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Eno

(English here)
Der Filmemacher Gary Hustwit hat schon sehr sehenswerte Filme gemacht; erinnert sei an sein Portrait des Designers Dieter Rams oder seinen Film über die Schrifttype Helvetica.
Brian Eno hatte schon die Filmmusik zu dem Rams-Film gemacht, da lag es wohl nahe, ihn auch selbst zu portraitieren. Seit 2024 wird der Film Eno jetzt durch die Arthouse-Kinos gereicht (das hieß: keine Chance in Pittsburgh), seit einigen Wochen wird er nun aber auch gestreamt. Seltsamerweise und leider wird die Kinofassung mit einer Spieldauer von 1 Stunde 40 Minuten angegeben, während die Stream-Fassung nur 1 Stunde 20 Minuten läuft.
Das Special ist, dass man den Film nie zweimal in derselben Fassung zu sehen bekommt. Immer werden kleine Ausschnitte ausgetauscht oder deren Reihenfolge verändert. Damit hängt sich der Film natürlich an Enos „Generative Music“-Konzept an. Das ist ein netter Gimmick, aber für den Normalzuschauer, der den Film nur einmal sieht, sinnlos, da man nicht die Möglichkeit hat, mehrere Fassungen miteinander zu vergleichen.
Der Film zeigt Schwerpunkte aus Enos Karriere, wir erleben kurz Bryan Ferry, David Byrne, Daniel Lanois oder David Bowie, wir sehen Brian Eno bei der Gartenarbeit oder beim Herumhacken auf einem Omnichord, beim Abspielen einer Ambient-Platte vor Publikum. Wir erfahren, dass Joni Mitchell einmal eine Ambient-Platte mit ihm machen wollte, er jedoch ablehnte, weil seine Ambient-Einspielungen von der Kritik zunächst schwer verrissen worden waren und er das Wort „Ambient“ nicht mehr hören wollte. Heute möchte er sich dafür in den Hintern beißen. Wir sehen, dass Eno, der in seinem Diary-Buch „A Year with Swollen Appendices“ von 1996 noch behauptet, seine Tagebuchversuche hätten immer bereits im Februar geendet, ein Riesenpaket sorgsam durchnumerierter und -datierter Notiz- und Skizzenbücher verwahrt — immer getreu der alten Regel: Wenn du Künstler werden willst, dann bewahre alles auf, was du machst.
Das ist aber auch schon alles. Irgendwelche sensationellen Neuigkeiten über Eno bringt der Film nicht, dafür eine Menge schnelle Schnitte. Für die $11, die der Stream kostet, ein bisschen dünn.
The New World (3) – „Nina, Jana and Laurie, for example“
Was hier folgt, ist der abschliessende dritte Teil der Besprechung von Shearwaters neuem Album. Und wer da alles auftaucht: Doug Wieselman, ein ewiger Mitspieler auf interessanten Alben, Laurie Anderson, eine Gruppe aus Mali und und und. Daraus den von Louis herausgehörten grossen „flow“ des Albums zu entwickeln, ist gewiss eine Kunst. Und dann hört sich für den Rezensenten ein Song an wie „eine zufällige Begegnung von Talk Talk und Nina Simone“. Kurz wähne ich mich in einem Buch über „imaginäre Alben“ a la Borges.
Gespannt wie ein Flitzebogen bin ich allemal von meinem Gesamteindruck, nach dem ersten und zweiten Hören – und habe zudem um Zusendung der lyrics gebeten. Vom Thema des Albums her, und von den zahllos eingeflochtenen „field recordings“ aus betrachtet, hatte ich in perfekter Synchronizität bereits das passende Album der Arktis-Forscherin Jana Winderen ausgewählt – für meine Klanghorizonte Ende September. Das Lied mit Laurie Anderson würde ich kaum spielen, denn eines ihrer grossartigsten Lieder ever ist bereits gebucht! Man kennt Alben, die an der Last ihres Anspruchs, ihres „Konzepts“, zusammenkrachen, und es gibt solche, die beidem gerecht werden und noch einen Mehrwert produzieren. Die Rezension ist schon mal per se beeindruckend, da darf sich Louis ruhig einige Male weit aus dem Fenster lehnen. Mein alter Freund Gregor war stets ein Freund davon, „die Kirche im Dorf zu lassen“. „Entscheidend is auffer Platte“, um einen anderen alten Spruch von Adi Preissler frei zu zitieren!

