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  • Ein paar gute Gründe, Jan Reetzes Portrait über Joe Meek zu lesen

    „Meek ist mit der Kompression immer schon bei der Aufnahme in die Vollen gegangen. Deswegen gibt es in seinen Produktionen praktisch keine Pegelsprünge, alles ist gleich laut. Für die damaligen Hörer muss die Musik geradezu aus dem Lautsprecher gesprungen sein. Außerdem gingen durch das mehrfache Hin- und Her-Überspielen die Höhen ein bisschen verloren. Im Radio fiel das nicht auf, weil eh alle Pop-Programme über Mittelwellen liefen (die das alles sowieso nochmal komprimierten), die Kids hatten Kofferplattenspieler mit Lautsprecher im Deckel, und die Jukeboxen in den Kneipen waren auch nicht für Hifi-Sound bekannt. Für solche Wiedergabe hat Meek seine Sachen produziert. Die guten Meek-CDs (ich habe am Ende ja ein paar aufgeführt) sind zumeist nur ein bisschen klangrestauriert und geben zumindest einen Eindruck dessen.“ (aus einer Email von Jan R.)


    Mein Wissen über den Produzenten Joe Meek (1929-1967) war nur bruchstückhaft, bis ich dieses Buch in die Hände bekam. Ich machte mich vor der Lektüre kein bisschen schlau, ausser, dass ich mir seinen Welthit „Telstar“ anhörte. Ich wollte mich überraschen und auf eine Zeitreise mitnehmen lassen. Und ich wurde überrascht.

    Das Cover strahlt den Charme allerfeinster „pulp fiction“ aus: wie ein alter Schmöker – ich witterte eine leicht gruselige Geschichte, voller Zwielicht, Spannung und geisterhafter Gestalten. Tatsächlich könnte man aus der von Jan Reetze servierten Lebensgeschichte eines dezent schwierigen Charakters eine richtig gute Netflixserie machen, oder einen historischen Roman mit und ohne Tiefgang, in dem es nur so wimmelt von Geisterjägern und Visionären, dreisten wie seriösen Geschäftsleuten, Stars und Sternchen.

    Da es aber nun mal ein Sachbuch ist, ausserordentlich klug in Szene gesetzt, in keiner Weise auf sensationelle Enthüllungen schielend, erfahren wir en passant erstaunliche Dinge über die Geschichte der sog. Popularmusik, in welcher früher Rock’n’Roll und die weite Welt des Schlagers noch den Ton angaben, als auch über das Spannungsfeld der Sechziger Jahre, das, bei allen Aufbruchsstimmungen und Grenzerweiterungen, auch jede Menge Repressionen und Engstirnigkeiten bereithielt: so war der Protagonist als Homosexueller ohnehin in eine Aussenseiterrolle gedrängt. 

    Joe Meek gehörte zu dem Typus seiner Zunft, der die aufgenommene Musik seiner Klientel nicht realistisch abbilden, sondern mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln fantasievoll erweitern wollte. Das Publikum sollte eingefangen werden von unerhörten Sounds. Und in dieser Hinsicht war Meek, lange vor dem Einsatz von Synthesizern, absolut innovativ – vom Bau spezieller Gerätschaften bis zur Herrichtung eines Tonstudios. 

    In grosser Ruhe folgt Jan Reetze den einzelnen Stationen von Joe Meeks Vita, seinem Kampf um Anerkennung und Unabhängigkeit, seiner Suche nach passenden Aufnahmeorten und Künstlern mit grossem Potential, seinen kreativen Visionen sowie den zahlreich vorhandenen „inneren Dämonen“. Konflike entstehen fortlaufend: von früh an mit einer ungesunden Portion Misstrauen ausgestattet, ist er alles andere als geschickt im Umgang mit seinen Zeitgenossen. 

    Ein Leben wird umso glaubwürdiger erzählt, je sorgfältiger die Spuren gesichert werden. Ohne „Küchenpsychologie“, aber auch ohne tiefenpsychologischen Fachjargon, entsteht vor den Augen des Lesers gerade deshalb ein so überzeugendes Bild dieser Figur, weil der Autor trennscharf zwischen Fakten, Spekulationen und Gerüchten zu unterscheiden weiss, aber nicht wie ein Besserwisser, vielmehr mit gebotener Umsicht und gelegentlich leisem Humor! Man spürt bein Lesen, dass dem Autor die geradezu detektivische Recherche grosse Freude bereitet hat. 

