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  • Lieder vom Felsgrund

    Oder vom Meeresboden? Oder vom Abgrund? Oder vom Nullpunkt, was immer mitschwingt im Titel einer meiner wichtigsten Wegbegleiter seit späten Teenagerjahren, „Rock Bottom“ von Robert Wyatt. Erst jetzt stiess ich auf die zweite John Peel Session von Robert Wyatt. Er war nach seinem schicksalhaften Fenstersturz im Sommer 1973 sehr lange im Krankenhaus, und aus seinen letzten Wochen dort und seinen ersten im Rollstuhl stammt der grossartige Songzyklus. Wenn es diese kleine John Peel-Session auf einer Maxi-Single gäbe (es sind nur 18 Minuten) würde ich sie sofort erwerben. Aber ihn HIER auf youtube zu hören, ist auch sehr bewegend, und viel mehr als ein Kuriosum.

    Mr Neely ist ebenso angetan und schreibt in AD: „Das Set ist makellos produziert und präsentiert zwei Stücke aus Wyatts Meisterwerk „Rock Bottom“, das im Sommer 1974 erschien, darunter eine atemberaubende Interpretation von „Sea Song“, die die aquatische Atmosphäre des Mellotrons ebenso einfängt wie die klanglich perfekte Darbietung von Klavier und Gesang. Ebenfalls vertreten ist der vielleicht skurrilste von Wyatts poporientierten Klassikern, eine Coverversion von „I’m a Believer“ von The Monkees, die ebenfalls in jenem Jahr als Single erschienen war und bei „Top of the Pops“ gemeinsam mit Nick Mason von Pink Floyd aufgeführt wurde. Schließlich werden wir mit dem einzigartig komischen „Soup Song“ verwöhnt – einem Vorausblick auf den Titel, der im folgenden Jahr das Album „Ruth Is Stranger Than Richard“ eröffnen sollte. Sowohl auf Platte als auch in diesen wegweisenden Radiosessions ist „seltsam“ („strange“) das größte Kompliment, das hier im Spiel ist. 

    (das Wort für „komisch“ lautet im Original „whimsical“😉)

     

  • Weekend Nourishment

    Elvis Presley: From Elvis In Memphis / Boards Of Canada: Inferno / Visible Cloaks: Paradessence / Shane Parish: Autechre Guitar / Mikhail Pletnev: Chopin & Scriabin – Préludes / Linton Kwesi Johnson: Dread Beat An‘ Blood / Horace Andy: Dancehall Style / Blumfeld: Jenseits vom Jedem / Miles Davis: Filles de Kilimanjaro / Jeff Parker: Happy Today / Boards Of Canada: Inferno

  • It‘s a strange, strange world

    In den letzten Tagen wurden mir zwei Dinge bewusst: zwei Bands hatte ich in den Klanghorizonten durchweg sträflich vernachlässigt, von der einen hatte ich ein frühes Album vorgestellt, aber zu wenig Feuer gefangen, um ihren weiteren Weg zu verfolgen (Seefeel), von der anderen hatte ich nie wirklich was gehört, bis ich vor wenigen Jahren die Magie ihrer frühen Werke entdeckte (American Analog Set) und die Schatzkiste mit dem Titel „New Drifters“ sowie atemraubend coloriertem Vinyl meinen Plattenspieler ausgiebig in Beschlag nahm. Und heute hörte ich das neue Album von „Seefeel“ in zwei Durchgängen, und was war das denn bitteschön: Meister des fade-in, des fade-out, und des in-between, rätselhaft, pastoral, und ungeheuer subtil.

  • Eine Radiosendung aus den frühen 1990er Jahren

    “It is a point worth remembering as we listen to these records. We are being told a story. Nothing we are hearing really happened.“ (Graeme Thomson)

    Endlich ist das Buch von Graeme bei mir angekommen, „In Another World. The Four Seasons Of Talk Talk“. Darin geht es um die vier essentellen Alben „The Colour Of Spring“, „The Spirit Of Eden“, „Laughing Stock“, und „Mark Hollis“ aus den Jahren 1986 bis 1998. Alles Klassiker, alles Alben, die ich in den dreieinhalb Jahrzehnten meiner „Horizonte“ in den Nächten spielte, stückweise, immer wieder mal. Dass in meiner letzten Sendung im September Graemes Buch vorkommt, und ein Song aus „Laughing Stock“, darauf kann man ein Ei schlagen. Schon im ersten Kapitel über „The Colour Of Spring“ gewinnt der Schreibstil und der Gehalt des Buches meine volle Sympathie.

