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  • Daniel Lanois from a record store

    “What‘s in his bag?“

    Es ist eine Freude, Dan auf seinem Stöbern durch alte und nicht so alte Platten zu folgen, mit ein paar Überraschungen, Altvertrautem, und richtig guten kurzen Kurzgeschichten. Ich höre ihm immer gerne zu. Ich verrate nicht zuviel, wenn ich verrate, dass es mit einer Platte beginnt, die ich erst neulich aus meinem Regal gefischt habe, und die einfach nicht aufhört, grossartig zu sein, „Yellow Moon“ von den Neville Brothers. Ein Album, auf die sich wohl alle Flowies einigen könnten. Lanois‘ „Belladonna Nocturne“ ist eines unserer Alben des Monats August!

  • Long buried treasure

    Andy Hamilton, The Wire, September 2026. Der Beginn seiner Würdigung dieses lang vergrabenen Schatzes. Von diesen Dreien ist der Saxofonist Carlos Ward am wenigsten bekannt, aber ich hatte das Glück, ihn einmal für ein 45-minütiges Porträt im Deutschlandfunk interviewen zu können. Manchen werden sich an seine Zusammenarbeiten mit Dollar Brand alias Ibdullah Ibrahim erinnern, oder an sein feines Saxofonspiel auf dem tollen Paul Motian-Alben „Tribute“. In der Begegnung war er überaus freundlich, über seinen alten Weggefährten Dollar wollte er kein Wort reden – da ist es wohl zu einem Bruch gekommen. Ein grosses Lob an WeWantSounds, die uns schon viele Entdeckungen beschert haben.

  • Von Singapur bis Sachsen-Anhalt

    “Before we set foot on the stage and again at the end of the show, large sections of the auditorium organically led chants of ‘Free Palestine’, presumably aware but undeterred that this spontaneous expression alone could violate their government’s censorship laws.

    “For our part, we did not imagine that merely holding up the flag of a sovereign state recognised by 157 countries would violate any law.”

    Massive Attack speak about ‘surreal experience’ of being banned from Singapore over Palestinian flag.

    Die Kriegsverbrechen der Israels gegen die Palästinenser im Gazastreifen seit sind der reine Horror. Ob man es nun Genozid nennt wie Amnesty International oder Kriegsverbrechen oder fortlaufende Verstösse gegen Völkerrechtskonventionen. Immer und immer wieder wird absolut gerechtfertigte Kritik an der israelischen Kriegsführung als antisemitisch bezeichnet. Passiert auch Lenz und Pracht regelmässig in ihrem hervorragendem wöchentlichen Podcast. (m.e.)

    „Unter Christdemokraten gab es in den vergangenen Tagen Entsetzen über eine CDU-Wahlkampfveranstaltung in Sachsen-Anhalt. Dort sang der eingeladene Kabarettist Dieter Hallervorden gegen die deutsche Aufrüstung an, kritisierte Kanzler Friedrich Merz und Verteidigungsminister Boris Pistorius scharf. In einem Video im Hintergrund wurde während der Gesangseinlage kurz das Foto einer Demonstration mit dem Schriftzug »Stoppt den Völkermord in Gaza« eingeblendet.“ (Der Spiegel)

  • Kate Wolf and Jesse Ballard

    Bei unserem kurzen, aber intensiven Austausch in Düsseldorf bat mich Michael darum, mal was über meine Zeit in San Francisco zu schreiben. 

    Ich lebte Ende der 70er Jahre in Haight Ashbury, also mitten im „Music Meltingpot of the 70‘s“. Neben den Maestros – Garcia und Weir – and singing beauty queens wie Grace Slick gab es scheue Musiker, die mich bis heute inspirieren, lebendig machen und zu den Werten des Daseins ein erfreuliches Bewusstsein verströmen. 

    KATE WOLF war eine Protagonistin der feinen Töne, leider mit 44 Jahren verstorben. Sie singt über die Liebe “First Love of my life” mit ruhiger Samtstimme und einfachen Gitarrenakkorden. Sie beschwört vollkommen kitschlos “Green Eyes”. Mit diesem Lied kam sie mir näher, aber tief erwischt hat sie mich mit “The Wind Blows Wild”. Sie singt mit ruhigem Timbre eine lange Ballade über den Abschied vom Leben. Es ist ihr letzter Song vor ihrem Tod. 

