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Keigo Hiagshino (1958-2026)

„Keigo Higashino’s Journey Under the Midnight Sun is a subversive treasure. One reviewer dubbed him the Japanese Stieg Larsson, and he definitely deserves to be ranked with the titans of the crime genre. And even more so: if David Foster Wallace had written a thriller, it would probably read something like a novel by Keigo Higashino. Compulsion, games, systems within systems, cultural bewitchment, politics: these two writers would have had a lot to discuss.“
Es gibt jene raren Meisterwerke, die einen dunklen Sog entfalten, alle Genredefinitionen vergessen machen, zugleich Gesellschaftsroman, Psychothriller, Zeitreisen und sonstwas sind – Unter der Mitternachtssonne von Keigo Higashino gehört sicher in diesen letzten Kreis episch-mäandernder „Schmöker“, in den man sich auf wundersame Weise verlieren kann. Es gibt gute Gründe, sich beim Lesen ein kleines Namensverzeichnis anzulegen, mit kurzen Stichwörtern zu den handelnden Personen. Es funktioniert aber auch ohne eine akribische Notizsammlung: jede Figur wird unverkennbar eingefangen in ihrer ganz eigenen Art, das Lebens zu meistern, oder an ihm zu scheitern (das letzere ist der Normalfall), und so werden die Klänge der anfangs exotischen, kaum erinnerbaren, Namen wie wiederkehrende Motive einer Symphonie von Großstadtstimmen wahrgenommen, die ihre einsamen Totentänze unter der Mitternachtssonne aufführen. In seltsamer Schwerelosigkeit. Was für ein Buch! „Unter der Mitternachtssonne“ ist unendlich spannend – und wohl einer der zehn, zwölf besten „Kriminalromane“, die ich, seit ich Erwachsener bin, gelesen habe.
Kate Wolf and Jesse Ballard
Bei unserem kurzen, aber intensiven Austausch in Düsseldorf bat mich Michael darum, mal was über meine Zeit in San Francisco zu schreiben.
Ich lebte Ende der 70er Jahre in Haight Ashbury, also mitten im „Music Meltingpot of the 70‘s“. Neben den Maestros – Garcia und Weir – and singing beauty queens wie Grace Slick gab es scheue Musiker, die mich bis heute inspirieren, lebendig machen und zu den Werten des Daseins ein erfreuliches Bewusstsein verströmen.
KATE WOLF war eine Protagonistin der feinen Töne, leider mit 44 Jahren verstorben. Sie singt über die Liebe “First Love of my life” mit ruhiger Samtstimme und einfachen Gitarrenakkorden. Sie beschwört vollkommen kitschlos “Green Eyes”. Mit diesem Lied kam sie mir näher, aber tief erwischt hat sie mich mit “The Wind Blows Wild”. Sie singt mit ruhigem Timbre eine lange Ballade über den Abschied vom Leben. Es ist ihr letzter Song vor ihrem Tod.
JESSE BALLARD kam aus Santa Barbara, wo ich einige Vorträge an der Uni, auf dem Boden liegend, angehört habe. Jesse ist auch schon gestorben. Vor drei Jahren in Berlin. Jeder, der im „Rickenbakers“ verkehrte, kannte Jesse. Sein Song “Mac” wurde von allen leise mitgesummt. Er singt über seinen Freund Mac, der aus dem Vietnamkrieg in einem „dark green bag“ zurückkehrte. Jesse singt mit starker Stimme die berührenden Balladen aus unserer Zeit. Immer wieder kehrte er zurück nach Southern California. Den letzten Trip schaffte er nicht mehr lebend, seine Frau holte ihn in Berlin ab. Jesses Lieder, die er alle selbst geschrieben hat, und am Klavier oder an der Gitarre begleitet, sind beides, lebendig und schwermütig, kãmpferisch und friedliebend. Ich mochte ihn sehr. Traf ihn natürlich im Rickenbakers.
Es gibt einige Videos auf YouTube, die unser gemeinsamer Freund Paul Stutenbäumer gedreht hat, sehr sehenswert, weil alle kleine Geschichten aus dem Leben erzählen.
