• Der letzte Spieltag



    Aus unserem „Europasong“ versuche ich immer noch ein Haiku zu machen – schwierig! Es ist wohl eine alte Tradition, in der Hafenkneipe meines Vertrauens alte BBC-Kassetten aufzulegen (an Tagen, an denen der BVB Grosses und Kleines zu feiern hat), in denen der grandiose Bandleader von The Clash eigene Lieblingsplatten erzählend und auflegend Revue passieren lässt, und dann ziehen die Stimmen von Nina Simone, Bob Dylan, und Jacques Brel seltsam zeitlos ihre Kreise, wie heute, als der der BVB nach einer lange Zeit grottigen Saison in einem furiosen Endspurt unter dem neuen Publkumsliebling Niko Kovac noch auf den lukrativen Platz 4 sprang. Wo läuft denn gerade Rod Stewarts „Hymne“? Eine ausgelassene Stimmung herrschte zwischen Kreuz- und Hafenviertel nach 17.30 Uhr, und so tauchte ich im „Sub Rosa“ mitten in eine Geprächsrunde ein, in der Ronald Rengs wunderbares Fussballbuch „Spieltage“ verhandelt wurde: Fussball und gute Musik, das passt hier zusammen, Sprünge über Generationen, glücklich erschöpfte Gesichter. (m.e.)

  • „Thursday Afternoon in Paris“


    A dream story with an album you’ve never heard of. Once again you are there, in your beloved little park called „Le Jardin du Luxembourg“, not far away from that old time jazz club, „Le Chat Noir“, Robert Wyatt once sang about, a smoky club with wooden walls that is long gone, with all its long stories, told and told again. Or never told. You still have a Sony walkman from the past that works fine, except for some stutter in winter. You put in that cassette a friend gave you as a gift and a sweet reminder of hot love and the best galettes in town. You never knew about this album to exist. Pretend, it is 1998. For reasons hard to explain you keep playing this one track again and again on a warm afternoon in Paris. A sentimental journey, and this piece HERE calls you by your name.

  • Hawk Dreams

    Listen!

    Zehn Jahre ist das Label International Anthem nun alt, es hat uns einige wunderbare Werke beschert, und nun bringt auch Blue Note ein Album heraus, das mit Carlo Niño, einen Perkussionisten und Geräuschemacher im Rahmen des „Openness Trio“ präsentiert, der wie wenige andere für die Welt von International Anthem steht. Selbst das Cover könnte von IAR sein. Aber lauschen wir einfach mal diesem langen Stück, um herauszufinden, ob wir Andy Cowan zustimmen, wenn er in Mojo schreibt: „… And while there are traces of Jon Hassell, Pat Metheny and Sun Ra, the next-level meditiations of „Openness Trio“ navigate unexplored frontiers, where inner and outer space is the place.“

    Sollte das Album nur annähernd Andys Worten gerecht werden – auf Strecke – wäre es eine Idee, die Klanghorizonte Ende Juli damit enden zu lassen, und sie mit „Chicago Waves“ zu beginnen, einer International Anthem-Produktion von 2020, dunklen Zeiten also (die Zeiten sind dunkel geblieben, aber Covid sorgte damals noch mal für einen besonderen Schrecken), dem Mitschnitt eines vielgerühmten Duo-Auftritts von Miguel Atwood-Ferguson und Carlos Niño, der in Kürze als LP neu aufgelegt wird.

  • Die Stunde der wahren Empfindung

    Es ist kein Problem, hier mal einen Titel von Peter Handke zu klauen. Wir haben viel zu wenig über Arthur Russell gesprochen. Rasch werden da die einschlägigen Fakten abgegriffen, die unterschlage ich einfach, oder lass sie nebenbei einfliessen. Sein Nachlass wird akribisch aufbereitet von Audika Records, und die Musik dieses „outsiders“ teilt die Lager. A love it or leave it (or love it sometimes)-affair. „Worlds Of Echo“, „Another Thought“ und das frühe Opus „Instrumentals“ sind meine gern genannten Favoriten. Sein Werk so facettenreich – als allererstes springt sein seltsam verletzlicher, weltoffener wie intimer Gesang vors innere Ohr, umgeben von Echos und seltsam brüchigen Celloklängen. Zuletzt erschienen, neu gebündelt, diese zwei Liveaufnahmen aus den Jahren 1984 und 1985, ein verwegenes Doppelalbum. Wie bei Thelonious Monk kommen immer wieder die gleiche Titel ins Spiel, und wie bei Monk ist das ganz egal und sowiesoso immer anders. Beth Gibbons, die Tindersticks und Lambchop lassen Arthur gerne stückweise vor ihren Konzerten laufen, ich hörte ohn da stets heraus. Er hat also ein paar verdammt gute Fürsprecher. Seit ich irgendwann einen Text von David Toop im Wire über Arthur Russell las, lang ist es her, komme ich auf ihn zurück, wieder und wieder, und nicht aus Chronistenpflicht. Manche bleiben dabei, dass da einer hilflos im Nebel stochere, ich spreche lieber von der Stunde der wahren Empfindung. Und dieses Doppelalbum aus alter Zeit ist zweierlei: eine ideale Einführung in seine Musik, und Stoff zum Versinken. Nicht nur die zwei Alben von Beatie und Brian bieten „space music“ und „dream music“. Er würde auch, anders als ich hier, keine grosse Welle machen, und einfach aus dem Stegreif „Go Swimming“ vortragen, mit einem Cello, das die halbe Welt für beschädigt hält. It‘s a miracle! A dream from the dance floor!