    Das Buch kommt wie ein raffiniert angelegtes Puzzle daher, dessen einzelne, durchweg erhellende Elemente die vielen kurzen Kapitel sind, die jede Form von Verzettelung verhindern, und all die „Bausteine“ dieses letztlich tragisch endenden Lebens gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen, ob es um Meeks Studioexperimente geht, Visionen vom Leben auf anderen Planeten, die zum Ende hin vermehrt angestrebte Kontaktaufnahme mit berühmten Toten, den gelebten Alltag, das schwule Milieu, gerichtliche Auseinandersetzungen, diverse Abwärtsspiralen.

    Eine rundweg fesselnde Lesefreude also, die wechselweise Aha-Erlebnisse und Gänsehaut beschert – und ohne medienpädagogischen Zeigefinger eine kleine Lektion darin erteilt, was die sehr guten Biografien von den nicht so guten trennt: den geduldigen Blick für die Zwischenräume und Grauzonen!

  • monthly revelations (december)

    Alice Fischer hat einen feinen Text über Christian Petzolds Film „Miroirs, No. 3“ geschrieben, und Rainer Tittelbach hat sich, wie ich, beeindruckt gezeigt von dem Fernsehfilm „Polizei“ (ARD) . „Binge“ muss eigentlich „Television“ heissen, das kriegen wir auch noch hin. Ich habe ein paar Zeilen geschrieben über das so faszinerende wie feinsinnige Album „Daylight Daylight“ von Steve Gunn, und feile noch an meiner derzeitigen „12 best of-Garbarek“-Liste, weil mich die Neuauflag von „Madar“ (aus der ECM Vinylserie „Luminessence“) rundum begeistert, und derzeit meinen Dreher blockiert, bis ich dann, etwa ab Nikolaus, alle ECMs von Steve Tibbetts der Reihe nachhören werde – für mein Deutschlandfunkportait am 22. Januar. So bleibt die letzte lange Klanghorizonte Nacht des Deutschlandfunks vom Herbst 2021 noch einen weiteren Monat zu hören (alle fünf Stunden), und auch das Interview mit Annette Peacock bleibt bis Ende Dezember im launigen „screenhot puzzle“ erhalten.

    Jan Reetze hat die erste deutsche Biografie des Produzenten Joe Meek geschrieben, eine spannende Zeitreise in die Sechziger Jahre – ein paar Gedanken dazu finden sich Anfang Dezember in unserer Prosa-Abteilung. Habe ich was vergessen? Ich glaube nicht. Wenn sie kein überraschendes Comeback hinlegen, verlassen Brian Whistler und Henning Bolte die Liste schreibender Autoren, während Bernhard Scherber dazugestossen ist. As time passes by.

    P.S. Aus meiner Nikolausliste habe ich bereits die Nummern 1, 2, 8 & 13 verraten, hier kommt Nr. 19 meiner „best albums of 2025“: „Mukatu Astatke plays Mukatu Astatatke“! Stichwort: the endless magic of that series „Ethiopiques“! Und hier, auch zur Freude von Olaf W., auf dessen Liste ich Makayas Doppel-LP „Off The Record“ weit oben erwarte, eine kleine Zugabe als Ersatz für einen chinesischen Glückskeks: Makaya McCravens „Bonmot“ zum Leben und zur Improvisation, aus einem längeren neuen Interview in TheQuietus:

    „Improvisation is messy. Life is complicated. Life is going to give us surprises, twists and turns. You can’t predict everything. The unexpected is around the corner, and we are improvising through the unknown, barrelling through the universe at all times…  and you sharpen your skills to live the best and most productive and happiest life that you can for you and those around you. To me, that is improvising. I mean in a really literal sense that we are improvising all moments, at all times.”

  • „Everybody loves Mavis, don‘t they?“

    An diese Stelle möchte ich mich bedanken, dass mir Richard Williams erlaubt, was auch immer, aus seinem Blog „The Blue Moment“ zu übersetzen. Ich kenne seine Texte über Musik seit den goldenen Jahren des „Melody Maker“ in den „wilden Siebzigern“. Auch seine Konzerterichte sind wunderbar zu lesen. Einmal, vor kurzer Zeit, war er auf einem Doppelkonzert von Patty Smith und Al Stewart. Zwei Überlebende aus der Zeit von „Horses“ und „Year Of The Cat“. Ich hätte nach London fliegen sollen! Hier eine Passage aus seinem aktuellen Text, einmal mehr „two survivors“: Boz Scaggs und Mavis Staples. (m.e.)