Lajla Nizinski
Der Fantasieraum eines leeren Volleyballfeldes

Mich faszinieren Volleyballfelder, etwa in Naherholungsgebieten immer schon, ähnlich wie asketisch arrangierte leere Strandkörbe auf weiten Sandstränden. Hier, am Stoteler See, nicht weit von Bremerhaven, träume ich sofort, in flüchtigen Bildern von meinem „high life“ als Volleyballer, auf diversen ostfriesischen Inseln in den Grossen Ferien, wo immer ein bunter Haufen zusammenkam, oder einst in Furth i. Wald, einst, als wir die Silbermedaille des Rundinger Wanderpokals in fünf Sätzen gewannen, eine knappe Niederlage trotz aufopferungsvollen Kampfes gegen die französische Garnison. Es sind nur flüchtig flackernde Bilder, keine Tagträumerei. Lange her. Bei meinem Spaziergang um den See lernte ich einen Angler kennen, und seine Freude auch an Stunden, in denen nichts passiert. Kein grossmäuliges Anglerlatein, sehr angenehm. Loxstedt-Stotel ist ein Bilderbuchprivovinzstädtchen, hier im Norden ist es einmal mehr weniger heiss, abends versinke ich wahlweise Colin Walshs „Kala“ oder einer Folge von „Widow‘s Bay“. Eine Dienstreise mit kleinen Ausflügen. Gestern erzählte mir jemand, Cuxhaven habe einen Strand mit Mallorca-Feeling – ich hoffe, er meinte feine Sandstrände und keine Ballermann-Community. Auf den Balearen demonstrieren sie schon lange und massiv gegen die Kahlschläge des Tourismus für die Natur. Leere Volleyballfelder haben ihren eigenen Charme.
Eno (3)
Mit Brian Enos Musik verbinde ich, ins Blaue geraten, 150 Stories. Eher 200. Sie alle mal niederzuschreiben und in eine poetische Form zu bringen, wäre etwas, das mich reizen würde. Als ich mit meiner Verlobten 1976 oder 1977 in Padua und Venedig war, war bald auch ein italienisches Musikmagazin fortwährend an meiner Seite, das es formal wie inhaltlich leicht mit der deutschen „Sounds“ aufnehmen konnte – es schien mir sogar besser zu sein. Darin war auch eine lange Besprechung von Brians „Another Green World“ zu finden, die ich natürlich mit grossem Interesse las. Da ich das grosse Latinum hatte, konnte ich die italienische Texte des Magazins ganz gut verstehen, weil sie sich in vertrauten Zusammenhängen bewegten. Zeile für Zeile schwebte ich hin und her, zwischen der ungewohnten Sprache, meinem taufrischen Erinnerungen an die Musik, die daheim in Würzburg in Dauerschleife lief – und meinen intuitiven Übersetzungen, hin und her, hin und her. Endlich offenbarten meine nach der Schulzeit rasch schrumpfenden Lateinkenntnisse einen tieferen Sinn. Das Heft stellte auch Plattenläden in Padua vor, und natürlich steuerte ich eines dieser Geschäfte an, das von diesem freestyle Magazin „Sun Ras italienisches Wohnzimmer“ genannt wurde. Tatsächlich fand ich darin über hundert Sun Ra-Platten, und sofort umfingen mich wohlige Schauer, weil eine heiss geliebte Platte lief, die kaum einer kannte, „Under The Sun“ vom Human Arts Ensemble, beide Seiten, während ich Sun Ras verrückte Cover auf mich wirken liess. Wir bekamen einen doppelten Espresso, das weiss ich noch ganz genau, und die Welt stand eine Weile still. Und das war nicht mal die ganze Geschichte. Der Clou ist, dass es nicht ein Buch über Eno sein würde oder „meine Geschichte“, sondern eine „Hörgeschichte“, die entspannt gelesen und genossen werden kann, aber auch bedachtes Lesen belohnt, zum Verweilen, zum Kreisen einlädt, zum angehaltenen Atem, ohne den Atem anzuhalten. Ein kammerpoetisches Spiel an der Grenze von Lyrik und Storytelling. „Just as interesting as ignorable“.
