Das Kennenlernen bei Heimspielen

Jeder Musikbegeisterte hat es schon mal  erlebt. Man steht unter wildfremden Konzertbesuchern und hat das Gefühl, eine große Familie zu sein. Am intensivsten hatte ich diese Vertrautheit auf Bob Dylan- und Grateful Dead-Konzerten. 

Am Wochenende spielten die Toten Hosen in Düsseldorf. Sie sind bekanntlich aus Düsseldorf und ich bin zur Zeit in der Stadt. 100000 Fans aus der ganzen Welt ebenfalls. Campino machte Ansagen in der U Bahn, seine Bandmitglieder fuhren mit dem Fahrrad durch die Altstadt und begrüßten die Fans. Mehr Nähe geht nicht. Während meiner Arbeit im Goethe-Institut habe ich immer wieder die Texte der Toten Hosen besprochen. Das neue Abschiedslied “Düsseldorf” ist der Band von der Lyrik her nicht so gut gelungen, Köln und Bochum machten es besser. Aber keiner kann die Wehmut, die Liebe zu seiner Heimatstadt, gesanglich so rüberbringen wie Campino. Ich war nicht im Stadion, unterhielt mich aber mit einigen Fans, die in einer stundenlangen Warteschleife für ein T-Shirt anstanden. Sie waren von dem Auftritt begeistert: Campino hätte alles gegeben, er sei ja nicht immer so gut wegen Drogenkonsums dabei gewesen. Ich lernte einen Mann kennen, auf dessen T Shirt “Scheiss Wessi” stand. Ich fragte ihn, ob er die Toten Hosen aus DDR-Zeiten kennen würde. Er nickte. Sagte aber sonst nichts. Schade, dass anscheinend in der Musik und im Sport die Unterschiede immer noch groß sind. 

Mich würde interessieren, ob die neuen Flowys, die ja viel jünger sind als ich, mit der Neuen Deutschen Welle, die ja wie die Toten Hosen im Ratingerhof gegründet wurden, etwas anfangen können. Oder ob sie begeisterte Kraftwerker sind. Ich würde Euch gern besser kennenlernen. Schreibt doch mal was. 

11 Kommentare

  • ijb

    Ich bin zwar nicht so neu… aber dennoch: Ich konntt mit den Toten Hosen nie was anfangen. Ich fand die immer schrecklich und nervtötend. In meiner Jugendzeit waren die voll angesagt. Ein, zwei Songs konnte ich mir mal ganz gut anhören, und ein Album („Kauf mich“) habe ich sogar ein paar mal gehört.
    Mir wurden die Hosen aber nie wirklich sympathisch. Eher schon Wolfgang Niedecken und BAP. Das hören die Düsseldorfer jetzt natürlich nicht gerne. Letztens hab ich für 3 Euro BAPs LP „Vun drinne noh drusse“ bei einem Flohmarktverlaug gekauft. Und finde die total super.

    Die Neue Deutsche Welle hab ich als provinzwestdeutsches Kind nur über die banalen Spätwerke miterlebt; daher kann ich dazu nicht viel sinniges beitragen. Aber bei meinen Eltern steht auch die LP von Ideal im Plattenschrank, neben Spliff und Achim Reichel. Das hab ich seinerzeit aber nicht wirklich gehört.

  • alex

    Ich bin weder neu, noch Flowie, aber zu den Toten Hosen habe ich wie Ingo nie eine Beziehung aufgebaut, obwohl Campino und ich nur 1 Jahr auseinander sind, er ist älter, und ich aus Moers komme, das 40 km von Düsseldorf entfernt ist. Ich habe sie 1987 beim Olof-Palme-Festival in Garching bei München live gesehen und das hat mir gereicht. Stinklangweiliger Party-Punk. Die Einstürzenden Neubauten mit ihren Bohrhämmern und dem charismatisch-düsteren Blixa Bargeld dagegen haben bei dem Festival einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Achso, mein Lieblingslied von ZK, der Vorgängerband der Hosen mit Campino an den Vocals ist von 1981: In der Ecke stehen. Ich hoffe html klappt hier.

  • flowworker

    In „Palermo Shooting“ ist Wim Wenders ganz bei sich, so selbstverständlich wie schon lange nicht mehr. Sein zwanzigster Spielfilm entpuppt sich als Erzählung einer Künstlerkrise, als tolles Zusammenspiel mit dem Hauptdarsteller Campino, als Reflexion über die Moral des Bildermachens, auch als Präsentation eines fulminanten „My life was saved by Rock’n’Roll“-Soundtracks. Dazu der Auftritt des geisterhaft durchsichtigen Lou Reed, der den Helden fragt: „Wovor hast du Angst? Vor dem Tod?“

    Die Toten Hosen waren mir vom Gestus stets sympathisch. Und ein paar Lieder waren saugut. Das da oben ist ein Ausschnitt aus Rainer Ganseras Filmkritik. Ich wollte den Film sehen, als ich Kontad Heidkamps Text damals darüber in der Zeit las.

    Ich merkte dem Text an, dass ihm das Schreiben schwerfiel, kurz darauf war Konrad tot. Ich habe damals eine Besprechung von ihm gelesen in den Klanghorizonten, zur Erinnerung, zu einer wundervollen Bobo Stenson cd …

    Wird Zeit dass ich Palermo Shooting sehe … wenn es einen Song der Hosen darin gäbe, würde er mir bestimmt gut gefallen.

