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  • monthly revelations extended (june)

    album(s) LAURIE ANDERSON: LET X = X & KURT VILE: PHILADELPHIA‘S BEEN GOOD TO ME // film WANDA (1999) // prose SEBASTIAN BRANT: DAS NARRENSCHIFF & CHRISTOPH HEIN: DAS NARRENSCHIFF // talk OLIVER LAXE (SIRĀT) // radio STEVE TIBBETTS PORTRAIT // television LEGENDS // archive PETER THOMAS SOUND ORCHESTER: RAUMPATROUILLE ORION

    „It’s the moment that excites you: When you’re writing a song, you feel it, you have chills, you know? Or when there’s a magic moment on stage and you’re all locked in… I live for that kind of thing. I love not fixing things, making them feel fucked up, or just leaving them fucked up. If you listen to the old Stones records or the Velvet Underground, the reason they’re so unique is because there’s a million, trillion imperfections in there.“ (Kurt Vile)

    Any flowie wants to put in shape july‘s revelations? Just send a sign.

  • Ein kurzer Dank für eine lange Nacht

    Drei Gitarristen, und drei Alben für immer. „Diary“. „Close“. „Only Frozen Sky Anyway“. Das Lied am Ende, „Oh, Guitar“, von Jonathan. An dieser Stelle möchte ich mich bedanken für den Zuspruch und Trost, den ich in meiner Untröstlichkeit erfuhr, als K.s Leben aus heiterem Himmel und von einem Tag zum andern an seidenen Fäden hing und sie ihren grössten Kampf ausgetragen hat. Diese Zeit des Hoffens und Bangens war eine der schlimmsten meines Lebens. Und doch nicht im Ansatz so schlimm wie für einen der wunderbarsten Menschen, der mir je begegnet ist. Soul sister & best friend ever. Ich kenne K. seit 1983, und ich wünsche wie nichts anderes, als dass es weiter aufwärts geht. Do we know anything, we know nothing. Jener Zustand konstanter Verzweiflung war mir über so eine endlose Strecke zerstückelten Schlafs und tagsüber schleichender Stunden fremd. Ganz schlimm, wie jede froh stimmende Botschaft kurze Zeit später erstmal pulverisiert wurde. Ich dachte zurück an die Geschichte, die Steve T. mir erzählte, von der letzten Grenze (die 55 Minuten sind nur einen Klick entfernt, in der Radio-Kolumne unseres Blogs.) Ich schickte ihm vor Wochen eine kleine Notiz meiner Erschütterung, ich erzählte etwas später von „Sirāt“ und dass ich mein erstes Ganachakra erleben möchte; sein Trost hatte nichts Schulterklopfendes: „We will look for that film. Hang in there, we need you. Times will get better, I think.“ Dass der Boden unter den Füssen zurückkehrt (für eine gute Weile, please), merkt man an dem Lächeln, das wider Erwarten übers eigene Gesicht huscht. Dieser kleine Text ist für Freunde, und verschwindet bald wieder. Mission possible. We love you. Oh, Guitar.

  • In memory of a cowboy named Sonny

    Sommer 2017: Im Lauf der Jahre geisterten durch meine Nachtsendungen ein paar, gern variierte Sätze, u.a. „Die Häuser der Kindheit müssen ihre Dämmerung behalten“, von Gaston Bachelard, und wenn ich von „Regressionen im Dienste des Ichs“ sprach, zitierte ich den Psychoanalytiker Georg Groddeck. Beides kommt bei mir in letzter Zeit zusammen, wenn ich mir so angucke, was ich mitunter für Platten auflege. Oder welche Lust ich manchmal auf alte Filme verspüre, jetzt ist gerade „Bullitt“ dran, genau, der Film mit Steve McQueen.

    Es ist auch nicht typisch für mich, dass ich seit einiger Zeit ganz gerne bestimmte Platten auflege, die lange vor meiner Jazz-Entdeckungs-Zeit aufgenommen wurden. Vorzugsweise „Way Out West“, von Sonny Rollins, und „Midnight Blue“ von Kenny Burrell. Ich sehe keine Bilder beim Hören von Klängen, aber es fällt mir leicht, innere Filmsequenzen abzuspielen, wenn ich es will. Und genau das will ich zuweilen, wenn mir bewusst wird, dass diese Aufnahmen Zeit still stehen lassen, Zeit ablichten.

