Uncategorized
Landschildkröten
Ein schwarzer Theatersaal mit steil ansteigenden Sitzreihen. Wir sitzen in der fünften Reihe, mittig vor der Bühne. Das Konzert ist fast ausverkauft. Im Saal sitzt ein hippes, aufgeklärtes und zugleich abgeklärtes Großstadtpublikum, überwiegend männlich, das Durchschnittsalter dürfte bei etwa 50 liegen.
Nach dem dritten Klingeln geht langsam das Licht aus, doch der schwarze Vorhang öffnet sich zunächst nicht. Mehrere Minuten lang ist ein flächiges Gewaber aus dem Synthesizer zu hören, ab und an hallen einzelne Gitarrentöne oder das Geräusch einer Snare durch den Raum. Als schließlich der Beat einsetzt, öffnet sich der Vorhang. Die zunächst losen Klänge formieren sich zu „Night Air“, dem letzten und zugleich einem der besten Stücke des aktuellen Tortoise-Albums Touch.
Nun sind auch die Musiker von Tortoise zu sehen: fünf Herren um die 60. Einer von ihnen, John McEntire, hat an diesem Abend Geburtstag und bekommt später vom Publikum sogar ein zaghaftes „Happy Birthday“ gesungen.
Ansonsten sind die Zuhörer bemerkenswert aufmerksam. Nicht nur bleibt es während der Musik vollkommen still – ich habe seit Langem nicht mehr so wenige Smartphones im öffentlichen Raum gesehen wie an diesem Abend. Die Begeisterung gilt nicht nur der Musik selbst, sondern auch den musikalischen Fähigkeiten der Bandmitglieder, von denen jeder im Laufe des Konzerts mindestens zwei Instrumente spielt. Besonders eindrucksvoll ist die musikalische Kommunikation auf der Bühne – vor allem dann, wenn gleich zwei Schlagzeuger gleichzeitig am Werk sind.
Gespielt werden hauptsächlich Stücke von Touch, wobei das Klangbild live etwas organischer und weniger verzerrt ist als auf dem Album. Insgesamt orientiert sich der Sound eher an früheren Platten wie TNT, von der ebenfalls einige Stücke zu hören sind. Die Musik ist hervorragend abgemischt: laut, aber nie zu laut.
Etwas schade finde ich zunächst, dass Jeff Parker nicht dabei war. Er wird jedoch mehr als würdig vertreten.
Aus dem Absacker nach dem Konzert in einer Bar namens Mutter werden dann noch einige mehr. Insgesamt ein Ausflug nach Hamburg, der sich mehr als gelohnt hat.
Yanka Rupkina 1938 – 2026

Yanka Rupkina. Wie Joe Boyd via Facebook bekanntgab, hat uns mit ihr wieder eine großartige Stimme verlassen.
Irgendwann in den 1980er Jahren entdeckte ich mit dem Weltempfänger auf der Kurzwelle den Frauenchor von Radio Sofia. Deren Gesang war das Markenzeichen des Senders — einmal gehört, und man vergaß diese Stimmen nie mehr. Auf Tonträgern wurde der Chor später unter dem Titel Le mystère de voix Bulgares oder auch Das Geheimnis der Bulgarischen Stimmen gehandelt.

Zum Teil waren darauf traditionelle Lieder zu hören, zum anderen (insbesondere auf Vol. 2) speziell für diesen Chor und seine einzigartige Gesangstechnik komponierte Stücke. Auch Holger Czukay hat Samples dieses Chores in seinen Platten verwendet, aber das Original war und ist besser. Yanka Rupkina gründete zudem das Trio Bulgarka, das unter anderem mit Kate Bush gesungen hat.
Aber die originalen Choraufnahmen bleiben unschlagbar. Ich höre die Platten nicht mehr oft, aber wenn, dann jagen mir diese Stimmen noch immer Schauer über den Rücken.
Danke und gute Reise!

Nonplace Urban Field Psyche
Ein Track aus Burnt Friedman & Mohammad Reza Mortazavis EP YEK 2 (Juni 2020), den ich gerade wieder entdeckt habe und auf Endlosschleife hören könnte.
Asha Bhosle 1933 – 2026

One of the greatest voices of Bollywood has left us.
She even sang for Kronos Quartet.
Bye bye, and have a safe trip.
Atlantische Entdeckungen: Die Insel CIES und die Musikerin CRISTINA PATO

