Andrew Jackson Asshat und andere Erhabenheiten

Back when Fiona Talkington’s show on the BBC and mine on DLF were airing at the same time, we had quite a few things in common—from Talk Talk to ECM, from Robert Wyatt to all those “Norwegians”— but when it came to good old choral music, the overlap ended—with a few exceptions, such as the “mystery of Bulgarian women’s voices” and, and… I’d have to think about that one. We would certainly experience both classic goosebumps and unpretentious emotion if we were in the same room listening to Lambchop’s new album, which features no fewer than two choirs doing their thing. A wonderfully profound album that proves once again that Kurt Wagner’s ever-evolving long-term project stands alongside the old masters, from Mark Hollis to Robert Wyatt—these two were chosen with care. Ever since Is A Woman, I’ve been waiting for new albums with the same anticipation as I do for signs of life from Brian Eno and Robert Wyatt. Punching The Clown is an absolutely captivating album. If there‘s a jukebox in heaven, Mr. Hollis is listening with awe.

Früher, als, parallel, Fiona Talkingtons Sendung in der BBC und meine im DLF liefen, hatten wir etliche Gemeinsamkeiten, von Talk Talk bis zu ECM, von Robert Wyatt bis zu all den „Norwegern“, aber bei der guten alten Tante Chormusik hörten die Schnittmengen auf, bis auf wenige Ausnahmen, etwa dem „Mysterium der bulgarischen Frauenstimmen“ und, und… da muss ich schon nachdenken. Ganz gewiss würden wir sowohl klassische Gänsehaut wie unprätentiöse Ergriffenheit erleben, wären wir in einem Raum, um Lambchops neues Album zu hören, in dem gleich zwei Chöre ihr Wesen treiben. Ein traumhaftes tiefes Album, das einmal mehr beweist, das Kurt Wagners evolutionsfreudiges Langzeitprojekt sich in der Nähe alte Meister bewegt, von Mark Hollis bis Robert Wyattdiese Zwei sind mit Bedacht ausgewählt. Seit Is A Woman wartete ich auf neue Alben mit der gleichen Vorfreude wie auf Lebenszeichen von Brian Eno und Robert Wyatt.

„Punching The Clown“ ist ein absolut hinreissendes Album. Ich verwette meine „1“ in Charakterkunde aus dem Vordiplom, dass es bei Lajla, Olaf, einem der beiden Jans, und Thomas „Lambchop“ ein Top 5-Album 2026 wird! Bei mir stellt es sich momentan so dar: 1) Daniel Lanois: Belladonna Nocturne 2) Lambchop: Punching The Clown 3) Shearwater: The New World 4) Jeff Parker ETA IVtet: Happy Today 5) Asher Gamedze: A Semblance of Return (gleichauf mit Björn Meyers Convergence und Seefeels Sol Hd)

Auf „On The Militant“, einem Titel aus dem 1996 erschienenen Album „How 1 Quit Smoking“ von Lambchop, erinnert sich Kurt Wagner an eine bedrückende Entdeckung auf einer Baustelle: „KKK“ ist dort in den frischen Zement eingeritzt. Wagner kratzt die Initialen mit einem Schraubenzieher ab, aber der Schaden ist unauslöschlich und reicht weit tiefer als ein bisschen „zerknitterter Beton“.

Zu Lambchops Leitstern gehört schon seit langem ein Gespür für Unbehagen und Misstrauen gegenüber dem, was unter dem Alltäglichen liegt, für Momente, in denen Verstörendes an die Oberfläche bricht, doch im Laufe der Zeit sind seine schlafwandlerisch-wachsamen Texte abstrakter geworden, sein verstärkter Einsatz von „Auto-Tune“ und Verzerrung mischte sich seit 2016 in seine Sicht auf die Dinge. Er beschreibt „Auto-Tune“ es als „ein Kumpel an meiner Seite“ ein, welcher als Stoßstange diente oder Stossdämpfer, eine Möglichkeit, Abstand zu seinen dunkelsten Gedanken zu gewinnen.

Es ist daher bemerkenswert, dass „Punching The Clown“ – das erste Album von Lambchop seit dem von Narben und Erschütterungen gezeichnete Opus „The Bible“ von 2022 – wieder Wagners wundersam melanhcholische, unbearbeitete Stimme in den Mittelpunkt stellt, wodurch die hauchdünne Intimität seiner frühen Werke teilweise wiederhergestellt wird.

Anstatt die musikalische Begleitung nicht selten mit Maschinen auszulagern, hat Wagner (in Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Andrew Broder) zwei Chöre engagiert – das „Eau Claire Vocal Sextet“ und der 12-köpfige „London Chor“ – einfühlsam agierende Formationen, die Wagners Bedürfnis nach einem „Call-and-Response“ im Gospel-Stil erfüllen. Statt zu übertönen und zu überdecken, ist reflektierendes Zuhören ihre Agenda.

„A Doctor In The House“ versprüht eher die düstere Atmosphäre vergangener Zeiten und das Flackern einer Öllampe; „Andrew Jackson Asshat“ hingegen steht im Kontrast zur Hässlichkeit seines Titels und fliesst mit einem rauschhaften Gesangswirbel herab, einer Kaskade von Judee Sills ähnlich, während Wagner über die „ewige Seele“ sinniert, jenes Etwas, das uns vielleicht überdauert.

