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Let X=X live

(English: here, please)
Let X=X live. Das ist zwischendurch auf drei LPs oder zwei CDs mal wieder ein Lebenszeichen von Laurie Anderson. Die hier dokumentierten Konzertausschnitte sind zwar auch schon drei bis fünf Jahre alt, aber immerhin, Laurie ist noch aktiv.
Der Live-Mitschnitt, den wir hier hören, stammt aus Konzerten mit der Band Sexmob (das sind Steven Bernstein und Douglas Wieselman, Blechblasinstrumente, Kenny Wollesen, Drums und Percussion, Briggan Krauss, Saxofon und Gitarre, Tony Scherr, Bass), außerdem als Zuspielung zu hören ist „Junior Dad“, ein Ausschnitt aus dem Lulu-Album von Lou Reed und Metallica.
Ich hatte das Glück, Laurie Anderson im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zu erleben; es müsste 1986 gewesen sein. Das Plakat hängt noch heute über meinem Schreibtisch.

Die „Natural History“ ist mir noch sehr lebendig in Erinnerung (nicht zuletzt allerdings auch deshalb, weil währenddessen mein Auto abgeschleppt wurde, aber das war’s wert).
Eine „Performance“ in dem Sinne, wie sie sie seinerzeit präsentiert hat, ist Let X=X live nun nicht mehr; bei einer Fünfundsiebzigjährigen kann man das wohl auch kaum noch erwarten. Es ist ein Konzert. Laurie Anderson spielt Repertoire, und davon hat sie inzwischen ja reichlich.
Erster Höreindruck: Ihre Stimme ist hörbar gereift. Auf Studioproduktionen, wenn sie sanft spricht, fällt das kaum auf. Hier auf der Bühne aber lässt sich die stimmliche Altersschwäche nicht überhören, wie sich auch neulich in ihrem Tiny-Desk-Miniauftritt zeigte. Dass Laurie einen Song wie „Gravity’s Angel“ heute eine Oktave tiefer singt als auf dem Originalalbum (Mister Heartbreak), ist nachvollziehbar und funktioniert auch. Zu Zeiten des Albums Strange Angels nahm Laurie Gesangsunterricht, auf der Platte sang sie wirklich mit Sopranstimme. Heute tut sie das vorsichtshalber nicht mehr; den Text des Songs „Ramon“ von diesem Album spricht sie heute zum alten Playback. Kann man so machen, eine wirklich große Sängerin war sie ja eh nie, und sie fängt die Schwächen sehr gut durch die immer noch vorhandene Intensität ihres Vortrages auf.
Technische Klangänderungen per Vocoder oder Harmonizer setzt Laurie nach wie vor ein, aber deutlich sparsamer als früher. Das tut dem Erlebnis keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Manchmal, etwa in „Looking at the Moon“, fehlt der Show die optische Seite, ohne diese hängt das Stück musikalisch ein bisschen durch. Und wenn Laurie das Publikum auffordert, zehn Sekunden lang zu schreien (was es dann auch treudoof tut), ist das schlicht albern. Auch auf die Zuspielung von Lou Reed hätte ich verzichten können, aber er musste wohl mit rein.
Sexmob, die Band, kann ohne Frage spielen, aber sie hat nicht viel Spielraum. Sie begleitet großenteils die alten Andersonschen Originalplaybacks oder Teile daraus. Das überzeugt nicht immer, die Band klingt streckenweise wie später „dazuaddiert“, sie spielt mit, aber scheint trotzdem oft ein bisschen neben der Musik zu stehen. Der generelle Klangeindruck der CDs: insgesamt in Ordnung, manchmal ein wenig pappig (aber das kann inzwischen auch an meinen Ohren liegen).
Früher hatte Laurie Anderson die Gewohnheit, die Setlist des Abends immer erst weniger Stunden vorher festzulegen, damit, wie sie sagte, keine Routine entstehen könne. Das ist hier offenkundig nicht mehr der Fall, das Programm wirkt wohlabgewogen und durchgestylt. Trotz der paar Schwachpunkte: Schön, dass es Laurie Anderson noch gibt.