Im NW von Spanien liegt vor der galizischen Küste die Insel CIES im Atlantik.Um sie zu besuchen, braucht man eine Genehmigung, da sie ein naturbelassener Ort ist. Wir traten die Reise von Vigo aus, der Hauptstadt von Galizien, an. Es war mein zweiter Versuch, in das Paradies vorzudringen, der erste war an den hohen Atlantikwellen gescheitert. Von Vigo aus ist die Anreise über den Fluss Ria, der direkt in den Atlantik mündet, in ca 40 Minuten zu bewältigen. 2007 stand im The Guardian, dass Cies wegen seiner Strände weltweit die schönste Insel sei. Wenn man auf einer strandarmen Insel lebt, wie ich auf El Hierro, wo es nur Meerwasserschwimmbecken gibt, ist man schon besonders beeindruckt von dem grossen, sichelförmigen, weissen Strand, der einem zuerst auffällt. Das türkisgrüne Atlantikwasser besticht zudem. Es ist nicht nur der phantastische Strandanblick, der begeistert, es sind auch andere, alle Sinne weckende Eindrücke: die Zweiglimmergneise in den Granitblöcken glitzern in der Sonne, die Eukalyptusbäume tauchen uns in ein erfrischendes Waldbad, die von Wind und Wasser 300Millionen Jahre alten, erodierten, runden Blöcke lassen uns ehrfürchtig staunen und still werden. Wie unglaublich klar die Konturen sind, wie leuchtend die Farben. Auf diese Insel kann man nur in der Karwoche und von Mai bis September reisen. Es gibt keine Hotels, nur einen kleinen Campingplatz, wo man sich ein Bett in einem Zelt mieten kann. Es gibt ein Restaurant, wo ich den besten Fisch meines Lebens gegessen habe, eine Dorade und den frischesten Käsekuchen ever. Segler dürfen nur drei Tage andocken. Es geht die Legende auf der Insel, dass nachts Prozessionen über die Wege ziehen – wer sie sieht muss sterben.

Es ist Ostersonntag, wir gehen in die Fischersiedlung von Vigo, um einer kleinen Prozession an der Fischerkirche aus dem 16. Jhdt. beizuwohnen. Vor mir steht eine Musikerin, sie hält ihr Instrument,eng unter ihrer Tracht fest, nur ein Rohr ragt über her Schultern heraus. Ich frage sie, wie das Instrument heisst, sie sagt, das sei eine Gaita, der galizische Dudelsack. Sie spiele heute für die Prozession und den anschliessenden Tänzen.Ich ging am nächsten Tag in eine Buchhandlung, um Bücher über die phantastische galizische Küche und über Musik anzusehen. Ich sah ein Buch, auf dem Cover war die Musikerin abgebildet, die ich vor dem Kirchlein angesprochen hatte. Sie heisst Cristina Pato, ist 45 Jahre alt und gilt als die Stimme von Galizien. Ich las in dem Buch, dass sie mit vier Jahren die Gaita erlernte, später kamen Akkordeon, Geige und Gitarre dazu und dann auch Piano. Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit, die mit vielen berühmten Musikern zusammenspielte: mit Yo Yo Ma in seinem Silkroad Ensemble, mit den Chieftains, dem Chicago Orchestra, in Indien, in China, in Brasilien spielte sie jeweils in den grossen Musiktempeln. Sie brachte die Gaita fast in die ganze Welt und zeigte, dass dieses Instrument in alle Musikkompositionen einzureihen ist. Fantastisch.
Jetzt will sie erstmal nicht mehr auftreten, sie will sich um ihre demente Mutter kümmern, nur bei kleineren Events holt sie ihre Gaita hervor und spielt. Ich hatte grosses Glück, so einer aussergewöhnlichen Musikerin zu begegnen,
Ich empfehle zum Einstieg in ihr grosses Repertoire das Album MIGRATION
Songs of Joy and Peace von dem Silkroad Ensemble von Yo Yo Ma
Cristina Pato mit ihrem Galician Connection Festival
Rose of the winds mit dem Chicago Symphony Orchestra
Das Afro Latin Jazz Orchester mit Arturo O‘ Farill
(L.N.)
Rückzug
Aufgrund einer akuten schweren Erkrankung eines wunderbaren Menschen in meiner alten Heimat Dortmund, mit dem ich Jahrzehnte lang, bis in die Gegenwart, tief verbunden bin, bin ich voller Sorge. Von mir wird hier eine Weile nichts zu lesen und zu hören sein. Am 28. Mai wohl eine kleine Notiz zu meiner Sendung im Deutschlandfunk.Nachtrag: Wenn das Gutepassiert, schreibe ich hier einen Text über Don Cherry. Über Stockholm 1977. Im anderen Fall lösche ich den Eintrag. Aber: K. ist eine starke Kämpferin. In besten Händen. Wenn ich einen Wunsch frei hätte in diesem Leben, und nur einen, wäre es der, dass sie wieder gesund wird. Magisches Denken, egal! Mein Blog-Text über Don Cherry wäre ein Fest des Lebens.
„Trans-love airways“
„Herzlich willkommen zu den Klanghorizonten, am Mikrofon Michael Engelbrecht.“ Glaubt mir ja keiner, dass das hier die Auflösung meiner Patience ist, das Ende des Geduldspiels, die finale Playlist für den 28. Mai….
Folgendes hat sich ereignet: ich bekam die Information, dass eines der begehrtesten Alben von Don Cherry erstmals wieder ans Tageslicht gekommen sei, in einer kleinen Vinyl-Auflage bei „Klimt“. Als ich vor Jahren bei Discogs eine alte Ausgabe von „Relativity Suite“ bestellte, war ich enttäuscht von einer sehr mässigen Pressung. Zu oft abgespielt, oder von Anfang an so knisterig? Unspielbar im Radio. Ich hoffe, diese „reissue“ wird in allerbestem Zustand sein, sonst geht die Patience tatsächlich in die nächste Runde.
Die Gruppe der ersten drei Alben passt perfekt – „take care, fragile“ könnte man für sie als Titel ausrufen – Jonathan Richman und Don Cherry verbindet, dass die Jazzpolizei und andere Nachtwächter sie gerne mal als Scharlatane bezeichneten. Und Mark Nelson aka Pan American ist hier der wundersame Dritte im Bunde. Eine unendlich fesselnde „Ambient Music“. Das zweite „Trio“ – drei nahezu puristische Soloalben, mit Snare Drum, Piano und Elktrobass. Bingo! Und das Finale, ohne Sunn O)))??! Momentan sieht es so aus. Es wäre doch allzu vorhersehbar: die einen halten das für Krach, die andern, zu denen ich gehöre, lauschen mit Ohren, „so gross wie Scheunentore“.
Soll ich es trotzdem drauf ankommen lassen. und reichen fünf, sechs, sieben Minuten, um in die Musik von Sunn O))) einzidringen – die Frage stellt sich natürlich auch für die Post-Cage-Platte von Irmin Schmidt! Es ginge ja beides: ein flammendes Plädoyer für unverwüstlichen „doom metal“, oder eben die Reprise von Don Cherry.