    Michael

  • Lajla

    Ich hatte mir am Samstag in der Düsseldorfer Altstadt andere Heimspiele vorgestellt: The Beatles in Liverpool, The Kinks in Northern London und Robert Froster in Brisbane

  • Thomas

    Die Hosen hatten 1983 ein legendäres Konzert – und ich meine ihr einziges – in meiner home town Mülheim an der Ruhr gegeben, unweit von Düsseldorf. Im Kino am Kassenberg.
    Ich war noch zu jung, um da rein zu kommen, kannte aber einen der Betreiber des Veranstaltungsortes, er war mein Biologie- und Religionslehrer Uli.
    Es waren die Tage des eisgekühlten Bommerlunders und ihr Erfolg explodierte langsam.
    Wie der Veranstaltungsort, ein kleiner Keller, in dem ansonsten Fassbinder Filme liefen.
    Alle echten und unechten Punks der Stadt quetschten sich da rein inkl. der grünen Minna, um die Hosen zu erleben.
    Es wurden noch Monate später wilde Geschichten über das Konzert erzählt.
    Mit dem film nerd Uli machten wir in den nächsten Jahren viel Kino an anderen Spielstätten in unserer Stadt, die schönste hieß „Heaven’s Gate“. Aber das ist eine andere Geschichte.
    Ich mochte den Typen Campino mit seinen Kumpels.
    Gehört habe ich aber eher Herbert aus BO oder Wolfgang aus K, flankiert von den usual suspects der NDW.

  • ijb

    „Palermo Shooting“ finde ich einen ganz entsetzlichen Film, misslungen bis an die (und über der) Peinlichkeitsgrenze. Lou Reed ist schön zu sehen, aber eigentlich mehr oder weniger alles an dem Film ist verquaster Stuss, unfreiwllig komischer Künstlerkrisenquark. Ich kann auch Wenders schwächsten Werken immer noch irgendeinen Aspekt zumindest abgewinnen (und manche würde ich sogar verteidigen, wo andere kaum was Interessantes sehen wollten, bspw. „The End of Violence“), aber müsste ich eine Rangliste erstellen, „Palermo Shooting“ würde höchstwahrscheinlich auf dem letzten Platz landen. Ja, doch, ein paar schöne Bilder von Palermo dürfte es in dem FIlm gegeben haben. Aber Campino beweist leider auch nur, dass er weder ein guter noch ein schlechter Schauspieler ist, sondern gar keiner.

  • flowworker

    @ Ingo : da bin ich ja nun noch gespannter als vorher bei so kontroversen Meinungen 😅

    Als Wenders Fan in den Siebzigern waren viele seiner Spielfilme später oft oder mitunter ein gemischtes oder gar kein Vergnügen

    Was bei mir bleibt forever

    Paris Texas
    Und
    Alice in den Städten

    Auch unvergessen im Kino damals die Doku über das Sterben von Sam Fuller, pardon, Nicholas Ray…

    me

  • flowworker

    @ Thomas : das nenne ich mal ein Heimspiel

    Die Story rund um den Film der United Artists finanziell so ziemlich killte würde ich gerne mal lesen. Der Film war absolut ergreifend in my memories …

    Wir hatten in Würzburg auch so einen Filmfuchs, und jeden Mittwoch ins Audi Max … dort sah ich McCabe and Mrs
    Miller, Leonard Cohen und ein Western – weil well grosses Kino.

  • Thomas

    Der tiefbewegende Film von Wenders über den amerikanischen Maverick Nicholas Ray, der uns mit Meisterwerken wie Johnny Guitar, In a Lonely Place, The Lusty Men reich beschenkte, heisst „Nick’s Movie – Lightning over Water“. Eine sehr intime Reflexion über das Filmemachen, Heimat und eine Chronik über das Sterben.

    Mit Heaven’s Gate betreten wir den Olymp des Kinos, wie ich finde, in all seiner Widersprüchlichkeit.
    Die Produktionsgeschichte hat Steven Bach in Final Cut niedergeschrieben, ein echter Thriller.
    Teile davon finden sich wieder in meiner liebsten deutschsprachigen Filmzeitschrift „steadycam“ (sie beheimatete alle filmkritisch schreibenden Helden: Althen, Schifferle, Graf, Pavlovic…).
    Die Ausgabe Nr. 49 Frühjahr 2006 beschäftigt sich mit dem „berühmtesten kaum gesehenen Film“ 25 Jahre nach seinem Erscheinen auf rund 200 Seiten. Ich kenne nur wenige Filme, die eine solche leidenschaftliche Befassung verdienen…

  • Olaf Westfeld

    Irgendwie wollte ich auch Palermo Shooting sehen, es ist aber noch nicht dazu gekommen.
    Die Toten Hosen habe ich viel gehört, als ich 13 war. „Damenwahl“ und „Opel Gang“ – die erste hatte ich als LP, die zweite auf Kassette. Mochte ich damals gerne, aber schon mit 16 war es mir dann eher peinlich – wie das halt so ist.
    Den Abgang (das letzte Album mit dem Gursky Cover und dem Titel „Trink aus! Wir müssen gehen“) finde ich sehr cool. Hat Stil.

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