KLANGHORIZONTE VOM 28. Mai
Listen to KLANGHORIZONTE mit Michael Engelbrecht: HERE

Bill Wells / Don Cherry / Jonathan Richman / Asher Gamedze / Pan American / Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet / Björn Meyer / Khelan Phil Cohran / Sirāt (O.S.T.) / Tinariwen / Eivind Aarset / Étienne Nillesen
All die Jahre im Red 3A

Nachdem so oft ein Ende im Raum stand, und wieder und wieder eine Nische sich auftat, ein Jahr, und noch ein Jahr, ist es nun so gut wie amtlich. Die Sparte des Jazz wird im Kölner Sender weiter runtergefahren anno 2027 (man wird zukünftig von „non-classical music“ reden), und die Horizonte im September werden die letzten sein. The final countdown, natürlich mit Brian Eno, mit Talk Talk und Graeme Thomsons Buch über die vier Jahreszeiten der Band, sowie mit ECM – und mindestens einem Norweger!
Ich habe die silbernen und bronzenen Zeiten der Jazzpräsenz im Deutschlandfunk seit 1989 alle mitbekommen, und meine letzte Show im DLF wird mir eine Ehre sein. Es wird Waffeln geben und five o’clock tea. Heute abend um 21.05 Uhr dann also meine vorletzte Runde, und ich bin rundum zufrieden mit der Collage dieser Ausgabe. 12 Alben, 12 Welten, ein toller Tontechniker, und lauter rote Fäden. Wenn man so viel Zeit zur Vorbereitung hat, verdichtet sich alles.
Ein kleiner Fehler ist mir auch unterlaufen, wie konnte ich den Keyboarder einer meiner favourite bands ever nur als ihren Drummer ausgeben!? Sei‘s drum. Der Link zu den Klanghorizonten im „nächsten posting“….
“Eine Reise um die Stunde in 12 Welten“
“Fly The Ocean In A Silver Plane“

Jan Bang schrieb mir gerade, er habe einige „revelations“ im Sinn und fragte sich zudem, was ich wohl mit der vielen Zeit nach dem Radio anstelle. Ihm kam da ein Song von Laurie Anderson in den Sinn, und er traf ins Schwarze:
„Take me out to the ballgame / Take me out to the park / Take me to the movies / Cause I love to sit in the dark / Take me to Tahiti / Cause I love to be hot / And take me out on the town tonight / Cause I know the new hot spot.“
Pop als Beunruhigungsmittel
„Tranquilizer“ von Oneohtrix Point Never
Manchmal muss etwas liegen bleiben. So wie Äpfel, die noch nicht reif genug sind. Im Falle des Apfels ist es ein Liegenbleiben mit defizitärem Hintergrund; ein „Noch-nicht-soweit“, das einen Aufschub erfordert. Und dann gibt es Dinge, die so voll sind, im produktionsästhetischen Sinne so fertig, so überbordend und -sprudelnd, dass es eine Zeit des Liegenlassens braucht, um das, was das Füllhorn über einen ergießt, verstehen und prozessieren zu können. Letzteres war für mich der Fall, als ich Ende November 2025 zum ersten Mal das neue Album von Oneohtrix Point Never hörte und beschloss, darüber zu schreiben. Um dies zu bewerkstelligen, musste ich der Sache auf den Grund gehen und mich zuvorderst – leidlich essentialistisch – fragen: Was ist „Tranquilizer“?

Nun, „Tranquilizer“ ist elektronische Musik; elektronische Musik, zu der man nicht tanzt, sondern denkt. Zu der man in Gedanken springt, musikalischen Ideen hinterherhechelt, einen Soundtrack des Nichtankommens leiblich werden lässt. In seinen zugänglichen Momenten ist „Tranquilizer“ das, wofür sein Name steht: ein Beruhigungsmittel, das seinen Hörenden ein sanftes Abgleiten in freie, abgedunkelte Räume und noch zu erschließende Weiten ermöglicht. Frei nach dem Motto Space is the place: Anklänge von Easy Listening, Minimal Music, Meditationsmusik, sleazy Free Jazz und Chill House ermöglichen kleine Plateaus des Durchatmens. Doch diese mesmerisierenden, reflektorischen, ambientartigen Entspannungsintervalle sind meist nur von kurzer Dauer. Die Beruhigung ist kurzphasig, dann kommt schon ein industriell verzerrter Beat, ein monströser Synthieaufreißer, ein beunruhigendes Atmen oder eine elektromagnetische Interferenz, eine heruntergepitchte Stimme oder ein darkstarwürdiger Bitcrusher. In diesen Momenten wünschte man sich, dass das Album – sozusagen als Triggerwarnung – den Titel „Tranquilizer Gun“ trüge, denn so fühlt man sich leicht: wie von einem Betäubungsgewehr getroffen, geladen mit einer Mischung aus Opioiden, Psychedelika und Amphetaminen. Vor einigen Jahren haben findige Musikjournalisten wie David Keenan von „The Wire“ für diesen im Grunde poststrukturalistischen popmusikalischen Ansatz den Begriff „Hypnagogic Pop“ geprägt.
So lässt sich auch „Tranquilizer“ in dieses geisterhafte Genre einordnen, für das alternativ sprechende Namen und Subgenres wie H-pop, chillwave, Vaporwave oder glo-fi kursieren. Dementsprechend mäandert das Album in einem flimmernden Grenzgebiet zwischen den Stilen und Zuständen. Wenn man Hypnagogic Pop filmisch übersetzen müsste, würde man schnell bei den Wahrnehmungsexperimenten der Dadaisten und Surrealisten, bei „Un chien andalou“, „L’Âge d’Or“, aber auch bei William S. Burroughs und Antony Balchs „The Cut Ups“ landen. Das, was sich in den musikalischen Arbeiten von Hypnagogic Pop-Artists wie Ariel Pink oder James Ferraro manifestiert, könnte man im Wesentlichen als surreale Nostalgie bezeichnen: ein Hang zu einer verträumt-psychedelischen Retro-Lo-Fi-Ästhetik, in der Werbejingles und Easy-Listening-Einsprengsel mit Rock-Radio-Hooks, New Age-Elementen und Computer-Spiel-Musik aus den 80ern in einem Meer aus Hall-Effekten verschwimmt. Hinter diesem stilistischen Wildern steckt eine gebrochen dialektische Audiophilie: Um musikalische Cut-ups wie diese, mit ihren VHS-Sound-Texturen, durch sämtliche Kompressoren gejagten Basslinien und ihrer präzise schlechten Tonband- und Kassettenästhetik inklusive Analog-Wobble und Tape-Hiss, zu produzieren, braucht es ein explizites und umfangreiches, nicht zuletzt auch musik- und medienhistorisch informiertes Wissen.
Wer die Biografie von Daniel Lopatin (so der bürgerliche Name hinter Oneohtrix Point Never) kennt, weiß, dass dieser eklektische Experimentalismus, der sich in besonderer Weise in „Tranquilizer“, aber auch in Vorgängerveröffentlichungen wie „Again“ (2023, Warp), „Magic Oneohtrix Point Never“ (2020, Warp), „Age Of“ (2018, Warp) oder „Garden of Delete“ (2015, Warp) materialisiert, nicht von ungefähr kommt. Der Sohn russisch-jüdischer Emigranten aus der Sowjetunion kam früh mit spezieller Musik in Berührung; sein Vater besaß nicht nur eine beachtliche Sammlung von Jazzfusionbändern, sondern auch den stilprägenden Roland Juno-60 Synthesizer, an dessen Reglern Lopatin schon als Kind drehte – so die Legende. Diese frühen Experimente mit elektronischer Musik legten den Grundstein für sein späteres Engagement als Künstler in der Underground-Noise-Music-Szene Brooklyns. In jenem vibrierenden Stadtteil New Yorks machte Lopatin 2010 seinen Master am renommierten Pratt Institute – überraschenderweise aber nicht in einem der künstlerischen Disziplinen, wie man annehmen könnte, sondern in Philosophie und einem Fach namens Library and Information Science (MSLIS). Was zunächst vielleicht verwundert, ergibt bei eingehender Analyse von Lopatins musikästhetischem Ansatz wunderbar Sinn, könnte man seine Musik doch als so etwas wie eine dekonstruktivistische Archivwissenschaft des Pops bezeichnen. Dazu Lopatin selbst:
„Ich finde Geschichte faszinierend, weil sie so instabil ist. Wir öffnen Archive und denken, dass wir dort Antworten finden. Doch eigentlich finden wir nur Fragezeichen.“ (Quelle: fm4.orf.at)
Diese Philosophie des „offenen Archives“ steht auch im konzeptionellen Zentrum von „Tranquilizer“, wobei die Quellen von Lopatins Sample-Material nicht immer offene waren, zumindest nicht im legalen Sinne: Vor einigen Jahren stieß er im Internet auf einen Mann, der Raubkopien von DVDs mit alten Werbespots verkaufte. In dieser Bestenauslese kommerzieller Trash-Ästhetik befanden sich Zusammenschnitte aus Samstagmorgen-Cartoons, Daily Soaps und Late-Night-Kabelfernsehen. Dazwischen: Spots von Wrigley’s Minzkaugummi, Hershey’s Schokoriegel, Heinz Alphagetti. Ein Potpourri aus veralteten, zum Teil kitschigen Raritäten und Medienklassikern, durchzogen von billigen Synthesizern und VHS-Rauschen. Aus diesem Sammelsurium entstand das Album „Replica“ (2011, Warp), ein verwobenes Kunstwerk aus ambientesque-expressionistischen Fugen und ätherisch-elektronischen Klangelegien.