    Ich schaue mir das Aufnahmedatum der beiden Platten an, und katalputiere mich in das jeweilige Studio. Von beiden Studios habe ich etliche Fotos, so dass ein beträchtlicher Realismus garantiert ist. Ich sehe die Musiker vor mir, sie trinken Bier, reden miteinander (ich schnappe einzelne Sätze auf), in der Regel gehe ich vor die Tür, und wenn ich weiss, wann die Session beginnt, suche ich mir eine Bar in der Nähe. In einem Fall ist es 1957, überlegen Sie mal! Wir sind zehn Jahre vom „summer of love“ entfernt, die Bars und Skylines erinnern mich an all die Filme, die ich aus jener Zeit kenne, „black and white and beautiful“. Einmal hätte ich fast Ray Barrettos ersten Auftritt an den Congas verpasst, als ich in der „Upper River Bar“ einen Whisky zuviel trinke, und eine Lady mir etwas von ihrer Kindheit in Georgia erzählt.

    Autumn 2019: Some years and ago, a friend asked me about the best-sounding jazz album ever. What a question, I answered. I don‘t know anything about „ever“, but ask me about a certain time. Then he asked me about the best-sounding jazz album of my teenager years, and the best-sounding album „before my time“. Okay, choices made instantly. I said, „Dis“ with Jan Garbarek, Ralph Towner, and the short appearances of a wind harp.

    And thinking of the times before my time, I said, „Way Out West“. It was made in the middle of the night on March 7, 1957, in the shipping room of a small Los Angeles record company, with an underpaid engineer recording a trio playing cowboy songs on a first-generation stereo Ampex tape deck through a homemade mixing console. It seems an unlikely setting for one of the greatest jazz recordings of all time, musically and sonically.

    But the players were Sonny Rollins and Ray Brown and Shelly Manne, and, on that night, they were cookin’. What seems like strange duo of vinyl albums, makes some extra sense when realizing a strong bond between them: deep relaxation, high intensity, breathing space. Pure transzendence. Real favourites.

    Now, with some studio chatter and unreleased versions, a double vinyl edition of Sonny Rollins’ classic has been published. You don‘t need to have that one, a single vinyl edition is enough to induce addictive deep listening. The sound is dry, but vibrant, the channel separation has its own aura, far away from being one of these minor quibbles in regards of the limitations of early stereo. Come on. It‘s a cracker. Joyful and deep. I was enthusiastic when I spoke about it during a talk with Norwegian master bass player Arild Andersen years ago. He had never heard it, just knew about its existence. Now, finally, he has it at home, and has one word for it: GREAT.

    (Two old „mana“ texts from m.e., minimally revised)

  • Dee Dee Bridgewater in Berlin

    Am Sonntag Abend trat im Berliner Pierre Boulez Saal – einem Ort, in den ich verhältnismäßig häufig zu Konzerten gehe – Dee Dee Bridgewater auf. Das muss wohl die beste Jazzsängerin sein, die ich in meinem Leben erlebt habe. Abbey Lincoln hätte ich auch gerne mal gesehen. Zur Zeit höre ich aufgrund einer Reise in die 1960er häufiger Alben von Nina Simone; da ist auch eines besser als das andere. Womöglich haben nur Bob Dylan und Miles Davis und vielleicht noch die Jungs aus Liverpool in den 1960ern so viele großartige Alben aufgenommen.

    Dee Dee Bridgewater hat mich auf ihren Alben oft nicht ganz so begeistert, daher hatte ich keine enormen Erwartungen, wollte einfach mal die Gelegenheit ergreifen, sie zu erleben; ist ja immerhin auch schon 75, die Dame. Und im Boulez Saal bieten sie neben den richtig teuren Karten fast immer auch welche für 15 Euro, und dort, in der letzten Reihe (Reihe 6 bzw. 8, je nachdem, ob es zusätzliche Bestuhlung auf der Bühne gibt) sind Sicht und Klang auch nicht (oder allenfalls unwesentlich) schlechter als auf den weitaus teureren Plätzen. Und wenn vereinzelt Plätze frei bleiben — was eigentlich immer vorkommt, kann man sich ganz einfach auch ein Stückchen weiter nach vorne setzen, und so saß ich gestern in der zweiten Reihe, also ganz dicht dran, was gerade bei diesem Duo-Rahmen mit Helen Sung am Flügel ein großer Gewinn war. 

