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  • Ella Edelmann erlebt Lucrecia Dalt


    Keine Spur von ironischen Brechungen oder schwarzen Humor bei Lucrecia Dalts aktuellem Album. Es wäre spannend, mal mit der besten neuen Freundin von David Sylvian (zu seinen Konzerten kamen ja auch gerne viele schwarzgekleidet), ein Interview über ihre Beziehung zu „Goths“ zu führen, diesem brillianten Trip der Mountain Goats in die „Goth“-Szene. Falls sie das Teil überhaupt kennen. Eine Spezialistin für Horrorfilme ist Lucrecia allemal. „A Danger To Ourselves“ ist eines der grossartigsten Alben des Jahres 2025 gewesen, nicht nur in meinen Ohren, und mit einem Cover, das noch jeden ehemaligen „Grufti“ hinterm Ofen hervorlockt. . Im Ernst, ein klanglich restlos faszinierendes Werk. HIER das Video zum Song „Divina“. Übrigens ist da Cover eine Hommage an David Lynchs „Twin Peaks“. Der spukt immer noch überall herum. (m.e.)

    Zunächst zum Voract Moritz Fasbender. Vielleicht wider Erwarten verbirgt sich dahinter eine Klangkünstlerin und zwar Friedrike Bernhardt. Sie hat mich mit ihrem zärtlich-düsteren Set aus scheppernden Rhythmen, Klaviertönen und Synthesizer-Motiven ganz eingenommen. Vermutlich auch durch die blaue Beleuchtung und den Tiefseehöhlen-artigen Charakter des UT Connewitz hatte ich dabei eine Reihe von Unter-Wasser-Assoziationen, von U-Boot bis Fischschwärme.

    Besonders charmant fand ich auch die Song-Ansagen beziehungsweise Moderation, die aus einem alten Radio drang. Ich mochte auch die Zurückhaltung mit der das Set vorgetragen wurde. Engagiert und vom eigenen Tun überzeugt, aber einem Publikum nichts aufzwingen wollend. Das hat mir gut gefallen und in mir auch wirklich die Lust geweckt, mal wieder etwas elektronischere Musik zu hören, vielleicht auch mal wieder dazu tanzen zu gehen.

    Jetzt also zu Lucrecia Dalt. Gleich vorab gesagt: Es war wirklich eines der schönsten Konzerte auf denen ich dieses Jahr bisher war, zwar hat meine exzessive Konzertphase dieses Jahr auch noch nicht richtig begonnen. Gerne möchte ich sie aber durch Lucrecia Dalt als eingeleutet begreifen und denke, dass das Konzert auch durch demnächst noch folgende nicht allzu schnell in meiner Erinnerung verblassen wird.

    Was ich gleich zu Beginn angenehm fand, war die Gelassenheit, mit der Lucrecia Dalt und ihre beiden Begleitmusiker ihre Musik vortrugen. Alle, in Schwarz gekleidet und mit kantigen Sonnenbrillen ausgestattet, hatten eine ganz mühelose Eleganz und Ruhe an sich. Und auch wenn mir Sonnenbrillen in Innenräumen manchmal zweifelhaft erscheinen und die Tendenz zum Prätentiösen haben können, fand ich das hier irgendwie passend und schön.

    In seiner Eleganz und Musikalität ganz besonders bemerkenswert fand ich insbesondere den Percussionisten ganz bemerkenswert, dessen Schlagwerk und -zeug wie eine Kugel um ihn angeordnet war und in deren Innerem er sich geschmeidig bewegte wie eine Katze, um in Momenten größer rhythmischer Steigerung dann ganz losgelöst aber immer noch fließend und schön anzusehen alles herauszutrommeln.

    Lucrecia Dalt sang ganz wunderbar und ergänzte ihre Titel sehr wirkungsvoll mit E-Gitarrenspiel. Schön fand ich auch Momente, in denen sie ihren Gesang mit Loops schichtete und ganz sphärische Chöre kreierte, die die Unbedarftheit und angenehme Zurückhaltung des gesamten Abends aber nie brachen.

    Ich mochte auch die Setlist, die lauter und rockiger Begann, um in der Mitte dann ganz ruhig und von einer ganzen sanften Sentimentalität zu werden. Gegen Ende nahm das Konzert dann aber wieder etwas mehr Schnelligkeit auf und auch das war sehr schön und ein passender Abschluss.

