Rich und seine Songwerkstatt (3/3)
Heute nun der letzte Teil meiner kleinen „Nacherzählung“ von Toms Begegnung mit Rich anlässlich seines Album „End Of The Middle“. Das ist mal ein Beispiel für einen Songzyklus, bei dem es fast unerlässlich ist, die lyrics zu verstehen. Drum liegen sie dem Album bei, und den Schlusssong „More Than Real“ kann man bei „comment 1“ lesen. Verglichen mit der überbordenen Klangfantasie seiner letzten Alben ist dieses Werk viel mehr Schwarzweiss und Neorealismus als Cinemascope und History Fiction. Dennoch schleicht sich das Element des Fantastischen bei Richard Dawson weiterhin ein, in unerwareteten Sprüngen zwischen Traum und Wirklichkeit in den lyrics, in seinem Gitarrenspiel, den ungewöhnlichen Phrasierungen seiner Stimme, in den amarchischen Beimengungen einer Soloklarinette (ich habe es immer schon geliebt, wenn ein Blasinstrument in einem Lied nicht die gepflegte Melodielinie spielt, sondern Unruhestifter ist statt schmückendes Ornament). Der Wire schreibt, in seiner Märzausgabe zu dem Album folgendes:

Nach ein, zwei Tagen wandert dieser Text im Blog Diary soweit in die Vergangenheit, dass man den Gesamttext in aller Ruhe und Chronologie „von oben nach unten“ lesen kann. Er wird dann im März zu unswrer TALK-Kolumne bei den MONTHLY REVELATIONS stossen. Nichts geht natürlich darüber, sich die UNCUT vom März zu kaufen. Darin, unter anderem, eine „in depth“-Story, über das Album von Wilco, das immer meine Number One war: „A GHOST IS BORN“ – ein Titel, der auch gut zu einem Album von Rich passen würde. (m.e.)
MORE THAN REAL
„More Than Real“ ein überraschend farbenfroher Abschluss des Albums. Es ist ein Duett mit Sally Pilkington, der die ersten Akkorde und die Melodie geschrieben hat. Es ist ein zutiefst emotionaler Blick auf die Entschlossenheit und das Scheitern eines frischgebackenen Vaters, und dann – vielleicht – eine Momentaufnahme der Zukunft, wenn seine Tochter einen Anruf erhält und zu seinem Krankenhausbett eilt, um sich zu verabschieden.
„Sally und ich sprachen, was dieses Finale angeht, über Angelo Badalamenti und die Dokumentarfilme, die man auf BBC sieht, wo die Hintergrundmusik anschwillt, wenn es einen emotionalen Moment gibt,“ erklärt Dawson. „Aber der Song sollte eine seltsame Version davon sein. Ich dachte auch an Tarkovskys Andrei Rublev – der Film ist in Schwarz-Weiß, und am Ende, nachdem ein Junge 25 Minuten lang eine Glocke gemacht hat, wird er plötzlich in Farbe gezeigt. Ich wollte, dass dies der farbige Moment nach einer ziemlich entsättigten Erfahrung ist. Ich habe auch an Neil Youngs ‚Philadelphia‘ gedacht – es ist sirupartig, irgendwie kitschig, aber es hat eine schöne Stimmung.“
„Es war ein Song, den ich schon eine Weile auf der Orgel gespielt hatte und der mir schwer fiel, ihn zu beenden“, fügt Pilkington hinzu. „Richard hatte es im Visier und bat mich schon seit einer Weile darum. Ich habe gezögert, aber ich habe mit ihm verhandelt – er konnte es haben, wenn ich Teil des Tracks sein konnte“. (So verhandelt ein Paar über einen Song – ich musste bei den Schilferungen ihres Alltags manchmal an Robert Wyatt und Alfie denken.)
