Annie and The Caldwells (Teil 3)
„Eighty years ago, in April 1945, Sister Rosetta Tharpe was Number 2 on the Billboard “race records” chart with Strange Things Happening Every Day – fair comment for the month in which Franklin D Roosevelt, Mussolini and Hitler all died. There were also several noteworthy musical events: Richard Strauss completed Metamorphosen; Rodgers and Hammerstein’s Carousel opened; the audience at a hometown performance by the Berlin Philharmonic were offered cyanide as they left the auditorium; and Tharpe’s hit was the first gospel record to reach that Billboard countdown.“ (David Hutcheon, Mojo, 4/2025)

Jetzt wird‘s persönlich, und weihnachtlich, einen Tag vor Pfingsten. Eine meiner „Repertoire-Stories“, aber „mit Butter bei den Fischen“. Die schönsten Weihnachtsgeschenke bekam ich 1970 oder 71, als ich 14 oder 15 war. Ich hatte mir vier Schallplatten gewünscht, und bekam sie in meiner materiell erfüllten Kindheit (die auf anderen Ebenen pure Alpträume bereithielt): Miles Davis Live At Fillmore, Joni Mitchells Blue, Live At Fillmore East von den Allman Brothers, und, nicht lachen, Live At Filmore von Aretha Franklin.
Heimlich schlich ich mich vor den Festtagen in das Schlafzimmer meiner Eltern, und entführte „Blue“ in mein Kinderzimmer: verboten jung und grün hinter den Ohren, wie ich war, ist es erstaunlich, wie sehr manche Kids wie ich (die wohl schon im Mutterleib der schönsten „Musik des Gurgelns und Rauschens“ lauschten), so früh Schätze fürs Leben entdeckten.
Natürlich hatte ich nicht ansatzweise den Erfahrungsschatz von Joni Mitchell, und es war wohl Intuition, viel Vorahnung im Spiel, aber auch das Erleben purer Magie, als ich „Blue“ auflegte und am liebsten in die Lautsprecher gekrochen wäre vor Glück! Ähnlich erging es mir mit den Allmans, und mit dem „elektrischen Miles“. Aber, bei allem Respekt, die grosse Aretha Franklin und ihr Soul lieseen mich eher kalt zurück, genauso wie der Moment, als Ray Charles auf die Bühne sprang. Soul und Gospel liessen mich meistens unberührt. Oder lösten Widerstände aus. Was war da los? Aufklärung im folgenden und finalen vierten Teil, zuvor aber die Fortsetzung von Alexs Besprechung:
„Der Gesang ist rau, aber perfekt abgestimmt; es gibt eine Art telepathisches Zusammenspiel zwischen Annie Caldwells Gesang und den Harmonien ihrer Töchter während der improvisierten Abschnitte des langen Titeltracks und Don’t You Hear Me Calling. Das gilt auch für die Band, die es irgendwie schafft, sowohl extrem tight als auch spontan zu klingen: Wenn die Band, wie Deborah Caldwell behauptet hat, „nicht übt“, dann sind ihre Auftritte hier eine Werbung für den Verfeinerungseffekt, den das Spielen in der Kirche jeden zweiten Sonntag hat.
Es sind großartige, kraftvolle, bewegende Songs, die durch die Tatsache, dass sie live, ohne Publikum, in einer Kirche in der Heimatstadt der Band, West Point, Mississippi, aufgenommen wurden, noch stärker wirken. Die schlichte Produktion gibt Can’t Lose My (Soul) das Gefühl, als würde es direkt vor Ihren Augen passieren, und verleiht den Songs Lebendigkeit und Dringlichkeit, besonders in den extemporalen Momenten. Erfreulicherweise wird die Art von Fake-Antiquitäten vermieden, die oft auf Soulmusik des 21. Jahrhunderts angewandt werden, die in der Vergangenheit verwurzelt ist, als ob sie versuchen würden, den Hörer davon zu überzeugen, dass er ein lange verschollenes Album hört.“
(Finale folgt bald)
Ein Wort zu Alex Petridis: ich lese gerne seine Besprechungen im Guardian, sofern mich die besprochenen acts interessieren. Ich stimme des öfteren nicht mit seinen Bewertungen überein, was ja wohl normal ist (richtig Ärger bekommt er wenn er LUMINAL nur drei Sterne gäbe – ein Witz😉!) aber ich mag seine Schreibe, seinen Witz, und seine profunden Kenntnisse. Meine Lieblingsmusikjournalisten (neben Richard W.), was Interviews und grosse Musikfeatures angeht, sind Laura Barton und Sam Phillips, die vorzugsweise in Mojo und Uncut veröffentlichen. Sie bringen Musiker dazu, sich zu öffnen, und sind selbst gute Storyteller!
Annie and The Caldwells (Teil 2)
Erinnere dich: auf der 2019er Compilation des englischen Gospelnerds war ein Song aus alter Zeit, „Gospel Music About Us“. Und so geht‘s weiter im Text von Alex: „Die Autorin des Liedes, Annie Caldwell, erinnerte sich daran, dass sie „einen Anruf von einem Mann, ich glaube, er hieß David“ erhielt. Es handelte sich um den ehemaligen Talking-Heads-Frontmann David Byrne, dessen Label Luaka Bop die Compilation und anschließend das einzige Album der Staples Jr Singers veröffentlichte. Caldwells Überraschung darüber, dass sie wegen ihrer Platten aus ihrer Jugendzeit kontaktiert wurde, hielt sie nicht davon ab, vorzuschlagen, dass Byrnes Label auch an der Band interessiert sein könnte, die sie in den letzten 40 Jahren geleitet hatte und die aus ihrem Ehemann, ihren Kindern und ihrer Patentochter bestand. Sie waren es, und man kann erkennen, warum. Dennoch ist eine Band, die nach 40 Jahren ihr Debütalbum veröffentlicht und auf angesagten europäischen Festivals spielt, zweifelsohne etwas Besonderes. Das Klima mag einladend sein, aber das wäre nicht passiert, wenn Annie and the Caldwells nicht außergewöhnlich gut wären in dem, was sie tun, und Can’t Lose My (Soul) unterstreicht, wie gut das ist.“ Soweit, so gut.

Die Frage bleibt, was hat mich so für eine Musik eingenommen, die prinzipiell nie mein Genre war? Ein ganz kleiner Teil der Antwort ist das Cover, das mich unmittelbar fasziniert hat. Ein weiterer Teil der Antwort ist, dass ich trotz meiner Reserviertheiten gegenüber Gospel immer die Hoffnung hatte, ab und zu ein besonderes Album aus dieser afroamerikansichen Kultir zu finden, ähnlich wie es mir beim Blues ergangen ist: nie einen Narren gefressen an diesem grossartigen Genre, aber ein paar Lieblingsplatten, die ich immer hören kann, und die mich immer begeistern wie John Lee Hookers einzige Platte für das Jazzlabel Impulse und Muddy Waters „Folk Singer“. Bei beiden Platten gibt es ein Quantum Radikalität, oder einen besonderen Sound / Horizont. Hier auch, bei Annie And The Caldwells.
(Fortsetzung folgt)
Annie and The Caldwells (Teil 1)
„Die Geschichte des Debütalbums von Annie and the Caldwells ist langwierig und verworren. Die Platte hätte es wahrscheinlich gar nicht gegeben, wenn Sammler nicht auf „Waiting for the Trumpet to Sound“ gestoßen wären, eine Single der Gospelgruppe „The Staples Jr Singers“ aus dem Jahr 1974, die auf einem so obskuren Label in Mississippi veröffentlicht wurde, dass nur ein einziges Exemplar jemals auf Discogs verkauft wurde. Greg Belson, ein in Großbritannien geborener und in Los Angeles ansässiger Soul-DJ, wurde darauf aufmerksam. Er hat sich eine Nische geschaffen, in der er tanzflächenfreundliche Gospelmusik spielt (wenn Sie das Lob des Herrn in der schweißtreibenden, hedonistischen Umgebung des Schwulenclubs NYC Downlow in Glastonbury hören wollen, sind Sie bei ihm genau richtig). Die B-Seite des Songs ist auf der 2019 erscheinenden Kompilation „The Time for Peace is Now“ enthalten: „Gospel Music About Us.“ Soweit Alex Petridis vor einiger Zeit im Guardian. Dass dieses Album bei mir stets von der ersten bis zur letzten Rille läuft, ist interessant, denn bei allem Respekt ist Gospel einfach nie meine Musik gewesen. Was also ist passiert?
(Fortsetzung folgt)
My favourite 20 albums 2025 etc. (so far, and unranked, Halbjahresliste)
Eine Halbjahresliste persönlicher Favoriten, und eine Antwort auf die alte Jon Hassell-Frage „What is it what you really love“. Keine Rangliste, kein Nachschauen, kein Schielen auf die Konsensplatten, und angereichert mit ein paar brandneuen Überraschungen, die mir unlängst aus der nahen Zukunft ins Haus kamen. Dem Meer der Neuerscheinungen steht eine Unzahl an „reissues“ gegenüber: zu meinen grösste Entdeckungen darunter gehören zwei mir bislang völlig verborgen gebliebene Alben von Haruomi Hosono (s. Foto, Wire, July 2025 – wird wohl Zeit, ihn mal zu bringen, in den Juli-Horizonten), und, von Rhino in Kürze neu aufgelgegt in Vinyl, mein Lieblingsalbum der Talking Heads (wenn es denn eines geben muss), „More Songs About Buildings And Food“! Das Teil liebe ich ungefähr so wie das „weisse Album“ der Beatles! Und Bennie Maupin wäre meine Number 2, unter den reissues!

Beatie Wolfe & Brian Eno: Luminal
Anouar Brahem: After The Last Skies
Jon Balke: Skrifum
Brian Eno & Beatie Wolfe: Lateral
Alabaster DePlume: A Blade Because A Blade Is Whole
Eiko Isobashi: Antigone
James Brandon-Lewis Quartet: Abstraction Is Deliverance
Modern Nature: The Heat Warps
Lucrecia Dalt: A Danger To Ourselves
Rich Dawson: End Of The Middle
Annie & The Caldwells: Can‘t Lose My (Soul)*
Arve Henriksen / Trygve Seim et al: Arcanum
Amelia Barratt and Bryan Ferry: Loose Talk
Cate Francesca Brooks: Lofoten
Modern Nature: The Heat Warps
Amina Claudine Myers: Solace of the Mind
Stereolab: Instant Holograms On Metal Film
Keith Jarrett: New Vienna
Ambrose Akinmusire: Honey From A Winter Stone
Robert Forster: Strawberries* „…great, powerful, moving songs, made all the more potent by the fact that they’re recorded live, without an audience, in a church in the band’s hometown of West Point, Mississippi. The plain production makes Can’t Lose My (Soul) feel as if it’s happening before your eyes, adding a vividness and urgency, particularly in extempore moments. Mercifully, it steers clear of the kind of faux-antiquing that’s often applied to 21st-century soul music rooted in the past, as if trying to convince you that you’re listening to a long-lost album.“

Lieblingsbuch – Liz Moore: Der Gott des Waldes
Lieblingsfilm – Like A Complete Unknown
Lieblingsdoku – Coastal
Lieblingsserie – Familes Like Ours
Lieblingssong – Play On
Lieblingssurround – Flaming Lips: Yoshimi Battles The Pink Robots“the lateral and luminal surrender experience“
In regards to „Luminal“, surely one the most beautiful albums of 2025, there is only one reason I don‘t come up with the minor quibble that Brian Eno isn‘t doing the lead vocals, and that is the voice of Beatie Wolfe! (Michael Engelbrecht, Deutschlandfunk)
Warum ich noch nicht über das Büchlein „What Art Does“ von Brian Eno und Bette A. geschrieben habe, ist rasch erzählt: ich bin allzu vertraut mit all den Gedanken über Kunst, Feelings, Surrender, Play, etc. die Brian in dieser „unfinished theory“ ausbreitet, nach seinem Anspruch so verständlich, dass es auch nicht auf den Kopf gefallene Teenager verstehen können, und herrlich bunt bebildert ist es zudem! Wäre ich Kunstlehrer, wäre das Stammlektüre in meinen Klassen. Ab und zu schmökere ich mit Vergnügen in dem Bändchen. Viel lieber aber begegne ich der Kunst ohne Metaebene, lasse die Feelings durch mich hindurch strömen und rauschen, wenn