Auch ich kannte mal ein rotes Eichhörnchen
„Our paths may cross again in some crowded bar
We feel a little lost ‚cause we’ve drifted away so far
Hoping to find the right words to say
We joke a little and then go on our way“Diese Eingangszeilen stammen aus einem Lied von Lucinda Williams. Und der ganze Song ergreift mich heute, wie damals, als ich ihn 1998 „all alone“ an der verlassenen Westküste von Fuerteventura hörte. Die folgende Geschichte wahr. Nur die Namen habe ich geändert. Ich beginne mittendrin. Einmal klopfte Erika an meine Tür, das war etliche Jahre, bevor sie die Assistenzstelle im Schlaflabor erhalten sollte, und von Kommilitonen vorzugsweise mit Dr. Kuntz angeredet wurde. Sie schenkte mir eine Rose, sagte, dass sie sich in Ellen Rabner verguckt habe (wir waren alle das gleiche Semester, und Ellens Spitzname war, unter den Jungs, „die Zehn“), und dass „wir beide, mein Süsser“, jetzt noch ein letztes Mal vögeln würden, aber dann Geschichte wären, „aber ne gute Geschichte“, fügte sie hinzu. Und dann legte sie mich flach (ihr Lieblingssatz, oft aus dem Nichts abgefeuert: „Ich leg dich jetzt flach“, ein Tausch der Erwartungen, mehr als der Hauch einer Bestimmerin.)
Die Geschichte melancholischer letzter Ficks wurde jedenfalls um ein Kapitel reicher (aber auch das sollte sich als nicht ganz richtig rausstellen.) Einen halben Sommer lang erfüllte Erotik (an der Grenze von verknallt und rattenscharf), mit viel zu frühem Sonneneinfall, durchgeschwitzten Laken, und einer Ära, in der meine Mathematik (nach langweiligen Statistikseminaren) hauptsächlich aus Knaus Ogino und Parallelen, die sich im Unendlichen schneiden, bestand.
Es ging weiter, später, viel später, mit einem herzhaften Lachanfall ihrerseits, als ich wieder mal an Erikas Tür klopfte und ihr Hochglanzbüro mit Blick zur Ulmenallee betrat. – Was, so ganz ohne Anmeldung, Micha!? Wir schauten uns einfach nur an, sie lachte, brachte nur diesen einen Satz zustande in fünf Minuten. Oh, wir konnten immer gut schweigen und still sein, wie damals, als uns nach dem Sex viel besseres einfiel als dezenter Erschöpfungsschlaf. Nachdem wir uns gesammelt hatten, tauschten wir unsere Historie aus: ihre Zeit mit Ellen habe zwei Sommer gedauert, und sie selbst sei ein etwas unsteter „Hopper“ (ihr Ausdruck) zwischen den Geschlechtern geworden, Karriere, ja, Kids, nein.
Ich erzählte von meinem Melodram im Nördlichen Bayerischen Wald, und dass ich jetzt an einer Volkshochschule eine Forschungsarbeit durchführe, „Neue Konzepte in der Gesundheitsbildung“. Die Fachsimpelei und das kleine ABC der Amouren war schnell abgehakt, und sie fragte mich nach dem Grund meines unerwarteten Auftauchens. – Die gute alte Tante Hypnose, sagte ich. Bitte versetze mich in eine tiefe, tiefe Trance, und zeichne alles auf, zu meinem Serientraum mit der „Farbenfrau“. Da kommt dann vielleicht mehr ans Licht, als die Repertoire-Story, die ich schon so oft erzählt habe. Ich meine, Erika, ich war damals fünf oder sechs Jahr alt.
Sie war die Erste unseres Jahrgangs, die eine Hypnoseausbildung machte, und wir liessen uns gerne von ihr hypnotisch bespassen, vergassen für Augenblicke unsere Namen, befolgten absurde posthypnotische Suggestionen, und erkannten en passant das grosse Potential des kreativen Unbewussten. – Micha, Micha, Micha, das können wir gerne machen. Aber dann muss ich dich ja schon wieder mal flachlegen. Ihr Humor war über die Jahrzehnte intakt geblieben, auch wenn wir beide spürten, dass das alte Feuer wehmütigen Erinnerungen gewichen war. Wir taten es trotzdem. Das alte Studentenwohnheim. Always crashing in the same car. Schön, kurz und heftig. Wie sie mich damals fesselte und geräuschlose Stille befahl, ist plötzlich so nah wie das flüchtige Bild vom Blättern in einer Fotokladde auf dem Dachspeicher.