ALLEINE IM DUNKELN
Rich Dawson hat mehr Grund als die meisten anderen, das Leben auf dem Lande als schwierig zu empfinden: Er ist sehbehindert, und seine Sehkraft wird langsam schlechter. In den letzten Jahren ist es für ihn schwierig geworden, damit umzugehen.
„Ich bin ziemlich auf Sally angewiesen, sie hat mich schon oft mitgenommen“, sagt er, während er ein frisches Pint Village Green (sein Lieblingsbier!) auf dem Tisch stehen hat. „Es ist haarig, von der Bushaltestelle nach Hause zu laufen – der schnellste Weg führt über die Felder, ein kiesiger Weg in der Dunkelheit, schnüffelnde Tiere, und ich kann nichts sehen, verdammt. Ich denke: ‚Ich habe Angst, und ich werde die nächsten 25 Minuten Angst haben. Aber die positiven Seiten des Lebens hier draußen sind so groß.“
Im März 2023 spielte er seine erste amerikanische Headline-Show in New York und reiste dann quer durch die Staaten, um seine Freunde Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs zu unterstützen. Natürlich ist Amerika kein Ort für öffentliche Verkehrsmittel, und selbst in den Großstädten kann schlechtes Sehvermögen zu einigen Schrammen führen.
„Es war ein bisschen viel für mich, um ehrlich zu sein, da draußen allein zu sein“, seufzt er. „Ich fühlte mich ziemlich gestresst. Die Shows waren alle großartig, aber man muss sich bewusst sein, wer um einen herum ist, und ich konnte nicht genug Informationen [visuell] über die Leute bekommen, so dass ich in ein paar Begegnungen geriet. Einmal war ich in der New Yorker U-Bahn und diese furchterregenden Typen stiegen in Kampfhosen und Stiefeln ein – sie stiegen an jeder Tür ein und fingen an, auf mich loszugehen, es waren Gang-Typen. Es fühlte sich auf jeden Fall gefährlich an. In L.A. habe ich mich dann einfach verlaufen und ein Vermögen ausgegeben, um irgendwo hinzukommen. Ich habe es also nicht geschafft, sagen wir es mal so.“
ENERGY FOOLS THE MAGICIAN
Dawsons jugendliche UFO-Sichtung wird in der ersten Hälfte von „Black Triangle“ aus dem Jahr 2020 erzählt, ein seltenes Stück Autobiografie in einem Lied. „Es war wirklich sonnenklar. Mein Freund und ich sahen beide dieses massive schwarze Dreieck über uns hinweggleiten. Mir ist jetzt klar, was für ein großer Moment das war. Es gibt die Vorstellung, dass ein Song irgendwie autobiografisch sein muss – und das ist er natürlich immer, in gewisser Weise. Aber es war sehr überraschend für mich, dass die Leute nach ‚Jogging‘ dachten, ich würde gerne joggen gehen.
„Wir haben diese enge Vorstellung davon, was ein Song sein sollte, und die haben wir bei anderen Kunstformen nicht. Er muss radiotauglich sein, er muss vier Minuten lang sein, er muss fröhlich sein, er muss uns helfen, zur Arbeit zu fahren, er muss in unseren Tag passen. Und ich glaube nicht, dass das der Ursprung ist. Bevor jeder Zugang zum geschriebenen Wort hatte, war ein Lied für die Menschen eine Möglichkeit, Nachrichten zu teilen und zu verbreiten. Es ist eine Form von Magie.“
Nachspiel: The bizarre history of Dawson’s favourite guitar