    Nach Alben mit Ry Cooder, Jeff Tweedy und Ben Harper als Produzenten ist nun Brad Cook an der Reihe, der unter anderem für Bon Iver und Nathaniel Rateliff and the Night Sweats verantwortlich zeichnet, Mavis Staples’ neues Album zu produzieren. Er enttäuscht sie nicht.

    Die Songauswahl auf Sad and Beautiful World ist durchdacht und einfühlsam, angefangen mit dem bewussten Boogie-Shuffle von Tom Waits und Kathleen Brennans „Chicago“ über Gillian Welch und David Rawlings‘ „Hard Times“, Curtis Mayfields „We Got to Have Peace“ und Leonard Cohens „Anthem“ bis hin zu Eddie Hintons „Everybody Needs Love“ und einigen mir weniger bekannten Stücken. Am auffälligsten ist dabei „Godspeed“ von Frank Ocean und James Ho, das in einem dichten Instrumentalgeflecht alle besten Elemente der Americana zu einem perfekten Arrangement vereint.

    Die vielen hervorragenden Musiker, die an den 10 Titeln mitgewirkt haben, geben sich nicht mit Effekthascherei ab, aber ich liebe Derek Trucks‘ wunderschöne Slide-Gitarre, die „Hard Times“ verziert, und die glitzernde Pedal Steel von Colin Croom in „A Satisfied Mind“, dem wunderschönen Country-Song von Red Hayes und Jack Rhodes, dessen zahlreiche Coverversionen bis ins Jahr 1954 und zu Mahalia Jackson zurückreichen – vielleicht das Vorbild, das Mavis im Sinn hatte. Und zum Abschluss gibt es in „Everybody Needs Love“ einen Hintergrundchor, bestehend aus Bonnie Raitt, Patterson Hood, Kate Crutchfield und Nathaniel Rateliff.

    Soweit Richards fröhliches „name dropping“! Von einem „meiner“ mit Jazz- und andern Sendungen belieferten Sendungen (once upon a time) wurde ich (wie alle paar Jahre) nach drei Alben befragt, die ich für musikalisch extellent, durchaus zugänglich und im freiesten Sinne „weihnachtlich“ halte, „ohne dass sie explizit weihnachtlich sind“, und da fiel mir die Wahl leicht: Mavis Staples: Sad And Beautiful World, Brian Eno & Beatie Wolfe: Luminal sowie Steve Gunn: Daylight Daylight!

  • Glücksmomente mit Musik – Shortcuts

    Er fuhr den hellbeigen VW Bully auf den nächtlich dunklen Parkplatz vom A & W Restaurant an der Autobahn nach Ramstein. Er lehnte an der weit geöffneten Vordertür und hielt sie zart umschlungen. Aus dem Speaker im Inneren des Fahrzeugs hörten sie zusammen Stary, Stary night.

    Sie saß auf einem Felsvorsprung am Hafen von Vancouver und wartete auf die Fähre nach Victoria Island. Unten an der Pier stand die junge Frau in einem übergrossen schwarzen Wollpullover. Ihre Gitarre stützte sie mit dem Knie. Sie sang Both Sides Now, better than Joni. Tränenglück bei der Betrachterin.

    Sie schlichen sich auf Zehenspitzen ins Kinderzimmer. Sie wussten, dass ihr Vater sie durch das Schlüsselloch beobachten würde. Im halbdunklen Raum saßen sie sich gegenüber und versuchten sich an ersten Küssen. Dazu lief immer wieder auf dem kleinen Plattenteller : Nights in White satins.

    Wir schliefen gerne in den Dünen von Sylt, geschützt in den Mulden, umgeben von Schafen . Der starke Wind lärmte, wir sangen dagegen an: Sad eyed Lady of the lowlands und kurz vorm Einschlafen brüllten wir: I want you, I want you, I want you so bad, honey I want you.

    Er stand in seinen weißen Provoklamotten auf der Ufermauer der Seine und blickte hinüber zur Nôtre Dame. Sein Gepäck hatte er im Chat Noir abgestellt. Plötzlich schrie the Pretty Thing aus Amsterdam: we build House und anschließend leiser: You might be the loniest person in the world.