    JESSE BALLARD kam aus Santa Barbara, wo ich einige Vorträge an der Uni, auf dem Boden liegend, angehört habe. Jesse ist auch schon gestorben. Vor drei Jahren in Berlin. Jeder, der im „Rickenbakers“ verkehrte, kannte Jesse. Sein Song “Mac” wurde von allen leise mitgesummt. Er singt über seinen Freund Mac, der aus dem Vietnamkrieg in einem „dark green bag“ zurückkehrte. Jesse singt mit starker Stimme die berührenden Balladen aus unserer Zeit. Immer wieder kehrte er zurück nach Southern California. Den letzten Trip schaffte er nicht mehr lebend, seine Frau holte ihn in Berlin ab. Jesses Lieder, die er alle selbst geschrieben hat, und am Klavier oder an der Gitarre begleitet, sind beides, lebendig und schwermütig, kãmpferisch und friedliebend. Ich mochte ihn sehr. Traf ihn natürlich im Rickenbakers. 

    Es gibt einige Videos auf YouTube, die unser gemeinsamer Freund Paul Stutenbäumer gedreht hat, sehr sehenswert, weil alle kleine Geschichten aus dem Leben erzählen.

    Lajla Nizinski

  • Der Fantasieraum eines leeren Volleyballfeldes

    Mich faszinieren Volleyballfelder, etwa in Naherholungsgebieten immer schon, ähnlich wie asketisch arrangierte leere Strandkörbe auf weiten Sandstränden. Hier, am Stoteler See, nicht weit von Bremerhaven, träume ich sofort, in flüchtigen Bildern von meinem „high life“ als Volleyballer, auf diversen ostfriesischen Inseln in den Grossen Ferien, wo immer ein bunter Haufen zusammenkam, oder einst in Furth i. Wald, einst, als wir die Silbermedaille des Rundinger Wanderpokals in fünf Sätzen gewannen, eine knappe Niederlage trotz aufopferungsvollen Kampfes gegen die französische Garnison. Es sind nur flüchtig flackernde Bilder, keine Tagträumerei. Lange her. Bei meinem Spaziergang um den See lernte ich einen Angler kennen, und seine Freude auch an Stunden, in denen nichts passiert. Kein grossmäuliges Anglerlatein, sehr angenehm. Loxstedt-Stotel ist ein Bilderbuchprivovinzstädtchen, hier im Norden ist es einmal mehr weniger heiss, abends versinke ich wahlweise in Colin Walshs „Kala“ oder einer Folge von „Widow‘s Bay“. Eine Dienstreise (keim Witz) mit kleinen Ausflügen. Gestern erzählte mir jemand, Cuxhaven habe einen Strand mit Mallorca-Feeling – ich hoffe, er meinte feine Sandstrände und keine Ballermann-Community. Auf den Balearen demonstrieren sie schon lange und massiv gegen die Kahlschläge des Tourismus für die Natur. Leere Volleyballfelder haben ihren eigenen Charme.

  • Keigo Higashino (1958-2026)


    „Keigo Higashino’s Journey Under the Midnight Sun is a subversive treasure. One reviewer dubbed him the Japanese Stieg Larsson, and he definitely deserves to be ranked with the titans of the crime genre. And even more so: if David Foster Wallace had written a thriller, it would probably read something like a novel by Keigo Higashino. Compulsion, games, systems within systems, cultural bewitchment, politics: these two writers would have had a lot to discuss.“  

    Es gibt jene raren Meisterwerke, die einen dunklen Sog entfalten, alle Genredefinitionen vergessen machen, zugleich Gesellschaftsroman, Psychothriller, Zeitreisen und sonstwas sind – Unter der Mitternachtssonne von Keigo Higashino gehört sicher in diesen letzten Kreis episch-mäandernder „Schmöker“, in den man sich auf wundersame Weise verlieren kann. Es gibt gute Gründe, sich beim Lesen ein kleines Namensverzeichnis anzulegen, mit kurzen Stichwörtern zu den handelnden Personen. Es funktioniert aber auch ohne eine akribische Notizsammlung: jede Figur wird unverkennbar eingefangen in ihrer ganz eigenen Art, das Lebens zu meistern, oder an ihm zu scheitern (das letzere ist der Normalfall), und so werden die Klänge der anfangs exotischen, kaum erinnerbaren, Namen wie wiederkehrende Motive einer Symphonie von Großstadtstimmen wahrgenommen, die ihre einsamen Totentänze unter der Mitternachtssonne aufführen. In seltsamer Schwerelosigkeit. Was für ein Buch! „Unter der Mitternachtssonne“ ist unendlich spannend – und wohl einer der zehn, zwölf besten „Kriminalromane“, die ich, seit ich Erwachsener bin, gelesen habe.

