Aktives Träumen (2)

Wenn wir aus einem Traum erwachen, wollen wir uns vollständig daran erinnern, obwohl das Fragment, an das wir uns erinnern – ja, sehr wahrscheinlich – das wichtigste Stück des Traums ist.

Toni Morrison

Dieses Zitat fand ich als Motto im Debütband einer Autorin, mit der ich vor einigen Jahren Gespräche führte, die mir neue Dimensionen aufgezeigt haben. Was passiert mit den Träumen, an die wir uns nie erinnern? In einem der Bücher über Traumarbeit las ich, dass sich Träume, die nicht ins Bewusstsein gelangen, wiederholen. Manchmal wache ich auf und der Traum ist schon weg, manchmal ist er innerhalb weniger Sekunden verschwunden, manchmal konzentriere ich mich, regungslos, und die Bilder tauchen wieder auf und im besten Fall schreibe ich nach dem Aufwachen fünf Seiten handschriftlich auf die DIN A4 Papiere, die neben dem Kopfkissen bereitliegen. Fast jeden Tag kommt ein neuer Traum dazu: selten sind es bis zu vier Traumsequenzen. Meinen ursprünglichen Plan, endlich wieder, wie als Kind, meine Arme auszubreiten und über die Häuser zu fliegen, verfolge ich nicht mehr. Ich lasse mich von den Bildern und Geschichten der Traumquelle faszinieren. Ein paar Mal gab es direkte verbale Aussagen, die mich in ihrer Direktheit ziemlich umgehauen haben. Im Prinzip überwältigt mich die Fülle an Stoff, der mir geboten wird. Es ist das beste vorstellbare Material für Meditationen. Vieldeutig, unergründlich, poetisch. Faszinierende Eindrücke, die nicht aus meiner Erinnerung stammen können. Manchmal fertige ich Skizzen an. Ich erfahre die Träume als Erlebnisse und ich nehme sie mit in den Tag. Einmal tauchte in einem Traum ein Hund auf, und ich recherchierte nach dem Aufwachen nach der Rasse. Am nächsten Tag traf ich bei Radfahren auf eine Frau, die mit exakt einem solchen Hund unterwegs war. (J.W. Dunne mit seinen Traumexperimenten aus „An Experiment with Time“ lässt grüßen.) In meiner Begeisterung sprach ich die Frau daraufhin an, dass ein Hund wie ihrer in meinem Traum mitgewirkt hat. Sie war beeindruckt und bedauerte sofort, dass niemand von ihr träumen würde, und wir redeten eine Weile. Neulich träumte ich, wie ich eine Schallplatte auflegte und den Tonabnehmer immer und immer wieder zurücksetzte, um die Platte nochmal zu hören. Es war eine Zusammenarbeit von Brian Eno mit jemand anderem. Ich weiß nicht, woher ich das weiß, aber so habe ich es notiert. Im Traum hat mich die Musik unendlich glücklich gemacht. Ich bin meine Schallplatten durchgegangen, habe erst „Possible Music“ (eine Zusammenarbeit mit Jon Hassell) gehört und dann nach langer Zeit mal wieder die Platte „The Weight Of History/Only Once Away My Son“ von Brian Eno und Kevin Shields. Jetzt wiederhole ich natürlich die Traumsituation. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass ich diese Platte im Traum gehört habe, aber in die Richtung geht es. Beide Seiten sind wundervoll. Es dürfte eine der Schallplatten mit dem kürzesten Musikstoff sein. Seite A nur 8:83 Minuten und AA (was für eine Art, Seiten zu zählen? Welche Seite kommt zuerst?) 9:10 Minuten.

Hier eine Liste der Bücher, die meiner Meinung nach am hilfreichsten sind, wenn es darum geht, sich an die eigenen Träume zu erinnern und damit umzugehen:
Patricia Garfield: Kreativ träumen
Strephon Kaplan-Williams: Traum-Arbeit. Der Schlüssel zum Unterbewusstsein. Ein praktisches Handbuch
Ann Faraday: Deine Träume – Schlüssel zur Selbsterkenntnis
Ann Faraday: Die positive Kraft der Träume

Gerade angefangen habe ich das Buch „Lebendiges Träumen. Die Entdeckung des Durchbruchstraums“ von Richard Corriere und Joseph Hart aus dem Jahr 1987. Den Durchbruchstraum definieren sie als einen Traum, der keiner Deutung bedarf. Ob Aussagenträume bzw. Verbalträume dazugehören, weiß ich noch nicht. Die Autoren vergleichen den „Durchbruchstraum“ mit „Gipfelerlebnis“ (wahrscheinlich im Sinne von Anthony Storr), einem Satori oder einem guten LSD-Trip.

Ein Kommentar

  • Thomas Pannhorst

    Sehr spannend, Martina. Imponierend, wie systematisch Du Dich mit Deinen Träumen beschäftigst. Manchmal habe ich auch den Eindruck, Elementen aus meinen Träumen in der Realität zu begegnen. Klar, in der Regel ist es eher umgekehrt …

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