In memory of a cowboy named Sonny
Sommer 2017: Im Lauf der Jahre geisterten durch meine Nachtsendungen ein paar, gern variierte Sätze, u.a. „Die Häuser der Kindheit müssen ihre Dämmerung behalten“, von Gaston Bachelard, und wenn ich von „Regressionen im Dienste des Ichs“ sprach, zitierte ich den Psychoanalytiker Georg Groddeck. Beides kommt bei mir in letzter Zeit zusammen, wenn ich mir so angucke, was ich mitunter für Platten auflege. Oder welche Lust ich manchmal auf alte Filme verspüre, jetzt ist gerade „Bullitt“ dran, genau, der Film mit Steve McQueen.
Es ist auch nicht typisch für mich, dass ich seit einiger Zeit ganz gerne bestimmte Platten auflege, die lange vor meiner Jazz-Entdeckungs-Zeit aufgenommen wurden. Vorzugsweise „Way Out West“, von Sonny Rollins, und „Midnight Blue“ von Kenny Burrell. Ich sehe keine Bilder beim Hören von Klängen, aber es fällt mir leicht, innere Filmsequenzen abzuspielen, wenn ich es will. Und genau das will ich zuweilen, wenn mir bewusst wird, dass diese Aufnahmen Zeit still stehen lassen, Zeit ablichten.
Ich schaue mir das Aufnahmedatum der beiden Platten an, und katalputiere mich in das jeweilige Studio. Von beiden Studios habe ich etliche Fotos, so dass ein beträchtlicher Realismus garantiert ist. Ich sehe die Musiker vor mir, sie trinken Bier, reden miteinander (ich schnappe einzelne Sätze auf), in der Regel gehe ich vor die Tür, und wenn ich weiss, wann die Session beginnt, suche ich mir eine Bar in der Nähe. In einem Fall ist es 1957, überlegen Sie mal! Wir sind zehn Jahre vom „summer of love“ entfernt, die Bars und Skylines erinnern mich an all die Filme, die ich aus jener Zeit kenne, „black and white and beautiful“. Einmal hätte ich fast Ray Barrettos ersten Auftritt an den Congas verpasst, als ich in der „Upper River Bar“ einen Whisky zuviel trinke, und eine Lady mir etwas von ihrer Kindheit in Georgia erzählt.

Autumn 2019: Some years and ago, a friend asked me about the best-sounding jazz album ever. What a question, I answered. I don‘t know anything about „ever“, but ask me about a certain time. Then he asked me about the best-sounding jazz album of my teenager years, and the best-sounding album „before my time“. Okay, choices made instantly. I said, „Dis“ with Jan Garbarek, Ralph Towner, and the short appearances of a wind harp.
And thinking of the times before my time, I said, „Way Out West“. It was made in the middle of the night on March 7, 1957, in the shipping room of a small Los Angeles record company, with an underpaid engineer recording a trio playing cowboy songs on a first-generation stereo Ampex tape deck through a homemade mixing console. It seems an unlikely setting for one of the greatest jazz recordings of all time, musically and sonically.
But the players were Sonny Rollins and Ray Brown and Shelly Manne, and, on that night, they were cookin’. What seems like strange duo of vinyl albums, makes some extra sense when realizing a strong bond between them: deep relaxation, high intensity, breathing space. Pure transzendence. Real favourites.
Now, with some studio chatter and unreleased versions, a double vinyl edition of Sonny Rollins’ classic has been published. You don‘t need to have that one, a single vinyl edition is enough to induce addictive deep listening. The sound is dry, but vibrant, the channel separation has its own aura, far away from being one of these minor quibbles in regards of the limitations of early stereo. Come on. It‘s a cracker. Joyful and deep. I was enthusiastic when I spoke about it during a talk with Norwegian master bass player Arild Andersen years ago. He had never heard it, just knew about its existence. Now, finally, he has it at home, and has one word for it: GREAT.
(Two old „mana“ texts from m.e., minimally revised)
4 Kommentare
Olaf Westfeld
https://m.youtube.com/watch?v=piqKsizxTxs&ra=m
m.e.
😉
One of my beloved 120 Cohen songs in a version never heard before!
Olaf Westfeld
Wunderbare Fassung, schaue/höre ich mir immer wieder mal an. Henning Bolte hat mich irgendwann in einem Kommentar darauf hingewiesen.
m.e.
Die 1970er jahre waren musikalisch eine grosse Zeit. So viele Meilensteine, aber schon damals gab es Altbackene, die sich in Kritiken beschwerten über den sinngemäss „immer gleichen Sermon“ von Cohen, speziell auf diese fantatsischen New Skin For An Old Ceremony, üner die zu lauten drum beats von Jaki Liebezeit auf TagoMago. Einige wurde pure Punkfans bald und verrissen die Abweichung von der reinen Leere. Harald InHülsen verschoss all seine Patronen geges das Machwerk London Calling von The Clash – Verrat. Verrat.
Schwer gewettert wurde von einigen gegen die frühen Ambient Werke von Eno, sie kopiertem die Verrisse des NME. Aber zum Glück gab es Ausnahmen: der junge Winfrid Trenkler war einer im Radio. Und all die Leser die bei allem Respekt nicht jeden Scheiss glaubten, den die im Grunde wunderbare Sounds verbreitete.
Einer bekam Robert Wyatts Rock Bottom in die Finger, und meinte, ja, das sei ganz nett, was der britische Jazzrock so fabrizieren. Klar, ganz nett. Grrrh… Alte Fussballerweisheit: weit vorbei ist auch voll daneben😉
Sonny Rollins machte in den 1970ern ein sehr schönes Album für Milestones, von der gleichen Klassse wie Joe Hendersons Multiple. Karl Lippegaus begeisterte sich für The Grateful Dead und Blues For Allah. Und The Residents wurdem stets gefeiert, für Eskimo, aber auch für The Commercial Album. Es war alles damals überschaubarer, aber auch schon ein Dschungel.
Dieses pairing mit Leonard gefällt mir soviel besser als Sting mit Branford.