    Sie hatten sich in Nizza am Flughafen bitter gestritten.In Antibes trennten sie sich für immer. Sie lief weinend hinüber nach Juan les Pins, um sich frei zu schwimmen. Sie ging zu den Boulespielern und sah ihnen traurig zu..Auf einmal schlich sich ein Trostlied in ihr Gehirn.Sie summte leise mit: The sun is surely sinking down…so close your eyes… I can sing this song, and you can sing this song, when I’m gone..

    Wie klein wir uns fühlten, als wir 1978 auf der Seite von Bob Dylan wähnten, als er hinüber deutete auf die Stelle, wo Hitler einst gesprochen hatte Ich weiss nicht mehr, ob er Masters of war sang, ich weiß aber ganz genau, wie er zusammen mit Clapton Layla sang und ich übermütig mitgrölte und in den Armen eines GI landete.Ich schrie: my Name ist Layla.Er fing an zu weinen und sagte: I wish I would know the name of the man, who my kids now call Daddy.

    Sie warteten auf den Zug von Messina nach Palermo.Weil wieder einmal Bahnstreik war, ging sie zur Post, um nachzusehen, ob ihre Mutter ihnen 200 DM geschickt hätte. Als sie mit einer Tüte voller frittellas zurück kam, schrien sie die anderen an: wo warst du, gerade ist der Zug nach Palermo abgefahren. Nur einer stand ruhig am Gleis und sang mit seiner schõnen Stimme: good morning little schoolgirl, can I come home with you?

    Das Pärchen in der Drogentherapie nervte alle. Jeden Tag schliefen sie zusammen. Es war aber nicht das Gestöhne das nervte, sondern der Song Black Jack Davy sing it to the green green tree, den die beiden jedesmal danach laufen ließen.

    Als Studentin ging sie manchmal in den Knast, um mit Gefangenen zu sprechen Einmal flüsterte ein Kleinkrimineller:“ siehst du den gegelten Typ in den dem rotkarierten Wollhemd, das ist ein Kindesmörder. Er hat das Bett neben mir, ich kann nicht schlafen, ich habe Angst vor ihm.“ Sie schaute hinüber, der Mann lächelte sie an. Ihre Augen suchten reflexartig den Wärter. Dieser nickte ihr freundlich zu. Ach wäre sie stark wie Joan Baez, sie würde mit ihrer Schwester Viva mi patria Bolivia singen.

    Lajla Nizinski

  • Chatham Baroque

    Chatham Baroque:
    A Trio Virtuosic
    Chamber Music in Seventeenth- and Eighteenth-Century

    Andrew Fouts, violin
    Patricia Halverson, viola da gamba
    Scott Pauley, archlute and theorbo 

    November 23, 2025
    Levy Hall, Rodef Shalom, Pittsburgh PA

    Chatham Baroque from Pittsburgh has been playing together in various formations for more than 15 years. Once a year, the ensemble performs as a trio. In this annual concert they presented music by composers from Germany, Austria and Czech-Austria:

    • Johann Sebastian Bach: Sonata in G Major BWV 1021
    • Dietrich Buxtehude: Trio Sonata in A Minor Op. 1 No. 3, BuxWV 254
    • Carl Friedrich Abel: Sonata No. 7 in Bb Major
    • Johann Heinrich Schmelzer: Sonata Quarta in D Major
    • Philip Heinrich Erlebach: Sonata I in D Major
    • Heinrich Ignaz Biber: Sonata III in F Major
    • Georg Friedrich Händel: Trio Sonata in G Minor Op. 1 No. 6

    Well-known names, except Abel and Erlebach, who I never heard of before. But they were notable discoveries. Bach or Händel go without saying, but it is always astonishing what even „second-tier“ Baroque composers were capable of. It is all the more gratifying that their often long-forgotten works are not only being rediscovered, but also presented in a much more vibrant way today than we know it from the often very formally rigid Baroque music recordings of the 1950s and 1960s.

    Chatham Baroque performed with great virtuosity and obvious enjoyment. It was a little bit of a pity however, that the beautiful but relatively high Levy Hall made the theorbo and viola da gamba sound somewhat lost in the room, resulting in the violin sounding very dominant. 

    However, thank you for the music! 

