Tutuguri
In der Philharmonie besuchten wir eine Darbietung von Wolfgang Rihms Tutuguri, nach Antonin Artauds Gedicht, uraufgeführt in Berlin 1982. Zum Glück hatte ich die Weitsicht, die Karten im Februar zu kaufen, als ich noch bei der KBB angestellt war, so hatten wir sehr gute Plätze. Es war allerdings ohnehin nicht ausverkauft, verrückterweise. Ich meine, jede siebentausendste Beethoven-Sinfonie-Aufführung ist ausverkauft, aber nicht solche Beosnderheiten der zeitgenössischen Musik, die man wirklich selten erleben kann.
Wo der Rihm nur all diese Ideen hernahm! Unglaublich. Das Ding ist wirklich ein ziemlicher Wahnsinn, ein Orchesterwerk mit unzähligen Schlaginstrumenten (man kennt das ja von Rihm) plus zugespieltem Chor und einer Artaud-Figur auf der Bühne, die als „schreiender Mann“ geführt wird. Zuerst 95 Minuten lang, drei Sätze (oder „Bilder“), dann eine längere Umbaupause — und dann nochmal 40 Minuten, aber mit nur 10 Schlaginstrumentalisten, vier von ihnen im Gebäude im Zuschauerraum platziert. Rihm-Schüler Jörg Widman dirigierte, was mit ein Grund war, die Karten zu kaufen. Sofern man das noch dirigieren nennen kann… Das war eher eine Art 130-minütiges Workout. Widman ist sichtlich nicht mehr der Jüngste (ich habe ihn in den letzten Jahren mehrfach auf der Bühne gesehen), doch er tanzt und springt trotzdem vor dem Orchester herum, als wäre er 23. Ein Tuch, um regelmäßig das Gesicht vom Schweiß zu befreien, hatte er passenderweise am Dirigentenpult.
Rihm hat sich in seinen jungen Jahren hier weit rausgewagt, und die Musiker genossen sichtlich diese einmalige Gelegenheit, so in die vollen gehen zu können. Laut war’s streckenweise auch. Es wurden Ohrstöpsel zur Verfügung gestellt. Die Einstützenden Neubauten hätten das in ihren „alten Tagen“ nicht expressiver geben können. Schauspieler und Rezitator Michael Engelhardt hat für die Produktion von Tutuguri eine Neuübersetzung der Texte Antonin Artauds erstellt und gemeinsam mit Jörg Widmann, dem Dramaturgen Mark Sattler und dem Lichtgestalter Markus Güdel eine eigene Aufführungsversion geschaffen, die sich speziell in der Verwendung des Texts von der 1982er Fassung unterscheidet.
Was für eine Darbietung, was für ein Werk!
Im Deutschlandfunk Kultur gibt es am 31. Oktober 2026 um 19:05 Uhr wohl eine Aufzeichnung davon zu hören.
Ein Kommentar
Berliner Festspiele