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  • Cineastische Flashbacks

    Der Komponist, den „der Meister“ an Land gezogen hatte, nutzte für diesen ganz und gar besonderen Film, der wahlweise tiefe Trance oder extreme Langeweile erzeugte, in lang vergangenen Studententagen (da hat jeder seine eigene Geschichte) Tropfen und Spritzer als Grundlage für seine an Popol Vuh erinnernde kosmische Filmmusik. Inspiriert von der klassischen indischen Musik verwob der Soundtrack, den es nun in einer kleinen „Schatzkiste“ gibt, Flöte, Cembalo und die iranische Tar zu dem vorsichtig, sehr vorischtig optimistischen Hauptthema des Films, wobei das anhaltende Gefühl absoluter Trostlosigkeit nie ganz verschwand.

    Heute morgen, nach einem dunklen Traum mit Seewetterbericht und sich auf der Nordsee treibenden Eisschollen, gingen mir diverse Filme, ausschnittartig und von dezenten Gedanken begleitet, durch den Kopf, in der langen Schlange beim Brötchenholen. Neben den Traumresten war es auch die Planung eines Filmabends früh im Oktober, in meiner elektrischen Höhle, mit Susi und Nico und Joana, die meine kinoverliebte Assoziationskette beschleunigte.

    Wieder mal wird einer meiner Lieblingsfilme, made in Germany, über den Abschied von der Kindheit auf grosser Leinwand zu erleben sein, „Absolute Giganten“ von Sebastian Schipper. Da spielte, wenn mir die Erinnerung keinen Streich spielt, auch die Musik einer deutschen Band eine Rolle – die Szene mit dem Fahrstuhl kam mir in den Sinn. Vor unseren Filmabenden hier mache ich stets eine kleine und, wie ich hoffe, launige Einführung für alle Anwesenden, wobei ich Wert darauf lege, keinen Spannungsbogen im Vorfeld zu killen.


    Und dann natürlich gestern Abend DER Film (ein Dank an Thomas P. für diesen Tip!) in den ich so tief versank, obwohl der Ton der Synchro so unstet und dünn war, Sidney Lumets „Flucht ins Ungewisse“, im Original „Running On Empty“, wie der Titel des wunderbaren Jackson Browne Albums, das gar keine Rolle spielt in diesem Film über ein rastlos Familienleben, dafür aber jenes andere Lied eines Barden, das Trost, Ausgelassenheit und einen der tänzerischen Momente bereithält, James Taylors „Fire And Rain“. Der junge Hauptdarsteller war im realen Leben fünf Jahre später tot, die Folge eines Speedballs, und keine vierundzwanzig Jahre alt. (Auch der Protagonist der „absoluten Giganten“ würde dem Dreh nicht lang überleben, Gallensteine und so verdammt jung.)

    Martina könnte ihrer Kinoreihe über „Das Ende des amerikanischen Traums“ ein weiteres Kapitel beifügen. Wie sehr mich dieser recht späte Film von Sidney berührte, lag sicher kaum daran, dass mit Christine Lahti, mein „Urtyp“ in Erscheinung trat. Ich kannte sie nicht wirklich (Laugh Out Loud.) Sie hätte auch die „Mutterrolle“ in Louis Malles „Herzflimmern“ spielen können – damals (ach, ach!). als ich diesen kleinen Film aus dem alten Paris in Dortmund in einem alten abgewetzten Kino in der Brückstrasse sah, mitten im Rotlichtmilieu, packte mich zum ersten Mal Charlie Parkers Jazz.

    Dabei sollte der gestrige Abend ganz anders verlaufen, nachdem ich im Guardian die ersten Sätze einer Lobeshymne von Luke B. auf die brandneue Apple Plus-Serie „Last Seen“ gelesen hatte, den „Aufmacher“: „Patrick Brammall and Maxine Peake star in this superbly acted and absolutely riveting drama about a father who thinks his missing daughter may still be alive after a mysterious phone call“. Ich liess alle weiteren Worte stehen und liegen, machte den „Zwei-Minuten Test“, beim Ansehen der ersten 120 Sekunde eine Ahnung vom Flowfaktor der gesamten Serie zu entwickeln. Und was sah ich: Natur, Wind, alles archaisch, dunkles Abenteuer. Wie in der Nacht dann der letzte Traum vorm Erwachen: das vom Eis heimgesuchte Meer, gefrorene Strassen. Unheimliche Räume wie im eingangs erkundeten Soundtrack von Tarkowskys „Stalker“. Safe Journey! (Jan Garbarek ist ein bekennender Freund von Tarkowskys Werken, und sein umwerfendes Soloalbum „Those Born With Wings“ ist inspiriert von nachhallenden Kinoerlebnissen.)