  • Nitai Hershkovits im Musikbunker, Aachen

    Nitai fand es beinah surreal, innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal in dieser Stadt, und am gleichen Ort, aufzutreten, erst mit dem Oded Tzur Quartett, und nun solo. Den Auftritt eines Zauberers am Piano magisch zu nennen, ist wenig hilfreich, und jede Beschreibung entzieht sich ohnehin dem Erleben, bricht es herunter auf elaborierte Sprache, oder handelsübliche Floskeln. Es bleibt „storytelling“ – oder Poesie. Und als Geschichtenerzähler entpuppte sich der ungemein sympathische Wahl-New Yorker allemal, wenn er zwischen den Improvisationen und taufrischen Versionen alter Stoffe interessante Einblicke gab, in die Grenzbereiche von Klassik und Jazz, in die Lektionen seiner Lehrerin Susan, in Manfred Eichers Produktion, in alte und neue Stücke, und en passant Duke Ellington, einen brasilianischen Vorgänger von Tom Jobim oder Ennio Morricone ins Spiel brachte. Sowie eine gewisse Molly Drake, die Mutter von Nick Drake, und jene eine betörende Schallplatte von ihr, aus der er den Song „Dream Your Dreams“ spielte. Was bei diesem Pianisten unmittelbar auffällt, ist sein besonderes „feeling“ für Klänge, ob in wirbelnden Tempi oder nah der Stille. Er lässt alle Taschenspielertricks aussen vor. Und schon bin ich wieder nah daran, wohlüberlegten Worten in die Falle zu gehen. Lieber tappe ich im Dunkeln, schliesse die Augen, und bleibe vorzugsweise sprachlos.

    HIER seine Homepage! Übrigens, am 30. November tritt das Darius Jones Trio im Musikbunker auf.

  • Die Sprache der Schrift

    Amo la poesia y el dibujo
    y
    tenerte a mi lado
    es
    un lujo

    Guten Tag Freunde der Poesie,

    Seit 5 Jahren fahre ich mit dem Bus über die schöne Insel El Hierro. An einer Haltestelle hatte ich den Zarathustra Effekt: mir kam die Idee, an diesem Ort, wo Menschen warten, also Zeit haben, Plakate aufzuhängen, mit der Einladung, kleine Gedichte darauf zu schreiben.

    Die meisten Fahrgäste sind mit ihrem Handy beschäftigt, ich wollte die eindimensionale Kommunikation mit dieser Aktion erweitern. Ich dachte, dass das Schreiben auf die Plakate einen kreativen Moment insichbirgt, der die Menschen möglicherweise zum Austauschen über die Gedichte bringt.Ich wollte mit diesem Projekt mehr über die Einheimischen herausfinden und war gespannt, wie sie auf meine Plakate reagieren würden.Die Aktion war auf drei Monate angelegt. Ich hing die Plakate an sieben Bushaltestellen auf, verteilt über die ganze Insel. Nach einer gewissen Anlaufzeit von zwei Wochen schrieben die ersten Fahrgäste kleine Texte auf die Plakate.Wenn sie voll waren, hing ich neue leere Plakate auf.

    Nach drei Monaten hatte ich 75 Gedichte gesammelt, von denen 63 gelungen waren.Die Plakate wurden auch dazu benutzt, Telefonnummern hinzuschreiben, also quasi als Partnersuche.Auch kleine Zeichnungen wurden geliefert, mehrmals fand ich lippenstiftrote Küsse vor. Einige zitierten Cervantes und andere bekannte spanische Dichter. Alle Texte wurden auf Spanisch verfasst und fast alle waren anonym.

    Was sagen nun diese Gedichte des kleinen Projektes über die Insulaner aus?

    Zunächst möchte ich meinen Dank aussprechen für das grosse Interesse an dieser Aktion..Nach einem etwas zögerlichen Anfang lief es gut, ohne weitere Vorfälle. Wenn Obszönes auf den Plakaten stand, wurden sie von Unbekannten entfernt.Nur zweimal wurden neue Plakate abgerissen. Ich könnte beobachten, wie Wartende die Gedichte fotografierten, einmal stand eine Lehrerin vor der Plakatwand und las die Texte ihren Schülern vor. Wenn ich Fahrgäste fragte, lieben sie die Poesie, strahlten sie und erzählten, dass Zuhause viel Poemas gelesen werden. Das hat mich überrascht und gefreut.