Die Songs von „The New World“ strotzen nur so vor Naturbildern: Elefanten und Kojoten, Kaninchen im Regen und Schnecken in den Ringelblumen. Doch Meiburgs hautnahe Erfahrung mit der Natur steht ganz im Dienst seiner Songs. Ein Songwriter, der weiter von der Realität seiner Themen entfernt wäre, könnte diese ungewollt romantisieren und dadurch etwas Unwahres schaffen. Doch wenn er seine bemerkenswerte Stimme – einen hohen, angestrengten Seelenschrei, der aus dem gleichen Holz geschnitzt ist wie der von Anohni oder Thom Yorke – einsetzt, um in „More And More“ vom Regen zu singen, der von den Cascades abzieht, oder in „A Mink In The Dust“ von Stichlingen, die im Teich springen, dann vertraut man ihm irgendwie, dass er dort war und das gesehen hat.
Was real und was unwirklich ist, ist ein zentrales Anliegen von „The New World“. Wir leben in einer Welt voller schlechter Schauspieler, Deepfakes, Fehlinformationen und Desinformation. Die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, fühlen sich manchmal realer an als die Welt da draußen. Meiburgs Gegenmittel ist die direkte Auseinandersetzung mit der Welt. Das lässt sich buchstäblich in Form von Feldaufnahmen hören, Klangfragmenten, die Meiburg auf seinen Reisen eingefangen hat: „The Only Sound I’m Afraid Of“ schwebt über das Krächzen tasmanischer Raben herein, während das in Moll gehaltene „Anamnesia“ vom dumpfen Brummen eines Gepäckförderbands am Flughafen Melbourne durchzogen ist. Im weiteren Sinne manifestiert sich dies jedoch in einem kreativen Prozess, der in Entdeckungen, Zufällen und dem chaotischen Geflecht menschlicher Zusammenarbeit verwurzelt ist.

„The New World“, so Meiburg, sei von „dem wildesten Ensemble, das wir je zusammengestellt haben“, entstanden. Die Aufnahmen erstreckten sich über vier Jahre an Orten wie London, Berlin und Texas, wobei das Kern-Trio von Shearwater – Meiburg, die Keyboarderin Emily Lee sowie der Schlagzeuger und Toningenieur Dan Duszynski – stets dabei war. Besonders wichtige Arbeit wurde jedoch in Shahzad Ismailys Figure-8-Studio in Brooklyn geleistet, einem kreativen Zentrum, in dem Musiker jeglicher Herkunft und aus allen Bereichen auftauchen und zum Mitwirken animiert werden können. Mitglieder der malischen Gruppe Ngoni Ba steuern Ngoni und plätschernde Rhythmen bei, gespielt auf Tamma, Yabara und Kalebasse. Der in Palästina geborene Firas Zreik bereichert „More And More“ mit dem klangvollen Qanun. Der New Yorker Holzbläser Doug Wieselman steuert Klarinette und Saxophon bei, während mit dem erfahrenen Perkussionisten Thor Harris ein alter Freund zurückkehrt, der zuletzt um 2013 auf dem Album „Fellow Travelers“ von Shearwater zu hören war. Auf dem Papier sieht diese Besetzungsliste wahrscheinlich nach einem Rezept für Chaos aus, doch es ist ein Zeichen für Meiburgs Weitblick – ganz zu schweigen von den Fähigkeiten des Mix-Ingenieurs Danny Reisch in der Postproduktion –, dass all diese unterschiedlichen Teile zu einer Platte verschmolzen werden können, die wie ein einziges, fließendes Ganzes klingt.
Dieser Zustand des Fließens ist ein prägendes Merkmal von „The New World“. „Even Song“ eröffnet das Album in medias res. „Racing through the path ahead/ Even though it makes no sense“, singt Meiburg, während ein One-Two-Strum auf seiner Gitarre mit dem Zischen der Hi-Hats verschmilzt und so ein Gefühl von vorwärtsrauschender Bewegung erzeugt. An anderer Stelle suggerieren organische Rhythmen zwar Vorwärtsdrang, aber auch Reibung – man denke nur an das seekranke 5/4-Schlingern von „Daydream Unbeliever“ oder an „A Mink In The Dust“, das wie ein Elefant durch dichtes Gestrüpp dahintrottet. Wir sind auf dem Weg irgendwohin – doch die Route ist nicht immer klar und der Weg alles andere als einfach.