“In my early twenties I had to get a loan to pay for backdated council tax, and I had a few hundred left over so I bought this Baby Taylor. Lovely guitar. Then it had a series of mishaps. There was a minor earthquake in the UK and I’d forgotten I’d put it on the floor, and I stood on it, but it was still playable. The second time, I was drunk and I totally caved it in, but it still made a sound of sorts. I thought, ‘Well, I’ll just play the songs the same, the spirit will still be there even if it sounds terrible.’ Then [singersongwriter] Nev Clay stood on it and totally broke it – it was my fault. A luthier, Nigel Forster, put a beautiful curved top on it, and it was vastly improved. Then the neck snapped on the first day of the Peasant tour. I don’t gig with it now, but every song I’ve written since my twenties has been written on that.“
Go down to your radio and trawl the megahertz
Zu den besten Webseiten, das Leben mit Musik, und all die Tangenten ringsum zum Thema haben, zählt neben Richard Williams‘ The Blue Moment, ganz sicher auch eine andere Solo-Seite, Zen Sounds, von Stephan Kunze. Wer genug Geld hat, und Sendungen wie die „Klanghorizonte“ mag, wird dort sehr viel Lesenswertes finden. Heute schreibt er (und wie ich ist er kein Prefab Sprout-Fan), über Paddy McAloons wundersames Soloalbum „I Trawl The Megahertz“, das ich in den Klanghorizonten spielte, rauf und runter, als es erschien, und, bei der Wiederveröffentlichung auch. Sein letzten Absätze lauten (er schreibt in feingearbeiteten kleinen Abschnitten, der Zengartenvergleich ist akkurat):
I Trawl the Megahertz still stands as one of his most personal works. It’s an album with little companions in popular culture, often getting compared to Jon Brion’s soundtrack for Michel Gondry’s film Eternal Sunshine of the Spotless Mind.
McAloon couldn’t have known Brion’s score, as it was written after I Trawl The Megahertz. Instead he mentions Gavin Bryars’ composition “Jesus Blood Never Failed Me Yet” (first released on Brian Eno’s Obscure Records in 1975), which he says he didn’t think of while writing the piece but it might have had a “subconscious influence”.
I Trawl the Megahertz remains totally unique and outstanding. I’ve never even been a huge Prefab Sprout fan, but I return to this brilliant album every so often. Its vague melancholy never fails to move me.

P.S. Mich haben einige Bekannte und Freunde angesprochen, warum ich nicht eine solche Seite eröffne, und damit eine schöne Einnahmequelle öffne. Die Antwort ist einfach: ich möchte über ALLES schreiben können, und da würde ich Abstriche machen müssen: wer will schon dafür bezahlen, dass ich alte Geschichten im Mosaikstil auftische, natürlich auch Fussballgeschichten, Traumdeutungen, monatelang nach meinem Blutsbruder suche, Gedichte, und andere „Abseitigkeiten“. Ausserdem schätze ich, und das zählt noch mehr, Vielstimmigkeit. Solange es sie gibt.
P.P.S. Bald wird Norbert E. eine spannende „Doppelliste“ vorlegen, zu seinen Favoriten der „wilden Siebziger Jahre“. Wieso eine Doppelliste? Ich musste kurz nachfragen, aber, klar, das hätte ich mir auch denken können. Bei mir gäbe es nur eine einfache Liste, ohne Dopplereffekt – das Gavin Bryars‘ „The Sinking of the Titanic“ wäre übrigens dabei, auf dessen Rückseite „Jesus Blood Never Failed Me Yet“ erklingt. (Lieber Norbert, schlage mal ein paar Locations vor für unser Hamburger FlowFlow-Meeting am 1. Mai!)