Das soll aber nicht heißen, dass „Punching The Clown“ sich völlig von seiner Zeit löst. Ryan Olsens Inszenierung lässt nach wie vor unheimliche Störungen und Verzerrungen zu: nicht zuletzt der Ausruf „Lambchop! Kein Scheiß!“ mischt „Just West Of“ ordentlich auf; da ist der Klang eines kleinen Risses im Raum-Zeit-Gefüge auf „Weakened“, einer Studie am Sterbebett. Ohne in Parolen zu verfallen, fängt Wagner anderswo auch die dunklen Schwingungen der amerikanischen Gegemwart ein, aktuelle politischen Unruhen werden mal zu latenter Wut, zu stillen Subversionen verarbeitet, oder zu einem gehörigen Unbehagen angesichts einer vulgären Parade.

(Victoria Segal, Mojo, September & ein paar Einmischungen von M.E., übersetzt mit Deepl – „Punching The Clown“ erscheint am 21. August als cd, vinyl, dl – flowworker album of the month in september)

3 Kommentare

  • flowworker

    “Visit the Country Music Hall of Fame in Nashville, TN.” That short, direct advertisement has appeared in the packaging of almost every Lambchop full-length, but it’s perhaps most prominent on 1998’s What Another Man Spills, where it appears on the front cover. Barely noticeable on the translucent vellum of the original CD, the words are unmissable on the new LP reissue. It’s an odd exhortation, as Lambchop do not sound much like any country band past or present. Frontman Kurt Wagner has said that the message was “a way of emphasizing that this was a band from Nashville and they are of this place and in a way it would remind people of our Nashville-ness and our ties of being from here.”

    Mein Leben mit Lambchop

    How I Quit Smoking (1996) ***1/2
    Thriller ***1/2
    What Another Man Spills ****1/2
    Nixon ****
    Is A Woman *****
    Aw Cmon / No You Cmon ***1/2 Erstes Interview
    Damaged ***** Zweites Interview
    OH (Ohio) ***1(2
    Mr. M ****
    FLOTUS ****1/2 Drittes Interview
    This is (what I wanted to tell you) ****
    Trip ***
    Showtunes ***** Viertes Interview
    The Bible ****1/2
    Punching The Clown (2026) ****1/2

    Ein langer Beitrag über Lambchop, Kurt Wagner, und das neue Album findet sich in der Septemberausgabe von Uncut. Angekündigt wird er so: „Kurt Wagner retreats to his late parents’ Nashville home, relearns the craft of songwriting and dreams up a future where other people sing his songs. “I’m actually trying to disappear.”

    Es ist ein grosse Freude, dass Lambchop passend zu meiner letzten Ausgabe der Klanghorizonte (nach 36 Jahren) ein so wunderbares neues Album herausbringt. Wenn ich ihn nochmal treffe, werde ich ihn natürlich fragen – ein running gag in unseren Gesprächen – ob er Don DeLillos opus magnum „UNDERWORlD“ endlich, über das erste Kapitel hinaus, gelesen hat.

  • Olaf Westfeld

    Mein Leben mit Lambchop:
    Is A Woman ***** (würde auch 6 von 5 vergeben)
    Ohio ***1/2
    und das war es auch schon. Ähnlich wie bei Bill Callahan und PJ Harvey verstehe ich nicht wirklich, warum ich nur so wenige Alben gut kenne. Ich weiß, dass das genau mein Ding ist, dass es auf verschiedenen Alben Songs gibt, die mich ins Mark treffen – aber irgendwie bin ich nicht dazu gekommen, mehr zu hören.
    „Punching The Clown“ wird aber (ziemlich sicher 😉 ) bestellt.
    (Und bei mir streiten sich derzeit wohl Jeff Parker und Boards Of Canada um #1 dieses Jahres)

  • Ingo J. Biermann

    Ja, es ist schon ziemlich beeindruckend, wie lange und konsequent Lambchop schon dabei sind. Erstmals gehört habe ich von der Band, als der Musikexpress das Album „Thriller“ nachdrücklich empfohlen hat, richtig intensiv dabei war ich mit „Is A Woman“, das in meiner „Jahrzehntbestenliste“ der Alben der 2000er auf Platz 3 steht. Damals hab ich die Band auch in ganz großer Besetzung in einem ziemlich kleinen Laden erlebt, spater dann in immer kleineren Besetzungen, und meine Livefavoriten blieben immer die Stücke von „Is a Woman“. Seitdem habe bin ich in alle Alben aktiv eingestiegen, auch die limitierte 10-Disc-„Tour Box“, die alle möglichen Seitenstränge zusammenstellt und die Seitenprojekte wie HeCTA und Kort; die meisten habe ich gekauft, aber nicht allzu viele haben es in meine „Ewigkeitssammlung“ geschafft. Von „Mr. M“ gibt es eine Doppel-Disc-Ausgabe mit einem (unvollständigen) Konzert, bei dem ich sogar als einer der Kameramann im Abspann stehe. Auf jeden Fall fand ich zunehmend beeindruckend, was für ein vielseitiges und oft auch unerwartet eigenwilliges Gesamtwerk Kurt Wagner über diese 30 Jahre vorgelegt hat. Man kann nur hoffen, dass er uns noch eine Weile als rastloser Geist erhalten bleibt. „Nixon“ ist für mich übrigens das zweitliebste Album, „Damaged“ wahrscheinlich das drittliebste.

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