ich „Luminal“ oder „Lateral“ auflege, Brian Enos famose neuen Alben mit Beatie Wolfe, und erlebe da, ungefiltert, Surrender, Play, etc., in allen Schattierungen zwischen dem Unerhörten und dem Unheimlichen, zwischen dem Fest und den Erschütterungen des Lebens. Denn all das dringt hier durch, und viel zu fesselnd, in diesen Wochen, um kluge Worte darüber verlieren zu wollen. Das Erlebnis der Tiefe spielt sich stets im Zwischenraum von Sender und Empfänger ab, und hier, bei den elf Songs von „Luminal“ etwa, bringe ich es schlicht und ergreifend so auf den Punkt, dass mein mutmassliches Songalbum des Jahres 2025 mich so tief erwischt, berührt, umfängt, umgarnt, verführt, auf gut deutsch „haunted“, dass es seinen Platz findet neben meinen Songalben der letzten beiden Jahre von Beth Gibbons und P.J. Harvey. „Luminal“ ist ein Album, das Tore öffnet, tief taucht und, mich jedenfalls. einfach mitreißt!

Why I haven’t yet written about the little book ‘What Art Does’ by Brian Eno and Bette A. is easy to explain: I am – after so many interviews and lectures – all too familiar with all the thoughts about art, feelings, surrender, play, etc. that Brian expounds in this ‘unfinished theory’, which he claims is so comprehensible that even teenagers who haven’t fallen on their heads can understand it, and it is also wonderfully colourfully illustrated! If I were an art teacher, this would be standard reading in my classes. I enjoy browsing through the book from time to time. But I much prefer to encounter art without a meta-level, to let the feelings flow and rush through me when I put on ‘Luminal’ or ‘Lateral’, Brian Eno’s famous new albums with Beatie Wolfe, and experience there, unfiltered, Surrender, Play, etc., in all shades between the unheard and the uncanny, between the celebration and the darker waves of life. Because all of this comes through here, and far too captivating, to want to lose clever words about it. In the moment. The experience of the profundity of art always takes place in the space between sender and receiver, and here, with the eleven songs of ‘Luminal’, for example, I simply get to the heart of the matter in such a way that my presumed song album of the year 2025 catches me so deeply, touches, embraces, ensnares, seduces, haunts, that it finds its place alongside my song albums of the last two years by Beth Gibbons and P.J. Harvey. „Luminal“ is an album that opens gates, dives deep, and simply elevates! At least that happens to me!Nouvelle Vague

Natürlich bin ich öfter mal anderer Meinung als David Steinitz, aber dieser Filmkritiker ist ein schlauer Fuchs. In seiner grossartigen Besprechung von Jonathan Glazers „Zone Of Interest“ (2024) diskutierte er auch die Verfilmbarkeit des Grauens in der Zeit der Judenverfolgung, ihrer Deportion, ihres Lagerlebens und ihrer Ermordung. Anders als bei Herrn Steinitz gab es von meiner Seite keine Kritik an der filmischen Umsetzung in Steven Spielberg in „Schindlers Liste“, und wenn ich daran denke, wie, im Osten dieses Landes noch etwas mehr als im Westen, eine zunehmende Indoktrination mit echten „fake news“ stattfindet, auf Tik Tok und sonstwo, wünsche ich mir „Schindlers Liste“, „Das Leben ist schön“, und „Zone Of Interest“ als Pflichtprogramm im Geschichtsunterricht. Drei sehr verschiedene Herangehensweisen, drei Meisterwerke, drei Filme, die bei aller „Fiktionalisierung“ historischer Wahrheit verpflichtet sind.