Hier finden wir auch einige der bisher besten Songs von Shearwater. „More And More“ ist ein geschmeidiger Blues, der eine zufällige Begegnung zwischen Talk Talk und Nina Simone heraufbeschwört, mit sanften Klarinettenklängen, die wie Rauchschwaden durch die stimmungsvollen Passagen ziehen. „The Only Sound I’m Afraid Of“ ist ein eleganter Big-Music-Titel, der an die epischen Rock-Momente von „Jet Plane And Oxbow“ aus dem Jahr 2016 anknüpft. „Slugs In The Marigolds“ schlägt eine verspielte Richtung ein, wobei seine weinerliche Figurenriege die Vorzüge des Rausches als Gegenmittel gegen die Übel der Welt erwägt.

Doch eines der besten Stücke wird bis zum Schluss aufgehoben. Wir sind so an Meiburgs Gesang gewöhnt, dass das Auftauchen einer anderen Stimme – insbesondere einer so unverwechselbaren wie der von Laurie Anderson, die spricht, als würde sie den Zuhörer direkt ansprechen – ein ziemlicher Schock ist. Während sich „The New World“ oft so anfühlt, als würde man – manchmal holprig – flussabwärts getragen, ist „You And Your Dog“ der Moment, in dem wir sanft unter einem Himmel aus funkelnden Sternen in ein Delta hinausgleiten. Anderson geht behutsam mit den von Meiburg geschriebenen Worten um und erzählt eine traumhafte Geschichte von zwei Freunden, die einen Strandspaziergang machen, sich verlieren und einander nie wieder ganz finden können. Die Kombination aus ihrer sanften, beruhigenden Stimme und seinen magisch-realistischen Worten verschmilzt zu etwas Schönem, das wie Sandkörner durch die Finger rinnt. Die Botschaft, vielleicht – und die Botschaft von „The New World“ im weiteren Sinne – ist, dass das Leben vergänglich ist. Aber die Tatsache, dass wir hier, gemeinsam, zur gleichen Zeit auf diesem Planeten existieren, ist sowohl außergewöhnlich als auch wunderbar.
The New World (2) – „Louis Pattison‘s contender for the album of 2026“
„Meiburgs Interesse an der Natur hat oft dazu geführt, dass Shearwater mit einer Generation von Indie-Folk-Musikern in einen Topf geworfen wurde, die sich auf Natur und Tradition stützen, um ihrer Musik eine Art überlieferte Authentizität zu verleihen. Doch die Musik von Shearwater ist häufig sowohl intelligenter als auch tiefgründiger als die seiner Kollegen. Es gibt wohl keinen zeitgenössischen Musiker, der den Ansatz, den Mark Hollis von Talk Talk in seinen Meisterwerken „Spirit Of Eden“ und „Laughing Stock“ verfolgte, besser verinnerlicht hat: eine reich orchestrierte Kunstmusik, die so komponiert ist, dass sie sich gleichzeitig intim in ihrer Stimmung und gigantisch in ihrem Umfang anfühlt.“ (Louis Pattison, Fortsetzung)
In diesem zweiten Teil der Besprechung zieht Louis spannende Parallelen, zur Indie-Folk-Szene (da lehnt er sich weit aus dem Fenster), und dann zu seiner Inspiration von Talk Talks letzten beiden Alben (wo er sich noch weiter aus dem Fenster lehnt). Ich hab in den Klanghorizonten in den vergangenen Jahren zwei oder drei Alben von Shearwater vorgestellt, und weiss, was ihr Bandleader draufhat. Morgen bekomme ich den „stream“ des Albums, und bin sehr gespannt, ob ich Louis‘ Begeisterung teilen werde. Dann wäre das Album wohl ein Anwärter auf eins der Alben des Jahres. Das Video zu „Daydream Unbeliever“ könnt ihr im ersten Teil der Übersetzung „anklicken“. Das Thema des Albums ist jedenfalls hochspannend.