    Mit am besten gefallen haben mir auch die Stücke, in denen Lucrecia Dalt mehr spricht als singt. Eher sprechgesangige Stücke live rüberzubringen, finde ich manchmal gar nicht so einfach, hat mir hier aber ganz besonders gut gefallen.

    Insgesamt fand ich das Konzert auch atmosphärisch sehr schön. Das in diesem Fall kinobestuhlte UT Connewitz ist insgesamt ein schöner Ort für Veranstaltungen und hatte auch hier etwas heimeliges und war ein schön privater Rahmen, der der wunderschönen Musik Lucrecia Dalts aber auch den Raum und Hall gelassen hat, der ihr gebührt. Auch das Ensemble aus Percussion, Gitarre plus Gesang und Bass (E- wie Kontra-) hat die Songs toll arrangiert und hat Spaß gemacht anzuschauen.

    Sollte Lucrecia Dalt noch ein viertes Mal in Leipzig spielen – sie verriet, sie sei nun zum dritten Mal da – würde ich unbedingt wieder dabei sein wollen.

    (Ella Edelmann)

  • 11 fantastic music reviews

    Bill Wells: Dreams 24/25 is fantastic. (for people who like Colossal Youth, Wissenswertes über Erlangen, Himmelblau)

    Don Cherry: Relativity Suite (1973) is fantastic. (for people who like Brown Rice, Bitter Funeral Beer, Tropic Appetites)

    Jonathan Richman: Only Frozen Sky Anyway is fantastic. (for people who like Embrace The Herd, Pink Moon, Cosmic Thing)

    Asher Gambedze: Semblance Of Return is fantastic. (for people who like Geechee Recollections, On The Corner, Good News From Africa)

    Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet: Dansere (1975) is fantastic. (for people who love Ruta and Daitya, Solstice, Yellow Fields)

    Björn Meyer: Convergence is fantastic. (for people who like Souvenance, Emerald Tears, Stone Flute)

    Khelan Phil Cohran and Legacy: African Skies is fantastic. (for people who like Love and Peace (the reggae masterpiece), Music For 17 Musicians, Spirits

    O.S.T. Sirāt is fantastic. (for people who like Lohn der Angst, Locke, Tierra)

    Tinariwen: Hoggar is fantastic. (for people who like Siwan, Teatro, Nebraska)

    Eivind Aarset: Strange Hands is fantastic. (for people who like Dream Logic, Nerve Net, Skywards)

    Étienne Nillesen: Twee is fantastic. (for people who like Singing Drums, Dream House, Life Of)

  • No Pussyfooting

    “the most enjoyable pop electronics since Terry Riley’s A Rainbow in Curved Air and that it was…more visionary and more romantic than James Taylor could dream of being.”

    Zwar liebte ich dieses erste Frippertronics-Album vom ersten Tag an, als ich es zu hören bekam, aber das dauerte bis zum Winter 1975! Da ich mich, alter Hut, nie begeistern konnte für die ersten zwei Roxy Music-Alben, fiel Eno erst mal hinten runter, und dann schrieb noch der geschätzte Manfred Sack in der ZEIT einen bösen Verriss über No Pussyfooting, in Richtung eines drogenvernebelten „Klaus“ der „minimal music“. Aber alles kam, wie es kommen musste, als ich innnerhalb weniger Wochen „Taking Tiger Mountain“, „Evening Star“, „No Pussyfooting“ „Discreet Music“, und „Here Come The Warm Jets“ erstand. Mein persönliches Shangrila im Winter 1975. Es gab noch eine Welt nach den Kinks und den Beatles. Meine ersten fünf Eno-Platten, und alle gingen durch die Decke in meinem Würzburger Studentenwohnheim. Einzige Ausnahme war Seite 1 von „Evening Star“, namens „Index Of Metals“. Damit wurde ich nie warm.

    Manfred Sack war übrigens wichtiger Multiplikator der frühen ECM-Jahre, allein den rhapsodischen Stil von Keith Jarretts Soloalben mochte er nicht. Ich habe so gut wie alle Frauen in meinem Leben nehr oder weniger verrückt gemacht mit meiner Liebe zu Brians Musik. Manche mochten ihn aber auch, früher oder später. Nach wie vor krieche ich in die beiden langen Stücke von No Pussyfooting hinein, die Klänge beglücken mich, ich habe sie nie rein historisch oder analytisch gehört. Ob „Swastika Girls“ oder „The Heavenly Music Corporation“.