    Die Inhalte der Gedichte gehen vorwiegend über ihre schöne Insel, das Meer, die Vulkane der Sternenhimmel. Es gibt sehr schöne Liebesgedichte, einfach aber tief. Die Frauen problematisieren die Liebe,sie wollen sich nicht unterordnen, lieber nicht in einer Beziehung leben und dafür das Alleinsein akzeptieren. Humor und Erotik finden raren Ausdruck in den Gedichten. Es gibt einige Verse mit Kreuzreim, und einige Texte haben Schreibfehler überhaupt, freute mich, dass Gedichte mit der Hand auf das Papier geschrieben wurden. Ich ließ die Orthografie nicht verbessern.

    Ich wünsche mit den BUSSTOP POEMAS viel Freude beim Lesen.

    Soweit mein Vorwort in dem kleinen Gedichtband.

    Jetzt wisst Ihr, dass ich eine Weile fremd unterwegs war, nun bin ich back on flowy.

    Lajla Nizinski

  • a flowflow riddle no. 68

    Look at the covers below the grand On Land picture. Name the titles and artists names of all five albums posted there. Go into Sherlock mode, and be advised, it is more diffcult than you might think on first sight. One more time: the exact (!) titles are necessary! Here’s a devil in the details. The first one who sends me the rights answers will get one vinyl album from the big decade spanning boxset by Bruce Springsteen, or, in case you prefer cds, three fantastic ECM cds as a surprise package!

    Der Fünfte lag richtig. Die vier anderen verwechselten DUME mit ZUMA.

  • Das vorübergehende Verschwinden der luziden Träume

    Obwohl Sylv und ich in unserer Traumgruppe einen neuen Anlauf unternahmen, wieder vermehrt luzide Träume zu haben, sind wir vorerst gestrandet. Seit den 1960er Jahren wurde die Fähigkeit, im Traum volles Bewusstsein über den Traumzustand zu gelangen und bei vollem Bewusstsein in dieser „anderen Realitätsebene“ zu handeln, wissenschaftlich erforscht.

    1982 stiess ich zum ersten Mal auf luzide Träume, als mein letztes Jahr im Bayerischen Wald dem Ende entgegenging. In der Folge kehrte ich zu den luziden Träumen zurück, in Gruppen, Lektüre Vorträgen (tägliche Übungen, und nachts vor der letzten langen Traumphase sowieso, und Professor Tholey lernte ich im Frankfurt persönlich kennen und schätzen) – selbst Brian Eno bat mich mal um einen Crashkurs zum Thema (unvergesslich meine Session mit Brian in einem Park bei Maida Vale incl.eines mich attackierenden Wespenschwarms!)…

    „a cartoon for beginners“

    Wer bei manafonistas oder flowworker bei „Suchen“ „luzide Träume“ oder „Klarträume“ eingibt, wird etliche Stories und Selbsterfahrungen finden. Meinen letzten tiefgehenden luziden Traum hatte ich vor bald zehn Jahren, kurz nach einem Flaming Lips-Konzert in Berlin. Am Schluss dieses bewusstseinserweiternden Trips ohne Drogen hörte ich aus einem Recorder (im luziden Traum) einen brandneuen Brian Eno-Song, und da meine kritische Urteilskraft voll auf der Höhe war, erkannte ich dass dies ein absolut originelles und tolles Stück war, das bestens auf „Before and After Science“ gepasst hätte. Die genaue Analyse des Vortages machte klar, was da alles getriggert wurde. Aber seither – so gut wie nichts mehr. Ende Gelände!

    Die Story kennen die meisten hier, und warum komme ich wieder drauf? Unser neuer Flussarbeiter Bernhard erzählte mir von seinen sehr speziellen Erlebnissen nach einem Flaming Lips-Konzert – vielleicht wirft er sie einmal in die Runde. Offensichtlich braucht es kein LSD, um nach den Lips in einen besonders empfänglichen Zustand „between the worlds“ zu geraten – eine besondere Story allemal war das, über die Auswirkungen, die ein Konzert oder das Hören eines Albums mit sich bringen können, unter besonderen Umständen. Bei Mojo gibt es eine spezielle Rubrik dafür: „A Record That Changed My Life“.