„You win a while and then it’s done
Your little winning streak
And summoned now to deal
With your invincible defeat
You live your life as if it’s real
A thousand kisses deep“Diese Verse sind von Leonard Cohen. Sein Roman „Das Lieblingsspiel“ hat mich lange nicht so berührt wie seine Songalben, aber es gab eine Passage, da sinnierte er über die Transformation der Frau im Orgasmus, und wie jede einzelne Liebes- oder Bettgefährtin sich in der Exstase in ein anderes Wesen verwandelte. Ein Hang zur dezenten Übertreibung, aber mit wahrem Kern allemal. Joni Mitchell beklagte sich mal, rückblickend und mit einem Lächeln, dass Leonard kaum ihr Schlaflager verlassen wollte und unersättlich war, liebestrunken, zumindest sextrunken. Ich konnte das mit den „Verwandlungen“ im Laufe der Jahre bestätigen (war ja auch ein so hoffnungsvoller wie hoffnungsloser Romantiker), und nur zu gerne begab ich mich auf die Erforschung dieser anderen Seite. Seltsamerweise kann ich mich an die Orgasmen einer meiner grossen Lieben nur sehr fragmentiert erinnern, obwohl wir oft über Stunden das Kopfkissen teilten und es in einer Badewanne, unter Linden, einmal sogar auf einem Ameisenhügel trieben.
Unser Sex war allerdings anders als der mit Erika keine Forschungsstätte rarer Stellungen und Praktiken aus dem weiten Feld vom BDSM, sondern ein kreatürlicher Akt ohne Design, Rollenspiel, und kleine Gerätschaften, es war auf elementare Weise natürlich, sie war keine „Göttin“, keine stilisierte Figur, aber so unfassbar „alles“ (in meinen sehenden, blinden Augen), dass ich in jede Falle ihrer Schönheit zu tappen bereit war, bis sie mich am Ende eines Jahres noch dreimal hintereinander hart nahm, so hart und schnell wie nie zuvor, und aus dem Paradies warf. Sie war gewiss mein „Urtyp“ – und damit ohne weitere Vorrede auf zur Transkription von Erikas Trancearbeit, meine „Farbenfrau“ betreffend, meinen „Urtyp aller Urtypen“. Die aufgezeichneten, leicht gekürztej. Details der Tranceinduktion (obwohl an Erickson geschult, machte sie es mit einem Pendel) lasse ich aussen vor. Als Einstimmung eine Passage aus einem Song von Neil Young.Blue-eyed woman is a healer to me
(Blue-eyed woman)
If I lose that woman I’m history
(Blue-eyed woman)ERIKA: Woran merktest du, dass die Sache mit der Farbenfrau etwas Besonderes war in deinen Träumen? MICHAEL: Sie kam immer wieder, oft mehrmals in der Woche. ERIKA: Wie alt bist du da? MICHAEL: Fünf, sechs, sieben Jahre alt. Ich liege in meinem Bett im Weissdornweg Nummer 9 in Hombruch, und sie kommt immer in frühen Morgenstunden. ERIKA: Wieso weisst du, dass es früh am Morgen ist? MICHAEL: Wenn sie wieder fort ist, öffne ich die Augen und blinzele ins Licht. ERIKA: Ist der Ort, zu dem die Farbenfrau kam, immer der gleiche, und wenn ja, beschreibe ihn. MICHAEL: Ein warmer Ort. Tropisch. Ich sitze am Rand eines Swimminpools. Meine Füsse spüren die Wärme des Wassers. Es duftet sehr angenehm, orientalisch. ERIKA: Kannst du sehen, was hinter der Schwimmhalle ist? MICHAEL: Ein grosses Fenster, ein Blick auf eine Wiese, ein Wald. ERIKA: Wieviele Menschen siehst du in der Halle, und draussen? MICHAEL: Da ist niemand, nur ich. Bis die Farbenfrau kommt. ERIKA: Beschreibe noch einmal deine genaue Position im Raum! MICHAEL: Ich sitze in der Mitte der langen Seite des Swimmingpools. Manchmal berühren die Füsse das Wasser. Ich bin glücklich. ERIKA: Glücklich? MICHAEL: Geborgen. ERIKA: Woran merkst du, dass die Farbenfrau den Raum betritt? MICHAEL: ich höre eine Geräusch von hinten, wie eine Schwingtür, ich höre ihre Fussschritte, als würde sie über kleine Wasserpfützen gehen.
ERIKA: Und dann? MICHAEL: Sie setzt sich hinter mich, manchmal hockt sie sich hinter mich. Wenn sie ihre Beine neben meinen baumeln lösst, sehe ich, wie lang und schlank sie sind, tiefes Braun. Die Haut glänzt. Die Augen blau. Unendliches Blau. ERIKA: Wie gross, glaubst du, ist sie? MICHAEL: Sie überragt mich mit ihrem Kopf und ihren dunkelbraunen, nein, schwarzen… glänzenden… Haaren, ich habe sie nie stehen gesehen…nur schemenhaft aus dem Rückraum auftauchend… ERIKA: Rate ihre Grösse! Michael: 1 Meter 90? ERIKA: Was macht sie, wenn sie sich hinter dir niederlässt? MICHAEL: Umschlingen…sie umschlingt mich…mit ihren Händen…und Armen…ihre Hände fahren über meine Brust…langsam…meine Oberschenkel…ich bin berauscht.
ERIKA: Woran spürst du, dass du berauscht bist? MICHAEL: Da ist dieses Lustgefühl.. Lust strömt durch mich hindurch…überallhin…sie berührt mich…jede Berührung schickt Schauer… ERIKA: Streichelt sie deinen Schwanz, masturbiert sie ihn? MICHAEL: Nein. ERIKA: Hast du im Laufe ihrer Berührungen einen Orgasmus? MICHAEL: Nein…sie berührt mich aber dort, legt ihre Hand auf…himmlische Lust…ich spüre, ihre Nacktheit, wenn sie ihren Oberkörper gegen meinen presst… ERIKA: Wie lange berührt sie dich? MICHAEL: Sehr lange…dann steht sie auf und geht…ich bin nicht traurig…ich weiss, die Farbenfrau kommt wieder. ERIKA: Und du nennst sie im Traum Farbenfrau? MICHAEL: Nein, nie. Hinterher, wenn ich mich erinnere. Sie spricht nicht…ich spreche nicht…gebe nur Laute von mir. Und ich liebe dem Duft und das Geräusch ihres Atems…ERIKA: Später, als die Zeit dieses Serientraums vorüber war, hast du sie dann auch immer noch Farbenfrau genannt? MICHAEL: Ja, oder Amazone. Oder Indianerin. ERIKA: Hat sie je vor Lust gestöhnt? MICHAEL: Nein, ich erinnere ihr warmes Lächeln, wenn ich meinen Kopf nach hinten drehe, ihre grossen Augen… ich gehörte ihr.
„What is the colour when black is burned“ . Mit nichts gilt es so sachlich umzugehen wie mit dem Material des Fantastischen, und Träume gehören allemal dazu. Und so ist es nur der Ehrlichkeit geschuldet, zuzugeben, dass das Transkript meines Serientraums eine Version ist. Nach vielen Umzügen hatte ich das Original verloren, und die sich stetig wiederholende Sequenz aus „Swimmingpool (Ort) und Initiation (Ritual)“ lediglich aus der Erinnerung neu notiert. Die allnächtlichen Begegnungen mit der „Farbenfrau“ hatten einen Einfluss auf manches, was später kam. Love, Devotion, Surrender. Am Tag nach der Tranceinduktion gingen Erika und ich durch unser Würzburg, das sich seit den Siebzigern erheblich gewandelt hatte. Aber wir blieben dran, und suchten alte Orte aus, ob sie nun unkenntlich geworden waren oder beharrlich ihr Revier verteidigt hatten. Sie zeigte mir den kleinen Park, in dem sie Ellen Rabner zum ersten Mal geküsst hatte („im Bett war diese Traumfrau ein Sub, Micha, sie hasste die ewig anhimmelnden Blicke der Jungs, die sie stets ziemlich dumm umschmeichelt hätten“), und es war der gleiche Park, mit dem ich einst mit meiner Verlobten lustwandelte, zwischen Audimax und Studentenwohnheim.
Dort, in der Friedenstrasse, fuhren wir in dem „internationalen“ Gemäuer mit dem alten Fahrstuhl in den siebten Stock hoch – was für ein sentimentaler Reflex – wo ich (lange vor Erikas Fesselungen), ein Kopfkissen mit C. teilte und die glückseligsten Monate der Siebziger
Erika führte mich auf die Alte Mainbrücke, und liess uns das Spiel spielen, alle jene mit Namen (und die exakten Stellen dazu) zu benennen, die wir dort geküsst hatten. Erika gewann 5:2 – selbst im Fussball eine Klatsche. Wir kamen in jenen Spielmodus von Erwachsenen, die Witterung aufnahmen und alte Leidenschaften Revue passieren liessen – Nostalgie schwang überall mit. Obwohl, bei Erika wusste ich das nicht so genau, sie fasste mir auf der Brücke en passant in den Schritt, gab mir einen rasanten Zungenkuss und vermerkte: „6:3, Schätzchen!“ – und weiter ging es.
Hier der Plattenladen von Recommended Records, wo ich die erste und beste Platte der Violent Femmes gekauft hatte. Da die Treppe zur Festung, wo sie zum ersten Mal und ohne Vorlauf eine unbekannte Schöne um einen Kuss gebeten und überrumpelt hatte, in freier Wildbahn. Ich zeigte ihr den Ort, an dem meine Lieblingsbuchhandlung war (die auch Erikas Lieblingsbuchhandlung war), wo ich Italo Calvinos „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ erstand.
„Ich kenne so viele Menschen, Erika, die immer alles vom Ende her begreifen wollen, Italo aber bastelte seinen Roman aus lauter Kapiteln, die den Anfang einer Geschichte erzählen, der dann einfach abreisst, und anderen Anfängen Platz macht.“ Das erzählte ich ihr, als ich sie mit meinem VW Bulli nach Veitshöchheim fuhr. „Noch ein Kaffee, Süsser? Wir können heute etwas zuende bringen.“ Das zweite Endspiel. Nach jener Nacht sah ich sie nie wieder. Sie starb fünf Jahre später auf einer Autobahn im Süden Frankreichs.
The Days Of Zuma
IN December 1975, Neil Young and Crazy Horse pitched up unannounced at a bunch of small bars and roadhouses along the California coast – rough and ready joints like Boots And Saddle in La Honda, the Inn Of The Beginning in Cotati and the Marshall Tavern in Marshall (population: 50). In contrast to Young’s previous stadium tour of 1974 as part of CSNY, this outing was very different.Christened the Northern California Coastal Bar Tour – or the Rolling Zuma Tour: a wry nod to the Dylan charabanc trekking round the opposite coast during the same period – it was designed as a low-key introduction to a new-look Crazy Horse and their first album together: Zuma. “I hope we’re not too loud,” Young goofed with the Cotati crowd before leading the Horse through a joyous rendition of “Don’t Cry No Tears”. After grappling with stardom, loss and guilt for the first half of the decade, it seemed that a reinvigorated Young had finally left the Ditch behind him. “Those were some of the finest, most alive days of my life,” he confirmed in his Waging Heavy Peace memoir.
But the Ditch wasn’t the only thing Young was escaping. A planned CSNY album, ‘Human Highway’, had ground to a halt, mired in tensions and disagreements; he had also recently split up with actress Carrie Snodgress. Young, then, threw himself into recording, enjoying a welcome reunion with producer David Briggs, a fresh start for Crazy Horse and a cocaine-heavy party vibe for all at Briggs’ Malibu rental. There were fun cameos – Bob Dylan and Rod Stewart both stopped by – but the real work took place in Briggs’ back bedroom. There, over a barrage of freshly written songs, Crazy Horse connected with new recruit Frank “Poncho” Sampedro, replacing rhythm guitarist Danny Whitten who had died in 1972. While Sampedro went on to become Young’s co-conspirator across multiple projects, Zuma offered ample evidence for how swiftly he fitted in, not least the guitar duels on “Danger Bird” and “Cortez The Killer” that helped define Crazy Horse 2.0.
But jams were only part of the story. When Zuma was released on November 10, 1975, it revealed a set of songs that was inspired, even by Young’s lofty standards during that decade – from chiming country-rock opener “Don’t Cry No Tears” to the folky “Pardon My Heart” and CSNY’s lambent closer “Through My Sails”. This new music was joyous and defiant, with Young coaxing howls of feedback from a returning Old Black, while James Mazzeo’s wild sleeve illustration further signalled a shift from the darkness and heavy symbolism of the Ditch-era jackets. Following the hijinks of the Northern California Bar Tour, Young and Crazy Horse headed out on their fabled tour of Japan and Europe, reconvening again after the Stills-Young debacle for a triumphant American run in late 1976.
In the 50 years since its release, Zuma’s reputation has continued to flourish. Coming in the middle of Young’s fecund mid-’70s – whose scope only finally became apparent with the release of Archives II in 2020 – the lean and catchy Zuma was both a coda to the Ditch and a preface for the rest of Young’s career, with its many confounding changes in style and sound.
“The party never ended,” Sampedro told Uncut in 2019. “It seemed like it was out of control, but it wasn’t. When we got in the groove and we had adrenaline and energy, we could really put out some great music. The hair would go up on the back of our necks and we’d kick out another three songs…”
Another Green World
Ich versuche Ruhe zu bewahren, denn die zeitliche Abfolge bringt, will man sie erzwingen, Kalenderblätter der Erinnerung leicht durcheinander. Ich war verliebt, verlobt, und die Frage der Hochzeit eine Frage von ein, zwei Sommern, aber dann kam alles anders. Wir planten unsere Verlobungsreise klassisch, Norditalien, Padua, Venedig, und noch eine Stadt in der Gegend, die mir gerade nicht in den Sinn kommt. Unterwegs, unter dunklem Schatten, gab es manch reine Freude, ein Schallplattenladen wie im Traum (in Padua, glaube ich), mit unzähligen Sun Ra-Alben. Und Momente ungebrochener Schönheit, etwa als wir Venedig erblickten, und ich nach einer Gondel Ausschau hielt. Oder der Strand an einem beliebten See, mit der seit meiner Kindheit geliebten Musik aus Wasser und Stimmen.
The exciting two albums of Mr Henderson from the 70‘s
In meiner Erinnerung wurden die beiden Alben „Horn Culture“ von Sonny Rollins und „Multiple“ von Joe Henderson auf der gleichen Seite in einer alten Ausgabe des Jazzpodiums besprochen. In meiner Erinnerung bekam Sonny die vollen fünf Sterne, und Joe viereinhalb. Bei mit war es damals und ist es heute noch andersrum. Ernst beiseite, „Horn Culture“ ist auch ein tolles Album! Wie „Multiple“ ist auch „Horn Culture“ auf dem Label „Milestone“ erschienen, anno 1973. Bisher noch keine „reissue“! Im übrigen fällt mit auf, dass ich im folgendem Text vergessen habe, meiner Begeisterung über Larry Willis‘ Rhodes-Piano Ausdruck zu verleihen!

Ich kenne seine Lebensgeschichte nicht, aber es verwundert schon, dass er in den Siebziger Jahren so wenig Musik aufnahm. Ein Werk namens Canyon Lady“ kam mit illustrer Besetzung und all seinen „latin vibes“ nicht an seine zwei „milestones“ aus jenem Jahrzehnt heran. Ich stiess auf ihn fast zufällig, als er schon lange Geschichte geschrieben hatte auf dem Label Blue Note, als Leader und Sideman ein tonangebender Meister des Saxofons, auf etlichen Klassikern.
Dann, als die Zeit der „fusion music“ anbrach, Jazz und Rock und Funk und „weissderkuckuckwasalles“ sich in kühnen Amalgamen fand, vom „elektrischen Miles“ bis „Weather Report“, da tauchte auch Joe Henderson auf. Er dachte sich aber nicht, dass er jetzt mal was Modernes für die Kids machen würde.
Joe suchte sich Produzenten, die das Studio auch als Spielwiese begriffen und nahm zwei Alben auf, die das pure Feuer waren und auch sonst der griechischen Lehre der Elemente tollkühne Klänge folgen liessen: „The Elements“ hiess das eine Werk, das mit erlesener Bande, mit Alice Coltrane, Charlie Haden und Co. Wasser, Erde und Luft folgen liess. So mitreissend und deep wie „Brown Rice“ von Don Cherry oder „Love, Love“ von Julian Priester.
Das andere Album, „Multiple“, umarmte nicht ganz so ferne Horizonte, und war gleichermassen wild, funky, herzergreifend (dieser warme Ton, selbst wenn er die Luft zerriss, in ausgewählten Momenten of „overblowing“! ). Am Bass Dave Holland (vor Tagen noch, the old fire still burning, an der Seite von Anouar Brahem in Hamburg), am Schlagwerk Jack DeJohnette.

Diese beiden Alben sind in den letzten Jahren als Schallplattem neu aufgelegt worden, „Multiple“ zuletzt, feines Remastering durchweg, und was das Schönste ist: die Musik nimmt mich heute genauso gefangen wie damals in dem Siebzigern, als ich darüber las, im Jazz Podium, und gleich zugriff. Ich kann mich an den beiden Alben offenbar nie satt hören, und verpasse selten einen einzigen Ton seines Spiels!
(Also, wenn das mit dem angefragten Interview mit Eno & Wolfe nicht klappt, und / oder ich eine Woche vor VÖ nur die beiden dann als Videos gelisteten, überall tausendfach gehörten, Songs spielen darf (s. „Ultimative Playlist nebenan in „Radio“), dann hebele ich wohl den zentralen „Beatie & Brian-Part“ aus und spiele „Tress-Cun-Deo-La“. 10 Minuten und 34 Sekunden: das ist so verdammt grossartige Musik! Und die Moderation hätte ich auch schon im Sack.)
My Lovely Days (A3)
Oh mit einem Zittern
Weiche lustige SacheEuphonisch
Flüstert auf dem BodenPlatonisch
Versteckt in einer SchubladeCool wie ein Flimmern
Blauer Wuschel
Gleitet durch diese FingerVerbirg es
Lauf ein wenig ängstlichAber fühle es
Öffne dich stattdessenWessen Zittern
Verstrickt in der Morgendämmerung
Dieses schöne Durcheinander
Kaum noch zu halten
Vergessene Tage
Fallen weg
Von uns
Von unsLadet es ein
Niemals sicher zu seinErregt es
Es schreit nach mehrOh kleiner Sonnenstrahl
Gefangen in einer WolkeWir zittern
Verstrickt in der Dämmerung
Dieses schöne Durcheinander
Kaum aufgehängt
Vergessene Tage
Wegbrechen
Von uns
Von unsLass uns hier verweilen
Moosig in der Dämmerung
Diese unordentliche Liebe
Kaum festhalten
Oh schöne Tage
Weglaufen
Mit uns
Mit unsMeine schönen Tage
Wollt ihr nicht bleiben
Easy does it, könnte eine Besprechung von „Luminal“ lauten: wenig ruft die wilden Welten von Here Come The Warm Jets oder Nerve Net in Erinnerung, oder den Power Pop der Zusammenarbeit von Eno und Hyde. Ist das nicht alles ein wenig smooth umd sentimental? Was assoziieren wir frei? Verrückte Kissenschlachten früher und später Liebe, Glückstaumel der „salad days“, ach ach ach! Ist es nicht viel leichter, das eigene Dunkel zu erkunden, mit „dark songs“ und einem „dark album“, das Spätwerke alter Meister oftmals offerieren?! Warum nur verzaubert mich dieses Songalbum mit Beaties mildrauchigem Timbre und Brians Quantum Samt so sehr?Ein Punkt jedenfalls sind die lyrics von Beatie, die nichts ausformulieren, und, wie Impressionisten, der Flüchtigkeit der Linien und Bilder ihren seltsamen Tiefgang anvertrauen. Auch mit Reimformen wird sehr luftig gearbeitet, was die deutsche Übersetzung unterschlägt, z. B. ganz am Anfang der Hauch von Reim von „floor“ und „drawer“: Oh with a quiver / Soft funny thing / Euphonic / Whispers on the floor / Platonic Hiding in a drawer…“ Genauestens tariert sind die Kürze der Zeilen und die Länge der Strophen: bei de drei „Siebenzeilern“ ein Hauch von Crescendo und Brians „Chor“. Zudem seine „synths“ – vintage Eno and inventive!
Es gibt zudem auf „Luminal“ keinen einzigen Wechselgesang a la „Nancy und Lee“, und das verblüfft, denn stimmlich die Zwei „a match made in heaven“. Das ist die Kunst: Understatement liefern, ohne Intensität zu opfern! Und dann diese beiden herrlichen dreisilbribigen Eigenschaftswörter „Euphonic“ und „Platonic“! Da komme ich gleich auf launige Tangenten!
Lese ich allein Beaties Texte, kommt mir sogleich die alte Lust an Lyrikinterpretationen in den Sinn, in jenem schönsten aller germanistischen Proseminare über „Konkrete Lyrik“ (Münster, 1973/74), und im legendären Englischunterricht von Dr. Egon Werlich. Hier, auf „My Lovely Days“, entfalten sich bewegte Liebestaumel mit äkustischem Gitarrengezupfel und dem simpelsten aller Melodiegaranten namens Omnichord. Kein Wunder, dass „My Lovely Days“ demnächst die zweite Singleauskoplung wird!
Aber, und das ist das grosse verblüffende Aber: stets ist ja das Träumen als Träumen präsent, als fluider Seinszustand – und im Laufe der Lieder von Luminal findet alles Dunkle seine Risse. Beiläufig, der Logik von Traumbildern, Traumsequenzen folgend. Nichts bleibt unverwundet.
Hopelessly At Ease (A2)
Oh Baby warte auf mich
So hoffnungslos entspanntIch gebe dir all meine Zeit
Mein Grund und mein ReimUnd so flattert es weiter
Ein Fragment eines LiedesDie Schuhe, die ich nie gebunden habe
Du kannst nicht sagen, dass ich es versucht habeUnd während wir heute Abend tanzen
So spielerisch und hellDa ist etwas in deinen Augen
Ein Licht, das nie stirbtOh Baby warte mit mir
So hopelessly at easeIch gebe dir alles, was ich habe
Ich weiß, es ist nicht vielUnd laufe wie ein Kind
Ungebunden für eine WeileDann dreh dich um und sieh
Hier ist niemand außer mir
Entpuppt sich das Verliebtsein des lyrischen Ichs als pure Illusion, am Ende? Einfache Motive reihen sich überraschende, die Stimme der Sängerin ist im zweiten Lied zu vollem Leben erwacht, es ist eine Stimme, die überhaupt nicht darauf ist, Oktaven zu springen, oder den Raum zwischen Flüstern und Schrei zu füllen. Sie ist ruhig, intensiv, geerdet, meditativ – die Stimme vereint, was widersprüchlich scheint, in seltsamer Klarheit. Was elementar ist, reiner Tanz wird fast schon Selbstbefragung, Analyse einer Passage wahrer Empfindungen – die Verse allein suggerieren Traumartiges. Samsara.Brian Eno wird sehr glücklich sein mit lyrics, die keine „message“ liefern, die die Dinge in einer Schwebe halten. So bleibt unsere Aufmerksamkeit nicht an Worten hängen, und wenn, dann lösen sich diese Worte rasch auf, wie die berühmten Wolken, die vorüberziehen. Die Klänge um foreground vocals und background vocals herum entfalten einen Sog, vintage Eno, aber nie abgegriffen aus alten Sphären. Dieses Album ist ein kleines Wunder. Damals, mit 18, als ich noch Gustav Mahler hörte: „Das Lied von der Erde“ berührte mich ähnlich tief, die Monoaufnahme mit Bruno Walter am Dirigentenpult! So viel Tiefe dringt ein in die Schwebungen von „Luminal“.