    Und obwohl der Autor Mark Hollis nie begegnet ist, kehrten meine Erinnerungen an unsere Interviews in London zu „Laughing Stock“, und in Hamburg zu „Mark Hollis“ zurück. Er gab überhaupt nur sehr wenige Interviews, und meine Erinnerungen sind so lebhaft wie wehmütig. Auch wenn die Aufnahmen verloren gingen, mündeten sehr viele O-Töne in die „Klanghorizonte“ der Jahre 1991 und 1998, in zwei lange Artikel in „Jazzthetik“, sowie in eine neunzigminütige Ausgabe des „Klanglaboratoriums“ (oder hiess es „Jazzlaboratorium“) beim NDR, als Michal Naura Redakteur war und mir zehn Jahre lange grünes Licht gab für alle möglichen Expeditionen durch die Randgebiete der improvisierten Musik.

    Besitzt jemand diese Sendung zufällig? Unwahrscheinlich. Die damalige Crew von Naura ist im Ruhestand, und jene frühen Tonbänder wurden meines Wissens nie digitalisiert. Ich gab den Titel meiner damaligen Sendung, eine diskrete Abwandlung von „50 ways to meet your lover“, bei Google ein, mit zusätzlichen Stichworten, und schaltete in den KI-Modus. Folgende Antwort erhielt ich: „Es gibt keinen bekannten Titel „50 Wege, das Zeitgefühl zu verlieren“. Der Begriff stammt wahrscheinlich aus einem Gespräch des Moderators Hubertus Meyer-Burckhardt, der in der NDR Talk Show über sein Buch „Diese ganze Scheiße mit der Zeit“ und den bewussten Umgang mit der eigenen Lebenszeit spricht.

    Fast eine Kalendergeschichte!

  • Patience der finalen Horizonte

    Vorspiel: Es war  ist schon eine besondere Jugenderinnerung. Drei Wochen in den Sommerferien mit Eltern in einem erlesenen Hotel in Reit im Winkl, eine Reitstunde, nach der mir einen Tag der Hintern wehtat (bye, bye, Robert Fuller!), verliebt in eine evangelische Pfarrerstochter, die mich nur träumen liess, nicht mal ein Kuss auf die Wange, und ein Jahr später eine surreale Zugfahrt an ihrer Seite in den Schwarzwald um eine Horde wilder Kinder in einem Nonnenstift abzugeben. Was blieb mir an heissen Sommertagen ausser „Foxtrot“ von Genesis zu hören, das „blaue Album“ der Beatles – und immer neue Patiencen zu legen, mit Hilfe eines Büchleins aus dem Falken-Verlag. Teenager sind kleine Hormonfabriken, und ich erprobte 25, 30 Patiencen, alle auf ihre Weise reizvoll, unterbrochen von Fantasien über die schärfste „milf“ (= „mothers i like to be fucked by, in meiner Lesart) meiner frühen Jahre, die sich genau ein Stockwerk unter mir auf ihrem Holzbakon in der Sonne rekelte. „If paradise is half as nice“, sang Amen Corner aus meinem Transistorradio.  Aber Jahrzehnte später kam meine Lust an der Patience zurück, als die Abstände zwischen meinen Klanghorizonten immer länger wurden, und ich diverse Playlists entwarf, stets auf der Suche nach dem perfekten „sequencing“. Da es zu den Prinzipien dieses Blogs ohne Bezahlschranke gehört, eigenen Passionen und Schreibfantasien nach Lust und Intuition zu folgen, fand ich immer mehr Freude an dieser „Patience der Horizonte“. 

    Imaginary September Playlist (for Lorenz E.)