    Und ich hatte ja keine Ahnung! Was für eine Präsenz! Welch ein Charisma, welch stimmliche und interpretatorische Meisterschaft, und welch ein Draht zum Publikum! Wie sie ins Gespräch mit dem Publikum, vor allem einzelnen Leuten in der ersten Reihe, ging, als würde man sich schon länger persönlich kennen; wie sie durch allerhand Erzählungen in jedem Moment, nun ja, im Moment war — und mit Humor und Weisheit und unbändiger Freude durch diese Performance führte, Begeisterung zeigte und lebte für die Kunst, für die Musik, für den Saal (sie erzählte, wie sie ein paar Monate nach ihrem vorigen, ihrem ersten Auftritt in diesem Saal bei einem Herbie-Hancock-Abend noch Frank Gehry kennenlernen durfte und ihm die Begeisterung für diesen Saal persönlich mitteilen konnte) und für ihr Publikum (und deren Schuhe). Und wie die deutlich jüngere Helen Sung kongenial am Flügel begleitete! Offenbar war das ihr erstes Duokonzert. Es war ein Ereignis. Und es ging von 18 Uhr bis Dreiviertel neun, inkl. einer nicht allzu langen Pause.

    Ein Gast in der ersten Reihe hatte ihr einen Blumenstrauß mitgebracht, und passenderweise, ausgelöst durch ihre Nachfrage, wer beim letzten Mal schon da gewesen sei, erhielt sie diesen sogar direkt zu Beginn, bevor sie mit dem ersten Lied loslegte, sichtlich bewegt. Immer wieder sprach Dee Dee Bridgewater auch über Persönliches, bis hin zur Erinnerung an ihre früh verstorbene Mutter (nach einer ergreifenden Interpretation von My Funny Valentine) und an eine Depression und ein paar Tage, die sie sich in eine psychiatrische Station begeben hatte, wegen Suizidgedanken, dann aber entlassen wurde, weil die anderen Patienten lieber mit ihr als mit den Ärzten gesprochen hätten. Je länger der Abend ging, desto mehr Inspiration und Lebensmut verteilte Dee Dee Bridgewater im Saal. 

    Sichtlich waren alle Anwesenden derselben Meinung, einen großen Abend einer großen Künstlerin erlebt zu haben; der gesamte Saal stand zum Schlussapplaus ohne Zögern auf. Und ich konnte glücklicherweise am Künstlereingang dann auch noch zwei CDs signiert bekommen, die ich sehr schätze. Red Earth ist ein reichhaltiges Album mit vielen verschiedenen Einflüssen, u.a. ihrer Biografie und ihrer Beschäftigung mit ihrer familiären Vorgeschichte in Afrika, speziell in Mali. Neben drei weiteren Klassikern ist auch Four Women iauf dem Album, von Nina Simone. Deren Alben und Songs kann man sowieso nie oft genug hören. 

    Und die Klassiker, die gestern Abend zu hören waren, in diesen freien, langen Interpretationen mit Klavierbegleitung, waren allesamt meisterhaft dargeboten, wie ich das noch nie in einem Jazzkonzert erlebt habe. 

    • I’m Beginning to See the Light (Ellington)
    • ’S Wonderful (Gershwin)
    • In The Still Of The Night (Porter)
    • Honeysuckle Rose (Fats Waller)
    • Mood Indigo (Ellington)
    • Sometimes I’m Happy (Sometimes I’m Blue)
    • Caravan (Ellington)
    • My Funny Valentine (Rodgers/Hart)
    • The More I See You
    • A Foggy Day (Gershwin)
    • Angel Eyes
    • Love for Sale (Porter)
    • Just One of Those Things (Porter) 
    • Fine and Mellow (Billie Holiday)
  • Demnächst in diesem Theater …

    Mark Hollis in Hamburg (1998) (ein Interview)


    … oder in den Klanghorizonten Ende September!