February Revelations
„Ich sehe ihn noch vor mir, wie er aufsteht, um mich in seinem Hinterhof zu begrüßen. Mit einem warmen Lächeln und einer herzlichen Umarmung und dieser Honk-of-a-Voice aus den Great Plains. Wir sprachen über Kaffee, die Freude am Unerwarteten, die Schönheit der Welt und lachten.“ (Kyle MacLachlan in seinem Nachruf auf David Lynch)
(album) Wasylyk / Perman: Ash Grey and the Gull Glides On
(film) Eno. Doc (von der Berliner Premiere berichtet Stephan Kunze)
(prose) Robyn Hitchcock: 1967 – How I Got There And Never Left
(talk) Learn To Fail Better – Chris Eckman
(radio) A Playlist In Motion (DLF, march 27)
(binge) David Lynch’s Twin Peaks – Three Seasons
(archive) Rainer Brüninghaus: Freigeweht (1981)
„Die bedeutendsten Bands bieten mutige Ideen, kleine Offenbarungen, verzweifelte Spiele und eine Schamlosigkeit, die ihnen erlaubt, jenseits ihrer Grenzen anzukommen und dort ein paar wundervolle Dinge zu entwickeln.“ Das sagte einmal Chris Eckman, und es lässt sich auf viele Bereiche der Kunst übertragen. Beispielsweise auf einige Filme von David Lynch wie „Mulholland Drive“, oder „Blue Velvet“. Unsere „Offenbarungen“ im Februar sind voller kleiner Entdeckungen und Zeitreisen. Selbst das Alltägliche kann durchaus fantastische Züge annehmen. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Ausser vielleicht: Safe Journey!
Clay Pipe Music 2
is now on our blogroll.

„The cover of Andrew Wasylyk’s album features a ship in a bottle surrounded by seashells, feathers and the white glow of a full moon. It sums up the album perfectly. Aquatic, ethereal and fragile in equal measure, upon listening one has the feeling of being temporarily suspended in a fog of wistful ambivalence. It’s elegant and spatial.Inspired by the dramatic land photography of Thomas Joshua Cooper, Wasylyk creates harp-led cinematic soundscapes that seem infinite. Although the seven tracks vary in meaning, the LP doesn’t feel overwhelming in its abstraction. Wasylyk creates beautiful jazz-soaked ambient music that is liberating and meditative, rather than aggressively esoteric. The album no doubt cements Wasylyk’s reputation as not only an ambitious and brilliant multi-instrumentalist, but as a serious modern artist.“ (Evie Nicholson, NarcMagazine)
Sky‘s The Limit

Quote from Cryptic Rock:
The songwriting team of Norman Whitfield and Barrett Strong really drove home some wisdom-laden and thought-provoking lyrics. Brought to life by The Temptations’ performances and Whitfield’s simply outstanding production, Sky’s The Limit is an album that crosses boundaries into Rock, Soul, but also much more.
All these positive allocates to consider, even still, the hand’s down highlight of it all is “Smiling Faces Sometimes.” Yes, the song would become a Top 5 hit with The Undisputed Truth instead, The Temptations’ twelve-plus minute edition is nothing less than an experience you have to hear to believe.
That is why it is extremely exciting to learn Elemental Music has selected it as one of their Motown vinyl reissues in 2024. Released on October 18th, this new limited edition release is pressed to a 140 gram vinyl, and let us just say the sound really pops with every twist and turn.
Sounding warm and rich, this new vinyl captures the magic of the original recordings. This is all while you also get the original cover and back art on a very solid single vinyl jacket. Overall, Elemental Records made an extremely wise selection by reissuing Sky’s The Limit to vinyl, because Cryptic Rock gives the release 5 out of 5 stars.
Songwriting with Brian Eno
We are pleased to announce that Brian Eno will be leading School of Song’s January 2025 songwriting workshop for musicians, fans, and music lovers alike. A selection of topics we’ll cover:
- The Role of Surrender: Many of life’s peak experiences come in moments of surrender. We’ll explore surrender as a larger life practice to cultivate a more present, curious, and playful state of consciousness that is conducive to writing songs.
- Avant Gardening: What happens when we allow ourselves to experiment at the furthest reaches of our imagination? We’ll discuss how making time for discovery separate from our songwriting practice can yield a rich harvest.
- Creating a Compelling Sonic World: Male bowerbirds spend the majority of the day creating elaborate and beautiful nests, all with the singular hope that a female might feel compelled to fly through. In music, we can build a sonic ‘nest’ to capture ourselves and compel us to sing over it.
- Oblique Strategies: Creativity loves limitations. We’ll use constraints and games that put ourselves in unfamiliar situations that, in turn, stimulate our creative minds to seek new and radical solutions.