in diesen Tagen weilt David Steinitz in Cannes und hat einen Publikumsliebling ausgemacht, und natürlich völlig unabhängig davon, wie der nun abschneidet, viel Lob über einen Film ausgeschüttet namens „Nouvelle Vague“, über die Dreharbeiten an einem unbestrittenen Meisterstück der Kinogeschichte, Jean Luc Godards „Ausser Atem“. Wohlgemerkt, ein Spielfilm, keine Dokumentation. Hier auf diesem Blog tummeln sich fast nur Freunde des Regisseurs Richard Linklater, dessen Filmen bei mir oft weitaus weniger Eindruck hinterliessen. Sagen wir es so, sie hatten selten meine „Wellenlänge“, und es ist ja wohl viel wichtiger, dass wir Freunde des Kinos uns für die Filme begeistern (oder uns von Filmen erschüttern lassen) die uns persönlich, unabhägig vom Kritiker-Konsens, verdammt viel bedeuten! Das macht dann auch die Gespräce hinterher persönlicher! Nach der feinen Vorstellung von Linklaters neuem Streich, in der Samstagsausgabe der SZ, bin ich sicher, dass ich grosse Freude an dem Film haben werde. Wer ein bisschen was über Godards Arbeitsstil weiss, wird keine Zweifel verspüren, dass Richard Linklater ein richtig spannendes Thema gefunden habe. Und ich denke, der Film könnte auch Kinofreunde berühren und nahegehen, die (bislang) keine besondere Wellenlänge zu Godard-Filmen gefunden haben!
„Fall we may, sail we must“
HERE comes a song.
Just listen.It’s rare to hear a recording of a band playing in a room together,” says Modern Nature’s Jack Cooper. „And that interaction, the discrepancies in timing, synergy, in pitch, that’s where the magic really is, I think, and that’s what we wanted to capture.”
One additional (and slightly unlikely) influence on the forthcoming record named „The Heat Warps“ was Andrew Weatherall. Before he passed away, he’d played Modern Nature on his NTS show and Cooper was thrilled that he liked them. He made it an aim to make a record Weatherall might have played to his friends late at night. His motto “Fail we may, sail we must” is what the Can-esque track Pharaoh is about.
Die Jahre mit dem Kollegen Karsten
Als ich meine Feuertaufe im Deutschlandfunk zu bestehen hatte, im Oktober 1989, lang ist‘s her, war Karsten Mützelfeldt dabei – hinter der Trennscheibe. Ich hatte es geschafft, mit Steve Tibbetts toller „Collagen-Kassette“ aus Minneapolis, meine erste Radiosendung machen zu dürfen. Der Chef der Jazzredaktion, Harald, und Karsten schauten sich ein paar Minuten an, was ich da so fabrizierte. Bald war ich Teil des Teams, und wusste von Anfang an, dass Karsten ein wunderbare Kollege war – keine falschen Töne, keine Spielchen.
Und wir konnten unsere Vorlieben im Jazz und anderswo bestens verteilen. Da war z.B. seine Nachtsendung „Blue Midnight“. Da waren die Zeiten der „JazzFacts“ mit zahllosen Magazinen. Einmal kam Joe Zawinul in den Sender, und Karsten interviewte den Meister, ich glaube, gute zwei Stunden lang für ein tolles zweiteilige Porträt, das seine ganze Vita abdeckte. Bei solchen Meistern hatten wir immerzu Gesprächsstoff – ich glaube, wir beide lieben gleichermassen Joe Zawinuls Debut „Zawinul“. Wir begegneten uns auf Jazzkonzerten in Köln und Leverkusen, wir pflegten small talk, der von Herzen kam, und wir teilten drei hochunterhaltsame Jazzrückblicke in den vergangenen Jahren. Als er sein Loblied auf Keith Jarrett in Budapest sang, hörte ich sehr aufmerksam zu.
Egal, wie sehr man sich als „teamplayer“ versteht, und das tuen Karsten und ich, das Schreiben und Hören der Musik geschieht oft, sehr oft im Privaten, und nichts kommt diesem schönen Alleinsein näher als nachts live auf Sendung zu gehen: allenfalls ein Kollege in der Technik, angenehme Beleuchtung, ein Mikro vor dem Mund, und das Rotlicht, wenn die Reise beginnt. Wir gaben den DJ über Jahrzehnte und Hunderte Male – wie es einst Donald Fagen zelebrierte auf seiner berühmten Platte „The Nightfly“ (die Harald auflegte, als wir einmal, zwischen den Jahren, und im alten Jahrhundert noch, alle zusammenkamen)…. Zuletzt haben wir mit Karsten in einem Bistro in Köln seinen Abschied gefeiert. Seine Reise geht nun in Frankreich weiter, und er hat mir erlaubt, seine kleine Rede hier in unserer Radio-Kolumne zu veröffentlichen.