Eno (2)
(In English here)
Der Witz von Gary Hustwits filmischem Brian-Eno-Portrait ist, wie hier in diesem Blog geschildert, dass eine Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt wird, um den Film bei jeder Vorführung bzw. bei jedem Abspielen anders aussehen zu lassen. Es werden Szenen ausgetauscht und durch andere ersetzt, dadurch werden Schwerpunkte verschoben und Inhalte umgestaltet. Das kann man so machen, es ist sicher eine clevere Idee, die an Enos „Generative Music“- oder seine „77 Million Paintings“Projekte angelehnt ist. Für mein Gefühl der Haupthaken dabei ist, dass nicht zwei Zuschauer denselben Film sehen und man sich insofern auch nur begrenzt über den Film unterhalten kann.
Interessant, dass die diesjährigen Bayreuther Festspiele ein vergleichbares Experiment wagen — das in diesem Fall allerdings aus der finanziellen Not heraus geboren ist. Der „Ring“ wird dieses Jahr nicht komplett neu inszeniert, sondern halbkonzertant aufgeführt. Das Orchester spielt, die Sänger und Sängerinnen stehen auf der Bühne und singen, während im Hintergrund und auf Gaze-Vorhängen von einer KI ausgewählte Bilder und Ausschnitte aus früheren Inszenierungen der Oper zu sehen sind. Diese werden live aus einem elektronischen Archiv zusammengestellt und live verändert. Konsequenterweise bezeichnet sich der Regisseur als „Kurator“. Auch hier ist das Resultat, dass jede Aufführung einmalig bleiben wird.

Dass das alles noch nicht so funktioniert, wie es sich Regie und Ausstattung wohl erhofft haben, zeigen die verschiedenen Kritiken der „Walküre“-Aufführung.
Aber man darf gespannt sein, wie sich das weiterentwickeln wird.
“You And Your Dog“
„Wir sind so an Meiburgs Gesang gewöhnt, dass das Auftauchen einer anderen Stimme – insbesondere einer so unverwechselbaren wie der von Laurie Anderson, die spricht, als würde sie den Zuhörer direkt ansprechen – ein ziemlicher Schock ist. Während sich „The New World“ oft so anfühlt, als würde man – manchmal holprig – flussabwärts getragen, ist „You And Your Dog“ der Moment, in dem wir sanft unter einem Himmel aus funkelnden Sternen in ein Delta hinausgleiten. Anderson geht behutsam mit den von Meiburg geschriebenen Worten um und erzählt eine traumhafte Geschichte von zwei Freunden, die einen Strandspaziergang machen, sich verlieren und einander nie wieder ganz finden können. Die Kombination aus ihrer sanften, beruhigenden Stimme und seinen magisch-realistischen Worten verschmilzt zu etwas Schönem, das wie Sandkörner durch die Finger rinnt. Die Botschaft, vielleicht – und die Botschaft von „The New World“ im weiteren Sinne – ist, dass das Leben vergänglich ist. Aber die Tatsache, dass wir hier, gemeinsam, zur gleichen Zeit auf diesem Planeten existieren, ist sowohl außergewöhnlich als auch wunderbar.“ (Louis Pattison)
Jonathan Meiburg appears as head of Shearwater, he had a central role in Okkervil. And he‘s part of Loma, yes, the band, Brian Eno got to know better after he fell in love with a song of them. So Jonathan knows Brian from the studio. Now, he has released „The New World“, one of the best albums of his life and of this year. A Talk Talk vibe at times without turning to pastiche. A singing voice to open up strange places. He‘s a friend of Laurie Anderson, too, who does the spoken word piece at the end of the album. And what a great track and video that is: just look and listen! I‘m generally not so much interested in videos except for reasons of time traveling. But this one, me oh my. All in all this is an album about worlds falling apart, in most different ways. Don‘t be afraid, there‘s something uplifting, too. (M.E.)
Heart of the Sun, Pulsing of Blood
Keine Ahnung wie viele Menschen am 23. März 1974 den Weg zur Penny Station in Griessem gefunden haben. Immerhin war es ein Samstag, aber ob sich in der Nähe von Bad Pyrmont und Hameln viele für ein Konzert von Harmonia interessiert haben?
