnung mit der Sängerin, die auf „Exploded View“ und später auf „The Fall Of Us All“ zu hören ist! Man könnte „Exploded View“ wohl, wenn man diese Story hört, zu den grossen break-up-Alben zählen, auch wenn dieses aufwühlende Album von 1986 keine lyrics enthält. Auch in meiner Radiostunde wird Claudia ihren Auftritt haben. Mit einem Stück aus dem mich damals wie heute fesselnden „The Fall Of Us All“ von 1994. In einer langen Steve Tibbetts-Radionacht wäre dieser Story natürlich zu hören gewesen! Ich habe ihre „chants“ auf diesen beiden Alben immer grossartig gefunden, aber nie eine ihrer Folkplatten gehört.