Peaky Blinders (1-6)

We‘re happy to report that we fell hard for Peaky Blinders. However familiar its building blocks, the U.K. gangster drama is positively bursting with irrepressible energy, and it’s proof that, whatever a show’s premise, capable execution is everything. A dance from abyss to abyss. Noir and deep. There is probabyly no lover of Nick Cave‘s musical worlds who doesn‘t fall for this epic journey. On the last two seasons Anna Calvi delivers. Sometimes haunting and overwhelming, always powerful and affecting, Calvi brings Shelby’s life before our eyes purely with her sound. Impressively, she plays all of the instruments – including ones she was less comfortable with, namely violin, piano and percussion – the results are unforgettable and the rawness is completely intended.
Maureen Ryan & Michael Engelbrecht
Old Würzburg Night
In that summer of things that went terribly wrong, I lived in a rather empty apartment in which the shadows of an old love still danced on the wall. Every month I bought „Sounds“, the best music magazine that existed in old Germany. I was browsing through the latest issue when my eyes fell on a small advertisement from Polydor: „The man in the background“, a monochrome gray cover was depicted, and the release announced with calculated understatement.
Two or three days later, I held Brian Eno’s „Music For Films“ in my hands. And heard it for the first time. I have listened to this record, with its fleeting sketches that take me on every flight, its utter incompleteness, its longing and fear and dream material, endlessly since then, consciously, unconsciously, in the background, in the foreground, in between. When walking (with a button in my ear), when writing, when falling asleep, waking up, in a foreign country. And as an alternative for „the cigarette after“. The first time I heard it, I knew that this music would accompany me throughout my life. It quickly became a medicine too, helped me to dance with the naked shadows on the empty wall instead of scaring them away.

And when a giant tried to throw me out of bed and out of my apartment on the 7th floor. I tried to calm my mind with cocoa, but the nightmare returned and I made myself a hot toddy with the good old pot, then took the car to a large empty field near Würzburg, experienced the sunrise there and had my only deeply moving encounter with a Bach cantata from the weird car radio, and then returned home to the nightmare apartment, I played Brian‘s album and experienced how completely irrational vibes of happiness that had already set in on the cool morning field continued to spread and I even looked forward to the next encounter with the giant. (m.e.)
Reverberations of non-stop Traffic on Redding Road
„I would beg listeners both animal and human to allow these beautiful landscapes I’ve created in collaboration with Mark Nelson to sing and speak and weep for themselves. Please. Forget about words. Just LISTEN.“ – Kramer
„It was an honor to work with Kramer (…) For the music, this line from Arthur Russell says it so well: ‚If I could convince you these are words of love, the heartache would remain, but the pain would be gone‘.“ – Mark K. Nelson (Pan American)Der kurze Brief zum langen Abschied

Bei dem Titel des Posts könnte man an den alten Schmöker der Innerlichkeit denken, an die seltsame Verfilmung von Herbert Vesely von 1974, und die Filmmusik von Brian Eno, aber das ist eine optische Täuschung. Kleiner Sprung, verwandtes Thema: seit One Man’s Treasure aus dem Jahr 2005 hat Mick Harvey, einstiger Bad Seed bei Nick Cavem eine Reihe von Alben veröffentlicht, auf denen er Originalsongs mit Überarbeitungen seiner beliebtesten Songs mischt. Jetzt schließt er dieses Projekt mit einem Album ab, das von Abschlüssen, Abschieden, Untertauchen, Sentimentalität und purer Melancholie geprägt ist. Originaltitel wie das von Streichern getragene und doch subtile „Heaven’s Gate“ – mit einer reichen, zarten Stimme – fügen sich anmutig und thematisch in Songs von The Saints, Fatal Shore und Lee Hazlewood ein. Hier zu hören ist Harveys bis ins Mark gehende, dekonstruierte Klavierversion von Neil Youngs „Like A Hurricane“, die sowohl zerbrechlich als auch mutig ist, und eine schöne Endnote. Auch die beiden alten Filme von Kira Muratowa – voller Endnoten und Abschiede. (michael engelbrecht and his source)There‘s Something In A Sunday
Ein alter Freund von mir, der Anwalt für Konzernrecht war, ein mir völlig fremdes Terrain, und mittlerweile den Planeten gewechselt hat, hatte früh in den Neunziger Jahren in San Francisco eine recht kurzzeitige, aber erfüllte Beziehung mit einer Frau, die das Vorbild war für Sharon McCone, eine literarische Figur im Werk von Marcia Muller. Er war auch grosser Bob Dylan-Fan, und zeigte mir einmal seine signierte Erstausgabe von „Blonde On Blonde“. Da er viel in San Francisco zu tun hatte, war ich stets neugierig auf seine Stadtgeschichten (er war, was man bei seinem Job nicht unbedingt erwartet, mit Gary Duncan gut befreundet, einem Mitglied des Quicksilver Messenger Service), und ich mache es mir noch heute zum Vorwurf, nie nach San Francisco gereist zu sein. Aus Filmen ist mir die Stadt so vertraut wie der Central Park in New York, den ich auch nur einmal, und dann noch kränkelnd, unter dem Einfluss von Montezumas Rache, erlebte. Lajlas San Francisco-Stories würde ich auch gerne einmal hören.
Auf jeden Fall brachte mir David einmal aus seinem Lieblingsbuchladen in San Fran einen brandneuen Roman von Marcia Muller mit, die er auch damals durch Eve kennenlernte, 1989, in einem Cafe in Ashbury Heights, das den Wirren der Hippie-Ära getrotzt hat. Der Titel: There‘s Something In A Sunday. Und so landete ich, mitten im Leben und neunten Roman rund um Sharon, in San Francisco, der Anwaltskanzlei All Souls, und einem Mordfall. Marcia Muller versteht es brilliant, die Historie der Stadt in lebendigen Schilderungen aufleben zu lassen, stets konkret festgemacht mit dem Auf und Ab eines Krminalfalls, ihres Berufs- und Liebeslebens, und dem ihrer Kollegen und Freunde.

Sharon war eine der ersten Detektivinnen, die sich ihren männlichen Kollegen zugesellte, eine kluge Frau, die mehr auf Köpfchen als auf Karate setzt, dem Leben als sehr sinnliche Veranstaltung begegnet, und in diesem wirklich tollen, im besten Sinne traditionell geschriebenen Roman (der, wie viele andere dieser Reihe, antiquarisch zu finden ist, als Fischer-Taschenbuch) gleich zu Beginn, einen Sonntag lang, kreuz und quer durch ihre Stadt fährt, um den seltsamen Wegen eines gewissen Frank Wilkonson von Blumenladen zu Blumenladen zu folgen, durch zahllose Gartencenter und tropische Gewächshäuser am Golden Gate Park. Man könnte an Alfred Hitchcocks wunderbare Kamerafahrten aus Vertigo denken, auf den Spuren von James Stewart. Aber die Story entwickelt sich ganz anders, und als professionelle Beschattungskünstlerin hat Shar, wie ihre Freunde sie liebevoll nennen, am Ende des Sonntags ein halbes Gartensortiment in ihrem Auto verstaut. Mit grossem Vergnügen und leichter Wehmt lese ich den Roman gerade, nach Ewigkeiten, zum zweiten Mal (während wir abends John Sugar in der tollen Detektivserie auf Disney + durch die Strassen von Los Angeles folgen). Leider fand Marcia Muller hier in Deutschland nur eine kleine Leserschar, in den USA hat sie gerade ihren neuesten Roman rausgebracht, und Jan R. hat vielleicht vor kurzem in der New York Times die sehr positive Besprechung gelesen. Sharon McCone is still alive and kicking. (m.e.)