Milky Sleep (A1)
In dieser Glut
Die Stunden wachsen
Alle aufgereiht
Höre sie rufenMilchiger Schlaf
Schmeckt so süßSchwere Luft
Verstrickt dortAn der Wand
Blumen kriechenNimm mich auf
ButterblumeSchwerkraft
Leg dich zu mirWie Zement
Himmelsduft
Selten, das fünf „posts“ hintereinander mit „poetry“ hantieren! Am 6. Juni erscheinen zwei Alben von Beatie Wolfe & Brian Eno, ein Instrumentalalbum sowie ein Songalbum. Im Laufe der nächsten Zeit erscheinen hier alle Übersetzungen der lyrics von „Luminal“. „Milky Sleep“ ist das Eröffnungsstück. Wenn im Kontext dieses Werkes von „dream music“ die Rede ist, darf das durchaus wörtlich verstanden werden. Alle Texte hat Beatie geschrieben, und je länger ich die Texte auf mich wirken lasse, desto feinsinniger erscheinen sie mir. Beaties Gesangsstimme klingt anders als in allen Folgestücken, seltsam verwaschen, wie aus Traumsphären geborgen.
Die Polarität schwerer und leichter Empfindungsräume durchzieht diesen ersten Song, so schwebend wie leitmotivisch. Die Übersetzungen mache ich mit „deepl“, anschliessend Feinschliff. „Luminal“ ist das Album eines alten Meisters und einer jungen Meisterin. Zwar bedauerte ich anfangs, dass Brian durchweg allein die „background vocals“ besorgt, aber der Vortrag von Beatie lässt mich verstummen, so faszinierend finde ich ihren stimmlichen Vortrag.
„Lateral“, das „ambient album“, ist alles andere als ein Anhängsel des Liederzyklus, und als rund einstündige Komposition so eigen, so reichhaltig, wie „“Neroli“, „Thursday Afternoon“, „Discreet Music“, „Reflection“ oder „Lux“. Vor ein paar Wochen brachte Richard Williams sein „Album des Jahres“ ins Spiel, Ambrose Akinmusires „Honey From A Winter Stone“, ich lege gerne nach. In unserer berüchtigten „Nikolausliste“ kann ich mir in meinem Jahresrückblick kein anderes Teil als „Luminal“ an Nummer 1 vorstellen. Ganz egal, was Herr Pitchfork und Frau Guardian dazu erzählen.Natürlich, betrachtet man die Worte von „Milchiger Schlaf“, kann man analytisch oder rein intuitiv herangehen, in jedem Falle bekommt man kein annäherndes Bild davon zustande, wie „unbelievable“ sich Worte und Klänge in all diesen Songs durchdringen. Da ist understatement im Spiel, wenn Pathos droht, oder es wird seltsam emotional, wenn das eine und andere Wortbild vermeintlich stoische Ruhe verbreitet. Die Klänge fungieren nie als Stimmungsverstärker, sie setzen auf eine zweite und dritte Ebene.
Another Day At The Radio

klanghorizonte deutschlandfunk
Donnerstag, 27. März, 21.05 Uhr
Macie Stewart: When The Distance Is Blue
David Sylvian: Died In The Wool – Manafon Variations (2011)
Paul Bley: Open, to love (1973)
Jon Balke: Skrifum
Alabaster DePlume: A Blade Because A Blade is Whole
Andrew Wasylyk & Tommy Perman: Ash Grey And The Gull Glides On (2024)
David Sylvian: Died In The Wool – Manafon Variations
Brahem / Bates / Lechner / Holland: After The Last SkyTalking voices (in order of their appearance): Macie Stewart, Erik Honoré, Jon Balke, Alabaster DePlume aka Gus Fairbarn, Tommy Perman, Andrew Wasylyk, and Jan Bang
… click HERE to listen to the „blue hour“!