The New World (1) – „An ambitious, globe-trotting voyage into changing nature and Talk Talk-esque textures“

„Man sagt, wir wüssten mehr über die Oberflächen anderer Planeten in unserem Sonnensystem als darüber, was unter den Eisschichten der Antarktis verborgen liegt. Doch das ändert sich gerade – wie so vieles von unserem Wissen über die Welt um uns herum. In den letzten Monaten haben Wissenschaftler die Topografie der Antarktis in beispielloser Detailgenauigkeit kartiert und dabei eine verborgene Landschaft aus Bergen, Bergrücken, Schluchten und unterirdischen Seen enthüllt. Diese Landschaft wird nicht nur kartiert, um unsere Neugier zu stillen. Diese Daten werden in Computermodellen verwendet, die uns Aufschluss darüber geben können, wie schnell sich das Eis bei weiter steigenden globalen Temperaturen zurückziehen wird, was wiederum bestimmt, wie schnell der Meeresspiegel ansteigen wird. Die Konturen dieser uralten, verborgenen Welt werden die Gestalt der neuen Welt bestimmen.
Im Dezember 2025 stach die Expedition PS152 von Walvis Bay in Namibia aus in See, mit Kurs auf die Ozeane der Antarktis. Unter der Koordination des Alfred-Wegener-Instituts beförderte das Schiff Dutzende von Wissenschaftlern an Bord, um Daten über die Flora und Fauna des Südlichen Ozeans zu sammeln. Wer die Schiffsunterlagen durchblättert, entdeckt vielleicht einen bekannten Namen: Jonathan Meiburg. Meiburg ist nicht nur Frontmann und kreative Kraft hinter Shearwater, sondern auch ausgebildeter Biologe und Autor. Zum Zeitpunkt der Reise arbeitete er bereits seit mehreren Jahren an einem Buch mit dem Titel „The Secret Land: The Once And Future Life Of Antarctica“, das Licht auf diese höchst unbekannte Landschaft werfen sollte. Meiburg zieht jedoch keine scharfe Grenze zwischen seinen wissenschaftlichen und musikalischen Aktivitäten, und die Zeit hat gezeigt, dass das eine das andere beeinflusst. Sitzt man mit ihm auf dem Deck der PS152, hätte man ihn vielleicht dabei beobachten können, wie er eine Kamera auf den Ozean richtete, um Filmmaterial zu sammeln, das er später zum Video für die eindrucksvolle erste Singleauskopplung von „The New World“, „Daydream Unbeliever“, zusammenschneiden würde. Der langsame Schwenk über brodelnde Brandung und zerklüftete Eisschollen ist die perfekte Begleitung zu dem turbulenten, rockigen Drama des Songs. Eine Meditation über Wahrheit und Realität, untermalt von heftigen Percussion-Schlägen und aufsteigenden Streichern des Londoner Klassikensembles Orchestrate, die sich vorwärtswälzt, als würde sie von mächtigen Strömungen mitgerissen.“
(Anfang der Besprechung von Louis Pattison, Uncut, August 2026; das Album erscheint Ende Juli, meine Besprechung folgt hier in den kommenden 14 Tagen)
Arild (reprise)

Half a year ago: I laid back and listened to that bass solo album „Landloper“ by Arild Andersen that came out in 2024. One of these albums that better work in darkness. I know Arild’s bass since I discovered ECM with Jan Garbarek‘s album SART. He never stopped surprising me, real and reliable company. („Landloper“ ends with an irresistible mélange of the two classics ‘song for che’ and ‘lonely woman’). I somehow never ever even heard about his 1981 album „Lifelines“ before. A real discovery. Paul Motian on drums, Kenny Wheeler on trumpet, and a fabulous pianist with his only appearance ever on ECM, quite famous in Scandinavia, a well-kept secrete here: Steve Dobrogosz. One of the titles: „Landloper“. Arild Andersen performs at this year‘s Punktfestival, in a meeting of three generations of Norwegian jazz: Bugge Wesseltoft , Arild Andersen and Gard Nilssen. Another good reason to travel to Kristiansand in early September.monthly revelations (july)

album Ingo J Biermann und Jan Bang on two hot contenders for your year’s end lists: Ed O’Briens „Blue Morpho“ and „Mattias de Craene & Black Koyo“
film „16, Lovers Lane“ (a Go-Betweens documentary)