    On Memory Lane, some years ago: The guy from „Zen Sounds“ is strolling through Mark Hollis‘ life, and time‘s rush (and the coffee I am drinking some miles before Bremen) is now filled with sugar and sadness. By chance, I made one of the two last interviews he ever did, in 1998, in Hamburg, before the release of „Mark Hollis“. And I was meeting him before In 1991 or 1990. In that week when the huge cover of Talk Talk‘s „Laughing Stock“ circled on the roof of Polydor Records‘ skyscraper, I sat in his little appartment near „Angel Station“, with Markus Müller (who is now the CEO of the Monschau Jazz Festival, remember his FMP book, or the ECM exhibition in München…), and we listened to his stories, for example about Mark’s neverending love for that first Duke Ellington piece of his only album with John Coltrane… „listen, these first moments of Elvin Jones there“, and whenever I come across the name of that Underground station, it hurts. „Angel Station“. For fuck’s sake. When meeting him again in the big Hamburg hotel, there was (really strange, and unexpected) this joy, unfiltered, similar to seeing an old friend again, a big smile on his side, on my side then, too. In those two hours, while drinking tea, there was a very kind, heartfelt connection. If I now think back to that scene, after all those years, it brings a tear to my eyes. I’m NOT „romanticizing“ this. All these special moments in life, you don’t return to them necessarily in your last moments, on the deathbed, you can bring them up – en passant, and they can serve. Everything wounded will flow. Little helpers on the way. The elevation of a (sudden) melancholic vibe. Mark Hollis never released any more offical recordings after his solo work. In 2001, he produced two songs for jazz saxophonist Jan Garbarek’s daughter Anja on her album Smiling & Waving. And, there I was, sitting in Anja‘s living room in Notting Hill – on her wall the magnified cover of Brian Eno‘s „On Land“, Anja talking about her album, and about the last appearance of Mr. Hollis in a record studio.

  • Sampling Sam (in dear memory of Ian McCartney)

    Was für ein Album! Chapeau! Das Besondere daran ist, wie die Musik Niederlagen euphorisch klingen lässt. Je nach Stimmung kann es ein aufbauendes Album sein („It’s all right“ dient dabei als Schlachtruf) oder ein einzigartig niederschmetterndes. Es sind vielschichtige Porträts: farbenfrohe Städte, bevölkert von einsamen Menschen, romantische Gesten, die mit Schweigen beantwortet werden, wunderschöne Abende, die ins Leere laufen. Wie zu Liedgut gewordene Edward Hopper-Gemälde, nur, dass den Protagonisten ihr Lächeln nicht vollkommen abhanden gekommen ist. Die unmittelbarsten Stücke des Albums wechseln zwischen Stimmungen hin und her wie ein Flugzeug, das durch die Wolken taucht. Ein Song reitet auf seinem leuchtenden New-Wave-Groove, während der Sänger eine Geliebten darauf hinweist, dass etwas nicht stimmt. Ein anderer Haus beginnt mit einem traurigen Krankenhaus-Puls und Schilderungen einer langen, schlaflosen Nacht, doch er steigert sich zu einer Einladung, zu seltsamer Eleganz in einem Luxusauto. „Morgen werde ich da sein“, singt er am Ende stolz, „Oh, warte nur ab.“ Manchmal glaubt man ihm das. Einige von euch werden dieses Album kennen. Ich habe eine wundervolle Cd-Edition wiederentdeckt bei meiner Inventur. Es bleibt nur übrig, was mir unverwüstlich ist. Dieses Album gehört dazu, aus der Abteilung „slow burner“. Um welches Traumteil handelt es sich wohl?

  • Fly The Ocean…

    Es gibt grossartige Musikalben, die so ganz anders klingen als Lieder und Instrumentalstücke, die sie wesentlich inspiriert haben. Die Byrds haben über Wochen „A Love Supreme“ gehört, bevor sie „Eight Miles High“ einspielten. Brian Eno verlor sich in den Räumen von Miles Davis‘ „He Loved Him Madly“, als er über Jahre hinweg an „On Land“ arbeitete. Und Pan American aka Mark Nelson hörte bei der Arbeit an seinem neuen Werk , wieder und wieder, bis er jeder Windung dieser Songs in seinem Inneren nachspüren konnte, „Promised Land“ von Chuck Berry, und „You Belong To Me“ von Jon Stafford. Vielleicht schwebten diese beiden Lieder auch von Anfang allein durch sein viszerales Gedächtnis. Es ist ein unfassbar persönliches (aber nicht im Privaten verharrendes) Album geworden, ohne eine einzige greifbare Songzeile – hier und da auftauxhende Stimmen wie dem Horizont abgelauscht. Der Titel des Albums, Fly The Ocean In A Silver Plane“, stammt aus dem Song von Jo. (m.e.)

