Irmin (remix)
Wenige Dinge sind so nervend wie die klassisch angehauchten Klimperstudien, die Unbegabte auf leidlich gestimmten Klavieren in grossen Buchhandlungen feilbieten. Und die Stirn legt sich durchaus in Runzeln, wenn ein Pionier des wilden Undergrounds der frühen Jahre, im hoffentlich langwährenden Lebensabend angekommen, zum Konzertflügel findet, und „Schubert“ sagt. Er sagt auch „Cage“, er sagt auch „Gagaku“, und als letztes verweist er, angesichts seiner „spontanen Meditationen“, darauf, dass natürlich auch der wilde Underground zum emotionalen Gedächtnis zähle, welches diese 5 Klavierstücke mitgeformt habe, also sagt er auch „Can“.
Ernst Jandl war es schon immer suspekt, in welche Wallungen „Kulturbetreiber“ geraten, wenn sie sich salbungsvoll geben. In seinem Gedichtband „Die Bearbeitung der Mütze“ bekam der gute alte Rilke-Kult sein Fett weg, und, wenn man das im Vorfeld liest, was hier nun an kulturellem Gepäck abgeladen werde, könnten „böse Zungen“ dichten: „Schubert schubst einen Stuhl um / Cage sitzt auch am Tisch herum / Alles ein wenig gaga und Gagaku / eins, zwei, drei / und dann noch Can, auwei.“ Nun kommen sie also bald heraus, die „5 Klavierstücke“ von Irmin Schmidt, die er auf zwei Flügeln gleichzeitig darbietet, wir haben einen Pleyel-Flügel vor uns, präpariert a la Cage, und einen Steinway (gerne möchte der Pressetext damit punkten, dass es ein hundert Jahre alter Steinway ist).

Und dann höre ich also in aller Ruhe diese CD, die letzthin vollkommen unaufgefordert in meinem Briefkasten lag, und von der ich mittlerweile auch wusste, und bald bestätigt fand, dass sie im Süden Frankreichs an einem belebten Badestrand der Cote D‘Azur aufgenommen wurde, so dass also Kindergeschrei und Wellenrauschen einen steten Klangteppich bilden, und der Pianist vergeblich versucht, mit manchem Schnack aus Kinderlied und französichem Evergreen die Lauf- und Badekundschaft etwas ruhiger zu stimmen. Mehr gaga als Gagaku.
Ab und zu schneit etwas von Schuberts Winterreise herein, und der Herr am Piano, der nun vollends vom Bar- zum Badepianisten mutiert, hellt die beim alten Franz herrschende Tottraurigkeit mit recht munteren Kapriolen und Triolen auf. Nehmen diese wertvollen Konzertflügel nicht Schaden, wenn man sie komplett in den Sand setzt? Nun, das mit dem Süden Frankreichs stimmt tatsächlich, ansonsten hat ein gewisser Gareth Jones in einem Tonstudio (oder einem zum Tonstudio umfunktionierten Wohnzimmer) das alte Handwerk von „close miking“ perfekt umgesetzt: jeder Pianoton hyperrealistisch, gestochen scharf, und das gesamte Werk spannend entspannend, eine wahre fesselnde Freude.
In manchen Repetitionen könnte man tatsächlich ferne Echos der auch heute noch seltsam rituell wirkenden Musik von Can ausmachen, aber das Betörende an dieser Aufnahme ist, dass eben nichts „heilig“ und „hehr“ wirkt, alles so herrlich „gepäckbefreit“ daherkommt. Klar, dass man nicht ständig im reinen Jetzt lauscht, und so kam mir, in einem dieser subtilen Can-Momente, eine Erinnerung an mein erstes Hören von „Tago Mago“, ein Kumpel fand es am Heiligabend auf seinem Gabentisch, und restlos begeistert an einem der Tage danach (umgeben von Weihnachtsgebäck und Kerzen im Dunkeln), wurden wir fortgetragen an einen fernen, fernen Ort, von den gnadenlosen Rotationen des Schlagwerks, und all den rätselhaften Sounds ringsum.
(m.e.)
