Eno

(English here)
Der Filmemacher Gary Hustwit hat schon sehr sehenswerte Filme gemacht; erinnert sei an sein Portrait des Designers Dieter Rams oder seinen Film über die Schrifttype Helvetica.
Brian Eno hatte schon die Filmmusik zu dem Rams-Film gemacht, da lag es wohl nahe, ihn auch selbst zu portraitieren. Seit 2024 wird der Film Eno jetzt durch die Arthouse-Kinos gereicht (das hieß: keine Chance in Pittsburgh), seit einigen Wochen wird er nun aber auch gestreamt. Seltsamerweise und leider wird die Kinofassung mit einer Spieldauer von 1 Stunde 40 Minuten angegeben, während die Stream-Fassung nur 1 Stunde 20 Minuten läuft.
Das Special ist, dass man den Film nie zweimal in derselben Fassung zu sehen bekommt. Immer werden kleine Ausschnitte ausgetauscht oder deren Reihenfolge verändert. Damit hängt sich der Film natürlich an Enos „Generative Music“-Konzept an. Das ist ein netter Gimmick, aber für den Normalzuschauer, der den Film nur einmal sieht, sinnlos, da man nicht die Möglichkeit hat, mehrere Fassungen miteinander zu vergleichen.
Der Film zeigt Schwerpunkte aus Enos Karriere, wir erleben kurz Bryan Ferry, David Byrne, Daniel Lanois oder David Bowie, wir sehen Brian Eno bei der Gartenarbeit oder beim Herumhacken auf einem Omnichord, beim Abspielen einer Ambient-Platte vor Publikum. Wir erfahren, dass Joni Mitchell einmal eine Ambient-Platte mit ihm machen wollte, er jedoch ablehnte, weil seine Ambient-Einspielungen von der Kritik zunächst schwer verrissen worden waren und er das Wort „Ambient“ nicht mehr hören wollte. Heute möchte er sich dafür in den Hintern beißen. Wir sehen, dass Eno, der in seinem Diary-Buch „A Year with Swollen Appendices“ von 1996 noch behauptet, seine Tagebuchversuche hätten immer bereits im Februar geendet, ein Riesenpaket sorgsam durchnumerierter und -datierter Notiz- und Skizzenbücher verwahrt — immer getreu der alten Regel: Wenn du Künstler werden willst, dann bewahre alles auf, was du machst.
Das ist aber auch schon alles. Irgendwelche sensationellen Neuigkeiten über Eno bringt der Film nicht, dafür eine Menge schnelle Schnitte. Für die $11, die der Stream kostet, ein bisschen dünn.
6 Kommentare
ijb
Ich hab auch schon überlegt, ob ich die 11€ ausgeben soll.
Leider war ich bei der Berliner Kinoaufführung letztes Jahr (Januar) nicht in der Stadt.
Gesehen hab ich immerhin diesen TED Talk von bzw. mit Gary Hustwit zum Film:
„This Movie Changes Every Time You Watch It“
Eine Version mit Laurie Anderson hast du dann nicht erwischt, nehme ich an…?
flowworker
Eine Ambient Platte von Joni Mitchell und Brian Eno hätte ich zu gerne gehört. Keine Idee, wie wohl hätte klingen können. Another imaginary album…
Ich würde mir den Stream sofort holen, wenn er jedesmal eine andere Version zeigt, denn diese Verisonen sind extrem unterschiedlich, so dass man jedesmal fast eine neue Doku sieht , mit ein paar Dejavues. Gefällt mir.
Auf Prime hier in Germany finde ich es nicht . Und nur eine Version, das wäre es mir nicht wert …. die Story mit Laurie kannte ich nicht …. m.e.
Jan Reetze
Nein, Laurie Anderson war nicht dabei. — Danke für den Link, schaue ich mir heute abend mal an.
@Micha: Sind die Unterschiede zwischen den Versionen tatsächlich so drastisch? Gary Hustwit kann doch nicht im Ernst davon ausgehen, dass sich mehr als eine Handvoll Zuschauer den Film mehrfach ansehen werden, um vergleichen zu können. (Abgesehen mal davon, dass ich das für Geldschneiderei halten würde, aber wem es Spaß macht …)
Auf Prime, vermute ich mal, wirst du den Film nicht finden. Er läuft auf dem Criterion Channel (den muss man dann aber abonnieren) oder als einmaliger Stream via Chance Operations . (https://www.chanceoperations.com/eno) Da habe ich ihn gesehen, aber wie gesagt: Es fehlen offenbar 20 Minuten.
Michael Engelbrecht
Ich halte das nicht für einen Gimmick, sondern ein raffiniertes Stilmittel. Und als ich nach der Premiere etlhche Besprechungen las, hatte ich schon dem Eindruck, dass die Unterschiede erheblich sind. Dann, und nur dann, macht es Sinn. Aber bitte nur einmal zahlen – und dann immer wieder überrascht werden. Dann ist das für mehr als eine Handvoll spannend, glaube ich😉
Jan Reetze
Es ist ja offenkundig Enos „77 Million Paintings“-Projekt von 2006, das hier Pate gestanden hat. Diese 2-DVD-Box konnte man damals kaufen, man bezahlte sie einmal und konnte sich die generierten Bilder ansehen, wann und so oft man wollte. Würde das hier so ähnlich gehandhabt, fände ich es wunderbar, „Gimmick“ habe ich nicht gesagt.
flowworker
„Gimmick“ steht aber da, ist wohl deepl geschuldet😉.
Ich habe mir gestern für 11 Euro den Stream über Ingos Link besorgt. Die Streamzeit läuft aber heute ab. Zu gerne würde ich mehrere Fassungen sehen, denn nun ist mir klar, wie das „generativ“ gepuzzelt wird: es gibt wohl „Raster“ zu diversen Themen: „basic asthetics“, work as a producer“, „fun stories“, „revelations“ usw., die dann immer neu kombiniert werden.
Wenn man etwas nicht erwarten darf von einer Eno-Doku, dann sind das „sensatinelle Neuigkeiten“ – was ollte das auch sein (es gubt unzählige Interviews, Vorträge etc.) – es sind die kleine Stories am Rande, die überraschen können, es ist Enos Gabe des Storytellers, auch komplexe Zusammenhänge sinnlich darstellen zu können, die ENO zu einem spannenden Erlebnis machen.
Ich wusst gar nicht, dass es Aufnahmen gibt aus Enos Wilderness Studio zu seinem Album Wrong Way Up mit John Cale. Auch Bowies Aussagen zu Eno sind profund, und keine mainstreamlobhudelei….
So wird auch die übliche Chronologie von Biografien aufgebrochen, was bei Eno sowieso Sinn macht, da sich bestimmte Themen durch alle Schaffensphasen zogen. Aber irgendwo habe ich was aufgeschnappt, dass man ENO bei einem Anbieter jede Woche neu sehen kann, also eine andere Fassung. Mal sehen, ob ich das ausfindig mache. Ihne jedesmal zahlen zu müssen 😉
m.e.