    Natürlich, nach so langer Zeit, bildet sich eine feine nostalgische Patina, wie bei alten Teekannen, aber die Faszination bleibt unangestastet. Wie bei dem ersten This Heat-Album. Wie bei „Low“. Wie bei „Marquee Moon“. Wie bei „Time Fades Away“. Wie bei „Chairs Missing“.

    When Eno in, I think, July 1972, said, “Would you like to plug in?” without explaining how his tape setup worked, he gave me the technical means to build layered sound – emulating, if you like, a string quartet [with the fuzz].

    Along with Eno, you’re one of a small cadre of cult English eccentrics – people you’ve often worked with, such as Robert Wyatt, Peter Hammill, David Sylvian… 

    You’re putting me in good company there.

    …even Peter Gabriel, though I guess he’s on a different level, commercially

    Peter Gabriel is one of the industry’s genuine good guys. And I have a deep, abiding and ongoing respect for Robert Wyatt. I think one of the reasons I was asked to produce Matching Mole’s Little Red Record is that Robert was too good and generous a person to be able to take that role on himself, a role which fell to me in King Crimson, which is one of the reasons I have a terrible reputation in the industry. I believe I was never paid for producing that, but you don’t work with Robert to earn a living, you work to be in Robert’s creative space. Similarly with Eno. [Label and management] EG acted to prevent [1973’s] (No Pussyfooting) from having a major release at the time as they felt working with this leftfield character, Fripp, would handicap Eno’s chance of having a commercially successful career. However, David Bowie listened to it – maybe Iggy Pop mentioned it to him, as I was told that Iggy could whistle all the main themes to (No Pussyfooting). When Bowie invited Eno to Berlin for Low, I later heard that he was interested in inviting me too, but I was in retreat at Sherborne House, and I didn’t get the call until July 1977. I think my best work as a guitarist has been mainly with Eno and Bowie.

    HERE a flowie „waterfally“ interview from 1998 with Robert sharing my questions with wonderful lad Michael Frank. The long quote is taken from an extended interview with Fripp from the July edition of Uncut. i loved No Pussyfooting from day one!

  • Safe Journey

    Whoever says that music when it is sublime is beyond definition is perfectly right… There are cloying sounds that fill commercial radios and there are millions and millions of music that the world gives us, we just have to search with love and patience…. Safe Journey is not an album to listen to in the background. This music takes all your attention, turns your day around and transforms an afternoon that could have been nice with a book into a real vision of everything that life could give you only if you take the trouble to look for and listen to your heart. 

    Here, among the grooves of the record, hides the wonderful idea that there is only one language, not spoken, not written, but with which it is possible to tell or just listen to something infinite that can embrace every human being. Steve Tibbetts flies high, rely on his guitars. You’ll fly very high and everywhere.

  • “Die Rückkehrer“

    Da kehren sie zurück: zwei Helden aus dem Jahrzehnt der Dekonstruktion musikalischer Gewissheiten. Beheimatet im Warp-Label, für mich so stilbildend für die Neunziger wie Impulse! drei Jahrzehnte zuvor. Zunächst Seefeel mit „Sol.HZ“, dann Ende Mai „Inferno“ von Boards of Canada. Fast zu schön, um wahr zu sein.

    Die ersten Klänge von „Ever No Way“ auf Sol.HZ dehnen sich über den gesamten geisterhaften Song und stehen exemplarisch für das Klanguniversum von Seefeel: herzschlagnahe Rhythmen, repetitive Synthesizertexturen, aus denen mehr Wärme als Technik spricht, ätherische Stimmen, sich auflösende Gitarren. Assoziative Musik, irgendwo zwischen Postrock und Electronica verortet, in guter Gesellschaft mit My Bloody Valentine, Cocteau Twins und King Tubby.

    Mit „Falling First“ gibt es auf dem neuen Album sogar einen Dreampop-Ohrwurm.

    Es fühlt sich gut an, dass diese zeitlose Musik im Kontext der Gegenwart wieder aufflammt: entrückte Schlaflieder für unruhige Zeiten.