- Should Music Still Be Called Music: In an age of samplers, recording studios, and keeping up with the continual development of technology, is music still the same art form or is it something completely new?
Jellyfish
I am a jellyfish heading towards the sun In the deepest clear ocean never to reach the surface full motion I am the pheasant's awareness earthworm breathing steered I am your unlocked parts our energy
Richards Liste

„Ich mag Straßenmusiker, solange sie keine Verstärkung oder voraufgezeichnete Unterstützung verwenden. Einige von ihnen leben in meinem Kopf weiter. Ein Klarinettist in einem kleinen Garten in der Nähe des Taksim-Platzes in Istanbul im Jahr 1968. Ein Sänger und ein Akkordeonspieler, die 1994 vor einem Einkaufszentrum in Rosario Carlos Gardel huldigen. Ein fließend boppischer Altsaxophonist vor einem Hamburgerladen in der Innenstadt von Atlanta im selben Jahr. Ein älteres Quartett in einem Park in Sofia vor 25 Jahren.
Der oben abgebildete Akkordeonist spielt regelmäßig vor dem British Museum in Bloomsbury. Er kommt aus Rumänien. Eines Tages in diesem Herbst hörte ich ihn, als ich auf dem Weg von einem schnellen Mittagessen im Caffè Tropea war, dem italienischen Restaurant im Park am Russell Square. Es ist wahrscheinlich mein Lieblingsrestaurant in London und wird seit über 40 Jahren von einer Familie mit Wurzeln in Kalabrien geführt. Einwanderer, was?
An diesem Tag spielte der Akkordeonist das Thema von Nino Rota aus Der Pate. Während ich zuhörte, ging eine junge Frau vorbei, blieb stehen, holte eine kleine Kamera aus ihrer Tasche und bückte sich, um ihn mit einer raschen, ökonomischen Bewegung zu fotografieren, die erkennen ließ, dass sie wusste, was sie tat. Ich habe ein einziges Bild mit meinem iPhone aufgenommen, das einen der glücklichsten Momente des Jahres festhält.“
Soweit Richards Williams‘ kleine Einstimmung auf die Liste, in seinem wunderbaren Musikblog „The Blue Moment“. Sein Lieblingsbuch des Jahres ist übrigens Samantha Harveys „Orbital“ (zu deutsch „Umlaufbahnen“), auf Platz 6 seiner Alben des Jahres findet sich eine ECM-Veröffentlichung vom September 2024, von deren Existenz ich bis soeben nichts wusste. Interessant. Und sonst? Überschneidungen und Überraschungen. Michael Shrieve habe ich zuletzt in den Siebzigern an der Seite von Santana erlebt. (m.e.)
ash grey and the gull glides on
„you might find nothing
to see here,
but come tomorrow
we‘ll still be here“
imagine a blue radio hour in spring 2025, a number that makes you think of zagger & evans in an oldie show, but start with a nevergreen from peter thomas turning 100, followed by a piece of „wonky togetherness“ (electrinic sound) with andrew wasylyk & tommy perman. This albumis, apart from Broadcast‘s „Spell Blanket“ my latest great discovery of 2024, i think, and it will probably open up my „March Horizons“ on air! You wanna find out more: go to www.claypipemusic.co.uk …
Die zehn Tracks sind geprägt von Wasylyks meditativen Klavierrefrains, von ausladenden Synthesizern, die den kitschfreien Zonen von New Age und japanischem Ambient wunderbar nahe kommen, ohne sie zu kopieren, und von Permans organischem Ansatz, eine sehr speziell pulsierende musikalische Collage zusammenzusetzen. Aber noch elementarer als das sind sie durch ihre Stille und ihren Sinn für Raum definiert. Wenn das etwas abstrakt klingt, hilft es, auf das Wort „nothing“ zu klicken, das in der ersten Zeile! Der Titel dieser Langspielplatte ist identisch mit dem Titel dieses Textes. Späte Entdeckung. Fast schon zum Schmunzeln zeitlos, und doch passt es unter den Weihnachtsbaum. (m.e., and others)
Im Club der Fische (3)
Stück für späte Stunden (für Matthias)
Da war die Zeit, in der wir Nachmittage dehnten,
bis all die Lichter, Fenster, Autos, erste Feuerstellen,
uns nach Zeichen suchen ließen, Spuren schwarzer Himmel,
die ihre Pforten für den Regen öffnen,
für Lieder über Regen, wie er hart zu Boden trifft, uns
badet, uns, unbesiegbare Kinder mit einer Mission.