    Evening on the Carlisle-Edinburgh Line, aus Trains In The Night (4‘43)
    Jan Garbarek: Sart, aus Sart (14’51)
    Lifetones: For a Reason, aus For A Reason (6‘37)
    Marion Brown: Maimoun aus Vista (8‘01)
    Scott Walker: Manhattan, aus Tilt (6‘05)
    Martina Testen / Simon Šerc: Nokturno, aus Nokturno (5‘00, Ausschnitt)

    Nokturno is the sound of a single night, from dusk to dawn, rich in complexity and rife with meaning.  The creatures appear at different times, staggering their appearance, finding ways in which to co-exist.  The thunder rolls; the residents react.  Church bells suggest a divine hand.  As the frogs surface, the animals emerge from their holes and the birds begin to sing again, what ideas might rule their thoughts?

    P.S. Natürlich ist diese Liste rein fiktiv – so wird es nicht kommen. Aber würde ich die Stunde genauso durchziehen, es kämen keine Beschwerden! 😉 Und natürlich, das feine Buch von Millay Hyatt fände seinen Platz. Mein Dankeschön an den einen oder andern Akteur aus der Echokammer meiner Maihorizonte! (m.e.)

  • Whimsical

    unusual and strange in a way that might be funny or annoying

    a whimsical tale

    Despite his kindly, sometimes whimsical air, he was a shrewd observer of people.

    https://dictionary.cambridge.org/de/worterbuch/englisch/whimsical#google_vignette

    Manche Wörter muss ich häufig nachschlagen, als ob die an keiner Stelle meines Gedächtnis andocken können. „Whimsical“ ist eines davon, ich kannn mir nicht merken, dass man auf Deutsch dafür Worte wie skurril, verspielt oder wunderlich benutzt. Die Zeilen sorgen hoffentlich dafür, dass dieses schöne englische Wort in Zukunft einen Platz in meinem Gehirn findet.

    Ich scheine auch eine Vorliebe für Musik zu haben, die whimsical ist, wie zum Beispiel die Band Woo, die mir vor drei Jahren durch ein wirklich nettes Video des Youtubers Dom (Seeking A Thread) vorgestellt wurden und deren Musik mich gleich angesprochen hat. Die Schallplatten sind out of print und auch gebraucht nicht ganz günstig, ich habe mich da erstmal nicht weiter drum gekümmert. Aber nun ist eine Neuauflage ihres Erstlings „Wichever Way You Are Going, You Are Going Wrong“ remastered und mit einer zweiten LP voller Outtakes erschienen.

    Die Musik auf dem Album ist irgendwie zeitlos, sie könnte an der Weser in den 70er Jahren, in den 80ern im japanischen Hinterland oder in London oder Chicago der 90er entstanden sein. Die beiden Brüder Clive und Mark Ives haben sie in den späten 70ern in einer Wohnung im Süden Londons aufgenommen und dabei sehr leise gespielt, damit die Nachbarn nicht gestört werden. Irgendwann kamen sie auf die Idee, die Gitarre mit den Synthesizer zu verbinden und so deren Klänge zu verfremden; sie fanden so einen sehr eigenen, verspielt-verträumten und sehr melodischen Sound.

    First Song – Best Song: Das Album beginnt mit dem wunderbaren Swingtime, ein Song, der mich sofort einnimmt und gute Laune macht. Die Stimmung ist damit gleich gesetzt – skurril und wunderlich, verwunschen und von einer eigentümlichen Liebenswürdigkeit; ich kann mir das gut als Soundtrack für ein psychedelisches Puppentheater vorstellen. 

    Alles ist irgendwie beschaulich und wahnsinnig relaxed. Die Brüder geben ihrer Musik alle Zeit der Welt. Sie reihen Melodien aneinander, lassen Klangwolken und lustige Geräusche vorbei ziehen, benutzen hierfür immer wieder unterschiedliche Instrumente – neben zahlreichen Synthesizern und Gitarren kommt die Klarinette immer wieder zum Einsatz, dazu Klangschalen und ein Xylophon. Bass und Schlagzeug bilden immer das Fundament für die kleinen Kuriositäten. Auf dem Song The Attic wird gesungen und spätestens da erinnert es mich doch sehr an Brian Eno.

    Musik die sich allen Kategorien entzieht: Kein Ambient, kein Pop, weder Folk, noch Elektronik – die Musik bewegt sich spielerisch zwischen diesen Polen. Das Album klingt nach neugierigen Menschen, die ohne großes Konzept ihren Ideen folgen und dabei etwas Eigenes erschaffen haben. Und „whimsical“ ist glaube ich das passende Wort dafür.