  • Ein paar Jahre noch

    Ich saß gestern in einer Bonner Weinstube, las „Flowworker“ und trank ein Glas Weißburgunder.

    Nach einiger Zeit setzte sich direkt neben mich ein älteres, gutaussehendes Paar, schätzungsweise Mitte 70. Die beiden unterhielten sich angeregt über ihre Reisen.

    Als die Dame die Waschräume aufsuchte, sprach mich der Herr an. Er bedauere, dass es in Bonn nur noch ein richtiges Weinlokal gebe. Am liebsten trinke er Riesling, erzählte er mir, doch leider lasse sich diese Rebsorte in Südafrika, wo er lebe, nicht anbauen.

    Gerade erst sei er mit seiner Partnerin auf der Queen Mary 2 von New York nach Hamburg gefahren. Im November wollten sie mit der Aida zurück nach Kapstadt reisen. Das sei doch viel schöner, als zu fliegen.

    Ich sagte: „Wow, Sie unternehmen aber viel.“

    Er: „Ja, ich habe nur noch ein paar Jahre zu leben. Ich bin schließlich 91 (!) Jahre alt.“

    Ich: „Das glaube ich Ihnen nicht. Sie sehen mindestens 15 Jahre jünger aus.“

    Er, sichtlich gerührt: „Das liegt an meiner Partnerin. Sie hält mich jung.“

    Ich musste an Leonard Cohen und das Cover Motiv von „Popular Problems“ denken. 

  • All These In-Betweens (the music of Oren Ambarchi)

    “Oren Ambarchis „Cooked“ mag zwar als Soloalbum betitelt sein, ist aber in Wirklichkeit ein echtes Ensemblewerk: zwei wunderschöne, spannungsgeladene Seiten mit nächtlichem Jazz und rätselhafter moderner Komposition. Zum Teil verdanken „Hidden Tableau“ und „Sleight Of Hand“ ihren Erfolg den Beiträgen von Ambarchis sorgfältig ausgewählten Mitwirkenden: Eiko Ishibashis kaskadenartigem Klavierspiel; Joe Talias stotterndem, stolperndem Schlagzeugspiel; dem leisen Murmeln von Johan Berthlings Kontrabass. Jim O’Rourke soll angeblich irgendwo dabei sein, obwohl niemand so recht weiß, was er dort eigentlich macht. Ambarchis Rolle besteht darin, überall und nirgends zu sein; seine formwandelnde Gitarre setzt schräge Akzente oder verliert sich in schimmernden Träumereien. Das Ergebnis ist manchmal rätselhaft, oft aber magisch – wie eine mutierte Version des Miles Davis der 70er Jahre oder eine besonders exzentrische ECM-Veröffentlichung.“


    Das, was Louis Pattison hier schreibt, in der November-Ausgabe von Uncut, kann ich nur bestätigen. Vor gut sieben Jahren habe ich ihn „entdeckt“, dank seines Albums „Simian Angel“, auf dem u.a. auch seiner Liebe zu Nana Vasconcelos und dessen grossartigem ECM-Album Tribut zollt. Wenn Louis eine „besonders exzentrische ECM“-Arbeit ins Feld führt, als Ankerpunkt seiner Fantasie, kommt mir, nach mehrmaligem Hören, genau so ein „Teil“ in den Sinn, „Lost River“. Von und mit Eivind Aarset.

    „Cooked“ ist ist kein bisschen weniger zauberhaftt, und wenn ich mal das alte Spiel spiele, mit den Ohren anderer zu hören: Olaf West und Olaf Ost und Olaf, der Interaktionist, werden wohl sehr, sehr angetan sein, Thomas P. und nicht zuletzt Eivind Aarset, der übrigens am 28. September in meiner zweiten Heimat Aachen am frühen Abend im Musikbunker aufspielt. Hier meine damalige kleine Fantasie über „Simian Angel“…


    Tous les panneaux de sortie sont allumés. I listened to „Simian Angel“ for the first time at the end of summer 2019, on headphones, at night. A long cable, a chaiselongue in the garden. Heaven seems to be the most lonesome place, at least from the point of view of gardening and Japanese tea ceremonies. Nearly knowbody knows this album.