prose Graeme Thomson: In Another World – The Four Seasons of Talk Talk („reading Graeme‘s book about „The Colour Of Spring“, „Spirit Of Eden“, „Laughing Stock“ and „Mark Hollis“ is a rewarding experience for everyone feeling a strong connection with these works.“)
talk Ingo J Biermann und Stephan Schoenholtz im Gespräch mit dem Regisseur der Trilogie „Oslo Stories“ Dag Johan Haugerud („Drømmer (Träume) war … einer der klar besten Filme des letzten Jahres, letztlich ein beeindruckender Höhepunkt in der künstlerischen Laufbahn des 60 Jahre alten norwegischen Filmemachers und Romanautors, der außerhalb Norwegens bis dahin kaum jemandem bekannt war.“ ijb)
radio „Die ECM-Jahre von Steve Tibbetts und die „Klanghorizonte“ vom Mai 2026 (meine allerletzten Klanghorizonte Ende September enthalten lauter vertraute Namen – Graeme Thomson liest aus seinem Talk Talk-Buch – und wohl nur drei oder vier Aben von 2026 (neben den beiden Alben des Monats Juli gehören auch Ayumi Tanaka, Seefeel, Daniel Lanois, Lambchop und Shearwater zur „Patience der Horizonte“)
television Sarah Dempster on „Criminal Record (2)“
archive Tom Pinnock on a timeless, oracular milestone from 1979: „This Heat“ („This Heat ended up being called post-punk for lack of any better options, and though their music has many of the now-familiar hallmarks of that genre — a heavy dub influence, a fascination with the streamlined metaphysics of German kosmische bands, particularly Can, and complex, heady concepts communicated via primeval methods – it still stands apart, with something alien and unnamable at its core.“ (R. Jackson, Aquarium Drunkard)
Call me the breeze

Sommer ist gleichbedeutend mit Dub. Es ist die elementare Musik dieser Jahreszeit. Die tropische Insel, auf der der Dub seinen Ursprung hat, weist eine durchschnittliche Jahrestemperatur weit über 30 Grad aus – und den Pionieren des Genres ist es gelungen, diese allgegenwärtige Schwüle in jeden Zentimeter des Sounds einfließen zu lassen.
Alles im Dub scheint in der hohen Luftfeuchtigkeit zu schweben: ein wenig langsamer als gewöhnlich; ein wenig verschwommener – wie in der Atmosphäre verzögert. Der klappernde Bass, Fetzen von Gesangspassagen von Passanten, verschwommene Bläserklänge, die Fata Morgana der Melodica, der lockere Gitarren-Skank, der wie eine willkommene Brise vom Wasser herauf- und abfällt, und diese Beats, die wie die Sonne selbst herabprasseln.
All das leicht verzerrt und schimmernd in der Mittagshitze. Dub gehört zum warmen Wetter. Vielleicht greifen gerade deshalb diejenigen von uns, die nicht auf Jamaika sind, in den Sommermonaten danach. Die Trägheit und die Gelassenheit des Dub haben etwas an sich, das zu dieser Jahreszeit besonders passend wirkt. Er kann kraftvoll sein, ohne zu aggressiv zu werden; er kann verzaubern, ohne zu psychedelisch zu werden. Er ist offen, aber nicht ohne Struktur und Logik. Als „Head-Musik“ ist er eher „toasted“ als halluzinogen.
Dub bringt uns in Bewegung, aber nicht zu schnell und nicht zu sehr. Dieser wunderbar gedämpfte Schwung im mittleren Tempo ist vielleicht genau das, was man bei diesem Wetter braucht. In diesem Sinne gibt es hier ein paar Stunden ausgewählter Riddims aus der Blütezeit des Dub. Bleibt positiv, trinkt genug und habt Spaß dabei. |
Das rasende Parlando des Herrn Nagelsmann
Hier auf Langeoog ist Fussballromantik noch eine halbwegs leichte Nummer, weil so manches von Kindheit durchdrungen ist. Ich kann mich als BVB-Fan seit 1966 an jede Weltmeisterschaft erinern. Das Wembleytor sah ich mit meinem Blutsbruder noch in Schwarzweiss, mein Lieblingstorwart aller Zeiten, Hans Tilkowski, hatte keine Chance. Damals in London dabei war auch unser Vorstopper, Wolfgang Paul, der vor einigen Tagen gestorben ist. R.I.P. 1970, auch unvergesslich, „Schnelllliiinger“ und das „Jahrhundertspiel gehen die Italiener! 1974 waren dann die Holländer besser, aber wir hatten Gerd Müller.