Bei „Tranquilizer“ geht Lopatin ganz ähnlich vor: Dieses Mal ist es eine Sammlung von Werbe-Sample-CDs, die er Anfang der 2020er-Jahre auf der Webseite „Internet Archive“ entdeckt hatte. Dabei war es ein Unfall in seinem Archivierungs- und Sampling-Prozess, der ihm gewissermaßen unfreiwillig zur Freilegung einer neuen philosophischen Schicht verhalf. Aufgrund einer versehentlichen Löschanfrage verschwanden die Sample-Dateien und das Projekt schien schon dem vorzeitigen Ende nah. Doch dann tauchten die Files unerwartet wieder auf, was Lopatin zu einer Reflexion über die Vergänglichkeit des Archivs anregte, die unmittelbaren Rückfluss auf seine musikalische Gestaltungsweise hat. Dazu berichtet er in einem Interview:
„It occurred to me that even that—the disappearing and resurfacing—was something I wanted to capture […]. I wanted to capture the emotional register of an era where everything is archived but perpetually slipping away.” (Quelle: pitchfork.com)
Jenes Moment der Flüchtigkeit in einer Welt der permanenten Medialisierung und Archivierung ist eine zentrale konzeptionelle Einsicht auch der Vorgängeralben von Oneohtrix Point Never, wobei „Tranquilizer“ weniger konzeptionell ausfällt als beispielsweise „Age of“ oder „Garden of Delete“. Bei „Tranquilizer“ geht es Lopatin weniger um das Erforschen subkultureller Genre-Codes als vielmehr um das Gewährleisten eines Flusses an akustischen Eindrücken, expressionistischen Klangereignissen, wenn man so will. Ein Fluss, in dem die Hörenden mitschwimmen können, sofern sie denn den Geschmack des Wassers schätzen, das man ja unweigerlich doch immer wieder schluckt.
Nicht jeder Hörende wird in diesem rastlosen Zusammenfließen von New-Age-Synthesizern und immersiven Großkino-Basswellen auf bewusst linkisch geschnittenen Percussion-Loops sein musikalisches Seelenheil finden; nicht jede wird mit diesem verschrobenen Nacheinander (und bisweilen auch Nebeneinander) von filmischen Störgeräuschen wie knarrenden Türen, glucksend verzerrten Stimmen, Hundegebell, Möwengeschrei (oder ist es doch ein weinendes Baby?), knarzig-fragmentiertem IDM, Ambient-Drones und akustisch-instrumentalen Versatzstücken (die Harfe! Die Streicher! Die Glöckchen!), wie es bereits die ersten beiden Tracks des Albums offerieren, nachhaltig etwas anfangen können. Nicht alle Hörenden werden damit zurechtkommen, in einem Moment noch auf einer Cocteau Twins-artigen Ethereal Wave-Welle zu reiten (der Track „Cherry Blue“), im anderen in ein Becken aus atmosphärisch eingelassenen Jazz-Trompeten gespült zu werden („Modern Lust“), nur um dann am Ufer einer mysteriösen Sci-Fi-Synth-Insel zu landen („Measuring Ruins“), auf der pixelige Vexierbilder von Menschen abwechselnd zu glitchigem Ambient-Trance („D.I.S.“), gespenstischem Zeitlupen-R&B und polterndem Detroit-Techno („Rodl Glide“) tanzen.
