“Ascension“
Jetzt wurde dieses Album also wieder auf den Markt gebracht, mit beiden Fassungen, die damals aufgenommen wurden: eine Ur-Opus des Free Jazz, ein weiteres Statement von John Coltranes unentwegtem Verschieben der Grenzen – er verstörte damit so viele seiner alten Hörer, wie Miles Davis mit „Bitches Brew“. Free Jazz!
Es war damals mein erstes Coltrane-Album, ich war um die 18 und hatte Joachim Ernst B’s Jazzbuchklassiker verschlungen – dort nahm ich wohl die Spur auf. In der Folge entdeckte ich andere Free Jazz-Alben des Frühverstorbenen, die mich mehr packten, dauerhaft und folgenreich, wie etwa das über drei Lps verteilte „Concert in Japan“: wer sich in dieses Album verliebte, hatte den sog. Free Jazz endgültg für sich entdeckt, radikaler geht es nicht, und doch wurde mir seltsam bewusst, welche melodischen Anteile und Elemente (und viel mehr als Spurenelemente) in dieser kollektiven Exstase mitschwangen, bei Coltrane, Sanders, Alice, Rashied, und Garrison. Das wurde bei Verächtern dieser Kost nie wahrgenommen oder unterschlagen. Dass diese japanischen Konzerte übrgens allesamt in Mono waren, mochte bei manchen die Akzeptanzschwelle noch etwas erhöhen.
Nun bin ich neugierig, wie ich auf „Ascension“ anno 2026 reagiere, denn kleine Ewigkeiten lang habe ich es nicht mehr gehört, anders als etwa „Crescent“ oder „Interstellar Space“. Im September jährt sich John Coltranes 100. Geburtstag – die Jazzredaktion des Deutschlandfunks liess sich einiges für diesen Monat einfallen – und sollte ich in den Klanghorizonten am 24. September wenigstens am Rande darauf eingehen, dann vielleicht mit einer Platte von Marion Brown, der zu den Solisten auf „Ascension“ gehört und später bei „Impulse“ und anderswo wunderbar freigeistige wie melodische Alben veröffentlichte – wir berichteten darüber. (m.e.)

„Die Kraft der Soli von „Ascension“ ist gewaltig, wobei die instrumentale Stimme jedes einzelnen Musikers ihren eigenen Weg bahnt – Pharoah Sanders’ übertriebene Obertöne, Archie Shepps herzliche Flamme, Marion Browns süße Schärfe, McCoy Tyners funkelnde Kraft. All dies entfaltet sich in einem Raum, den Coltrane geschaffen hat und in dem absolut kein Platz für Ego ist. Es war das Ego, das den feurigen Rashied Ali davon abhielt, an der Session teilzunehmen, da er nicht bereit war, sich die Schlagzeugpartie mit Elvin Jones zu teilen. („Stell dir vor, er wäre dabei gewesen!“, sagte Courtney Pine.) Ali bereute diese Entscheidung später, entwickelte sich jedoch zu einem prägenden Schlagzeuger der Free-Jazz-Ära und ersetzte schließlich Jones in Coltranes letzter Besetzung: einem Quintett mit Sanders am Tenorsaxophon, Alice Coltrane am Klavier und Garrison am Bass.
„Niemand bei einer kommerziellen Plattenfirma hätte 1965, hätte man ihm die erste Pressung davon gegeben, gesagt: ‚Das müssen wir veröffentlichen‘“, sagt Kahn. „Es ging so weit über die Erfahrung und das Verständnis aller bei Impulse! oder dessen Muttergesellschaft ABC hinaus.“ Doch Coltrane hatte sich seine Freiheit verdient. 1963 hatte Produzent Bob Thiele ihn zu zugänglicheren Projekten gelenkt – ein Album mit Duke Ellington, eines mit Johnny Hartman und eine Sammlung von Balladen. Coltrane willigte ein und lieferte einige der kommerziell erfolgreichsten Aufnahmen seiner Karriere ab, wenn auch zu seinen eigenen Bedingungen, wobei er oft Material wählte, das außerhalb des Standard-Jazz-Repertoires lag. „Er hatte 1963 getan, was Thiele wollte“, sagt Kahn. „Jetzt waren sie an der Reihe, das zu tun, was er wollte.“
(Uncut, August 2026)
„Thank you for publishing a feature that treated Ascension not as a difficult historical artefact, but as a living work of art that still speaks with urgency, power and humanity more than sixty years after it was recorded.“ (Federico Forni, London)
Ein Kommentar
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