Jedenfalls kann man jenen Abend auf dem Album „Harmonia Live 1974“ nachhören und die Musik klingt auch im Juli 2026 noch zeitlos, frisch und trippy. Bei „Über Ottenstein“ flimmert das Sonnenlicht über die dahinfließende Weser. Hans-Joachim Roedelius, Dieter Moebius und Michael Rother rühren einen Zaubertrank an, aus dem später Bands von Sonic Youth über Stereolab bis Tortoise schöpfen.
Wo Harmonia Wiederholung in Weite verwandeln, nutzt Linton Kwesi Johnson sie auf „Bass Culture“ als ein politisches Werkzeug Harmonia setzen im ländlichen Weserbergland ihren Kurs auf das Herz der Sonne, Johnson streift durch die Straßen Londons, arbeitet, geht in Bibliotheken, besucht Menschen und protokolliert, was er sieht, hört und liest. „It is di beat of di heart/this pulsing of blood/that is a bubblin bass/a bad bad beat/pushin gainst di wall/whe bar black blood.“ “Inglan is a bitch.“ Er spricht in seinem british-jamaican Patois mit grollender Stimme. Die Musik ist „rhythm of a tropical electrical storm / (cooled doun to the pace of the struggle)”, “thunda from a bass drum sounding / lightening from a trumpet and a organ.” Echos durchziehen die Musik; in den Texten hallen politisches Geschehen und geschichtliche Erfahrungen nach. Und dann ist da noch „Loraine“, ein Liebeslied zwischen Nostalgie, Zärtlichkeit und Unsicherheit, das nicht nur die politische Dringlichkeit des Albums für einen Moment anhält, sondern auch die Zeit stillstehen lässt.
Nils Petter Molvær – Be Quiet
(Edition Records, 2026)

If Khmer was like a train pulling you into the future – Be Quiet invites the listener to contemplation. Economy is present in both instrumentation and in the overall mix, keeping the intentional tone restrained. The album sees Nils Petter Molvær exploring new territories with an album serving as a companion for lonely nights.
The title setting the parameter for this journey of stillness through restraint which is considerably present throughout its 48 minutes run time. Where other albums in his catalogue share a more rhythmic focus, this album compromises a more sparse and intimate identity.
The album brings together nine carefully selected artists. Recordings covering eight major cities around Europe and South-East Asia. From Copenhagen, Bangkok and London to Munich, Berlin, Düsseldorf and Amsterdam. Be Quiet is accompanied by a documentary directed by celebrated Norwegian filmmaker and photographer, Per Maning and have been shown at festivals around Europe this summer.
Nils Petter wanted to explore different musical cultures and had invited musicians he admired for 3–4-hour recording sessions. Some of these recordings took place in professional studios. Others were captured at the respective artists private home studios. The goal was to together create a thing of beauty.
The album deals with textures, harmony and above all Nils Petter´s ability as a strong melodic improviser to establish just the right mood for each of the nine pieces. It is economical in a sense that it contains just a few elements, leaving space for you as a listener to fill in the gaps with your own thoughts and emotions. A companion at nighttime before entering dreamland. That moment where you are partly awake and partly asleep.

City of treasures. Bangkok sunset (photo: Jan Bang)
Bangkok – Chang Jing
The Chao Phraya River runs through the busy port of Thailand where Nils Petter met with Guzheng player Chang Jing for a recording session at the Triangle Wave Eco studio. The albums opening track demonstrates a brilliant interplay where ancient eastern tradition meets northern sensibility. Guzheng is a Chinese plucked string instrument and a distant cousin to the Japanese Koto.
The mix is simple with small treatments creating a special room for the Guzheng giving it a distinct, edgy sound. Months later while touring South-East Asia – Nils Petter, Eivind Aarset and I travelled down the pulsating river to visit the Wat Saket temple.
Rome – Martux M
The recording took place at Forum Studio in Rome. Founded by Ennio Morricone and home of electronic artist Maurizio Martusciello, known as Martux_M. Reducing the percussive elements in the mix to a bare minimum gave the piece a strong character. Small LFO-treatments on the original trumpet recordings, creating space for new harmonized trumpet overdubs done at Punkt studio in Kristiansand. “Rome” is perhaps the most accessible piece on the album. I think of it as a possible soundtrack to an unseen sci-fi film.