Die unvergesslichen Momente von „Anora“
In der SZ gab es ein paar Jahre lang eine Rubrik am Ende des Jahres, in dem von vielen Schreibern die schönsten Filmmomente erinnert wurden. Dabei wurden nicht einfach die jeweilige Szenen gelistet, sondern beschrieben, umschrieben, analysiert, mit einer überschaubaren Anzahl von Zeilen. Hochinteressant. Meinen „unforgettable moment“ von „Anora“ werde ich hier nicht kundtun, dafür einen meiner absoluten „Filmkritik-Momente“ des letzten Jahres.
„Oder um es noch deutlicher zu sagen: Das Leben ist ein Chaos, der amerikanische Traum eine Lüge und die Hollywood-Romanzen sind Fiktion, wenn nicht gar Betrug. Sean Bakers Anora bietet ein saures Korrektiv, indem er einen Film wie Pretty Woman unter eine Tatortlampe hält, um uns die Flecken auf den Laken und die Daumenabdrücke auf dem Kristall zu zeigen. Aber vor allem ist sein Film kein Wermutstropfen. Er ist heftig, frisch und witzig, lässt kaum einen Takt aus und lässt seine 140 Minuten Laufzeit im Galopp vergehen. Bakers frühere Filme (Tangerine, The Florida Project, der unterschätzte Red Rocket) hatten bereits gezeigt, dass er ein überschwänglicher Führer durch die Schattenseiten Amerikas ist. Anora ist jedoch sein bisher aufrichtigstes, aufschlussreichstes und am besten umgesetztes Werk. Je dunkler es wird, desto kühner und heller wird es.“
Schön und treffend ausgedrückt von Xan Brooks im Guardian. „Anora“ ist ein mitreissender Film, und der letzte Satz seiner sehr lesenswerten Besprechung könnte Anreiz genug sein, Unentschlossene zu dieser „wilden Fahrt“ zu animieren. Dem Regisseur ist das Kunststück gelungen, wie ein grelles C-Movie anzufangen, und, allem Grotesken und Absurden zum Trotz, ab einem bestimmten Moment, den jeder Zuschauer für sich selber rausfinden könnte, an Tiefe zu gewinnen. Jim Jarmusch wird ihn bestimmt auch sehr mögen, manchmal dachte ich von ferne, ohne meine Empfindungen dingfest machen zu können, an „Down By Law“. Ich werde werde mich mal auf die Suche nach den drei von Xan erwähnten Filmen begeben. Hätte nach den ersten zwanzig Minuten nicht für möglich gehalten, wieviele vermutlich unvergessliche Momente diese „Tragikomödie“ bereithält. (m.e.)
„Everything Wounded Will Flow“ – Robert Fripp speaks
Let’s celebrate one year of Flowworker!
On this morning today, at the end of March 2025, I strolled through our early „flowflow“-posts. Once upon a time, a good year ago, „Manafonistas 2“ was installed, not possible without the support of a new webmaster in action, Nevzad K.! Instead of a little „flowflow“-jubilee party, or telling the true story behind the crash of „Manafonistas 1“, I chose one of my favourite posts of those „early days“, in fact one of my, well, 350 favourite posts ever. No clapping on my shoulder this is – I’m only one of two guys mumbling questions in a room full of strangers.
This thing came into being by total surprise. With some revealing thoughts, sidesteps & stories by the leader of the legendary league of gentlemen! Michael Frank contacted me asking for permission using our old interview with Robert Fripp from 1998 for this or that. We met him inside the big lounge of Hyatt, Cologne. The waterfall sounds like tape hiss, a deliberate scenario by the management to make „eavesdropping“ difficult.
When broadcasting excerpts of this talk later, after midnight at the radio, funny things happened. While the listener heard nothing for a minute or longer, I heard Robert‘s voice strangely doubled on my headphones, and I said to the woman in the control room: „Ich höre Überblendungen.“ And this was the first thing after quite a period of dead air that everybody could hear in that „live situation“.
Besides from that, I had forgotten most of the content of our 1998 conversation. Now, listening to it again in the first place, I was surprised by some nice passages of that interview, amongst them background stories on the creation of „No Pussyfooting“ by Fripp & Eno. And about the strategies of the record company to delay the original release. And that‘s only the beginning! Kudos to Michael Frank for sharing this buried treasure!
Putting the ancient interview a bit into context: many years later Discipline Global Mobile released what I would call my favourite boxset ever. EXPOSURES. 32 compact discs reflecting Robert‘s „solo journeys“ between 1977 and 1983. Still available for 114 Euros. I’ve had the idea for some time now that to make my last ever hour of „Klanghorizonte“ centered around this boxset and the long story I had written about it. If you‘re in the mood for Robert, give it thirty minutes of very slow reading and daydreaming time – HERE!
But, for now, lose yourself under an artificial waterfall!