„Unser Polizist“, Michael Z. (weisst du noch, wie wir ihn morgens oft abholten, die lange Singerhoffstrasse runter und rauf), hatte mir den Weg gewiesen, aber ich war zu blöd, dich zu finden. Vielleicht dachte meine Unbewusstes, die Kindheit sei ein zu weit entferntes Land. Ich hätte nur ein paar Häuser weiter abklingeln müssen, im Frühsommer, und du hättest vor mir gestanden.Was trennte uns letztlich so früh, 1966 oder 1967, es war nicht die Höhere Schule, es war nicht deine Arbeiterkklassenherkunft, es war nicht der Umzug von Hombruch nach Kirchhörde, es war kein Streit. Scheisse, wir waren Blutsbrüder, so wie es uns Karl May beibrachte mit Winnetou und Old Shatterhand. Wie oft fuhren wir Sonntags mit dem Mercedes von Daddy in den grossen Wald, wir pflanzten einen Baum ein, und wir guckten „Am Fuss der Blauen Berge“.
Ist es wirklich albern zu sagen, dass du mein bester Freund warst, weil es die Jahre 6 bis 12 waren? Es war das Ende der Kindheit. Das Ausfahren der Antennen in andere Richtungen. Du hast schneller geheiratet als ich verlobt war. Obwohl ich sicher bin, dass wir das Träumen nie verlernt haben, fanden wir nie mehr die Kurve in das Leben des anderen.
Unzählige Male fuhr ich durch die alte Siedlung, nach meiner Rückkehr 1987, studierte die Namen auf den Klingelschilldern, und ging vor ein paar Tagen mit Klaus Weckermann, unserem Anführer in den vier Jahren auf der „Brüder Grimm“, noch mal Namen und Häuser und Erinnerungen durch. („Hallo, bist du Klaus Weckermann, wir sahen und zuletzt vor weit über fünfzig Jahren!“). Wer schon alles tot ist: Margarete, so früh, mit 43, Erdnüsse und aus! Und fast alle Regeners. Und der schlaue Dieter.
Vor ein paar Monaten standest du noch bei Klaus vor der Tür, mit einem neuen Motorrad. Du bist beruflich noch einige Male nach Japan geflogen, zu Mitsubishi, erzählte Klaus. Zwei Kinder, drei Enkel – zwei Hunde zuletzt. Und nach deiner Hochzeit nahmst du den Namen deiner Frau an, wie soll ich dich da finden? Und als Klaus und Jutta mir das Foto rüberreichten, wusste ich, dass ich dich überall auf der Welt sofort erkannt hätte, selbst in Tokyo. Die Augen. Das Lachen.
Ich hätte so gerne in deinen Erinnerungen gestöbert – es wäre ein Rausch gewesen, voller Drachen und Singles und Sylvesterknaller. Weisst du noch: am 2. Oktober 1965 sahen wir das 2:2 unseres BVB gegen den HSV im Stadion Rote Erde, du hattest auf einmal Panik, ich begleitete dich heraus, bis dein Herz wieser ruhig schlug, dann kehrten wir auf die Tribüne zurück. Blutsbrüder! Lass uns bitte noch einmal Donovan singen! „Sunshine Superman“. Und den Himmel nach Liedern für den Regen absuchen!