Tempus fugit – nach 2014 schied Deutschland stets trostlos in den Vorrunden aus, und die aktuelle Mannschaft macht seit dem Ecuador-Spiel fast so wenig Hoffnung wie dieser unsägliche Bundestrainer. Im Vorfeld der WM trat Julian in einen Fettnapf nach dem anderen – erst die Abkanzelung von Undav, zuletzt der selbstgefällig nichtssagende Auftritt im Sportstudio (wäre das nicht so zum Fremdschämen gewesen, hätte er seinen Platz in der Geschichte dieser Traditionssendung des ZDF sicher gehabt – neben dem „Schweiger“ Norbert Grupe – die Älteren werden sich erinnern!), sowie der Wortbruch gegenüber Oliver Baumann zugunsten dieses „Torwarts mit der besonderen Aura“.
Julian Nagelsmann liebt seine eigene Eloquenz offenbat so sehr, dass er die Abzüge in der B-Note gar nicht mit bekommt, er parliert in einem leisen, wenig modulationsfreudigen up-tempo-staccato, als müsse analog zu den 180 beats von „hard core techno“ ebensoviele Worte pro Minute unterbringen. In dem Interview nach dem Ecuador-Flopspiel gab er sich renitent, besserwissend, abgenervt; nur wenige haben mitbekommen, dass er sich nach dem Schlusspfiff erstmal die Schiedsrichterin schnappte und zwei Minuten auf sie einredete wegen des völlig zurecht (!!!) zurückgenommenen Elfmeterpfiffs (die gleiche Schiedsrichterin, die Germany das komplett irreguläre 1:0 geschenkt hat – nach „hohem Spiel“ incl. Kopftreffer – mit freundlicher Unterstützung eines nicht minder verpeilten VARs!).
Man muss also kein Meister des Orakels sein, um zu erraten, wie es weitergeht. Nach einem quälerisch anzuschauenden oder überraschend leichtfüssigen Sieg gegen Paraguay wird „Die Mannschaft“ (alter abgeschaffter Werbesprech aus der Ära Oliver Bierhoff) gegen Frankreich sang- und klanglos ausscheiden. Natürlich könnte das auch schon heute Abend passieren. Wir können jedenfalls tief entspannt zuschauen, ob der flotte Herr Nagelsmann seiner „Spielidee“ weiterhin dezent bockig vertraut – mit dem derangierten Pavlovic auf der Sechs und dem „Kinderfussball“ (Marcel Reif) des sich selbst weiterhin suchenden Musiala. Egal. Nach der WM ist hochwahrscheinlch Schluss mit diesen auf Dauer so penetranten wie irrlichternden Auftritten eines Hochbegabten. Was Fussballromantik angeht, fällt mir eine andere Insellandschaft ein, die gerade ein modernes Fussballmärchen schreibt: Cap Verde!
(m.e.)
Punkt 2026 (from the margins)
Hello, ladies and gentlemen! My name is Michael Engelbrecht, and this is my little introduction to this year‘s Punktfestival (from the margins). You have a minute? Fine. From 2005, 2006 onwards, I‘ve been so often at Punkt, enjoying the experimental vibe of the festival, its hunger for the unheard, the meeting of generations, the merging of old and new dreams – and finding new friends. It was pure joy to select magic concerts and live-remixes for my radio station. They were quite expensive, but worth every minute. In the case of an exciting duo of pianist Tigran Hamasyan and live samplist Jan Bang, listening to a few seconds on air were enough for producer Manfred Eicher to bring Tigran’s ECM debut „Atmosphères“ on its way. Released on Sep 2, 2016, it will have its 10th anniversary, funny coincidence, on the evening before Punkt starts this time. You‘ve never heard that quartet with Tigran, Jan, Eivind and Arve. Well, some things in life can be changed. You have an hour? Nice: „Three Days In Lugano“.
