The „take your time“ philosophy
Ich musste 50 werden, um Zugang zu Aretha Franklin zu finden. Bei Gustav Mahler war ich ab ungedähr 18 Feuer und Flamme, und hörte seine Symphonien, regelmässig, bis ich 25 war. Ich las Biografien verglich Symphonien, hatte meine Sammlung an Platten, dirigiert von Szolty (meinem Helden!), Bernstein und Walter. Warum erschien mir Barenboim so handzahm? In der Zeit begegnete mir auch ein Interview mit Carla Bley, in der sie rundum „Ecalator Over The Hill“ und dem nicht minder grossartigen Opus „Tropic Appetites“ ihre Liebe zu Mahler und Sgt. Pepper bekundete. Ich schmunzelte. Aber Aretha, ja, sie packte mich erst viel später. Lebenserfahrung? Eher wohl der richtige Moment. Und dann auch erst fand vor zehn, fünfzehn Jahren, dieser Song zu mir, zu dem Richard Williams in seinem Nachruf auf „The Blue Moment“ so einiges schreibt, hier meine Lieblingspassage… : (m.e.)
„When I called my old friend Pete Wingfield to check a couple of musical points, he observed that it was a record embodying the “take your time” philosophy — something almost extinct in today’s music scene. It’s a relaxed record because the mood in the studio was relaxed, and the musicians were allowed to get on with doing their thing. Other examples might be Aretha’s “I Never Loved a Man”, Don Covay’s “It’s Better to Have (and Don’t Need)”, Marvin Gaye’s “I Want You” or Bill Withers’ first album.“
Ein Kommentar
flowworker
Weiteres zu dem Song von Richard Williams:
Der Sänger weiß, dass mit seiner Geliebten etwas ganz und gar nicht stimmt, und er will wissen, was es ist. Seit fünf Nächten wälzt sie sich hin und her, weint im Schlaf und sagt nicht einmal „Gute Nacht“. Seine Bitten sind eindringlich, aber sanft und mitfühlend. Das einzige Zugeständnis an die Konvention ist der Vorschlag: „Anstatt dir die Augen auszuweinen, Schatz / sollten wir es lieber miteinander treiben.“ Er will einfach nur die Wahrheit wissen und wissen, wo er darin steht, und er achtet darauf, jeglichen aufkeimenden Ärger zu zügeln, den diese Wahrheit hervorrufen könnte. Es ähnelt eher der Herangehensweise, die ein Country-Songwriter wählen würde