  • Eno (3)

    Mit Brian Enos Musik verbinde ich, ins Blaue geraten, 150 Stories. Eher 200. Sie alle mal niederzuschreiben und in eine poetische Form zu bringen, wäre etwas, das mich reizen würde. Als ich mit meiner Verlobten 1976 oder 1977 in Padua und Venedig war, war bald auch ein italienisches Musikmagazin fortwährend an meiner Seite, das es formal wie inhaltlich leicht mit der deutschen „Sounds“ aufnehmen konnte – es schien mir sogar besser zu sein. Darin war auch eine lange Besprechung von Brians „Another Green World“ zu finden, die ich natürlich mit grossem Interesse las. Da ich das grosse Latinum hatte, konnte ich die italienische Texte des Magazins ganz gut verstehen, weil sie sich in vertrauten Zusammenhängen bewegten. Zeile für Zeile schwebte ich hin und her, zwischen der ungewohnten Sprache, meinem taufrischen Erinnerungen an die Musik, die daheim in Würzburg in Dauerschleife lief – und meinen intuitiven Übersetzungen, hin und her, hin und her. Endlich offenbarten meine nach der Schulzeit rasch schrumpfenden Lateinkenntnisse einen tieferen Sinn. Das Heft stellte auch Plattenläden in Padua vor, und natürlich steuerte ich eines dieser Geschäfte an, das von diesem freestyle Magazin „Sun Ras italienisches Wohnzimmer“ genannt wurde. Tatsächlich fand ich darin über hundert Sun Ra-Platten, und sofort umfingen mich wohlige Schauer, weil eine heiss geliebte Platte lief, die kaum einer kannte, „Under The Sun“ vom Human Arts Ensemble, beide Seiten, während ich Sun Ras verrückte Cover auf mich wirken liess. Wir bekamen einen doppelten Espresso, das weiss ich noch ganz genau, und die Welt stand eine Weile still. Und das war nicht mal die ganze Geschichte. Der Clou ist, dass es nicht ein Buch über Eno sein würde oder „meine Geschichte“, sondern eine „Hörgeschichte“, die entspannt gelesen und genossen werden kann, aber auch bedachtes Lesen belohnt, zum Verweilen, zum Kreisen einlädt, zum angehaltenen Atem, ohne den Atem anzuhalten. Ein kammerpoetisches Spiel an der Grenze von Lyrik und Storytelling. „Just as interesting as ignorable“.

  • Eno (2)

    (In English here)

    Der Witz von Gary Hustwits filmischem Brian-Eno-Portrait ist, wie hier in diesem Blog geschildert, dass eine Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt wird, um den Film bei jeder Vorführung bzw. bei jedem Abspielen anders aussehen zu lassen. Es werden Szenen ausgetauscht und durch andere ersetzt, dadurch werden Schwerpunkte verschoben und Inhalte umgestaltet. Das kann man so machen, es ist sicher eine clevere Idee, die an Enos „Generative Music“- oder seine „77 Million Paintings“Projekte angelehnt ist. Für mein Gefühl der Haupthaken dabei ist, dass nicht zwei Zuschauer denselben Film sehen und man sich insofern auch nur begrenzt über den Film unterhalten kann.

    Interessant, dass die diesjährigen Bayreuther Festspiele ein vergleichbares Experiment wagen — das in diesem Fall allerdings aus der finanziellen Not heraus geboren ist. Der „Ring“ wird dieses Jahr nicht komplett neu inszeniert, sondern halbkonzertant aufgeführt. Das Orchester spielt, die Sänger und Sängerinnen stehen auf der Bühne und singen, während im Hintergrund und auf Gaze-Vorhängen von einer KI ausgewählte Bilder und Ausschnitte aus früheren Inszenierungen der Oper zu sehen sind. Diese werden live aus einem elektronischen Archiv zusammengestellt und live verändert. Konsequenterweise bezeichnet sich der Regisseur als „Kurator“. Auch hier ist das Resultat, dass jede Aufführung einmalig bleiben wird.

