Bewegende Filme, wiederentdeckt (1): „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ und „Die Macht und ihr Preis“

Es gab eine Zeit, als Politikthriller Konjunktur hatten und gesellschaftliche Verhältnisse in spannenden Geschichten und mit innovativen Erzählweisen reflektierten. 
Macht, Korruption und politische Verantwortung. Wir sprechen über das Kino der späten 60er und frühen 70er Jahre, als die Dinge in Bewegung gerieten. In Hollywood brachten Alan J. Pakula, Sidney Pollack und Francis Ford Coppola kommerziell und von der damaligen Kritik hochgelobte Paranoia Thriller heraus, die insbesondere nach Watergate das politische Misstrauen in düsteren Bildern übersetzten.
In Europa überzeugten Costa Gavras und Francesco Rosi mit ihrem engagierten politischen Kino.
Der Grieche Gavras setzte stark auf die Mittel des Unterhaltungskinos, um seine linken politischen Überzeugungen zu vermitteln. Der Italiener Rosi war hingegen ein wahrheitsuchender Intellektueller, ein Zweifler auch an der linken Ideologie, der die kritische Distanz zu seinen Themen mit formalen Mitteln schärfte.

In der ARTE Mediathek sind in den nächsten Monaten zwei der prominentesten Vertreter des europäischen Polithrillers zu bewundern. Schaut Euch beide Filme idealerweise kurz hintereinander an, trotz der thematischen Nähe könnten sie unterschiedlicher nicht sein.
Es sind aus meiner Sicht hervorragende Beispiele aus der Hochphase des Autorenkinos, emotional und gedanklich bewegend, besetzt mit den damaligen Stars des europäischen Kinos.

Z – Anatomie eines politischen Mordes (1969, Costa-Gavras)

Nach dem Mord an einem linken Oppositionspolitiker in Griechenland deckt ein unbeirrbarer Untersuchungsrichter (Jean-Louis Trintignant) die Verstrickung von Polizei, Militär und rechtsextremen Gruppen auf. Es sind die Jahre vor der Militärdiktatur, die Ermordung des von Yves Montand gespielten Abgeordneten und Friedensaktivisten ist historisch. Z ist ein Film der politischen Anklage. In der damaligen Rezeption wurde er kontrovers besprochen, die Zeitschrift Filmkritik titelte „Ein linker Film für Axel Springer“. Aus heutiger Sicht sehr dogmatisch, dass politische Filme nur mit den erzählerischen Mitteln von Brecht und Godard erzählt werden dürften. Costa Gavras setzte Übertreibung, Zuspitzung, Karikatur erzählerisch ein, was vollkommen ok ist. Lediglich die Trennung von linken und rechten Protagonisten in gut und böse ist zweifelhaft. Das Ende entschädigt dafür…

Die Macht und ihr Preis (1976, Francesco Rosi)

In Italien untersucht Inspektor Rogas (Lino Ventura) eine Mordserie an hochrangigen Richtern. Seine Ermittlungen führen ihn zu einer politischen Verschwörung, in die staatliche Institutionen und politische Parteien verstrickt sind. Herkömmliche Kriminalfilme suggerieren dem Zuschauer, dass die Welt durch rationale Ermittlungsarbeit wieder verständlich werden kann. „Die Macht und ihr Preis“ zerstört dieses Vertrauen. Die allgegenwärtige Bedrohung wird in den Schauplätzen, den Handlungen und Dialogen erfahrbar. Sie wird nicht aufgelöst. Rosi hat ein zutiefst pessimistisches Meisterwerk abgeliefert, den für mich besten Paranoia Thriller des europäischen Kinos. Lino Ventura als hartnäckiger wie zweifelnder Ermittler ist ein Kämpfer, der sich mit den Mächtigen anlegt.
Selbst die linken Oppositionspolitiker haben kein Interesse an der Wahrheit, die Verhältnisse bleiben wie sie waren. Am Ende sagt einer von ihnen lapidar: „Die Wahrheit ist nicht immer revolutionär“.


5 Kommentare

  • flowworker

    Danke, Thomas, wichtig!

    Zuk Glück ist das politisch engagierte Kino bis heute lebendig geblieben.
    Mir fallen die beidem erschütternden brasilianiscen Filme ein, die zuletzt an die Zeit des Terrors der Militärdiktatur in Erinnerung riefen.

    m.e.

  • Thomas Pannhorst

    Das stimmt, Michael. In den „fetten“ 80er bis 2010er Jahren war das anders. Krasse Zeiten bringen packende Filme hervor. Die vornehmste Aufgabe von Kultur ist es, die Erfahrung von Realität sinnhaft, sinnlich, kritisch und spannend zu vermitteln und vielleicht zu überwinden. Film)Geschichte ist konzentrisch 🤷‍♂️

  • Olaf Westfeld

    Wobei „die fetten Jahre“ schon 2004 „vorbei“ waren (wie ich gerade gegoogelt habe)…
    Auch erschütternd: https://flowworker.org/2024/08/07/tatami/#comments
    Dann habe ich vor knapp 2 Jahren noch einen tollen iranischen Film gesehen, mir fällt der Titel nicht ein; eine Familie mit 2 Töchtern, der Vater ist Richter und wird dann immer despotischer im Haushalt, das ganze vor dem Hintergrund der Proteste von 4-5 Jahren.

  • Thomas Pannhorst

    Danke, Olaf. Mein Blick ist leider zu europäisch und amerikanisch. Der Reichtum des arabaischen, südamerikanischen oder afrikanischen Politkinos war immer gegenwärtig. Warum? Weil sie Geschichten aus dem „dauerhaften Mangel“ zu erzählten hatten und haben. Wenn es Gesellschaften wie der unserwm dauerhaft gut geht, nimmt der kulturelle Druck ab. Das meinte ich mit fetten Jahren: es ging uns sehr gut, wir waren gemütlich, das ändert sich und das politische Kino kehrt zurück 🤷‍♂️

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert