Sgt. Pepper und so weiter

Als Ingo sich vor Tagen erkundete, was denn so unsere Lieblingsalben der 1960er Jahre wären, wurde mir klar, dass ich, Jahrgang 1955, ein Kind der 1970er Jahre bin. Denn in den „wild sixties“ bestand meine Sammlung ais einem Haufen Singles und nur sehr wenigen Langspielplatten. Die Kinks waren meine Band, auf Augenhöhe mit den Beatles, aber ich hatte vom ihnen nur einen Haufen Singles. Keine Lust hatte ich, aus ich meiner heutigen Sicht die Klassiker jenes Jahrzehnts zu versammeln, und so schrieb ich meine Bestenliste mit einem Augenzwinkern Richtung Ror Wolf bzw. der „Poesie“ seines Fussballbuches „Punkt ist Punkt“. Hätte er ein Musikbuch geschrieben, ein imaginäres „Sound ist Sound“, hätte sie dort einen guten Platz gefunden.

Meine schönsten Alben der 1960er Jahre

1. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
2. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
3. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
4. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
5. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
6. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
7. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
8. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band
9. Pink Floyd: A Saucerful of Secrets
10. The Rolling Stones: Aftermath

Carefully remembered and evaluated by Michael E.

Dann ging es richtig los. Der grösste Teil der „Prägungen“ meiner Vorlieben, was Genres betrifft und Seelennahrung, meine „gates of perception“ entstand zwischen 1970 und 1975, mit Wucht: ob es die hohe Kunst von Neil, Joni und Leonard war, der Free Jazz und alles andere auf Impulse, der „elektrische Miles“, Soft Machines drittes Album, die frühen „golden years“ of ECM, Gustav Mahler, und, kein Witz, um den Nikolaustag des Jahres 1975 herum, meine Story mit Brian Eno. Genug Stoff, genug Fundamente für ausgefüllte Radionächte im Deutschlandfunk viele Jahre später. Es gefiel mir natürlich als Carla Bley in einem Interview erzählte, für wie unerschöpflich und reich sie die Musik von Sgt. Pepper und Gustav Mahler hielt (etwa zur Zeit zwischen „Escalator Over The Hill“ und Tropic Appetites“)

Bei dem Engländer verwunderte es mich anfangs, dass mich seine frühen Ambient-Platten genauso bezauberten wie seine Songs. Ich weiss noch genau (jetzt folgt eine Repertoire-Geschichte, aber man verzeihe mir in diesen Wochen eine Portion Nostalgie), wie ich im Zeitschriftenladen „Montanus“ in Würzburg die neue Ausgabe des „Melody Maker“ oder „NME“ in die Hönde bekam und einen gnadenlosen, hämischen Verriss von „Music For Airports“ las.

Ich weiss nicht, ob jemals jemand von den Lesern dieser Zeilen eine solche Vorfreude auf ein Album entwickelt hat wie ich in jenen Minuten (es war ein heisser Sommertag anno 1978, glaube ich), eine Vorfreude, die allein auf einem fast schon hasserfüllten Artikel fusste. Dass der Kollege einen an der Waffel hatte, war mir sofort klar (Punk war offensichtlich seine Religion, und brachte damals ein paar erstaunlich reaktionäre Musikkritiker hervor, erinnert sei, in der seligen Sounds, an Alfred Hilsbergs dumpfbackigen Verriss von „London Calling“). Während sich also der englische Kritikaster amüsierte über die Dämlichkeit des Wortes „Ambient“, klopfte ich den Text ab auf seine wenigen sachdienlichen Informationen ab, und mein Herz machte einen weiteren Sprung, als ich las, dass Robert Wyatt für die Klaviertöne sorgte.

Als sich Wochen später das Album endlich zum ersten Mal auf meinem Plattenteller drehte, übertraf seine stille Wucht meine kühnsten Träumereien. Ich höre es heute noch liebend gerne, und spürte von Anfang an, dass den Klängen weitaus mehr als ihr Merkmal einer rein „funktionellen Musik“ innewohnte, etwa eine leise, seltsame, sprachlich überhaupt nicht greifbare, Melancholie! An einem öffentlichen Ort hörte ich Brians Flughafenmusik nur im Café und den vulkanischen Pfaden von Jameos del Agua auf Lanzarote. Jahr für Jahr, looping the loop. Auch das unvergessen.

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