  • Verstörende Tiefe – ein paar einführende Worte von Lucy Mangan zu „Adolescence“ (Netflix)

    „In den späten 80er Jahren gab es eine Trilogie von Dramen von Malcolm McKay mit dem Titel „A Wanted Man“. In den Hauptrollen spielten Denis Quilley und Bill Paterson, und im Mittelpunkt stand die phänomenale Leistung von Michael Fitzgerald als Billy, einem wegen grober Unanständigkeit verhafteten Mann, der des Mordes an einem Kind verdächtigt wird. Der erste Teil verfolgte sein Verhör durch einen Detektiv (Quilley), der zweite seinen Prozess und der dritte die Folgen. Es war und bleibt die erschütterndste und makelloseste Serie, die ich je gesehen habe – so nah an der Perfektion des Fernsehens, wie man sie nur erreichen kann.

    Im Laufe der Jahre gab es einige Anwärter auf diese Krone, aber keine kam ihr so nahe wie Jack Thornes und Stephen Grahams erstaunliche vierteilige Serie Adolescence, deren technische Leistungen – jede Folge wurde in einer einzigen Einstellung gedreht – von einer Reihe preiswürdiger Darsteller und einem Drehbuch übertroffen werden, das es schafft, gleichzeitig intensiv naturalistisch und enorm eindrucksvoll zu sein. Adolescence ist ein zutiefst bewegendes, erschütterndes Erlebnis.“

    Ich kenne „A Wanted Man“ aus den 80er Jahren nicht, und ich würde mich von Superlativen dieser Art zurückhalten, aber dass die Serie „Adolescence“ in Form und Inhalt Fernsehgeschichte schreibt und verstörende Tiefe bereithält, darüber habe ich nicht den geringsten Zweifel. Also, statt Lucy Mangans Besprechung des Vierteilers im Guardian (und englischen Original) „sicherheitshalber“ weiterzulesen, empfehle ich, ohne diverse, Schockwerte abmildernde, „Vor-Erzählungen“ auf den Abend zu warten, das Handy auszuschalten, und „Adolescence“ am Stück zu sehen. (m.e.)

  • „Grosses Leeres Land“


    Parallel zu dem Songalbum „Luminal“ von Beatie Wolfe und Brian Eno erscheint am 6. Juni, als LP, CD, und DL, das Instrumentalalbum „Lateral“, mit der Komposition „Big Empty Country“: in der Vinyledituon heisst Seite A „Big Empty Country (Day), und Seite B „Big Empty Country (Night)“. Einmal mehr öffnet dieses Ambientwerk eine ganz eigene Atmosphäre, die zwar unverkennbar Enos Handschrift trägt, aber eben einen weiteren unerhörten Raum öffnet, insofern nur strukturell vergleichbar ist mit Grosskompositionen wie „Discreet Music“, „Thursday Afternoon“, „Lux“, oder „Reflection“. Der Titel „Big Empty Country“ ist mit Bedacht gewählt, und impliziert (mein ganz privater Höreindruck) sowohl das Unheimliche wie das Unberührte, das Pittorekse wie das Postapokalyptische. Der Klang der Gitarre, die hier und da ihre Spuren hinterlässt, ist pure Reminszenz ohne Nostalgie. Mehr wird nicht verraten. (m.e.)

    Once again, this ambient work opens up a completely unique atmosphere that bears Eno’s unmistakable signature, but opens up another unheard-of space that is only structurally comparable with major compositions such as “Discreet Music”, “Thursday Afternoon”, ‘Lux’ or “Reflection”. The title “Big Empty Country” was chosen with care, and implies (my very private impression) both the uncanny and the untouched, the pittoresque and the post-apocalyptic. The sound of the guitar, which leaves its mark here and there, is pure reminiscence without nostalgia. (m.e.)