Doch Hörende ohne diesen Wagemut und ein Mindestmaß an avantgardistischer Offenheit möchte Lopatin vermutlich auch gar nicht erreichen. „Tranquilizer“ braucht Hörende, die bereit sind, sich in dieses quirlige, unstete Wasser zu begeben – ohne Furcht, sich im Strom zu verlieren, aber mit einer Bereitschaft, dem Puls zu folgen, die Unvorhersehbarkeit dieser Musik zu akzeptieren und sich von ihrer Fülle überwältigen zu lassen.
monthly revelations extended (june)
album(s) LAURIE ANDERSON: LET X = X & KURT VILE: PHILADELPHIA‘S BEEN GOOD TO ME // film WANDA (1999) // prose SEBASTIAN BRANT: DAS NARRENSCHIFF & CHRISTOPH HEIN: DAS NARRENSCHIFF // talk OLIVER LAXE (SIRĀT) // radio STEVE TIBBETTS PORTRAIT // television LEGENDS // archive PETER THOMAS SOUND ORCHESTER: RAUMPATROUILLE ORION
„It’s the moment that excites you: When you’re writing a song, you feel it, you have chills, you know? Or when there’s a magic moment on stage and you’re all locked in… I live for that kind of thing. I love not fixing things, making them feel fucked up, or just leaving them fucked up. If you listen to the old Stones records or the Velvet Underground, the reason they’re so unique is because there’s a million, trillion imperfections in there.“ (Kurt Vile)
Any flowie wants to put in shape july‘s revelations? Just send a sign.
In memory of a cowboy named Sonny
Sommer 2017: Im Lauf der Jahre geisterten durch meine Nachtsendungen ein paar, gern variierte Sätze, u.a. „Die Häuser der Kindheit müssen ihre Dämmerung behalten“, von Gaston Bachelard, und wenn ich von „Regressionen im Dienste des Ichs“ sprach, zitierte ich den Psychoanalytiker Georg Groddeck. Beides kommt bei mir in letzter Zeit zusammen, wenn ich mir so angucke, was ich mitunter für Platten auflege. Oder welche Lust ich manchmal auf alte Filme verspüre, jetzt ist gerade „Bullitt“ dran, genau, der Film mit Steve McQueen.
Es ist auch nicht typisch für mich, dass ich seit einiger Zeit ganz gerne bestimmte Platten auflege, die lange vor meiner Jazz-Entdeckungs-Zeit aufgenommen wurden. Vorzugsweise „Way Out West“, von Sonny Rollins, und „Midnight Blue“ von Kenny Burrell. Ich sehe keine Bilder beim Hören von Klängen, aber es fällt mir leicht, innere Filmsequenzen abzuspielen, wenn ich es will. Und genau das will ich zuweilen, wenn mir bewusst wird, dass diese Aufnahmen Zeit still stehen lassen, Zeit ablichten.
Ich schaue mir das Aufnahmedatum der beiden Platten an, und katalputiere mich in das jeweilige Studio. Von beiden Studios habe ich etliche Fotos, so dass ein beträchtlicher Realismus garantiert ist. Ich sehe die Musiker vor mir, sie trinken Bier, reden miteinander (ich schnappe einzelne Sätze auf), in der Regel gehe ich vor die Tür, und wenn ich weiss, wann die Session beginnt, suche ich mir eine Bar in der Nähe. In einem Fall ist es 1957, überlegen Sie mal! Wir sind zehn Jahre vom „summer of love“ entfernt, die Bars und Skylines erinnern mich an all die Filme, die ich aus jener Zeit kenne, „black and white and beautiful“. Einmal hätte ich fast Ray Barrettos ersten Auftritt an den Congas verpasst, als ich in der „Upper River Bar“ einen Whisky zuviel trinke, und eine Lady mir etwas von ihrer Kindheit in Georgia erzählt.

Autumn 2019: Some years and ago, a friend asked me about the best-sounding jazz album ever. What a question, I answered. I don‘t know anything about „ever“, but ask me about a certain time. Then he asked me about the best-sounding jazz album of my teenager years, and the best-sounding album „before my time“. Okay, choices made instantly. I said, „Dis“ with Jan Garbarek, Ralph Towner, and the short appearances of a wind harp.
And thinking of the times before my time, I said, „Way Out West“. It was made in the middle of the night on March 7, 1957, in the shipping room of a small Los Angeles record company, with an underpaid engineer recording a trio playing cowboy songs on a first-generation stereo Ampex tape deck through a homemade mixing console. It seems an unlikely setting for one of the greatest jazz recordings of all time, musically and sonically.