When I was younger, so much younger than today, one of my first ECM albums was SART, and it had a huge impact on me. Was there a world after The Kinks and The Beatles? I was sweet seventeen and immediately fell in love with that work. By that time I was already addicted to Miles Davis „electic albums“ like „Live At Fillmore East“ or „Bitches Brew“, but I didn‘t know at that time, that SART was (in parts) inspired by two concerts Jan Garbarek saw from „electric Miles“ in New York. From start to end SART transformed elements of that experience into a wholly different ambience of „nordic noir“, „nordic cool“, and „nordic free“. There was quite another handling of space and silences, stop-and-go-passages, explosions. I had to listen to that album again and again and again. And, to be honest, again.

Much later, when becoming a radio man in 1989, the influence of that „teenage revelation“ became quite obvious. I interviewed all of these influential, uncompromising artists – like bass man Arild Andersen, who is now a special guest of this year‘s Punktfestival. By the way, i never stopped listening to SART, it became a lifer, never stopped being an adventure. A few years ago, „LANDLOPER“ saw the light of day, Andersen’s first solo bass album, and a terrific one. Sounding like he had waited a whole life for the right moment. The moment arrived, with a special handling of space and silences, stop-and-go-passages, melody. Teriffic versions of „Lonely Woman“ and „Song for Che“ included. Besides, another favourite ECM cover. Where‘s the vinyl?

3–5 September | Kristiansand, Norway
The pioneering Punkt Festival returns in 2026 with three days of concerts, seminars and live remixes — bringing together some of the most distinctive voices in contemporary jazz, improvisation and experimental music.
This year’s concert programme opens with a solo set by Norwegian drummer/composer Erland Dahlen, followed by the extraordinary Ethiopian singer , whose music draws on the Azmari vocal tradition and has been praised for its haunting, intense meeting of Ethiopian song, free jazz and chamber-like abstraction.
She is followed by a rare duo encounter between Nils Petter Molvær and Daniel Herskedal — two Norwegian brass innovators whose shared sense of space, electronics, melody and cinematic atmosphere promises a concert of unusual depth and resonance.
Friday brings the lyrical, border-crossing piano world of Greek composer and improviser Tania Giannouli , before Jan Bang presents Alighting , his forthcoming (due 2027) Punkt Editions album. The concert will be live remixed by Punkt co-founder Erik Honoré, who also mixed Alighting.
The evening continues with a major new meeting of three generations of Norwegian jazz: Bugge Wesseltoft , Arild Andersen and Gard Nilssen . The concert also marks the first Punkt appearance by ECM legend Arild Andersen — one of Norway’s most influential musicians, here joining two equally distinctive voices in a trio where deep experience, rhythmic imagination and open musical risk meet in real time.Saturday’s programme moves from the fresh, beautifully unconventional sound of Henriette Eilertsen Trio — flute, cello/electronics and drums — to Cimota , a new Nordic quintet featuring members of Atomic and Streifenjunko, with music that moves between post-bop energy, refined ensemble writing and collective improvisation.
The festival closes with the hypnotic, groove-based psychedelia of Goran Kajfeš Tropiques , one of the most compelling bands on the Swedish creative music scene.
At the heart of Punkt, as always, is the festival’s unique Live Remix concept: concerts are immediately reimagined by other artists, allowing the audience to experience music as both performance and transformation. The 2026 live remixers span several generations of Punkt’s live-remix practice: bass legend Arild Andersen joins live-sampling pioneer and Punkt co-founder Jan Bang, while vocalist and composer Ingri Jordahl, electroacoustic pianist and improviser Alessandra Bossa, and genre-bending producer Doglover95bring younger and expanded approaches to the format, including collaborations with students from the Live Remix Workshop. The Live Remix programme also features Erik Honoré with guests, Even Sigurdsen Røstad / Emanuel Bang / Audun Skeie, and a festival-closing remix by Bugge Wesseltoft’s New Conception of Jazz, here represented by Wesseltoft, Ingebrigt Håker Flaten and Anders Engen.