  • Eppendorfer Morgen mit Marianne


    „Es scheint, als seien die Klassiker in Ungnade gefallen, würden nicht mehr in der Schule gelehrt, sondern zugunsten von Fähigkeiten verdrängt, die der Technokratie dienen. Marianne Faithfull gehört vielleicht zu der letzten Generation, die mit der Wertschätzung klassischer Poesie, oder überhaupt von Poesie, aufgewachsen ist. In She Walks in Beauty liest Faithfull die romantische Poesie von Lord Byron, W. B. Yeats, John Keats, Alfred Lord Tennyson und anderen, unterlegt mit Ambient-Arrangements von Nick Cave-Kollaborateur Warren Ellis und einem besonderen Gastauftritt von Brian Eno, um das Ganze abzurunden.

    Faithfulls souveräne Rezitation der Romantiker wirft ein wichtiges Licht auf die Dichter, die auf dem Papier fast schmerzhaft altmodisch und traditionell erscheinen und die dunkle, revolutionäre Magie verbergen, die sich hinter ihren vertrauten Reimen verbirgt.“ (PopMatters, from 15 albums to fall in love with poetry)

  • “Everybody Loves A Train“

    Angekommen im Herzen von Hamburg- Eppendorf! Café & Bar Celona. Der große Cappuccino ist nur zu empfehlen. Die Currywurst leider völlig daneben! Nevertheless, a lovely summer day. An Michael Nauras Jazzgemäuer in der Rothenbaumchaussee vorbeigefahren. Ach, ach, die Neunziger, als ich mit guten alten Tonbändern und regelmässigen Zugfahrten meine Sendungen in den Norden brachte, und an der NDR-Staatskasse mein Honorar abholte!

    Im ICE eine Menge Train Songs gehört. Richard Williams hat eine wunderbare Sammlung voller „train songs“ zusammengestellt, die ihr nebenan, in „The Blue Moment“ aufrufen könnt. Bis jetzt haben sich 71 begeisterte Hörer gemeldet und eigene „Train Songs“ beigesteuert. Ich hätte einen „im Gepäck“, der da nie auftaucht, der in meiner privaten Zugsongsammlung stets als erster Fahrt aufnehmen würde. „Love At First Sight“ (HIER, aus dem Album „Embrace The Herd“ von „The Gist“) ist nicht einfach ein Song über die Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof, er beschreibt (allein in den Klängen) die wundervolle Welt des Verliebtseins in einer Atmosphäre, in der ich manche meiner Stunden des Schwebens gespiegelt finde. Es ist wohl der unbekannteste aller grossartigen „train songs“. Beim Stöbern durch Richards Sammlung fand ich auch jenen traumhaften Song wieder, „Train In The Distance“, (bitte HIER draufklicken zum Anhören!), den ich damals in den Achtzigern, wie das gesamte zugehörige Album, sehr gern gehört habe. Aber die Platte kam abhanden, und seit dreissig Jahren habe ich nie wieder Paul Simons „Hearts and Bones“ gehört. Meine Erinnerungen an das Album sind sehr vage. Ich lausche diesem Lied, ich lese die lyrics – what a fine short story that is: „Everybody loves the sound of a train in the distance / Everybody thinks it’s true“. Ist das ganze Album so berührend?

  • Passengers, revisited!


    Am Record Store Day tauchte ein Vinyl-Remaster der „Original Soundtracks 1“ der Passengers auf, und es ist ein fantastisch klingendes Remaster. Nach Mark Smotroffs Eloge war ich so heiss auf das Doppel-Vinyl, dass ich es ziemlich teuer bezahlte. Aber heute lief es schon zweimal hintereinander – tatsächlich hat es nie so gut geklungen, es ist hochexperimentell und himmelweit. Voller Risse, Schnitte, Kontraste, Kühnheiten – und heartbreaker! Eno in the science-fiction wilderness! Dass ich selbst für Bono hier nur Lob übrig habe, bedeutet entweder falsche Drogen, oder, dass es sich um eine scheisswundervolle Scheibe handelt. Angeblich hat es HHV bald wieder für 48.90 Euro auf Lager. Es wäre noch viel zu diese Werk zu sagen. Ich dachte, ich würde es nach einer gefühlten Ewigkeit des letzten Hörens „ganz gut“ finden, es hat mich nahezu umgehauen! Hinterher musste ich erstmal runtergekommen, und fand dazu den idealen Song, der die Energie der Passengers auf seine Weise abholt und in einen Tanz verwandelt. Rhythm of the Heat, der Auftakt von Peter Gabriels bestem Album.

  • In memory of David Thomas, and if you listen to one his records, take this one!


    Pere Ubu’s “avant garage” – a turbulent mix of punk, garage, art rock, jazz, experimental noise and influences ranging from MC5 to Sun Ra – ushered in a no wave/postpunk sound and inspired bands including Joy Division, Gang of Four, Sonic Youth, REM and Pixies. Other fans ranged from Rebus writer Ian Rankin to Beach Boys lyricist Van Dyke Parks, who once introduced Thomas to Brian Wilson with the words: “Meet the other genius”.