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  • Alter wilder Westen

    Am Kiosk kauften wir als Kinder kleine, verpackte Fotos,  man konnte nie wissen, was darin enthalten war, ausser etwas aus der grossen fremden Welt der Erwachsenen und der Geschichte. Nie vergesse ich das Foto der vom Himmel gestürzten Fussballmannschaft von Manchester United. Auch Schwarz-Weiss-Bilder von Western waren beliebt. Ich hatte Robert Fuller im Kopf, und „Am Fuss der blauen Berge“.

    Der Held in meinen Serienträumen hiess Okko und rettete mich aus lauter gefährlichen Situationen. Leider zog er, als ich sieben war, seiner Wege, und ich durfte mich allein auf die Abenteuer des Verliebens machen. Nicht ganz allein, denn im Radio begleitete mich Caterina Valente durch manche Tagträumerei.

    Die alten Wildwestfilme wirkten für Kinder verdammt realistisch, und als ich heute The Searchers von John Ford nach Ewigkeiten wiedersah, dauerte es, bis ich den Film halbwegs wieder mit den Augen des Heranwachsenden sah. Die grosse Leinwand half dabei.

    Wie in vielen Dramen, gab es auch hier einen Narren, der letztlich für die richtige Spur sorgt. Sein Traum vom Schaukelstuhl ist ein uralter, von Buster Keaton über J.J. Cale bis Kurt Wagner. Die humorvollen Szenen überlagern keinesfalls das Bittere und Dunkle des Films, der so viel vom Stammesdenken und dem alten Westen erzählt.

    John Ford und John Wayne schürften in Abgründen. Einmal reitet John Wayne durch den Schnee, ein Mann mit vielen Gesichtern, der keinen Zweifel lässt, sein Ziel zu erreichen, „as sure as the turning of the earth“, wie er in unnachahmlicher Art sagt (man muss es im Original sehen, dann können auch Altlinke die Klasse von Wayne erkennen).

    Und am Ende, das traurig ist, und doch versöhnlich, dreht sich John Wayne um und verlässt das sichere Heim. Man glaubt es kaum, aber sein Gang hat Grazie, und er scheint, ansatzweise, im Einklang mit sich selbst. Zwei Seiten der Furchtlosigkeit, eine glasklare Entschlossenheit – und ein befriedetes Herz (neben all den unsichtbaren Tränen).

  • Arild

     
    I laid back and listened to that wonderful bass solo album „Landloper“ by Arild Andersen that came out in 2024. One of these albums that better work in darkness. I know Arild’s bass since I discovered ECM with Jan Garbarek‘s album SART. He never stopped surprising me, real and reliable company. („Landloper“ ends with an irresistible mélange of the two classics ‘song for che’ and ‘lonely woman’). I somehow never ever even heard about his 1981 album „Lifelines“ before. By chance, two years ago, I stumbled on it. Via Discogs, I got a near mint vinyl copy. Paul Motian on drums, Kenny Wheeler on trumpet, and a fabulous pianist with his only appearance ever on ECM. One of the titles: „Landloper“. 

  • monthly revelations, april, with an afterglow of the 1960‘s and the 1970‘s

    Die Beatles, einmal mehr, ein nie wiederveröffentlichtes Meisterwerk der frühen ECM-Jahre, das sorgt schon mal für ausreichend „Nachglühen“ . Aber dann wäre da noch die gewitzt inszenierte Hommage an einen Kinoklassiker aus dem Jahre 1960, und ein deutsches TV-Sci-Fi-Epos, ein Jahr vor dem „summer of love“, zwei Jahre vor dem wilden Jahr 1968, drei vor der Mondlandung. Man sieht. Volles Programm!

    Iron and Wine hätte auch das Album des Monats werden können. Die gelassene Zuversicht von Sam Beams Profi-Team erinnert an die Blütezeit von Laurel Canyon, ohne dabei irgendwelche Hippie-Geister heraufzubeschwören… oder, besser, im Original:

    „The mellow assurance of Beam’s team of professionals suggests the heyday of Laurel Canyon without quite conjuring any hippie ghosts. His touch remains too subtle and tasteful to succumb to the temptations of revivalism, yet there’s a distinctly welcoming and wistful breeze wafting through the record, blowing the stark “Paper and Stone” right into the sunlight. It’s a trick he repeats over and over throughout Hen’s Teeth, letting the idiosyncrasies of his songs be transformed, even erased, by the interplay of his supporting musicians. Maybe he’s lost the spartan immediacy of his earliest records, but he’s gained a sense of camaraderie that makes his music feel nourishing.“

    Ein trefflicher letzter Absatz einer Besprechung des jüngsten Iron and Wine – Albums. Eine kleine Hommage an den sowas von unabhängigen Musikblog Aquarium Drunkard, für den man ein kleines Entgelt entrichten muss pro Monat, aber selbst Musikfüchse wie du und ich finden dort manch Aufregend-Altes und Aufregend-Neues!

    Eine kleine Hommage für Aquarium Drunkard also, dass unser Griff ins Archiv und die Entdeckung eines tollen neuen Albums, neben einem langen launigen Interview mit Sam Beam, durchweg von drei „Aquarianern“ stammt. Die Abteilungen für Film und Serie und Prosa schweifen weit zurück in ein altes Europa, über das Robert Wyatt das schönste aller Lieder gesungen hat, das mit Miles und Juliette in Paris. In der Abteilung Radio bleibt es bei meinen Zeitreisen durch die ECM-Jahre von Steve Tibbetts und und zwei meiner alten Sendungen über Ralph Towner und John Abercrombie. Tempus fugit. (m.e)

  • Das noch Unerzählte erzählen!

    19. Juni 2012. Alle Sitzplätze im Audimax der Frankfurter Universität sind schon besetzt, und dabei fängt die Veranstaltung erst in 20 Minuten an. Und es kommen immer mehr Leute, meist ältere, die Alexander Kluge hören wollen. Ich war verabredet, ein Freund eines Freundes war aus Karlsruhe angereist. Wir saßen nebeneinander. Die Poetikvorlesungen gibt es als Buch; für mich aber sind die Eindrücke und meine handschriftlichen Notizen wertvoller als es eine geschliffene Fassung der Vorträge je sein könnte. Thema des 19. Juni waren die Wirklichkeitsmassen, die auf ihre Erzählung warten. Alexander Kluge hatte dabei das traditionell Politische im Blick. Was er an Themen nannte, die noch nicht erzählt sind: die gestohlene Revolution in Ägypten, die Feigheit der AKW-Chefs. Erzählen als Kassandratätigkeit. Die unerzählte Realität auf Erzählbarkeit prüfen. / Die Fäden der Rohstoffmassen, die uns umgeben, miteinander verbinden. Zwei Erzählstränge, die nichts miteinander zu tun haben, kombinieren. Im Zwischenraum entsteht etwas Neues. Alexander Kluge zeigte Auszüge aus seinen Filmen (zum Beispiel aus „Fünf Leinwände“), er begeisterte sich für Paul Klee, er bezeichnete Walter Benjamins „Passagenwerk“ als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts und er fragte nach der Hauptstadt des 21. Jahrhunderts und brachte den Gedanken ein, es sei eventuell keine Stadt, sondern etwas in den Köpfen der Menschen; er präsentierte ein kaum bekanntes Märchen der Brüder Grimm (Das eigensinnige Kind), und er betonte, die Erzählweise im 21. Jahrhundert könne nicht mehr linear sein, sie müsse gravitativ sein. Wenn ich meine Notizen jetzt wieder lese, wird mir bewusst, dass diese wenigen Stunden im Audimax auf mich und auch auf meine Gedichte eine starke Wirkung hatten. Zwei Erzählstränge, die nichts miteinander zu tun haben, kombinieren. Im Zwischenraum entsteht etwas Neues. Die Hauptstadt als etwas in den Köpfen der Menschen. Die Vielfalt und die Unruhe in uns. Zum ersten Mal hörte ich hier von der Verwandtschaft des Rechtsgefühls mit dem Gleichgewichtsgefühl. Als sein zentrales Motiv nannte er: Die Scheidung seiner Eltern zu verhindern. Und wenn ich mich richtig erinnere, ich habe es nicht notiert, sagte er, im Nachhinein sei er sicher, dass er mit den Fähigkeiten, die er entwickelt hatte, die Scheidung seiner Eltern hätte verhindern können. Hieraus spricht die Leidenschaft des Juristen am Diskurs, der Glaube an den Diskurs.

  • Planet Alexander Kluge kreist woanders

    Als ob sie sich abgesprochen haben: wir gehen jetzt mal. Wer ist der Nächste? Gerhard Richter? Dann wären die Poeten unter sich.