The renowned Punkt Seminar will also return in 2026, curated and hosted by David Toop on Thursday 3 and Friday 4 September. A composer, musician, author and curator whose work has shaped international thinking around sound, listening and experimental music since the 1970s, Toop is the author of influential books including Ocean of Sound , Sinister Resonance and Into the Maelstrom. The seminar will bring together a distinctive group of artists working across sound, performance, voice, image, improvisation and expanded forms of listening: Miki Yui, Lina Lapelytė, Vicki Bennett / People Like Us, Yara Asmar, Mike Cooper and Ecka Mordecai. Together, their practices move from microscopic electronics, field recordings and audio-visual collage to collective voice, lap steel, cello, scent, domestic sound worlds and highly personal forms of electroacoustic performance.
(Punktfestival HQ)
Der Hitze fern auf Langeoog
Kurzentschlossen, fuhr ich vier Stunden zur Fähre, setzte über, und quartierte mich in einem kleinen Appartment ein. Nur ein richtig heisser Tag in sieben langen Tagen, „Spring Hill Fair“ auf einem alten Walkman, Steve Swallows „kleine Wintermusik“, und Erinnerungen an den „den letzten Bus nach Woodstock“ – ich fühlte mich seltsam jung und sprang erst mal ins Meer, mit Blick zur roten Sonne, die bald ins kühle Nass eintauchen würde. Diesmal all alone, seltsam beschwingt, das Echo dunkler Wochen fast schon, aber nicht wirklich, lange her! „you think I’m young I’m not half those things / why did it rain? / the days ran away from us / heaven never knew / the chances that it left for us / fast and slow, breeze to wind…“

Die Romane, die ich gerade lese, nehmen einen Faden der Jugendzeit auf, meine Lust an rororo-Krimis, deren Cover ewig schwarzweiss waren (die neueren reprints dann auch mal in Farbe), und zu deren führenden Vertretern damals Colon Dexter zählte, mit seinen Inspektor Morse-Romanen. Der Ort: Oxford und Umgebung. Als ich vor Woche Simon Masons „Mord im November“ entdeckte, gab es kein Halten mehr, und einmal mehr tauchte ich in das alte, neue Oxford ein, das uns in der Regel bekannt ist, etwa aus ruhig inszenierten, aber auch fesselnden Verflilmungen mit dem alten, aber auch dem jungen Inspektor Morse.
Simon Mason hat ein spannendes Ermittlerduo eingeführt mit den „chalk-and-cheese cops“ DI Ryan und DI Ray Wilkins, die keineswegs miteinander verwandt sind und aus fast absurd gegensätzlichen Lebenswelten stammen. Der Glücksfall ist, dass Simon Mason grossartig schreibt, das Erbe von Colin Dexter in ein heutiges Oxford transportiert – hervorragend geplottet, humorvoll, und dunkel über alle Seitenränder hinaus. Die ersten beiden Romane (von mittlerweile fünfen) liegen in gelungener Übersetzung vor, und ich bin gerade mittendrin im dritten, „Lost And Never Found“. Ein umwerfender Sprachfluss ist diesen Romanen zueigen, in die Tiefe gehende Geschichten, allerbester Stoff zum Versinken!

Jetzt, der Hitze entkommen, liest sich das alles noch rasanter, die ersten Cafés öffnen, einen „morning swim“ habe ich schon hinter mir, es dauert seit meiner Kindheit immer um die eine Minute, bis mir im Meer warm wird. Die Wellen helfen! Ein Strandkorb ist angemietet. Der Geruch von Sonnenmilch versprüht einen Zauber wie eh und je. Mit dem E-Bike fahre ich die alten Runden, durch den Wald, „Waldbaden“ inclusive , zum Fährhafen mit seiner Fischstube am Deich entlang, und auch mal wieder vorbei an dem Hotel, in dem ich mich einst mit sieben Jahren in die Hotelmanagerin verknallte, „Haus Westfalen“ hiess es damals, in der Zeit, als Hoppy Kurrat noch für den BVB kickte, und die gebundene Ochsenschanzsuppe ein Klassiker war auf kurzen Überfahrten. Ein Hauch von Wehmut mischt sich in jeden Taumel kleiner Glücksschübe.