• 12 Unterhaltungen

    Ryuichi Sakamoto
    seeing sound, hearing time

    11.09.2026 bis 20.06.2027
    Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart

    Ich muss keine Pressetexte lesen, keine alten Geschichten über frühere Zusammenarbeiten, um über ein Album zu schreiben, dass sich dermassen reichhaltig in der Stille und ihrer unmittelbaren Nachbarschaft rumtreibt, wo bei aller Leisestärke verdammt viel los ist: denn entfesselt kommen diese intimen Dialoge zwischen Ryuichi Sakamoto und Alva Noto alias Carsten Nicolai allemal daher – mit jeder Unterhaltung wird ein dezent anderer Raum erkundet: es beginnt alles mit einem Stück, in dem der Diskurs von Wohlklang und Dissonanz von vornherein den Verdacht ausräumt, hier würden diverse Erhabenheiten ausgetauscht, und sonstig geheiligter Wohlklang, gefährlich nah am Kitsch. „12 Conversations“ (Vinyl, Cd, Dl) ist eines dieser Alben voller Piano, Elektronik und raffiniert geflochtener Samples, das alles dafür tut, auch beim Rezensenten dieser Zeilen abgegriffene Superlative hervorzulocken. Da halte ich mich besser zurück, und staune vorzugsweise insgeheim und bei gedämpftem Licht über ein Werk, das mich in seine ureigene Wildnis lockt, und, zum Ende hin, in den letzten zwei Konversationen, nicht unbedingt zu erwarten auf einem Album, in dessen Entstehung Todesnähe mitschwang, mit traumverlorener Lebensfreude überrascht. (VÖ: 18.9.)

  • Opus

    (English here!) 

    Der Konzertfilm mit Ryuichi Sakamoto, produziert im Studio, weil Live-Bühnenauftritte seiner zweiten Krebserkrankung wegen nicht mehr möglich waren. Sein Sohn Neo Sora führt Regie, Bill Kirstein ist für die Kamera verantwortlich. Ich hätte den Film gern im Kino gesehen, aber er lief in Pittsburgh nicht. Nun also die DVD. 

    Opus ist ein Film in schwarzweiß in gedämpftem Licht, ohne Worte (mit einer Ausnahme), und auch sonst in jeder Hinsicht äußerst zurückgenommen. Sakamoto spielt allein am Grand Piano in einem ihm vertrauten Studio, umgeben von ihm vertrauten Mitarbeitern, umkreist und beobachtet von einer sensibel geführten Kamera. Wir hören 103 Minuten Solopiano, 20 Werke aus den Jahren zwischen 1972 und 2018, in einem Stück („20180219“ vom Album 12) ist das Klavier präpariert. Man könnte befürchten, dass eine Stunde und 40 Minuten Klaviermusik langweilig sind, aber das sind sie keine Sekunde lang — wenn man wirklich zuhört. Diese Bereitschaft muss man als Hörer allerdings mitbringen.

    Ein spezielles Kompliment gebührt dem Toningenieur Zak und seinem umfangreichen Team, denn es gibt keine lauten Töne in dem Film, Sakamoto spielt zeitweise extrem leise, so dass sogar die Kameraschienen mit schweren Gewichten am Boden fixiert wurden, damit Kamerafahrten keinerlei Geräusch verursachen konnten. Wer die Möglichkeit hat, Dolby 5.1 zu nutzen, sollte das tun. Der Klavierklang ist kristallklar, und es sind wirklich keine Nebengeräusche zu hören außer jenen, die beabsichtigt sind: dem Klang der Pedale, die Dämpfer, gelegentlich Sakamotos Atem.

    Sehenswert, weil tatsächlich informativ, ist der 15-minütige Bonus Meet the Filmmakers mit Neo Sora (rechts im Bild) und Bill Kirstein.

    Das letzte Stück („Opus – Ending“) spielt das Piano, ein Yamaha Disklavier, allein. Sakamoto hat das Instrument verlassen, geisterhaft sieht man die Tasten sich bewegen. Einen besseren Schlusspunkt hätte man nicht finden können.

    Knapp ein halbes Jahr später, im März 2023, hat sich Ryuichi Sakamoto für immer verabschiedet.