Miki Yui
Dusseldorf – Miki Yui
Build from small, sampled sounds, field recordings, synthesizer and trumpet – this track is minimal in the electronic sense of the word. The trumpet serves as a narrative guide moving in-between the abstract surroundings created by Miki Yui. Certain small noises were carefully placed in separate lo-fi rooms to add more colours to the overall mix. The trumpet is dry and up close as if sitting next to the listener. Subtle, intimate and daring.
Japanese electronic musician Miki Yui uses field recordings, synthesizers and samplers as sound generators. Yui will by invitation from musician and writer David Toop, give a lecture and a mini performance as part of the Punkt Festival in Kristiansand on September 3.
Copenhagen – Marilyn Mazur
A two-part meditation with Marilyn playing the celestial high- pitched bells over strings and harmonized trumpet in part one. An outtake from a former theatre piece, Nils Petter played it to Marilyn who loved it and responded instantly without further suggestions. The second part is where Marilyn is actively playing through her arsenal of percussion instruments. Timpani mallets touching skin, softly.
For decades Marilyn had been working closely with Norwegian musicians including Garbarek, Molvær, Aarset, Kleive, Wesseltoft, and Hildegunn Øiseth to name just a few. Future Song was perhaps the longest living of her many projects. Spirit Cave another. It started as a duo of Marilyn and me. The trumpet players varied from Per Jørgensen, Nils Petter and Palle Mikkelborg. With Eivind Aarset onboard, the quartet was active for a few years performing at festivals around Europe.
Marilyn had been battling cancer for a year. By the time we started mixing, the cancer had reached its final stages, and she had accepted the inevitable: “I´ve had seventy good years. I was hoping for another ten, but this is what I was given” she told Nils Petter a few days before passing.
Stills from the Be Quiet documentary by Per Maning
Hackney, London – Imogen Heap
The second track Nils Petter sent me was a recording he had done with singer Imogen Heap at the artist´s home studio in Hackney, London. This piece includes Nils´trumpet playing and Imogen´s body movements with custom made gloves triggering pitch shifters, stuttering vocal fx, reverb and loops.
The performance showed great promise. I thought it needed a few more colours and added my sound design to the mix. Further treatments shaped the mix into a multi-layered, organic soundscape.
Finsbury Park – John Paul Jones
The first recording Nils sent me was from a recording session with legendary bassist John Paul Jones that took place at Finsbury Park in London. Initially I had made a full-blown piece based on one of the improvisations but later disregarded it as it fell out of place for the album´s overall atmosphere.
Among the recorded material from Finsbury Park, Nils suggested to have a closer look at a piano/trumpet improvisation that might add another colour to the album. A lovely little tune appeared with John sitting behind the grand piano and Nils on trumpet. You can hear the vulnerable notes at the beginning of the piece. A sloppy note giving a human touch to the improvisation. It would have been an easy task to adjust it using the right software, but without a good enough reason for adjusting, we decided to leave it the way it initially was performed.
I met John at a three -day Scene Norway celebration at the opening week at Kings Place in end of the noughties. Tim Elsenburg (of Sweet Billy Pilgrim) shared management (Opium Arts) at the time with John who came together with his manager Adrian Molloy and Yuka Fujii, Sylvian´s creative partner. Together we hung out listening to concerts and the live remixes. John returned on the second day for more music. I invited him to Punkt in Kristiansand where he came the following year with his lovely wife, Mo. John shared stage with Supersilent and made friends with several Norwegian colleagues including Nils Petter, Helge Sten, Ståle Storløkken and Arve Henriksen.

Alva Noto & Nils Petter Molvær performing at Punkt 2024. (photo: Alf Solbakken)
Berlin – Carsten Nicolai aka Alva Noto
Recorded in few hours at Hansa Tonstudio in Berlin where Bowie did some of his most ambitious work. Carsten´s focus on detailed programming and sound design leaving enough space for the trumpet to unfold. The mix was done by Carsten himself. I did an edit for the album version.

