Sanfte Verstörungen im archaischen Raum – das neue Album von Lambchop (1/3)

“Niemand erzählt Geschichten so wie Kurt Wagner – aber wer würde das auch versuchen? In „The New World Wave“, einem Knaller aus Lambchops neuem Album „Punching the Clown“, spinnt der 66-jährige Songwriter eine generationsübergreifende Geschichte, in der es um das Überleben der Weltwirtschaftskrise, den geduldigen Aufbau einer selbst gewählten Familie und darum geht, wie unbeachtete Träume zu verkaufbaren Vermögenswerten zerfallen können.

Das ist schweres Zeug, aber man beachte, wie er das hinbekommt: Für ein oder zwei Zeilen bleibt er bei einer klebrigen Metapher über Hot Dogs hängen; er rührt die Herzen mit einem Wortspiel rund um das Wort „apparent“, das man leicht übersieht; kurz darauf durchbricht er die vierte Wand („Wow, jetzt ist die Stimmung plötzlich gedrückt“) und zerstört damit sofort die Stimmung; während er sich gemeinsam mit einem Chor dem Höhepunkt nähert, murmelt er das Wort „goddammit“ so überzeugend, dass man meinen könnte, er hätte vergessen, dass das Band läuft. Und wer genau ist Easy Buckets, die Figur im Mittelpunkt des Geschehens? Nun, vielleicht hätte man einfach dabei sein müssen.

Selbst wenn es so aussieht, als würde er vor sich hin schwafeln, hat Wagner – wie nur wenige aktive Songwriter – es zur Kunst erhoben, seiner Muse zu folgen. Nach vierzig Jahren an der Spitze von Lambchop liegt die Vermutung nahe, dass sich der Sound ihrer Alben immer wieder wandeln wird: Sind sie die lebhafteste Alt-Country-Band, die gefühlvollste Slowcore-Gruppe oder ein psychedelischer Lounge-Act? Ein Kammer-Folk-Kollektiv mit Bläsersektion? Oder ein Laptop-Pop-Projekt mit einem Typen, der durch Auto-Tune vor sich hin murmelt? 

Ja, all das trifft zu. Doch während sich ihr Sound weiterentwickelt und erweitert hat, sind Wagners Texte nach wie vor vielseitig und unbezähmbar geblieben – zitierwürdig und tiefgründig, aber stolz unsentimental. „The New World Wave“ erzählt vielleicht keine geradlinige Geschichte, aber ich will verdammt sein, wenn es einen nicht an jedem Wort hängen lässt.“

Soweit der Auftakt der XXL-Besprechung von Sam Sodomsky in „Pitchfork“. Sehr, sehr lesenswert! Einmal mehr ein wunderbares Album einer Band, eines Ein-Mann-Und-Seine-Freunde-Projekts, das nur eines auszeichnet: die Unberechenbarkeit von Werk zu Werk. Ich warte allerdings noch auf meinen Aha-Effekt, was das Cover angeht. (m.e.)

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