Die blaue Rhapsodie
Ich hörte „Rhapsody in Blue“ zum ersten Mal in meiner Kindheit Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums löste der Pianist Ethan Iverson neulich eine lebhafte Debatte aus, indem er in der New York Times die künstlerische Wirkung dessen untersuchte, was er als „naiven und kitschigen“ Versuch bezeichnete, die oberflächlichen Merkmale des Jazz mit der europäischen Klassik zu verschmelzen – damals wie heute. Wenn „Rhapsody in Blue“ ein Meisterwerk ist, so schrieb er, dann ist es sicherlich „das schlechteste Meisterwerk“: ein unbequemer Kompromiss, der den Fortschritt dessen blockierte, was später „Third Stream“ genannt wurde, und mit dem wir sowohl „gesegnet sind als auch feststecken“. Dank des Einflusses meiner Mutter betrachte ich es aus einem etwas anderen Blickwinkel. Für mich war es in meiner Kindheit eine Einstiegsdroge. Ich liebte die spektakuläre Klarinetteneinleitung, die wechselnden Melodien und die Andeutungen von Synkopen, aber vor allem reagierte ich auf die Tonalität, die den Titel widerspiegelt. Es dauerte nicht lange, bis ich einen Weg einschlug, der zu Duke Ellington, Charlie Parker, Thelonious Monk, Miles Davis, Charles Mingus, John Coltrane, und all den anderen, bis hin zu den Vijay Iyers, Matana Robertses und Tyshawn Soreys des heutigen Jazz. Schon bald hatte ich herausgefunden, dass eine Unze Ellington mehr wert ist als eine Tonne Gershwins Instrumentalmusik, aber ich bewahre mir eine respektvolle Dankbarkeit gegenüber „Rhapsody in Blue“ und seiner Rolle als Einstieg, genauso wie gegenüber „The Glenn Miller Story“ und „Take Five“. Das, was ich hier nicht als Zitat ausgewiesen habe, ist die stark gekürzte Übersetzung eines neueren Textes von Richard Williams. Aus seinem Blog „The Blue Moment“, Teil unseres Blogrolls. Neben den Mentoren, die ich in meinen gut drei Jahrzehnten Radio hatte, Volker Bernius, Harald Rehmann und Michael Naura, war Richard Williams in meiner Studentenzeit in gewisser Weise auch ein Mentor. Seine Texte in Melody Maker waren die eines Wahlverwandten – er wusste Brücken zu schlagen zwischen Claude Debussy, Jan Garbarek und Brian Eno. Nicht einmal lege ich eine Schallplatte von Walt Dickerson auf, ohne kurz an Richards knappe Einführung in die poetischen Sphären des Free Jazz zu denken… und ein Fussballnarr ist er auch! Diese feinen geistigen Verbindungen, getriggert allein durch Worte, Klänge, Stories! (r.w. + m.e.)
British Sleeves Of Desire

Ja, schauen Sie nur. Wer mit Schallplatten und seltsam grosser Liebe zur Musik aufgewachsen ist, kennt diese enge Verbindung, welche zwischen Hörern, Klängen, und Plattencovern entstehen kann. Ganze Abhandlungen, Promotionsarbeiten, Bücher sind geschrieben worden, um etwa die Coverart und einzelner Labels zu ergründen (Blue Note, ECM) – nicht zu selten habe ich nachts im Radio von diesen Covern erzählt, oder Künstler erzählen lassen, wenn mich ein Cover ganz und gar gefangen genommen hat, sich der Musik ebenbürtig erwies, zumindest als perfekt gestaltete Eintrittskarte!„Provenance“ von Björn Meyer fällt mir just ein. Und sowieso Wade Carters „Overpass“, das Bild für Marc Johnsons wundervolles Solobassalbum – und diesen Blog (permission granted, thank you so much, Mark!). Oder, wenn ich an britische Cover denke und das perfekte „coffeetable book“, das Richard Williams soeben auf seinem Blog „TheBlueMoment“ vorstellte, an Julie Tippetts‘ „Sunset Glow“. An John Surmans „Westering Home“. An die erste Azimuth-LP (s. ARCHIVE).
Alle die freien und geleiteten Assoziationen entführen in tiefe Schächte, unerhörte Räume, ureigene Paradiese, Areale, die man gerne mit Seelenverwandten teilt. Für Richard ist das oben abgebildete, ganz schön seltsame, Cover so ein Glanzstück, und kann solches überhaupt nur werden, wenn die Musik den Zauber erfüllt, den das Cover suggeriert. Übrigens ein von Robert Wyatt über alle Massen geliebtes Album – ich zitiere Richard: „Labyrinth“ findet eine andere und sehr unterhaltsame Art, die Geschichte zu erzählen, indem es das Artwork und die Informationen, die in den 12 x 12-Albumhüllen enthalten sind, aus der Zeit der hilfreichen Cover-Notizen nutzt. Und wenn ich die Wahl zwischen all diesen Alben hätte, aber nur eines behalten dürfte? Wahrscheinlich wäre es Very Urgent von den Blue Notes, ihre erste Aufnahme nach der Landung in Großbritannien aus Südafrika. Produziert von Joe Boyd bei Sound Techniques und unter dem Namen von Chris McGregor auf Polydor veröffentlicht, ist es heute noch genauso berauschend wie 1968, und sein langfristiger Einfluss ist immer noch zu spüren, sogar in der Arbeit junger Musiker, die damals noch nicht geboren waren.
Lucy empfiehlt Nicoles neuesten Streich
„Es ist wunderschön anzusehen, die Hauptrolle spielt eine Villa mit 4.000 Zimmern an einem wunderschönen Küstenabschnitt der USA, und es ist voll von verschwenderischem Lebensstil, der durch den Reichtum der fünften Generation finanziert wird. Es gibt Kaschmirstrümpfe in unpraktischen Farben, eine noch schönere Küste, einen Mord, für den fast jeder in der Umgebung ein Motiv hatte – und habe ich schon die schöne Küste erwähnt? Wir können nur in der Gegenwart von Nicole Kidmans neuestem Fahrzeug sein. Diesmal heißt es The Perfect Couple, aber Sie können es sich als Big Little Lies vorstellen, das von Monterey, Kalifornien, nach Nantucket, Massachusetts, verlegt wurde. Oder als The Undoing mit Handlung. Oder wie Nine Perfect Strangers, aber nicht so verrückt. Wie jeder luxuriöse Krimi dieser Tage ist auch dieser Film ein Teil von The White Lotus – in dem Kidman nicht mitspielte, aber wer kann sich schon daran erinnern?“
Dies ist der Anfang von Lucy Mangans Besprechung der brandneuen Netflix Mini-Serie „The Perfect Couple“ (sechs Folgen, im Deutschen umbenannt in „Ein neuer Sommer“). Wer alles lesen möchte – bittesehr! Ich empfehle es für hinterher.
Anfangs ergeht es vielen sicher so, dass man geneigt ist, angesichts all der überkandidelten Protagonisten auszuschalten, aber es dauert nicht lange, dann werden die Risse und Brüche in diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten sichtbar, und die Story und ihre Dreidimensionalität nehmen Fahrt auf.
Es wird spannend. Und das, obwohl zum neuen Mainstream gewordene Muster dieser Art von Storytelling unüberschaubar sind, wie etwa das kommentierende „Theater der Zeugenbefragung“. Macht aber nichts, wenn alles so furios und gekonnt in Szene gesetzt wird. Die beiden Detectives sind allein schon ziemlich klasse.
Zur guten Schauspielerei zählen oft die Sekunden und Sekundenbruchteile Schweigen , um die Aussagen des jeweiligen Gegenübers sacken zu lassen. Dazu gibt es hier jede Menge Anschauungsunterricht. Die von Lucy Mangan angeführten Serien sind durchweg sehenswert, mit Abstrichen auch „The Undoing“. (m.e.)