Nils Petter Molvær and Soheil Shayesteh performing at Punkt 2024 (photo: Alf Solbakken)
Amsterdam – Soheil Shayesteh
This piece was recorded and mixed at Iranian Kamancheh player Soheil Shayesteh´s apartment in Amsterdam. Using his electronic set up allowing unpredictability, the performance fuses the Kamancheh with live processing in real time dialogue with Nils.
Münich – Anja Lechner
The recording with cellist and ECM artist Anja Lechner took place at an old church in Munich. Using two additional spaces in the church as reverb tools gave the flexibility during the mixing process. The full frequency spectre of Lechner´s cello comes through the mix with pure clarity. The Munich church performance captured an outstanding performance by Nils Petter and the share beauty of one of Europe´s finest cellists.
Be Quiet is dedicated in loving memory of Marilyn Mazur.
– Jan Bang
The thing with Andy Beta, and other „August Revelations“
So often I stumbled on writings by Andy Beta, in recent months. I read Richard Williams‘ text on Andy‘s Alice Coltrane biography, I read about his favourite Marion Brown album (I kindly prefer three other ones), I read about his weak spot for Frederikbergs Records (some stories to tell here, both of us), and shared his enthusiasm about an old free jazz album by Charles Tyler, one of Albert Ayler‘s close companions. Finally I saw and immediately Diven into his very, very long and in-depth interview with Steve Tibbetts. Which is now one of our monthly revelations of August – in the TALK column.

Within the department of film and television, i followed my own weak spots for brilliant detectives. In this case you can see that old Buster Keaton movie „Sherlock Jr.“, a bit more than 100 years old, and a short appraisal of the second season of the „John Sugar“ series with Colin Farrell followng the cinematic trail of all those infamous detectives from the film noir era.
Another time travel experience of the darker kind: Reetze reviews a historic novel by Anja Kampmann, „Die Wut ist ein heller Stern“. In our „ARCHIVE“ column, I remember and listen to two ECM classics that had both been recorded at the end of 1977 – classics that deserve the label classics – Bill Connors‘ „Of Mist And Melting“, and Jan Garbarek‘s „Places“ (always one of my ten favorite Jan Garbarek albums).

And our albums of August? If Jan Bang finds a blue hour, he will soon write his notes on Nils Petter Molvaer‘s „Be Quiet“ and I will add my take on Daniel Lanois‘ „Belladonna Nocturne“, a „no-ambient-ambient album“, „country-existential“, so to speak. I am also fond of the forthcoming Shearwater work „The New World“ with its subtle Talk Talk vibes.
Thank you so much, Buster Keaton – interstellar space from Alice Coltrane to John Sugar, and a timeline of 100 years, joyous zigzagging!
m.e.
Musik und Transzendenz
»The book of love has music in it
In fact, that’s where music comes from
Some of it is just transcendental
Some of it is just really dumb«(The Magnetic Fields)
Es gibt Phasen in meinem Leben, in denen ich mich nicht mehr mit Musik beschäftigen kann. Dies sind Phasen, in denen sich das Gefühl des Ausgelaugtseins tief in alle Faser des täglichen und alltäglichen Seins hineinfrist. Analog zu dem „Ausgelaugt“ als umfassendes Existenzgefühl stellt sich dann bisweilen ein Gefühl des „Ausgehört“ ein. Scheinbar habe ich in diesen Phasen das Interesse an Musik verloren – der Kunst, die als innige Lebensbegleiterin ansonsten so vieles mit- und durchmacht. Die Neugierde und Lust, neue Bands und Interpret*innen kennenzulernen ist dann nahezu erloschen. Das Anhören der Lieblingsmusik wirkt schal, bisweilen sogar störend. Ein Zustand, der die Sinnhaftigkeit des Lebens infrage stellt – es zwar nicht in nietzeanischem Furor direkt als Irrtum identifiziert, aber doch schon Zweifel an seiner Richtigkeit aufkommen lässt.