But the players were Sonny Rollins and Ray Brown and Shelly Manne, and, on that night, they were cookin’. What seems like strange duo of vinyl albums, makes some extra sense when realizing a strong bond between them: deep relaxation, high intensity, breathing space. Pure transzendence. Real favourites.
Now, with some studio chatter and unreleased versions, a double vinyl edition of Sonny Rollins’ classic has been published. You don‘t need to have that one, a single vinyl edition is enough to induce addictive deep listening. The sound is dry, but vibrant, the channel separation has its own aura, far away from being one of these minor quibbles in regards of the limitations of early stereo. Come on. It‘s a cracker. Joyful and deep. I was enthusiastic when I spoke about it during a talk with Norwegian master bass player Arild Andersen years ago. He had never heard it, just knew about its existence. Now, finally, he has it at home, and has one word for it: GREAT.
(Two old „mana“ texts from m.e., minimally revised)
Dee Dee Bridgewater in Berlin
Am Sonntag Abend trat im Berliner Pierre Boulez Saal – einem Ort, in den ich verhältnismäßig häufig zu Konzerten gehe – Dee Dee Bridgewater auf. Das muss wohl die beste Jazzsängerin sein, die ich in meinem Leben erlebt habe. Abbey Lincoln hätte ich auch gerne mal gesehen. Zur Zeit höre ich aufgrund einer Reise in die 1960er häufiger Alben von Nina Simone; da ist auch eines besser als das andere. Womöglich haben nur Bob Dylan und Miles Davis und vielleicht noch die Jungs aus Liverpool in den 1960ern so viele großartige Alben aufgenommen.
Dee Dee Bridgewater hat mich auf ihren Alben oft nicht ganz so begeistert, daher hatte ich keine enormen Erwartungen, wollte einfach mal die Gelegenheit ergreifen, sie zu erleben; ist ja immerhin auch schon 75, die Dame. Und im Boulez Saal bieten sie neben den richtig teuren Karten fast immer auch welche für 15 Euro, und dort, in der letzten Reihe (Reihe 6 bzw. 8, je nachdem, ob es zusätzliche Bestuhlung auf der Bühne gibt) sind Sicht und Klang auch nicht (oder allenfalls unwesentlich) schlechter als auf den weitaus teureren Plätzen. Und wenn vereinzelt Plätze frei bleiben — was eigentlich immer vorkommt, kann man sich ganz einfach auch ein Stückchen weiter nach vorne setzen, und so saß ich gestern in der zweiten Reihe, also ganz dicht dran, was gerade bei diesem Duo-Rahmen mit Helen Sung am Flügel ein großer Gewinn war.
Und ich hatte ja keine Ahnung! Was für eine Präsenz! Welch ein Charisma, welch stimmliche und interpretatorische Meisterschaft, und welch ein Draht zum Publikum! Wie sie ins Gespräch mit dem Publikum, vor allem einzelnen Leuten in der ersten Reihe, ging, als würde man sich schon länger persönlich kennen; wie sie durch allerhand Erzählungen in jedem Moment, nun ja, im Moment war — und mit Humor und Weisheit und unbändiger Freude durch diese Performance führte, Begeisterung zeigte und lebte für die Kunst, für die Musik, für den Saal (sie erzählte, wie sie ein paar Monate nach ihrem vorigen, ihrem ersten Auftritt in diesem Saal bei einem Herbie-Hancock-Abend noch Frank Gehry kennenlernen durfte und ihm die Begeisterung für diesen Saal persönlich mitteilen konnte) und für ihr Publikum (und deren Schuhe). Und wie die deutlich jüngere Helen Sung kongenial am Flügel begleitete! Offenbar war das ihr erstes Duokonzert. Es war ein Ereignis. Und es ging von 18 Uhr bis Dreiviertel neun, inkl. einer nicht allzu langen Pause.
Ein Gast in der ersten Reihe hatte ihr einen Blumenstrauß mitgebracht, und passenderweise, ausgelöst durch ihre Nachfrage, wer beim letzten Mal schon da gewesen sei, erhielt sie diesen sogar direkt zu Beginn, bevor sie mit dem ersten Lied loslegte, sichtlich bewegt. Immer wieder sprach Dee Dee Bridgewater auch über Persönliches, bis hin zur Erinnerung an ihre früh verstorbene Mutter (nach einer ergreifenden Interpretation von My Funny Valentine) und an eine Depression und ein paar Tage, die sie sich in eine psychiatrische Station begeben hatte, wegen Suizidgedanken, dann aber entlassen wurde, weil die anderen Patienten lieber mit ihr als mit den Ärzten gesprochen hätten. Je länger der Abend ging, desto mehr Inspiration und Lebensmut verteilte Dee Dee Bridgewater im Saal.
Sichtlich waren alle Anwesenden derselben Meinung, einen großen Abend einer großen Künstlerin erlebt zu haben; der gesamte Saal stand zum Schlussapplaus ohne Zögern auf. Und ich konnte glücklicherweise am Künstlereingang dann auch noch zwei CDs signiert bekommen, die ich sehr schätze. Red Earth ist ein reichhaltiges Album mit vielen verschiedenen Einflüssen, u.a. ihrer Biografie und ihrer Beschäftigung mit ihrer familiären Vorgeschichte in Afrika, speziell in Mali. Neben drei weiteren Klassikern ist auch Four Women iauf dem Album, von Nina Simone. Deren Alben und Songs kann man sowieso nie oft genug hören.
Und die Klassiker, die gestern Abend zu hören waren, in diesen freien, langen Interpretationen mit Klavierbegleitung, waren allesamt meisterhaft dargeboten, wie ich das noch nie in einem Jazzkonzert erlebt habe.



- I’m Beginning to See the Light (Ellington)
- ’S Wonderful (Gershwin)
- In The Still Of The Night (Porter)
- Honeysuckle Rose (Fats Waller)
- Mood Indigo (Ellington)
- Sometimes I’m Happy (Sometimes I’m Blue)
- Caravan (Ellington)
- My Funny Valentine (Rodgers/Hart)
- The More I See You
- A Foggy Day (Gershwin)
- Angel Eyes
- Love for Sale (Porter)
- Just One of Those Things (Porter)
- Fine and Mellow (Billie Holiday)
Demnächst in diesem Theater …
Mark Hollis in Hamburg (1998) (ein Interview)

… oder in den Klanghorizonten Ende September!On Memory Lane, some years ago: The guy from „Zen Sounds“ is strolling through Mark Hollis‘ life, and time‘s rush (and the coffee I am drinking some miles before Bremen) is now filled with sugar and sadness. By chance, I made one of the two last interviews he ever did, in 1998, in Hamburg, before the release of „Mark Hollis“. And I was meeting him before In 1991 or 1990. In that week when the huge cover of Talk Talk‘s „Laughing Stock“ circled on the roof of Polydor Records‘ skyscraper, I sat in his little appartment near „Angel Station“, with Markus Müller (who is now the CEO of the Monschau Jazz Festival, remember his FMP book, or the ECM exhibition in München…), and we listened to his stories, for example about Mark’s neverending love for that first Duke Ellington piece of his only album with John Coltrane… „listen, these first moments of Elvin Jones there“, and whenever I come across the name of that Underground station, it hurts. „Angel Station“. For fuck’s sake. When meeting him again in the big Hamburg hotel, there was (really strange, and unexpected) this joy, unfiltered, similar to seeing an old friend again, a big smile on his side, on my side then, too. In those two hours, while drinking tea, there was a very kind, heartfelt connection. If I now think back to that scene, after all those years, it brings a tear to my eyes. I’m NOT „romanticizing“ this. All these special moments in life, you don’t return to them necessarily in your last moments, on the deathbed, you can bring them up – en passant, and they can serve. Everything wounded will flow. Little helpers on the way. The elevation of a (sudden) melancholic vibe. Mark Hollis never released any more offical recordings after his solo work. In 2001, he produced two songs for jazz saxophonist Jan Garbarek’s daughter Anja on her album Smiling & Waving. And, there I was, sitting in Anja‘s living room in Notting Hill – on her wall the magnified cover of Brian Eno‘s „On Land“, Anja talking about her album, and about the last appearance of Mr. Hollis in a record studio.