  • Die Mutter und die Hure

    Vor ein paar Tagen schickte mir Thomas P. die Ankündigung eines Boxsets mit den Filmen von Jean Eustache, und dann fiel es mir wieder ein. Als ich mich neulich an die Story erinnerte, dass Brian Eno nur einmal das erste oder zweite Album der Velvet Underground gehört hat, und davon so ergriffen war, dass er die Wucht dieses Erlebnisses nicht durch weiteres Hören schmälern wollte. Mir fiel nämlich kein Album ein, mit dem ich je vergleichbar umgegangen bin, aber ich bin ja auch kein Musiker. Aber mir fiel ein Film ein, den ich damals, 1973 oder 1974, im Fernsehen sah, und der mich wohl tatsächlich ähnlich umhaute, und den ich danach bewusst oder unbewusst nie wieder sah. „Die Mutter und die Hure“. Was für ein langer Nachhall! Ich sehe den alten Fernseher vor mir, in meinem „Kinderzimmer“, ich hatte mich in die Bettdecke eingekuschelt, und den Rücken an die Backsteintapete gelehnt. Direkt neben dem Bett der Plattenspieler, das Cover von Jan Garbareks „Sart“. Oder war es „Ruta and Daitya“ von Keith Jarrett und Jack DeJohnette? Ein Film, in dem ich viel von mir wiederfand, ein Film, der mich dermassen berührte, dass die vielen Gespräche darin und die Caféhausszenen wie im Fluge vergingen. Ich bin gespannt. Und Thomas P.s Besprechung eines „Meilensteins des feministischen Kinos“ ist nun auch pünktlich zur Monatswende in unseren „revelations“ gelandet.

    Der Text zur Box liest sich so: „Vom Arbeiterkind aus der Provinz zum radikalen Provokateur in Paris: Jean Eustache ist der ungeschliffene Diamant des französischen Kinos, der Regisseure wie Jim Jarmusch, Hong Sang-soo und Claire Denis bis heute prägt. Als „Ethnologe der eigenen Realität“ sprengte der Working-Class-Regisseur jede Grenze zwischen Fiktion und nackter Wahrheit, um die emotionale Leere der Post-68er-Generation schonungslos offenzulegen. (Aber, „emotionale Leere“, das lasse ich nicht so stehen!😉; Anm. von M.E.) Seine Filme sind keine bloßen Erzählungen, sondern visuelle Sezierungen menschlicher Abgründe und gesellschaftlicher Rituale, die durch ihre raue, fast klinische Ehrlichkeit eine unerreichte Intensität entwickeln. Lange Zeit unter Verschluss und nur als Mythos unter Cineasten bekannt, kehrt sein Werk nun in einer aufwendig restaurierten Box zurück. Ein absolutes Muss für alle, die das widerspenstige und radikale Filmemachen suchen. Enthält folgende Filme und Dokumentationen: La Rosière de Pessac (1968 & 1979) Du côté de Robinson (1964) Le Père Noël a les yeux bleus (1967) Numéro zero (1971) La Maman et la Putain (1973) Mes petites amoureuses (1974) Une sale histoire (1977) Les Photos d’Alix (1982)“

  • Meine 14 Alben des ersten Halbjahres 2026

    Der Deal ist klar. Das Beste kommt am Schluss, am Nikolaustag. Dann werden es 20 sein. Here they come (strictly ranked, but with the sense the numbers 7 til 14could change places day by day). Meine Halbjahresliste also. Klar ist, dass ich sehr vieles gar nicht kenne und Boards Of Canada nicht vor Ende September hören werde. Und leider ist Jonathan Richman schon im letzten Jahr erschienen, es wäre sonst meine Nummer 4. I love this guy, his album, his work.