    Man muss es nicht ganz so hoch hängen, jeder weiss, was damit gemeint ist. Unerwartet tief berührt hat mich zuletzt Steve Gunns CD / LP „Daylight Daylight“. Wer weiss, wie die Empfindungen, Erinnerungen, Seligkeiten, die sich mit dem Hören kurzgeschlossen haben, ihre dezenten „Marker“ setzen, bei Tagträumereien, und gerne nachts, wenn sich die klassische Frage des luziden Träumers stellt: „Träum ich oder wach ich?“ Sylv, sollten wir unsere Traumgruppe reaktivieren?! Wir hatten uns dabei ja vorgenommen, nachdem dir die berühmte Platte vom Buena Vista Social Club so unheimlich gut gefallen hat (es klang, als wären sie leibhaftig im Raum), einmal „Yoshimi Battles The Pink Robots“ von den Flaming Lips in Surround zu hören! Some little things (stories, sounds) change everything….



    Es ist gleich 16.00 Uhr. Ich habe die 5:1-Surround-Fassung von „Yoshimi“ vorbereitet. Eine heisse Tasse Ovomaltine, die lightwhow der Lips ersetze ich durch Verdunkelung der Vorhänge und Kerzenlicht. Heute beginne ich wieder mit meinen Übungen. Ich denke, noch in diesem Jahr werde ich von ein, zwei, drei luziden Träumen berichten. Dieses fantastische Album der Flaming Lips möge meinen ersten luziden Traum triggern! Safe journey!


  • Daylight, Daylight

    Laughter in shadows
    Where you used to stand
    With all of us around
    Particles bright
    In my letter of light
    Scattered the sea
    The fools, they agree
    It‘s all we know

    Ich habe mich oft zu einer Musik hingezogen gefühlt, in der vermeintlich nichts passiert, und doch so viel. Als ich das Album erstmals hörte, um das es hier geht, war ich auf Anhieb verblüfft. Zu wenig war ich mit den Alben dieses Singer / Songwriters vertraut, um zu beurteilen, ob sich diese Art von Liedern schon früher bei ihm angedeutet hatten: nichts Zupackendes, Riff-Betontes , eher ein durchgängig verhaltendes, impressionistisches Flair, dem sich die ruhige, nie verschwommene Stimme bestens zugesellt. Orchestrale Klangfarben kommen ins Spiel, aber dermassen subtil und dezent, dass aufmerksames Lauschen die einzige Chance ist, dieser Musik nahezukommen. Als Vergleiche werden in Besprechungen hier und da Bert Jansch, Talk Talk und John Martyn ins Feld geführt, ich würde noch M. Ward nennen, was den leichten Rauch in der Stimme angeht – und wenn diesem wunderbaren Liederzyklus ein Thema zueigen ist, dann „traveling“. Auf jeden Fall wird es die Nummer 8 meiner Jahresendliste sein. Beim Hören wird man, wenn man nicht ratzfatz das Interesse verliert, sanft in das Gewebe dieser Songs hineingezogen, und haben sich die Ohren einmal auf die diskrete Art der Soundmalerei eingelassen, sind es die kleinen Ereignisse im Panorama, die unsere Aufmerksamkeit erregen. Die lyrics leisten das ihre, um uns auf all diesen Reisen und Momentaufnahmen zu begleiten. Steve Gunn hat mit „Daylight, Daylight“ ein fabelhaftes Album fabriziert, u.a. mit James Elkington und einer gewissen Macie Stewart an seiner Seite, die auch Alabaster DePlume auf seiner letzten Tour begleitete. „Bevor der Film dir erklärt, was er bedeutet, ist die Geschichte völlig falsch und wird es vielleicht auch immer bleiben“, singt Gunn an einer Stelle und weist damit diskret auf die Sinnlosigkeit hin, nach Anzeichen für einen großen Plan zu suchen, wenn doch die unmittelbare Gegenwart alles ist, was wir haben. HIER der Auftakt! „Now come along, keep on / Distance is growing / We’re nearly there…“ (einen Satz aus Sharon O‘Connors „Hin-und-weg“ Uncut review habe ich hier einfliessen lassen, aber nicht diesen hier: „This is music that slowly pitches around on a rolling sea, or swoops in hazy air.“)

    Afterglow: „Toward the end of the recording process, he revisited that song he’d recorded late at night in his kitchen. It reminded him somehow of the famous story about Neil Young sitting by a fireplace and recording “Will to Love” in a single take in 1976. He called the song “Daylight” at first, until Elkington suggested doubling the title. “And I was like, ‘That’s the name of the record,’” Gunn says. “Rebirth, beginning again, letting some daylight come into the darkness. It all just clicked.”“