Da ich mich und meine Zustände weitestgehend kenne, weiß ich, dass diese für gewöhnlich eher nicht persistent sind. Die letzte Phase des „Ich habe ausgehört“ dauerte jedoch länger an als üblich. Vielleicht war es die besondere Turbulenz der Lebensumstände, die für eine Verlängerung verantwortlich war. Es war ein Graus: Die Musik schien für mich ihre Bedeutung verloren zu haben. Weder perzeptiv noch produktiv-kreativ war es mir möglich, mich so mit Musik zu beschäftigen, wie es mir normalerweise möglich ist: grundlegend. Musik ist in Zeiten der Erträglichkeit der Existenz ein konstitutives Element meiner Persönlichkeit, ein essentieller Mosaikstein in der bunten Bodenplatte meines Daseins. Wenn dieser herausgenommen wird, passt das Gesamtgefüge nicht mehr. Something doesn’t add up.Spoiler: Die Musik und ihre Bedeutung kam zurück in mein Leben. Nicht polternd, mit einem Paukenschlag, nicht mir einem „Hör mal, hier bin ich!“ in den Raum hineingetrampelt, sondern eher schlurfend, sich sanft, wie zufällig in das Bewusstsein einschmiegend. Dann aber im Medium der vermeintlichen Zartheit eine Präsenz und Tiefe entfaltend, dass ich geneigt bin, etwas pathetisch von einer transzendenten Erfahrung zu sprechen. Auslöser dieser Erfahrung war eine Band, die ich schon einige Jahre zuvor kennenlernte und zwar durchaus sympathisch fand, sie aber doch auf den undankbaren Stapel mit der Aufschrift „nicht uninteressant, beschäftige ich mich später mit“ und somit mehr oder weniger ad acta legte. Die Rede ist von der US-amerikanischen Indie-Folk-Band Big Thief.
Wie sich diese Band Jahre später ihren wohlverdienten Wiedereinzug in mein musikalisches Bewusstsein erkämpfte, kann ich nicht mehr genau rekonstruieren. Alles, woran ich mich erinnere, ist, dass ich mich auf der Suche nach geeigneten Einstiegsmöglichkeiten in das Big-Thief-Universum durch irgendwelche Musik-Subreddits wühle. Schließlich hatte die Band seit meiner letzten Beschäftigung mit ihr (es muss um 2016 herum gewesen sein) fünf weitere von der Kritik hochgelobte Alben veröffentlicht und war längst kein nerdiger Indie-Geheimtipp mehr. Da stieß ich auf einen Kommentar eines Reddit-Users, der Folgendes über einen Song mit Titel „Simulation Swarm“ schrieb:»Hii!! I’m a casual Big Thief enjoyer. And I have been so FUCKED UP about Simulation Swarm recently, like carnally.«
Meine Neugierde war erweckt. Ein Musikstück, das eine leibliche, ja fleischliche Erfahrung bei einem Hörenden auslöst, könnte das Richtige sein, um mich aus meiner musikalischen Apathie herauszuholen. Ich recherchierte weiter über den Song, der 2022 auf dem Album „Dragon New Warm Mountain I Believe In You“ erschien, und stieß auf immer mehr Kommentatoren, die dem Lied eine außergewöhnliche, gleichsam auratische Qualität zuschrieben:
»Seriously. That song builds a whole environment around me and feels like magic.«
Der User „Hobbes42“ konstatiert:
»Simulation Swarm is a transcendental song. The slightly delayed rhythm of the music, her ethereal vocals, the 4th-dimensional lyrics.«
Einen anderen Kommentator brachte der Song sogar dazu, bitterlich zu weinen:
»I listened to that song like the day i brought my newborn son home from the hospital a few weeks ago and it made me ugly cry.«
Dass Adrianne Lenker, Big-Thief-Mastermind an Gitarre und Gesang, als Songwriterin in der Lage ist, mit ihrer Musik ein solches Potential zu entfalten, konnte ich 2016 nur erahnen. Mein musikalisches Interesse an der Band und vor allem dem Song „Simulation Swarm“ war nach dieser Recherche jedenfalls entfacht, ich fand jedoch zunächst nicht die Zeit, das Stück anzuhören. Dann, wenige Tage später – ich war gerade dabei, mit letzter Kraft und Energie nach einem wunderbar chaotischen Tag mit Kleinkind auf einer partiellen Baustelle wohnend die Wohnung ansatzweise in einen bewohnbaren Zustand zurückzuversetzen – erinnerte ich mich an mein Vorhaben, legte die Kopfhörer an und spielte „Simulation Swarm“ ab.