    Es beginnt, mit der überraschendsten Nummer 1 seit zwanzig Jahren, Asher Gamedzes „A Semblance Of Return“ (*****). Das ist ein Meister aus Südafrika, und die Musik so reich, humorvoll, tief, dass sie mich jedesmal packt. Es folgen auf den folgenden Plätzen:

    2) Jeff Parker ETA IVtet: Happy Today *****
    3) Daniel Lanois: Belladonna Nocturne**** 1/2
    4) Pan American: Fly The Ocean In A Silver Plane **** 1/2
    5) Björn Meyer: Convergence **** 1/2
    6) Sunn O))): Sunn O))) **** 1/2
    7) Aldous Harding: Train On The Island ****
    8) Tinariwen: Hoggar ****
    9) Eivind Aarset: Strange Hands ****
    10) Laurie Anderson with Sexmob: Let X = X live ****
    11) Kurt Vile: Philadelphia’s Been Good To Me

    12) Bill Wells: Dreams 24/25 ****
    13) Andrew Wasylyk: Irreprable Parables ****
    14) Kreidler: Schemes ****

    P.S. it still takes some time til the official release of Monsieur Lanois‘ forthcoming labour of love at the end of July

    Old music I returned to in 2025 so far and will return to in summer, autumn and winter (my Lanzarote island collection): Don Cherry: Relativity Suite / Miles Davis: Agharta / Bill Connors: Of Mist And Melting / Mal Waldron: The Call (Japo / ECM / buried treasure) / Brian Eno and David Byrne: My Life In The Bush Of Ghosts / Neil Young: Dume (two album set, extended version of Zuma) / Jan Garbarek / Anouar Brahem / Shaukaz Hussain: Madar / Antoine Dougbe et l‘orchestre polyrythmo de Cotonou (completely mad, but i like it. It crashes every Taylor Swift party)

  • Once upon a time today: „Lifetones“

    Was habe ich das erste blaugelbe Album von This Heat geliebt. Und dann auch noch „Deceit“! Aber allmählich löste sich die britische Bande auf. Es gab noch das eine oder andere Nachspiel. „For A Reason“ von „Lifetones“ hätte heute noch seinen Platz sicher in meinem Schallplattenrgal, aber es kam mir irgemdwie abhanden. 2013 hatte es das feine Label „Light In The Attic“ noch einmal ans Licht gebracht. Hört es euch an! Sollte jemand die Platte in astreinem Zustand haben und nicht annähernd so mögen wie ich – ich freue mich auf ein Geschenk! Oder einen Tauschhandel. Aber das Vinyl muss „near mint“ sein. (m.e.)

    “For A Reason“

    Draußen. Südlondon, Anfang 1983. Das straff gespannte Gerüst von This Heat beginnt sich zu lockern. Nicht durch Neuerfindung, sondern durch Auflösung und Anreicherung. Auf „For a Reason“, dem einzigen Lifetones-Album von Charles Bullen und Julius Cornelius Samuel, sickert Brixton in die Aufnahmen ein. Reggae dringt durch die Wände. Basslinien zirkulieren. Rhythmen bewegen sich geduldig.

    Die Verwandlung kündigt sich allmählich an. Wo sich This Heat oft nach innen schraubte, öffnet sich „For a Reason“ nach außen. Julius Cornelius Samuels Bass verankert die Platte, verlangsamt ihren Puls und lässt die Wiederholungen sich in ihrem eigenen Tempo entfalten. Selten treibt er das Material im herkömmlichen Sinne voran, stattdessen verdichtet er den Raum unter den Arrangements, während Dub-Echos schweben und die Percussion einen Bruchteil länger nachklingt als erwartet.

    Über die sechs Tracks hinweg tauchen in den asymmetrischen Gitarrenfiguren von „Distance No Object“ und „Good Side“ noch Spuren der Kantigkeit von This Heat auf, doch die Stimmung hat sich völlig gewandelt. Die Spannung bleibt, doch der Druck hat nachgelassen. Selbst die schärfsten Kanten drücken nicht mehr nach innen.

    1983 in kleiner Auflage unabhängig veröffentlicht, erschien „For a Reason“ zu einer Zeit, als ein Großteil der britischen Experimentalmusik zunehmend von Abrasion, Fragmentierung und ängstlicher Spannung geprägt schien. Lifetones gingen andere Wege. Vierzig Jahre später klingt die Platte immer noch unheimlich präsent, während sie sich nach Einbruch der Dunkelheit durch Los Angeles bewegt. Unabhängig von der geografischen, psychischen oder sonstigen Lage bleibt dieses Gefühl der Offenheit schwer von der Musik selbst zu trennen.

    (Aquarium Drunkard)