    “Fly The Ocean In A Silver Plane“

    „Zwei Lieder bildeten das Rückgrat dieser Musik. Lieder, die ich schon immer geliebt habe – es scheint, als hätte ich sie schon geliebt, bevor ich sie überhaupt gehört hatte. Das erste, und die Quelle des Titels, ist „You Belong to Me“ von Jo Stafford. Abgesehen von den für unsere modernen Ohren unübersehbaren kolonialen Anklängen ist es auch eine wunderschöne Romanze aus der Mitte des Jahrhunderts – und eine Ode an die Bedrohung durch eine immer kleiner werdende Welt. Das Lied beschwört die Einsamkeit und das Geheimnisvolle des Alleinseins und des Zurückgelassenwerdens. Der Sänger bittet seinen Geliebten nicht, den Horizont zu verschließen, sondern erinnert ihn lediglich daran, zurückzukehren, wenn die Reise vorbei ist. Der „Silver Plane“ des Übergangs, der Veränderung und des Dazwischen beiseite zu lassen zugunsten der Geborgenheit fester Erde.“ (Mark Nelson)

    “Promised Land“

    „Der zweite Song ist „Promised Land“ von Chuck Berry. Auch hier geht es um eine Reise, und auch dieser Song bewegt sich mühelos zwischen Allegorie und Erzählung. Der Sänger ist unterwegs durch das von Rassentrennung geprägte Amerika und versucht, das gelobte Land Kalifornien zu erreichen. Der Song ist sowohl eine abenteuerliche Geschichte, die an Mark Twain erinnert, als auch ein amerikanisches Epos, das sich gut in die Reihe von Herman Melville einreiht. Als der Held es endlich nach Kalifornien schafft, ist sein erster Impuls, zu Hause anzurufen und der Alten Welt zu versichern, dass er sicher in der Neuen angekommen ist.“ (Mark Nelson)

  • Ella Edelmann erlebt Lucrecia Dalt


    Keine Spur von ironischen Brechungen oder schwarzen Humor bei Lucrecia Dalts aktuellem Album. Es wäre spannend, mal mit der besten neuen Freundin von David Sylvian (zu seinen Konzerten kamen ja auch gerne viele schwarzgekleidet), ein Interview über ihre Beziehung zu „Goths“ zu führen, diesem brillianten Trip der Mountain Goats in die „Goth“-Szene. Falls sie das Teil überhaupt kennen. Eine Spezialistin für Horrorfilme ist Lucrecia allemal. „A Danger To Ourselves“ ist eines der grossartigsten Alben des Jahres 2025 gewesen, nicht nur in meinen Ohren, und mit einem Cover, das noch jeden ehemaligen „Grufti“ hinterm Ofen hervorlockt. . Im Ernst, ein klanglich restlos faszinierendes Werk. HIER das Video zum Song „Divina“. Übrigens ist da Cover eine Hommage an David Lynchs „Twin Peaks“. Der spukt immer noch überall herum. (m.e.)

    Zunächst zum Voract Moritz Fasbender. Vielleicht wider Erwarten verbirgt sich dahinter eine Klangkünstlerin und zwar Friedrike Bernhardt. Sie hat mich mit ihrem zärtlich-düsteren Set aus scheppernden Rhythmen, Klaviertönen und Synthesizer-Motiven ganz eingenommen. Vermutlich auch durch die blaue Beleuchtung und den Tiefseehöhlen-artigen Charakter des UT Connewitz hatte ich dabei eine Reihe von Unter-Wasser-Assoziationen, von U-Boot bis Fischschwärme.

    Besonders charmant fand ich auch die Song-Ansagen beziehungsweise Moderation, die aus einem alten Radio drang. Ich mochte auch die Zurückhaltung mit der das Set vorgetragen wurde. Engagiert und vom eigenen Tun überzeugt, aber einem Publikum nichts aufzwingen wollend. Das hat mir gut gefallen und in mir auch wirklich die Lust geweckt, mal wieder etwas elektronischere Musik zu hören, vielleicht auch mal wieder dazu tanzen zu gehen.

    Jetzt also zu Lucrecia Dalt. Gleich vorab gesagt: Es war wirklich eines der schönsten Konzerte auf denen ich dieses Jahr bisher war, zwar hat meine exzessive Konzertphase dieses Jahr auch noch nicht richtig begonnen. Gerne möchte ich sie aber durch Lucrecia Dalt als eingeleutet begreifen und denke, dass das Konzert auch durch demnächst noch folgende nicht allzu schnell in meiner Erinnerung verblassen wird.

    Was ich gleich zu Beginn angenehm fand, war die Gelassenheit, mit der Lucrecia Dalt und ihre beiden Begleitmusiker ihre Musik vortrugen. Alle, in Schwarz gekleidet und mit kantigen Sonnenbrillen ausgestattet, hatten eine ganz mühelose Eleganz und Ruhe an sich. Und auch wenn mir Sonnenbrillen in Innenräumen manchmal zweifelhaft erscheinen und die Tendenz zum Prätentiösen haben können, fand ich das hier irgendwie passend und schön.

    In seiner Eleganz und Musikalität ganz besonders bemerkenswert fand ich insbesondere den Percussionisten ganz bemerkenswert, dessen Schlagwerk und -zeug wie eine Kugel um ihn angeordnet war und in deren Innerem er sich geschmeidig bewegte wie eine Katze, um in Momenten größer rhythmischer Steigerung dann ganz losgelöst aber immer noch fließend und schön anzusehen alles herauszutrommeln.

    Lucrecia Dalt sang ganz wunderbar und ergänzte ihre Titel sehr wirkungsvoll mit E-Gitarrenspiel. Schön fand ich auch Momente, in denen sie ihren Gesang mit Loops schichtete und ganz sphärische Chöre kreierte, die die Unbedarftheit und angenehme Zurückhaltung des gesamten Abends aber nie brachen.

    Ich mochte auch die Setlist, die lauter und rockiger Begann, um in der Mitte dann ganz ruhig und von einer ganzen sanften Sentimentalität zu werden. Gegen Ende nahm das Konzert dann aber wieder etwas mehr Schnelligkeit auf und auch das war sehr schön und ein passender Abschluss.

    Mit am besten gefallen haben mir auch die Stücke, in denen Lucrecia Dalt mehr spricht als singt. Eher sprechgesangige Stücke live rüberzubringen, finde ich manchmal gar nicht so einfach, hat mir hier aber ganz besonders gut gefallen.

    Insgesamt fand ich das Konzert auch atmosphärisch sehr schön. Das in diesem Fall kinobestuhlte UT Connewitz ist insgesamt ein schöner Ort für Veranstaltungen und hatte auch hier etwas heimeliges und war ein schön privater Rahmen, der der wunderschönen Musik Lucrecia Dalts aber auch den Raum und Hall gelassen hat, der ihr gebührt. Auch das Ensemble aus Percussion, Gitarre plus Gesang und Bass (E- wie Kontra-) hat die Songs toll arrangiert und hat Spaß gemacht anzuschauen.

    Sollte Lucrecia Dalt noch ein viertes Mal in Leipzig spielen – sie verriet, sie sei nun zum dritten Mal da – würde ich unbedingt wieder dabei sein wollen.

    (Ella Edelmann)

  • 12 records, 12 horizons

    Bill Wells: Dreams 24/25 is fantastic. (for people who like Colossal Youth, Wissenswertes über Erlangen, Himmelblau)

    Don Cherry: Relativity Suite (1973) is fantastic. (for people who like Brown Rice, Bitter Funeral Beer, Tropic Appetites)

    Jonathan Richman: Only Frozen Sky Anyway is fantastic. (for people who like Embrace The Herd, Pink Moon, Cosmic Thing)

    Asher Gambedze: Semblance Of Return is fantastic. (for people who like Geechee Recollections, On The Corner, Good News From Africa)

    Pan American: Fly The Ocean In A Silver Plane is fantastic (for people who like Mi Media Naranja, Close , La Douxième Journee)

    Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet: Dansere (1975) is fantastic. (for people who love Ruta and Daitya, Solstice, Yellow Fields)

    Björn Meyer: Convergence is fantastic. (for people who like Souvenance, Emerald Tears, Stone Flute)

    Khelan Phil Cohran and Legacy: African Skies is fantastic. (for people who like Love and Peace (the reggae masterpiece), Music For 17 Musicians, Spirits

    O.S.T. Sirāt is fantastic. (for people who like Lohn der Angst, Locke, Tierra)

    Tinariwen: Hoggar is fantastic. (for people who like Siwan, Teatro, Nebraska)

    Eivind Aarset: Strange Hands is fantastic. (for people who like Dream Logic, Nerve Net, Skywards)

    Étienne Nillesen: Twee is fantastic. (for people who like Singing Drums, Dream House, Life Of)

  • No Pussyfooting (for Mikal Gilmore who once opened me up for „the idea of passivity“)

    “the most enjoyable pop electronics since Terry Riley’s A Rainbow in Curved Air and that it was…more visionary and more romantic than James Taylor could dream of being.”

