• Orte für den Nebel, Orte für das Schmelzen

    Auch die Schrifttypen auf der Rückseite des LP-Covers schienen den Titel „Von Nebel und Schmelzen“ ernst zu nehmen, und die letztes Reste der Druckerpatrone (oder des Farbbandes der Schreibmachine – es war der Dezember 1977, als dieses Album enstand) zu verfeuern, als wären die Buchstaben selbst, ob Namen, Orte oder Titel preisgebend, von der Auflösung bedroht. Wo kam Bill Connors her, wo ging er hin?

    Als der Gitarrist, dessen Lebensweg vom elektrischen Sound der Rockmusik (Stones, Hendrix, das volle Programm) und des Fusion Jazz zum akustischen Klangbild des ECM-Kammerjazz überging, zwischen 1975 und 1980, um es dann wieder mit der riesigen Spielwiese des elektrifizierten Sounds und ihren fortlaufend neuen Spielzeugen aufzunehmen, entstanden eine gute Handvoll Alben, bei Manfred Eichers Hauslabel oder Paul Bleys I.A.I., einer Art ECM-Parallelwelt, in der dem kanadischen Pianisten etwa das zweithinreissendste Solopianoalbum seines Lebens gelang, „Alone, Again“, Jahre nach dem Geniestreich „Open, to love“.

    Es wundert mich nicht, dass Bill Connors fast ein halbes Jahrhundert später mit Wehmut auf diese Phase, und nicht zuletzt auf „Of Mist And Melting“, zurückblickt, dass jetzt in einer makellosen Pressung in der Vinyl-Serie „Luminessence“, neu aufgelegt wurde, mit feinem Gatefold-Cover und klugen „liner notes“ von Friedrich Kunzmann. An Connors‘ Seite Jan Garbarek, Jack DeJohnette und Gary Peacock, und zwar in jener Fabulierlust und Konzentration, die in den 1970er Jahren des Münchner Labels stilbildend und Abenteuer zugleich waren. Leicht irreführend könnte es übrigens sein, wenn der Leser dieser Zeilen mit meiner fahrlässig hingeworfenen Vokabel vom „Kammerjazz“ sogleich andere Schubladen zieht, vom „lyrischen Sound“, von der „Stille zwischen den Tönen“. Ein kleiner Teil der Wahrheit ist schon zuviel des Irrtums.

    Denn dieses unfassbar aufregende Album treibt die Dynamik von „aus der Haut fahrend“ und „in sich versunken“ dermassen auf die Spitze, dass reines Staunen und Gänsehaut zu den meistgenannten Begleitphänomenen des „deep listening“ zählen dürften. Bill Connors gefährlich ruhiges, seltsam kontrolliertes Spiel auf der Akustikgitarre drängt in keinem Augenblick ins Rampenlicht, und doch sind Ekstase, stille Präsenz, Hitze und immense Reibung allgegenwärtig – die Fenster dieser „Jazzkammer“ ohnehin sperrangelweit aufgerissen. Das mit dem Nebel und dem Schmelzen ist eben ein verdammt weites Feld.

    Was man übrigens auch an jenem anderen Meilenstein sieht, der im gleichen Dezember 77 entstand: „Places“, von Jan Garbarek, einmal mehr mit Bill Connors, Jack DeJohnette. Was Wunder, dass das Cover einmal mehr in allen möglichen schillernden Grautönen daherkam! Das Quartett vervollständigte diesmal der britische Pianist John Taylor, der mir einmal mit Schmunzeln von der leicht defekten kleinen Orgel erzählte, die auf „Places“, trotz des edlen Konzertflügels, auf regen Zuspruch stiess und für manch hinterhältigen Zauber sorgte. Ein Schelm, wer an Robert Wyatts beschädigte Mini-Yamaha-Orgel denkt, die schon auf „Rock Bottom“ reizvolle Unterströmungen bescherte!