Seefeel: Sol.Hz
Jonathan Richman: Only Frozen Sky Anyway
Pan American: Fly The Ocean In A Silver PlaneEtienne Nillesen: Twee (Snare Drum Solo Album)
Irmin Schmidt: Requiem (Piano Solo Album plus field recordings)
Björn Meyer: Convergence (Electric Bass Solo Album)O.S.T. Sirāt
Tinariwen: Hoggar
Don Cherry: Relativity Suite*
(*alternativ Don Cherrys „Modern Art. Stockholm 1977“: background HERE! in diesem Text bringt Richard Williams einige Schätze zur Sprache, zu meinen „all time desert island albums“ von Mr. Cherry zählen auf jeden Fall die drei Codona-Scheiben, sowie das „Corazon“-Duo mit Ed Blackwell, „Brown Rice“ sowie alles von und mit „Old And New Dreams“)
Die Lust an der Liste (1)
Top 10 Electronic (IDM, Ambient Techno) Alben der Neunziger Jahre
In den Neunziger begann meine musikalische Sozialisation, stark beeinflusst durch einen Studienfreund in Münster, Kinoerfahrungen und vor allem Michaels Klanghorizonten. Davor war alles willkürlich, zufällig. Im Wesentlichen hörte ich ECM, Krautrock, klassischen Vocal Jazz und Brian Eno & Friends. Unberührt blieb ich lange Zeit von den großen Erneuerungen, Weiterentwicklungen und Erfolgen im Pop und Rock des Jahrzehnts: Hip Hop, Grunge/ Alternative Rock, Britpop und Techno. Europop war für mich genauso schlimm wie die europäischen Großproduktionen im Kino dieser Tage. Dabei hat dieses Jahrzehnt so viel an guter Musik zu bieten, insbesondere in der Electronic. Die digitale Revolution machte es möglich: immer mehr kreative Leute konnten ohne großartige musikalische Ausbildung oder Produktionsaufwand Ihre Visionen umsetzen.
Vor wenigen Tagen besuchte ich im 7. Bezirk Wiens einen kleinen Plattenladen, der sich auf elektronische Musik spezialisiert hat. Der sympathische Inhaber fragte mich nach meinen musikalischen Interessen und schwupp konnte ich mich durch zwei Dutzend LPs durchhören. Dabei kam mir die Idee, eine Liste meiner 10 liebsten Electronic Alben der 90er zu erstellen. Reine Ambient Alben habe ich nicht aufgeführt, hier wäre eine eigene Liste fällig.
Aphex Twin – Selected Ambient Works Volume II (1994)
Autechre – Incunabula (1993)
Boards of Canada – Music Has The Right To Children (1998)
Bowery Electric – Beat (1996)
The Fires of Ork – The Fires of Ork (1993)
Gas – Königsforst (1998)
Robert Leiner – Visions of the Past (1994)
LFO – Frequencies (1991)
Peace Orchestra – Peace Orchestra (1999)
Seefeel – Quique (1993)
P.S. Drei Stücke haben es mir besonders angetan: Simon from Sydney (LFO), #7 (Aphex Twin) und 444 (Autechre).

