Let X=X live

(English: here, please)

Let X=X live. Das ist zwischendurch auf drei LPs oder zwei CDs mal wieder ein Lebenszeichen von Laurie Anderson. Die hier dokumentierten Konzertausschnitte sind zwar auch schon drei bis fünf Jahre alt, aber immerhin, Laurie ist noch aktiv.

Der Live-Mitschnitt, den wir hier hören, stammt aus Konzerten mit der Band Sexmob (das sind Steven Bernstein und Douglas Wieselman, Blechblasinstrumente, Kenny Wollesen, Drums und Percussion, Briggan Krauss, Saxofon und Gitarre, Tony Scherr, Bass), außerdem als Zuspielung zu hören ist „Junior Dad“, ein Ausschnitt aus dem Lulu-Album von Lou Reed und Metallica.  

Ich hatte das Glück, Laurie Anderson im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zu erleben; es müsste 1986 gewesen sein. Das Plakat hängt noch heute über meinem Schreibtisch. 

Die „Natural History“ ist mir noch sehr lebendig in Erinnerung (nicht zuletzt allerdings auch deshalb, weil währenddessen mein Auto abgeschleppt wurde, aber das war’s wert). 

Eine „Performance“ in dem Sinne, wie sie sie seinerzeit präsentiert hat, ist Let X=X live nun nicht mehr; bei einer Fünfundsiebzigjährigen kann man das wohl auch kaum noch erwarten. Es ist ein Konzert. Laurie Anderson spielt Repertoire, und davon hat sie inzwischen ja reichlich. 

Erster Höreindruck: Ihre Stimme ist hörbar gereift. Auf Studioproduktionen, wenn sie sanft spricht, fällt das kaum auf. Hier auf der Bühne aber lässt sich die stimmliche Altersschwäche nicht überhören, wie sich auch neulich in ihrem Tiny-Desk-Miniauftritt zeigte. Dass Laurie einen Song wie „Gravity’s Angel“ heute eine Oktave tiefer singt als auf dem Originalalbum (Mister Heartbreak), ist nachvollziehbar und funktioniert auch. Zu Zeiten des Albums Strange Angels nahm Laurie Gesangsunterricht, auf der Platte sang sie wirklich mit Sopranstimme. Heute tut sie das vorsichtshalber nicht mehr; den Text des Songs „Ramon“ von diesem Album spricht sie heute zum alten Playback. Kann man so machen, eine wirklich große Sängerin war sie ja eh nie, und sie fängt die Schwächen sehr gut durch die immer noch vorhandene Intensität ihres Vortrages auf. 

Technische Klangänderungen per Vocoder oder Harmonizer setzt Laurie nach wie vor ein, aber deutlich sparsamer als früher. Das tut dem Erlebnis keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Manchmal, etwa in „Looking at the Moon“, fehlt der Show die optische Seite, ohne diese hängt das Stück musikalisch ein bisschen durch. Und wenn Laurie das Publikum auffordert, zehn Sekunden lang zu schreien (was es dann auch treudoof tut), ist das schlicht albern. Auch auf die Zuspielung von Lou Reed hätte ich verzichten können, aber er musste wohl mit rein. 

Sexmob, die Band, kann ohne Frage spielen, aber sie hat nicht viel Spielraum. Sie begleitet großenteils die alten Andersonschen Originalplaybacks oder Teile daraus. Das überzeugt nicht immer, die Band klingt streckenweise wie später „dazuaddiert“, sie spielt mit, aber scheint trotzdem oft ein bisschen neben der Musik zu stehen. Der generelle Klangeindruck der CDs: insgesamt in Ordnung, manchmal ein wenig pappig (aber das kann inzwischen auch an meinen Ohren liegen).

Früher hatte Laurie Anderson die Gewohnheit, die Setlist des Abends immer erst weniger Stunden vorher festzulegen, damit, wie sie sagte, keine Routine entstehen könne. Das ist hier offenkundig nicht mehr der Fall, das Programm wirkt wohlabgewogen und durchgestylt. Trotz der paar Schwachpunkte: Schön, dass es Laurie Anderson noch gibt.

3 Kommentare

  • ijb

    Was du über die Band „Sexmob“ schreibst, höre ich auf den CDs genauso. Das ist schon deutlich anders, als das live im Theater des Westens klang. Da wirkte die Jazzband und Lauries Instrumentarium und Stimme wirklich famos aufeinander aubgestimmt und hat mich in der Eindringlichkeit und Verschmelzung sehr beeindruckt und streckenweise ergriffen. Auf dieser Dokumentation eines Konzerts (in den Detailangaben steht ja seltsamerweise nirgends, wo und wann das konkret aufgenommen wurde) transportiert sich das leider so gar nicht, allenfalls sehr vereinzelt.

    Der Moment mit Lou Reed kam live im Konzert übrigens ebenfalls erstaunlich stark und berührend. Überhaupt hatte das ganze Konzert so ein Gefühl von Retrospektive und Biografie. Das war stark.

    Auch teile ich deinen „pappigen“ Klangeindruck. Es sind tatsächlich nicht deine Ohren; das ist mir gleich vom ersten Moment an aufgefallen, als ich die erste CD eingelegt hatte. Ich habe es mittlerweile auf meine Festplatte und ins iTunes kopiert. Via Kopfhörer-Hörerlebnis scheint das ein wenig besser zu funktionieren.

  • radiohoerer

    Ich habe in den letzten Tagen noch einen weiteren Versuch unternommen, um mit der Musik warmzuwerden. Es hat nicht funktioniert.
    Sie klingt matt und wird auch live uninspiriert gespielt.
    Stichwort: „dazuaddiert“. Sehr schade.
    Aber klar.
    Wir können froh sein, dass sie noch unter uns ist. Und es ist sicher nicht falsch, sich an alten Veröffentlichungen wie „Bright Red” oder der „United States Box” zu erfreuen. Da wird jeder einen anderen Favoriten haben.
    Hier noch ein Tipp aus jüngerer Zeit und da gefällt Laurie mir richtig gut und es ist nebenbei bemerkt, auch ein tolles Projekt.

    https://youtu.be/rI15W-BBhrw?si=0EfbgQGfmzE7yHgc

  • Michael Engelbrecht

    Ich höre das Album mit grosser Freude und ganz anders als meine Vorredner.

    Adriane Pontecorvo took the words right out my mouth in her Popmatters review. Equally insightful was her review of Tinariwen’s fantastic new album Hoggar. See albums of June, revelations.

    Es lebe der fröhliche Diskurs.

    Ich sah Laurie Anderson zweimal, beide Male in den 1990er Jahren. Grossartig jene Abende.

    Fun Fact: In Erinnerung ist mir wie flegelhaft sich Alan Bangs benahm als er mit seinem Filmteam (Dreimal!!!) während meines zeitlich klar definierten Interviews mit Laurie Anderson an die Hoteltür im Hyatt klopfte, um zu drängeln. Beim dritten Mal sagte ich ihm: „Es reicht, Blödman! Holt euch ein paar Pommes!“ Ungeachtet seiner grossen Verdienste brauchte der Kollege eine kleine Ansage. Absichtlich überzog ich fünf Minuten, und er klopfte keine viertes Mal. Lesson learned!😉

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