    Strange enough, we can still feel in harmony when looking at the sky at night, that time being seduced by Oren Ambarchi‘s album – two long compositions that defy definitions, limits, opening a constant feel of joy and wonder, kling and klang. A touch of kosmische music here and there.

    His guitar sounds like a synth, and an organ, most of the time, and when he plays what sounds like a piano (and is again, made with his guitar – a special treatment really), you might feel, for a moment, a „Music For Airports“-vibe – just another illusion, up, up, and away, with the blink of an eye.

    Oren’s partner is Brazilian percussionist Cyro Baptista, and when he starts on berimbau at the beginning of vinyl‘s second side, you are in wonderland. Yes, I thought, for another sequence of seconds, of Nana Vasconcelos‘s famous (or not so famous) solo album „Nana Vasconcelos“, the one with violins and violas coming completely out of nowhere, and knowing about Oren‘s passion for a lot of ECM records, I’m quite sure he might have had a similar memory, for a moment.

    The music is crossing area after area, you are not able to, surely not keen on marking a spot. All exit signs on! The earth never solid, the percussion drifting in the windmills of your mind. Not all riddles solved, what do you think. I listened to it again tonite. Another word for melting kindly required, all these thin places.

    Nachklang 1: Alle Leser, die jetzt leicht beunruhigt sind und fürchten, ich könnte nun einmal mehr eine Patience legen und die Playlist meiner finalen Klanghorizonte am 24. September neu umeinander wirbeln, dürfen erleichtert aufatmen. Es bleibt, wie es ist, sonst müssten ja auch noch die Don Cherry-Ausgrabung „Sunrise“ sowie „Traces In The Sand“ in der Stunde auftauchen. Fraglich nur, ob Dan Lanois sich noch mit einer Story zu einem Stück von Belladonna Nocturne meldet: ansonsten endet die Runde am virtuellen Lagerfeuer mit einem roten Cabrio in Los Angeles und Exstase pur: JUST LOOK! Reading the playlist, Eivind just mailed me: „What a finale!! Belladonna and Bright Red are also among my favorite albums alongside Nerve Net!“

    Nachklang 2: „On „Cooked“ Ambarchi layers, edits and recombines performances in a way that recalls Edgar Froese’s spiraling synth rock, Steve Hillage’s cosmic guitar flights, and the studio‑obsessed pop alchemy of Godley & Crème, yet never feels like pastiche.“ (SoundOhm)

  • “a way of walking through the smokey leaves of time“

    „Musically, the new album  occupies the same acoustic landscape as Silver & GoldHarvest Moon and Prairie Wind – ‘reflective Neil’, basically. Crucially, the Chrome Hearts understand when not to intrude, surrounding Young’s songs with sympathetic accompaniment that favours atmosphere over embellishment. Alongside co-producer Lou Adler, Young opts for warmth and space over the compressed sheen favoured by many of his contemporaries, allowing these songs room to breathe and their emotional nuances to emerge.“


    „There is a pleasing symmetry in Young, on his 50th studio album, revisiting on two cases material written at the very start of his career. The frailty of his voice, worn and weathered by age, gives these songs an additional poignancy, a reminder that these reflections come from an artist advancing into his ninth decade. Far from sounding diminished, however, Young has delivered one of his most affecting 21stcentury albums, equally sad and beautiful at the same time. For all the album’s reflections on ageing and loss, Second Song is sustained by what remains.“ (Michael Bonner, Uncut, album of the month of november)

    Ich freue mich auf das neue Album, das am 17. September erscheint. (m.e.)

  • Return of Opal

    Two reissues on their way of Eno‘s Another Day On Earth and Brian‘s team-up with Peter Schwalm for „Drawn Fron Life“. It will happen on October 16. „Drawn From Life“ gets a new cover, a really beautiful cover. I did long interviews with Brian and Peter in those old days about these albums that will be available on Cd, Dl, and, for the first time, on vinyl.

    Funny enough, before hearing all this, „Just Another Day“ (from „Another Day On Earth“, a fantastic song about better not missing the magic of the here and now, without any preaching undertone) had nearly made it as the closer of my final radio hour on Sep 24 at Deutschlandfunk.

    In the end, I preferred „Spinning Away“ (for reasons of sequencing) and then again, I changed my mind one more time – and I am so happy that my long life at the radio will come to an end with a red cabrio strolling through the streets of Los Angeles!

  • Schwarzweißmalerei a la Wim Wenders

    „Ich könnte das Gleiche wiederholen, was ich damals gesagt habe. Ich könnte mich noch deutlicher ausdrücken. Was ich damals gesagt habe, ist: Wir Filmemacher sind das Gegenteil von Politikern. Wir haben Empathie. Politik funktioniert ohne Empathie, und das ist alles, was ich gesagt habe. Wir verfolgen einen ganz anderen Ansatz.“ (Wim W.)

    Gottogott! Bitte noch etwas mehr Weihrauch! Und. A propos „damals“: mit dem Kontext wird es noch peinlicher. (M.E.)

  • Das schönste Cover eines Musikmagazins anno 2026

    Zum nächsten runden Geburtstag von Steve Reich gibt es wieder werthaltige Editionen. Eine Dreifachvinylausgabe der drei ECM-Platten, und nicht zuletzt eine kleine Sonderedition seiner „Tape Works“. „Drumming“ war mein Erweckungserlebnis, aber als wollte ich das erste Hören und seine Wucht in der Erinnerung konservieren, hörte ich es nicht mehr oft. „Music for 18 Musicians“ drehte einst wie bei so vielen seine tranceinduzierenden Runden, aber fast so oft kehrte ich zu den „tape loop“-Experimenten zurück, und den bewusstseinsverändernden Erlebnissen, die damit einhergingen, speziell zu „It‘s Gonna Rain“, das nun von Electronic Sound zusammen mit „Work Out“ in einer so nie gesehenen farbenfrohen Cd-Edition daherkommt, die dem Cover der Septemberausgabe in nichts nachsteht! „Turn On. Colour In. Drop out.“ (m.e.)

  • Besenkammermusik

    Der einzige Traumrest war ein lindgrünes Stofftaschentuch, aus der Zeit, als solche Dinge noch als vornehm galten. Ich schaute das offensichtlich frisch gewaschene Teil etwas ratlos an, als ein kleiner Papierfetzen sich löste und auf den Boden segelte. In blauer Tinte stand dort nur die Jahreszahl 1967, und erinnerte mich erst in zweiter Linie an die frühe Hochzeit der Kinks („All day and all of the night“), zuallererst fielen mir, seltsam genug, alte Schulhefte ein, und wie brav ich dort immer, in einer Zeit, in der es für Schönschrift noch Noten gab, rechts oder links an den Rand (blütenweiss) den jeweiligen Tag notiert hatte. Also: 7. 2. 1967 – oder 8. 2. 1967.

    Die Jahreszahlen schienen unbewegbar zu sein wie geschützte Denkmäler, in den Boden gerammte Pfähle. Die Illusion von Zeitstillständen wurde also auch durch schulische Rituale bekräftigt, nicht nur durch den Luxus der Langeweile der „Babyboomer“, oder das trügerische Gefühl von Ewigkeit, das selbst einem sonnigen Spätsommertag anhaftete. 8. 9. 1967. Es gab in meinem Leben damals, in dem Jahr als die Zeit wieder mal stillstand, neben musikalischen Schlüsselerlebnissen („You Really Got Me“), kriminalistischen Entdeckungen (Sir Arthur Conan Doyle, alle Sherlock Holmes-Geschichten!) auch eine erotisch gefärbte Sehnsucht nach einer längst vergangenen, frühen Kindheit. Denn viele Jahre zuvor hatte mich Nacht für Nacht, in meinen Träumen, eine exotische Frau besucht, der ich einen Namen gab, und die mich, nackt am Rand eines Swimmingpools, massierte.

    Sie war eine Slawin, sie war eine Indianerin, sie war eine Zigeunerin, sie war ein Serientraum. Als meine Nase plötzlich lief, schneuzte ich in das Stofftaschentuch, legte mich auf eine violette Chaiselongue (mir war immer noch nicht klar, dass ich weiterhin träumte), und unterhielt mich eine Weile mit Will Sheff. Will erzählte mir von dem Drogentod der Sängerin Judee Sill in einem Wohnwagenpark, vom tristen Leben des Tim Hardin, vom Tod seines geliebten Grossvaters in einem Hospiz, und von dem Requiem, das er für das Ende seiner Band geschrieben hatte.