    Ich traue mir keinen Nachruf zu, wüsste nicht, wo ich anfangen soll. Hier ein kleiner Text , den ich mal anlässlich einer Ausstellung auf Mana geschrieben habe. Hier eine kleine Anekdote, die ich mal mit ihm erlebt habe nach einem Vortrag in Düsseldorf über Das Fernsehen. Er sass danach zufällig in der Kneipe neben mir. Ich fragte ihn etwas provokant: Ist denn TV wirklich sooo wichtig? Er antwortete mit diesem geheimniswissenden Lächeln: Ich möchte doch sehen, was Helmut Schmidt da in Tunesien macht.

    Hier Tipps, wo man den „Heiligen“, die Tage in den Medien erwischen kann:

    ARTE Freitag, also heute, 22.45 Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos

    BR Samstag 23:15 Abschied von gestern. Nach dem Film noch ein Sonderbeitrag über ihn

    3SAT 29.3. ab 20.15 Nachrichten aus der chronologischen Antike

    Radio Bayern2 und Deutschlandfunk bringen Sondersendungen über „Die Chronik der Gefühle“ und über seine jüngsten Arbeiten zur KI. (Sendezeiten konnte mit KI noch nicht geben)

    Alexander, ich trauere. Um Peter Schneider, der gestern beerdigt wurde, um Habermas, um dich. Du sagtest einmal: Die Gefühle sind langsam. Zum Gluck ist der Frühling da.

  • Große Kunst

    Großes Konzert mit 50 Klavieren und Kammerorchester in einer sehr großen Halle in Oberschöneweide vor ein paar Tagen. Das Konzert war spektakulär, aber musikalisch weiß ich nicht so ganz, ob es so richtig überzeugend war. In der einstigen Industriehalle passte dieser akustische Orkan allerdings, denn es war eine rechte Industrieklangkulisse. Tags darauf das komplette Gegenteil: Meredith Monk zum Preisträgerinkonzert im Haus der Berliner Festspiele, nachdem sie drei Tage zuvor den Großen Kunstpreis Berlin bekommen hatte. Ich bin natürlich schon zur Preisverleihung hin, und freudestrahlend begrüßte sie mich, teilte mir wieder einmal mit, dass der Dokumentarfilm, für den ich vor ein paar Jahren in ihrem Atelier in Manhattan ein Interview über die Zusammenarbeit mit Manfred Eicher gedreht hatte (ein Teil daraus wurde dann ja auch in der retrospektiven ECM-Box zu ihrem 80. abgedruckt), noch immer „ihr liebster Dokumentarfilm“ über ihre Arbeit sei, sei es doch so angenehm gewesen, wie ich das Interview mit ihr als „alte“ Frau geführt und gefilmt hätte. (Dabei will ich nicht unerwähnt lassen, dass der abendfüllende Dokumentarfilm Monk in Pieces, den ich leider nicht gemacht habe, überaus sehenswert ist, gleichermaßen für Kenner ihres Schaffens als auch für alle, die gerade mal ihren Namen kennen.)

    Und das Konzert am Samstag war dann wahrlich groß. Außergewöhnlich. Die 83-Jährige wird auf der Bühne alterslos, zumindest was ihre Stimme betrifft. Einiges sang sie ganz allein, anderes zu zweit, ein paar Sachen dann zu dritt, ein Querschnitt durch 50 Jahre ihres Schaffens. Ein in aller Einfachheit großer, intensiver und bewegender Abend, auch was den exzellenten Live-Sound und die sehr klare, bestechend einfache Lichtsetzung betraf.

    Und hinterher sagte sie wieder, diesmal zu Mitanwesenden, – auch ihre Nichte war für das Konzert zu Besuch in der Stadt – dass ich ja so einen tollen Film gemacht hätte. Ich meinte, ich würde sie gerne fotografieren, wenn sie ihre Monate in New Mexico verbringt. Oder wenn sie ihr nächstes Album, Intra’s Net, mit Orchester, aufnimmt. Werden wir sehen, ob daraus was wird. Jedenfalls bin ich sehr froh, dass ich sie noch einmal persönlich treffen und vor allem auch auf der Bühne, zumal in meiner eigenen nächsten Umgebung, erleben konnte. 