    Zwar liebte ich dieses erste Frippertronics-Album vom ersten Tag an, als ich es zu hören bekam, aber das dauerte bis zum Winter 1975! Da ich mich, alter Hut, nie begeistern konnte für die ersten zwei Roxy Music-Alben, fiel Eno erst mal hinten runter, und dann schrieb noch der geschätzte Manfred Sack in der ZEIT einen bösen Verriss über No Pussyfooting, in Richtung eines drogenvernebelten „Klaus“ der „minimal music“. Aber alles kam, wie es kommen musste, als ich innnerhalb weniger Wochen „Taking Tiger Mountain“, „Evening Star“, „No Pussyfooting“ „Discreet Music“, und „Here Come The Warm Jets“ erstand. Mein persönliches Shangrila im Winter 1975. Es gab noch eine Welt nach den Kinks und den Beatles. Meine ersten fünf Eno-Platten, und alle gingen durch die Decke in meinem Würzburger Studentenwohnheim. Einzige Ausnahme war Seite 1 von „Evening Star“, namens „Index Of Metals“. Damit wurde ich nie warm.

    Manfred Sack war übrigens wichtiger Multiplikator der frühen ECM-Jahre, allein den rhapsodischen Stil von Keith Jarretts Soloalben mochte er nicht. Ich habe so gut wie alle Frauen in meinem Leben nehr oder weniger verrückt gemacht mit meiner Liebe zu Brians Musik. Manche mochten ihn aber auch, früher oder später. Nach wie vor krieche ich in die beiden langen Stücke von No Pussyfooting hinein, die Klänge beglücken mich, ich habe sie nie rein historisch oder analytisch gehört. Ob „Swastika Girls“ oder „The Heavenly Music Corporation“.

    Natürlich, nach so langer Zeit, bildet sich eine feine nostalgische Patina, wie bei alten Teekannen, aber die Faszination bleibt unangestastet. Wie bei dem ersten This Heat-Album. Wie bei „Low“. Wie bei „Marquee Moon“. Wie bei „Time Fades Away“. Wie bei „Chairs Missing“.

    When Eno in, I think, July 1972, said, “Would you like to plug in?” without explaining how his tape setup worked, he gave me the technical means to build layered sound – emulating, if you like, a string quartet [with the fuzz].

    Along with Eno, you’re one of a small cadre of cult English eccentrics – people you’ve often worked with, such as Robert Wyatt, Peter Hammill, David Sylvian… 

    You’re putting me in good company there.

    …even Peter Gabriel, though I guess he’s on a different level, commercially

    Peter Gabriel is one of the industry’s genuine good guys. And I have a deep, abiding and ongoing respect for Robert Wyatt. I think one of the reasons I was asked to produce Matching Mole’s Little Red Record is that Robert was too good and generous a person to be able to take that role on himself, a role which fell to me in King Crimson, which is one of the reasons I have a terrible reputation in the industry. I believe I was never paid for producing that, but you don’t work with Robert to earn a living, you work to be in Robert’s creative space. Similarly with Eno. [Label and management] EG acted to prevent [1973’s] (No Pussyfooting) from having a major release at the time as they felt working with this leftfield character, Fripp, would handicap Eno’s chance of having a commercially successful career. However, David Bowie listened to it – maybe Iggy Pop mentioned it to him, as I was told that Iggy could whistle all the main themes to (No Pussyfooting). When Bowie invited Eno to Berlin for Low, I later heard that he was interested in inviting me too, but I was in retreat at Sherborne House, and I didn’t get the call until July 1977. I think my best work as a guitarist has been mainly with Eno and Bowie.

    HERE a flowie „waterfally“ interview from 1998 with Robert sharing my questions with wonderful lad Michael Frank. The long quote is taken from an extended interview with Fripp from the July edition of Uncut. i loved No Pussyfooting from day one!