Danke, Karsten für alles! Und das was einiges! Du wirst bald die Boule Kugeln auspacken, die Landschaften ringsum erkunden – play on, walk on! Zum Schluss lege ich HIER noch mal eine Schallplatte auf, von der ich sicher bin, dass sie unsere Liebe zum Leben und zum Jazz auf den Punkt bringt. Und stelle mir einen kleinen Jazzclub in New York vor, in dem wir uns auf einer Zeitreise treffen, früh in den Sechzigern, und diesen drei „cats“ lauschen. All night long, Mr. „Midnight Blue“!
Sunday Morning Story
Ich kann gar nicht sagen, wie gerne ich mal wieder auf den Kanaren landen würde, natürlich auf Lanzarote (sollte es da noch mal warm werden!), mit ein wenig Insel-Hopping, damit wir uns am besten alle mal wiedersehen. Eine verrückte Fantasie, dass Freunde und Teilhaber von FlowFlow dort zusammenkämen, jeder mit ein paar „desert island discs“ im Gepäck. Gerne könnte auch unsere Pflegetochter dabei sein. Keine Ahnung, wie viel Wochen oder Monate sie noch bei uns sein wird, da kann alles sehr schnell, oder unheimlich langsam geschehen, nichts wäre schöner, als zu erleben, dass ihre Eltern endlich aus Afghanistan geholt werden, die dort eine eine neue Demokratie mitgestalteten, bis der unorganisierte Aufbruch der Deutschen und der Amerikaner alles über den Haufen warf, und man es versäumte, Tausende von Unterstützern unter den Afghanen mitzunehmen, die für die Taliban Freiwild wurden.
Es war einmal vor langer Zeit, da war Afghanistan ein freies und freizügiges Land, ein Hippieparadies zudem. Einer meiner Lieblingsschriftsteller, Ernst Augustin, arbeitete dort in den Fünfziger Jahren als Psychiater, ehe er dauerhaft in München landete und seine Lebensgefährtin fand, nachzulesen im bezaubernden Roman „Raumlicht“. Als ich ihn besuchte, auch schon ein Vierteljahrhundert her, machte ich es mir in seinem Wohnzimmer gemütlich, das wie eine Kajüte mit Bullaugen eingerichtet war und zu imaginären Schiffsreisen einlud. Genug Abenteuerromane füllten ein Regal, darunter auch die Südseeabenteuer von R.L. Stevenson. Hauptthema war seine furiose Sage mit viel fernem Orient, „Mahmoud, der Schlächter“. Nur etwas für die harten Augustin-Fans!

Wir sprachen viel mehr über „Der amerikanische Traum“, eine hinreissende Geschichte über ein geträumtes Leben im Angesicht des Todes, mit wilden Detektivgeschichten In USA und Lateinamerika, und Lee Morgans „The Sidewinder“ als Soundtrack. Wer die Klanghorizonte noch hat, aus den Neunziger Jahren, mit ein, zwei Passagen des Interviews, bitte melden! Der Lohn: Lee Morgans Platte! Augustins Romane sind voller Reisen, wie der eines liebeskranken Psychotherapeuten nach London in den wilden, wilden Siebzigern. Ich verschlang den herrlichen Roman „Eastend“, in dem auch die launigen Selbsterfahrungsgruppen jenes Jahrzehnts auftauchen, früh in meinen Studentenjahren in Würzburg, gleich zweimal hintereinander, und vielleicht ahnte ein mir unbekannter, hellsichtiger Teil meines jüngeren Hippie-Ichs, dass mir einmal, im Dezember 1982, das gleiche Schicksal beschieden sein würde. In einem früheren Leben das alles, aber die Musik von damals begleitet mich noch heute.