    Dass das alles noch nicht so funktioniert, wie es sich Regie und Ausstattung wohl erhofft haben, zeigen die verschiedenen Kritiken der „Walküre“-Aufführung. 

    Aber man darf gespannt sein, wie sich das weiterentwickeln wird. 

  • “You And Your Dog“

    „Wir sind so an Meiburgs Gesang gewöhnt, dass das Auftauchen einer anderen Stimme – insbesondere einer so unverwechselbaren wie der von Laurie Anderson, die spricht, als würde sie den Zuhörer direkt ansprechen – ein ziemlicher Schock ist. Während sich „The New World“ oft so anfühlt, als würde man – manchmal holprig – flussabwärts getragen, ist „You And Your Dog“ der Moment, in dem wir sanft unter einem Himmel aus funkelnden Sternen in ein Delta hinausgleiten. Anderson geht behutsam mit den von Meiburg geschriebenen Worten um und erzählt eine traumhafte Geschichte von zwei Freunden, die einen Strandspaziergang machen, sich verlieren und einander nie wieder ganz finden können. Die Kombination aus ihrer sanften, beruhigenden Stimme und seinen magisch-realistischen Worten verschmilzt zu etwas Schönem, das wie Sandkörner durch die Finger rinnt. Die Botschaft, vielleicht – und die Botschaft von „The New World“ im weiteren Sinne – ist, dass das Leben vergänglich ist. Aber die Tatsache, dass wir hier, gemeinsam, zur gleichen Zeit auf diesem Planeten existieren, ist sowohl außergewöhnlich als auch wunderbar.“ (Louis Pattison)

    LISTEN!

    Jonathan Meiburg appears as head of Shearwater, he had a central role in Okkervil. And he‘s part of Loma, yes, the band, Brian Eno got to know better after he fell in love with a song of them. So Jonathan knows Brian from the studio. Now, he has released „The New World“, one of the best albums of his life and of this year. A Talk Talk vibe at times without turning to pastiche. A singing voice to open up strange places. He‘s a friend of Laurie Anderson, too, who does the spoken word piece at the end of the album. And what a great track and video that is: just look and listen! I‘m generally not so much interested in videos except for reasons of time traveling. But this one, me oh my. All in all this is an album about worlds falling apart, in most different ways. Don‘t be afraid, there‘s something uplifting, too. (M.E.)

  • Heart of the Sun, Pulsing of Blood

    Keine Ahnung wie viele Menschen am 23. März 1974 den Weg zur Penny Station in Griessem gefunden haben. Immerhin war es ein Samstag, aber ob sich in der Nähe von Bad Pyrmont und Hameln viele für ein Konzert von Harmonia interessiert haben? 

    Jedenfalls kann man jenen Abend auf dem Album „Harmonia Live 1974“ nachhören und die Musik klingt auch im Juli 2026 noch zeitlos, frisch und trippy. Bei „Über Ottenstein“ flimmert das Sonnenlicht über die dahinfließende Weser. Hans-Joachim Roedelius, Dieter Moebius und Michael Rother rühren einen Zaubertrank an, aus dem später Bands von Sonic Youth über Stereolab bis Tortoise schöpfen.

    Wo Harmonia Wiederholung in Weite verwandeln, nutzt Linton Kwesi Johnson sie auf „Bass Culture“ als ein politisches Werkzeug Harmonia setzen im ländlichen Weserbergland ihren Kurs auf das Herz der Sonne, Johnson streift durch die Straßen Londons, arbeitet, geht in Bibliotheken, besucht Menschen und protokolliert, was er sieht, hört und liest. „It is di beat of di heart/this pulsing of blood/that is a bubblin bass/a bad bad beat/pushin gainst di wall/whe bar black blood.“ “Inglan is a bitch.“ Er spricht in seinem british-jamaican Patois mit grollender Stimme. Die Musik ist „rhythm of a tropical electrical storm / (cooled doun to the pace of the struggle)”, “thunda from a bass drum sounding / lightening from a trumpet and a organ.” Echos durchziehen die Musik; in den Texten hallen politisches Geschehen und geschichtliche Erfahrungen nach. Und dann ist da noch „Loraine“, ein Liebeslied zwischen Nostalgie, Zärtlichkeit und Unsicherheit, das nicht nur die politische Dringlichkeit des Albums für einen Moment anhält, sondern auch die Zeit stillstehen lässt.