• Dunstküste

    Während der grösste Teil von Deutschland schwitzt, liegt über Teilen der ostfriesischen Inseln ein Hochnebel, oder nennt man es Wolkendunst. Die Sonne versucht vergeblich, ein Loch in die Wolken zu brennen, auf 17, 18 Grad hat sich alles nah der Windstille eingegroovt. Auch nachts. So gibt es keinen idealen Strandtag, aber meditatives Verweilen in all den Dingen, die ich schon mit acht Jahren auf der Insel anstellte, ein talentierter Brötchenholer schon damals! Hin mit dem Fahrrad zur Meierei im Ostland (aus den Bonanza- Und Hollandrädern sind E-Bikes geworden), vorbei an der Melkhörndüne (die natürlich jedesmal bestiegen werden will, die Fernrohre an Aussichtspunkten sind rarer geworden), dann über den Deich zum Fährhafen (in den Cafés seit eh und je die Dominanz des Rührteiges), der Besuch in der Buchhandlung Krebs, der ewige Wasserturm auf dem Strandweg, die kleinen Unterhaltungen mit Strandkorbnachbarn.

    Wie die Welt, und auch die Erinnerungen sich wandeln, wenn ich unterwegs Daniel Lanois‘ „Belladonna (Nocturne)“ höre – und ich höre nichts anderes! Da kommt eine besondere Art von Wehmut auf, manchmal der berühmte Schauer von Wirbel zu Wirbel. Mittlerweile ist ja „Ambient Americana“ ein Sub-Genre der Ambient Music geworden, und Lanois zählt mit seinen Arbeiten aus den 1980er Jahre zu den Pionieren, doch „Belladonna Nocturne“ ist alles andere als selige Rückschau (auch wenn ein Track „Early Days“ heisst). Call it multi-dimensional! Eine sanfte archaische Wucht öffnet den Raum über Inselhorizonte hinaus, verlangsamt den Blick, Nachtschattenhaftes bricht aus mit Brian Blades Schlagwerk. Eine seltsam irrationale Euphorie, die viel Fernes nah heranzoomt, Träumerei, altes Schweben, Gasthöfe der Kindheit, Stille bis zum Festland, und, nach Jahrzehnten endlich mal wieder, einen Becher Milchreis mit Zimt und Zucker! Schon jetzt ist „Belladonna Nocturne“ eines meiner Lieblingsalben des Jahres.