    (Thomas P.)

  • Michael sells another holy grail

    Einen habe ich noch. Diesen heiligen Gral, eine vier-Cd-Box, verkaufe ich nur, weil ich ihn zweimal besitze. Ein Freund schenkte mir damals das Teil, wegen einer 4‘40-Version von Lou Reeds „I‘m Set Free“, welche Brian Eno so wundervoll coverte. Das war genau der Grund, warum ich mir, neben meiner Lust auf die Box an sich, diese magische Matrix selbst zeitgleich kaufte. Jetzt gehen die Preise durch die Decke – bei mir gibt es die Schatzkiste für 160 Euro (incl. Package). Und nicht verhandelbar. Schaut euch bei Discogs um! Auf Wiedersehen!

    „What do I like about this album? Intimacy. God. There are so few people in the audience you barely hear the sound of one hand clapping. But Lou is actually nice to them. He makes jokes. They play the songs you thought they’d left behind with Cale” “Black Angel’s Death Song”. “Venus in Furs”. Different verses in familiar songs. Wildly different takes of songs played in different ways in different sets. Doug Yule’s harmonies on “Waiting For My Man”. Four CDs. Near enough five hours of Velvet Underground. You could listen to this for the rest of your life and never buy another disc.“ (from a review)

  • Die ELV

    Eigentlich wollte ich über den ESC schreiben. Jetzt ist ein Wunder dazwischen gekommen. Ein kleines Dorf im Saarland versetzt mich in meine frühe Jugend. Ich bin in Kaiserslautern aufgewachsen, Alsenborn liegt 20 Minuten Autofahrt entfernt. Wir hatten zum Glück einen alten Ford, denn, genau wie in Elversberg ,gibt es dort bis heute keinen Bahnhof. Aber in Alsenborn wohnte Fritz Walter unter 7500 anderen Dorfbewohnern. Als Alsenborn in die Oberliga aufstieg, war der Run auf das Dorf nicht mehr zu stoppen. Auch wir waren bei jedem Spiel dabei. Daran muss ich heute denken, als ich die Nachricht vom Aufstieg des SV Elversberg hörte. Der Durchlauf vom dörflichen Bolzplatz bis zur dritten, dann zweiten und jetzt ersten Liga ist eine spannende, bewundernswerte Fussballgeschichte. 12000 Einwohner, davon sind 7500 Mitglied in ihrem Verein. Das ist grandios. Dorthin beame ich mich heute, in das Stadion an der Kaiserlinde, in den Sound der Vereinshymne: Wir allen lieben Elversberg.

  • “The big river“

    Nun. ich verändere (Ingos Gedankenspiel folgend) das zu „kuratierende“ Album, und möchte mich statt „Hejira“ (das würde ewig brauchen) „Bright Red“ von Laurie Anderson widmen. Hier sind noch viele Akteure greifbar – Joey Baron war auch dabei. Es würde eine schönes kleines Buch der Reihe 33 1/3 werden. Erstmal ging ich aber auf Nummer sicher, ob das Album denn immer noch den Zauber von 1994 verströme – und genau das tut es. Aber hallo! „The big river“, das war, Jahre zuvor die Weser bei Forst, als Eno bei den Jungs von Harmonia lebte – jetzt spielte wieder ein grosser Fluss eine Rolle in die Entstehung eines Albums. Laurie erinnert sich:

    Es ist schon komisch, mir war gar nicht bewusst, wie wenige davon Studioalben sind. Mit Ausnahme von „Strange Angels“ stammen sie wohl alle aus Live-Aufnahmen. Ich glaube, das habe ich noch nie zuvor gesagt. Oh, vielleicht war „Bright Red“ etwas mehr im Studio entstanden. Ja, „Bright Red“ wurde sehr stark im Studio aufgenommen, und zwar hier in diesem Studio, von dem aus man einen wirklich wunderschönen Blick auf den Hudson River hat. Wir schauten auf den Fluss hinaus, und wenn die Musik ganz natürlich dazu zu passen schien, war das unser Schnittkriterium. Brians Motto lautete: Wenn es zum Fluss passt, kommt es auf die Platte. Wenn der Fluss zum Beispiel sehr unruhig und lebhaft war und die Musik so „pah-bah-dah-dah“ machte – wow, das sieht toll aus! – oder wenn er ruhig war und eine Art Ambient-Stimmung herrschte. Wir haben immer versucht, uns an die Natürlichkeit des Flusses anzupassen – sie zu spüren –, in diesem Fall den Hudson, und zu sehen, ob es passte. Das war eine sehr unfehlbare Regel, denn sie zeigte einem, wenn man es zu kompliziert machte, nicht natürlich.“

    P.S. Gestern traf das Doppellivealbum von Laurie mit Sexmob ein, einfach nur rundum positive erste und zweite Eindrücke, und Steven Bernsteins Jazztruppe machr einen fabelhaften Job, vitalisiert, bereichert, neue Ideen für classics und unbekannter Stücke…. Formidabel… „What preserves the feeling of the performance the most is how much of Anderson’s conversation with the audience is included. There’s a notable difference in her tone of voice when she’s talking versus when she’s performing a spoken-word piece, and its interesting to hear the shift when her voice is meant to lull.“ Beeindruckend, die kleine Yoko Ono-Nummer dieser freewheelin’ Buddhistin… und es geht weiter und weiter…. a magic storyteller after all these years

  • Die Sache mit Laurie (2026 short story remix)

    2014. Those were the days, my friend. Kristiansand. Punktfestival. Ich stand früh auf und ging duschen. Auf Endlosschleife lief „This Is The Day“ von „The The“, kleiner Affirmationstrick. Ich duschte lange, und liess am Ende den Wasserstrahl eiskalt sein Werk verrichten. Ich frühstückte mit Christoph Giese und Jan Bang, und wie immer, wenn wir drei zusammensitzen, gibt es gute Musikgespräche – und viel zu lachen. Gestern eine Story aus Dublin, welche das Zwerchfell in Schwung brachte. Der Papst wollte Bono sprechen, der Hausmeister hielt zitternd den Hörer in der Hand, Brian Eno hatte jede Unterbrechung untersagt. „It‘s the p..o..pe..“!

    Um 11 Uhr begann der Soundcheck für meine „Electronic Griot“-Performance damit, dass Tony Valbergs Tischlampe von 1953 einen Wackelkontakt hatte. Er besorgte eine Ersatzbirne. Der CD-Player mit den acht vorbereiteten Tracks spielte die Musik nicht ab, es musste ein Ersatzgerät herbeigeschafft werden. Ich wurde etwas nervös, aber schliesslich war alles geregelt, der Raum angenehm verdunkelt, wie nachts im Deutschlandfunk. In der Lounge sass Laurie Anderson, die ich begrüsste und an unsere zwei Begegnungen in den Neunzigern erinnerte, die sie ganz sicher völlig vergessen hatte nach 2580 Interviews.

    Mich überkam eine angenehme tiefe Ruhe, kein Anflug von Lampenfieber, ausser der latenten Furcht, Tonys Lampe aus dem letzten Jahrhundert würde mal zwischendurch den Blick auf meine Papiere verdunkeln, aber es gab ja eine zweite Glühbirne. Um 11.45 Uhr startete auf dem Schallplattenspieler das Ensemble Economique, und der Saal füllte sich. Um 12 Uhr ging ich zu meinem ipad in einer hinteren Ecke des Raums (mit dem tragbaren Mikrofon war ich mobil) und legte los, las die letzten zwei Abschnitte der Short Story von Richard Brautigan. „I had never seen anybody set fire to a radio before.“ Und das Ende mit den brennenden Liedern.

    Ich ging zu meinem gemütlichen Sitzplatz, der Raum war gut gefüllt. Ich war konzentriert und seltsam entspannt, einige meiner Geschichten hatten ein trauriges Ende, und verströmten einen Hauch von Melancholie, wie der Anblick von Herbstblumen, die ihre Köpfe hängen lassen. Die Zeit verging wie im Flug, die Zuhörer waren aufmerksam, lachten viel, und ich bekam einen herzlichen Applaus. Ich beantwortete noch ein paar Fragen. Wildfremde Menschen und einige gute Bekannte bedankten sich für meine Show. Beim Hinausgehen kam ein junger Mann, der mir verriet, er habe an zwei Stellen Tränen in den Augen gehabt. Eine Frau fragte mich, ob meine Nachtsendung in Köln genauso ablaufen würde, und ich sagte, ja, genau in der Art, ich würde nur das Wort „fuck“ weglassen. Laurie kam zu mir und sagte, mein Vortrag habe ihr wunderbar gefallen. Und noch zwei sehr schöne Sätze mehr. Ich brachte meine Cds und Schallplatten aufs Zimmer und kehrte sofort in den Seminarraum zurück, wo Jana Winderen, eine Soundforscherin aus Oslo, die sich gern in der Nähe von Eisbergen rumtreibt, und Mike Harding vom englischen Label Touch ihren Vortrag hielten.