In den zwei Wochen in Hampstead hörte ich nachts die Sendungen von John Peel, und zwei Platten von Magazine und den Flying Lizards gesellten sich damals zu meiner Seelennahrung. Ich kaufte sie in einem Plattenladen in Notting Hill, wo mir ein gewisser blutjunger Robert Forster über den Weg lief. Lange Jahre vor meiner Radiozeit. Viele Jahre danachwar ich öfter in Notting Hill, um Brian Eno in seinem Studio zu besuchen, der in alter Zeit mal ein Pferdestall war. Ein Kollege von mir traf Brian dort vor für ein Interview in der Juliausgabe von „Uncut“. Das ist von Bedeutung für die Pointe dieser leicht zerfaserten Kurzgeschichte. Vorgestern waren wir nämlich bei Ulrike und Tobi, der einen prächtigen Pizzaofen hat, und der Abend ging über Hölzchen und Stöckchen und landete bei dem Song „Suddenly“ (den ihr HIER nochmal hören könnt), und der als erste Single des Songalbums „Luminal“ von Brian und Beatie bereits überall zu hören ist.

Ein Song, der in unsere Nachbarschaft zum Hit wurde, als ich ihn auf der feinen Sonos-Box im Garten spielte. Jung, alt, und mittelalt begeisterten sich dafür, ohne Ausnahme. Als wir Tage später bei Ulrike und Tobi waren, lag die Story von dem Song auch irgendwann auf dem Tisch: rasch wurde „Suddenly“ aufgelegt, auf zugegeben mickrigen Lautsprechern. Aber es reichte, dass Tobi sich an seine jungen Jahre mit wilder Musik erinnerte, und keine Minute des Songs war vergangen, da fühlte er sich an was erinnert aus alten Zeiten, aus sehr alten Zeiten, und dann liess er den Namen des Songs fallen: „Sunday Morning.“ (Ihr könnt ihn ganz oben „anklicken!)
„Oh“, sagte ich, „spannend, The Velvet Underground, die Platte mit Nico und Banane.“ Wir hörten das Lied im Vergleich. „Tobi, ich staune!“ Nicht, dass da eine grosse Nähe zu der Melodie, oder den Harmonien war, und doch: Stimmung, Getragenheit, ja, das war was! irgendwas! Ich schmunzelte, irgendwie hatte Tobi eine Fährte aufgenommen. In meinen Interviewfragen, die noch unbeantwortet sind, habe ich Beatie Wolfe darauf angeosproch, ob Lou Reeds „Set Me Free“, das Brian Eno sowieso über alles liebt, hier oder da Pate gestanden habe bei. An „Sunday Morning“ hatte ich nicht gedacht.
Wenn das mit dem Interview für die Klanghorizonte noch was werden soll, müssen die Antworten von Beatie spätestens morgen nachmittag eintreffen. Dennoch, einen Clou gibt es schon. Also: ich erhalte gestern Abend die Online-Ausgabe von „Uncut“ (july edition), und darin gibt es das ausführliches Interview von Tom Pinnock mit Brian, über Stock und Stein und Jahrzehnte springend. In der einleitenden Passage beschreibt Tom Pinnoch das Ambiente, das ich nur zu gut kenne aus meinen Besuchen. Beatie ist auch zugegen. Das ist vielleicht drei Wochen her. Also, lieber Leser, lies und lausche, diese eine Passage:
„Eno has a lot on. He has been at his west London studio since shortly after 6am. His new collaborator Beatie Wolfe is here too, working on some of their music in his studio room, with its speakers resting on breezeblocks, and an original Velvet Underground & Nico LP, the yellow banana exposed, propped up like a talisman.“ („Brian hat eine Menge zu tun. Er ist seit kurz nach 6 Uhr morgens in seinem Studio im Westen Londons. Beatie Wolfe ist ebenfalls hier und arbeitet an ihrer Musik in seinem Studioraum, in dem die Lautsprecher auf Windschutzscheiben ruhen und eine Original-LP von Velvet Underground und Nico, deren gelbe Banane offen liegt, wie ein Talisman aufgestützt ist.“) Chapeau, Tobi!