“Batik“

Es war Hochsommer, es war der August des Jahres 1978, als ich mir die brandneue Schallplatte „Batik“ zulegte, meine Heroen Ralph Towner und Jack DeJohnette spielten hier zusammen, was nicht oft vorkam(aus dem Kopf fällt mir nur das vorzügliche Album „Deer Wan“ von Kenny Wheeler ein), und der Dritte im Bunde war der Bassist Eddie Gomez. ECM 1121. Es war ein Jahr der Nullpunkte, Abgründe, Trennungen, und Leerstellen in meinem Leben. Die Musik erschien mir seltsam nervös, fahrig, und ich weiss nicht mal, ob ich sie durchhörte – sie fiel durch. Und zwar so gründlich, dass ich ihr bis in die letzte Woche nie eine weitere Chance gab. Als ich mir nun die CD-Version der ECM-Serie „Touchstones“ besorgte, und mir alle Zeit der Welt nahm, musste ich leicht schmunzeln: es waren meine Ohren, die damals nicht in bester „Aufnahmestimmung“ waren, denn das Album ist über seine fünf Kompositionen hinweg mitreissend, wilder, auffahrender in manchen Passagen, als man es von Towner gemeinhin gewohnt sein mag, aber, hey, wunderbar vitalisierende Musik der Sorte „free-the-chamber“, „folk-the-dream“, „paint-the-horizon“! Diese rund sechzehn Minuten lange Reise des Titelstücks: very trippy! Wer ein Freund von Ralph Towners Musik ist, und diese Platte nicht kennt, wird ein Fest erleben! Zwei Anmerkungen: zum einen: die Cd-Version ist mit einer blauen Grundfarbe ausgestattet, die originale LP-Version verströmte eindeutig einen rostbräunlichen Rotton. Eine ästhetische Entscheidung? Zum andern: das „Sequencing“ der fünf Stücke für die Vinyl-Version ist perfekt und alternativlos. Fast jeder, der die Stücke in zufälliger Reihung hören würde, käme wohl zu der gleichen Schlussfolgerung, die auch, was die CD angeht, von mir ein „High Five“ bekommt! „In the words of Scott Yanow: The music unfolds slowly but logically, and Towner’s quiet sound displays a lot of inner heat. Highlights include „Waterwheel“ and the 16-minute „Batik.“ Well worth listening to closely, at a high volume.“(aus unserer kleinen Serie „Wiedergehört nach Ewigkeiten“)
Let’s dance Samba
Während in Deutschland die vier tollen Tage schon vorbei sind und die Sündigen nach Ablass suchen, steigen die Männer hier in Frauenkleider, schminken sich ungekonnt und kreisen um ihren nackt gehaltenen Nabel. Sie tanzen Samba, im Kreis, im Block, alleine. Vier Wochen lassen sich dagegen die Kanaren Zeit, um sich auszutoben und die schrecklichen Weltrealitäten zu vergessen. Ich gehe gern auf diese Streetpartys, um die Musik zu hören und den Tanzenden zuzusehen. Die Stimmung ist ausgelassen bis feurig. Ganz im Gegenteil zu den traditionellen Tänzen, die mich immer an den Jodler Bub dahoam erinnern und der einförmigen Musik, die die Achttonleiter rauf und runder flötet und trommelt. Ich hörte auf einem Karnevalsumzug von einem Brasilianer, der seit kurzem auf der Insel lebt und Webkurse anbietet. Da ich immer weben lernen wollte, machte ich mich auf die Suche nach dem Neuankömmling.Für mich ist es ohne Auto nicht leicht, abgelegene Gegenden aufzusuchen. Ich machte mich auf eine etwas längere Wanderung gefasst. Dass das Atelier aber so steil am Hang lag und die steilen Treppen ohne Geländer zu bewältigen sind, erforderte nun doch meine volle Konzentration. An der grünen Holztür angekommen, klopfte ich so lange, bis endlich jemand die Tür öffnete. Vor mir stand ein lächelnder etwa 60 jähriger Mann, mit einem weichen Gesicht, das mich sofort an das Baby auf dem Hipp Glas denken liess. Ich trat in die Stube ein, überall kleinere Webstühle neben einem grossen. An der Wand war Wolle auf Regalen gestapelt, in den wunderbarsten Farben, dass Goethe bei diesem Anblick sofort seine Farbenlehre hätte erweitern wollen. Der Weber, José Maria, fragte, ob ich einen Tee wolle und verschwand dann aus dem Raum.Jetzt erst hörte ich die leise Musik.