    Ich erzählte ihm von meiner „Farbenfrau“, von einem Himmel schwarzer Vögel, und wie die Kindheit – die seltsamsten Formen annehmend – durch unser Erwachsenendasein geistert. Wir sprachen über die Jahreszahlen der frühen Jahre, in denen die Zeit sich keinen müden Meter mehr zu bewegen schien, und wie wir damals die Angehimmelten in Zeitlupe einatmeten (in endlos gedehnten Blicken).

    Seine Stillstandsjahre waren in den Achtzigern aufzufinden, in einem Amerika der herausgeputzten Vorstadthäuser. Will nahm seine Brille vom Gesicht und putzte sie. Ich nahm das grüne Taschentuch und gab ein kräftiges Niessen von mir. Will nannte sein neues Album eine „Todesgeschichte“, und er meinte damit wohl Tod, Verwandlung, Neuaufbruch.

    Mein Blick fiel auf eine Tarotkarte aus alter Zeit, und ich sah Don Draper aus einem hochgelegenen Stockwerk stürzen. Irgendwas stimmte an dieser Begegnung nicht. Ich hörte das gleichsam indische Sirren der Gitarren auf „See My Friends“ (ein Foto von Ray Davies stand auf dem Schreibtisch). Auf dem Tisch lag auch das Album von Wills neuer Platte. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an dem Cover, das all die Sphären seiner sepiagrauen Gesänge mit kaleidoskopisch wirbelnden Kindheitsfarben mischte.

    Man hört der Platte von Okkervil  River nicht gerade an, dass sie in New York entstanden ist. Der Song „Days Spent Floating (In The Halfbetween)“ ist ein Finale besonderer Art, zusammengereimt aus lauter ersten Sätzen des morgendlichen Erwachens. Selten, dass ich auf einer Liederplatte nur Lieblingslieder habe. „Away“ ist ganz grosses Kino alter Schule. Orchestrale Besenkammermusik mit Ausblick!

    (Dieser Text erschien vor genau zehn Jahren auf Manafonistas. „Away“ von Okkervil River ist ein Album, das nicht als „buried treasure“ enden sollte.)

  • My summer books

    Niviaq Korneliussen: DAS TAL DER BLUMEN

    Das Buch wurde zurecht mit dem nordischen Literaturpreis ausgezeichnet.

    Warum zurecht? Es schildert die harten, crazy Lebensbedingungen auf Grönland.Selbstmordschilderungen werden so normal beschrieben, weil sie so normal auf Grönland sind. Die Schriftstellerin hat einen Weg gefunden, über ihre Heimat brutal zu schreiben, gleichzeitig, gelingt es ihr das Zarte, das Schöne, das sexuell Erfüllende, das Trostvolle in die literarische Waagschale zu legen.

    Jon Fosse: VAIM

    Auch dieses Buch hat den nordischen Literaturpreis bekommen. 2023 erhielt Fosse auch den Nobelpreis für Literatur.

    Vaim ist ein Ort in Norwegen. Dort passiert alles, aber nicht viel. Fosse erzählt ohne Punkt durchgängig mit vielen Wiederholungen à la Thomas Bernhard. Das erzeugt von der Form her Spannung. Fosse schreibt meisterlich, ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen.

    Malachy Tallack: DER OZEAN SO WILD UND WEIT

    Die Geschichte spielt auf den Shetland Inseln im Nordatlantik. Das Buch hat mich total fasziniert, weil es eigentlich eine Abhandlung über Countrymusic ist. Immer wieder habe ich das Buch beiseitegelegt und mir den erwähnten Song aus YouTube angehört. Und es gibt viele Songs, viele Neuentdeckungen für mich. Der Schriftsteller ist auch Songwriter. Er hat jedem Kapitel einen handschriftlichen Text beigefügt. „That beautiful Atlantic Walz“ kann man auf YouTube anhören.

    Florian Illies: TRÄUME AUS FEUER

    Mir hat das Buch ausgezeichnet gefallen. Illies ist immer unterhaltsam und geistreich.

    Er hat sich mit Johannes Kunkel beschäftigt, einem Alchimisten im 17. Jhdt., Freund von seinem Gönner, dem Kurfürst aus Neubrandenburg.Für die aussergewöhnlich kunstvoll angefertigten Gläser, die er dem Kurfürsten und seiner Frau zu den Geburtstagen schenkt, übergibt ihm der Kurfürst als Anerkennung und zum Dank die Pfaueninsel. Nach seinemTod hageln die Intrigen des Hofes auf Kunkel nieder, Kunkel verliert alles.

    Lajla Nizinski