Sofort zog mich ein vermeintlich entspanntes Gesäusel aus Akustikgitarren-Fingerpicking-Riffs, einem minimalistisch treibenden Drumming und einem Bass, der zu einem hypnotischen Flow des Songs entscheidend beiträgt, in seinen Bann. Dann setzt Lenkers Stimme ein und erzählt beiläufig, halbvernuschelt und doch so unheimlich poetisch-psychedelisch von leeren Pferden, die durch violette Türen galoppieren und von geflügelten Geschöpfen, die sich wie die letzten menschlichen Lehrenden in seidener Höhe versammeln. „Like the last human teachers“ – dieser Vers hallte noch lange in meinem müden Dozentenkopf nach, der sich nach einer erschöpfenden Woche des Pendelns zwischen zwei Großstädten, drei Fachakademien und zigmal so vielen Kursen nicht zuletzt auch „ausgelehrt“ anfühlt. Ich frage mich: Wann werden wir sie erleben, die letzte menschliche Lehrperson? Wann wird die KI auch uns Lehrkräfte obsolet gemacht haben? Ich habe keine Zeit, länger darüber nachzudenken; der Sog, der Flow des Stückes hat mich schon weitergetrieben. Ich lande im 31. Stock des „Simulation Swarms“, wo das Summen eines fluoreszierenden Lichts mich empfängt und die Gänge mit einem fiebrigen, formerfüllenden Flackern ausgeleuchtet sind. Ich weiß nicht, was all das bedeutet, aber ich fühle Bedeutung. Oder eher Fragmente von Bedeutung. Sie schwimmen brockig in einem warmen Schwall. Dann plötzlich, beinahe monolithisch aus dem seidenen, milchigen Fluß der metaphysischen Bildhaftigkeit emporsteigend:»I’d fly to you tomorrow, I’m not fighting in this war
I wanna drop my arms and take your arms
And walk you to the shore«Wie ein Mikro-Manifest ragen diese Zeilen aus der Strophe heraus, öffnen eine ganz andere Bewusstseinstür, machen die Situation auf einmal ganz konkret, politisch greifbar und zugleich menschlich unfassbar nah. Die lyrische Erzählinstanz bekommt Konturen: In Umrissen zeigt sich ein wissendes, liebevolles und zugleich kraftvolles, beinahe überweltliches Ich, dessen Stärke aus einer paranormalen Fürsorgekapazität resultiert:
»I remember building an energy shield
In your room, like a temple«Schützend beschirmt wird hier der neugeborene kleine Bruder, der als der „erste kleine Engel“ gesehen wird. Um ihn herum kreist eine Hoffnung auf Erneuerung, die zugleich eine Art von Wiedererinnerung, von Rückkehr verheißt:
»I believe we can renew
And you could be my brother
Once again, fall asleep with our backs against each other
You believe, I believe too
That you are the river of light who I love
That I sing to in the belly of the empty night«Es ist diese seelenerschütternd schöne Liebesbekundung des lyrischen Ichs am Ende, die mich den bitterlich weinenden, frischgebackenen Vater aus dem Reddit-Kommentar von oben, der ich drei Jahre zuvor selbst war, so vollumfänglich emotional verstehen lässt. Vielleicht ist dies das transzendente bzw. transzendentale Potential des Liedes: im Medium von Klang und Text eine Erfahrung schaffen, die über den konkreten Text und das vermittelte Gefühl hinausgeht, das Alltägliche überschreitet und auf das verweist, was unsere Erfahrung ermöglicht, was ihr vorausgeht. In diesem erkenntnistheoretischen, Kantschen Sinne könnte man vielleicht sagen: „Simulation Swarm“ lässt uns erahnen, was existentielle menschliche Erfahrung grundiert. Was es heißt, in einer Welt voller Kriege zu leben. Was es heißt, Liebe und Leid zu erfahren. Durch meine merkwürdige Musikabstinenz hatte ich ganz vergessen, dass Musik – vielleicht wie keine andere Kunst – imstande ist, uns solche Phänomene fühlend verstehen zu lassen.