Als er mit Keksen und Tee zurückkam, fragte ich ihn nach der Musik. Er sagte, das sei Samba aus Rio, er würde den ganzen Tag beim Weben Samba hören, die Musik gebe ihm Lebenskraft. Er stellte die Musik lauter und begann leicht seine Hüften zu bewegen. Ich fühlte mich sehr wohl in diesem Ambiente. Ich bat ihn, mir seine Lieblingsmusiker zu nennen. Er zeigte mir auf seinem iPhone zwei Musiker, die ihm mit ihrer ausgelassenen Musik Lebenskraft geben würden. Natürlich habe ich schon Sambamusik gehört. In meiner Bremerzeit, waren Sambaklänge auf jeder Demo zu hören. Als ich wieder in meiner casita war hörte ich mir einige Stücke von den beiden genannten Musikern an.
MARTINHO DA VILA aus Rio de Janeiro singt, schreibt, musiziert. Mich hat ein Song allein schon wegen dem Titel angezogen.
*** Aquarela Brasileira.***
Seht Euch diese wunderbare Landschaft an!
Es ist eine reliktartige Episode, die der Künstler in einem strahlenden Traum für diesen Karneval auserwählt hat
Und der Asphalt als Laufsteg wird die Leinwand sein
Brasilien in Aquarellform.
Beim Spaziergang durch die Ausläufer des Amazonas entdeckte ich riesige Kautschukplantagen…ZÉCA PAGODINHO ebenfalls aus Rio, ebenfalls Sänger und Songwriter.
Ich weiss nicht, wie oft ich das Lied ***Deixa a Vida me Levar*** angehört habe und dazu getanzt habe. Zum Relaxen ist dieser Song besser als jede Yogaübung.
Ich habe in diesem Leben fast alles durchgemacht.
Was Obdach betrifft, warte ich noch immer auf meine Chance.
Ich gestehe, ich bin von bescheidener Herkunft,
aber mein Herz ist edel, so hat mich Gott geschaffen.
Und lass das Leben mich fortführen.
Das Leben führt mich fort
Das Leben führt mich fort…Es ist ein bekanntes Lied. Ich bin sicher, dass all die grandiosen Fußballstars, die leider schon bei Petrus spielen müssen, diese Melodie nicht mehr hinter einer religiösen Zeremonie verstecken müssen, sondern eher den Himmel zum Wackeln bringen.
(Lajla N.)
„Hang on to your dreams“ – Monthly Revelations (March)
Als Einstimmung auf die Empfehlungen für den März kann man einfach mal das Cover dieses zweiten Duo-Albums „Five Years Later“ von Ralph Towner und John Abercrombie auf sich wirken lassen. Zwei colorierte Liegestühle in einem ansonsten schwarzweissen Foto, weisse Gemäuer, das Meer, der Horizont. Die Liegegelegenheiten gleichsam ausgestellt, normalerweise müssten sie ja zum Meer gerichtet sein. Aber diese Sache kann der, der die Szene betritt, im Handumdrehen selbst erledigen. Vita contemplativa. Im Sommer 1976 sehe ich die beiden Musiker in versunkener Stimmung auf den Frankfurter Jazztagen, im grossen Saal. So spannungsgeladen, dass die feinsten Nuancen selbst um grossen Rund nicht verloren gehen. Im Februar 1982 liegt das kleine Paket von Jazz by Post mit der Schallplatte der Zwei in meinem Briefkasten in Bergeinöden bei Grasfilzing, in der Nähe von Arnschwang. Wundervolle Musik. Ich drehe die Liegestühle um, die Möwen kreischen, der Sound ist auch hier, am Ende der Welt, grossartig.

album Tinariwen
film Meredith Monk by Ingo
prose David Emling by Martina
talk Oliver Laxe
radio Tibbetts Towner & Abercrombie by Michael
binge Small Prophets
archive Paul McCandless by BrianHans Schifferle
Liebe Leser, liebe Flowies. Gestern, als ich Roedelius’ alte Tonbänder nach Bonn brachte, zeigte mir TP ein neues Filmbuch, das spätestens auf der Rückfahrt viele Erinnerungen in Gang setzte. Natürlich kannte ich Texte und Kritiken von Hans Schifferle (1957–2021), vor allem aus der Süddeutschen Zeitung und bis zurück in die zweite Hälfte der 1970er Jahre. Und ich mochte sie sehr, ihren schrägen unkonventionellen Blick auf die Dinge, wie sowieso die ganze Bande um Michael Althen, HG Pflaum, Peter Buchka und Co. Dieses Filmbuch werde ich ganz sicher lesen, durchforsten, und es wird mich dazu bringen, alte und neue Spuren aufzuspüren. Und ich glaube, ich werde hier nicht ein einsamer Leser dieser Werkschau sein. Alles andere als trockene akademische, schulgebundene Kost erwartet euch hier. (m.e.)

„Hans Schifferle schrieb sein Leben lang über Filme. Sein Verhältnis zum Kino war von existenzieller Natur. Er wollte Kino erleben und nicht nur Filme schauen. Hans Schifferle akzeptierte keine Genregrenzen und fand auch in vermeintlich zweit- und drittklassigen Filmen einen Reichtum, den andere nur in anerkannten Klassikern sehen wollten. Dank seines immensen film- und kulturhistorischen Wissens, seines Stilbewusstseins, seiner analytischen Fähigkeiten und nicht zuletzt seiner konzentrierten Hingabe an den jeweiligen Film entstanden unter seiner Autorenschaft Filmkritiken und Essays, die lustvoll zu lesen sind und den cineastischen Horizont erweitern. Prägend für Schifferles Akkulturation war die Münchner Kinoszene der 1980er Jahre, als mit dem Filmmuseum und dem Werkstattkino zwei außergewöhnliche Bildungsstätten auf sich aufmerksam machten, ein „Living Cinema“, das darüber hinaus eine neue Generation von Filmkritikern hervorbrachte. Schifferle veröffentlichte reichhaltig und breit gestreut: Er schrieb für die „Süddeutsche Zeitung“, den „Kölner Stadt-Anzeiger“, für „epd Film“, diverse Stadt- und Lifestyle-Magazine, er publizierte in Filmbüchern, Festivalkatalogen, in Publikumszeitschriften und cinephilen Spezialjournalen. Der vorliegende Band enthält zahlreiche Texte von Hans Schifferle, Fotos und Dokumente sowie einen Essay von Ulrich Mannes.“ (Pressetext des Verlages)
Ausgewählte Übertreibungen

Ja, dieser Mann kann durchaus auch mal Unsinn reden. Solange er trotzdem mit Gedankenblitzen aufwarten kann, soll das meinetwegen so sein. Und dafür, dass er es kann, ist dieses Buch ein weiterer Beleg.
„Ausgewählte Übertreibungen“ ist nicht neu; das Buch stammt von 2013. Das Alter merkt man ihm aber nicht an. Es enthält, wie der Untertitel schon ahnen lässt, Interviews und Gespräche — dreiunddreißig an der Zahl, dreißig Interviews stammen aus deutschen und ausländischen Zeitungen und Magazinen, drei Gespräche sind Protokolle aus Symposien, Kongressen et cetera, geführt zwischen 1993 und 2012. Einiges davon hatte ich schon damals gelesen, anderes war mir neu. Die Sammlung ist nicht vollständig — natürlich nicht, denn tatsächlich existieren wohl an die 300 Interviews, da musste eine Auswahl getroffen werden.
Ausführlich, meist sachlich, oft in weit ausholenden Kurven, mäandernden gedanklichen Schleifen und wilden Assoziationsketten, manchmal unterlegt mit einem Schuss Schelmentum, spricht Peter Sloterdijk über buchstäblich Gott und die Welt. Nicht selten fühlt man sich an die „Zeilen und Tage“ erinnert; Grundlage der Interviews sind aber meist Sloterdijks in den jeweiligen Jahren erschienene Bücher, insbesondere die „Sphären“-Trilogie (1999 bis 2004) sowie das auf ein Rilke-Zitat Bezug nehmende „Du musst dein Leben ändern“ von 2009.
Sei es über seine Zeit beim Baghwan, sei es über die von ihm aus heutiger Sicht selbst so empfundenen Schwachstellen seines Opus 1, „Kritik der zynischen Vernunft“ (die inzwischen freundliche 43 Jahre auf dem Buckel hat), sei es seine Ansicht über die Kollegen Habermas und Luhmann, seien es die heutigen Angebote der elektronischen Medien oder die Kunst des Designs, kaum ein Aspekt wird ausgelassen. Zum Interessantesten gehören Sloterdijks Ausführungen über das „heilige Feuer der Unzufriedenheit“ — richtig, es geht um das Zustandekommen des Phänomens „Fortschritt“. Was ist das, wer legt aufgrund welcher Qualifikationen fest, was fortschrittlich ist, und ist Fortschritt per se überhaupt etwas Gutes?
Immer wieder bringt Sloterdijk Aspekte ins Spiel, die die eigenen Standpunkte auf den Prüfstand stellen, und genau das macht ihn lesenswert. Dass ihn speziell dieses Fortschrittsthema immer wieder beschäftigt, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass in diesen Interviews schon manches vorweggenommen wird, das er 2023 in „Die Reue des Prometheus“ in aller Deutlichkeit konkretisiert hat.
Wie in Interviews nicht anders zu erwarten, sind die Antworten manchmal sprunghaft, oftmals seitenlang, und sie werden in diesem Buch ohne Absätze wiedergegeben. Da fühlt man sich latent an Thomas Bernhard erinnert, bei dem solche Bleiwüsten allerdings künstlerische Absicht waren — hier aber war das wohl eher nicht der Fall.
Manchmal allerdings würde man sich wünschen, der Mann würde wenigstens gelegentlich an irgendeiner Stelle, auf irgendeine Frage einmal sagen: „Weiß ich nicht, keine Ahnung, da müssen Sie mal jemand anderen fragen.“
Aber darauf kann man bei Sloterdijk wohl lange warten.
Peter Sloterdijk:
Ausgewählte Übertreibungen
Gespräche und Interviews 1993 bis 2012
Herausgegeben von Bernhard Klein
Suhrkamp 2013, 478 SeitenAlter wilder Westen
Manafonistas, der Blog, ist eine Fundgrube alter feiner Texte, und jeder kann nach Lust stöbern. Zuweilen fehlt ein Satz, eine Wendung, und, schwups, landet das remixte Material in der Gegenwart. Die Suche nach alter Zeit ist auch die Suche nach alten Geschichten, die wir uns früher erzählt haben. Eine Freude, sie wie alte Teppiche auszukllopfen, und zu neuem Leuchten zu bringen! So erging es mir mir den Texten vom wilden Westen und Arild. Ich bin Arild einige Male begegnet, und edaure es bis heute, dass ich sein Konzert mit Jan Garbarek und Edvard Vesala 1972 im alten Domicil verpasst habe. Irgendetwas Typisch-Siebzehnjähriges muss dazwischen gekommen sein. Die Platte „Triptykon“ ist so grossartig!
Am Kiosk kauften wir als Kinder kleine, verpackte Fotos, man konnte nie wissen, was darin enthalten war, ausser etwas aus der grossen fremden Welt der Erwachsenen und der Geschichte. Nie vergesse ich das Foto der vom Himmel gestürzten Fussballmannschaft von Manchester United. Auch Schwarz-Weiss-Bilder von Western waren beliebt. Ich hatte Robert Fuller im Kopf, und „Am Fuss der blauen Berge“.
Der Held in meinen Serienträumen hiess Okko und rettete mich aus lauter gefährlichen Situationen. Leider zog er, als ich sieben war, seiner Wege, und ich durfte mich allein auf die Abenteuer des Verliebens machen. Nicht ganz allein, denn im Radio begleitete mich Caterina Valente durch manche Tagträumerei.
Die alten Wildwestfilme wirkten für Kinder verdammt realistisch, und als ich heute The Searchers von John Ford nach Ewigkeiten wiedersah, dauerte es, bis ich den Film halbwegs wieder mit den Augen des Heranwachsenden sah. Die grosse Leinwand half dabei.
Wie in vielen Dramen, gab es auch hier einen Narren, der letztlich für die richtige Spur sorgt. Sein Traum vom Schaukelstuhl ist ein uralter, von Buster Keaton über J.J. Cale bis Kurt Wagner. Die humorvollen Szenen überlagern keinesfalls das Bittere und Dunkle des Films, der so viel vom Stammesdenken und dem alten Westen erzählt.
John Ford und John Wayne schürften in Abgründen. Einmal reitet John Wayne durch den Schnee, ein Mann mit vielen Gesichtern, der keinen Zweifel lässt, sein Ziel zu erreichen, „as sure as the turning of the earth“, wie er in unnachahmlicher Art sagt (man muss es im Original sehen, dann können auch Altlinke die Klasse von Wayne erkennen).
Und am Ende, das traurig ist, und doch versöhnlich, dreht sich John Wayne um und verlässt das sichere Heim. Man glaubt es kaum, aber sein Gang hat Grazie, und er scheint, ansatzweise, im Einklang mit sich selbst. Zwei Seiten der Furchtlosigkeit, eine glasklare Entschlossenheit – und ein befriedetes Herz (neben all den unsichtbaren Tränen).
„Klanghorizonte, 28. Mai, Deutschlandfunk, 21.05 Uhr“
Interviewanfragen: Etienne Nillesen, Irmin Schmidt, Björn Meyer

TRIO ONE – DEEP SPACE
Peter Thomas Sound Orchester: Raumpatrouille Orion
Gregory Uhlmann: Extra Stars
Eivind Aarset: Strange HandsTRIO TWO – DEEP SOUND
Etienne Nillesen: Twee (Snare Drum Solo Album)
Irmin Schmidt: Requiem (Piano Solo Album plus field recordings)
Björn Meyer: Convergence (Electric Bass Solo Album)Trio Three – DEEP TRANCE
O.S.T. Sirāt
Tinariwen: Hoggar
Sunn O)))*
*Liner notes for the album are provided by award-winning British writer Robert Macfarlane, famed for his works concerning landscape and the multifaceted relationship between humanity and nature. Macfarlane negotiates the peaks and valleys of the SUNN O))) sound in a poetic, philosophical manner

Reise nach Bonn
(Text vom 1. Februar)
Der „heilige Gral“. Das ist einer dieser Ausdrücke, die sich in den Musikjournalismus eingeschlichen haben, wenn man von der Höhepunkt eines Lebenswerkes spricht, manchmal ist das „common sense“, manchmal Geheimtip. Ich biete nun den „heiligen Gral“ von Hans Joachim Roedelius an, für 300 Euro. Ich verkaufe dieses „Opus magnum“ (noch so ein beliebter, etwas zu oft verwendeter Ausdruck) nur an Leute, die eine enge Beziehung zur Musik von Roedelius haben. Bei Discogs findet sich derzeit noch ein Exemplar für 200 Euro, ansonsten beläuft sich der Handelswert bis 400, 500 Euro aufwärts.

Zu meinem Verkaufsservice kommt aber etwas hinzu: ich bringe diese Schatzkiste mit drei Lps (und den beiliegenden Cds derselben Musik persönlich vorbei (mit meinem Toyota erreiche ich jeden Ort in Deutschland von NRW aus innerhalb von acht Stunden) incl. einer kostenfreie Übernachtung in einem Gästezimmer und einem gemeinsamen Abendessen (in einem Restaurant Ihrer Wahl, oder zuhause). Als besondere „Dienstleistung“ biete ich einen langen Abend voller Musikgespräche an, die natürlich stets weit über Musik hinausführen können.Bei dieser lang vergriffenenen, numerierten Sonderedition handelt es sich un einen umfassenden Einblick in die Tonskizzen, Miniaturen, Improvisationen von HJR, die an jenem legendären Ort in Forst, Niedersachsen, entstanden sind, als Moebius, Roedelius und Rother zusammenarbeiteten und als Harmonia spannende Alben in die Welt setzten, ganz zu schweigen von frühen Werken von Cluster sowie Cluster & Eno. Natürlich handelt es sich bei diesem Boxset nicht um das beste Album seines Lebens, vielmehr um einen spannenden Einblick in das Entwickeln von Klangideen, welche später im Studio in Weilerswist, aber auch in Forst letzte Gestalt annahmen.