    Danach betrat Laurie Anderson das Podium, und erzählte von dem Film über ihren erblindeten Hund, und wie er mit seinen Pfoten auf den Tasten eines Pianos zu einer besonderen „Hundemusik“ beitrug. Laurie versteckte sich nicht hinter ihren Geschichten, und erzählte sehr persönliche Dinge. Mit der Technik gab es einige Probleme, und auch sie hatte plötzlich, wie ich zuvor, eine hölzerne Stuhllehne in der Hand. Bei ihrer letzten Story war das Ende, mit ihrer unnachahmlichen Stimmmodulation, so sinnlich wie bitter, unvergesslich. Am Ende des Tages fiel ich totmüde ins Bett träumte von den Beatles in Mono!

  • “Belladonna Nocturne“ (18. Juni)

    “Player, Piano“ (2020)

    „More background HERE

    Was Emmylou Harris hier wohl anstellt, in dieser neuen Nachtmusik, wenn sie einmal auftaucht? denn es soll ja ein Instrumentalalbum sein. Das erzählte mit Monsieur Lanois vor langer Zeit zu „Wreckin‘ Ball“ :

    „Wir brachten für die Aufnahme von »Wrecking Ball« ein sehr gemischtes Team zusammen. Der Mix der Charaktere hat viel mit dem Resultat zu tun. Ich mochte es immer, verzweifelte Seelen einer bestimmten Sorte einzuladen. Larry Mullen am Schlagzeug wirkt hier recht überraschend, aber ich kenne seine Faszination für Country; hier fand er eine Gelegenheit, diese Leidenschaft auszuleben – an den dunklen Rändern von Country – und einmal aus dem »System« U2 auszusteigen. Der Bassist kam vom Funk. Keine homogene Einheit, und doch konnte man bald die Logik hinter dem Wahnsinn erkennen.

    Ziemlich früh stießen wir auf einen aufregenden Sound, Ich nannte ihn den »Sound der Crystals«. Die Crystals waren eine Vokalgruppe aus den frühen 60ern mit einem mysteriösen und energetischen Sound. Mir war nie klar, wie sie diesen Sound hinbekamen, vielleicht war es sogar eine Phil-Spector-Produktion. Ich stieß zufällig darauf, hatte die Kopfhörer auf, war mit Emmylou im Studio, sie sang, und am Ende des Liedes sagte ich zum Toningenieur Malcolm Burn: »Berühre nichts, nimm deine Hände vom Mischpult, ich will analysieren, was wir da haben!« – es war etwas Besonderes, ich wollte diesen Sound nicht einfach festlegen, ich wollte ihn betonen, gestalten, verstärken. Und es war auf einmal gleichsam der „Sound der Crystals“, der sich in Emmylous Mikrofon hineinschlängelte; zwischen ihren Gesangslinien und all der Kompression, die wir benutzten, entfalteten sich die Instrumente wie in einem Riesenpilz. Ich entschied, dass die Musiker ganz nah bei Emmylou spielen sollten.“

    Asher Gambedze, Jeff Parker ETA IVtet, Lambchop, The Mountain Goats, Daniel Lanois, Pan American, Andrew Wasylyk, Björn Meyer, Jason Moran, Bill Wells, Aldous Harding, Kevin Morby, Kurt Vile, And Also The Trees, Tinariwen, Sunn O))), Irmin Schmidt, Eivind Aarset, Boards Of Canada, Seefeel vielleicht auch – da braucht es keine Halbjahresliste zur Auffrischung des Gedächtnisses, das füllt ja nun schon aller Voraussicht nach mehr als die Hälfte meiner zwanzig „desert island-Lanzarote-Alben“ für 2026.