Englische Pop-Evergreens und Raritäten
Die Pet Shop Boys bzw. ihre Musik begleiten mich, seit ich ein Kind war (oder „bin“, wie man heute ja sagt). Ab Mitte der Achtziger waren die ersten Hits und die einprägsamen, teils exzentrischen Musikvideos der beiden Engländer auch in Westdeutschland allgegenwärtig. Wenn man Radio hörte oder sich für Charts (damals noch „Hitparaden“ genannt) interessierte oder auch nur gelegentlich „Musikfernsehen“ (MTV, Viva, Viva2, Tele5) anhatte, kam man um die 18 Lieder, die 1991 auf der ersten Hit-Zusammenstellung Discography: The Complete Singles Collection (in allen Rezensionen erhielt die CD die Höchstwertung) zusammengeführt wurden, keineswegs herum. Und direkt im Abschluss hatten sie 1993 sogar noch ihren kommerziell größten Erfolg mit dem Album Very.
Wann immer ich in den Jahrzehnten seither irgendwelche ihrer zahlreichen Singles oder intelligenten Album-Tracks gehört habe, etwa die auf dem Nicht-mehr-Popalbum Behaviour, welches allgemein als ihr bestes bezeichnet wird, die souveräne Pop-Songcraft mit eigenartig formalen und doppelbödigen, auch mal gesellschaftssezierenden Texten, feingliedriger Produktion und unwiderstehlich guten Melodien packt einen auch beim hundertsten Mal immer wieder in Kopf und Beinen. Und auch wenn ich seither nicht alle ihrer Alben gleichermaßen exzellent finde, ihre Popsingles natürlich auch nicht mehr jedes Mal die schlafwandlerisch-intelligente Charts-Perfektion erreichen, muss ich doch anerkennen, dass Neil Tennant und Chris Lowe bis zuletzt nur gute bis sehr gute Alben mit stets eigenem Charakter und vielen ausgefeilten Ideen geliefert haben.
Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass die Idee für ihre Dreamworld-Tour so entstand, dass die beiden bei ihren Konzerten immer gemerkt hatten, wo die Aufmerksamkeit etwas schwindet, Leute etwas an der Bar holen gehen oder das WC besuchen, und sich dann gefragt haben, ob sie nicht einfach mal einfach eine Show machen sollten, in der die Leute wirklich alle Songs kennen und niemand es schafft, eine Pause zu finden, um schnell mal die Show zu verlassen. Mit der Dreamworld-Tournee reisen die Pet Shop Boys seit vier Jahren durch die jeweils größten Hallen aller Herren Länder. In Berlin waren sie nach zwei Dreamworld-Shows in der 17.000 Menschen fassenden „Uber Arena“ nun zum dritten Mal zu Gast und füllten mühelos die über 22.000 Plätze der Waldbühne. Und spielten volle zwei Stunden lang ohne Unterbrechungen nur Hits, die jeder kannte, viele aus dem FF mitsingen konnten. Allein A New Bohemia vom jüngsten Album Nonetheless machte hier eine Ausnahme, auch stilistisch. Ansonsten gab es eine Riesenparty, die ergraute ältere Herrschaften wie die hippe Berliner Schwulenszene von Jung bis Alt. Eine bunte Lightshow mit LED-Design und Videoprojektionen führte durch 40 Jahre, und es beeindruckte, wie gleichbleibend hoch die Pop-Qualitäten dieser 28 Stücke (nicht wenige tolle Hitsingles aus allen Jahrzehnten fehlten obendrein) sich bewiesen, auch wenn man vielen Stücke die jeweiligen Charts-Moden ihrer Entstehungszeit anhören konnte, seien es die simpleren Sounds der mittleren 80er, die eleganteren der 90er oder die EDM-Energy der 2010er.
In unserem Haus wohnt, noch länger als wir, ein Exil-Engländer (aus dem Mark-Reeder-Umfeld), der uns die Karten besorgt hat, weil er seit Ende der 60er mit Neil Tennant befreundet ist – gemeinsame Jugend in Newcastle, gemeinsame Jahre in London – und offenbar seit den 80ern der Hauptkontakt der beiden Kleintierhändler hier in Berlin ist (weshalb sie immer gerne zu Besuch kommen und letztendlich auch hier um die Ecke eine Wohnung gekauft haben, in der sie jedes Jahr ein paar Monate wohnen). Offenbar hätte ich Neil Tennant also auch schon mal zufällig in unserem Hauseingang oder Hof oder beim Friseur gegenüber begegnen können. Der Nachbar erzählt uns immer interessante Stories von früher oder welche gemeinsamen verstorbenen Freunde in den ganzen Songs thematisiert werden oder in welchem Urlaub mit Neil er 1986 das WM-Endspiel England-Argentinien gesehen hat.
Als bekannt wurde (der Nachbar erzählte uns das bereits einige Wochen, bevor es öffentlich wurde), dass die Neil und Chris ihre rein aus B-Seiten (die Pet Shop Boys sind seit jeher bekannt für ihre Unmenge interessanter und manchmal unerwarteter B-Seiten) und Album-Tracks zusammengestellte „Obscure“-Show auch für zwei Abende nach Berlin bringen würden, war für meinen in Stuttgart lebenden Bruder ebenfalls klar, dass wir uns das nicht entgehen lassen würden. Und so gingen wir am Samstag Abend gemeinsam mit dem englischen Nachbar in die Waldbühne und am Sonntag Abend ins Neuköllner Huxley’s, das gerade mal 5 oder 6% dieser Menschenmenge fasst, zur zweistündigen „Obskur“-Show.
Viele Songs, die man nur als Albumbesitzer bzw. als Kenner der B-Seiten-Zusammenstellungen Alternative (1985-1994) und Format (1995-2009) oder der Doppel-CD-Wiederveröffentlichungen der Alben überhaupt kennen kann, funktionierten super, und vor allem King’s Cross, und It couldn’t happen here (mit Ennio Morricone entstanden), kleine Meisterwerke vom Album Actually, das mich fast mein Leben lang schon begleitet, einmal live zu erleben, war echt ein Ereignis. Fast alle Songs in der „Obskur“-Show waren sehr, sehr gut, überraschten auch durch immensen Abwechslungsreichtum. Fast alle kannte ich oder hatte sie zumindest schon mal gehört, aber natürlich hat jeder da noch Favoriten, die man ebenfalls gerne gehört hätte. Und Neil Tennant erzählte, anders als in der Dreamland-Show, auch zu vielen der 23 Stücke interessante Hintergründe und witzige Geschichten. Es war eine reiche Reise durch die Jahrzehnte, mit alten und neuen Bekannten.