Insofern ist „Tape Archives“, wenngleich kein „heiliger Gral“, kein „opus magnum“, so doch eins rundum interessantes, hervorragend gestaltetes Dokument, das eine ganz eigentümliche Sogkraft entfaltet, und das ich allein deshalb zum Verkauf anbiete, weil ich es damals, nach meinem „open air-Seminar“ über Eno, Cluster und Harmonia vor Ort, also in der Nähe von Forst, von zwei (!) TeilnehmerInnen geschenkt bekam. HIER mein damaliger Einladungstext!
(Text vom 1. März)
Der heilige Gral wird heute in Bonn übergeben. Unterweges höre ich SUSHI / ROTHI / REIBEKUCHEN, das feinsinnig-funkige, aber keineswegs weltbewegende Jamming von Brian Eno, Holger Czukay und Peter Schwalm vom August 1998 – ich war damals vor Ort dabei, einen Tag nach meinem „public talk“ mit Brian. Gut zwei Jahrzehnte später tauchte Bonn in einer Songzeile von Enos „Foreverandevernomore“ auf. Der Schatten der alten BRD.
(Michael Engelbrecht)
Die britischen Cousins und Cousinen von Crazy Horse
Mein „Uncut“-Spiel geht so. Jeden Monat, wenn das Heft erscheint, fliege ich über die Plattenkritiken und suche mir danach drei Alben aus von Künstlern, die ich noch nie gehört habe, und bei denen ich mir vorstelle, dass sie mir sehr gut gefallen könnten. Da schaue ich genau hin, und lese den Text en detail. Diesmal ist eines der drei von mir ausgesuchten Alben von einer britischen Band namens „Brown Horse“, die angeblich guten alten Gitarrenrock so fulminant darbietet, dass man nicht in seliger Nostalgie an alte deutsche „Oma Rock Cafés“ denkt. Und tatsächlich, ein Treffer! The 1970‘s meet the 1990‘s. Das Rad muss nicht neu erfunden werden für eine wilde Fahrt!
HIER der Eröffnungssong „Sorrow Reigns“, und im folgenden ein paar Worte dazu von dem alten „Rock-Hasen“ Alan Jones, der „Total Dive“ zum „album of the month“ erkoren hat. Dass solche Musik mit ihren gesammelten Doom-Elementen nicht wirklich runterzieht, sondern wohl durchweg faszinieren kann, mag als Paradoxie erscheinen, aber sei‘s drum: „sharing the darkness“ und „exploring the shadows“ sind immer schon eine heilsame Strategie in Musik und Psychotherapie gewesen. Ich habe mir gleich ihre Tourdaten angeschaut: leider kommen sie nicht nach Germany. Wie gerne würde ich in Brighton oder Minneapolis dabei sein. Vielleicht schicke ich Steve Tibbetts zu diesen entfernten Verwandten von „Crazy Horse“! Oder unser Country Girl! (m.e.)
„Die Songs handeln durchweg von Trennung, Abschied, Verlust und Untergang. Erinnerungen spielen darin eine große Rolle. Es ist fast immer Nacht, die unheimlichen Stunden vor Tagesanbruch aind fast ein Leitmotiv. Das Wetter ist ausnahmslos schrecklich. Das Album beginnt mit dem ersten der drei Songs von Emma Tovell. „Hier unten herrschen Kälte, Blut und Trauer“, singt Patrick Turner und klingt dabei so atemlos wie ein Mann, der von einem Mob mit Heugabeln verfolgt wird. Seine Stimme wird fast von einem spektakulären Gitarrenausbruch und heftig peitschender Lap-Steel-Gitarre verschluckt, wobei das ganze schwungvolle Geschehen von Rowan Brahams wogenden Keyboards untermalt wird. Tovells Texte sind sparsam, voller Spannung, ausrufend; am Ende des Songs verzweifelt.“
Zugabe? BITTE SEHR! Und welche Inspiration nennt Emma Tovell? „Smog’s Knock Knock is a perfect indie-rock album, melancholic, brooding but also kinda funny. Callahan’s pinned-together fragments of a break-up written on the road, with its gentle darkness rubbing up against wicked guitar riffs, is definitely one of the benchmarks for my contributions to Total Dive.“