Sampling Sam (in dear memory of Ian McCartney)
Was für ein Album! Chapeau! Das Besondere daran ist, wie die Musik Niederlagen euphorisch klingen lässt. Je nach Stimmung kann es ein aufbauendes Album sein („It’s all right“ dient dabei als Schlachtruf) oder ein einzigartig niederschmetterndes. Es sind vielschichtige Porträts: farbenfrohe Städte, bevölkert von einsamen Menschen, romantische Gesten, die mit Schweigen beantwortet werden, wunderschöne Abende, die ins Leere laufen. Wie zu Liedgut gewordene Edward Hopper-Gemälde, nur, dass den Protagonisten ihr Lächeln nicht vollkommen abhanden gekommen ist. Die unmittelbarsten Stücke des Albums wechseln zwischen Stimmungen hin und her wie ein Flugzeug, das durch die Wolken taucht. Ein Song reitet auf seinem leuchtenden New-Wave-Groove, während der Sänger eine Geliebten darauf hinweist, dass etwas nicht stimmt. Ein anderer Haus beginnt mit einem traurigen Krankenhaus-Puls und Schilderungen einer langen, schlaflosen Nacht, doch er steigert sich zu einer Einladung, zu seltsamer Eleganz in einem Luxusauto. „Morgen werde ich da sein“, singt er am Ende stolz, „Oh, warte nur ab.“ Manchmal glaubt man ihm das. Einige von euch werden dieses Album kennen. Ich habe eine wundervolle Cd-Edition wiederentdeckt bei meiner Inventur. Es bleibt nur übrig, was mir unverwüstlich ist. Dieses Album gehört dazu, aus der Abteilung „slow burner“. Um welches Traumteil handelt es sich wohl?
Fly The Ocean…

Es gibt grossartige Musikalben, die so ganz anders klingen als Lieder und Instrumentalstücke, die sie wesentlich inspiriert haben. Die Byrds haben über Wochen „A Love Supreme“ gehört, bevor sie „Eight Miles High“ einspielten. Brian Eno verlor sich in den Räumen von Miles Davis‘ „He Loved Him Madly“, als er über Jahre hinweg an „On Land“ arbeitete. Und Pan American aka Mark Nelson hörte bei der Arbeit an seinem neuen Werk , wieder und wieder, bis er jeder Windung dieser Songs in seinem Inneren nachspüren konnte, „Promised Land“ von Chuck Berry, und „You Belong To Me“ von Jon Stafford. Vielleicht schwebten diese beiden Lieder auch von Anfang allein durch sein viszerales Gedächtnis. Es ist ein unfassbar persönliches (aber nicht im Privaten verharrendes) Album geworden, ohne eine einzige greifbare Songzeile – hier und da auftauxhende Stimmen wie dem Horizont abgelauscht. Der Titel des Albums, Fly The Ocean In A Silver Plane“, stammt aus dem Song von Jo. (m.e.)
“Fly The Ocean In A Silver Plane“
„Zwei Lieder bildeten das Rückgrat dieser Musik. Lieder, die ich schon immer geliebt habe – es scheint, als hätte ich sie schon geliebt, bevor ich sie überhaupt gehört hatte. Das erste, und die Quelle des Titels, ist „You Belong to Me“ von Jo Stafford. Abgesehen von den für unsere modernen Ohren unübersehbaren kolonialen Anklängen ist es auch eine wunderschöne Romanze aus der Mitte des Jahrhunderts – und eine Ode an die Bedrohung durch eine immer kleiner werdende Welt. Das Lied beschwört die Einsamkeit und das Geheimnisvolle des Alleinseins und des Zurückgelassenwerdens. Der Sänger bittet seinen Geliebten nicht, den Horizont zu verschließen, sondern erinnert ihn lediglich daran, zurückzukehren, wenn die Reise vorbei ist. Der „Silver Plane“ des Übergangs, der Veränderung und des Dazwischen beiseite zu lassen zugunsten der Geborgenheit fester Erde.“ (Mark Nelson)
„Der zweite Song ist „Promised Land“ von Chuck Berry. Auch hier geht es um eine Reise, und auch dieser Song bewegt sich mühelos zwischen Allegorie und Erzählung. Der Sänger ist unterwegs durch das von Rassentrennung geprägte Amerika und versucht, das gelobte Land Kalifornien zu erreichen. Der Song ist sowohl eine abenteuerliche Geschichte, die an Mark Twain erinnert, als auch ein amerikanisches Epos, das sich gut in die Reihe von Herman Melville einreiht. Als der Held es endlich nach Kalifornien schafft, ist sein erster Impuls, zu Hause anzurufen und der Alten Welt zu versichern, dass er sicher in der Neuen angekommen ist.“ (Mark Nelson)