    Der Sonntag gehörte dann dem neuen Film von Paolo Sorrentino, den ich für seine unglaubliche Inszenierungskunst bewundere, immer wieder. Die letzten paar seiner Filme habe ich nicht gesehen, sie kamen nicht so besonders gut an bei der Kritik. Aber La Grazia ist groß. Vielleicht ein bisschen zurückhaltender als frühere Filme in ihrer Opulenz, aber kaum weniger ausgefeilt und Eindruck schindend. Aber er versteht sein Handwerk einfach — und so gelingt ihm große Kunst. Und Toni Servillo ist auch wieder herausragend. Gerhard Midding: „(…) eine exquisite Melancholie. Servillo verleiht ihr mehr Facetten, als sich so manch anderer Darsteller überhaupt vorstellen könnte. Gründlich erkundet er die Einsamkeit und ethischen Fallstricke der Macht, um sodann noch eine weitere Anfechtung aufzuspüren, die tiefer schürft.“ Man kann ahnen, dass so manch einer oder eine fragt, ob so ein Film über „alte weiße Männer“, christliche Politiker zumal, in dieser heutigen Zeit eigentlich noch ein Filmstoff sein müsse. Doch Sorrentinos voriger Film über eine junge attraktive Frau war dann ja wohl auch nicht so das Gelbe vom Ei. Da lese ich im Film-Dienst wohl zurecht: „Vielleicht versteht Sorrentino alte Männer wirklich besser als junge Frauen.“ 

    Es ist aber auch immer wieder beeindruckend, wie Sorrentino in all dieser Opulenz und Ausgefeiltheit dann in kleinsten und eigentlich nebensächlichen Momenten überraschend größte emotionale Wirkung zu erzeugen vermag. Und La Grazia erzählt in so vielfältiger Weise so vieles, ohne dass es überladen wirkt. Klar, geht es um Politik, aber anders als derzeit üblich und anders als erwartet, gerade nach den vorherigen Filmen. Auch geht es um Eltern- und Kinder-Beziehungen und um Liebe und Partnerschaft. Und um Freundschaft verschiedener Art. Und um Leben bzw. Lebendigkeit und Tod. Und um die Zeit. Und die Leichtigkeit und die Schwere des Lebens. Und darum, dass das nicht alles zu Ende geht, wenn man meint, da kommt nichts mehr. Man könnte seine früheren und übersprungenen Filme mal wieder sehen oder nachholen.

  • Eingefangen durch Klang

    Zwei Songalben haben es mir seit Wochen besonders angetan. Ich kann sie mir überall anhören, auf Langeoog Richtung Ostland (mit uraltem Sony Walkman), daheim bei Kerzenlicht und strahlender Frühlingssonne. Ich habe in diesen Tagen am Meer, zwischen Seezunge, Ostfriesensmalltalk, und der Lektüre von Hans Schifferles Kinotexten, fast nur „Hen’s Teeth“ und „Hoggar“ gehört. Die Alben von Iron and Wine und Tinariwen verbindet, neben einem warmen Klangbild (das ist nicht so dahergesagt) und einem Faible für lässigste Melodien, eine permanent feingesponnene Textur vorwiegend akustischer Art, die genau dieses Wort verdient: „feingesponnen“. Jede Sekunde anstrengungslos mit Leben gefüllt, die Lyrik eine Fundgrube. Perfekte Lagerfeuermusik noch dazu. Man kennt die Stimmen, die Schubladen, die Stilrichtungen, aber es gibt grosse Unterschiede zwischen alten Hüten und stillstehender Zeit. Die roots für diese beiden Schallplaten haben in lang vergangenen Jahrzehnten ihr Wurzelwerk gefunden, in der Sahel-Wüste, im Laurel Canyon. Here we are in the years. Comes a time. Drifters‘ paradise.

  • Sometimes a record changes everything


    TRIO ONE

    Pan American: Fly The Ocean In A Silver Plane
    Gregory Uhlmann: Extra Stars* 
    Eivind Aarset: Strange Hands

    TRIO TWO

    Etienne Nillesen: Twee (Snare Drum Solo Album) 
    Irmin Schmidt: Requiem (Piano Solo Album plus field recordings)
    Björn Meyer: Convergence (Electric Bass Solo Album)

    Trio Three

    O.S.T. Sirāt   
    Tinariwen: Hoggar  
    Sunn O)))

    (penultimate playlist for a radio hour in the month of May)

    *Smile phrase: „Jeremiah Chiu co-produces the electronics-forward “Dottie” giving it a snappy shimmer, bolstered by Uhlmann’s percussive, melodic two-note figure — it sounds like a vocal-free Young Marble Giants with a much better home studio.“